Kunst

Caspar David Friedrich und die Sehnsucht des Menschen

Ich bin in einem großen deutschen Museum. Hunderte gehen langsam von Bild zu Bild. Manch einer bleibt lange vor einem Bild stehen, geht so nahe heran, wie es möglich ist, ohne dass die Alarmanlage ausgelöst wird. Der ein oder andere kehrt nach einigen Bildern wieder zu einem bestimmten Bild zurück – schaut andächtig. Es ist recht still.

„Wie kommt es, dass ich bei bestimmten Bildern immer traurig werde?” höre ich eine Frau zu ihrer Freundin sagen. „Wehmütig, sehnsüchtig, traurig, gerührt – aber gleichzeitig bin ich auch von einer großen inneren Freude erfüllt”, fährt sie fort.

Wir sind in einer Ausstellung von Caspar David Friedrich. Die Ausstellung ist, so heißt es, ein „Publikumsmagnet”. Was hat Hunderttausende hierher gezogen? Was ist das Besondere an der Malerei von Caspar David Friedrich?

Hauptsächlich hat er Landschaften gemalt, die es so, wie er sie malte, niemals gegeben hat. Es sind konstruierte Landschaften, Seestücke und Stadtansichten. Zusammengesetzte Bilder: von dieser Stadt eine Stadtmauer, von jenem Gebirge eine charakteristische Silhouette; Meerstrände hinter sanften Hügeln, Bauerndörfer vor den Toren einer imaginären Stadt.

Es geht mir so wie vielen Betrachtern. Es wird durch diese Bilder eine Saite zum Schwingen gebracht und man weiß zunächst nicht, warum. Ich fühle mich dabei an das Lied der Loreley erinnert: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin; ein Märchen aus uralten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn…” Es scheint eine Urerinnerung an einen vollkommenen, friedvollen Zustand zu sein, die uns traurig und sehnsüchtig macht. Wir leben nicht mehr in diesem Sehnsuchtsland, aber dunkel steigt etwas davon in uns auf.

Ich habe diese Traurigkeit schon früh in meinem Leben gekannt und den Entschluss gefasst: „Ich werde dieses Land suchen, dieses Land Nirgendwo, diesen utopischen paradiesischen Ort.” Wenn etwas von ihm in mir als Sehnsucht erwacht, dann muss dieses „Etwas” eine Beziehung dazu haben. Doch was muss ich dabei tun, was muss ich lassen? Inzwischen habe ich, nach langem Suchen, herausgefunden: Das Gesuchte liegt in mir selbst verborgen, es ist zwar fast verschüttet, aber ich spüre es immer deutlicher als einen Teil von mir. Es ist wie eine neue Welt.

Zwei Stellen aus dem Johannes-Evangelium haben mich dabei besonders angesprochen. Sie haben mich inspiriert und sind für mich zugleich eine Quelle gnostischer Weisheit: „Und wo ich hingehe, das wisst ihr, und den Weg wisst ihr auch” (Kap. 14). „Und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen” (Kap. 8). Ich finde darin eine Bestätigung für die Gewissheit, dass es möglich ist, den Weg der Wahrheit, der inneren Wiedergeburt zu gehen.

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