Vortrag

Wer sind wir? Woher sind wir gekommen? Der Mensch – ein zweifaches Wesen

Johann Karl lothheiligerthomas.jpeg

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Vortrag von Erich Franke

Symposium: Grenzüberschreitungen / Das Thomas-Evangelium

Das Thomasevangelium unterscheidet sich in mancherlei Hinsicht von den vier Evangelien, die in das Neue Testament Eingang gefunden haben. Vor allem verzichtet es auf alle historischen Komponenten, insbesondere den Lebenslauf von Jesus. Und es sind ausdrücklich „geheime Worte”, die Judas Thomas aufgezeichnet hat; das ist eher untypisch für eine „frohe Botschaft”, wie das griechische Wort „eu angelion” (Evangelium) übersetzt heißt. Denn sie soll ja eigentlich einem größt möglichen Kreise verkündet werden. Dementsprechend heißt es im Matthäusevangelium: „Gehet hin und lehret alle Völker” (Matth. 28, 19).

Handelt es sich also beim Thomasevangelium wirklich um ein „Evangelium”? Die biblischen Evangelien sind Schriften, niederlegt etwa zwischen 70 und 100 n.Chr., die das Leben und Wirken von Jesus festhalten. Aber sie sind ursprünglich nicht als Evangelien geschrieben worden; die Auswahl unter vielen gleichen und ähnlichen Schriften und die Aufnahme in den Kanon der Bibel haben sie erst viel später erfahren. Der Begriff „Evangelium” wurde ursprünglich vor allem dann verwandt, wenn dem Volk verkündet wurde, dass ein neuer Kaiser in Rom zur Macht gekommen war. Erst später hat er die typisch kirchliche Prägung als Zeugnis vom Auftreten Jesu erhalten.

Die Religionswissenschaft legt den Begriff Evangelium weiter aus und bezieht auch sog. apokryphe Schriften ein, die nicht das Leben, sondern ausschließlich Worte Jesu zum Gegenstand haben. In diesen Schriften haben wir es meistens mit einer verschlüsselten Botschaft zu tun. Sie erschließt sich nur einem kleineren Kreise von Eingeweihten und setzt als Schlüssel einen inneren Erkenntnis- und Reifeprozess voraus.

Zu der Frage, ob es sich beim Thomasevangelium um ein gnostisches Evangelium handelt, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Denn die Sammlung von Worten Jesu enthält keine systematisch aufbereitete Lehre, etwa über die Herkunft von Welt und Menschheit. Wir finden keine ausgeformte Kosmologie. Eine Reihe von Aussprüchen findet sich auch in den kanonischen Evangelien wieder.

Außerdem wird geltend gemacht, dass es zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Evangeliums – der überwiegend um das Jahr 100, von dem namhaften Forscher Gilles Quispel für bestimmte Teile sogar schon um 40 n.Chr. datiert wird – noch gar keinen Gnostizismus gab, allenfalls hinführende urchristliche Komponenten. Die Lehre der damaligen gnostischen Schulen bildete sich erst im 2. und 3. Jahrhundert aus, unter anderem durch Valentinus und Mani.

Ein Kernpunkt der gnostischen Lehre ist der Dualismus, der besagt, dass diese Welt nicht vom höchsten Gott, sondern von unter ihm stehenden Wesen geschaffen wurde. Oft wird von einem Demiurgen gesprochen. Auf diese Weise kam der Irrtum in die Welt, der Mangel an Gnosis, an Gotteskenntnis. Die Lichtwesen leben in der Einheit, in der bewussten Verbindung zu Gott. Unsere Welt dagegen wird durch Äonen und Archonten beherrscht, Gewalten unter dem Himmel, wovon Paulus zeugt. Im Prolog des Johannesevangeliums wird vom Reich der Finsternis gesprochen.

Eine zweite Komponente gnostischer Erkenntnis ist die Möglichkeit der Befreiung der Seele durch einen göttlichen Lichtfunken, das Pneuma psychikon. Menschen, die einen solchen Lichtfunken besitzen, sind „Auserwählte” und können durch einen Reinigungs- und Erkenntnisprozess der Seele wieder in das göttlichen Lichtreich eingehen. Jesus Christus erweckt als Weltenlogos diese Kraft zur Selbstbefreiung im Menschen, wird also nicht ausschließlich historisch verstanden, sondern als stets aktuelle Wirksamkeit.

Wenn wir diese beiden Unterscheidungsmerkmale bei der Lektüre des Thomasevangeliums im Bewusstsein behalten, dann zeigen sich deutliche Übereinstimmungen mit einer gnostischen Sichtweise. Hinzu kommt, dass in diesem Evangelium nicht der Glaube im Vordergrund steht, sondern die Erkenntnis.

Es wird deutlich unterschieden zwischen dem „Himmelreich” einerseits und der „Welt” andererseits. Dementsprechend wird von Lichtmenschen oder auch Auserwählten gesprochen, die zumindest potenzielle Bewohner des Himmelreiches sind, und von Menschen im Allgemeinen, die als „lebend Tote” in einer vergänglichen Welt angesehen werden.

Woher sind wir also gekommen? Dazu lesen wir im Thomas-Evangelium: „Selig seid ihr, Eins-Gewordene, Auserwählte, denn ihr werdet das Königreich finden. Da ihr aus Ihm hervorgegangen seid, werdet ihr dahin zurück kehren” (Log. 49). Und außerdem: „Wenn die Menschen euch fragen: Woher kommt ihr?, so antwortet: Wir sind aus dem Licht gekommen, von dort, wo das Licht aus sich selbst heraus geboren ist” (Log. 50).

Viele Menschen der westlichen Welt sind heute mehr oder weniger stark von der Vorstellungswelt der großen christlichen Konfessionskirchen geprägt. Deshalb muten solche Sätze sie fremd an. Sie gehen selbstverständlich davon aus, dass wir in einer vom höchsten Schöpfergott erschaffenen Welt leben und seine Geschöpfe sind, zu denen er daher auch wie ein Vater zu seinen Kindern ein sehr persönliches Verhältnis unterhält, das wir selbst durch unsere Gebete immer wieder sicher stellen.

Das entspricht aber keineswegs einer gnostischen Sichtweise, wie wir sie im Thomasevangeliums finden. Um die beiden soeben zitierten Logien verstehen zu können, müssen wir uns mit der gnostischen Anschauung etwas vertrauter machen. Danach wird das Himmelreich als das wahrhaft göttliche Lichtreich verstanden, ewig dauernd und unantastbar in seiner Glorie. Demgegenüber steht die Welt der Finsternis, vergänglich und in ständigem Streit befindlich, die Jakob Böhme daher auch als Zorneswelt bezeichnet hat. Im Prolog des Johannesevangeliums finden wir diese Vorstellung wieder, wenn es heißt: „Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht begriffen.” Gleichzeitig wird auch von einem göttlichen Rettungsbemühen gesprochen: „Und der Logos, das Wort, ward Fleisch und wir sahen seine Herrlichkeit.”

Die Rolle, die der Mensch in diesem kosmologischen Geschehen spielt, ist im Thomasevangelium ebenfalls nur angedeutet. In der gnostischen Anschauung wird der Mensch als zweifaches Wesen angesehen: als sterblicher Mensch, der die Welt der Finsternis bewohnt, und als unsterblicher Mensch, der als ein Lichtfunke im Verborgenen hinter der vergänglichen Erscheinungsform steht und göttlichen Ursprungs ist.

Vor diesem Hintergrund können wir die Worte im Thomasevangelium verstehen: „Als ihr eins ward, seid ihr zwei geworden. Jetzt aber, da ihr zwei seid, was werdet ihr tun?” (Log. 11) Und weiterhin: „Selig der, der schon war, bevor er wurde” (Log. 19).

Es geht hier um die Schau der göttliche Einheit, aus der wir uns bewusstseinsmäßig entfernt haben. Nach der gnostischen Sicht war der Mensch als Lichtwesen ursprünglich eins mit der göttlichen Welt. Ein Teil der Menschheit hat sich unter dem Einfluss des Demiurgen in eine Scheinwelt begeben, in eine Existenzform, die von Gut und Böse, von Licht und Finsternis, also der Zweiheit geprägt ist, eine Welt des Strebens nach Selbstherrlichkeit. Für die ursprüngliche Seele ist es eine nur scheinbare Realität, eine Art selbst geschaffene Traumwelt. Infolge der Trennung von Gott handelt es sich um eine Welt des Irrtums und der Gespaltenheit.

Als selig wird daher derjenige bezeichnet, der sich bereits bewusstseinsmäßig von der Scheinwelt befreit hat und anderen Menschen die Botschaft vom Licht des göttlichen Reiches bringt.

Die gnostische Lehre enthält gewisse Parallelen zu östlichen Vorstellungen. So geht der Buddhismus davon aus, dass sich der Mensch in seinem augenblicklichen Zustand keine oder nur eine falsche Vorstellung von einer göttlichen Welt machen kann. Erst durch den achtfachen Pfad der Läuterung kann er Erleuchtung erlangen und damit eine bewusste Verbindung zum Lichtreich. Was Buddha als Nirwana bezeichnet, entspricht einem Erlöschen der Traumwelt und aller damit in Verbindung stehenden Vorstellungen. Dahinter steht das Unausdrückbare, weil es aus unserer menschlichen Sicht noch nichts Greifbares ist. Die Gnostiker sprechen vom Pleroma.

Auf dem Weg des Erwachens beginnt der Mensch, etwas von seiner wahren Existenz zu erahnen, von einem anderen Sein. Er erinnert sich allmählich, wenn auch zunächst noch sehr verschwommen, an das göttliche Urbild. Eben noch erfreut er sich an seiner äußeren Form, doch dann sehnt er sich nur noch nach dem ursprünglichen Glanz. Das ist im Thomasevangelium folgender Maßen ausgedrückt: „An den Tagen, da ihr euer Ebenbild seht, freut ihr euch. Aber wenn ihr eure Urbilder sehen werdet, die ursprünglich in euch waren, die weder sterben noch sich offenbaren, oh, wie viel werdet ihr dann ertragen!” (Log. 84)

Wir begegnen im Thomasevangelium also immer wieder Aussagen, die das Verhältnis von zwei Wesen oder Dingen beschreiben, die nicht zueinander passen. Wie die vergängliche Welt und das unvergängliche Himmelreich einander durchdringen, so stehen im System des Menschen die tierhafte irdische Seele und das zum Göttlichen berufene Seelenelement einander gegenüber.

So unvereinbar die beiden Sphären – das Himmelreich und diese Welt, das unvergängliche und das vergängliche Menschsein – aber auch sind, so muss doch in unvorstellbar langen Zeitläufen, allerdings auch jederzeit aktualisierbar, eines das andere in sich aufnehmen. Die Zweiheit, die Trennung ist das große Übel – Ziel ist die Rückkehr zur Einheit, zum Einssein in Gott.

Diese Rückkehr liegt allen ernsthaften religiösen Bestrebungen zugrunde. Auf dem gnostischen Weg steht als Ausgangspunkt die Selbsterkenntnis, die Aufforderung am Tor zur Einweihungsstätte in Delphi: „Gnoti auton” – erkenne dich selbst; die Frage also: Wer sind wir?

Darauf spielt Jesus im Thomasevangelium an, als die Jünger ihn fragen, wie ihr Ende sein wird: „Habt ihr denn schon den Anfang entdeckt, dass ihr nach dem Ende fragt? Denn dort, wo der Anfang ist, dort ist auch das Ende. Selig ist, wer am Anfang steht. Denn er wird das Ende erkennen und den Tod nicht schmecken” (Log. 18).

Wie können wir uns diesen Anfang vorstellen? Wir werden durch das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn auf die Spur geführt. Der Sohn erkennt angesichts der Schweinetreber, von denen er sich inzwischen ernährt, dass ihm von seinem göttlichen Erbe nichts mehr geblieben ist, weiß sich auf dem falschen Weg und hat nur noch ein Bestreben: alles leichten Herzens hinter sich zu lassen und den Weg zurück zu gehen zu seinem Vaterhaus.

Er ist durch den eigenen Erfahrungsgang zu der Erkenntnis gekommen, die im Thomasevangelium in folgendem Logion angesprochen wird: „Ich fand sie alle trunken, ich fand keinen Durstigen unter ihnen und meine Seele empfand Schmerz über die Söhne der Menschen, weil sie blind in ihrem Herzen sind und nicht sehen, dass sie leer in die Welt gekommen sind und leer auch wieder aus der Welt gehen” (Log. 28).

Leer ist diese Welt der Vielheit, der hohen Ambitionen und zahlreicher bunter Zerstreuungsmöglichkeiten von einer höheren Warte aus: nichts ist von bleibendem Wert, alles unterliegt dem Gesetz von Entstehen, Blühen und Vergehen. Die Welt wird damit gemessen an Ewigkeitswerten, der Mensch ist in seinem Mangel an Gnosis nur ein lebender Leichnam, wie auch in weiteren Logien drastisch vor Augen geführt wird: „Wer die Welt erkennt, entdeckt einen Leichnam. Und wer einen Leichnam entdeckt, dessen ist die Welt nicht würdig” (Log. 56). „Wer die Welt erkannt hat, hat nur den Leib entdeckt. Wer aber den Leib entdeckt hat, dessen ist die Welt nicht würdig” (Log. 80). „Adam entstand aus großer Macht und großem Reichtum und dennoch wurde er euer nicht würdig. Denn wenn er würdig geworden wäre, hätte er den Tod nicht geschmeckt” (Log. 85).

Würdig für das Reich Gottes, das Reich der lebenden Seelen, macht den Menschen die Erkenntnis der Gefallenheit von Welt und Menschheit. Immer wieder wird der Jünger, der „Auserwählte”, mit der Botschaft konfrontiert, dass ein Leben in der vergänglichen Welt keinen wirklichen Wert hat, jedenfalls nicht für denjenigen, der das Wesen der Vergänglichkeit erkannt hat und einzig nach dem Leben im Himmelreich, in der Welt Gottes strebt. Dadurch ist er als Auserwählter geadelt, daraus bezieht er seine Würde.

Das Thomasevangelium spricht nur verschlüsselt über den Zustand der Menschheit. Der Mensch im Allgemeinen ist das Veräußerlichte, er wird als „Fleisch” bezeichnet, in dem die Seele gebunden ist und der Geist nicht wirken kann. „Elend ist der Körper, der von einem Körper abhängt, und elend ist die Seele, die von diesen beiden abhängig ist” (Log. 87). „Wehe dem Fleisch, das von der Seele abhängt. Wehe der Seele, die vom Fleisch abhängt” (Log. 112).

Auch in der gnostischen Anschauung gibt es aber Raum für eine Heilsbotschaft, die allerdings nicht historisch, durch einen historisch fixierten Kreuzes- und Sühnetod Jesu Christi begründet ist. Trotz der Unvereinbarkeit der Welt des Lichtes und der Welt der Finsternis gibt es eine Heilung der Gegensätze. Denn die Unvereinbarkeit kann vom Geist durch seine Lichtkraft überwunden werden, indem er den Leib und die an den Leib gebundenen Seele durchdringt. Das bezeichnet das Thomasevangelium als das eigentliche Wunder: „Wenn das Fleisch wegen des Geistes entstanden ist, ist es ein Wunder. Wenn aber der Geist wegen des Leibes entstanden ist, ist es ein wunderbares Wunder. Dann wundere ich mich darüber, wie sich dieser große Reichtum in einer solchen Armut hat niederlassen können” (Log. 29).

Man kann das Wunder auch als Gnade bezeichnen. Den Schlüssel zu diesem Wunder bilden die „Lichtmenschen”, in denen also das Licht, der göttliche Geist wirkt – über die Seele und durch die Körperlichkeit hindurch. Der Geist – im Johannesevangelium wird auch vom Logos gesprochen – bringt das Licht mit Hilfe dieser Menschen; die Welt und ihre Geschöpfe stehen im Allgemeinen in der Finsternis: „Es existiert Licht im Inneren eines Lichtmenschen und er erleuchtet die ganze Welt. Wenn er nicht leuchtet, ist Finsternis” (Log. 24).

Wie der Gnostiker Anteil an diesem Wunder, an dieser Gnade erlangen kann, werden wir in dem folgenden Vortrag hören.

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1 Kommentar
  • Thomas ZwienerBeantworten

    Das beste was ich bisher gefunden und gelesen habe!!!
    Mit Abstand!

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