Vortrag

Ruf nach Autonomie – Paralcelsus‘ Leben und Wirken

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Vortrag von Dr. med. Klaus Bielau, Graz

Symposium: Paracelsus – Vom Sichtbaren zum Verborgenen

Ein Vieh frisst wie das Vieh, und auch der Mensch, insoferne er ein Vieh ist, frisst wie dieses von der Erde, er soll jedoch nicht sein wie ein Vieh, sondern soll ein vom Ewigen her Bestimmter aus dem gespeist werden, was ewig ist. Denn er ist nicht als Vieh geschaffen, sondern als Mensch, als Ebenbild Gottes und als sein Gleichnis. Der Viehische Leib ist ein anderer als jener, der sich von dem Baume nährt, der aus der Wurzel Gottes wächst. Dieser Leib des Menschen ist nämlich der ewige Leib, Gott nachgebildet, ihm gleich und darum unsterblich. Als Unsterblicher wurde der Mensch geschaffen. – Soweit zur Einleitung Theophrastus.

Die Weisheit des Paracelsus soll uns nun zu dem führen, was hinter dem Äußeren, hinter dem Sichtbaren liegt. Der Mensch, der bewusste Bewohner zweier Welten, hier ist er im Stofflichen, sichtbar im Lichte der Natur fürs natürliche Auge, dort ist er im Licht des Geistes der vom Ewigen her Bestimmte, das für das äußere Auge verborgen bleiben muss.

Paracelsus gehört zu einer ganzen Reihe wesentlicher Lehrer der Völker Europas in unserer Zeitrechnung, gekommen aus jenen Sphären, die wir – in der Tradition der Rosenkreuzer – die unbekannte Hälfte der Welt nennen wollen. Sie sind wohl unseren bekannten äußeren Sinnesorganen verborgen, doch nichts desto weniger konkret und stets vorhanden. Wir empfinden dieses Verborgene, es ist das Wesentliche, als Sehnsucht, als Beunruhigung, manchmal auch als Kraft zur Veränderung und es öffnet sich als Licht für jene Menschen, die der Welt der äußeren Formen nicht mehr anhängen und einen Prozess der Veränderung, einer alchymischen Umwandlung von innen nach außen durchlaufen. Das Sichtbare wird dann wie zu einer Brücke, einer Schleuse, über und durch die die bislang unbekannte Hälfte der Welt als die eigentlich reale, wirkliche, unvergängliche erkannt wird. Es ist die Heimat der Unsterblichen, die Gemeinschaft der Lichtfähigen” (K.v.Eckartshausen), die den Tod überwunden, die die wesentlichen Heilungsvorgänge der Seele durchlaufen haben – und sich in allen Gebieten von Geist und Stoff im Neuen Körper, dem Auferstehungsleib, ausdrücken können.

1 Der Patient sei sein Arzt, der Arzt dessen Helfer

Was war und ist Auftrag der Eingeweihten und Weisen aller Zeiten?
Einzig und Allein Helfer der Menschheit zu sein. Was nicht bedeutet, Schwierigkeiten, Konflikte und Probleme anderer zu lösen, sondern Hilfe zur Erkenntnis der Ursachen des Übels zu geben und Wege aufzuzeigen, wie wir das Chaos überwinden und lösen können. Im heutigen Sprachgebrauch: Hilfe zur Selbsthilfe.
Wie, Wodurch? Am überzeugensten ist immer das eigene Leben. Daneben gibt es nichts, das stärkere Wirkung auf die Mitmenschen ausüben würde. Nicht salbungsvolle oder weise Worte helfen weiter, sondern das Leben im Sichtbaren überzeugt.

Paracelsus‘ Auftrag ist es, über die Heilkunde die Menschen in Berührung kommen zu lassen mit der Kraft aus dem Verborgenen, dem Wesentlichen – ohne das es nie und nimmer Heilung geben kann. Und weiter, als Schriftsteller und Lehrer die Philosophie des Wesentlichen für die Jahrhunderte und für die Zeit, in der wir jetzt leben, lebendig zu erhalten. Was aus der Ewigkeit, dem zumeist Verborgenen, will die Menschen immer zur Ewigkeit rufen – und im Wesentlichen ist dies nicht an die Geschichte und die Zeit gebunden.

„Da aber in der Arznei ein unnützes Volk eingemischt wird, das nur den Eigennutz beachtet und sucht, wie kann ich dann Erfolg haben, wenn ich zur Liebe mahne? Ich für meinen Teil schäme mich der Arznei, da sie so sehr zu einem Betrug gekommen ist. Daher kommen in der Arznei die faulen und heillosen Lotterbuben und verkaufen ihre Arznei, es reime sich oder nicht. Wer das Geld in den Säckel bringen kann, der wird gelobt, dass er ein guter Arzt sei. Auch die Apotheker und einige Barbiere nehmen sich der Arznei an. Sie gehen mit der Arznei gegen ihr eigenes Gewissen um und vergessen ihre eigene Seele, um reich zu werden, Haus und Hof und alles, was dazu gehört, herzurichten und herauszuputzen. Sie achten nicht darauf, dass es unverdient in ihre Hand gekommen ist, die Hauptsache für sie ist, dass es da ist. ”
(aus Defensiones)

Wer für sich und sein Leben Verantwortung übernehmen will, kann dies nur in Freiheit und aus einem klaren Bewusstsein heraus: Ich muss mein eigener Arzt sein, einen anderen gibt es nicht- ein äußerer Berater kann mir auf dieser Basis behilflich sein. Denn wem müssen die Ursachen klar werden, wem die Aufgaben, die sich in Problemen, Beschwerden usw. zeigen wollen? Jedem, der diese Aufgaben lösen will – also uns selbst.

Streng gesehen ist der Arzt im eigenen Wesen der Mensch der Neuen Geburt, der sich uns ständig mitteilen will als Stimme der Intuition, als die feine Stimme aus dem Verborgenen in uns.

2 Paracelsus‘ Jugend

Unerhörte Unruhe, Aufbruch und Veränderung, Kampf des Alten gegen das Neue. Kriege, Bauernkriege, die Ausgebeuteten gegen die Herrschenden, brennende Klöster, brennende Kirchen; Pest, schreiende Ungerechtigkeit, unglaublicher Dünkel der Herrschenden, entsprechende Armut und Knechtschaft der Völker – und doch: das Erwachen des Menschen schreitet voran; unaufhaltsam. Die Kirchen und deren Theologie, die Gesellschaftsordnung, die Medizin – morsch bis in die Knochen. In dieser Zeit: Paracelsus.

Er wurde als Phillipus Theophrastus von Hohenheim 1493 zu Einsiedeln in der Schweiz als einziges Kindes des Arztes Wilhelm von Hohenheim geboren. Die Mutter war Magd im nahe gelegenen Kloster. Vater Hohenheim soll ein ernster, stiller Mensch gewesen sein, dem Studium der Natur zugewandt. Die Kindheit war karg, wie für die Bevölkerung der Gegend üblich. Er wuchs eher wie ein Bauernkind auf, mit grober Kost genährt und trieb sich viel im Freien umher – unter den Tannenzapfen.

Vater Hohenheim wurde durch seine chemischen Studien bekannt und nach dem Tode der Mutter – der Knabe war neun Jahre alt – als Arzt nach Villach in Kärnten berufen, um an der dortigen Bergschule die Scheidekunst zu lehren. Unter der Leitung des Vaters nahm der Sohn Unterricht in der Scheidekunst, der Behandlung der Metalle.

Die Eindrücke und Erfahrungen, die er von Kindheit an durch die Betrachtung der Natur und später durch die chemischen Studien gewonnen hatte, übertrug er unter Zuhilfenahme von Analogien auf alle Lebensbereiche.

Medizin studierte Paracelsus von Villach aus in Tübingen, Wien und Ferrara, wo er sich mit den antiquierten Vorstellungen an den Universitäten quälen musste und diese stets und mit scharfen Worten demaskierte.

3 Die Pest in Ferrara

Auch in Ferrara, dieser oberitalienischen Stadt, brach die Pest aus und alles, was Geld hatte, floh aufs Land. Die Stadtverwaltung bot demjenigen der Studenten den Doktortitel an, der zurückkehren würde, um der Krankheit Einhalt zu gebieten. Paracelsus, der das Gestümper mit teuren und unwirksamen Arzneien nie ertragen konnte, vertiefte sich in diese Krankheit und erkannte, dass es sich um einen Brand handeln müsse, dass die Pest in Wahrheit ein Wesen aus Angst und Unfreiheit war, welches in einem Menschen auflebte. Darum musste sie feurig(dem Leiden ähnlich) behandelt werden und nicht mit Salben und Pflastern. Er entwickelte eine Rezeptur, die um ein Mehrfaches effektiver war, und es überlebten viele, die bereits dem Tode nahe waren. – Als die Seuche nun niedergeschlagen war, war auch die Euphorie der Stadtverwaltung dahin. Paracelsus habe eben Glück gehabt, so sagte man. – Zu seinem Glück, so weiß es die Geschichte, stand dem Kollegium der Stadtuniversität als Rektor ein bekannter Humanist (Nicola da Lonigo 1428-1524) vor. Dieser war einer der ersten erklärten Gegner des Theoretisierens auf der Basis der alten Schriften. Er zeigte schon 1490 deren Irrtümer auf, also noch zu Lebzeiten des in Italien damals sehr bekannten Marsillio Ficino. So bekam Paracelsus dennoch seinen Titel, wenn auch geraume Zeit später, und auch ohne dass er dafür, was üblich war, eine erkleckliche Stange Geld dafür hinlegen musste.

Mit der Energie dessen, der in sich einen großen Auftrag der Erneuerung kennt, der weiß, dass das Große Recht, es sind die Gesetze der Schöpfung, auf seiner Seite ist, negiert er die gefestigten medizinischen Ordnungen, die er als Willkür und Unsinn erfährt.

Willkür und Unsinn, Macht und Streben nach Reichtum, diese Ausgeburten des Irrtums haben auch ihre Werke: Sie schaden den Menschen, führen ihn in noch größere Leiden – und diese macht Theophrast schon in sehr jungen Jahren.

4 Der Wanderer …

… zwischen den Welten als einer, der aus dem Verborgenen schöpft, um im Sichtbaren zu wirken: den Menschen zur Umkehr zu bewegen ins Verborgene – so steht Paracelsus vor uns.

Nach den Lehrjahren begann das Wanderleben, das sein ganzes Leben dauern sollte. Die Berufung stand klar vor ihm: Paracelsus zu sein – der Erhabene. Seine Mission wird es, das Verkehrte und Verdrehte seiner Zeit – sowohl in Medizin, als auch in Theologie und Philosophie – zu demaskieren aus der Kraft des Wesentlichen, aus dem Licht des Geistes.

Er bereist Italien, Frankreich, Spanien, England, Russland, Polen, Rumänien, Ungarn, den Balkan, ja soll bis Konstantinopel gekommen sein. Auf diesen Wanderungen lernte er, von wem immer er etwas über Krankheiten und deren Behandlungen lernen konnte, nicht von den Universitäten und deren Ärzten, sondern von – und wir zitieren – „Barbieren, Naturheilkundigen, Bauern, Schäfern, fahrendem Volk, alten Weibern, ja auch von Scharfrichtern und ihren Gehilfen.”

Seine selbst für die damalige Zeit durchaus harte Ausdrucksweise mag die heftige Gegnerschaft unter den zeitgenössischen Autoritäten erklären. Viele von uns Heutigen, geübt im mäßigenden Sprachgebrauch von Diplomatie und „Polstersesseln”, sind erstaunt bis entsetzt über die zum Teil unflätigen Worte. Schön-Reden ist nicht Art des Theophrastus. Eher gleicht die Sprache dem Schwert, um Morsches vom Gesunden zu scheiden. Ja es dürfte Paracelsus darum gegangen sein, Widerstand aufzurufen und zu provozieren, damit sich das Untaugliche und Alte selbst demaskiere. Stößt das Neue nicht immer auf Feindschaft bei den Autoritäten und der großen Masse der noch Unmündigen? Was wir Heutigen als Grobheit empfinden mögen, mag notwendig gewesen sein zur Erfüllung der Arbeit. Wer will es beurteilen? Es ist nicht bekannt, dass Paracelsus persönlich die im Irrtum Befangenen angegriffen hätte, sondern er verurteilte ein System, das auf Bequemlichkeit, Unkenntnis und Eigennutz beruht.

Theophrast (wörtl. der Gotteserklärer) war kein Aufrührer, doch machte er den Menschen Mut zur Freiheit. So musste er 1524, damals 31-jährig, Salzburg verlassen, da er den aufständischen Bauern aus dem Evangelium vorlas.

5 Laborantenmantel

1526 – Paracelsus weilte damals in Straßburg – ließ ihn der Buchhändler Frobenius zur Konsultation nach Basel berufen. Dieser gelehrte und angesehene Buchdrucker litt schwer an den Folgen eines Reitunfalls, den er etliche Jahre zuvor hatte. Es trat ein quälender Schmerz im Fuß auf, der durch die Behandlung der ansässigen Ärzte nur verschlimmert wurde, sodass man zur Amputation riet, um den Kranken zu retten. In kurzer Zeit war Frobenius durch die Kur des Paracelsus wieder hergestellt.

Diese Beziehungen führten dazu, dass man Paracelsus die offene Stelle eines Stadtarztes in Basel antrug, mit welcher zugleich das akademische Lehramt verbunden war. Sowohl der Übernahme des Lehramtes an der Universität als auch der Ausübung der ärztlichen Praxis stellten sich aber sogleich ernste Schwierigkeiten entgegen. Paracelsus wurde vom Rat der Stadt Basel berufen, ohne dass das akademische Kollegium gefragt worden wäre. Es hätte der neue Stadtarzt jedoch, wie es bisher der Fall gewesen war, ohne Schwierigkeiten medizinisch behandeln und Vorlesungen halten können, wenn er sich nicht der überlieferten Arzneiwissenschaft und dem ganzen Betrieb der Wissenschaft an den Hochschulen als scharfer Gegner entgegengestellt und seinem Standpunkt in schroffster Weise Ausdruck gegeben hätte. Seine Vorlesungen wurden von der Fakultät behindert. Es erschien ungeheuerlich, dass ein Vortragender, statt die Schriften der Alten nur zu kommentieren, die Resultate eigener Erfahrung und Erkenntnis vortrug.

Eine andere unerhörte Neuerung: Hohenheim hielt seine Vorlesungen (als erster Lehrer an einer deutschen Universität) in der Muttersprache. Seinen Gegnern schien dies ein Verrat an der Wissenschaft zu sein, sie nicht im ehrwürdigen Gewand der alten Sprachen vorzuführen, sondern in jener Sprache, welche die Fuhrleute auf den Gassen, die Krämer auf dem Markte und Mägde am Brunnen redeten. Diese seine Tat steht damit im Zusammenhang, dass auch sonst in Deutschland die Muttersprache nach größerer Anerkennung drängte. Luthers deutsche Bibelübersetzung lässt sich dem an die Seite stellen. Paracelsus‘ Vorlesungen hatten denn auch einen außerordentlichen Zulauf. Selbst die Gegner mussten dies neidisch bezeugen und sie äußerten ihr Missfallen darüber, dass er mit seinen Vorlesungen jedermann unterrichtete und dass der ganze ungebildete Haufe der Bader und Alchemisten in seinem Kolleg sitze.

Der Widerstand gegen die philosophisch fundierte Lehre und seine Person kam von allen Seiten. Man streute aus, dass man nicht wisse, woher oder ob er überhaupt ein Doktor sei, man rügte, dass er nicht die übliche Kleidung der Ärzte, Barett und Talar, trage, sondern im Laborantenmantel umherging. Die Fakultät machte auch von ihrem formellen Recht Gebrauch, ihm die Ausübung der ärztlichen Praxis zu untersagen. Darauf richtete Paracelsus eine Eingabe an den Rat der Stadt, man möge ihm gegen die Universität Gerechtigkeit verschaffen. In dieser Eingabe besprach er die üblen Zustände des Apothekenwesens. Die langen Rezepte der alten Medizin ersetzte Paracelsus durch seine neuen, einfachen, aber wirksamen Mittel, welche er meist selbst im Labor herstellte. Die Apotheker kannten diese Mittel nicht, geschweige denn konnten sie sie herstellen. Außerdem fand er die Pflanzen häufig verdorben und die Preise zu hoch.

Er machte Vorschläge für eine Kontrolle des ganzen Apothekenwesens und für die Einführung einer festgesetzten Arzneitaxe, um die Kranken vor der Übervorteilung zu bewahren. Immerhin gab der Stadtrat dieser Eingabe statt und Paracelsus konnte zunächst seine Vorlesungen wieder beginnen.

Er brach mit den erstarrten Wissenschaften des Altertums und Mittelalters und führte eine neue Erfahrungsheilkunde ein. Wie Luther die Bannbulle des Papstes verbrannte, so gab Paracelsus eine ähnliche symbolische Tat kund, indem er das berühmte Lehrbuch des Avicenna, den Canon medicinae, vor seinen Studenten ins Feuer warf.

Sätze wie folgende entstanden:
Paracelsus: Die Mediziner haben ihren größten Schatz, die Liebe zur Wahrheit, verloren und sich dem Saufen, Fressen, der Hurerei usw. ergeben. Sie kennen nichts, sie sehen nichts, ihr Bauch ist ihr Gott. Aus diesem kommt die Erkenntnis, in diesen fließen die Früchte. – Eure Kunst muss mit Gewalt geübt werden durch einen gezwungenen Glauben, dass man glaube, was ihr sagt und ihr befestigt den Glauben mit eurem vielen Geschwätz, Laufen, Rennen und Geschäftigsein. Dass ihr lauft, geschieht um das liebe Geld und nicht wegen der Gesundheit eurer Patienten. Denn hättet ihr die rechte Arznei, was brauchtet ihr laufen, rennen, den Harn besehen, und was braucht ihr den Kleinkram? (aus Opus Paragranum)

Kann es, zu welcher Zeit auch immer, um Oberflächlichkeiten, um Kleinkram gehen? Paracelsus ging es nur um das Wesentliche, das hinter den sichtbaren Dingen liegt. – Der Unterricht wird theoretisch und praktisch gehandhabt und mit erheblichem Aufwand an Zeit und Mühe durchgeführt. Zu den Menschen zu gehen, hält er als Arzt für wichtiger als anatomische Studien, die ihm, so auffallend wie verständlich, wenig wichtig sind. Die Botanik lehrt er seine Schüler auf Ausflügen in die Natur praktisch kennen. Das sei mehr wert als das Studium aller Lehrbücher. Und er zeigt auch, wie man aus Pflanzen die wirksamen Stoffe extrahieren und den unnötigen, manchmal schädigenden Ballast ausscheiden könne – die Herstellung der Arcana – die Essenzen der verborgenen und wirksamen Kräfte.

In der Fürsorge für seine Schüler ging er oft so weit, dass er sie als Hausgenossen bei sich aufnahm und unentgeltlich verpflegte. Sie dienten ihm dafür als Schreiber, Gehilfen und Assistenten. Den Kranken gegenüber war Paracelsus stets von größter Barmherzigkeit, was u.a. aus seinem in verschiedenen Variationen vorkommenden Ausspruch hervorgeht: Der höchste Grund der Arznei ist die Liebe. Merket, dass nichts ist, da größere Liebe von Herzen gesucht wird, denn im Arzte!

Man verleumdete ihn, redete verächtlich, er sei ein Ketzer der Arznei, ein Lutherus medicorum, der ebenso verbrannt gehöre wie jener; ein Landstreicher, der widerrechtlich Doktor sei, ein Zerbrecher der Wahrheit, ein Verführer des Volkes, ein Narr, ein Schwarzkünstler, er habe den Teufel im Leibe und dergleichen mehr.

Dann kam eine Honorarstreitigkeit mit einem angesehenen Basler Domherren, welchen Paracelsus von qualvoller Krankheit geheilt hatte und der ihm dann den zehnten Teil des vereinbarten Honorars zukommen ließ. Die Richter entschieden zugunsten des mächtigen Domherrn. Neben einer in zorniger Tonart gehaltenen Eingabe an den Stadtrat schrieb Paracelsus auch ein Flugblatt, in dem er die Richter heftig angriff. Daraufhin erreichte das Kesseltreiben gegen ihn seinen Höhepunkt. Ein Haftbefehl wegen Beleidigung der Richter wurde gegen ihn erlassen. Rechtzeitig gewarnt, verließ er bei Nacht die Stadt und entwich.

Wer dem Licht der Wahrheit zum Durchbruch verhelfen will, wird dies mit Nachdruck und Selbstbewusstsein tun. Aber er muss auch damit rechnen, dass er auf heftigen Widerstand bei denen stößt, die an den überkommenen Werten festhalten und oft genug davon sehr gut leben. Das war zu Paracelsus‘ Zeit so, und ist heute nicht wesentlich anders, wie die Erfahrungen es lehren.

Diese unsere Unbeweglichkeit, Kleinmütigkeit und Angst vor Veränderung ist eine große seelische Erkrankung, die sich über kurz oder lang auch im Körper manifestieren muss, weil alles, was unsichtbar ist, sichtbar werden muss. sah es auch Paracelsus und zog dagegen in Wort, Schrift und Tat zu Felde.

6 Heimat Straße

Paracelsus fand wieder zu seinem Wanderleben zurück, entfaltete eine ausgedehnte ärztliche Tätigkeit und wurde wie ein neuer Äskulap verehrt. Trotzdem war es nicht seine Aufgabe, sich irgendwo als Arzt sesshaft zu machen. 1529 kam er nach Nürnberg und der dortige Stadtrat gab ihm die Erlaubnis zum Druck seiner Schriften. Kaum war der erste Band erschienen, so erhielt er den Bescheid, dass eine medizinische Fakultät sich an den Rat gewandt hatte mit dem Verlangen, den Druck weiterer Schriften einzustellen. Die Gelehrten fühlten sich getroffen und bloßgestellt.

Es war damals in Europa ein Gerücht in Umlauf – dieses Gerücht hieß Paracelsus. Die Gelehrten und Ungelehrten, die Adeligen und Bürger kannten den Namen, verurteilten ihn scharf oder erwarteten ihn sehnsuchtsvoll zur Hilfe und nur sehr, sehr wenigen war es gegeben zu erkennen, wer er wahrhaft ist.

1534 wanderte er, inzwischen mittellos, nach Innsbruck. Der dortige Bürgermeister untersagte ihm den Aufenthalt, da er nicht glauben wollte, dass ein Mann in so abgerissener Kleidung der berühmte Arzt sein sollte. So zog er weiter über den Brenner nach Sterzing in Südtirol, wo gerade die Pest wütete und Theophrast sich sowohl praktisch bewährte als auch eine Schrift über diese Krankheit verfasste.

7 Die Schalke und das Schwert

„Der ist reich, der alles geben kann; arm jener, der hat, und für sich behalten muss, was er hat.”

Das Wanderleben führte ihn weiter nach Wien, wo er sich sowohl großes Vertrauen der Leidenden als auch ebenso große Ungunst der dortigen Ärzte zuzog. Mit ihm sich auseinander zu setzen, wagten sie nicht, wichen ihm aus, doch suchten sie den Druck seiner Schriften aus diplomatischem Hintergrund zu verhindern. Kaiser Ferdinand I, dem „Die große Wundarznei” gewidmet ist, berief ihn zweimal zu sich. Er soll dem Monarchen erklärt haben, dass er keine Lust habe, mit seinen Doktoren zu sprechen, er lasse ihnen ihre Wissenschaft und behalte die seine.

Er nahm weder dem Kaiser noch den Ärzten oder dem Publikum gegenüber ein Blatt vor den Mund. Bekannt geworden sind folgende Sätze:

Allergnädigster Herr, der Haufe ist groß, der sich wider mich legt, klein aber ist ihr Verstand und ihre Kunst, darum sie mir nichts abkämpfen, denn sie haben der Proben zu wenige. Ich darf mich freuen, dass die Schalke mir Feind sind, denn die Wahrheit hat keine anderen Feinde als die Lügner. Ich setze meinen Grund, den ich habe und aus dem ich schreibe, auf vier Säulen: Philosophie, Astronomie, Chemie und die Tugend. Auf diesen Vieren will ich fußen und eines jeglichen Gegenteils warten und Acht haben, ob außerhalb der Viere ein Arzt gegen mich aufstehen wird. Die Medici wollen mich umstoßen; ich aber werde grünen und sie werden dürre Feigenbäume werden. Bis an den letzten Tag der Welt müssen meine Schriften bleiben, da sie aus der Wahrheit zeugen.

Die Anfeindungen der Gegner vermehrten seine Bekanntheit und den Ruf als überragender Arzt. Allenthalben wurde er als Wundertäter angesehen. Viele Fälle, die für unheilbar und akut gefährlich galten, stellte er wieder her. Er sagte ausdrücklich, ein Arzt, der nicht Gicht, Epilepsie, Wassersucht, Pest und Aussatz heilen könne, sei kein rechter Arzt. Seine genauen Prognosen, die Kenntnis rasch wirkender Heilmittel, zahlreiche ans Wunderbare grenzende Kuren taten das Ihre zum bereits legendären Ruf zu seinen Lebzeiten.

Obwohl er als friedliebender Mann galt, trug er immer ein Schwert an der Seite, mit dem er auch stets abgebildet wurde. Wir wollen das Schwert verstehen als Symbol für Entschlossenheit, Tatkraft und Wirksamkeit.

Er wurde an die Krankenlager vornehmer Herren und reicher Patrizier gerufen und behandelte unzählige Arme umsonst. Seine letzte Zeit fand ihn in Salzburg, wo er im Alter von knapp 49 Jahren am 21. September 1541 die Welt des Sichtbaren verließ.

Über den Tod gibt es viele Spekulationen. Er sei an einer natürlichen Krankheit verstorben, vergiftet oder von Häschern der neidischen Kollegen, vielleicht des Klerus eine Stiege hinunter gestoßen worden, wobei letzteres am wahrscheinlichsten gilt. Paracelsus wusste um seinen Abschied, sah ihm mit Ruhe entgegen und bestimmte, dass er auf dem Friedhof St. Sebastian unweit seines Wohnhauses inmitten armer Versorgungshäusler bestattet werde. Der Fürsterzbischof von Salzburg hatte aber angeordnet, das Begräbnis des berühmten Arztes und Gelehrten feierlich zu gestalten.

Auf seinem Grabmal in der Vorhalle der Kirche zu St. Sebastian steht der bekannte Satz: Vitam cum morte mutavit. (Er hat das Leben mit dem Tod verändert.)

„Verändert”, nicht vertauscht, wie die Biographen meist übersetzen. Doch heutzutage reift das Bewusstsein wieder, dass durch den Tod das Leben verändert werden kann, eine andere Qualität erhält.

8 Paracelsus und das Erbe: Das Licht scheint in der Finsternis

Paracelsus ist wie ein feuriges Rad, das durch Europa bis in den vorderen Orient seine Spuren zieht: als ein großer Einzelner im Sichtbaren, als Neuerer auf allen Gebieten, dem Licht des Geistes verpflichtet, gebunden und im Gleichklang mit den Gesetzen der Schöpfung. Er spricht in Bildern und Vergleichen, damit seine Schüler, also auch wir, die subtileren Zusammenhänge zu begreifen vermögen:

„Was die Zähne kauen, ist nicht die Arznei. Niemand sieht die Arznei. Die Arznei ist nicht Stoff, sondern Kraft”.

Arzneien wirken nur insofern, als sie in sich die quinta essentia, das Wesentliche als Information des betreffenden Stoffes bergen. Von der selben Anschauung geht die Homöopathie aus.

Zeitlos aktuell und vor allem praktisch sind die philosophischen und theologischen Betrachtungen, die ganz konkret in unser Leben fließen können, sofern wir sie verstehen und zulassen. Bei unserem eigenen Umgang mit den Ursachen unserer Leiden und Beschwerden, die nichts anderes sind als Aspekte unserer Suche und Hinweise auf unserem Weg, können wir viel – vielleicht sogar alles (wenn wir nur verstehen wollten) – aus der Philosophie des Hohenheimers lernen.

Es ist doch so: Krankheiten sind als Wegweiser zu verstehen und kommen letztlich aus dem Licht des Geistes. Soll heißen, Licht will uns unsere Verkehrtheit bewusst machen; es will sich im Herzen eines jeden von uns offenbaren und über uns in unseren Mitmenschen. Das aber setzt die Verwirklichung, die tatsächliche Renaissance des in der Schöpfung frei und autonom wirkenden Menschen voraus. Daran orientieren sich die Heilmethoden des Paracelsus, um den Menschen schließlich zu Freiheit und Autonomie zu führen, zu einem vollständigen Aufgehen in den Frieden, dem Glück und der Erfüllung unserer innersten Bestimmung.

Das Licht scheint in der Finsternis, um diese zu erleuchten durch den Menschen, durch die bewusste Tat aller, die verstehen. In diesem Sinne seien diese Betrachtungen mit einem Wort – es ist das Lebensmotiv des Hohenheimers – abgeschlossen:

Alterius non sit, qui suus esse potest –
Ein Anderer sei nicht, wer er selbst sein kann.

Die Zitate sind der Gesamtausgabe in 4 Bänden, herausgegeben von Bernd Aschner, Eick-Verlag, Anger, entnommen.

6 Kommentare
  • SchulzBeantworten

    Ein sehr guter Artikel. Auch die Sprach ist angelehnt an diese Zeit, es wirkt dadurch sehr autentisch und gibt dem ganzen Würde.
    Paracelsus , Leonardo Da Vinci sowie Avicenna sind die Vorbilder (habe selber einen Heilberuf), die ich in meiner Ausbildung , frühen Jugend und bis heute begleiteten und gegleiten. Universalgenies gab es nicht viele dieser Art, voran die Ethik steht und nicht das "liebe" Geld verbunden mit Macht.
    Wirklich gut gemacht der Artikel und mit viel Herzblut und Wissen geschrieben. Hut ab.
    In aller Munde sind bekannt die Zitate des Paracelsus: DIe Dosis macht das Gift und Alle Wiesen sind Apotheken, welche ich auch häufig zitiere.
    Lg
    Christine Schulz

  • Rössler GottliebBeantworten

    Ich danke Gott dafür, dass ich diesen Beitrag von Hr. Paracelsus gefunden habe und kann jeden Menschen empfehlen, zu lesen und im Leben unzusetzen.

  • Rolf FrankBeantworten

    Danke für diesen Artikel, er hat mir eine neue Sichtweise auf das Leben gegeben

  • Johna879Beantworten

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    Bedauerlicherweise wird in diesem Artikel die Geschichte vom Tode Paracelsus wiederum so dargestellt als sei er eine Stiege hinuntergestossen worden. Die Spekulation von einer Ermordung Paracelsus ist unhaltbar und gehört in den Bereich der Fiktion. Gerichtsmedizinische Untersuchungen der Universität Salzburg haben ergeben, dass Paracelsus mit fast 100% Wahrscheinlichkeit durch eine Vergiftung an unlöslichem Quecksilber verstorben ist. Dazu kam eine schwere Entzündung des Mittelohrs (Vermutlich eine Folge der Quecksilbervergiftung). Da Quecksilber ebenfalls zu einer Schädigung des Zentralnervensystems führt, lässt sich differentialdiagnostisch auch das beschriebene Symptom der "Trunkenheit" daraus erklären . Folgen eine Sturzes waren an den Gebeinen nicht sichtbar.
    Mit freundlichen Grüssen
    Feitler Pierre, Salzburg

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