Vortrag

Vorwort zum Kunst-Symposium

Erziehung von Dionysos 20 nach Chr.

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Vortrag von Hermann Achenbach

Es fehlte nicht viel, und unsere Zeit hätte einen der wichtigsten Künstler des
20. Jahrhunderts, Pablo Picasso, nie erlebt. Das Kind kam am 25.10.1881 in Malaga zur Welt und schien tot zu sein. Man versorgte es mit den damals üblichen Mitteln, doch der kleine Körper blieb leblos. Über die winzigen, eiskalten blauen Lippen kommt kein Hauch. Ein Wesen will sich seinem außergewöhnlichen Schicksal entziehen? Beunruhigt bemüht sich der Bruder des Vaters, Dr. Salvador Ruiz Blasco, um das Kind. Es sieht so gesund aus, und dennoch will „der Tod es dem Leben streitig machen”. „Damals rauchten Ärzte dicke Zigarren,” erzählte Picasso. „So eine rauchte auch mein Onkel. Er blies mir den Rauch ins Gesicht. Ich schnitt eine Grimasse und begann zu schreien.”

Man fragt sich angesichts dieser Geschichte, welche Bedingungen und Schicksalswege eintreten müssen, damit in dieser prekären Welt die Kunst erscheinen kann. Offenbar musste der Weltgeist selbst in Form des Onkels Salvador eingreifen, um dem Künstler mit dem Rauch einer dicken Zigarre den Lebensatem einzuhauchen.

Wie sähe die Kunstwelt aus, wäre sie, um im Bild zu bleiben, von vielen Onkels dieser Art bevölkert, die ihren als Zigarrenrauch getarnten metaphysischen Odem von Zeit zu Zeit in die Ateliers bliesen? Vielleicht würden Künstler plötzlich grimassierend und schreiend innehalten und nach dem Ursprung des Zigarrenrauches fragen, der sie unverhofft umweht. Vielleicht würden sie, wie die von dem Gott Dionysos inspirierten Mänaden, aufbrechen, um in der Natur und in ihrem Inneren nach dem Geist zu suchen.

In früheren Zeiten schöpften die Künstler angeblich unmittelbar aus den geistigen Welten. Der Mensch sei ein Gefäß gewesen, heißt es, das die spirituellen, geistigen Impulse aufnehmen könne, die sich in der Welt ausdrücken wollen. Hat sich etwas von diesen Kontaktmöglichkeiten in die heutige Zeit hinüber gerettet? Oder ist Kunst unter modernen Bedingungen etwas ganz anderes, neues? Transzendenz ist zwar heute im Pluralismus der Wissensformen und Stile möglich, doch der Zeitgeist folgt dem säkularen Programm. Dabei sind seit einigen Jahren ein erwachtes Interesse und eine größere Offenheit gegenüber religiösen und transzendenten Weltbildern zu beobachten. Danach, was die Seele denn sei, fragen neuerdings auch Mediziner und Hirnforscher. Doch nach wie vor wird das Problem mit quantifizierenden Verfahren nicht gelöst werden können.

Tatsächlich sind auch heute Künstler und Kulturschaffende aller Art vom Spirituellen berührt und lassen dies durch ihre Werke durchscheinen und durchklingen. Denn die Kunst folgt der inneren Notwendigkeit des „Ewig-Objektiven” im „Zeitlich-Subjektiven”.

Im Sinne des „Erweiterten Kunstbegriffs” beschränkt sich allerdings die künstlerische Praxis nicht auf die klassischen Genres und ebenso wenig auf die Innovationen in den verschiedenen Gattungen oder auf deren weitere Ausdifferenzierung. Die Diskussion und der Dialog sind zentrale Ausdrucksmöglichkeiten der „Sozialen Plastik”. In diesem Sinne ist das Projekt „Die Verwandlung der Wirklichkeit – Kunst und Spiritualität nach der Postmoderne”, zu dem in dieser Publikation vier Kulturschaffende ihre Ideen vorstellen, die Einladung zu einem Dialog.

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