Vortrag

„Wer in Sein Licht sieht, muss Seine Wunder verkündigen, Seinen herrlichen Namen offenbaren und preisen”

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Vortrag von C. Goud

Einleitung

„Wer in Sein Licht sieht, muss Seine Wunder verkündigen, Seinen herrlichen Namen offenbaren und preisen.” Wir haben diesen Text, entlehnt aus einem von Böhmes Theosophischen Sendbriefen, bewusst gewählt, weil er so vollkommen Böhmes eigenes Leben kennzeichnet. Was er an Erkenntnis über Gott, die Schöpfung und den Platz des Menschen darin (‚das Wunder‘) empfing, gab er jedoch ständig weiter an andere, damit auch sie zu dieser Erkenntnis kommen könnten.

Dieses Empfangen der Gotteserkenntnis durch Böhme – oft angedeutet mit „höheres Schauen”, „erleuchtet sein”, „Eingebungen” – können wir in moderner Terminologie umschreiben als „Autorität der Intuition”. Mit Hilfe dieser Intuition erlangte er Erkenntnis über die Schöpfung und den Platz des Menschen in der Schöpfung. Wenn man sich daraufhin fragt, was die Quelle dieser Intuition ist, kann man die Antwort bei Böhme selbst, unter anderem im Vorwort von „Aurora”, finden: es ist der Heilige Geist. Er erklärt dies wie folgt: wenn die Seele durch den Heiligen Geist entzündet wird, dann wird die Kenntnis Gottes in das Feuer des Heiligen Geistes gesät wie ein Samenkorn. Dieses Samenkorn wird wachsen, wenn der Mensch danach strebt, in der Seele das Gute über das Böse herrschen zu lassen. Ein solcher Mensch übergibt seine Seele völlig dem Willen Gottes. Was Böhme hiernach unter Heiligem Geist, Gott und Seinem Willen versteht, kann im Lauf dieses Vortrages für Sie deutlich werden.

Im Augenblick möchten wir erst noch auf einige andere Dinge eingehen. So scheint zum Beispiel der oben beschriebene Prozess, im Zustand der Erleuchtung zur Erkenntnis zu kommen, für Böhme nicht immer einfach gewesen zu sein. Der Autor erzählt beispielsweise in einem Brief über seine Anstrengungen, die eigene Einsicht und den eigenen Verstand schweigen zu lassen, damit Gottes Wille in ihm arbeiten könne. Und auch der Leser, der Böhmes Werke zur Hand nimmt, wird seinerseits mit einigen Problemen konfrontiert, die wir hier vor Sie stellen möchten.

"Das dritte Prinzip, worin der Mensch steht. Daraus soll sich zeigen, was aus ihm erwachsen soll: Lichtgeburt oder Verderben."
Aus: Von der Gnadenwahl, Amsterdam 1682

Das erste Problem erwähnt Böhme selber an vielen Stellen seiner Schriften. Er weist dort auf die Begrenztheit des menschlichen Vermögens hin, einfach so, ohne weiteres, verstehen zu können, was er bespricht und beschreibt; kann doch jeder, in dem obenerwähntes Urprinzip nicht anwesend ist, der also nicht durch den heiligen Geist entzündet ist, nicht auf die gleiche Weise wahrnehmen oder zu den gleichen Überlegungen kommen wie der Schreiber. So sagt er zum Beispiel in „Aurora”:
„Denn in Fleisch und Blut kann man dies nicht verstehen, wenn man es auch liest, so ist doch ein Nebel vor den Augen…”

Der Leser von „Aurora” wird übrigens nicht nur über sein Denkvermögen angesprochen. Böhme wendet sich zugleich explizit an das Herz, die Gefühle, wie aus folgendem Text hervorgeht: „Achtet ausdrücklich auf die Ordnung dieses Buches, und Ihr werdet finden, was Euer Herz verlangt oder jemals begehren wird.”

Ein zweites Problem ist von praktischer Art: Böhme erwähnt selbst in den Sendbriefen, dass er im Laufe eines Kapitels oder einer Schrift ein und dasselbe auf verschiedene Arten auslegt, etwas, was ein richtiges oder eindeutiges Begreifen dessen, was er mitteilen will, nicht einfach macht. Er entschuldigt sich dann auch mehrere Male für die Tatsache, dass er an bestimmten Stellen schwer zu verstehen ist. Böhme bemühte sich jedoch, wenn er eine „Intuition” in Worte fasste, den lebendigen Strom Gottes festzuhalten: er benutzt die Sprache nicht nur, um über seine Erfahrungen zu sprechen, nein, er wollte, dass die Worte und Begriffe wegen ihrer Bedeutung zugleich die Wahrheit übertragen sollten. Es ist überdies nur in beschränktem Maße möglich, das Gesamtbild, das Böhme den Lesern überreicht, in all seiner Tiefe zu überschauen. Dafür ist das gesamte Bild nach unserer heutigen Auffassung auch zu umfassend und zu komplex und, was die Kernbegriffe angeht, zu wenig verständlich beschrieben.

Zusammenfassend können wir dann auch feststellen, dass ein objektives Lesen der Werke Böhmes im Sinne moderner Normen mühsam ist. Der Autor spricht zu Lesern, die an die Erkenntnis glauben, die er überträgt, die sein Wort als Leitfaden annehmen, und die den Weg, den er weist, mit ihm gehen wollen. Eingedenk aller obigen Schwierigkeiten wird sich dieser Beitrag zu unserem Symposion dann auch auf die großen Linien von Böhmes Vision des göttlichen Wesens und der Schöpfung beschränken. Hierbei geht es uns nicht darum, sein Werk zu erklären oder in die Zeit zu stellen. Wir sind vielmehr bestrebt, ein Bild seiner Auffassungen zu geben. Das Buch „Aurora oder Morgenröte im Aufgang” diente als Basis, weil dieses Buch die Mehrheit der zu besprechenden Ansichten und Erwägungen ausführlich oder in gedrängter Form beinhaltet. Von diesem Buch lieferte Jan van Rijckenborgh eine Übersetzung, die 1939 bei Uitgevers Maatschappij „Hora Est” (nun die Rozekruis Pers) in Haarlem erschien.
Die heilige Dreifaltigkeit
Einer der ersten Begriffe von Böhmes Gottesbild, den wir Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen, ist die Andeutung „heilige Dreifaltigkeit”. Böhme spricht über das göttliche Wesen als „Ungrund”. Dies ist als das Nichts zu verstehen; als ein allumfassendes Zentrum; als eine absolute Freiheit von Formen und Inhalten. Von diesem Nichts geht der göttliche Atem aus: Kräfte, die drei- und siebenfach ausgestrahlt werden.

Das göttliche Wesen manifestiert sich also „zuerst” dreifach vermittels drei Gruppen von Kräften. Es ist Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Böhme beschreibt diese Dreifaltigkeit auf mehrere Arten. Würden wir hier einen Versuch wagen, diese Beschreibungen zusammenzufassen – es würde uns nicht gelingen. Jegliche Zusammenfassung oder Umschreibung versagt hier. Darum haben wir hier folgende Kernsätze aus „Aurora” ausgesucht, worin Böhme selber sagt: „Der Vater ist die göttliche Kraft, aus welcher alle Geschöpfe geboren sind… Er hat keinen Beginn und kein Ende. Der Sohn ist in dem Vater, des Vaters Herz und Licht, und die Kraft und der Glanz des Sohnes strahlt wieder zurück in den Vater…Und obwohl der Sohn eine andere Persönlichkeit ist als der Vater, so ist er auch nicht außerhalb des Vaters und auch ein Gott mit dem Vater und ist Seine Kraft, Sein Glanz und Seine Allmacht nicht geringer als die des Vaters. Der Heilige Geist geht aus von dem Vater und von dem Sohn und ist die dritte selbständige Persönlichkeit im göttlichen Wesen.”

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Böhme das göttliche Wesen und die drei Gestalten in diesem Wesen in dieser Beschreibung als Kräfte ansieht. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist sind Kräfte, die eins sind im göttlichen Wesen, sich jedoch gesondert manifestieren.

In der heutigen Zeit ist der Mensch mit dem Begriff „Kraft” vertraut, die ja als Strahlung, als Licht gemessen wird. Kräfte sind im täglichen Leben wirksam und im All wahrnehmbar. Zur Zeit Böhmes jedoch muss der Begriff „Kraft” ein vollkommen neuer Begriff gewesen sein, sowohl für seine Andeutung von der Gottheit, als auch in seiner Beschreibung der Schöpfung. Für Böhme selbst ist der Gebrauch des Wortes „Kraft”, wenn es um göttliche Dinge geht, übrigens normal. So beginnt er zum Beispiel einige Briefe mit einem Segenswunsch, worin er von „Kraft” spricht: „Licht, Heiligung und die ewige Kraft aus dem Quell des Herzens von Jesus Christus sei unsere Erquickung” (Theosophische Sendbriefe). Manchmal beschreibt er auch das Gottesreich als Kraft.

Auch der Begriff „Natur”, das ist die allumfassende Schöpfung, wird von Böhme durch verschiedene Wortschöpfungen als Kräfte definiert: die allumfassende Schöpfung ist das Resultat von Kräften. Die Eigenschaften der Schöpfung, woraus alle Elemente und also auch die Geschöpfe, die Dinge, zusammengesetzt sind, entstehen aus Kräften. Diese Eigenschaften können einander auch entzünden. Wenn Böhme den Ausdruck „entzünden” gebraucht, dann meint er damit, dass sich die Art der Eigenschaft, die entzündet wird, verändert. In seinen Betrachtungen spricht er auch vom „im Heiligen Geist Entzündet-Werden”, wie soeben erwähnt wurde.

Zurückkehrend zu dem Begriff „heilige Dreifaltigkeit” können wir noch eine andere bemerkenswerte Gegebenheit konstatieren: Böhme beschreibt die drei Kräfte im göttlichen Wesen tatsächlich nach ihrer „Funktion”, nach ihrer Wirkung. So nennt er die „Gott-der- Vater-Kraft” den Bronn aller Schöpfung; die „Gott-der-Sohn-Kraft” macht diese Schöpfung offenbar. Der Heilige Geist ist die Kraft, die innerhalb der Schöpfung Entwicklung bringt.

Um dies zu verdeutlichen, bringt Böhme einen Vergleich mit dem All: Den Raum, die Planeten und die Sterne kann man als Gott den Vater ansehen. Die Sonne wird von ihm mit Gott dem Sohn verglichen: sie macht das All sichtbar. Ohne die Sonne könnte das All nicht wahrgenommen, nicht gekannt werden. Analog zu dieser Erklärung merkt er an, dass ohne die „Gott-der-Sohn-Kraft” der Mensch Gott den Vater, die Schöpfung, nicht erkennen könnte. Der Heilige Geist ist die aktive Kraft. Diese wird verglichen mit der Wärme der Sonne. Alle Kräfte von Gott dem Vater, von Gott dem Sohn und von dem Heiligen Geist sind wie eine einzige zentrale Kraft. Übrigens: wenn Böhme auch die Begriffe „Vater” und „Sohn” benutzt, so kann doch auf keine einzige Weise von Personifikation der Gottheit die Rede sein. Böhme erklärt, dass die Dreifaltigkeit – sei es Vater, Sohn oder Heiliger Geist – überall anwesend ist. Diese Dreifaltigkeit erkennt er auch in der Welt wieder. Alle Geschöpfe, alle Dinge, widerspiegeln die Dreifaltigkeit. Es kann nichts existieren ohne diese Dreifaltigkeit. Wenn Sie sich zum Beispiel eine Pflanze ansehen, können Sie von einer Kraft sprechen, aus welcher die Pflanze entstanden ist. Der Saft ist dann das Herz der Pflanze und der Duft, der Geschmack, die wirkende Kraft.

So wird auch im Menschen die Dreifaltigkeit widergespiegelt. Es sind auch im Menschen drei Quellen wahrzunehmen: die Kraft im Gemüt, d.h. in Herz und Haupt, widerspiegelt Gott den Vater. Aus dieser Kraft entstammt das Licht im Gemüt. Hierdurch entsteht Erkenntnis und Einsicht im Menschen. Dies widerspiegelt Gott den Sohn. Und aus der Kraft und dem Licht entsteht die Wirksamkeit im Körper. Dies widerspiegelt den Heiligen Geist in der Dreifaltigkeit. Es hängt übrigens von der Beschaffenheit des Menschen ab, ob die Dreifaltigkeit widergespiegelt wird, nämlich ob die Dreifaltigkeit tatsächlich in ihm wirksam ist.

Schließlich wollen wir zum Begriff Dreifaltigkeit noch anmerken, dass Böhme für diese Andeutung auch die folgenden Termen benutzt: der Wille oder das Verlangen; die Freude (Markus 1 Vers 11: „Dies ist Mein lieber Sohn, an welchem Ich Wohlgefallen habe”) und die Bewegung oder die Erzeugung.
Die sieben Urgeister (oder Kräfte oder Formen oder Eigenschaften)
Böhmes Gottesbild ist mit obenstehender Auseinandersetzung über die heilige Dreifaltigkeit jedoch nicht vollkommen beschrieben. Er spricht auch von sieben Kräften, die in dem göttlichen Wesen verborgen sind. Er spricht von sieben Urgeistern oder von Kräften oder Formen. Diese sieben Geister Gottes sind eins im göttlichen Wesen. Es sind die Kräfte, die die Schöpfung zustande bringen, die Schöpfung, worin auch die heilige Dreifaltigkeit sich ausdrückt.

Bei der Beschreibung dieser sieben Kräfte gebraucht Böhme auffallende Begriffe. Er beschreibt zugleich ausführlich, wie diese Urgeister zusammenarbeiten. Wir sollten uns hier auf das Nennen der Urgeister oder der Eigenschaften der Schöpfung beschränken, ebenso auf eine kurze Umschreibung der Art, wie diese Kräfte zusammenwirken. Ein Eindruck von den Begriffen und von der Art, wie diese Kräfte zusammenarbeiten, tiefergehend als die reine Benennung, scheint uns jedoch für einigen Begriff von Böhmes Denken wünschenswert. Darum werden wir nun versuchen, Ihnen diesen Eindruck vermittels einer fragmentarischen Beschreibung zu geben.

Die erste Kraft, die Böhme nennt, ist die des Sauren und Scharfen. Diese erzeugt Härte und Kälte und lässt durch Zusammenziehung Formen entstehen. Bei der Schöpfung wird die Form zuallererst bestimmt, darum ist diese Kraft die erste Eigenschaft.

Die zweite Eigenschaft ist die Süße. Das ist die Wärme, die Sanftheit, die Abmilderung.

Die dritte Kraft ist das Bittere. Es ist der Geist, der beweglich macht.
In diesen drei Kräften oder Urgeistern liegt das körperliche Bestehen alles Geschaffenen beschlossen.

Die vierte Eigenschaft oder Kraft ist die Hitze. Die Hitze ist der Entzünder des Lebens. Durch die Hitze wird der Geist im Körper wirksam. Die Hitze lässt das Feuer entstehen. Aus der Hitze entspringt das Licht, das durch alle Eigenschaften strahlt, durch alle Urgeister. Das Licht ist der lebende Geist.

Die Kräfte Schärfe oder Säure, die Süße, die Bitterkeit, die Hitze, diese Eigenschaften sind alle zusammen „vertrocknet”, wie Böhme es nennt, und sie bilden den Körper aus. Diese vier Kräfte zusammen nennt Böhme: das erste Prinzip oder das Feuer.
Die fünfte Kraft nennt Böhme den lieblichen, freundlichen und freudevollen Geist der Liebe. Die Liebe, der fünfte Urgeist in der göttlichen Kraft, ist der verborgene Bronn. Denn dieser Geist gehört nicht zur Formung des Körpers, sondern beeinflusst ihn.
Der sechste Urgeist wird das Geräusch oder der Ton genannt, wodurch alles Klang hat und erzeugt. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Formen entsteht.
Der siebte Urgeist ist die körperliche, die alles umfassende Form, die aus den sechs Geistern geboren wird und worin alle Geschöpfe und Dinge entstehen, die Form, in welche alles gegossen wird. Es ist Geist der Natur vom Himmel. Diese letzten drei Geister nennt Böhme: das zweite Prinzip oder das Licht.

In den Schriften Böhmes kommt in diesem Zusammenhang auch das Wort „Salniter” vor. Er erklärt dies wie folgt: die Kräfte der sechs Urgeister steigen zusammen auf und fließen zusammen, jeder nach seiner eigenen Kraft und nach seiner eigenen Art. Dann entsteht, was er Härte und Trockenheit nennt; eine bestimmte Kondition der Urgeister. Diese körperliche Vertrocknung, diese Kondition, ist der göttliche Salniter, wie es auch aus folgendem Zitat aus „Aurora” hervorgeht: „Das Wort „schuf” muss man so verstehen, als ob man sagen würde: zusammenziehen oder zusammentreiben, so wie die Erde zusammengetrieben ist. Als Gott, die Gottheit sich bewegte, zog die scharfe Qualität den Salniter der Natur zusammen und ließ diesen vertrocknen.”

Wie wir bereits sagten, wirken diese sieben Kräfte zusammen. Böhme gibt mehrere Beschreibungen dieser Zusammenarbeit. Der Eindruck, den der Leser dieser Beschreibungen bekommt, ist zum Beispiel der eines großen Kohlen- oder Holzfeuers. In dem Feuer sieht man allerlei Farben, die einander verdrängen und in einander aufgehen. Es sind gasartige Bewegungen innerhalb der Flammen, die allerlei Wirbel im Feuer verursachen. Das Ineinander-Aufgehen geht dann beispielsweise gepaart mit Farbveränderung. Böhme beschreibt diesen Prozess in „Aurora” manchmal mit Worten wie z.B.: „Das Dritte ist die Bitterkeit, die entsteht aus dem Vierten und dem Ersten, wenn das Dritte voll Wut mit dem Sauren kämpft, so entzündet es das Feuer, und die Bosheit entspringt in diesem Feuer und geht auf im Sauren. Und diese gleiche Bosheit wird der Geist der Bitterkeit. Selbständig und in der Süßigkeit wird er abgemildert.”

Dieses gesamte Zitat handelt davon, was sich bei dem Zustandekommen der reinen Schöpfung abspielt, mit anderen Worten: Die Begriffe, die Böhme wählt, haben bei ihm in diesem Zusammenhang andere Bedeutungen, als wir es heute gewöhnt sind. Um Ihnen dies zu verdeutlichen, haben wir das folgende Zitat ausgewählt, das auch von diesem Zusammenwirkungsprozess der sieben Geister handelt: „Man möge es vergleichender Weise so verstehen, als ob sieben Menschen ein freundschaftliches Spiel der Freude spielten. Der eine triumphiert über den anderen, und der dritte kommt dem Überwundenen zu Hilfe und verweilt also einen freudigen Augenblick in ihrer Mitte. Sie streiten wohl gegeneinander, aber sind doch liebevoll gegen einander gesinnt. Also ist auch die Wirkung der sechs Geister Gottes im siebenten; einmal hat der eine Oberwasser, dann wieder der andere, und alle streiten in Liebe mit einander. Und wenn das Licht (d.h. der Sohn) inmitten dieses Kämpfens mit aufsteigt, so wohnt der Heilige Geist in der Kraft des Lichtes im Spiel der sechs anderen. Alsdann wachsen aus dem siebenten allerlei Früchte des Lebens, Gewächse und Farben. Welche Eigenschaft nun die stärkste ist, diese ist auch in der Frucht am stärksten vertreten, auch was die Farben betrifft. In diesem Arbeiten oder Streiten wird die Gottheit zu unendlicher und undurchgründlicher Gestalt und zu vielerlei Qualitäten geformt; denn die sieben Urgeister sind sieben Hauptbrunnen. … Die Natur und die Dreifaltigkeit sind nicht ein und dasselbe; es gibt einen Unterschied zwischen ihnen, obwohl die Dreifaltigkeit in der Natur wohnt, jedoch unbegriffen und doch damit ewig verbunden.”

Für den modernen Menschen ist dieses Zitat nicht merkwürdig: Kraft, Vibration, Farbe und Schall sind für ihn ja Begriffe, die zusammenhängen. Alle „Kraft” ist Vibration, und Vibration bringt Klang und Farbe hervor.
Mehrere Schöpfungen
Nach dieser ausführlichen Übermittlung von Böhmes Gottesbild möchten wir nun näher darauf eingehen, was der Autor uns reichen will, wenn er das Wort „Schöpfung” gebraucht. In diesem Zusammenhang möchten wir Ihnen die folgende Aussage eines anderen Autors vorlegen: „Es gibt absolut keinen leeren Raum.” Diese Aussage aus der Fama Fraternitatis von Johann Valentin Andreä, die sich auf dem runden Altar in der Grabkammer von Christian Rosenkreuz befindet, ist vollkommen anwendbar auf das Bild der Schöpfung, das Böhme uns vor Augen stellt. Zusammenfassend gesagt: aus dem göttlichen Wesen, aus dem „Ungrund”, dem „allesumfassenden Nichts”, kommt der Atem, der dreifältig, siebenfältig bis in das Unendliche ausstrahlt, der „das All” erfüllt und woraus alles hervorgeht. Das „All” umfasst auch die Welt des sterblichen, des fleischlichen Menschen.

Böhme weist seine Leser auf die Eigenschaften hin, die aus den Urgeistern entspringen. Sie sind in dieser Welt sichtbar. Es sind die Eigenschaften, aus welchen die Elemente Wasser, Luft, Feuer, Erde herrühren und woraus alle Geschöpfe und Dinge zusammengesetzt sind. Es sind die Eigenschaften der vier ersten Geister oder auch des ersten Prinzips, der Säure, der Süße, der Bitterkeit und der Hitze. Dann erklärt er, dass in diesen Eigenschaften zwei Qualitäten vorkommen, nämlich das Gute und das Böse.

Das Gute und das Böse sind darum in unserer Welt der Bronn aller Geschöpfe und Dinge, weil alle Geschöpfe und Dinge aus diesen Eigenschaften, aus diesen Elementen zusammengesetzt sind. Unsere Welt hat also ihren Ursprung nicht im ersten und zweiten Prinzip, aus dem Feuer und dem Licht oder aus Gott dem Vater und Gott dem Sohn, bringen diese doch stets Schöpfungen hervor, die vollkommen in Übereinstimmung mit dem Atem aus dem göttlichen Wesen sind. Jedoch durch das Gift Satans, von Böhme „Luzifer” genannt, wird in den Eigenschaften des ersten Prinzips das unheilige Feuer entzündet. Dies ist die Folge davon, dass ein Geschöpf sich über Gott erheben wollte, über den Willen, die Gesetze Gottes. Wenn ein Geschöpf das tut, dann wird ein unheiliges Feuer entzündet. Dann wird die erste Eigenschaft, die Säure, zu einer höllischen Erscheinung; wir zitieren aus „Aurora”:
„ein großer Verdruss durch das höllische Feuer, eine Eigenschaft der Dunkelheit, der Schlüssel zur Totenkammer und zum Tod.”

Aber auch die anderen Eigenschaften verändern sich in ihrer „Wirkung”. Das Bittere wird beißendes Gift: „der Geist eines zornigen, neidischen Gottes.” Das Süße wird Schimmel. Das Feuer wird zu einem verzehrenden, verletzenden Feuer, welches das Licht auslöscht. Dieses nun, und besonders die erste Eigenschaft, nennt Böhme den Quell des Zorns. Und wir zitieren wieder: „…wenn es (das Geschöpf) sich jedoch erhebt und sich das Zornfeuer ebenda entzündet, so entzündet es auch das Haus Seines Vaters und ist abtrünnig von demjenigen, woraus es geschaffen ist, und es macht aus demjenigen, was vor seinem Aufstand eins war, zwei… So schüttet die Liebe das Zornfeuer über das Geschöpf aus und wirft das Geschöpf gleichzeitig hinaus… Jedoch der Vater hat es nicht enterbt.”

So ist also in der Vision von Böhme die Rede von mehreren „Welten”: die der heiligen Engel, die der Menschen und die der Teufel. Die heiligen Engel sind die Wesen, die „in Gott leben”. Die Menschen leben nicht (mehr) direkt aus Gott. Wenn die Menschen wieder aus Gott, aus der Einen Kraft, leben werden, dann begeben sie sich, nach der Auferstehung, in die Welt der heiligen Engel, die reine Natur.

Auf diese Weise macht Böhme deutlich, dass nicht Gott der Quell des Guten und des Bösen ist, sondern das Geschöpf, das die Eigenschaften als Folge des Eigenwillens entzündet. Darum spricht Böhme über das dritte Prinzip, das Feuer und das Licht in einem unheiligen Zusammengehen: Gott in Zorn und Liebe ist die Basis der irdischen Schöpfung. In der Schöpfung, worin wir leben, ist der Mensch und jedes Geschöpf und jegliches Ding eine Vermischung von Gut und Böse. Alles kommt von dem bösen Salniter. Die Natur, der Mensch, bringt durch die unreinen Kräfte, durch die bösen Eigenschaften, unreine Früchte und Werke hervor.

Weil in dieser Welt die sieben Kräfte nicht mehr in Harmonie miteinander arbeiten, sondern in Disharmonie sind, in einem gegenseitigen Streit, deshalb ist auch Streit im Menschen. Die sieben Geister sind nicht in jedem Menschen im gleichen wechselseitigen Verhältnis anwesend. Daher entstehen Gegensätze zwischen den Menschen. Deshalb unterliegt der Mensch Spannungen, und in Wahrheit brennt er. Man könnte sagen, dass die ganze unheilige Schöpfung im unheiligen Feuer brennt.

Nun kann der Mensch in dieser Natur dadurch einigermaßen etwas von der reinen Natur erfahren, indem er diese Welt studiert. Auch wenn all das, was die Natur dieser Welt hervorbringt, unheilig und böse ist, so ist es doch eine Wiederspiegelung dessen, was in der reinen Schöpfung auftritt, wenn sich auch der sterbliche Mensch von dieser reinen Schöpfung kein gutes Bild machen kann.
Der Kampf des Menschen gegen das Böse in ihm
Bei Böhme ist also die Rede von zwei Naturen, zwei Schöpfungen. Er unterscheidet außerdem auch zwei Menschentypen. So spricht er zum ersten von Menschen, die Engeln gleichen, das heißt, Geschöpfen, die aus der Harmonie der Wirkung der sieben Kräfte, aus dem ersten und zweiten Prinzip, entstanden sind: der ursprüngliche Mensch und der Mensch, der einmal wieder entstehen wird, wenn der gute Weg bewandelt wird, leben in der Harmonie der Wirkung der sieben Urgeister. Ohne die Harmonie in der Zusammenarbeit dieser Kräfte ist die Rede von dem zweiten Menschentyp: dem sterblichen Menschen, einem Produkt des dritten Prinzips, genau wie die Erzeugnisse der Natur.

Böhme sagt jedoch deutlich, dass Gott nicht die Ursache ist, dass der Mensch verloren geht. Der Mensch verursacht seinen Untergang selbst. Der Wille spielt in diesem Prozess eine essentielle Rolle. Wir möchten Ihnen gerne näher übertragen, was Böhme hierüber mitteilt.

Der ursprüngliche Mensch stellte – durch das Gift Luzifers dazu gebracht – das Selbst zentral. Darauf richtete sich sein Wille und das damit verbundene Verlangen. Dadurch kam das Geschöpf aus der Einheit in die Vielfalt, in die Gegensätze, und wurde empfänglich für das Gute und Böse. Der ursprüngliche Wille und die reine Natur (das erste Prinzip, Gott der Vater) wurden wirkungslos im Menschen. Damit wurde auch das zweite Prinzip, das Licht (Gott der Sohn) für den Menschen ausgelöscht. Und so kam das dritte Prinzip zur Manifestation, und es entstanden die tierischen Formen und die irdische Ausrichtung. Böhme spricht in diesem Zusammenhang über das zweite Prinzip als über „das Königreich Gottes”. In diesem Prinzip liegt der Geist der göttlichen Liebe beschlossen. Das Leben des Menschen hat in dieser Welt also seine innerliche Harmonie verloren, weil die sieben Kräfte in Disharmonie in Bezug auf einander stehen. Böhme beschreibt dies mit folgenden Worten: „Er hat den ewigen Frieden verloren und lebt sein ruheloses Bestehen in der vergänglichen Schöpfung. Das menschliche Leben will herrschen in dem, was als Rauch stets verschwindet. Immer wieder kommt der Mensch in die Finsternis, in den andauernden, unlöschbaren, schmerzlichen Feuerquell” (Six Theosophic Points).

Böhme berichtet weiter, dass die Liebe Gottes dem Menschen unmittelbar nach dem Fall zu Hilfe kam. Sein Atem ging aufs neue in die getötete ursprüngliche Natur ein und bildete einen neuen Quell von Liebe und Frieden: den Christus. Diese Kraft kann für den Menschen, entstanden aus dem dritten Prinzip, eine neue Basis bilden, eine Kraft, mit deren Hilfe das Unheilige ausgelöscht werden kann. Die Liebe Gottes strömte aus in den Christus und machte die Wiederherstellung der ursprünglichen Prinzipien möglich dadurch, dass ein Weg durch den Tod gebahnt ist, wie Böhme das nennt. Der Menschheit ist durch die Christus-Kraft eine geöffnete Tür der Gnade gegeben. Böhme zitiert in diesem Zusammenhang Joh. 15 Vers 5: „Ohne Mich könnt ihr nichts tun.” Darum muss der Mensch seinen Willen vollkommen der göttlichen Gnade übergeben, in dieser Kraft aufgehen, das heißt: sich freimachen von den vergifteten Kräften.

Der Mensch muss – in dieser Christus-Kraft – seinen Willen vollkommen Gott übergeben; er darf dem Willen seines sterblichen Körpers nicht folgen. Es ist begreiflich, dass Böhme an diesem Punkt die Notwendigkeit von „Erkenntnis” betont, bleibt doch ohne diese Erkenntnis der Wille und die damit zusammenhängende Begierde auf das Irdische gerichtet. Erkenntnis des Kosmos und Selbsterkenntnis sind unentbehrliche Voraussetzungen für die fundamentale Veränderung. Übergibt er jedoch seinen Willen, dann steht der Mensch im Schöpfenden Atem; denn all „das Willenlose” in diesem Sinne ist mit dem Nichts verbunden, ist eins damit, ist aus dem „Ungrund” – aus dem göttlichen Wesen selbst. Der Mensch herrscht dann über das Äußerliche, über das Irdische, oder, in anderen Worten: über die sterbliche Begierde oder den Willen. Böhme sagt ja deutlich, dass in der sterblichen Begierde oder dem Willen der Kern, die Essenz des Teufels liegt. Er nennt dies „das Bild”. (Übrigens gebraucht Böhme wiederholt den Begriff „Bild” in Zusammenhang mit dem Zustandekommen von Leben. Der göttliche Atem verleiht den Bildern Leben, Kraft. Mit dem Wort „Bild” deutet Böhme also eigentlich die essentiellen Kennzeichen einer Schöpfung an).

Böhme zeigt auf, dass das Ziel, die Übergabe des Willens, mit großem Streit gepaart geht. In allen seinen Schriften beschreibt er seinen eigenen Kampf gegen das Böse an vielen Stellen und auf vielerlei Arten, und er spornt den Leser stets an, das Gleiche zu tun. Wir zitieren: „Unser Leben ist ein fortwährender Streit mit dem Teufel. Dieser Streit ist der edle Ritterkranz, er dauert fort, bis der alte Adam-Mensch getötet wird; in diesem alten Adam hat Satan Zugang zum Menschen… Wenn er überwunden ist, so geht die Himmelspforte meines Geistes auf; dann sieht der Geist das göttliche und himmlische Wesen; nicht außerhalb des Körpers, sondern im Urquell des Herzens öffnet sich eine Tür, wodurch Ausblick entsteht auf dasjenige, was der Geist vermittels des Gehirns als stofflichem Sinneswerkzeug von den höheren Dingen sieht.” (Aurora)
Die Art von Böhmes Gedankenbildern und Erwägungen
Nun, da wir uns dem Ende unserer Lesung nähern, sollten wir der Art von Böhmes Gedankenbildern noch einige Aufmerksamkeit widmen. Wenn wir die Literatur über Böhme in diesem Punkt zu Rate ziehen, können wir feststellen, dass seine Schriften auf viele verschiedene Weisen beschrieben und beurteilt werden. Die Akzente werden wechselweise gesetzt: der eine Autor legt den Nachdruck auf die Offenbarung, wodurch Böhme zur Einsicht kommt; ein anderer beschäftigt sich vor allem mit dem Stil, worin er sich ausdrückt, und seinem Gebrauch von Symbolen und Begriffen, denen er einen eigenen Inhalt verleiht. Wieder andere berichten über den hirtenhaften Charakter vieler seiner Texte oder die religiös-philosophische Art seiner Schriften.

Ein ganz eigene Sicht kommt von Dr. C. Gilly zu uns. Er weist auf den gnostischen Charakter von Böhmes Werk hin. Indem wir seine Argumente ergänzen, können wir feststellen, dass die Denkbilder und Erwägungen Böhmes deutlich von gnostischer Art sind:

* Es ist deutlich die Rede von zwei Offenbarungen, nämlich einer reinen Natur und einer unreinen Natur, wobei diese letztere gekennzeichnet ist durch Gut und Böse, Licht und Finsternis. Die unreine Schöpfung hat einen Beginn und ein Ende.

* Das Gute und Böse in der zeitlichen, unreinen Natur sind kosmische Kräfte. Das „Ewige” umschließt die unreine Schöpfung; es ist in der unreinen Schöpfung anwesend, ohne ein Teil davon zu sein.

* Die Auferstehung, d.h. die Rückkehr zur reinen Schöpfung, ist nicht ohne weiteres ein automatischer Prozess. Es muss im Menschen eine fundamentale Veränderung in sieben Kräften stattfinden, eine Veränderung, die durch die Liebe Gottes möglich wird, durch den Christus. Bedingung dafür ist, dass der Mensch danach verlangt, die unreine Schöpfung zu verlassen und sich freiwillig der Gnade Gottes übergibt.
Die modernen Rosenkreuzer und Böhme
Die Sicht, die Jakob Böhme entwickelt hat, stellt ihn in die Reihe christlicher Gnostiker, die seit dem Anfang des Christentums ihre Stimme hören ließen, alle schöpfend aus „dem unvergänglichen Quell des gnostischen Christentums”. In der heutigen Zeit sind es die Gründer der Schule des Goldenen Rosenkreuzes, J. van Rijckenborgh und C. de Petri, die diese Sicht zur Menschheit gebracht haben, die die gnostische Philosophie, von welcher auch Jakob Böhme sprach, „erneut der Welt umsonst anbieten”.

Vortrag: C. Goud

Übersetzung ins Deutsche: Ursula Klee

Literatur
Werke von Jakob Böhme:
Theosophische Sendbriefe Herausgegeben von Gerhard Wehr. Insel-Verlag
Von der Gnadenwahl Herausgegeben von Gerhard Wehr. Insel-Verlag
The Signature Of All Things (Signatura Rerum) Published by James Clarke & Co. Ltd.
Aurora Of Het Morgenrood In Opgang Uitgevers Mij "Hora Est" Haarlem
The way to Christ Christian classics Ethereal Library, Calvin College
Six Theosophic Points (Sex Puncta Theosophica) Ann Arbor Paperbacks
The Clavis or key John M. Watkins ltd.

Übrige Literatur:
Die Erläuterungen und Worterklärungen in Uren met Jacob Boehme dr. A.H. de Hartog, Uitgeverij Hollandia (Wiederauflage Rozekruis Pers)
"Das Bekenntnis zur Gnosis von Paracelsus bis auf die Schüler Jakob Böhmes" Dr. C.Gilly in De hermetische Gnosis in de loop der eeuwen red. Prof. Dr. G. Quispel
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