Wissenschaft

Concerto grosso im Gehirn

Vor Kurzem erinnerte mich eine Radiosendung im SWR II mit dem Titel „Die Schwester der Sprache – Wie der Mensch die Musik entdeckte” an meine eigenen vor einigen Jahren durchgeführten literarischen Untersuchungen zur Musikentwicklung. Einige Gedanken der Sendung waren: Eine Reihe von Wissenschaftlern hat über lange Zeit hin die Musik als eine Art Abfallprodukt angesehen. Sprache sei das Ergebnis der Evolution, während das Musizieren eigentlich für das Überleben nutzlos sei. Für die Evolutionsforscher steht dies jedoch im Widerspruch zu den Entwicklungsschritten und Fähigkeiten des Gehirns. Das Gehirn des Menschen ist offenbar darauf angelegt, Musik hervorzubringen oder zumindest zu genießen. Musikethnologen gehen davon aus, dass die ältesten Flötenfunde aus der Zeit vor etwa 35.000 Jahren lediglich die letzte Etappe der musikalischen Evolution markieren. Aus der Zeit vor den Flöten gibt es keine archäologischen Funde. Also müsse man sich auf andere Hinweise musikalischen Ursprungs stützen: Beobachtungen an Affen, kleinen Babys, die funktionale Klangverarbeitung im Gehirn und Bereiche der stimmlichen Kommunikation bei Menschen, Vögeln, Walen und Elefanten. In vielen Fällen lässt sich das weibliche Geschlecht vom männlichen „Gesangs-, Mimik-, Gestik- und Tanzverhalten” inspirieren. Sollte die Musik doch eine evolutionsnotwendige Einrichtung sein? Die Urkommunikation war in gewisser Weise „holistisch”. Urlaute drückten komplexe Inhalte aus, denken wir z. B. an die seltsamen Laute, denen wir uns auch heute noch bedienen: „Bäh!” für Ekel oder „ahh” für Ärger. Drücken nicht Lachen und Musik Gefühlszustände aus und spielen sie nicht beim Zustandekommen menschlicher und auch tierischer Bindungen eine wesentliche Rolle?

Soweit die Radiosendung.

Ist es nicht höchst interessant, dass geübte Musiker über eine bis zu 5% größere motorische Schaltzentrale (Kleinhirn), über bis zu 25% größere Hirnareale für Hörimpulse und oft über eine Vergrößerung der linken (bildhaften) Gehirnhälfte verfügen? Musik aktiviert die wichtigsten Sprachzentren im Gehirn, u.a. das Broca-Areal und wird früher und schneller verarbeitet als Sprache. Musikhören ist eine enorme Dekodierungsleistung des Gehirns. Das Multifunktionsorgan Gehirn liebt offensichtlich Musik. Denn es schüttet während der Beschäftigung mit Musik körpereigene Opiate aus mit der Folge:

* Verbesserung der Stimmung
* Nachlassen von Schmerzen
* Reduktion von Ärger
* Die Aktivität der Mandelkerne, die bei Angst aktiv sind, wird reduziert
* Stimulation des körpereigenen Selbstbelohnungssystems
* Behebung von Sprachstörungen sind möglich
* Bewusstseinsstörungen können behoben werden

Musik hilft bei der Vermeidung epileptischer Anfälle, und Patienten mit anderen schweren Erkrankungen können die Gewalt über ihren Körper zurück gewinnen. Sicher hat im Laufe der Evolution die angenehme Empfindung der Folgen körpereigener Opiate dazu geführt, dass der Mensch diese durch wiederholte musikalische Betätigung selbst erzeugte. Dieser Gedanke scheint mir nicht utopisch zu sein. Sind die meisten Wirkungen nicht auch Voraussetzungen für die Sozialisierung der Lebewesen, vor allem der höher entwickelten?

Wie bilden sich Gruppen nach paläoanthropologischer Vorstellung? Durch gemeinsames Artikulieren! Anfangs „schreien” alle durcheinander – langsam ordnet sich das Chaos – Beifall wird zu rhythmischem Klatschen – einheitlicher Sound verschreckt Feinde effektiv – er führt zu dem Gefühl, Teil einer starken Gruppe zu sein. Die moderne Gibbonforschung kommt u.a. zu der Überlegung, dass Urlaute der Tiere und Menschen eine Art Protomusik darstellen, die den Ursprung von Musik und Sprache markieren. Ähnlich äußerte sich sinngemäß auch bereits Rudolf Steiner Anfang des 20. Jh.: „Das Musikalische existierte vor dem Sprachlichen. Die Ursprache war mehr Gesang als Sprache. Das artikulierte Wort stellt mit seinem vokalischen Klang die Verbindung zwischen den Konsonanten her.”

In den Veden wird ausgesagt, dass der gesamte Kosmos durch die Wirkung des Klanges entstanden ist. Die Bibel spricht im Johannesevangelium vom Schöpferwort am Anfang, das als Kraft, Energie, Schwingung, Vibration, Klang und Harmonie zu verstehen sein dürfte.

Die Paläoanthropologen sehen am Anfang der „musikalischen Entwicklung” den Klang, der zu Kommunikation reift. Zuerst war der Klang vokalischer Art und damit seelisch, lebendig. Er äußerte sich in Form von Summen, Brummen, Wimmern, Pfeifen und Modulieren. Die ersten musikalischen Äußerungen dürften der Gesang und der Rhythmus gewesen sein und zu einer Rückerinnerung an Erfahrungen aus „Urzeiten” geführt haben. Ist vielleicht durch diese musikalischen Klänge eine Gotteserfahrung wieder hervorgebracht worden?

Musik- und Klangerleben hat in der Existenz des Menschen gewaltige Wirkungen – vielleicht sogar die stärksten Wirkungen überhaupt – auf das Denken, Fühlen und damit auf die soziale Entwicklung der Individuen und folglich der Menschheit als Gesamtheit gehabt. Seien diese Entwicklungen bewusst oder unbewusst geschehen, durch Suggestion oder Wiederholung, so kann doch konstatiert werden: Wie in der Musik, so im Leben! „Erst das spielerische Arbeiten mit Tönen lockte den Menschen aus dem Urwald.” Musikalität ist also eine uralte menschliche Fähigkeit, ein Spielplatz des Bewusstseins. Sie ist entscheidend für die Entwicklung der Phantasie und dürfte die Basis für die Gehirnevolution sein. Sehr interessant ist nämlich die Beobachtung der Entwicklung der Gehirngrößen anhand von Schädelvolumen aus paläoanthropologischer Sicht. Während „Lucy” vom Rudolfsee in Afrika als zu den Australopithecinen gehörige ca. 1 Meter große Ur-Vorfahrin des Menschen vor 3,5 Millionen Jahren noch ein Gehirnvolumen von ca. 500 g hatte, nähert sich der Homo Sapiens heute dem 2.000-Gramm-Gehirn. Die Prognosen gehen dahin, dass sich in 15.000 Jahren die Hirnkapazität mehr als verdoppeln wird, während sich der Mund- und Kinnbereich deutlich zurückbildet. Komplexere Tonsprache benötigt offensichtlich mehr Gehirn-Funktionalität und Speicherkapazität. Oder ist es denkbar, dass sich das Gehirn nur der Körpergröße anpasst und Milliarden von Gehirnzellen nutzloser Ballast sind?

Was steht hinter den Impulsen der fortschreitenden evolutionären Veränderung? Was lässt uns neue Wege musikalischer, sprachlicher, gedanklicher Art und des Handelns erfinden, imaginieren, ersinnen und in die Realität umsetzen? Es ist wohl die Suche, der Suchimpuls im Menschen. Dahingestellt soll bleiben, ob dieses Streben eine Ureigenschaft des Menschen ist oder ob die Gehirnchemie (das Ausschütten von Opiaten) dieses fördert und verursacht. Immerhin scheinen die Worte „Suchen” und „Sucht” den gleichen Wortstamm zu haben. Liegt auch hier noch ein Geheimnis versteckt?

Wonach suchte der Mensch damals und sucht er noch heute? Nach Neuem oder nach dem Ursprung? Wahrscheinlich orientierte er sich in beiden Richtungen: Verbesserung der Lebensverhältnisse und „Worum geht’s hier eigentlich?” Sollte gar damals schon Ziel des Suchimpulses die Verbesserung der Kommunikationsgesellschaft gewesen sein? Oder ist das Ziel die Quelle, der Ursprung des Suchimpulses? Dass das Ziel die heutige oder künftige Kommunikationsgesellschaft sein sollte, scheint mir angesichts des betrachteten Evolutionszeitraumes von Millionen Jahren als eher unwahrscheinlich. So viel Aufwand für ein solch kümmerliches Ergebnis! Ist das Wachstum der Gehirnkapazitäten überhaupt wünschenswert?

Dass das Ziel das Göttliche in uns ist, liegt für mich auf der Hand. Es ist Ausgangspunkt und Ziel gleichermaßen. Es markiert unsere Herkunft und umschreibt das Ergebnis des Strebens: die Einheit mit dem Ausgangspunkt. Und es weist uns heute Wege zu einem neuen Bewusstsein, zum Klang der Stille, der göttlichen Urmusik:

„Aus der Seelentiefe steigt ein klangvibrierender Kosmos!
Und es werden sieben Stimmen erklingen …
Und die Wirkungen werden sein: Kraft, Schönheit, Wahrheit und Liebe.”

Abbildung der Rekonstruktion einer Australopithecinin Afarensis namens Lucy
1 Kommentar
  • Johnd264Beantworten

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