Selbsterfahrung

Am Meer

Lange Zeit war ich nicht mehr am Meer!

Ich wusste nichts mehr vom Gefühl der Weite, die das Meer vermittelt, von der guten Luft, von der man sagt, dass sie durch alle Poren geht. Auch wusste ich nichts mehr von den unzähligen Lichtreflexen auf dem Wasser, die mit einer tausendfachen, unerklärlichen Bewegung einhergehen.

Man ist versucht, bei diesen Beobachtungen wie Einstein die Weltformel finden zu wollen, selbst wenn man weiß, dass sie nicht gefunden werden kann.
Oder doch? Aber wie?

Nicht zu beschreiben ist die Weite des Himmels, der Wechsel der Wolkenfelder und der Widerschein des Himmels auf dem Meer.

Entspanntes Wandern am Strand, wo mir bei jedem Schritt die Wellen eine unbekannte Botschaft senden, die zu erschließen wäre, und zu der ich mein Inneres befrage. Einsame Schritte werden begleitet von den am Strand aufrollenden Wellen, unkomplizierte Begleiter, die Geborgenheit im Ewigen suggerieren.

„Zurück zur Natur”, auch in der heutigen Zeit bestätigt sich der Ausspruch Jean Jacques Rousseaus (1712-1778). Die Nerven entspannen sich, kommen zur Ruhe, man wird frei für neue Eindrücke, neue Impulse.

Aber die Natur, von der wir doch alle auf vielfache Weise zehren, hat sich seit der Zeit Rousseaus stark verändert, auch durch unser Zutun. Es tauchen Schatten auf im Pflanzen- und Tierreich, aber auch beim Menschen mit seiner Anfälligkeit für die technisierte Welt.

Der Erdkörper reagiert ebenfalls. Unter diesen Vorzeichen stellt sich im Hintergrund meines Wesens Melancholie ein, wenn ich Natur assoziiere und ihr begegne. Im Herzen bleibt der Wunsch nach einer heilen Natur.
Wo aber finde ich sie?

Nur ein Wissen um eine neue Natur, einen neuen Seinszustand im eigenen inneren Wesen, der an Ewigkeitsimpulse im Herzen anknüpft, will mir einen Ausweg zeigen. Karl von Eckartshausen (1752-1802) sagt es so: „Öffne durch Liebe dem geistigen Licht dein Herz.” Es ist das Wissen um eine neue Seelengeburt, um den Seelenmenschen in mir, der sich mit heiligen Äthern verbinden kann und daraus atmet und lebt.

Wie kommt er zustande, wie kann er erstehen?

Durch Hinwendung zum geistigen inneren Menschen. Die Brücke ist ein neues Bewusstsein, das entsteht, wenn die Erfahrungen der Endlichkeit der Dinge durchlebt sind und in mir die Sehnsucht nach einem neuen Himmel und einer neuen Erde erwacht, einem neuen Seinsgrund in diesem Leben mit neuer Sinngebung.

Mein Wesen verbindet sich mit dem Urgrund des Seins. Aus ihm kann ich für mich und andere schöpfen – auch wenn dieses große Rätsel von meinem Intellekt nur wenig erfasst werden kann.

Die goldene Tür zum inneren Sein trägt mich durch die zeitlichen Erscheinungen und lässt mich den harmonischen Atem des Kosmos spüren, auf den sich meine Seele abstimmt.

Das Sprechen des Meeres mit seinen Wellen ist wie ein Geben und Nehmen. Geben als Ausdruck des Geistes und Annehmen seiner unaufhörlich wogenden Fluten durch alle, die danach dürsten.

Gemäldeausschnitt von Raffael: Sapho und Alcaeus
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