Vortrag

Initiatische Seelenoffenbarungen

Léon Spilliaert

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Vortrag von Dr. Dagmar Maria Uecker

Ein zweiter Weg hebt uns über die Horizonte der anstehenden Lebensaufgaben unserer natürlichen Psyche hinaus und führt uns in die unmittelbare Wahrnehmung unseres ewigen Wesenskerns. Hierbei erfahren wir überweltliche Bewusstseinsräume und Erleuchtungsphänomene, die unser Leben nachhaltig verändern. Solche Ereignisse treten in besonderen Grenzsituationen auf.

Es sind im Wesentlichen drei Zustände der Not, die uns eine unmittelbare und unvergessliche Wahrnehmung unseres unsterblichen Wesens ermöglichen. Hierbei handelt es sich um reale Erfahrungen, die von Menschen, wie wir es sind, immer wieder erlebt und geschildert werden.

In der am häufigsten vorkommenden Krisensituation begegnet der Mensch dem vernichtenden Gespenst der Angst, das sein Ich-Bewusstsein bedroht:
Wenn unsere Ich-Persönlichkeit zum Beispiel heimgesucht wird durch eine Angstsituation, wie in Bombennächten, in krisenhaftem Kranksein, wo ihr der Tod unausweichlich vor Augen steht und dann das gepeinigte Ich in seiner absoluten Ohnmacht die scheinbar paradoxe Handlung begeht, sich der unannehmbaren Situation zu unterwerfen, dann kann etwas Unbegreifliches geschehen. Der Betroffene erlebt plötzlich eine vollkommene Ruhe, die Angst löst sich in Nichts auf und er spürt, dass da etwas in ihm anwesend ist, das ihm Geborgenheit und das sichere Wissen gibt, dass er in diesem überbewussten Raum von keiner Vernichtung und keinem Tod erreicht wird. Der Mensch weiß oft nicht einmal, was es ist, das er unmittelbar erfährt, noch wer es ist, als der er sich erfährt. Aber er weiß unauslöschlich für immer, dass er in einer unantastbaren Kraft aufgehoben ist.

In solchen Erfahrungen erlebt ein Mensch die Gnade, von der Ewigkeit des Seins berührt zu werden, eine Gnade, die sein zukünftiges Leben in neuer Bewusstheit prägen kann.

Eine zweite Grenzerfahrung besteht darin, dass die ganze Widersinnigkeit des Lebens sich über einem Individuum zusammenballt: Das wird erlebt, wenn ein Mensch in grausamer Weise misshandelt wird, einer unerträglichen Ungerechtigkeit ausgesetzt ist oder an Menschen und Umstände gebunden ist, die erstickend für die eigene Lebensentwicklung sind. Auch in einer solchen Situation menschlicher Existenznot kann für das Ich das Paradoxe geschehen, dass es bereit ist, das Unannehmbare zu akzeptieren. In solchen Augenblicken, in denen das Ich nachgibt und „ja” sagt zu widersinnigen, aber unabwendbaren Situationen, kann plötzlich ein Sinn im inneren Wesen des Betroffenen aufgehen, der nichts mehr zu tun hat mit Sinn und Unsinn dieser Welt. Der Mensch fühlt sich in eine höhere Seinsoktave aufgenommen, in einen überweltlichen transpersonalen Raum, in dessen Klarheit er die Unverletzbarkeit seines innersten Wesens, seines wahren Selbst erkennt.

Eine dritte Grenzsituation ergibt sich in Augenblicken, in denen unerträglich scheinende Verlusterlebnisse in das Lebensgefüge einbrechen.

In Situationen, in denen jemand seinen Lebensgefährten verliert oder sein Kind stirbt oder er aus einer Gemeinschaft ausgestoßen wird, kann eine trostlose Vereinsamung auftreten, die das Maß der Erträglichkeit übersteigt. Wenn es ihm dann geschenkt wird, nur für einen Augenblick die Wirklichkeit, so unannehmbar sie ist, zu akzeptieren, kann es passieren, dass er sich wie von unsichtbaren Armen aufgefangen fühlt und aufgenommen weiß in einem unbegreiflichen Meer der Liebe. In dieser grenzenlosen Geborgenheit erfährt er, dass der Schmerz aufgelöst und die Tränen der Trauer getrocknet sind, ohne dass er zunächst versteht, wer oder was ihn trägt und wohin er sein völlig neuartiges Liebesempfinden richten kann.

Aus der ersten geschilderten Notsituation erwacht der Mensch durch das Loslassen des ohnmächtig gewordenen Ich in einer überweltlichen Kraft.
Die zweite Notsituation führt ihn durch freiwillige Ich- Kapitulation in die Klarheit einer überweltlichen Seinsordnung, in der er seine Unantastbarkeit erfährt.

In der dritten Notsituation trägt die freiwillige Akzeptanz der unannehmbaren Wirklichkeit ihn in die Geborgenheit einer überweltlichen Liebe.

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