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28. April 2010 von Silke Karwowski

Auf der Schwelle

Ab und zu geschieht es, dass wir uns auf der Schwelle zwischen der uns bekannten und einer unbekannten Welt befinden. Zwischen Wachen und Schlafen liegt eine süße Empfindung, das Einschlafen. Zwischen Ein- und Ausatmen halten wir manchmal inne, neue Gedanken tauchen auf. Zwischen Lachen und Weinen kann eine unbekannte Sehnsucht in uns auf steigen.

Auf der Schwelle werden wir berührt. Die Berührung ist immer nur ein Augenblick, ein Bruchteil einer Sekunde – in der Stille. Dort kann eine Berührung aus einer anderen Welt stattfinden. Vielleicht liegt die Schwelle auch zwischen Denken und Fühlen, in einer bewusst erfahrenen Nüchternheit und Spontaneität.

Ein schönes Gleichnis finden wir in der Natur: das Abendrot, die Schwelle zwischen Tag und Nacht. Das Abendrot berührt uns auf ganz besondere Weise. Wenn wir nicht mitten im Treiben der Welt, sondern alleine in der Natur sind, werden wir beim Anblick der untergehenden Sonne mit den schönsten Farben am Himmel in völlig neue, reine Empfindungen und Gedanken getaucht. Wir fühlen uns erfrischt, wie nach einem Bad.

Aber eine solche besondere Berührung kann uns auch mitten in einem Kinofilm treffen. Die Gedanken sind nicht mehr bei der Handlung des Films, sondern gleiten über die Schwelle hinaus … Es entstehen kreative, neue Gedanken.
Auch die Wissenschaftler, zum Beispiel die Physiker, sagen in den Medien, sie stünden vor einer neuen Schwelle.

Wird unser bisheriges Weltbild erschüttert, werden wir schicksalhaft aus unserer Gewohnheit herausgerissen, nach den Wirbeln, den Gängen durch lange, dunkle Tunnel, dann befinden wir uns plötzlich in einer neuen Klarheit – auf der Schwelle zwischen zwei Geschehnissen, auf der Schwelle zwischen zwei Lebensabschnitten …

Was ist denn diese Schwellenerfahrung, woher kommt die besondere Berührung?
Die Frage ist eigentlich nicht zu beantworten. Stehen wir auf der Schwelle, dem Tor zu einer anderen Welt, dann wissen wir.

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