Gnosis

„Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen”

Dieses bezeichnende Wort zum Monotheismus steht im Neuen Testament (Matth. 2,15). Man kann es auf Pharao Echnaton beziehen. Einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart, Nagib Machfus, der auch als ägyptischer Sokrates bezeichnet wird, versuchte in seinem Roman „Echnaton – der in der Wahrheit lebt”, sich dem Geheimnis des Echnaton zu nähern. Es ist ihm gelungen. Zu Recht erhielt der Autor als erster Ägypter 1988 den Nobelpreis für Literatur. Aus seiner Feder stammen folgende Zeilen:

„Echnaton widmete sein ganzes Wesen der Wahrheit, wohl wissend, dass er damit all jene herausfordert, die durchtrieben, eigennützig und gierig sind. Ich fragte ihn: Warum verteidigt ihr nicht die Liebe und den Frieden mit Macht, mein Gebieter? Er sprach: Verbrecher sind immer schnell dabei, für ihren ruchlosen Durst nach Blut Entschuldigungen zu finden.‘ Echnaton gehörte nicht zu diesen. Und dann sagte er nachdenklich: Nie und nimmer wird das Gute besiegt. Was ist schon Zeit? Nur einen flüchtigen Moment lang nehmen wir sie wahr. Für die Wahrheit braucht es länger, doch unser Unvermögen und der Tod hindern uns daran.‘ Und dann sagte er:

Du, mein Gott, weilst in meinem Herzen, niemand kennt dich, nur dein Sohn. Denn du hast mich alles gelehrt, und in deiner Hand liegt die ganze Welt.‘

Noch auf dem Sterbebett sagte Echnaton:

Du bist es, der den Keim in der Frau erschafft, der den Samen im Mann hervorbringt, der dem Kind im Leib der Mutter zum Leben verhilft. Wer an dich denkt, ist nicht einsam. Erst wenn dir die Zügel entgleiten, taucht die Erde in die Finsternis ein, als wäre sie öde und unbeseelt.”

Machfus spricht auch über den Moment der Einweihung Echnatons:

„Ich war gegen Morgengrauen allein, die Stille segnete mich. Ein Licht leuchtete in mir auf und breitete sich aus. Auf einmal sah ich alle Kreaturen versammelt, und flüsternd tauschten sie, in Freude und Hoffnung getaucht, Glückwünsche aus. Leben schaffende Glut erfüllte meine Brust und deutlich hörte ich eine Stimme, die zu mir sprach: Ich bin der alleinige Gott, ich bin die Wahrheit. Komm mit deiner Seele in mein Reich. Schenke mir dein Dasein, da ich dir meine Liebe schenke.”

Auf diese Weise empfindet Machfus, wie die Wahrheit und das Ziel des Menschseins über Echnaton gekommen waren.

Foto: Echnaton Äg. Museum Berlin
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