Selbsterfahrung

Abenteuer Gnosis

Kürzlich las ich einen Artikel in einer der neu aufstrebenden Wellness-Zeitschriften, der mit einem Zitat von Lizz Hirn, einer Philosophin und Künstlerin, begann: „Jedes Abenteuer ist nur eine Entscheidung von dir entfernt.” Es folgten Kurzberichte über Motorradfahrten von Schottland nach Südafrika, Abenteuerurlaube im Dschungel und ein Artikel „Allein gegen den Wind” – über Dee Caffari, eine Frau, die bereits zweimal die Welt umsegelt hat.

Mit vielen schönen Bildern versehen, lassen sich solche Berichte immer gut lesen; zudem hinterlassen sie noch ein wohliges Gefühl von Freiheit. Die meisten Menschen lieben Abenteuer und Spannung, ganz besonders aus einer sicheren Perspektive heraus. So hat jede Zeit ihre Helden und Abenteurer, die sie inspirieren. Die Irrfahrten des Odysseus, die Ritter des Mittelalters … und nicht zuletzt ist der vierte „Indiana Jones”-Film in den Kinos wieder ein Kassenschlager geworden. Man verlässt das Kino oder kommt von einer Adventure-Reise zurück nach Hause, alles ist bekannt und sicher; was bleibt, ist das Warten auf das nächste Abenteuer.

Worauf warten? Liegt nicht die größte Herausforderung im eigenem Leben, ohne Reisebegleitung und Drehbuch-Happy-End? Mittendrin im Leben habe ich mich auf den Weg gemacht, auf eine Reise, habe auf einen Impuls aus dem Inneren gehört. Zunächst noch mit vagen Vorstellungen, Bekanntes hinter mir lassend und offen für Neues, habe ich mich in ein inneres Abenteuer gestürzt. Ich möchte es „Abenteuer Gnosis” nennen (griech.: gnosis = Gotteserkenntnis).

Laut einer Studie mit Zwillingen von Marvin Zuckermann – er schuf den Begriff des Sensations-Seekers – ist Abenteuerdrang zu 70 Prozent genetisch bedingt, die restliche 30 Prozent werden durch die Umwelt, wie zum Beispiel die Erziehung beeinflusst. Ferner sagt man dem männlichen Geschlecht nach, dass es eher dazu bereit sei, in die Fremde zu ziehen und Neues zu wagen. Man könnte es erklären mit den Vorfahren aus der Jäger- und- Sammlerzeit: Die einen ziehen hinaus auf die Jagd, die anderen, vorwiegend weiblichen Geschlechts, hüten die Höhle. Da ich allerdings nicht männlichen Geschlechts bin und meine Gene mich eher bodenständig geprägt haben, muss mein Drang zum Abenteuer anders zu erklären sein.

Zunächst einmal: Das Abenteuer findet weitgehend in mir selbst statt. Natürlich wirkt es sich auch nach außen aus. Was treibt einen dazu, ausgetretene Pfade zu verlassen und sich auf oft unwegsame und unbekannte Wege zu begeben?

Ich denke, man muss sich in seinem Leben in gewisser Weise „totgelaufen” haben, um auf seine innere Stimme, den Impuls aus dem Innersten, hören zu können. Eine Stimme, die sagt: „Lass gut sein, es gibt da noch etwas Anderes, was du mit all deinem Bestreben in der Welt nicht erreichen kannst.” In einem solchen Moment der Ruhe, des Stillhaltens, kann etwas ganz Großes, etwas Gewaltiges und Dynamisches entstehen: ein Aufbruch zu neuen Ufern, einer Abenteuerreise, bei der es an jeder Ecke von Überraschungen wimmelt, scheinbar gefahrvoll; wundersam schön, aber immer spannend.

Jeder kann sich auf sein ganz persönliches Abenteuer einlassen. Sich selbst entdecken, diese Welt mit anderen Augen sehen, einen verborgenen Schatz heben und ihn nach Hause tragen. Manchmal ist man dabei Pionier, Erforscher, der den Weg ebnet. Manchmal ein Sherpa (ein Volk im Himalaja, Shar = Osten, pa = Volk ), der das Gepäck trägt, das Basislager aufbaut, um „dem Anderen in uns” den Aufstieg zum Gipfel zu ermöglichen.

Was für Gene wir auch immer mitbringen, welches „Gepäck” wir auch tragen, das Nötigste, das einzig Notwendige besitzen die meisten von uns: den Drang zum Abenteuer. Lange missverstehen wir ihn, verdrängen ihn, lenken ihn um auf Äußeres. Wirklich los zu gehen, um das Innerste zu erwecken, erfordert manchmal etwas Mut; unbekanntes Gelände erscheint wie ein Dschungel und viele warnen einen davor. Doch habe ich erfahren, dass es immer zwei sind, die einen solchen Weg gehen. Der Abenteurer, also ich, die sich gerufen fühlt, und „der Andere” (in mir), der genau weiß, wohin es geht, welche Pfade man gehen kann und welche man lieber nicht betreten sollte. Selbst auf den schwierigen Pfaden ist er dabei und man kann lernen, sich seiner Führung anzuvertrauen.

Die Reise ist ein Weg zum „gelobten Land”, zu unserem Ursprung. Eine Sicherheit wird spürbar, endlich nach Hause zu kommen. Es gibt kein Warten mehr auf das nächste Abenteuer. Das Abenteuer Gnosis wird zum Ereignis einer Gotteserkenntnis.

Kommentare

Ihr Kommentar