Vortrag

Fühlen und Denken im Barockzeitalter

Bach kurz vor seinem Tod.jpeg

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Vortrag von Hermann Achenbach

Zu Bachs Zeiten sind wir noch ein Stück weit von der Klassik entfernt. Die Zeitepoche ist das Barockzeitalter, das geprägt ist, von Jahrhunderten alten Strukturen, die zurückgehen auf das alte Griechenland und das zionistische (also jüdisch-christlisch-mohammedanische) Erbe der Menschen.

Lassen Sie mich mit Bachs Tod beginnen.

Zuerst hören wir BWV 668. Zu dieser schon früher komponierten
Musik, so eine nicht sichere Überlieferung diktierte er auf dem Totenbett einen neuen Text (sozusagen sein Requiem) seinem Schwiegersohn Altnikol in die Feder:

Vor deinen Thron tret ich hiermit
O Gott, und dich demütig bitt:
Wend dein genädig Angesicht
Von mir blutarmen Sünder nicht.
Du hast mich, o Gott Vater mild,
gemacht zu deinem Ebenbild
in dir web´, schweb´ und lebe ich,
vergehen müßt´ ich ohne dich…

Stellen sie sich vor, das war seine Beschäftigung, seine Auseinandersetzung im Angesicht des Todes.

Musik BWV 668

Es gibt keine Kunstform, die Geist, die göttlichen Liebe besser auszudrücken vermag, als die Musik. So wie der Geist, kann uns die Musik erheben. Beide sind eine Erscheinung des absoluten Augenblickes. Sie hören, es klingt in Ihren Ohren, Ihrem Empfindungs- und Mentalkörper nach. Und wie bei einer geistigen Berührung, kann die Musik Funken sprühen lassen, Funken göttlicher Elektrizität.

Vor über 300 Jahren dachten und fühlten die Menschen völlig anders. Der Zeitgeist von damals unterschied sich von unserem erheblich. Und wenn wir eine Impression von der damaligen Zeit erhalten, können wir „Johann Sebastian Bach” vielleicht besser verstehen.

Sie haben vorhin Bachs letztes Werk gehört mit dem er sich unmittelbar vor seinem Tod beschäftigt hat.

Diese wunderbare Musik war Bachs Empfindung im Angesicht des Todes.
Von keiner irdischen Blendung getrübt.
Entmaterialisierte Reinheit.
Der Sterbende gibt sein Amt in Gottes Hand zurück.
Der Unsterbliche stirbt.
Bach nimmt Abschied von der Welt und schreitet dem verheißungsvollen Licht in G´ -italienisch = SOL – der Sonne entgegen.
Das Werk des gefällten Riesen versank…
Der Generationenkonflikt damals war unbeschreiblich. Während Johann Sebastian sich als Kind der Allgegenwart des göttlichen Logos fühlte, gehören bereits seine Söhne zu denen, die in der Ratio das Ideal des Begreifens der Welt sahen.

Auf dem Autograph der Kunst der Fuge, seiner späten Komposition, stehen die dürren Worte seines Sohnes Carl Phillip Emanuel:

Nachdem dieser Fuge der Name B-a-c-h im Contrasubject angebracht wurde, ist der Verfasser verstorben.

Das ist wohl nicht die historische Wahrheit. Man sollte zwar meinen, dass der Sohn doch vorsichtig mit dem Erbe umgeht, so ist es wahrscheinlich doch lediglich eine „barocke Werbezeile” mit der sich die Noten besser vermarkten ließen. Der nicht fertig erstellte Satz aus der „Kunst der Fuge” war ein Rätsel für Musikerkollegen. Ein guter Cembalist konnte die Notenlinien selbst improvisieren und das Stück nach den vorgegebenen Mustern selbst fertigstellen. Das Schriftbild gehört dem gesunden Bach und nicht dem sterbenden.

Aber was wissen wir wirklich von Bach?

Die Antwort muss lauten: So gut wie nichts! Außer der Musik gibt es so gut wie keine wirklichen den Menschen Bach charakterisierenden Informationen. Es gibt zwar 2 Hände voll aktenkundiger Dinge. Sie sind allerdings so unbedeutend, dass sich heute niemand darüber aufregen würde:

Zum Beispiel

* Einige kleinere und größere Streitigkeiten mit Vorgesetzten (einem untergeordneten Kirchenmann und einer Reihe staatlicher Würdenträger)
* Streit in Leipzig mit dem Stadtrat und ihm übergeordneten Stellen
* In Arnstadt wurde er gerügt, dass er während des Gottesdienstes einen Weinkeller aufsuchte und dass er einen Schüler einen „Zipfelfagottisten” schimpfte, was dieser verdient hatte.
* Er hatte eine „fremde Jungfer” zur Orgel singen lassen, was sich wohl in Arnstadt, einem Dorf, nicht gehörte.
* Der weimarer Herrscher lies ihn Beugehaft nehmen, weil er gekündigt hatte und in Köthen seinen Dienst antreten wollte.

Ist der Schluss gerechtfertigt, dass Bach wohl ein streitsüchtiger und lästiger Mensch gewesen ist, ein Dickschädel, mit dem es nur Ärger gab?

Nein und 1000 mal nein!

Er war humorvoll, lebensfroh, er hat aus dem Vollen geschöpft: künstlerisch und auch beim Essen.
Er zog alle Register und das nicht nur beim Orgelspiel. Er war in keiner Weise lebensfremd. Er hatte zwei Ehen geführt Maria Barbara (sie starb 1720) und Anna Magdalena, die er 1721 heiratete. 20 Kinder wurden geboren, 10 davon starben während er wirkte. Der Tod in der Familie und im Äußeren war allgegenwärtig.
Bach hatte einen gesunden Menschenverstand, viele Tugenden, war ein guter Ehemann, ein guter Vater, ein guter Lehrer, ein guter Freund und von dem guten Musiker ganz zu schweigen – oder besser nicht zu schweigen.

Von seinem Sohn Carl Phillip Emanuel wissen wir von Bachs Art, wie er seinen Sohn freudig anrempelt, wenn in einem Konzert seine vorhergesagten Ereignisse eintraten und er ihm zuflüsterte: Hab ich dir´s nicht gesagt!? Dies sagt so viel über ihn aus… Leider scheint die Historie um ihn wie ausgetrocknet zu sein, und wir kennen kaum etwas von den netten und freudigen Geschichten in seinem Leben.

Er ging davon aus, dass er seine musikalischen Gaben von Gott geschenkt bekommen hatte. Damit diente er den Menschen. Das war seine wohlverstandene Aufgabe.

Der Rektor Johann Matthias Gesner hinterließ in lateinischer Schrift in einer Fußnote ein Loblied auf Bach: Wenn du Bach sehen könntest, ihn hören könntest, wie er mit beiden Händen und allen Fingern das Klavier spielt, wie er an der Orgel mit beiden Händen und Füßen über die Tasten und Pedale eilt und wunderbare Töne und Melodien hervorbringt, die mehrere Gitarristen und zahllose Flötenspieler nicht erreichten. Wie er 40 Musikern gleichzeitig Einsatz, Rhythmus, und in allen Tonlagen den richtigen Ton angibt. Wie er den Takt in allen Gliedern fühlt, die Harmonien mit scharfem Ohre prüft und alle Stimmen mit seiner eigenen hervorbringt…

Bescheiden nennt er seine Notensammlungen der Choräle „Orgelbüchlein” und notiert auf dem Titel:
Folie:
„Dem höchsten Gott zu Ehren, dem Nächsten, sich daraus zu belehren”.

In diesem Wort liegt Bachs Seele. Seine Musik will nur eins: Gott zu Ehre singen! Seine Kunst ist Priesterdienst im Heiligtum. Anbetung einer spirituellen Seele, die sich in das Wunder des Göttlichen versenkt und in der alles was „Ich” heißt verschwindet.
Philipp Spitta, der frühe Biograph, der ihn vielleicht am besten verstand gibt einige schlagwortartige Beschreibungen:
* „Jesu meine Freude” war Bachs Lieblingslied
* Seine sehnsuchtsvolle Innigkeit in seinen Chorälen
* Die köstlichen Gewinde, mit der der Meister die Melodien umrankt
* Die Wehklage, die zum herbsten Schmerz herabsinkt
* Der Aufschrei der Menschenwelt in seiner Musik
* Wer seine Lieder hört, vergisst die vergängliche Welt
* Der Hörer wird eingeführt in eine Welt, in der alles Ehre ruft!
* Wie schön leuchtet uns der Morgenstern
* Und wenn der Tonstrom des „Amen, Amen” sich vom Orgelchor ergoss, muss es gewesen sein, als fülle lauter Goldglanz die Kirche!

Bach Meininger Pastell

Man geht davon aus, dass Bach Diabetes hatte, was auch zur Erblindung am Lebensende führte. Ein unfähiger Metzger operierte seine Augen. Behandelt wurde er wie üblich mit Aderlass und das Auftragen von Hühnermist in offene Wunden…

Historische Betrachtungen zur Epoche des Barock

Historische Betrachtungen

* 17. Jahrhundert, das Jahrhundert des 30-jährigen Krieges, der Hexenverfolgung, der Inquisition, Aberglauben, maßloser Brutalität, religiöser Fanatismus, der aus dem Mittelalter herrührte, Angst und Schrecken, Armut, Verrohung und Brutalisierung
* Die Epoche des Barock war geprägt durch Extreme. Das Bewusstsein der Vergänglichkeit hatte mit dem 30-jährigen Krieg, mit den Verfolgungen, Plünderungen und dem Wüten von Seuchen wie der Pest einen ganz konkreten Hintergrund
* Hexenwahn erreichte seinen Höhepunkt in der ersten Hälfte des 17. Jh. Die Folge war eine vielfältige Angst sowie Psychosen in einer Zeit, die das Individuum immer stärkeren Kontrollen aussetzte und durch Landes-, Polizei- und Kirchenordnungen alle bisherigen Freiräume extrem einengte.
* Abweichend von den Kirchenarchiven gibt es Quellen, die 8 Millionen ermordete Hexen und Hexer in den Jahrhunderten der Inquisition zählen.
* Der Bevölkerungs-Verlust durch den 30-jährigen Krieg wird mit durchschnittlich 50% angegeben.
* Kann man sich vorstellen, welche Folgen diese Konstellationen für den Menschen in Denken und Fühlen hatte?
* Können wir uns heute diese Angst und Furcht dieses Grauen vorstellen?
* Jedes falsche Wort konnte fatale Folgen haben…
* In Deutschland war durch den 30-jährigen Krieg die geistige und materielle Entwicklung gewaltsam unterbrochen
* Auf vielen Gebieten wurzelte das Denken noch auf mittelalterlichen Anschauungen
* Die Jahre 1680 – 1715 waren die Zeit der Krise des europäischen Geistes
* So ist auch verständlich, dass Künstler fast ausschließlich unter dem Schutz bestimmter Herrschender stehen mussten, um überhaupt arbeiten und existieren zu können
* Das Gefährliche konnte nur symbolhaft angedeutet werden, damit nicht jedermann die Botschaften verstand.
* Kunst hatte oft mindestens 2 Ebenen. Die eine allgemein zugänglich, z.B. das Gemälde mit den sichtbaren Darstellungen oder das Musikstück mit den hörbaren, akustischen Äußerungen. Und oft hatten diese Kunstwerke eine geheime Ebene, die oft das vom üblichen Denken abweichende enthielt und auf die verborgene Botschaft gerichtet war.
* Dies traf für die meisten Künstler der Zeit zu.
* Kleriker monierten, dass die Unterwanderung durch kabbalistische Inhalte, die christlichen Glaubenssätze schwächten. Da die Kenntnisse über Gematrie, also kabbalistische Zahlenstrukturen, Allgemeingut waren, ist die Bedrohung allgegenwärtig gewesen.
* Die Hinwendung zum Glauben ist in dieser Zeit eine Möglichkeit gewesen, sich mit der Allgegenwärtigkeit des Todes auseinanderzusetzen:

– von gottesfürchtig bis hin zu mystisch-religiöser Schwärmerei und Fanatismus

– eine andere war, sich in alle Vergnügungen zu stürzen und der Versuch, das Leben auszukosten bis zum letzten Atemzug.

Wie auch immer man sich entschied: Allgemein war das Bewusstsein, dass alles Irdische nur Schein und Trug war, der Lebensfreude stand Todesangst gegenüber, der Genusssucht im Diesseits die Sehnsucht nach dem Jenseits und vermutlich war ein wichtiger Begriff dieser Zeit:

„Vanitas -Vergänglichkeit …Alles nichtig, alles flüchtig …und schon vorbei”

In der religiösen Dichtung des Barock wird „Licht” häufig gleichgesetzt mit der Reinheit Gottes, es steht für das Streben nach Gottesnähe und für das Bemühen, tugendsam zu leben, um im Jenseits einen Platz im Ewigen Licht zu erlangen.
Das Licht Gottes steht dabei natürlich im Gegensatz zu unserem sündigen, dunklen Dasein.

Formulierungen dieser Art sind übrigens typisch für die Barockzeit.

* Erst im 18. Jahrhundert begann der Einzelne sich überhaupt als Individuum zu begreifen
* Umbruch von der alten Welterklärung zur Erkenntnistheorie
* Erst jetzt erfolgte eine Trennung zwischen mathematisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen von den Dogmen der Religion

Bach arbeitete während einer Zeit, in der selbständiges Denken ein Verbrechen war. Das Dogma war die vorgegebene Wahrheit. In einer Gesellschaft, von Angst, Aberglauben und Grauen geprägt, waren Genies wie Bach höchster Gefährdung ausgesetzt. Und die Folge von vorgegebener Wahrheit ist – meine Damen und Herren – Streit und Krieg. Und das ist heute noch der Fall! Künstler waren damals existenziell bedroht.

Das war jetzt ein Horrorszenario, ein Schnelldurchlauf durch die damalige Zeit. Eigentlich müsste man jeden Aspekt auf der Zunge zergehen lassen, um ihn einigermaßen nachzuempfinden.

Musik Triosonate

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