Philosophie

Atheismus und der Gott im Menschen

Die Titelgeschichte im Spiegel Nr. 22 von Ende Mai 2007 trägt den Titel: „Gott ist an allem Schuld. Der Kreuzzug der neuen Atheisten”. Im Leitsatz heißt es dazu: „Eine neue Generation von Skeptikern und Wissenschaftlern hat sich aufgemacht, die Welt vom Glauben zu befreien. Ihre Waffen sind Darwin, das Internet und das wachsende Unbehagen über die Einmischungen von Bischöfen und Islampredigern, Polit-Frömmlern und Kirchen.”

Als „Meisterdenker” dieser Bewegung wird Richard Dawkins genannt, ein Evolutionsbiologe aus Oxford. Sein jüngstes Buch „God Delusion” (Der Gotteswahn) war in den USA und Großbritannien mehr als 30 Wochen auf der Bestsellerliste. Danach stellen sich die neuen Atheisten im Namen der Wahrheit gegen den zur Zeit neu erwachenden Glauben. „Gott ist ein Produkt der Menschen”, so lautet einer ihrer Kernsätze. „Du sollst dir kein Bildnis machen und es Gott nennen.”

Gedanken dieser Art sprachen schon Voltaire im 18. Jh. und Ludwig Feuerbach im 19. Jh. im Zuge der Aufklärung aus. Gott und Christus sind – so Feuerbach – Eigenschaften des Menschen, die er nach außen projiziert. Es komme darauf an, den Menschen auf sich selbst zu lenken, damit er sein eigenes wahres Wesen erkennt. Alle Ideale der Religionen sind nach dieser Sichtweise nichts anderes als das wahre Wesen des Menschen.

Karl Marx und Friedrich Engels waren hiervon begeistert. Endlich wurde das G¨ttliche auf die Erde geholt, dorthin, wo es auch herkam, nämlich aus dem Inneren des Menschen. Und so formulierten sie eine auf den Menschen gegründete Philosophie, die zu einer gerechten und guten Gesellschaftsform führen sollte. Und viele große Denker folgten ihnen. Ernst Bloch (1880-1959) errichtete auf materialistischer Grundlage ein philosophisches Gebäude voll hoher Ideale. Die großen Atheisten – sie sind zwangsläufig zugleich Materialisten – streben eine bessere Welt und ein besseres Menschsein an.

Könnte es sein, dass Atheismus und Materialismus notwendige Begleiterscheinungen der heutigen Art von Religion sind? Man spricht vom Gegensatz zwischen Glauben und Wissen. Das, was ich im religiösen Sinne glaube, kann ich nicht beweisen, jedenfalls nicht mit den Mitteln der Naturwissenschaft. Der Verstand hat sich gewaltig entwickelt. Zu den Methoden für seine Entfaltung gehören der Zweifel und die Skepsis. Beide beinhalten zwangsläufig, den Glauben auszugrenzen. Der Atheismus ist ein Kind des selbständig gewordenen Verstandes und damit eines Ich, das sich des Urgrunds seines Seins nicht mehr gewahr ist.

Der kritische Verstand wendet sich mit Recht gegen die Missetaten, die im Namen des Glaubens begangen wurden und werden. Glaube und Macht sind immer schon unheilige Allianzen eingegangen. Im Namen bestimmter Gottesvorstellungen werden Menschen beherrscht, werden Völker gegen Völker aufgeputscht. Solche Gottesvorstellungen, solche Götter sind Menschenwerk, so sagen die Atheisten mit Recht. Wer im Namen seines Glaubens gegen Andersgläubige kämpft, wird von irdischen Kräften missbraucht.

Die modernen Gnostiker erkennen und erfahren, dass im Menschen ein göttliches Element verborgen ist. „Der Sohn des Menschen ist in eurem Inneren. Folgt ihm nach. Die ihn suchen, werden ihn finden”, so heißt es auch schon im gnostischen Evangelium nach Maria (Magdalena). Und weiter lesen wir dort: „Er hat uns zubereitet und zu Menschen gemacht.” Ein solches Menschsein erkennt im anderen Menschen den Bruder vor allem auch in dem Sinne, dass er ein göttliches Element in sich trägt.

In der „Erkenntnis” der Gnostiker löst sich der Gegensatz von Glauben und Wissen auf. Das geschieht nicht sofort. Wir müssen einen Weg gehen, auf den die gnostischen Evangelien immer wieder hinweisen – einen Weg, auf dem sich ein Wissen auf der Basis des Glaubens entwickelt.

Der Atheismus kann Menschen von ihren Gottesvorstellungen befreien und sie auf sich selbst verweisen. Das kann zwar zu einem gewaltigen Ego führen, das durch keine metaphysisch begründete Moral mehr gebunden ist. Es kann aber auch die Vorstufe sein zu einer überraschenden, großartigen Entdeckung: der Entdeckung des innereigenen Gotteselementes. Denn woher kommen die Ideale der großen atheistischen Denker, wenn nicht aus dem göttlichen Keim in ihnen?

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