Kunst

Das Lob Gottes in der Musik

Vor nicht allzu langer Zeit hörte ich die Worte des 150. Psalms:

Halleluja!
Lobet den Herrn in seinem Heiligtume;
Lobet ihn in der Feste seiner Macht!
Lobet ihn in seinen Taten,
lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!
Lobet ihn mit Posaunen,
lobet ihn mit Psalter und Harfen!
Lobet ihn mit Pauken und Reigen,
lobet ihn mit Saiten und Pfeifen,
lobet ihn mit hellen Zimbeln;
lobet ihn mit wohlklingenden Zimbeln!
Alles, was Odem hat, lobe den Herren!
Halleluja!

13 mal die Aufforderung, Gott zu loben. Vollkommen uneigennützig. Ein Gebet ohne Bitte um etwas. Nur das an Gott gerichtete Loben und Preisen … Tief drangen die Worte in mich ein und sogleich suchte etwas in mir nach Kompositionen, die das Gotteslob äußern.

Zuerst „hörte” ich eines der letzten Werke Anton Bruckners: den 150. Psalm, ein leuchtendes romantisches Sopran- und Chorwerk. Beethoven vor Augen, komponierte er, maß sich an der Qualität des Schlusschores der 9. Symphonie. Auch Bruckner hatte noch eine Neunte zu schreiben … Voller Freude, laut, extrovertiert, enthusiastisch erklingt seine großartige Motette. Wenn er nur wüsste, welche Freude er damit noch über 100 Jahre nach seinem Tod Musikfreunden bereitet, alle Zweifel angesichts der „Beethovenschen Übermacht” könnten posthum verfliegen …

Felix Mendelssohn-Bartholdy, der „Brückenkomponist” zwischen Klassik und Romantik, fällt mir mit seiner 2. Symphonie für Solisten, Chor und Orchester, dem „Lobgesang”, ein. „Lobe den Herrn, meine Seele!” Wieder das Vorbild: Beethovens 9. Symphonie. Zuerst der sinfonische Teil, dann der Vokalpart: In wunderschönen Melodien wird das Gotteslob zelebriert, das Gralsmotiv wird erfunden, das Jahre später Richard Wagner, Mendelssohns Kritiker, in seine größten Opern integriert. Ohne Mendelssohn, gäbe es da Wagners Parsival und Lohengrin? Der musikalische Kerngedanke, das Gralsmotiv, das Symbol tiefster Spiritualität, würde fehlen.

Gottes Lob in der Musik. Hier taucht in mir auch Georg Friedrich Händel, der großartige Barock-Komponist auf , in Halle geboren, der seine meisten Werke in England schrieb: sein „Dettinger Te Deum”, eine der schönsten Messen des Barock. Gotteslob und Gottesfreude in wunderbarem barockem Gewand und Stil. Nach einer herrlichen Ouvertüre der erste Chorsatz:

Herr Gott! Dir sei Lob.
O Gott,
Wir preisen Dich, Gott;
Wir bekennen Dich, Du bist der Herr!

Und dann der vierte Chorsatz, der seit meiner frühesten Kindheit in mir verankert ist. Mein Vater liebte Händels Musik. Er hatte sie aus britischer Gefangenschaft mitgebracht. Gotteslob nach bitterer Zeit.

„Vor Dir Cherubim und Seraphim, von Ewigkeit zu Ewigkeit lobsingen sie vor dir.”

Der Inhalt einer solchen Aussage ist ja eigentlich unverständlich! Aber warum ist hier eine Resonanz in mir anwesend? Könnte es sein, dass im tiefsten Grund der Seele „Erinnerungen” vorhanden sind an Zustände, die denen der Engel gleichen? Wie auch immer, ich werde diese Musik wohl noch auf meinem Totenbett in mir hören.

Wolfgang Amadeus Mozarts Gotteslob: Exultate Jubilate, KV 165. Eine Sopranmotette. Frische, Wohlklang, wunderbare Melodien! Der Sopranstimme wird alles abgefordert. Freude, Gotteslob, Existenz-Tiefe, das Halleluja hebt uns in höchste Höhen! Die Musik des 17-jährigen Mozart ist in Worten nicht zu vermitteln!

Und zuletzt der Ungar, Béla Bartok: In seinen letzten Lebensjahren 1940 – 1945 lebte er in den USA am Existenzminimum. Der Atheist Bartok komponiert, bereits vom Tode gezeichnet, sein 3. Klavierkonzert. Der 3. Satz muss von einem ungarischen Freund zuende geschrieben werden. Der 2. Satz – Adagio religioso – wird noch von Béla Bartok mit überirdischer Schönheit in Noten gesetzt. Nur ein Mensch mit spiritueller Resonanz kann solche Musik schreiben.

Auch in diesem Konzert ist der Bezug zu Beethoven vorhanden: zum Streichquartett op. 132, dem „Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit”. Wer Bartoks Lebenswerk einigermaßen kennt, weiß von dem Revolutionären, dem Schroffen, dem schmerzhaft Unverständlichen, aber auch von der ungarischen und rumänischen Seele. Die Urmusik aus diesen Ländern mit deren Freude und Melancholie ist untrennbar verwoben mit Bartoks Werken. Das Adagio religioso versöhnt mit dem Leben und mit Gott.

Was hindert uns daran, die geistige, göttliche Sphäre in uns selbst zu suchen? Warum macht man Gott zu einer Institution, die man anbettelt und um die Verbesserung der Alltagsumstände bittet?

Warum sollten wir nicht in die große innere Freude eintreten?

Rilke endet sein Gedicht „Siehe” mit den Worten: Wer widerruft Jubel?… Wer widerruft Jubel?

Abbildungen Wikipedia

Musikempfehlungen:

Bruckner: Eugen Jochum, Berliner Philharmoniker, Maria Stader, Sopran, Chor Dt. Oper Berlin

Mendelssohn: Kurt Masur, Gewandhausorchester Leipzig, Rundfunkchor Leipzig, Solisten: Barbara Bonney, Edith Wiens, Peter Schreier

Händel: Helmut Koch, RSO Berlin, Günther Leib, Bariton, Berliner Rundfunkchor

Mozart: Ferenc Fricsay, RSO Berlin, Maria Stader, Sopran

Bertók: Ferenc Fricsay, SO des Bayerischen Rundfunks, Annie Fischer, Klavier
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