Vortrag

Welche Wahrheit bringt uns Frieden?

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Vortrag von Gerard Olsthoorn

Vortrag 1 Welche Wahrheit führt zum wahren Frieden?
Gerard Olsthoorn

Vortrag 2 Frieden erfordert eine innere Umkehr
Christiaan Tegel

Vortrag 3 Das überwindende Licht des Friedens
Ineke van der Willigen

Übersetzung:
Ursula Klee

Es existiert eine goldene Kette, die die Menschheit zu allen Zeiten begleitet, und darin leuchten viele Namen auf. Ihre Sicht auf Welt und Menschheit kommt in einem Kernsatz von Hermes Trismegistos zum Ausdruck: „Der Mensch ist ein großes Wunder, o Asklepios”.
Welche Wahrheit führt zum wahren Frieden?
„Die Menschheit sucht nach Befreiung, aber die Befreiung ist schon da. Die Menschheit sucht nach einem starken Helden, doch der starke Held ist schon da. Die Menschheit sucht nach einer erlösenden Philosophie, aber diese ist schon da. Einige suchen nach befreiender Magie, und die Magie ist schon da.” – J. v. Rijckenborgh

Jeder von uns kennt Augenblicke, in denen man sich ganz absichtslos Dingen bewusst wird, an denen man normalerweise vorbeigeht. Das können Momente sein, wo man unbewusst, ohne etwas zu wollen, auf etwas schaut. Plötzlich fällt einem auf, wie unerhört zierlich einige Pflanzenstängel gebogen sind, aus denen viele hauchzarte kleine Blättchen hervorkommen. Sie verzweigen sich immer feiner in die stille Atmosphäre, wo sie ihr eigenes Leben führen. Es ist – so fällt einem auf – ein Leben in einer sehr subtilen und stillen Welt.

So scheinen auch die zwei Kinder, die auf der Treppe mit einander über verschiedene Dinge sprechen, abgeschlossen vom Rest der Welt. Das eine hängt so ein wenig am Treppengeländer und schaut umher, während es spricht. Sein Freund sitzt mitten auf der Treppe auf einer Stufe und schaut auch umher. Sie sprechen über verschiedene zusammenhanglose Dinge. Es ist, als ob sie in einer großen Seifenblase säßen, der Umgebung völlig unbewusst. Es ist ihre eigene Welt mit ihrer eigenen vollkommen ruhigen und friedlichen Atmosphäre.

Hier diese unvorstellbare Verfeinerung, die Ruhe und Schönheit, die Friedlichkeit und Arglosigkeit, und auf der anderen Seite eine völlig zerrissene, blutige und grausame Welt, wo Hunderttausende auf der Flucht sind, vertrieben und heimgesucht von plündernden und mitleidlosen Banden und Milizen, Hunderttausende, die keine Aussicht auf ein normales Leben mehr haben und aus dem Kreis des Bestehens heraus geworfen scheinen, Parias, ausgeliefert, missbraucht und manipuliert von korrupten Instanzen und Politikern.

Aber es gibt auch viele, die gut leben können und über die Möglichkeit verfügen, über das Dasein und seinen Sinn nachzudenken. Und eine der auftretenden Fragen lautet: Woher kommt eigentlich die Gespaltenheit, worin der Mensch existiert – einerseits Ruhe, Stille, Glück, und andererseits das nicht zu begreifende Leid von Mensch und Tier? Und dann geht es nicht allein um die Frage und auch nicht um die theoretische Antwort, sondern dann wird eine wesentliche Antwort gebraucht!

Die theoretische Antwort könnte lauten: Ja, die zahllosen Menschen – Kinder, Erwachsene, Heranwachsende – müssen eben durch viele Erfahrungen gehen. Oder: Das ist das Karma, das Schicksal, es ist das Gesetz von Ursache und Wirkung, der Kausalität, das sich im Heute auswirkt. Es ist die grauenhafte Verbundenheit und Verflochtenheit von Menschen und Völkern, die Verbundenheit zwischen Verfolgtem und Verfolger, die sich auswirkt und die so der Welt ihren Stempel aufdrückt, mitten in die rauchenden und qualmenden Brandherde der Menschheit hinein, aber auch jedem Menschen im Besonderen. Denn auch hier, in jedem einzelnen Menschen, wütet ein Kampf, der manchmal sehr gnadenlos ist. Doch diese Antwort befriedigt nicht. Sie gibt wohl eine Erklärung, aber es ist eine papierene Erklärung, denn wir bleiben Hörer, ja Zuhörer, und unsere Betroffenheit geht nicht über unseren eigenen begrenzten Bestehenskreis hinaus und ist auch zeitlich sehr begrenzt. Wir sind dann wie Verdurstende, die ein Schlückchen Wasser bekommen und danach vertrocknen, austrocknen.

Wir müssen verstehen, dass das Zeitliche stets für den körperlichen, den äußerlichen Menschen ist, dass das Lebendige, das Jetzt und das Vollkommene, die Eine Wahrheit, sich nie und nimmer im Strom der Zeit offenbaren können wird. Unsere Frage, welche Wahrheit wahren Frieden bringt, kann innerhalb des Begriffs- und Bilderrahmens der Zeit nicht befriedigend beantwortet und verstanden werden. Dort gibt es zu viele Erklärungen und Antworten, die einander widersprechen. Damit zeigen sie, dass sie aus abgegrenzten Interessen entstanden und erhalten werden. Alles in unserer Welt wird doch bestimmt von Gegensätzen, das Ja durch das Nein, Ruhe durch Unruhe, Frieden durch Gewalttätigkeit und Spannungen, Licht durch Finsternis. Es besteht dazwischen immer eine Relation, eine innige Verbundenheit. Das Bestimmen und Umringen der Wahrheit in unserer Welt der Gegensätze ist zugleich das Erscheinen der Lüge, des Unwahren. In dem Buch „Mirdad” von Mikhail Naimy wird dies wie folgt erklärt:

„Verlangt ihr nach Frieden? Erwartet ihn dann nicht in wortreichen Dokumenten; und erstrebt nicht, ihn aus den Felsen zu meißeln. Denn die Feder, die bequem „Friede” kritzelt, kann mit derselben Bequemlichkeit „Krieg” kritzeln; und der Meißel, der einritzt „Lasst uns Frieden haben”, kann einfach meißeln „Lasst uns Krieg haben”. Und außerdem werden Papier, Felsen, Feder und der Meißel schnell zerstört durch Motten, Rost, Verwitterung und die ganze Alchemie von veränderlichen Elementen. Nicht so das zeitlose Herz des Menschen, das der Sitz der Heiligen Einsicht ist (…). Ein unwissendes Herz ist ein dualistisches Herz. Ein dualistisches Herz erschafft eine dualistische Welt. Eine dualistische Welt bringt fortdauernd Zwist und Streit hervor.”

Gedanken, Ideen und Bilder werden im Strom der Zeit geboren und vergehen darin wie die Blume im Gras und das Blatt am Baum. Frieden ist ein Wort, Wahrheit ist ein Wort, und sie werden von Unzähligen gesucht. Jedoch in einer Weltordnung der Beziehungen, der Relationen sind sie eng auf das Innigste mit einander verwoben. Sie halten einander instand, sie bestehen aus einander.

Darin liegt die Schwierigkeit, die Sprachverwirrung, der Menschheitskonflikt. Denn wo das eine besteht, besteht das andere. Es gibt stets diese Alternative. So sucht die Menschheit schon seit Hunderttausenden von Jahren bis auf diesen Tag nach einer Lösung und ist, wie es scheint, gerade in unserer Zeit heftiger denn je in einen Weltenbrand verwickelt, der seinesgleichen nicht kennt.

Um zu einer Auflösung zu kommen, die aktuell und direkt wirksam ist, muss die Essenz von Wahrheit und Frieden gefunden werden. Diese wird jedoch nicht in der Vielzahl der Dinge gefunden, in der Vielheit von Ideen, Erscheinungen, Gedanken und Angestrebtem. Wie kann Frieden und Wahrheit im Äußerlichen, in der Welt der Erscheinungen, Begrenzungen und Beschränkungen, der Gesetzmäßigkeit und Kausalität gefunden werden? Wie kann Frieden von einem zerrissenen und unruhigen Herzen ausgehen? Oder wie kann Frieden sein in einem Menschen, der in der Unsicherheit, dem Suchen, dem Zweifel, dem verirrt Sein in Streitigkeiten lebt?

Deshalb ist es nicht unlogisch, dass durch die Zeiten hin bis auf diesen Tag die Urweisheit, in vielen Schriften und Überlieferungen niedergelegt, von der fundamentalen Unwissenheit des Menschen spricht. Kann von reiner und vollkommener Erkenntnis gesprochen werden, wenn sie das Produkt einer Entwicklung entlang der Linie von Ursache und Wirkung ist? Wo ist der Anfang und wo das Ende, wo auf dieser unendlichen Linie liegt die schließliche Antwort?

Der Prolog des Johannes-Evangeliums beginnt mit:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dieses war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch das Wort entstanden, und ohne das Wort ist nichts geworden, das geworden ist…”

Das Wort Gottes ist eine uneingeschränkte, vollkommene, ewige und absolut lebendige Wirklichkeit. Es ist das ewig schöpferische Wort, worin und woraus die ganze Schöpfung besteht und geworden ist. Darin gibt es keinen Tod, kein Sterben oder Untergang im Sinne unserer Natur, dem somit auch der Mensch unterworfen ist.

Und dennoch besteht eine Beziehung zwischen diesem ewig schöpferischen Wort und dem Menschen. Das Wort des Anfangs wird auch in uns, im Menschen, in jedem Wesen und Ding ausgesprochen; es spricht sich aus in unserem Herzen, es steht im Tiefsten und Innigsten unseres Wesens wie mit lebendigen Buchstaben geschrieben als lebendig machendes Wort! Darum „wer Ohren hat zu hören, was der Geist ihm sagt, der höre.”

Das hat nichts mit den Einflüsterungen von Stimmen zu tun, es geht nicht um die krankhafte Mystifikation von Geisteskranken. Es ist das mysterienvolle Lied, das von dem Menschen gehört werden kann, der seine Verbannung in das zeiträumliche Leben durchschaut, durchlebt und erfährt, der innerhalb der Grenzen dieses zersplitternden und kaputtgeschlagenen Lebens seufzt, worin die Religionen ihren Christus, ihre Doktrinen und ihre Heilslehren propagieren.

So kann es geschehen, dass ein Mensch in den trüben Sphären des vom Geist abgetrennten niederen Lebens, in den schlammigen Strömen des verdunkelten Bewusstseins des Ich-Menschen erfahren kann, dass hier doch das Gold reiner Erkenntnis, der Gnosis, aufleuchtet. Und es zeigt sich, dass das Ichbewusste vor dem innerlichen Schauen Risse, ja große Lücken bekommt und in seinem Wahn erkannt wird.

Es wird deutlich, dass längs der Linie des zeitlichen und begrenzten Lebens, des Weges, den der äußerliche Mensch bewandelt, niemals Wahrheit und Friede gefunden werden können. Das Suchen innerhalb dieses Rahmens führt zu Vernichtung oder Verzweiflung und führt den Menschen somit an eine Grenze: die Grenze des Wahnsinns oder die Grenze von Einsicht und Genesung. Wird nun der Mensch, der an dieser Grenze steht, diese überschreiten?

Doch was befindet sich hinter der Grenze? Eine Fortsetzung der Vergangenheit, die ihn bis zu dieser Grenze führte? Eine Fortsetzung der Pein, der Unruhe, des zum Tode verurteilt Seins?
Nein, hinter dieser Grenze wartet, was bereits so lange als schwache Erinnerung, als mysterienvolles Flüstern, als tief gefühltes Heimweh auf sich aufmerksam machte, wie die geheimnisvolle Sphinx, die mit diesem nicht zu beschreibenden Blick über die weite Sandfläche starrt, hin zum fernen Horizont, wo das Licht der aufgehenden Sonne die Finsternis vertreibt. Diese geheimnisvolle Sphinx flüstert:

„Komm, Pilger, der schon so lange im großen Labyrinth der Welt herumirrt, komm und sieh. Folge meinem Blick, öffne nun die Augen deines innerlichsten Wesens, das so lange schon gefangen gehalten wurde durch den Gefängniswärter, den man mich nennt. Sieh, wie das Licht am Horizont deines Bewusstseins dämmert, das Licht, das niemals mehr erlischt, denn es ist das Licht deines wahren Wesens, das von dem flittergoldenen Schein des sich stets verändernden Lebens verdunkelt wurde.

Sieh doch, Menschenkind, das an der Oberfläche des unermesslichen Ozeans der Zeit herumflattert. Nur ein kleines Kräuseln bist du, das eben aufglänzt und schnell wieder verschwindet. Wer bist du, wohin gehst du, und woher kommst du? Worin besteht deine Größe? In der Spur, die du hinterlässt, in deinen Nachkommen, deinen Werken? Haben sie ihre Wurzeln im Ursprung, im Schöpfer selbst? Zeugst du davon in deinem Leben? Fühlst du, kennst du die allumfassende und geheimnisvolle Nähe?”

Sieh ihn an, diesen König, in Lumpen gehüllt, die Tränen, das beiseite geschobene Leid, das er nun nicht will. Und doch erwählt er den glorreichen Augenblick, der winkt – sichtbar, hörbar, fühlbar, beinahe schon erreicht, dieses Glitzern im Kunstlicht der Zeit, obwohl da doch im Hintergrund das Wissen besteht, dass es vorbeigeht… Was ist sie doch, diese Begierde nach der Welt, worin keine Wahrheit, kein Frieden und keine Gnosis bestehen können? Während diese doch nur einen Sekundenbruchteil entfernt sind: die allumfassende Erkenntnis und der Frieden, der allen Verstand übersteigt, wovon zu allen Zeiten ununterbrochen Zeugnis abgelegt wurde!

„Die Menschheit sucht nach Befreiung, aber die Befreiung ist schon da. Die Menschheit sucht nach einem starken Helden, doch der starke Held ist schon da. Die Menschheit sucht nach einer erlösenden Philosophie, aber diese ist schon da. Einige suchen nach befreiender Magie, und die Magie ist schon da.”

Ist hiermit nun ein Mensch gemeint, begabt mit großer Macht, Kapazitäten, Vermögen, Kenntnis? Aber es geht doch nicht um jemanden oder etwas außerhalb von Ihnen, außerhalb des Menschen, jemanden, an den man glaubt, dem man die Leitung seines Lebens anvertraut! Das wäre vielleicht ganz schön, dann braucht man nicht selber die Verantwortung für sein Leben zu tragen. Aber der wirkliche Friede wird damit nicht erreicht, er kann auch nie gefunden werden. Im Gegenteil, man gerät damit in einen immer größeren Konflikt, denn bald melden sich die Angst, der Zweifel und auch der Zwang. Was mit idealistischem Streben begann, mündet in Widerstand und dann in Unterdrückung, Streit und Gewalt.

Was bezwecken wir mit diesen Worten? Suche nicht mit den Augen des äußerlichen Menschen, der du bist. Suche nicht innerhalb der Lebensebene, in welcher unaufhaltsam und gesetzmäßig die Gegensätze einander abwechseln. Pflücke ihre süßen Früchte, aber ernte dann auch die herben und sehr bitteren Früchte! Suche, Mensch, aber nicht mit dem künstlichen Licht des äußerlichen, in sich gespaltenen Menschen, sondern mit dem alles durchdringenden Licht des innerlichen Menschen. Nur in diesem Licht findest du Wahrheit, Erkenntnis, Sinn, Wesen und Bestimmung deines Lebens.

In unserer Zeit gibt es eine enorme Zunahme von Kenntnis, sprich: Information. Und so gibt es auch ein wachsendes Interesse für die hermetische Philosophie, die ihren Ausgangspunkt im Verhältnis zwischen Gott, Kosmos und dem Menschen nimmt. Daraus können wir schließen, dass unzählige Menschen nach Erkenntnis suchen, und dass Kenntnis in hermetischem Sinne nicht von der Vielheit, der Kausalität ausgeht, sondern vom Zusammenhang, der Einheit. Darum heißt es: Gotteserkenntnis oder Selbsterkenntnis ist Erkenntnis des Alls.

Die Philosophie der Schule des modernen Rosenkreuzes hat nichts mit kompliziertem akademischem Wissen oder Sachkenntnis zu tun, sondern sie geht auf das tiefe und wahrhafte Verhältnis zwischen Gott, dem Alleinguten, und dem Menschen ein. Der Ort der Begegnung ist das Herz. Dort wird der erste Stein gefunden, auf dem weiter gebaut werden muss. Deshalb wird der betreffende Schüler ein Tempelbauer genannt, ein Freimaurer; denn die Begegnung findet frei vom Zeitenstrom und außerhalb von ihm statt.

Was im Herzen begann, davon kann noch nicht gesagt werden, dass es vollendet und klar ist. Zwar ist die Verbindung mit der Gnosis schon vollkommen; aber das Bauen, die Rekonstruktion des wirklichen Menschen hat gerade erst begonnen. Zahllose Widerstände müssen überwunden werden, und die Prüfung für den Schüler lautet vorerst, ob er/sie dem Bauplan treu sein und bleiben kann, der sich in ihm oder ihr entfaltet. Die gnostische Philosophie gibt tiefe Einsichten hinsichtlich Ursache und Hintergrund menschlicher Gefangenschaft und Leiden. Sie zeigt fundiert und logisch die Möglichkeiten auf, die Ketten, in denen die Menschheit seufzt, zu zerbrechen. Sie könnten jetzt sagen: schön, das klingt alles sehr gut, aber es gibt doch auch noch andere Methoden und Möglichkeiten, den Fluch, unter dem die Menschheit lebt, zu zerbrechen!

Auf diese Frage kann wie folgt geantwortet werden:

„Ein Mensch, der dabei ist zu ertrinken, versucht nicht, einen Fisch zu fangen; er muss dann etwas Dringenderes tun. So ist es auch mit einem Bewohner dieser Welt; sobald er einsieht, wie schmerzlich seine Situation (und die seines Mitmenschen) ist, werden seine Handlungen so sehr auf die Rettung seiner Seele gerichtet sein, dass er für weltliche Güter und Freuden kein Auge mehr hat.” („Ermahnung der Seele”, Kristallserie 1, Rozekruis Pers 1993, S. 38)

In der Praxis zeigt es sich jedoch, dass es der Selbstbehauptungstrieb ist, der einer wirklichen Verinnerlichung, einer deutlich nachweisbaren Veränderung, einem Weg zum innerlichen Menschen im Wege steht. Es geht dann auch nicht um die Selbstbehauptung des animalischen naturmenschlichen Typus, der jede eingreifende Veränderung der Wesenswirklichkeit abweist. Denn dieser Menschentyp ist vollkommen eins mit den Auf- und Niedergängen unserer Naturordnung. Er fühlt sich darin so wohl wie ein Fisch im Wasser.

Nein, es ist gerade der Kulturmensch, der sich so sehr an seinen erworbenen Kulturwerten festhält und hierin so außerordentlich konservativ zu sein scheint. Man kann wohl davon sprechen, dass man die Menschheit liebt; aber tut man es dann auch in Wirklichkeit? Wenn ich etwas sage, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch wahr ist. Wir sind in dieser Hinsicht sehr gespalten; was ich liebe, ist oft Wunschdenken; und was Realität ist, das liebe ich nicht. Das ist unsere Gespaltenheit und die der ganzen Menschheit. „Was ich tun will, das tue ich nicht, aber was ich nicht will, das tue ich”, klagt Paulus.

Warum – so kann man fragen – besteht diese Gespaltenheit zwischen Himmel und Erde, zwischen Licht und Finsternis, zwischen Mann und Frau? Nun, um die Liebe, von der Paulus in seinem bekannten ersten Brief an die Korinther spricht, sichtbar, erkennbar und wirksam werden zu lassen!

Damit das Gesetz, das den Menschen innerhalb des Jochs der Gegensätze gefangen hält, zerbrochen wird und der Mensch in Freiheit dem Alleinguten begegnen kann. Kann denn der Mensch dieses Gesetz durchbrechen, ist er denn dazu fähig? Paulus sagt in seinen Briefen: das Gesetz ist gut und fundamental. Doch wenn ich die Liebe nicht habe, was soll ich dann mit dem Gesetz? Wenn die Liebe nicht anwesend ist, die nur in Freiheit bestehen kann, dann wäre doch das ganze Leben vollkommen sinnlos?

Sie, wir, könnten dann auch noch fragen: wo finden wir die Beweise für diese Liebe? Nun, meine Freunde, wenn die Liebe vollkommen ist, wenn ein tiefer Glaube vorhanden ist, dann ist ein Beweis doch nicht nötig. Wenn alles gut ist, dann fehlt doch nichts. Aber das ist keine Realität, sagen Sie und sagt die Welt. Aber in der Liebe, im wirklichen Glaubenserleben ist es die Vollkommenheit. Denn darin besteht kein Zweifel, keine Gespaltenheit oder Zurückhaltung. Deshalb sagt man: Gott ist Liebe. Und darin findet der Mensch seine Vollendung und ist dann in Wirklichkeit seines Bruders Hüter.

Es ist die Rose der Liebe, die alles trägt und nährt, und diese Rose blüht! Von ihr geht ein ununterbrochener reicher Strom von Liebes-Weisheit aus. Sie trägt Frucht in jenen, die sich mit diesem „Herzen der Welt” verbunden wissen. Das Leben und Arbeiten in den Orten der Zeit erhält damit einen sehr tiefen Sinn. In der Rose ist der glaubende Mensch mit der gesamten Schöpfung verbunden. Darin kennt er sein Ziel, seinen Platz und seine Bestimmung. Es ist die lebendige Bindung an die Welt, an alles Leben von Pflanze, Tier, Mensch und Welt.

Im Licht der Rose erhält alles seine Bedeutung. Alles atmet in der magischen Sphäre der Rose. Denn der Mensch ist ein Reisender. Er reist im Strom der Zeit, getrieben durch ein meist unverstandenes Verlangen nach dem, was er verloren hat. Deshalb hat Krankheit einen Sinn; sie hält den Menschen wach. Er erstarrt nicht allmählich in einem wohl eingerichteten Dasein. Wohin führt uns diese irdische Reise? Finden wir hier Erfüllung, Glück, Frieden und Wahrheit? Ja, das gibt es hier bereits. Aber wir, der Mensch, sollen das Leben und unsere Beziehung dazu ohne eine Ausnahme heiligen! Und zwar dort, wo wir uns auch gerade befinden und wo wir arbeiten. So ist der Mensch dann König und Priester, wie es die Alten nannten: König durch seine Verbundenheit mit der mystischen Rose, Priester durch seine Vermittlung zwischen Ewigkeit und Zeit, zwischen Himmel und Erde, Arzt, weil er den Menschen aus seiner Uneinigkeit erlöst.

Fotos: Christel und Hermann Achenbach
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