Poesie Lyrik

„Ach, bliebe Blütenduft in meinen Kleidern hängen….”

„Warum bin ich vergänglich, o Zeus?”
so fragte die Schönheit.
„Mach ich doch”,
sagte der Gott,
„nur das Vergängliche schön.”

Und die Liebe, die Blumen, der Tau
und die Jugend vernahmen`s;
alle gingen sie weg, weinend,
von Jupiters Thron.
(Goethe)

Nur das Vergängliche sei schön?

Sagen wir nicht gerade oft das Gegenteil? Alles Schöne ist vergänglich? Das leuchtet sofort ein, die Liebe, die Blumen, der Tau und die Jugend, sie ändern sich, vergehen, verschwinden. Resignation bleibt dann zurück und wir seufzen „ach ja, alles Schöne ist eben vergänglich”.

Aber Goethe lässt Zeus sagen, dass er nur das Vergängliche schön macht. Er hätte es doch anders gekonnt – offenbar wollte er es so. Warum – oder besser gefragt – wozu?

Wo ich wohne, blühen im Frühjahr tausende Kirschbäume. Gegen Abend erfüllt ein zarter Duft die Luft. Unbemerkt schlich sich eine Zeile in mein Bewusstsein: „Ach – bliebe Blütenduft in meinen Kleidern hängen …”

Ich spürte, wie mich die Vergänglichkeit des Schönen schmerzte. Niemand kann diesen wunderbaren Duft konservieren.

Aber ist er deshalb so schön, weil er vergänglich ist?

Alles in mir sträubt sich. Ich will das Schöne festhalten. Dann aber spüre ich: Der Gedanke, dass das Schöne bald zuende sein wird, trübt meine Wahrnehmung, die Freude nimmt ab.

„Macht ich doch nur das Vergängliche schön” …

Könnte es sein, dass Goethe hier auf eine tiefe Wahrheit hingewiesen hat – dass wir die Schönheit nur genießen können, wenn wir uns mit der Vergänglichkeit einverstanden erklärt haben?

Und könnte nicht auch sein, dass er – unausgesprochen – darauf hinweisen wollte, dass Unvergängliches nicht mehr unserer Bewertung von schön und nicht schön unterliegt?

Dass es jenseits von diesen Urteilen liegt?

Jenseits von allen Gegensätzen?

Foto: Hermann Achenbach
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