Vortrag

Über das Wesentliche im Menschen

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Vortrag von Dr. phil. (rer.nat.) Roger Kalbermatten, Kesswiel/Bodensee

Symposium: Paracelsus – Vom Sichtbaren zum Unsichtbaren

Große des Geistes haben oft ein philosophisches Gebäude hinterlassen, dessen Kraft und Ästhetik uns heute noch erbaut. Nicht so Paracelsus! Paracelsus war ein Zerbrecher und Erneuerer. Er beunruhigte und bewegte. Seine Botschaft enthält Sprengstoff, der bis heute noch kaum gezündet wurde. Darum verfolgen Sie im letzten Teil dieser Vortragsreihe aufmerksam seine revolutionärsten Worte.

Die drei Ebenen

Paracelsus ist zeitlos. Seine Botschaft spannt einen Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft. Für viele hat Paracelsus nur noch eine historische Bedeutung. Für andere ist er sehr aktuell. Und für wenige enthält seine Botschaft eine zukünftige Dimension, die jetzt schon vorbereitet wird.

Diese drei Zeitaspekte spiegeln die drei Ebenen seines Wirkens. Paracelsus setzte neue Impulse auf der körperlichen und auf der seelischen Ebene und führt uns schliesslich zum göttlichen Kern im Menschen.

Auf der materiellen Ebene fordert Paracelsus eine unvoreingenommene Beobachtung der Phänomene. Der Arzt und Naturforscher soll das Überlieferte, die alten Hypothesen kritisch hinterfragen und eigene Nachforschungen und Beobachtungen anstellen.

Diese Forderung wird durch die exakten Naturwissenschaften – die Physik und Chemie – erfüllt. Für sie hat Paracelsus eine rein historische Bedeutung im Sinne eines Pioniers der objektiven Forschung.

Doch die Biologie und mehr noch die Medizin stoßen mit ihrem mechanistischen Paradigma an Grenzen. Herrscht nicht grosse Rat- und Machtlosigkeit in der Schulmedizin angesichts der meisten Zivilisationskrankheiten?

Der Grund dafür ist offensichtlich: Leben kann nicht auf der materiellen Ebene allein erklärt werden. Um Leben zu verstehen, muss man eine höhere Ebene einbeziehen, eine feinstofflich-energetische Ebene.

In den Hochkulturen aller Zeiten wusste man von einer Lebenskraft, die den materiellen Körper belebt. Es war Paracelsus, der die Lebenskraft und die Seele in einen kosmischen Bezug setzte. Er erklärte, wie der stoffliche Körper belebt und beseelt wird durch ein feinstoffliches Abbild des Kosmos, den Mikrokosmos. Der Mikrokosmos ist durch ein vielfältiges Beziehungsnetz in den Makrokosmos eingebettet.

Der Arzt soll also, laut Paracelsus, nicht nur den stofflichen Körper betrachten, sondern den Menschen als Mikrokosmos sehen und seine Beziehungen zur großen Welt in seine Diagnose und Therapie mit einbeziehen. Diese Botschaft ist heute wieder aktuell geworden. Paracelsus wird als Pionier für die Ganzheitsmedizin, die die feinstofflich-energetischen Zusammenhänge berücksichtigt, gesehen.

Ein grosses Verdienst gebührt dabei Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie. Durch seine geisteswissenschaftlich erweiterte Naturwissenschaft und Medizin erfährt das, was Paracelsus in einer Übersicht, wie in einer Vogelperspektive dargestellt hat, eine ganz wesentliche Vertiefung und wurde praktisch anwendbar.

Doch darin erschöpft sich das Lebenswerk des Paracelsus noch nicht. Die zwei bisher behandelten Ebenen bilden erst das Fundament, das nötig ist, damit Paracelsus sein Hauptanliegen, seine geistige Botschaft übertragen konnte. Diese Botschaft enthält eine gewaltige Zukunftsperspektive, die dem Menschen seine geistige Würde wiederzugeben vermag. Doch es sind erst wenige, die die Kernbotschaft des Paracelsus verstehen und umsetzen.

Der geistige Kern seiner Lehre lautet:
Der Mensch ist nicht nur ein sterbliches körperlich-seelisches Wesen, das in den Kosmos eingebettet ist, sondern er ist potentiell auch ein ewiges, geistiges Wesen, das über dem sichtbaren Kosmos steht.

Es ist auffallend, wie nachdrücklich Paracelsus immer wieder betont, dass das natürliche Lebenssystem des Menschen, also der materielle Körper und der feinstofflich-kosmische Körper, beide sterblich sind. Doch im Herzen des Menschen liegt ein Prinzip des ewigen Menschen verborgen, der einstmals als Bildnis Gottes erschaffen wurde. – Doch darauf möchten wir später noch eingehen.

Verhältnis von Philosophie und Naturerkenntnis

Es ist allgemein bekannt, dass Paracelsus ein grosser Arzt war, der viele ans Wunderbare grenzende Heilungen vollbrachte und ausserdem ein umfangreiches, schriftliches Werk hinterliess.

Man könnte nun annehmen, dass in seinem Werk viele hochwirksame Rezepturen und geheime Formeln als Schätze verborgen liegen, die man bei eifrigem Nachforschen wieder entdecken und anwenden kann.

Doch die Ausbeute an konkreten Angaben ist – gemessen am Umfang seines Werkes – enttäuschend. Denn es geht Paracelsus immer ums Prinzip, um die Philosophie, um das Verständnis von Mensch, Natur und Gott. Es geht ihm nicht um praktisch anwendbare Methoden und Rezepturen. Wenn er dennoch einige Hinweise über konkrete Heilpflanzen, Mineralien oder Rezepturen gibt, will er damit das zugrunde liegende, geistige Prinzip verständlich machen.

Eine Paracelsusmedizin kann nicht darin bestehen, Rezepturbeispiele dieses großen Arztes aufzuspüren und nachzumischen. Damit würde man ihn geradezu ad absurdum führen – ihn, der doch immer wieder betont, wie jede Zeit ihre eigenen Krankheiten hat und daher auch ihre eigenen Heilmittel braucht. Es würde seinem Geist zutiefst widersprechen, da er doch alle Bücherweisheit über Bord warf und zu autonomer Forschung aufrief.

Es ging ihm nicht um das fertige Rezept, sondern um das wahre Verständnis vom Menschen und seinem kosmischen Bezug. Paracelsus war eine leuchtende Fackel am Beginn einer neuen Zeit. Er beschritt einen neuen Weg und rief mit lauter Stimme: Mir nach, mir nach! Doch er hinterließ keine Wegbeschreibung, der man einfach folgen konnte, sondern er zeugte vom Licht, in dem jeder diesen Weg selber erkennen und beschreiten muss.

Es ist ein Weg, dem im Licht der Natur nachgefolgt werden muss. Das Licht der Natur muss uns führen, wenn wir die Zusammenhänge von Mensch und Natur, von Krankheit und Heilung erforschen wollen. Wenn wir in der Tugend stehen und dem Licht der Natur folgen, dann kann für uns einmal das ewige Licht aufgehen, das ewige Licht, das hoch über dem Licht der Natur steht.

Untersuchen wir nun den Begriff „Licht der Natur”. Was versteht Paracelsus darunter?
Um Erkenntnis und Weisheit zu erlangen, benötigen wir Licht. Deshalb spricht man vom Licht der Erkenntnis oder von Erleuchtung.

Sie befinden sich zum Beispiel in einem völlig dunklen Raum und müssen sich bewegen. Sie werden sich stossen und vielleicht auch fallen, denn sie können sich nicht orientieren. Nun wird ein Fenster geöffnet und Licht strömt in den Raum. Sofort können Sie sich orientieren und finden ihren Weg.

So ist das Licht der Natur. Das Licht der Natur ist ein kosmisches Strahlungsfeld, mit dem unsere Seele in Resonanz treten kann. Dadurch entsteht ein seelisches Vermögen, wodurch die verborgenen Zusammenhänge zwischen innerer und äusserer Welt, zwischen Seele und Körper, zwischen Mensch und Natur erkannt werden können.

Jedoch die wissenschaftliche Erkenntnis steht nicht im Licht der Natur. In unserem Gleichnis vom dunklen Raum entspricht der Intellekt nur dem Abtasten mit den Händen. Wissenschaftliche Erkenntnis ist auf das Äussere beschränkt. Sie führt zur Kenntnis der Anordnung und äusseren Form der ertasteten Gegenstände. Doch die inneren Zusammenhänge können nicht erkannt werden.

Der Mensch, der im Licht der Natur zu schauen vermag, erkennt das Wesen der Dinge, er erkennt die Beziehungen zwischen den verschiedenen Ereignissen, auch wenn sie keinen linear-kausalen zeitlichen Zusammenhang haben. Bei der Erkenntnis im Licht der Natur ist das Haupt und das Herz beteiligt. Es ist die Weisheit durch die Intuition des Herzens.

Damit das Licht der Natur in uns aufgehen kann, muss das Bewusstsein von der Einheit aller Geschöpfe im Kosmos vorhanden sein. Alles ist mit allem verbunden. Nichts besteht isoliert vom anderen.

Doch ist wirklich alles eins? Wenn sich das Bewusstsein allein auf den Körper beschränkt, kommt eher das Gefühl eines Getrennt-Seins auf. Wir erfahren doch immer wieder schmerzhaft die Begrenztheit und Einsamkeit unserer körperlichen Existenz.

Damit von Einheit gesprochen werden kann, bedarf es eines vermittelnden, seelischen Prinzips. Das, was die Teile zu einem höheren Ganzen verbindet und unter ein einheitliches Gesetz stellt, ist der Kosmos mit seinen Lichtern, Strahlungen und Energien. Sie beherrschen und bewegen mit ihren Bahnen und Rhythmen alle und binden alles zusammen.

Der elementische und der firmamentische Leib

Auch der Mensch besitzt einen immateriellen, energetischen Körper, dessen Struktur ein Abbild des Firmaments, des Kosmos ist. Paracelsus nennt ihn den firmamentischen Leib. Dieser Leib ist eine verkleinerte Kopie des Kosmos, also ein Mikrokosmos.

Da der Kosmos verschiedene Strata, d.h. Energiefelder verschiedener Dichte besitzt, ist auch der firmamentische Leib in mehrere Ebenen unterteilt. Hören wir Paracelsus über die Zusammensetzung des Menschen:

Erstens (ist da) der Leib, nach dem Leib der Regierer; nach demselben der empfindsame Leib, nach demselben sein König, der ihn regiert; danach ein König, der den Menschen regiert.(Peukert, Paracelsus Bd. 3)

Wer vertraut ist mit der anthroposophischen oder esoterischen Terminologie, findet hier Bekanntes:

– Zuerst ist also der Leib, der grobstoffliche Körper. Paracelsus spricht vom elementischen Leib, da er aus den 4 Elementen zusammengesetzt ist: aus festen, flüssigen und gasförmigen Stoffen sowie aus dem Element der Wärme.

– Dann ist da der Regierer, das heisst die Kraft, die den materiellen Körper bewegt und belebt, der Ätherleib.

– Danach kommt der empfindsame Leib, d.h. der Astralleib, der die Sinneswahrnehmungen, die Empfindungen, Gefühle und Begierden ermöglicht.

– Weiter gibt es den König, der den Astralleib regiert, also das Ich oder den Mentalkörper.

– Dann unterscheidet Paracelsus noch ein fünftes Wesensglied des Menschen, den König, der den Menschen regiert, das ist das höhere Selbst.

Dieses höchste Glied bezeichnet Paracelsus auch als das fünfte Wesen. Das fünfte Wesen sei ein Auszug aus den Elementen und dem Firmament. Es ist das Wesentliche, die Quintessenz des Menschen. Quintessenz darum, weil es als fünftes über den vier anderen Gliedern steht und diese führt, eben wie ein König. Und er fügt noch hinzu, es gäbe zwei Quintessenzen, eine wirksame, sterbliche und eine latente, unsterbliche.

Der Mikrokosmos, dieses komplexe Lebenssystem Mensch sei vollumfänglich sterblich. Nicht nur der aus Elementen zusammengesetzte stoffliche Leib also ist sterblich, sondern auch das belebende und beseelende mikrokosmische Prinzip ist vergänglich.

Er erklärt: jeder Leib stirbt in seinem Gebiet. Der elementische Leib wird in das Grab gelegt und stirbt in den Elementen, der firmamentische Leib kommt nach dem Tod ins Firmament und wird dort aufgelöst.

Paracelsus sieht deshalb keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen der bisher dargelegten Zusammensetzung des Menschen und dem Tier. Denn auch das Tier besitzt einen elementischen und einen firmamentischen Leib und ist sterblich in beiden. Paracelsus stösst den Menschen gnadenlos von seinem Sockel als Krone der Schöpfung und stellt ihn auf die gleiche Stufe wie das Tier. Seine ganze Weisheit und Vernunft sei viehisch. Er wird nicht müde, dies zu unterstreichen.

Diese Degradierung des Menschen geschieht aber nur, um ihm seine wahre Würde von Gottes Gnaden wieder geben zu können. Doch die wahre Würde liegt nicht im vergänglichen Mikrokosmos, der ein Abbild des ebenso vergänglichen Kosmos ist.
Wir wissen, auch die Sterne erlöschen einmal und somit ist das sichtbare Universum vergänglich. Das Wesentliche im Menschen aber ist ewig. Das Ewige im Menschen steht nicht unter dem Gesetz des Kosmos. Es steht über dem Firmament.. Paracelsus bezeichnet das Ewige im Menschen als den Geist des Bildnisses. Mit Bildnis meint er den ursprünglichen, ewigen Menschen, der von Gott nach seinem Bildnis geschaffen wurde.

Das Gottesbildnis steht über dem sterblichen Gestirn. Aber dieses Bildnis besteht nicht mehr als entfaltetes, wirksames Wesen, sondern nur als Geist des Bildnisses.
Paracelsus benutzt den Begriff „Geist” in diesem Zusammenhang, um ein verborgenes Prinzip anzudeuten.

So ist der Geist des Bildnisses das latente Prinzip des ursprünglichen göttlichen Menschen. Hören wir Paracelsus in seinen eigenen Worten: „Wenn ich gleichwohl den Menschen ein Tier nenne, so weiss ich doch wohl die Unterschiede zwischen dem Menschen und den Tieren; die liegen allein im Geist des Bildnisses. Das muß ich auf das höchste beton.” (Peukert, Paracelsus Bd. 3)

Obwohl sterblich, vermag der Mensch grosse Weisheiten und Künste zu entwickeln.
Durch das Bewusstsein, als Mikrokosmos eins mit dem Kosmos zu sein, erschliessen sich dem Menschen die Quellen des Lichtes der Natur. In diesem Lichte fließen dem Menschen zahlreiche Kenntnisse und Vermögen zu.

Das Licht der Natur

In seinem Hauptwerk, der „Philosophia sagax” beschreibt er diese Vermögen im Licht der Natur. Er zählt 9 Kategorien von Fähigkeiten auf: magia, nigromantia, nectromantia, astrologia, signatum, artes incertae, medicina adepta, philosophia adepta und mathematica adepta. Jede Kategorie ist wiederum unterteilt und wird ausführlich beschrieben.

Was wir hier lesen können, ist atemberaubend. Es ist eine Aufzählung aller nur denkbaren Spezialisierungen auf dem Gebiet der sogenannten höheren Vermögen. Alles, was sich ein Magier, Esoteriker, Okkultist, Kabbalist, Astrologe, Hellseher, Prophet, Arzt, Geistheiler, Philosoph oder Mathematiker an geistigen und übersinnlichen Fähigkeiten in seinen kühnsten Träumen nur vorstellen kann, wird detailliert beschrieben.

Greifen wir nur ein Beispiel unter vielleicht hundert heraus: Es wird die magische Kunst erwähnt, mit bloßen Händen in den Körper eines Kranken zu greifen und ein Geschwür zu entfernen, ohne Öffnung und Verletzung. Dass dies nicht eine bloße Phantasterei ist, wissen wir heute: Es gibt Geistheiler zum Beispiel auf den Philippinen, die genau dies tun.

Es handelt sich um Vermögen, die weit über das normale Bewusstsein und über die gewöhnlichen Fähigkeiten hinausreichen. Vor solchen Gaben und Vermögen haben die meisten Menschen hohen Respekt und betrachten sie als Geschenk des Himmels. Für viele besteht kein Zweifel, dass solche übersinnlichen Vermögen als Gaben Gottes zu betrachten sind.

Hören wir dazu ein Zitat aus einem Buch über Paracelsusmedizin, das vor einigen Jahren erschienen ist: „Wer schon mit medial veranlagten Personen zu tun hatte oder selbst Erfahrungen dieser Art besitzt, kann bei Paracelsus sofort das „Channeling-Phänomen” erkennen. Dies ist eine Gottesgabe, über die viele wahrhaft bedeutende schöpferische Menschen verfügen (Inspiration durch geistigen Kontakt mit anderen Menschen oder Geistwesen).”

Wer in diesem Zusammenhang von Gottesgaben spricht, hat die geistige Botschaft des Paracelsus jedoch nicht verstanden. Paracelsus ist sehr weit davon entfernt, diese Vermögen im Lichte der Natur als Gottesgaben zu bezeichnen. Er sagt: „Gleicherweis, wie die Speis den Leib führet .. und .. erquickt, so gibt die äußere Welt dem Menschen all seine Vernunft, Kunst und Weisheit und Geschicklichkeit, und das kommt nicht aus besonderen Gnaden von Gott, sondern aus dem Licht der Natur.”(Peukert, Paracelsus Bd. 3)

Paracelsus will uns klarmachen, dass das ganze Pantheon geistiger und übersinnlicher Fähigkeiten natürliche Künste sind, erworben im Licht der Natur. Zwar ist das Licht der Natur sehr mächtig und führt uns zu einer großen Weisheit, doch es ist vergänglich – wie Paracelsus sagt, sogar tödlich.

Das Licht der Natur ist nicht göttlich, denn Gott ist ewig. Darum steht über dem Licht der Natur das ewige, göttliche Licht. Paracelsus:
„Es sind zwei Weisheiten in dieser Welt, eine ewige und eine tödliche. Die ewige entspringt unmittelbar aus dem Licht des Heiligen Geistes, die andere unmittelbar aus dem Licht der Natur. Die aus dem Licht des Heiligen Geistes hat nur eine Art an sich, das ist die gerechte, ungeteilte Weisheit. Die aber aus dem Licht der Natur hat zwei Arten an sich, die gute und die böse Weisheit.” (Peukert, Paracelsus Bd. 3)

Gott war und ist für viele Menschen ein sogenannter Lückenbüßer, ein Grund für unerklärliche Phänomene. Als in der Vergangenheit noch zahlreiche Naturerscheinungen wie z.B. der Blitz unheimlich und unerklärlich waren, wurden sie dem Wirken Gottes zugeschrieben. Später konnten diese Phänomene durch die Wissenschaft erklärt werden, und so wurde der Wirkbereich Gottes immer enger.

Heute sind wir im Bereich des Übersinnlichen nicht weit vom Mittelalter entfernt. Es gibt viele übersinnliche, wunderbare Gaben, die einem göttlichen Einfluss zugeschrieben werden. Damals kam die Wissenschaft und entmystifizierte alle Naturerscheinungen durch rationale Erklärungen. So kommt auch Paracelsus und zerschmettert mit seiner „Philosophia sagax” unsere noch verbliebene Gottesvorstellung. Sagax heißt weise. Aber auch scharf. Die Sagax ist eine scharfe Axt, mit der unser Gotteswahn, unsere begrenzte Gottesvorstellung zertrümmert wird.

Damals vor 500 Jahren akzeptierte man Paracelsus nicht mit seiner Ganzheitsmedizin. Heute ist er auf diesem Gebiet anerkannt. Tausende verehren ihn als großen Pionier. Doch die Ganzheitsmedizin war nur ein Teil seiner Mission.

Seine Hauptmission war und ist die Vermittlung eines echten Gottesbegriffs. Dafür musste der Wahnbegriff von Gott zuerst zerbrochen werden. Er musste die übersinnlichen Spezialgebiete bis ins Detail erklären, damit niemand mehr behaupten kann, die Fähigkeiten im Lichte der Natur – und seien sie noch so erhaben – seien göttliche Gaben.

Doch diese Botschaft kann und will man heute genauso wenig hören wie vor 500 Jahren seine Forderungen in der Medizin. Paracelsus: „Lerne, die ewige von der unnützen Weisheit zu scheiden, und beide zu erkennen, während es sonst ein ganzer Irrtum bliebe. Denn das ist ein wichtiger Punkt, dass ihrer viele sind, die da von der Ewigen Weisheit schreiben, aber nicht von der Ewigen Weisheit geboren sind.” (Peukert, Paracelsus Bd. 3)

Man muss also zur ewigen Weisheit geboren werden. Und er führt weiterhin aus:
„Und merket auch, dass zwo Seelen im Menschen sind, die ewige und die natürliche, das ist, zwei Leben, eins ist dem Tod unterworfen, das andere widersteht dem Tod… So auch die zween Geist, der ewige und der natürliche. Was natürlich ist, das ist im gestirnten Leib, und der gestirnte Leib ist im corporalischen, und sind also beide e i n Mensch, aber zween Leib.

Denn es sind zwei Fleische auf Erden, das aus Adam und das aus der neuen Geburt durch Christum. Das Fleisch aus Adam sieht Gott nicht, aber das Fleisch aus der neuen Geburt durch Christum, das sieht Gott.” (Peukert, Paracelsus Bd. 3)

Unermüdlich ermuntert uns Paracelsus, die Fähigkeiten im Licht der Natur zu entwickeln und ein tätiges Leben unter ständiger Vermehrung von Erkenntnis und Kunst zu führen, doch mit der gleichen Eindringlichkeit weist er darauf hin, dass all diese Fähigkeiten unvollkommen sind und nicht zum wahren Leben führen.

Das Hauptanliegen des Paracelsus liegt darin, den Menschen auf das Wesentliche hinzuweisen. Das Wesentliche liegt in der ewigen Seele begründet, deren Keim im Herzen wohnt: im Geist des Bildnisses. Dort ist der Ausgangspunkt für eine neue Geburt, für einen unsterblichen Menschen. Dieser neue Mensch hat nicht nur eine unsterbliche Seele, sondern auch einen neuen unsterblichen Körper.

Auf diesen ewigen Menschen hinzuweisen, das ist die wahre Botschaft des Paracelsus, die bis heute noch größtenteils unverstanden ist.

Das Ewige

Wir sprechen im allgemeinen Sprachgebrauch oft vom Neu-geboren-Werden.
Nach der Genesung von einer schweren Krankheit, nach einer seelischen Läuterung, nach dem guten Ausgang eines schicksalhaften Ereignisses können wir uns wie neu geboren fühlen. Diese Beispiele sind im Sinne einer seelischen Erneuerung zu verstehen, vergleichbar mit der Renovierung eines alten Hauses.

Doch Paracelsus meint etwas ganz anderes. Er meint die Wiedergeburt zum ewigen Menschen nicht im Sinne einer seelischen Erneuerung, sondern substanziell. Er spricht von einer unvergänglichen Substanz, aus der die neue Geburt erfolgt.

Wenn wir z.B. ein Haus renovieren, ist der Baukörper, die Grundsubstanz immer noch dieselbe. Wenn nun der Baukörper aus hinfälligem Material besteht, bringt die Renovierung nur eine kurzzeitige, äußerliche Verbesserung. Um nachhaltig zu erneuern, müsste die Grundsubstanz ausgewechselt werden, d.h. der alte Bau müsste abgebrochen und ein Neubau aus beständigem Material errichtet werden. So sieht es Paracelsus auch mit dem Menschen.

Nun könnte vielleicht die Frage auftauchen, ob nicht der eine oder andere große Geist ein solcher neuer Mensch ist. Es gibt zwei Merkmale, woran dies einfach zu erkennen ist. Paracelsus sagt darüber etwas, was unsere gewohnten Vorstellungen von einem Gott geweihten Wesen gänzlich umstößt: Der göttliche Geist wirkt aufbrechend in Bezug zur Natur und zum natürlichen Menschen und aufbauend allein für die neue Geburt.

Ein Meister also, der in unserer Welt aufbauend wirkt, der wirkt aus dem Licht der Natur, nicht aus dem ewigen Licht. Ein Botschafter des ewigen Lichts greift diese Natur und uns sterbliche Menschen an. Er zerbricht unseren Wahn. Seine aufbauende Kraft wirkt allein auf das Ewige in uns. Auch Christus wird in diesem Sinne zitiert: „Ich bin nicht gekommen Frieden zu bringen, sondern das Schwert!”

Paracelsus war ein Botschafter des göttlichen Lichtes, ein Theophrastus. Er hat uns keinen Frieden und schöne Worte gebracht. Er hat uns unermüdlich dazu aufgefordert zu unterscheiden, zu untersuchen, zu Einsicht zu gelangen, das Wahre vom Falschen zu trennen. Er hat uns das Schwert gebracht, um uns damit von allem Wahn und aller Täuschung zu heilen.

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