Vortrag

„Spiel” als Weg zur Freiheit

Cezanne: Cháteau Noir

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Vortrag von Peter Guttenhöfer

Welt ohne Spielraum

Der moderne Mensch ist in eine Falle gelaufen: entweder Leben oder Reflexion, und keines mit dem anderen. Aus diesem schwierigen Stoff ist zum Beispiel Franz Kafkas Roman „Der Prozess” gewoben, und er kann nicht anders enden als mit K.’s Tötung. Entweder du lebst, dann stürz dich hinein ins Leben! Oder du reflektierst dein Leben, und zwar total, dann kannst du nicht leben, denn die Reflexion verschlingt deine Lebensenergie ganz und gar! Und zu der in Richtung Falle hastenden Kafka’schen Maus sagt die Katze genüsslich am Ende: „Du musst nur die Laufrichtung ändern” und frisst sie. (Franz Kafka, Kleine Fabel)

Das Leben in einer modernen Stadt macht’s möglich, dass dort ein Mensch in einer Wohnung sitzt, elektrisch beleuchtet, angeschlossen an hochkomplexe, für ihn fast undurchschaubare Versorgungs- und Kommunikationsnetze, und über die Freiheit grübelt oder gar darüber schreibt. Das gibt wirklich ein komisches Bild. Würde er sich durchdringen mit dem Bewusstsein seiner tausendfältigen Abhängigkeit und seiner fast vollständigen Unfähigkeit, an diesen Netzen zu weben oder zu flicken, würde er den Kopf auf die Tastatur fallen lassen, mit deren Hilfe er gerade seinen Aufsatz über die Freiheit verfassen wollte.

In unseren Schulen sind wir bestrebt, die jungen Menschen mit „Sozialkompetenz” und dem Bewusstsein ihrer individuellen Freiheit auszustatten, aber die Mittel, derer wir uns dazu bedienen, sind Indizien dafür, dass die Institute und ihre Lehrer selbst damit gar nicht ausgestattet sind, sondern nur höheren (?)Weisungen folgen. Auch das ist komisch und bringt die halbe Menschheit zur Verzweiflung.

So leben wir in Widersprüchen und groteskem Aberglauben an unsere Freiheit.

„Spiel” ist aus städtischem Leben fast ausgeschlossen. Spielerisches Laufen über eine Straße oder ein Ball in der Hand eines Kindes in der Stadt sind lebensgefährlich. Spielcasinos, Spielplätze und Spielhöllen werden eigens eingerichtet, um Leib und Seele einen kleinen relax zu verschaffen. Spielzeuge werden angeboten, die die Entfaltung der kindlichen Phantasie behindern. Elektronische Spiele, die geeignet sind, das Reiz-Reaktions-Schema, wie es das Verhalten der Tiere bestimmt, in junge Menschen einzupflanzen, werden zu „Kulturgütern” erklärt. Spiel nicht, sondern arbeite! ist auch heute – oder heute mehr denn je? – der Ruf an den in die Staats- und Wirtschaftsmaschine eingeklemmten Menschen.

Absurde Welt, aus der die Spielräume verschwinden!

Auch wahr ist allerdings, dass wir eigentlich erst im zwanzigsten Jahrhundert die tiefere Bedeutung des kindlichen Spiels erkannt haben. Aber wir haben es abgesondert, es ins Kinderzimmer verbannt, und dort häufen sich die Spielsachen. In der Welt der Erwachsenen gibt es nichts zu spielen. Immer weniger Tätigkeiten oder Vorgänge in der Erwachsenenwelt zeigen sich der kindlichen Wahrnehmung so, dass sie im Spiel nachgeahmt werden könnten – damit verkümmert die Hauptwurzel für das kindliche Spiel! Es scheint so, als ob in der gegenwärtigen historischen Phase, in der das reale „Spiel” überall stirbt, die Idee „Spiel” geboren werden kann: eine Wiedergeburt auf höherer Ebene.

Die Ästhetischen Briefe

Es war Friedrich Schiller, der Dichter, durch den diese Wiedergeburt eingeleitet wurde. Er hat den Begriff „Spiel” gezeugt. Bei der Lektüre seiner „Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen” kann man Zeugung und Geburt beiwohnen. Das Bild des Menschen wird so entworfen, dass zwei Haupttriebe bezeichnet werden, die sein Tun im wesentlichen bestimmen: der sinnliche oder Stofftrieb und der Formtrieb. „Der Gegenstand des sinnlichen Triebes, in einem allgemeinen Begriff ausgedrückt, heißt Leben in weitester Bedeutung; ein Begriff, der alles materiale Sein und alle unmittelbare Gegenwart in den Sinnen bedeutet. Der Gegenstand des Formtriebs, in einem allgemeinen Begriff ausgedrückt, heißt Gestalt, sowohl in uneigentlicher als in eigentlicher Bedeutung, ein Begriff, der alle formalen Beschaffenheiten der Dinge und alle Beziehungen derselben auf die Denkkräfte unter sich fasst.” (Brief 15)

Demnach erscheint der Mensch als vollständig bestimmt durch die Wirkung dieser beiden Triebe, und die polaren Begriffe Leben und Gestalt umfassen seine ganze Welt. Diese Darstellung des Menschen in zwei Gliedern ist schwer erträglich. Der Autor presst seinen Leser in diese Anschauungsform durch eine Stringenz der Gedankenführung, die kein Ausweichen erlaubt: ” …doch sind es diese beiden Triebe, die den Begriff der Menschheit erschöpfen, und ein dritter Grundtrieb, der beide vermitteln könnte, ist schlechterdings ein undenkbarer Begriff.” (Brief 13)

Zudem kommt Schiller in seiner kritischen Untersuchung der kulturellen Entwicklung der mitteleuropäischen Menschheit zu der Diagnose, dass die Aufklärung des Verstandes wohl fortgeschritten, die „Ausbildung des Empfindungsvermögens aber das dringendere Bedürfnis der Zeit” (Brief 8) sei. Der begriffliche Zusammenhang der Briefe, in dem der einseitige Stofftrieb-Mensch als „Wilder”, der einseitige Formtrieb-Mensch als „Barbar” bezeichnet wird, lässt also begreifen, warum der typische Mitteleuropäer weit stärker zur Barbarei neigt als zur Wildheit. Die Exzesse der Barbarei im 20. Jahrhundert waren für Schiller vorhersehbar. Die unentwickelte „Sinnlichkeit” und die Verachtung der irdisch-stofflichen Welt, d.h. der Natur, die den Europäer seit Descartes kennzeichnen, sind die Merkmale des modernen Barbaren.

So ist eine doppelte Entwicklungsaufgabe sichtbar: Ausbildung einer vollen Sinnlichkeit und Steigerung der Polarität der beiden Grundtriebe zu einem Dritten, zum „Spieltrieb”. Steigerung dadurch, dass Stoff- und Formtrieb sich gegenseitig verstärken und nicht der eine den anderen abschwächt oder ausgleicht. Im 14. Brief: „Wir sind nunmehr zu dem Begriff einer solchen Wechselwirkung zwischen beiden Trieben geführt worden, wo die Wirksamkeit des einen die Wirksamkeit des andern zugleich begründet und begrenzt, und wo jeder einzelne für sich gerade dadurch zu seiner höchsten Verkündigung gelangt, dass der andere tätig ist.” Das bedeutet also nicht Gleichgewicht, nicht „goldener Mittelweg”! Aus Schillers Perspektive ist der Mittelweg nicht „golden”, nein, er führt in die Mittelmäßigkeit, ins Elend der unschöpferischen Langeweile.

Bei ihm klingt das so: „Weil es Schwierigkeiten kostet, bei aller Regsamkeit des Gefühls seinen Grundsätzen treu zu bleiben, so ergreift man das bequemere Mittel, durch Abstumpfung der Gefühle den Charakter sicherzustellen; denn freilich ist es unendlich leichter, vor einem entwaffneten Gegner Ruhe zu haben, als einen mutigen und rüstigen Feind zu beherrschen. In dieser Operation besteht dann auch größtenteils das, was man einen Menschen formieren nennt.” (Anm. zu Brief 14)

Da steht es: Abstumpfung der Gefühle! Der heutige europäisch/amerikanische Zivilisationsbetrieb mit den dazugehörigen Erziehungssystemen hat diese Richtung genommen. Emotionen anregen, aufpeitschen und dann ein bisschen steuern: ja. Emotionen sind aber etwas anderes als Gefühle, auch wenn dazwischen keine scharfe Grenze zu ziehen ist. Was vernachlässigt wird: Ausbildung eines starken Fühlens, eines differenzierten Fühlens, eines Fühlens, das sich zum Erkenntnisorgan entwickeln kann, eines künstlerischen Fühlens, eines echten religiösen Fühlens. Um der Ordnung willen!

Aber schon Karl Kraus hat einst gesungen: „Und das Chaos sei willkommen / denn die Ordnung hat versagt!”

Spieltrieb und Spiel

Steigerung also, um der Spießbürgerlichkeit zu entrinnen. Ist der Gegenstand des sinnlichen Triebes Leben und der des Formtriebs Gestalt, so ist der Gegenstand des Spieltriebs lebende Gestalt oder gestaltetes Leben. Dieser Gedankenakt führt zur Geburt des Begriffs „Spiel” auf einer höheren Ebene. „Die Vernunft stellt aus transzendentalen Gründen die Forderung auf: Es soll eine Gemeinschaft zwischen Formtrieb und Stofftrieb, d.h. ein Spieltrieb sein, weil nur die Einheit der Realität mit der Form, der Zufälligkeit mit der Notwendigkeit, des Leidens mit der Freiheit den Begriff der Menschheit vollendet.” (Brief 15)

„Spieltrieb” ist also eine Forderung, keine Gegebenheit. Kinder haben ihn als Himmelsgeschenk, Erwachsene haben ihn nicht. Sie sind, der Schulpflicht folgend, in die Schule gegangen, mindestens so lange, bis der kindliche Spieltrieb in ihnen gänzlich ausgelöscht war. Ja – es muss wohl so ein: Der Spieltrieb der Kinder muss sterben, um durch eine Metamorphose in eine neue Kraft verwandelt werden zu können, die dann später als Spieltrieb des reifen gebildeten Menschen aufersteht. Ob sie wirklich aufersteht? Welches sind die Bedingungen für das Gelingen der Metamorphose?

„Spiel” ist anarchisch, der Spielende heischt nach Überraschung; der Bürgerliche flieht sie. Dieser bildet seine Systeme, um Überraschungen zu verhindern. Er plant, er spielt nicht. Er spricht über Strukturen, nicht über Inhalte. Er sucht das stabile Gleichgewicht zwischen seinem gemäßigten Formtrieb und seiner heruntergedrückten Sinnlichkeit. Er rennt sich fest in der Form. Der Spielende dagegen wagt sich hinauf auf die Schneide des Messers, sucht die Lust des labilen Gleichgewichts, wagt den Absturz. Dort oben, in dem höheren Zustand, muss er das Gleichgewicht halten können, muss um sein Gleichgewicht ringen, nicht in der Niederung eines gemütlichen Wohnzimmers.

Der Zustand, der von dem Spielenden angestrebt wird, ist also nicht ein mittlerer, sondern ein höherer mittlerer; Schiller nennt ihn den „ästhetischen Zustand”. Hier öffnet sich der Mensch der Inspiration oder gar der Intuition, er tritt heraus aus seiner Ordnung, seiner gefügten Weltanschauung, tritt ein in das erwartungsvolle Leben, in die Offenheit, beginnt mit der Schöpfung aus dem Nichts. Das ist der Künstler. Prototyp des Menschen, der sich nach diesem Zustand sehnt. Lebende Gestalt, das Objekt des Spieltriebs, ist „ein Begriff, der allen ästhetischen Beschaffenheiten der Erscheinungen und mit einem Worte dem, was man in weitester Bedeutung Schönheit nennt, zur Bezeichnung dient.”(Brief 15) Spieltrieb also sucht Schönheit.

Mit dem Postulat des Spieltriebs ist ausgesprochen das Postulat, dass der Mensch dreigliedrig sei. Die lähmende Polarität der beiden Grundtriebe wird aufgehoben, der Dualismus von Stoff und Form, von Materie und Geist in Frage gestellt, die Polarisierung von Natur und Sittlichkeit erscheint überwindbar. Der spielende Mensch ist der trinitarische. Indem er aus der Dualität heraustritt, erschafft er schon mit dem ersten Schritt eine neue Qualität, ein neues Reich, das Reich der Freiheit nämlich, „weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert.” (Brief 2) Unter seinen Schritten bildet sich der Weg. Caminante, no hay camino / Se hace camino al andar! (Machado)

Spiel ist demnach die Voraussetzung des wahren Menschseins. Schiller hat es in die Formel gefasst, die dann berühmt geworden ist : „Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur da, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.” (Brief 15) Dieser herrliche Satz ist nicht pathetisch, sondern wirklichkeitsgemäß. Er hätte ein Grundstein werden sollen für die weitere Gestaltung unseres kulturellen und sozialen Lebens. Schiller sagt es so: „Dieser Satz, der in diesem Augenblicke vielleicht paradox erscheint, wird eine große und tiefe Bedeutung erhalten, wenn wir erst dahin gekommen sein werden, ihn auf den doppelten Ernst der Pflicht und des Schicksals anzuwenden; er wird, ich verspreche es Ihnen, das ganze Gebäude der ästhetischen Kunst und der noch schwierigern Lebenskunst tragen.” (Brief 15)

Es geht also nicht um Kunst, es geht ums Leben. Das Wort „Lebenskunst” kann man trivial verstehen: Lebenskünstler ist, der sich die Sache leichtmacht. Wenn man es aber tiefer aufzufassen versucht, dann wird von seiner Bedeutung besonders der misshandelte Begriff „Arbeit” in ein schöneres, helleres Licht getaucht. So z.B. bei Joseph Beuys, der gesagt hat: „Selbst beim Schälen einer Kartoffel kannst du ein Bildhauer sein!” Von diesem kleinen frechen Apercu bis zu so großen Themen wie „Mitgestaltung des Arbeitsplatzes im Betrieb” oder „Volksabstimmung” oder „Erziehungskunst” spannt sich ein weiter Bogen; jede
Gemeinschaft – eine Familie, ein Staat, ein Unternehmen – kann gestaltet werden als „Soziale Plastik” oder „Soziale Skulptur”. Es geht aber nicht, wenn die Leute nicht „spielen” können – oder nicht „spielen” wollen, wenn sie den sozialen Prozess mechanisch oder bürokratisch oder diktatorisch regulieren wollen und nicht wie Künstler, nicht musikalisch.

Was Joseph Beuys „Soziale Skulptur” genannt hat, heißt bei Schiller: Ästhetischer Staat. Das ist eine Gemeinschaftsform, in der der Mensch dem Menschen „nur als Objekt des freien Spiels gegenüberstehen darf”. (Brief 27) Was bedeutet denn das? Weder Rechte noch Pflichten, sondern nur freie Entscheidungen dürfen in einem solchen Gemeinwesen das Sozialleben bestimmen. Könnte das dazu führen, dass die Kräfte und Begabungen, die Stärken und Schwächen, die Wünsche und Nöte aller zusammenzuspielen beginnen wie die Organe eines Organismus oder die Instrumente in einem Orchester? Schiller sah die Chancen einer Verwirklichung dieses Traums realistisch: „Existiert aber auch ein solcher Staat des schönen Scheins, und wo ist er zu finden? Dem Bedürfnis nach existiert er in jeder feingestimmten Seele, der Tat nach möchte man ihn wohl nur, wie die reine Kirche und die reine Republik, in einigen wenigen auserlesenen Zirkeln finden …” (Brief 27)

Nichts Sensationelles, Lautes, Gewalttätiges ist hier gemeint, sondern etwas Feines, eine zarte Verbesserung der menschlichen Natur durch Spielen. Dieses Wort hat ja ein außergewöhnlich großes Bedeutungsumfeld: Anspielen, abspielen, bespielen, verspielen, auf- und zu- und hin- und her- und über- und ein- und ausspielen, und manche dieser Verben weisen noch einmal für sich jeweils in verschiedene Bedeutungsrichtungen zugleich, z. B. verspielen. Und die Fülle der Substantive: Geigenspiel, Ballspiel, Spielball, Beispiel, Gespielin und das Spiel der Wellen und weitere hundert. Sehr nahe kommt man dem Wesen des Spiels durch die Betrachtung der Radachse, die in ihrem Lager läuft: sie braucht „Spiel”. Einen Hauch „Spiel”, nicht einen hundertstel Millimeter zu viel oder zu wenig. „Gestalt” heißt hier: präzise Passung, „Leben” heißt hier: eine winzige Ungenauigkeit zulassen. Mit „Spiel” beginnt alle Bewegung; die Gelenke haben Spiel; mit dem „Spiel” fängt der Geigenton an zu leben, denn er muss zwar sauber gegriffen sein, aber dann wird er doch ganz fein umspielt, seine Präzision wird ein wenig aufs Spiel gesetzt; das ist das Vibrato, das den Ton verlebendigt und beseelt, das heißt, ihn schön macht.

Jeder kennt das Würfelspiel. Der Würfel wird geliebt und gefürchtet. Machen wir eine kleine Übung. Erinnern wir uns an unsere Kindertage und an das Brett mit den bunten Figuren, über das unser Holzmännlein rasch und ohne in den Brunnen zu fallen, hineilen muss, an hundert Gefahren vorbei, von den Augen des Würfels getrieben und gezügelt zugleich. Der Augenblick, in dem wir den Würfel in die Hand nehmen, ist der köstlichste: Alle Möglichkeiten sind offen, wir empfinden die Offenheit des Schicksals, es liegt in unserer Hand, wir können es steuern. Wir schütteln den Würfel noch einmal in der Hand, senden ein Stoßgebet gen Himmel, glühend vor Hoffnung und Erwartung auf das Kommende, voller Bangigkeit vor der falschen Zahl. Endlich lassen wir den Würfel rollen. Eine halbe Sekunde rollt er noch, kippt mit dem letzten Rest des Schwungs doch noch über die Kante; dann erblicken wir die Zahl, die das weitere Schicksal bestimmt. Triumph! Oder Entsetzen! Der Gegner ist überrannt – oder ich schleppe mein Unglücksmännchen geschlagen über das Brett zurück bis zum Ausgangsfeld, und lachend und spottend rennen die Mitspieler weiter. Ich unterwerfe mich dem Schicksalsspruch, zerknirscht über mein Versagen oder das Verhängnis erduldend – wer weiß es -, aber ich gehorche, gramerfüllt. Und schon steigt, während die Runde läuft, wieder eine neue Siegesgewissheit in mir auf, eine heiße Erwartung, denn in wenigen Sekunden stehe ich wieder am Anfang der Welt und nicht am Ende, ich bin wieder dran! Und wieder der Augenblick, wo die Welt mir offen zu Füßen liegt, und wieder das süße unerbittliche Gesetz, dem ich mich unterwerfe.

In beidem, scheint es, liegt die Quelle der Lust: in dem feurigen Moment der vollen Macht über das Leben und in dem dunklen Augenblick, wo ich das Schicksal empfange; sicher auch in der Schärfe des Kontrasts, in dem Hin- und Hergeworfenwerden zwischen Seligkeit und Elend. Der Würfel eben lässt nur in zwei Phasen getrennt erleben, was das volle Erlebnis des Spieles sein will, er reißt das Erlebnis entzwei: im Wurf die Befriedigung des sinnlichen Triebes im kurzen sinnlichen Rausch, dann, nach dem Erblicken der geworfenen Zahl die klaglose Erfüllung dessen, was das Gesetz mir befiehlt. Das Würfelspiel ist erst eine Vorform von wahrem Spiel.

Nun folge als nächster kleiner Schritt der Übung, die beiden polaren Erlebnisse des Würfelspiels zusammenzuschieben, in einem und demselben Augenblick beides zu erleben: die frohe bange Erwartung und die glückliche oder niederschmetternde Erfüllung, das Yang des Würfelwurfs und das Yin in der Hingabe an das Gebot der Zahl, Freiheit und Notwendigkeit in eins. Versuche das in der Seele zusammenzurücken, beides zugleich zu fühlen: Frohlocken und Zerknirschung. Da bildet sich etwas, für das ich keine Worte habe; ist es nicht so, als berührte ich mit der Fingerspitze etwas Unbekanntes, Brennendes? Oder mit der Herzspitze? Oder mit der Spitze des Denkens?

Gipfel der Steigerung, Augenblick der Inspiration, des Berührtwerdens vom Geist, des Eintritts in die schöpferische Freiheit. Ein „Zustand der höchsten Ruhe und der höchsten Bewegung”, so nennt Schiller ihn, diesen „ästhetischen Zustand”, „und es entsteht jene wunderbare Rührung, für welche der Verstand keinen Begriff und die Sprache keinen Namen hat.” (Brief 15) Inspiration ereignet sich ja nicht dadurch, dass man im Lotussitz verharrt und auf das Erscheinen des Geistes wartet, sondern eben durch „Spiel”, wie Schiller es versteht. Nach all dem Vorangegangenen können wir jetzt ebenso sagen: durch „Arbeit”, wie Schiller sie versteht. „Es muss” und „Ich will” verschmelzen miteinander, „Arbeit” und „Spiel” vereinen sich zu einem Höheren, der Riss durch den Menschen und durch die ganze Kultur ist geheilt. Damit sei das Ideal des Spieltriebs aufgestellt. Der Begriff des „Spieltriebs” selbst ist ein inspirierter.

Spiel und Arbeit

Um diese neuen Begriffe von Spiel und Arbeit tragfähig zu machen, bedarf es einer Voraussetzung, die für das Spielen leicht, für das Leben aber schwer zu erbringen ist. Spiel kann nur stattfinden, wenn alle Mitspieler freiwillig spielen. Niemand kann zum Spielen genötigt werden. Erzwungenes Spiel ist kein Spiel. Und wie ist es mit meinem Leben? Ist es freiwillig? Beruht es auf meinem eigenen Entschluss? Oder ist in den Schicksalsgang wenigstens ein Anteil eigener Entschluss eingewoben? Wie soll ich Einblick erlangen in den Abgrund, den diese Frage öffnet? Moderne Philosophie und traditionelle Religion liefern hier nur Hypothesen. Doch nicht auf Einblick kommt es hier an. Sondern auf Entschlusskraft. Ich bestimme selbst, ob ich freiwillig lebe oder durch blinde Mächte in die Existenz geworfen bin. Ich lasse mir zu dieser Frage nichts von außen sagen. Wenn ich mich zu dieser Selbstbestimmung entschließe, geht mir sogleich das Verständnis für die höhere Art von Arbeit, für die „Arbeit der zweiten Art”, auf. Ich entdecke, dass in meinem Arbeiten zum Ausdruck kommt, was der „reine idealische Mensch in mir” (Brief 4) will. Und wenn ich das nicht entdecke, bemühe ich mich, auf die äußeren und inneren Bedingungen meines Arbeitens so einzuwirken, dass eine solche Kohärenz zustandekommen kann. Darauf hat Beuys schon mit seinem mitleidig-kläglichen Bild vom Kartoffelschälen gewiesen.

Keine menschenwürdige Sozialordnung ist möglich ohne diesen durch Schillers Spielbegriff auf eine höhere Ebene gesteigerten Arbeitsbegriff! Rudolf Steiners Ideen zur Dreigliederung des sozialen Organismus beleuchten diese Forderung noch schärfer: „Niemals wird in der Zukunft so wie in der Vergangenheit, wo die Dinge instinktiv und atavistisch waren, Lust und Liebe zur Arbeit die Menschen durchglühen, wenn Sie die Gesellschaft nicht durchdringen mit solchen Ideen, mit solchen Empfindungen, die durch Inspiration der Eingeweihten in die Welt kommen.” (R. Steiner, 11.08.1919 in Dornach, in GA 296) Schiller war zwar kein Eingeweihter, aber die Denkbewegung in den Ästhetischen Briefen entfacht eine solche gerichtete Energie in dem Lesenden und meditativ Nachdenkenden, dass er in seinem eigenen Denken die geschilderte Steigerung bis zum Inspirativen erfahren kann. Schiller hat selbst ausgesprochen, dass er schon allein durch seine Sprache, selbst die prosaische, unabhängig vom Inhalt, „in der Brust seines Lesers ein fröhliches Gefühl seiner selbst erwecken” wolle. (Einleitung zu „Abfall der Niederlande”) Was soll das anderes bedeuten als Anregung der Ichkraft, gesteigertes Erlebnis des eigenen geistigen Wesens, des „reinen idealischen Menschen” im eigenen Innern des Lesenden? Denn nur dort fließt die Quelle für die Inspiration, die Arbeit und Spiel vereinigt und damit den unsichtbaren Stoff der Freiheit hervorbringt und freisetzt. Darum ging es ihm.

Der Weg dahin heißt „üben”. Der Stern, der über unserem Üben leuchte, ist „Arbeit der zweiten Art”. Solange noch jener verglimmende Stern des Alten Testaments „Arbeit als Sühne für den Sündenfall” die Richtung gibt, kann kein Heil im Sozialen entstehen. Weil der unter dem moralischen Druck verschüttete Quell verschüttet bleibt, weil der Spieltrieb nicht geboren werden kann und kein Spiel zustande kommt. Und damit auch nicht Arbeit, sondern Versklavung. Warten wir also nicht auf die große Revolution oder die totale Sozialhilfe, sondern bilden wir kleine „auserlesene Zirkel” und üben wir.

Das Üben ist die Domäne der Künstler. Üben ist Arbeit, schwere Arbeit. Der künstlerisch Übende entwickelt eine Methode, die ihn möglichst oft in jene Dynamik der Steigerung hineinführt, wo in einem Moment, dem er zustrebt und den er doch nie erzwingen kann, das Üben ins Spiel übergeht, die Musik unter dem Bogen zu strömen beginnt oder ein Pinselstrich das ganze Bild plötzlich so weiterführt oder gar vollendet, wie der Maler es sich gar nicht vorgestellt hat. Wassily Kandinsky z.B. hat ein Spiel geliebt, das genau in die hier gewiesene Richtung führen kann:

„Geschickte Anwendung eines Wortes, eine innerlich nötige Wiederholung desselben zweimal, dreimal, mehrere Male nacheinander kann nicht nur zum Wachsen des inneren Klanges führen, sondern noch andere nicht geahnte geistige Eigenschaften des Wortes zutage bringen. Schließlich bei öfterer Wiederholung des Wortes (beliebtes Spiel der Jugend, das später vergessen wird) (sic!) verliert es den äußeren Sinn der Benennung. Ebenso wird sogar der abstrakt gewordene Sinn des bezeichneten Gegenstandes vergessen und nur der reine Klang des Wortes entblößt. Diesen „reinen” Klang hören wir vielleicht unbewusst auch im Zusammenklange mit dem realen oder später abstrakt gewordenen Gegenstande. Im letzten Fall aber tritt dieser reine Klang in den Vordergrund und übt einen direkten Druck auf die Seele aus. Die Seele kommt zu einer gegenstandslosen Vibration, die noch komplizierter, ich möchte sagen „übersinnlicher” ist als eine Seelenerschütterung von einer Glocke, einer klingenden Saite, einem gefallenen Brette usw.” (W. Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, Bern 1952, S.46)

Ein Spieler, ein Arbeiter, ein Künstler, der ja die Entwicklung der Malerei für die ganze Menschheit entscheidend mit vorangetrieben hat. Der als Maler mit Farben und Formen so konkret an der Seele des Betrachters arbeitet wie der Musiker mit Tönen und der Dichter mit den reinen Klängen der Wörter die Seele durch jene „übersinnliche Vibration” für die Wahrnehmung einer unbekannten Schicht der Wirklichkeit öffnet und so an der Weiterentwicklung der menschlichen Konstitution und des menschlichen Bewusstseins mitarbeitet. Hier offenbart sich „Spieltrieb” auf seiner höheren Ebene; hier wird spielend Freiheit erzeugt und geschenkt. In dem „ästhetischen Staat”, dem „dritten, fröhlichen Reich des Spiels und des Scheins”, wie Schiller es nennt, gilt das Grundgesetz: „Freiheit zu geben durch Freiheit”. (Brief 27)

Freiheit

Freiheit kann man nicht haben wollen. Es lohnt sich, Klarheit darüber zu gewinnen, dass das universelle Menschenrecht auf Freiheit unlöslich verbunden ist mit der allgemeinen Menschenpflicht, Freiheit zu geben. Aber man kann sie eben nicht „haben”, um sie dann großmütig zu verleihen. Sie kann nur immer hier und jetzt und vielleicht sich bilden und im nächsten Augenblick schon wie eine Schneeflocke vergehen, wenn das gesteigerte Wesen wieder hinuntersinkt auf die Ebene, auf der sich der Mensch zwischen Formtrieb und Stofftrieb irgendwo einpendelt. Aber im hohen Augenblick des Hervorsprudelns beglückt sie die Menschen, wenn sie mit ihnen geteilt wird, wenn sie verschenkt wird, denn dadurch vermehrt sie sich. Je mehr du davon verschenkst, um so größer wird sie! Schiller hat sie genannt „eine Freiheit der zweiten Art”:

„Um aller Missdeutung vorzubeugen, bemerke ich, dass, sooft hier von Freiheit die Rede ist, nicht diejenige gemeint ist, die dem Menschen, als Intelligenz betrachtet, notwendig zukommt und ihm weder gegeben noch genommen werden kann, sondern diejenige, welche sich auf seine gemischte (= gesteigerte, P.G.) Natur gründet. Dadurch, dass der Mensch überhaupt nur vernünftig handelt, beweist er eine Freiheit der ersten Art, dadurch, dass er in den Schranken des Stoffes vernünftig und unter Gesetzen der Vernunft materiell handelt, beweist er eine Freiheit der zweiten Art.” (Anmerkung zu Brief 19) Diese Aussage ist das Ergebnis der Steigerung der Begriffspolarität „Notwendigkeit” – „Freiheit” (der ersten Art) in dem Sinne, der diese ganze Darstellung durchzieht. Der Begriff „Arbeit der zweiten Art”, wie er oben verwendet wurde, geht aus dieser Anschauung einer „Freiheit der zweiten Art” hervor; diese höhere Freiheit eben ist die Bedingung jener wirklich menschlichen Arbeit, die aus der Verschmelzung von Spiel und Arbeit hervorgeht.

Von Freunden Schillers ist überliefert, dass sie sich oft in seiner Gegenwart freier fühlten als gewöhnlich, als sei er von einer Aura von Freiheit umgeben gewesen, in deren Licht sie ihre eigene innere Freiheit stärker fühlen konnten. So stark muss sein freiheitliches Wesen auf sie gewirkt haben, dass stets „in der Brust des anderen ein fröhliches Gefühl seiner selbst erweckt wurde”, um die Worte aus seiner Einleitung zum „Abfall der Niederlande” zu wiederholen.
Goethe besonders hat die Steigerung seines eigenen Wesens in der Begegnung mit Schiller empfunden. Ja, er schrieb ihm am 9. Juli 1796: „Ich bitte Sie, nicht abzulassen, um, ich möchte wohl sagen, mich aus meinen eigenen Grenzen hinauszutreiben.”

Und Goethes Grenzen waren weit gesteckt! Jetzt, am Anfang eines neuen Jahrtausends, dessen Nöte und Schrecken schon über dem Horizont der Gegenwart aufragen, möchte man „um einen Schiller von innen bitten”, wie Ortega y Gasset 1932 in seinem berühmten Aufsatz um einen „Goethe von innen” gebeten hat. Um aus seinen eigenen Grenzen hinausgetrieben zu werden, um den Mut zum Spielen zu fassen, den Mut zur Selbstverwandlung! Denn aus den unverwandelten Kräften des Form- und des Stofftriebs heraus lassen sich die Aufgaben der Zukunft nicht nur nicht bewältigen, sondern nicht einmal erkennen.

Ganz ohne Spiel wird es nicht gehen. Wenn die Spielräume geschlossen werden, dann müssen wir sie eben im Innern neu eröffnen.

Text: Peter Guttenhöfer
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