Kunst

Carmina Burana – Lieder vom Leben

Die Carmina Burana sind eine Vers-Sammlung herumziehender Wandermusiker (Vaganten) aus dem elften, zwölften und dreizehnten Jahrhundert. Sie soll aus dem akademischen und klerikalen Milieu stammen und wird überwiegend anonymen Dichtern zugeschrieben. Aber auch Beiträge von Walter von der Vogelweide, Heinrich von Mohringen sowie von Ovid, Epikur und Horaz sind anzutreffen.

Aus dem Jahr 1230 wurde diese Sammlung in einer Handschrift übermittelt und als Manuskript im Benediktinerkloster Beuren im Zusammenhang mit der Säkularisierung im Jahr 1803 gefunden.

Im deutschen Raum stammt die erste Textveröffentlichung von 1806.
Die lateinische Bezeichnung Carmina Burana bedeutet:
Lieder/Gedichte aus Beuren.

Insgesamt beinhaltet die Liedersammlung 254 Lieder und Dramentexte.
Sie teilen sich auf in:
moralische Lieder und Spottgesänge,
Liebeslieder,
Trink- und Spielerlieder,
geistliche Dramen.

Thematisch trifft die Dichtung die ganze Palette menschlicher Seinszustände, wie zum Beispiel:
die Wechselseitigkeit von Glück und Unglück,
die Flüchtigkeit des Lebens und die Abkehr von der Welt,
Frühlingsfreude,
Liebesglück,
Faulenzer- und Schlemmertum.

Carl Orff (1895-1985) hat auf der Grundlage der Liedertexte nach musikalischen Stilmerkmalen des Mittelalters szenische Kantaten komponiert und so wurden die Carmina Burana 1937 erstmals als Oper aufgeführt. Typisch ist der Sprechgesang, der in mir eine futuristische Assoziation hervorruft, im Sinne von aufrüttelnd, mahnend, Ungewisses verheißend. Ich habe kein Musikstudium absolviert, aber dieser chorale Sprechgesang erinnert mich entfernt an eine modernere Version des Gesanges, an Rappersongs.

Aus dem Jahr 1975 stammt eine farbenfrohe Liedinszenierung von Carl Orffs Carina Burana unter Regie von Jean-Pierre Ponnelle, mit den Sängern Hermann Prey, Lucia Popp u.a.; sie wurde im Jahr 2001 als DVD herausgegeben.

Besonders beeindruckend empfinde ich die ersten Szenen dieser filmischen Darstellung. Sie beginnt mit einer sich fortwährend drehenden Fortuna, deren Augen zugebunden sind und die wechselweise einen freudigen und einen traurigen Gesichtsausdruck zeigt.

Es ist ein Symbol für die Wechselfälle des Lebens. Während der Gesang erklingt, drehen Engel und Teufel jeweils rechts und links an einer Winde, so dass der Eindruck entsteht, dass, was das Engelwesen erschafft, vom Teufel zu Nichte gemacht wird. Das Bild könnte auch ein symbolischer Ausdruck für die guten und bösen Ambitionen im Menschen sein, die fortwährend miteinander kämpfen.

Aus den moralisch-satirischen Dichtungen der Versdichtung werden einige Auszüge beispielhaft zur Kenntnis gebracht:

Über Fortuna, die Glücksgöttin, wird in den Carmina Burana gesagt:

„O wechselhaftes, ungewisses Glück, du stellst ein schwankendes Gericht aus Richtern dar.

Das Glück baut auf und reißt nieder. Am tiefsten ist der Sturz vom Glück, und am härtesten der von den Sternen.”

Und weiter: „O Glück, wie der Mond im Zustand wechselhaft, nimmst du ständig ab und zu. O wankelmütiges Glück! Jedem gibst du nach deinem Gutdünken Geschenke und nimmst sie in kurzem Augenblick wieder fort.

Fortunas Wunden beweine ich mit tränenden Augen, weil sie mir ihre Geschenke widerspenstig vorenthält.

Mensch, bedenke darum, wofür du dich entscheidest.”

Diese Zeilen sprechen von dem Wankelmut des Geschicks der Menschen.
Jeder hat den Wunsch, Glück ohne Arg zu erfahren. Doch hierdurch wird uns deutlich, wie oft das Unerwartete und Gegenteilige eintritt. Es appelliert an unser Inneres und fordert uns quasi auf, unsere Wünsche mit dem inneren Menschsein zu vereinen, zu lauschen, welchen Weg der innere Mensch uns weisen will.

Diese Art der Mahnung wird aber oft von uns überhört. Und so beschwören wir das „blinde Schicksal” herauf, das uns in sein Gewebe von Schuld und Sühne aufnimmt und Karma webt. Von diesem Kokon umgeben, tasten wir auf unserem Lebensweg weiter, wie Blinde am hellichten Tag.

Über das Schicksalsnetz heißt es in den Carmina Burana:

„Schicksal, gewaltig und eitel, du kreisend Rad, schlechter Stand, flüchtiges Wohl, jederzeit vergänglich. Verhohlen und verborgen richtest du dich auch gegen mich.”

Wir folgen in unserem Leben meist unbewusst den karmischen Spuren, ohne die wahren Ursachen zu erkennen und die Folgen zu überblicken. Die blinde Fortuna wirkt.
Das „Mensch, erkenne dich selbst” liegt dann noch vor uns. Wäre es anders, würden wir versuchen, unser Wünschen und Wollen vor unser Innerstes zu stellen und auf sein Votum zu warten. Aber diese Geduld können wir oft nicht aufbringen, weil vermeintlich Neues lockt.

Andererseits wollen wir doch der Wahrheit und dem Sinn unseres Seins näher kommen.

Über die Wahrheit steht in den Carmina Burana:

„Wahrheit aller Wahrheit,
Weg, Leben, Wahrheit,
durch den schmalen Weg der Wahrheit
tilgst du alle Schuld.”

Und, an den Menschen gerichtet, heißt es weiter:

„O elendes Los!
Bedenke, wie hart dieses Leben ist,
eine andere Art von Tod.
Mensch, begreife,
wodurch dein Leben besteht.

Besinne dich, warum verschmähst du das Leben?”

Den wahren Sinn unseres Lebens, unsere innere Berufung, müssen wir selbst suchen und finden. In dem Wort Berufung ist das Wort Ruf enthalten. Welcher Ruf? Der Ruf des Herzens, die Stimme des Gewissens, der Ruf zum wahren Menschsein. Die Kunst, diesen Ruf zu erfahren, können wir erlernen.

In diesem Sinne können wir die Aussage in den Caemina Burana verstehen:

„Menschenadel heißt: Geist, ein Abbild der Göttlichkeit.”

Die ursprüngliche Verbindung zum Spirituellen ruht im Menschen und will freigelegt, gefunden und gelebt werden. Dazu lesen wir weiter:

„Menschenadel heißt auch:
Ein wildes Gemüt zu zügeln.
Aufhelfen dem, der im Staub liegt.”

Wenn wir diese höchste innere Verpflichtung nicht akzeptieren können, die uns immer ruft, wird die Welt und das Leben für uns schließlich eine Ödnis mit ungewissem Ausgang.

Doch lange schwankt der Mensch zwischen irdischem Gut und geistiger Ambition. Hierzu heißt es:

„Warum muss der Mensch sich plagen?
Damit ihn nicht Hochmut beherrscht.”

Lassen wir uns vom hochmütigen Ich beherrschen? Seien wir ehrlich zu uns selbst. Wie oft treiben uns irdische Belange und Wünsche und Wahnvorstellungen?
Dazu gehören auch das Geld und die Illusion des Reichtums.

In den Geld-Versen lesen wir:

„Derzeit herrscht das Geld als höchster Herrscher der Welt.
Das Geld findet es schön, dass ihm das ganze Volk huldigt.
Es wird angebetet.”

Doch wer sich in der Sicherheit des Geldes wiegt, muss erkennen, dass man damit nicht kaufen kann, was der innere Mensch, der Seelenmensch, zum Leben braucht. Setzt man im Leben also auf den unsicheren Schwerpunkt Geld, geht man leer aus. Und so heißt es denn abschließend in den Geld-Versen:

„Weil aber die Pracht des Geldes schnell aufgebraucht sein kann, will in dieser Fakultät einzig die Weisheit nicht sein.”

Und wir fahren in der Verswelt der Carmina Burana fort mit:

„Siehe, ganz offen erklingt des Rufers Stimme in der Wüste.
Wir sind die Ödnis, wir die Verlassenen, wir sind uns unserer Strafe sicher.
Beinahe niemand sucht das Leben und so stirbt alles, was lebt.
Diese irre gewordene Welt spendet dir falsche Freuden, denn sie fließen dahin und vergehen wie die Lilie des Feldes.

Das diesseitige und sterbliche Gesetz ist sehr vergänglich, es entflieht, geht vorüber wie ein körperlicher Schatten.”

Ohne uns selbst gefunden zu haben, bleiben wir ein taumelnder Schatten unseres eigentlichen Selbst.

„Selig, wer sich nicht verstrickt
in die Sorgen dieser Welt,
der Welt entsagt …”

… und die reine Wahrheit aus göttlichem Licht in sich sucht.

Was die Menschen des 13. Jahrhunderts über ihren Seinszustand erkannten, gilt unverändert auch heute. In den Carmina Burana hat man tief in des Menschen Geschick hineinzublicken versucht. Des Menschen Neigungen sind allzeit ähnlich – bis der Wunsch nach einem neuen, anderen Menschsein erwächst. Einem Menschsein, das von der äußeren Seite des Lebens zurücktritt, um den Schatz im inneren Menschen zu suchen, der auf Erlösung harrt. Einem Menschsein, das der Seele eine Nahrung schenkt, die nicht von dieser Welt ist, sondern einer höheren Vibration des Seins angehört. Einem neuen seelisch-geistigen Leben.

Kommentare

Ihr Kommentar