Vortrag

Psychologie und Alchimie – Die Transformation des Bewusstseins

Dürer Selbstbildnis Ausschnitt

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Vortrag von Dr. Sylvain Imbs


Übersetzung und Bearbeitung: Roger Kalbermatten

„Mein Leben ist die Geschichte des Unbewussten, dessen Verwirklichung sich erfüllt hat.”

Diese Worte von Jung führen uns zum Kern des Weges, um den er sich bemühte. Es ist der Weg der Transformation des Unbewussten durch einen Prozess der Vereinigung der Gegensätze und eine damit einhergehende Transmutation.

Die Verwirklichung des Unbewussten war für Jung die Erfüllung einer fundamentalen Mission, die im Unbewussten enthalten ist. Für Jung war das äußere Leben die Manifestation des inneren Lebens, das Zusammenspiel von Bewusstem und Unbewusstem.

Die Vereinigung der beiden auf einer höheren Ebene ist nun genau das, was die Alchimisten in ihrer Jahrhunderte währenden Tradition anstreben. Der alchimistische Prozess besteht nicht darin, substantielles Blei in Gold zu verwandeln, sondern es geht um die innere Kunst der Transformation des Menschen. Das Blei des von Gott getrennten Bewusstseins soll aufgehen im Aurum des vollkommenen, unverderblichen Bewusstseins, das mit Gott vereint ist.

Jung war ein Beobachter und Erforscher der menschlichen Psyche. Er untersuchte die Verbindung zwischen den Tiefen, in denen die Psyche ihren Ursprung hat (insoweit spricht er von der „Seele”, deren Wesen wir „in letzter Linie nicht verstehen”), und den Äußerungen der Psyche. Seine Forschungen führten ihn zur Entdeckung von bis dahin der Psychologie unbekannten Phänomenen, vor allem des „kollektiven Unbewussten”, der „Synchronizität” und der „Archetypen”.

Jung war neben Freud einer der ersten, der mit experimentellen Methoden die Existenz des Unbewussten nachzuweisen versuchte. Zunächst bediente er sich der Methode der Assoziation von Wörtern: Man misst mit einem Chronometer die Reaktionszeit, die eine Versuchsperson benötigt, um Assoziationen zu bestimmten Begriffen herzustellen. Die Zeit ist variabel, sie verlängert sich, wenn es sich um Begriffe handelt, die mit einer problematischen unbewussten Situation des Patienten verbunden ist.
Auf dieser experimentellen Basis wurde der Begriff „Komplex” entwickelt.

Danach befasste sich Jung mit der Analyse von Träumen. Er sah in ihnen ein Werkzeug zur Ergründung des Unbewussten und beobachtete, dass die Träume Symbole verwenden, um unbewusste Konflikte auszudrücken. Die KomplexeInhalte werden durch die Patienten oft symbolisch dargestellt. Jung bemerkte, dass die Symbole häufig den großen Traditionen der Menschheit entnommen waren.

Alchimie, Gnosis, Mythen und Religionen wurden durch das Unbewusste der Patienten benutzt, um symbolisch eine Problematik auszudrücken.Manchmal konnten die verwendeten Symbole dem Patienten selbst unmöglich bekannt sein. Das war der Fall, wenn sie aus einer entfernten, dem Patienten unbekannten Kultur stammten oder wenn sie zu einer Tradition gehörten, in der sich nur Spezialisten auskannten. Auf der Basis dieser Beobachtungen führte Jung den Begriff des kollektiven Unbewussten der Menschheit ein: Es existiert, so folgerte er, ein kollektives Unbewusstes, das der ganzen Menschheit gemeinsam ist, unabhängig von Grenzen, Kulturen oder Epochen. Dieser Begriff wurde weithin übernommen, obwohl der physische Träger dieses kollektiven Unbewussten sich der Wissenschaft noch nicht erschlossen hat.

Bei gewissen Patienten gab es den großen Mythen der Menschheit entnommene Elemente des Unbewussten, die vom Phänomen der Synchronizität begleitet wurden. Die Synchronizität ist eine Erscheinung, bei der sich symbolische Elemente eines Traumes auch im realen Leben des Patienten manifestieren. Die Welt des Traumes hat gewissermaßen eine Resonanz zum wirklichen Leben, eine Resonanz, die die symbolische Botschaft des Traumes verstärkt und vervollständigt. Jung maß der Synchronizität eine große Bedeutung zu, er studierte sie sehr ernsthaft und war davon überzeugt, dass sie nichts mit Zufall zu tun hat.

Wenden wir uns nun der Alchimie zu. Sie ist Ausdruck einer Tradition, die auf Hermes Trismegistos zurückgeführt wird, also weit in die ägyptische Vergangenheit reicht. Die hermetischen Alchimisten hatten eine ganzheitliche Sicht der Welt. Für sie standen alle Erscheinungen miteinander in Wechselwirkung. Wir würden heute von einer holistischen Sicht sprechen. Damit waren sie gewissermaßen auch Experten der Synchronizität.

Für sie galt das Prinzip, dass – parallel zu der im Inneren der alchimistischen Öfen stattfindenden Transformation in den geschmolzenen Metallen – sich eine entsprechende Transformation in der Psyche und im Körper des Alchimisten im Begriff war zu vollziehen – und umgekehrt. In diesem Sinne verstanden sie die Worte Ora et labora: Bete (das heißt: reinige dein eigenes, inneres Leben) und arbeite (das heißt: transformiere die äußere Materie im alchimistischen Ofen).

Was wissen wir vom inneren Leben Jungs und von seinen Transmutationen? Es ist gewiss, dass Jung seit seiner Kindheit zwei Haltungen, zwei Persönlichkeiten in sich erkannte. Er empfand lange Zeit eine innere Dissoziation zwischen der „Persönlichkeit Nr. 1 und Nr. 2”, wie sie bereits im ersten Vortrag erwähnt wurden.

Die Persönlichkeit Nr. 1 war bewusst und an die Gesellschaft angepasst.
Die Persönlichkeit Nr. 2 gehörte zu seinem Unbewussten, sie war unbestimmt und furchterregend, manifestierte sich selten und unvorhergesehen, dann aber auf eine erschreckende Art und ohne Respekt gegenüber den Normen der Gesellschaft. Ein Bild, das Jung benutzte, um die Persönlichkeit Nr. 2 zu umschreiben, war das des schwarzen Pferdes, einer unbewussten, unvorhersehbaren Kraft, welche aus dem Nichts auftaucht und dann wieder in der Nacht verschwindet.Das schwarze Pferd ist ein Archetyp des dunklen Mütterlichen, der weiblichen Kräfte des Unbewussten, des Unbekannten, des Unerklärlichen, die dem Bewusstsein als gefährliche Dunkelheit erscheinen.

Wir werden sehen, dass der alchimistische Ansatz darin besteht, die archetypischen Prinzipien des Männlichen und Weiblichen, des Bewussten und des Unbewussten, des Lichtes und der Dunkelheit, die Prinzipien von Animus und Anima zu trennen, aufzulösen und zu reinigen, um sie dann wieder zu vereinigen und so zu einer neuen Form des Bewusstseins zu erheben, einem Bewusstsein, das vollkommener ist und die dunklen Teile, den sogenannten „Schatten”, integriert hat.

Das Ins-Bewusstsein-Treten der Dunkelheit kann man als die erste Phase der Alchimie bezeichnen. Es ist die Phase der „Nigredo”, des „Schwarzen Werkes”.
Ehe wir näher darauf eingehen, möchten wir eine tiefgreifende persönliche Erfahrung Jungs schildern, die ihn zur Entdeckung des transformierenden Prinzips führte, zum „Merkur” der Alchimisten. Dieser Erfahrung ging eine Phase der völligen Destabilisierung voraus, hervorgerufen durch eine Reihe aufwühlender Ereignisse in seinem Leben. Jung fühlte, dass er starken inneren Kräften der Transformation unterworfen war; er hatte den Eindruck, den Boden unter den Füßen zu verlieren und verstand den Sinn von dem, was ihm widerfuhr, nicht mehr. Dabei empfand er, dass seine Persönlichkeit Nr. 1 verschwand und die Persönlichkeit Nr. 2 häufig an ihre Stelle trat. Die bange Frage erhob sich in ihm, ob er nun selber im Begriff sei, geisteskrank zu werden und in sein eigenes Spital eingewiesen werden müsse.

In diesem Zustand hatte er eines Nachts eine schauerliche Vision. Er sah Kohorten von Toten an ihm vorüberziehen. Die antike und mysteriöse Welt der Gnostiker erschien, und einer der Meister der Gnosis, Basilius, manifestierte sich mit dem Gott der Gnostiker, Abraxas.

Daraufhin hatte er die Imagination von einer jungen, blinden Frau „Salome” und einer Schlange. Die Frau beschwor ihn, sie von ihrer Blindheit zu heilen. „Warum sollte ich das können?”, fragte Jung sie. „Weil du der Christus bist”, antwortete die Frau. Jung protestierte, erklärte, regte sich auf, aber die Frau insistierte. In diesem Augenblick warf sich die Schlange auf Jung, umfing und erstickte ihn. Mit dem Tode ringend erlebte er, wie der Schweiß in großen Tropfen von seinem Körper floss und die Frau dadurch auf wundersame Weise geheilt wurde. Jung hatte ferner die Vision von einer Transformation zu einem Wesen mit einem Löwenkopf und sah sich selbst als Messias einer neuen Religion.

Solche Visionen waren für Jung von fundamentaler Bedeutung. Er erfuhr auf diese Weise an sich selbst, wie die Archetypen im Unbewussten gegenwärtig sind.

Die durch den Löwen und die Schlange symbolisierten Transformationen sind universeller Art: Man findet sie in den imaginativen Visionen der Schamanen Sibiriens ebenso wie in der Tradition der amerikanischen Urbevölkerung, den Heiligtümern des Mithras-Kultes und den alchimistischen Gravuren des 16. Jahrhunderts.

Die Bilder sind – wie alle Symbole – mehrdeutig. Die von ihnen angedeuteten Transformationen können auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Aus den Kommentaren Jungs in seinem Roten Buch wird deutlich, wie sehr er um das Verständnis der Bilder gerungen hat und dass sie sich ihm nicht immer vollständig erschlossen haben.

Für die Alchimisten repräsentiert die Schlange den alchimischen Merkur, die Kraft der Transformation, die die erste Phase, das schwarze Werk, vorbereitet. Der Löwe symbolisiert die verschlingende Kraft, welche das Alte verschwinden lässt, damit das Neue sich an seiner Stelle manifestieren kann.

In der indianischen Weisheit stellt das Totem der Schlange das Prinzip der Transformation dar, das im Zentrum der Lebenskraft jedes Wesens wohnt.

Wir wollen dem eine andere Vision zur Seite stellen (von C.G. Jung nicht erlebt), und zwar die des Christian Rosenkreuz, die den Beginn einer befreienden alchimischen Verwandlung symbolisiert. Sie wird in dem Werk Die alchimische Hochzeit des Christian Rosenkreuz (1616) dargestellt (Bild S. …). Eine junge Frau, Alchimia, verkündet Christian Rosenkreuz, dass der Tag gekommen sei. Ein fürchterlicher Sturm erhebt sich, ein gewaltiger Wind reißt alles mit sich und zerstört beinahe sein Haus. Christian Rosenkreuz fühlt sich unwürdig und absolut unfähig für die Aufgabe, zu der ihn die junge Frau ruft.

Das Chaos, die Unordnung, die unerwarteten Hindernisse sind Manifestationen des Unbewussten., die Jung unter dem allgemeinen Begriff Schatten vereint.
Der Archetyp des Sturms, der Zerstörung, der massa obscura, ist immer das Zeichen des Beginns eines alchimischen Transformationsprozesses. In zahlreichen alchimischen Traktaten wird der Prozess durch ein dramatisches Ereignis eingeleitet: den Tod des Königs, einen bedauerlichen Zufall und Ähnliches.

Das ist die Nigredo, das Schwarze Werk: Die unwürdige, verachtete Substanz, der Mist, der Unrat, der „schwarze Torf” tritt ans Licht.

In seiner durch innere Krisen aufgewühlten Lebensphase entstand in Jung die Empfindung, dass die wahrhafte Herausforderung des 20. Jahrhunderts für den Westen die Geburt eines neuen Bewusstseins sein werde, eines Bewusstseins, in dem das gewöhnliche Bewusstsein mit dem Unbewussten vereint ist.

In diesem vereinten Bewusstsein ist – auf Jung bezogen – dasjenige der Persönlichkeit Nr. 1 mit dem der Persönlichkeit Nr. 2 verbunden.

Jung war davon überzeugt, dass Antworten auf die Fragen, die durch paranormale Phänomene und die Parapsychologie aufgeworfen werden – Fragen, die ihn das ganze Leben begleiteten – in den Symbolen der Alchimie zu finden seien. Er schreibt: „Ich fand endlich den Boden, der die Basis meiner eigenen Erfahrungen während der Jahre 1913-17 war, denn der Prozess, den ich durchlebte, entsprach dem alchimischen Prozess der Metamorphose.” Jung insistierte immer auf dem Erlebnischarakter und den durch das Experiment bestätigten Entdeckungen: „Unsere Psychologie entspringt beobachtbaren Fakten und in keiner Weise philosophischen Spekulationen.”

Die wesentliche These Jungs ist, dass die Alchimie in einer Reihe unbewusster Projektionen in die Materie besteht. Er ist der Auffassung, dass die Alchimisten Inhalte aus ihrem Unbewussten auf eine Materie projizierten, die ihnen in ihren Eigenschaften absolut unbekannt sei. Diese Unbekanntheit der Materie sei die Voraussetzung dafür, dass sie sich als Projektionsfläche für das Unbewusste eigne; wäre die Materie für die Alchimisten damals in dem Maße bekannt gewesen, wie sie sich den heutigen Chemikern erschlossen habe, hätte sich das Unbewusste nicht auf sie projizieren lassen.

Diese These steht in völligem Widerspruch zur Ansicht der Alchimisten selbst. Die alchimistische Tradition setzt sich auch heute noch fort – und auch angesichts der vertieften chemischen Kenntnis von den Eigenschaften der Materie werden dieselben Bilder verwendet wie in früheren Zeiten.

Jung begibt sich mit dieser Auffassung auch in Widerspruch zu seinen Erkenntnissen zur Synchronizität. Denn hier hat er festgestellt, dass sich die Projektionen aus dem Unbewussten auch im realen Leben manifestieren und umgekehrt. Das weist aber darauf hin, dass die Materie entsprechende Eigenschaften haben muss wie die Psyche. Kenner sowohl der Alchimie als auch der modernen Chemie bestätigen dies. Deshalb kommen heutige Alchimisten wie zum Beispiel Eugène Canceliet zu dem Schluss, dass Jung das Wesentliche der Alchimie nicht wirklich verstanden hat.

Dennoch empfing er über die Alchimie wichtige Impulse zum Verständnis der Psyche. Für Jung war die Alchimie eine Brücke zwischen dem Osten und dem Westen, zwischen der christlichen Gnosis und der jüdischen Kabbala, zwischen der Gnosis und der Psyche des modernen Menschen. So schreibt er: „Erst als ich die Alchimie zu verstehen begann, erschien es mir, dass sie eine Verbindung sowohl zur Gnosis herstelle als auch eine Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit.”

Für ihn spielt die Alchimie auch eine wichtige Rolle für die westliche Mentalität. Er sieht sie als Korrektiv in Bezug auf ein sinnentleertes Christentum, das auf eine Anzahl von rein formellen Praktiken reduziert sei. „Im aktuellen Christentum liegt die Seele des Menschen brach und es herrscht das düsterste Heidentum. Die Alchimie bildet eine Art unterirdischen Strom, der das an der Oberfläche regierende Christentum begleitet.”

In der alchimistischen Tradition ist die merkurielle Seele die Vermittlerin zwischen Sulfur, dem Geist, und Sal, dem Körper. Die Seele kann ihre Vermittlerrolle allerdings nur dann erfüllen, wenn sie das Bewusste mit dem Unbewussten vereint. Hierin einbezogen ist auch die Integration des „Schattens”, also des Minderwertigen und sogar Verwerflichen, das der Mensch als Teil seiner selbst nicht wahrhaben möchte. In der Erlangung dieser Verbindung erschafft der Mensch sich laut Jung ein höheres Bewusstsein.

Jan van Rijckenborgh, ein Gnostiker des 20. Jahrhunderts, schreibt in seinen Buch Das Nyktemeron des Apollonius von Tyana:

Daher stellten viele Erforscher der menschlichen Psyche zu allen Zeiten zwei Iche im Menschen fest, das Ich des gewohnten Bewusstseins und das Ich des Unterbewusstseins. … Die sogenannte moderne Psychologie … ist ein Versuch, mit den Wahrheiten der alten Gnostiker … den Menschen vor den eigenen Dämonen zu schützen … . Wie müsssen wir uns in dieser erschütternden Wirklichkeit verhalten? Wir müssen diese Wirklichkeit annehmen. Und wir müssen danach streben, dieses komplizierte Ganze derart vielfältiger magnetischer Spannungen vor die Gnosis und ihr Licht zu stellen … .
Zuerst muss das Unterbewusste im Bewussten aufgehen und dann beide in der Läuterung der Gnosis. …

Ein neuer Ich-Zustand beginnt sich zu formen. Das neue Ich ist die Synthese, die Vereinigung des Bewussten mit dem Unterbewussten. Disharmonie setzt sich in Harmonie um. …

Wer diese Aufgabe in Angriff nimmt, … macht die Vergangenheit sehr wertvoll. Er bildet daraus eine bleibende Schatzkammer der Weisheit, Erfahrung und Kraft.

Jung erkannte, dass im Unbewussten eine Tendenz zum Transzendenten zur Sublimation vorhanden ist. Er nannte sie das Selbst. Nach Jungs Auffassung ist es das Selbst, das die Vereinigung der Gegensätze realisiert. Es besitzt. Es trägt das Bewusstsein einer höheren Natur.

In der Alchimie wird der Prozess der Vereinigung der Gegensätze, der zur Geburt des „Goldes”, zur bewussten Verbindung mit Gott führt, durch drei Phasen repräsentiert:
Nigredo, Albedo und Rubedo, das Schwarze, das Weiße und das Rote Werk.

In der Phase der Nigredo entdeckt das Bewusstsein mit Schrecken, in welch chaotischem Zustand es sich befindet. Drei Aspekte im Menschen bekämpfen einander. Man kann sie in der Sprache der Hirnfoschung an Hand der drei Hirne oder der drei übereinander liegenden Schichten der Gehirnaktivitäten aufzeigen:

Es gibt ein archaisches, sogenanntes Reptilienhirn, das die unbewussten Funktionen des Überlebens verwaltet. Diese primitive Steuerungszentrale, die im Hirnstamm lokalisiert ist, äußert sich über das automatische Nervensystem des Sympathikus. Ferner gibt es das limbische System, welches das Vehikel der Emotionalität und des Gedächtnisses ist.
Schließlich gibt es den cerebralen Cortex, das „vernünftige Gehirn”, die höhere Schicht des Denkens, die abstrakte Verknüpfungen und Vorstellungen auf der Basis der Summe der Erfahrungen zu erzeugen vermag.

Das innere Leben der Mehrheit der Menschen ist aufgrund der sozialen Konditionierung der westlichen Zivilisation auf die höhere Schicht fokussiert. Jung spricht in diesem Zusammenhang von modernen Tabus, von Projektionen, die dem zivilisierten Menschen durch das Erziehungssystem induziert werden. Diese Projektionen führen dazu, dass die emotionalen und instinktiven Schichten des Bewusstseins normalerweise ins Unbewusste verdrängt werden.

Der Überlebensinstinkt, der fundamentale Instinkt des menschlichen Wesens, der Träger der primären Emotionen wie Angst, Zorn usw. ist mit dem archaischen Gehirn assoziiert. Sein physischer Sitz ist nicht in erster Linie im Kopf, sondern in den Nervenplexi der Gedärme und des Zwerchfells. Man kann von einem Bauch-Ich sprechen. Dies ist ein wirkliches Gehirn! Forscher haben gezeigt, dass die Masse der Neuronen und Verknüpfungen in diesen Organen ungefähr der Hälfte der Masse der Neuronen des cerebralen Cortex, des denkenden Gehirns im Kopf entspricht. Dieses unbewusste Gehirn wird in den Mythen oft durch den Drachen symbolisiert, der bekämpft werden muss.

Wenn man solche Mythen allerdings nicht auf das eigene Wesen bezieht, können sie eine Projektions- und Übertragungsfunktion ausüben und von dem notwendigen eigenen inneren Prozess ablenken. Auch die großen Religionsgründer, deren Leben uns immer wieder vor Augen geführt wird, eignen sich für eine Übertragungsfunktion.

Auf dem Weg der Transformation des Bewusstseins geht es darum, die drei Prinzipien zu vereinen. Von alters her wird hierfür das Bild des Gespanns gebraucht. Der Wagen symbolisiert den Körper, die Pferde das emotionale Leben und der Kutscher das Selbst. Das Bild findet sich bereits in den Upanishaden. Der Erlöser – Krishna, der ursprüngliche Adam, der innere Christus – löst den Kampf zwischen Instinkt, Emotionen und Denken in Harmonie auf.

Die Alchimisten der hermetischen Tradition sagen auch, dass die Seele in der Physis versunken ist und in den Fluiden des Körpers gleichsam fortwährend ertränkt wird. Sie kann sich nicht mehr äußern und es bedarf „Pymanders”, der Geistseele, des Nous, um sie wieder zu erwecken und die Harmonie erneut herzustellen.

Durch seine aufwühlenden Erfahrungen gelangte Jung zu der Überzeugung, dass sich die eine Transformation nur durch eine Phase von offensichtlichem Chaos hindurch vollziehen lässt. Das Paradoxe, das Unverständliche, das dunkle Unbewusste, das Unannehmbare stehen im Gegensatz zum Bewussten. Dieser Gegensatz generiert laut Jung die Energie zur Transformation. Hier wollen wir anmerken, dass , die wahren Alchemisten das geheime Feuer, das sie für die Transformation der Seele benötigten, aus einer höheren, einer transzendenten Energiequelle erhielten.

Das Symbol des Drachens weist auf das Feuer hin, das in der Erde schlummert. Der Drache, das Tier, das im Feuer lebt, ist ein Symbol für die im Unbewussten verborgenen Kräfte. Als ein Zuhörer von einem Traum berichtete, in dem er sich im Kampf mit einem Drachen befand, antwortete Jung, dass dies auf die Gefahr hinweise, vom Unbewussten verschlungen zu werden. Gleichzeitig liege darin aber auch eine Möglichkeit zur Heilung und Wiedergeburt.

Der Träger der Transformation zum „Albedo”, dem „Weißen Werk”, der Phase der Reinigung und der Wiedergeburt, ist der „alchimische Merkur”. Dieses Transformationsprinzip ist gleichermaßen fundamental wie paradox, denn es will die Form sowohl auflösen als auch zusammenfügen. Es ist das solve et coagula (löse und verbinde neu) der Alchimisten.

Merkur tritt zweifach auf. Als der alte Merkur ist er das Unbewusste – die Dunkelheit, das starke Gift. Als der neue (der alchimische) Merkur ist er der Nous der Hermetiker, die Geistseele. Er ermöglicht ein neues Denken, das sich in dem stetigen Prozess von Lösen und Verbinden entfaltet.

Die Nigredo ist die Reinigungsphase der Instinkte. Die Albedo ist die Reinigungsphase des Denkens, der Vorurteile und Wertvorstellungen.

Rubedo, das Rote Werk, stellt die Krönung dar. Die Farbe Rot versinnbildlicht die größte Glut. Die Alchemisten kannten zwischen dem Weiß und dem Rot eine Reihe von Übergängen, eine Reihe von Farben, die sich im Verlauf des Prozesses entfalten. Sie sprachen vom „Pfauenrad”. Das königliche Purpurrot besiegelt den Werdegang. Das Endergebnis ist in der hermetischen Tradition nicht das Weiß, sondern das Rot. (s. Bild S. …) Titus Burckhardt, ein Kenner der Alchemie, schreibt: „Nach der ‚Vergeistigung des Körpers’, die in gewissem Sinne der Bleichung entspricht und die der anfänglichen Schwärzung oder Fäulnis folgt, kommt als Abschluss die ‚Verkörperung des Geistes’ mit ihrer purpurroten, königlichen Farbe.” Der göttliche Geist, das „Oben”, verbindet sich mit dem Mikrokosmos des Menschen, dem „Unten” und bildet den neuen, unsterblichen (feinstofflichen) Körper.

Das wirkliche Ziel des Lebens liegt laut Jung in der Individuation, der Vereinigung der Seele mit dem Selbst. Hierdurch entstehe der wahre Mensch. Jung fertigte Mandalas an, um auf dieses Ziel, die Ganzheit, hinzuweisen.

Jung hat eine Richtung gewiesen, die vieles offen gelassen hat. So muss der Frage nachgegangen werden: Bin ich schon ein verwandelter Mensch, wenn ich viele oder alle Inhalte meines Unbewussten kenne, verstehe und integriere? Man kann von der Existenz eines Selbst sprechen, das Träger von Bewusstem und Unbewusstem ist. Die geistigen Wege der hermetischen Tradition kennen allerdings noch ein anderes Selbst, das im Göttlichen wurzelt und das die Integration und Transformation erst zu vollenden vermag. Aus dem erwachenden göttlichen Selbst empfingen die wahren Alchemisten ihre Impulse. In ihm, das in der Tiefe des eigenen Wesens verborgen ist, fanden sie den Stein der Weisen.

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