Vortrag

Perlen der Wahrheit suchen – Wer war Thomas?

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Vortrag von Dr. Martin Zichner

Symposium: Grenzüberschreitungen / Das Thomas-Evangelium

Um 500 v. Chr. sagte der aus Ephesus stammende Philosoph Heraklit: „Man muss schon ein Perlentaucher sein, so tief muss man tauchen, um die Perlen der Wahrheit zutage zu fördern.” Wir laden Sie heute zu einem solchen Unternehmen ein und wagen einen Zeitsprung in die Spätantike. Zu diesem Zweck suchen wir einen bestimmten Quell des geistigen Lebens auf, der für uns sprudeln soll. Im Zentrum unserer Betrachtungen steht das Thomasevangelium. Es wurde 1945 in Nag Hammadi in Ägypten zusammen mit anderen apokryphen Schriften gefunden. Bruchstücke des Evangeliums waren schon vorher an anderer Stelle aufgetaucht.

Wir möchten Ihnen zunächst zwei geographische Karten zeigen aus der Zeit um 250 n. Chr. Sie können hieraus ersehen, wie weit die Strömungen, die vom orthodoxen Christentum abwichen, im Mittelmeerraum verbreitet waren. Das Thomasevangelium ist höchstwahrscheinlich in Edessa entstanden, einem Ort, der heute zur Türkei gehört und Urfa heißt. In der Antike war Edessa das Zentrum des aramäischen Christentums in Syrien und Mesopotamien. Es war eine bedeutende geistige Metropole, die durch ihre geographische Lage eine Brücke zu den Kulturen Persiens und Indiens darstellte. Nach einer Legende soll der Apostel Thomas über Edessa ins Reich der Parther (den heutigen Iran) gereist sein, um dort das Evangelium zu verkünden.

Das Thomasevangelium ist nach Auffassung verschiedener Gelehrter aus sehr frühen Quellen zusammengestellt worden. Man rechnet es zu den apokryphen Schriften; denn es wurde nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen.

Was bedeutet das Wort apokryph? Es stammt aus dem Griechischen und bedeutet, wörtlich übersetzt, „verborgen”. Die frühen Christen gebrauchten diese Bezeichnung unter anderem für tief inspirierte Schriften, die kostbare Geheimnisse vom Werden des Lichtmenschen bargen. Es waren meist gnostische Schriften. Wollten ihre Verfasser etwas verbergen? Primär nicht! Aber sie hatten erkannt, dass die Entwicklung des Menschen nicht geradlinig in die Sphäre des Lichtes führt. Zu allen Zeiten ist es nur eine relativ kleine Anzahl Menschen, die den verborgenen Weg geht, auf dem der Lichtmensch erweckt wird. An sie richteten sich die Schriften. Die Gnostiker bemühten sich, immer tiefer zu erfassen, welcher Auftrag dem Menschen ins Stammbuch seines Lebens eingeätzt ist. Sie gingen von der Präexistenz der menschlichen Seele im Lichtreich aus. Gnosis bedeutet Erkennen, seelisches Erkennen. Und so war das angestrebte „Erkennen” ein Wiedererkennen, Wiederentdecken, ein Sich-wieder-Erinnern.

Nach dem Konzil von Nikäa im Jahre 325 n.Chr. bekam die Bezeichnung apokryph eine negative Wendung. Die Mehrheit der Kirchenväter duldete es nicht, dass eine Anzahl von Menschen durch eigene Anstrengung einen Weg zur göttlichen Fülle, zum Pleroma, suchte und vielfach auch fand. In Nikäa ging es darum, einen einheitlichen, an Dogmen gebundenen Glauben festzulegen. Das lebendige Suchen nach Licht und Wahrheit wurde nur anerkannt, solange es den orthodoxen Glaubenssätzen entsprach. Was war die Folge?

Die apokryphen Schriften zur Selbsterfahrung und Erlösung der Seele wurden geächtet, verworfen und ausgesondert. Apokryph wurde mit ketzerisch, häretisch und Irrlehre gleichgesetzt. Damit einhergehend erhielt auch das Wort „gnostisch” eine negative Färbung.

Der Bischof von Alexandrien, Athanasius, verfasste für seinen Einflussbereich in Ägypten um 367 n. Chr. einen Osterbrief. Er enthielt eine Aufstellung der für den liturgischen Gebrauch genehmigten Schriften, also eine „Positivliste” mit den bekannten vier Evangelien, den Paulusbriefen, diversen Apostelbriefen und der Johannes-Apokalypse. Alle anderen Schriften sollten vernichtet werden. Was geschah daraufhin?

Man kann es erahnen, wenn man den Blick zum oberen Nillauf nach Nag Hammadi richtet, wo ein ägyptischer Bauer 1945 in einem Tonkrug eine ganze Reihe von apokryphen Schriften entdeckte. Es ist geradezu eine Bibliothek in koptischer Sprache. Untersuchungen ergaben, dass die ins Koptische übersetzten Schriften aus dem 4.Jh. n. Chr. stammen. Nicht ausgeschlossen ist, dass sie von kundigen Mönchen nach dem Osterbrief überstürzt aus einer Klosterbibliothek ausgesondert wurden, um sie vor der Vernichtung zu retten.

Es gibt eine ganze Reihe von sog. Thomas-Schriften, in denen der Apostel Thomas eine wesentliche Rolle spielt. In Nag Hammadi wurde außer dem Thomasevangelium noch das „Buch Thomas’ des Wettkämpfers” gefunden. In der Umgangssprache gibt es das Sprichwort vom ungläubigen Thomas. Die kirchliche Überlieferung berichtet darüber. Uns interessiert deshalb zunächst: Wie ungläubig war Thomas?

Welches Bild haben wir im allgemeinen, wenn wir der biblischen Überlieferung folgen? Ist er nicht der Jünger, der an der Auferstehung Jesu des Herrn intensiv zweifelte und solange nicht von seiner Auferstehung überzeugt war, bis er – wie es heißt – auch leiblich die Wundmale des Erlösers berühren konnte? Im Johannesevangelium heißt es dazu: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!” (Joh. 20, 29)

Danach scheint es so, als gehöre Thomas nicht einmal zu den einfachen Gläubigen. War Thomas also ein Materialist? Oder finden wir bei ihm vielleicht einen ganz anderen Charakterzug, der jenseits der üblichen Vorstellungen von Gläubigkeit zu suchen ist?

Wir fragen uns: Was ist uns über Thomas bekannt? Wie steht es zum Beispiel mit dem Namen „Thomas”? Ist es nicht bemerkenswert, dass dies damals gar kein echter Name war, sondern im Aramäischen lediglich „Zwilling” bedeutet? Vielleicht hat gerade das einen besonders tiefen, symbolischen Sinn? „Zwilling” kann auf ebenbürtige, gleichwertige Fähigkeiten hinweisen, die zum Verwechseln ähnlich sind.

In der Tat gibt es dazu in dem „Buch Thomas’ des Wettkämpfers”, das ebenfalls aus dem frühchristlichen Syrien stammen dürfte, einen Hinweis. Dort heißt es:
„Weil aber gesagt wurde, dass du mein Zwilling und mein einziger Freund bist, erforsche dich selbst und erkenne, wer du bist.”

Es sind Worte, die dem Erlöser zugeschrieben werden, Worte, die, wie es scheint, an eine bestimmte Seelenhaltung eines Menschen gerichtet sind, der konsequent die verborgene Seite seines Wesens erforschen soll. Unter diesem Aspekt erscheint es müßig, sich über eine spezielle historische Person mit dem Namen „Thomas” Gedanken zu machen. Wir wollen deshalb Thomas auch nicht als historische Person sehen. Hierzu gibt es an anderer Stelle ausreichend Untersuchungen. Vielmehr wollen wir uns fragen: Auf welche seelische Beschaffenheit weisen die Schriften hin, wenn sie von „Thomas” sprechen?

Neben den beiden erwähnten Schriften gibt es noch die sog. Thomas-Akten. In ihnen wird über die Reise des Thomas nach Indien und seine Wundertaten auf dieser Reise berichtet. Die Thomasakten gehören wohl ebenfalls zum Weisheitsschatz der syrischen, frühchristlichen Gemeinde in Edessa. Die Erzählungen erfreuten sich großer Beliebtheit, auch bei den in dieser Region stark vertretenen Manichäern.

Wir begegnen darin 13 geheimnisvollen Szenen, die je nach Betrachtung unterschiedlich tief erfasst werden können. Anschaulich wirken die Geschichten allemal, denn es sind ganz offensichtlich Gleichnisse für ein ganz anderes als das übliche Leben. Hier erscheint Thomas als das gleichwertige Ebenbild des Erlösers. Jesus tritt in den Geschichten oft als – für die normalen Augen – unsichtbare Zwillingsperson des Thomas auf. Mani, der große Religionsstifter, der aus Persien stammte, erlebte in ähnlicher Weise seinen inneren Zwilling.

In einer der Szenen der Thomasakten wird von einer Braut des Lichtes erzählt: „Bezaubernd ist ihr Anblick. Ihre beiden Hände deuten und zeigen verkündend auf den Chor der glücklichen Äonen. Ihre Finger öffnen die Tore der Stadt. Ihre Brautführer, sieben an der Zahl, umgeben sie. Ihren Blick richten sie auf den Bräutigam, damit sie durch seinen Anblick erleuchtet werden und ewig bei ihm bleiben zu jener ewigen Freude und bei der Hochzeit seien, zu der sich die Vornehmen versammeln”. 1)

Liegt in der Schilderung nicht vor allem eine tief innerliche Aufforderung verborgen zu einer fortwährenden Begegnung mit dem Geist? Wie ist das zu verstehen? Wir erkennen vielleicht im Bild von Braut und Bräutigam eine einzigartige spirituelle Sphäre der Reinheit, gemessen an der Welt der Äußerlichkeiten, die uns tagtäglich umringt. Braut und Bräutigam werden oft als Synonyme für Seele und Geist verwendet.

Hören wir zur besagten Brautszene ein Wort aus dem Thomasevangelium, das dazu passt: „Sie sprachen zu Jesus: Komm, wir wollen heute beten und fasten. Jesus antwortete: Welche Sünden habe ich denn begangen? Oder auf welche Weise habe ich eine Niederlage erlitten? Wenn der Bräutigam aus dem Brautgemach kommt, dann sollen sie beten und fasten.” (Logion 104)

Denken wir zuerst an die uns bekannte Fastenzeit. Man muss verzichten auf den Überschwang weltlicher Genüsse. Beten und Fasten sollen der Reinigung dienen. Das Lichtprinzip jedoch, das durch Jesus verkörpert wird, ist und bleibt unveränderlich rein. Dem Lichtprinzip mehr und mehr entgegen zu wachsen, das ist nach Auffassung der Gnostiker die Aufgabe des Menschen. Das wird angedeutet in dem Bild von Braut und Bräutigam. Sobald die Braut mit dem Bräutigam im Brautgemach vereint ist, ist die Seele von ihren natürlichen Makeln befreit. Das Brautgemach bildet gleichnishaft den unsichtbaren höchsten sakramentalen „Raum” für die innere Entwicklung. Sobald ein so entwickelter Seelenmensch dem äußeren Leben begegnet, wird er den niederziehenden Einflüssen widerstehen. Sie sind keine Nahrung für ihn. Das bedeutet: Er fastet und ernährt sich von ganz anderen Kräften.

Durch diese und andere Gleichnissen kann man erahnen, wie die sog. Thomas-Christen Göttliches suchten und wie sie das göttliche Wesenselement tiefer und tiefer erlebten. Die gnostisch strebenden Menschen sprachen von der Licht-Epinoia, der Flamme der höheren Vernunft. Das ist eine sehr persönliche Erfahrung, bei der sich der Geist mehr und mehr als eine wachsende Lichtstrahlung innerlich mitteilt.

Ist in dem Wort von Braut und Bräutigam etwas vom Leben des historischen Jesus von Nazareth zu spüren? Keineswegs! Die historischen Vorstellungen vom Leben Jesu standen für die Gnostiker nicht im Vordergrund. Bei ihnen ging es um das aktuelle Erleben auf ihrem Weg. Das unterschied sie vor allem von den meisten frühchristlichen Strömungen. Dem innereigenen Lichtprinzip, das im Menschen veranlagt ist, galt ihre ganze Aufmerksamkeit. Diese Flamme setzten sie mit Jesus gleich. Das ist auch der Grund dafür, warum sie mit ihrer tiefen Inspiration nichts zur Bildung einer allgemeinen Volkskirche beitrugen.

Auch das „Buch Thomas’ des Wettkämpfers” zeigt deutlich gnostische Merkmale. Aufschlussreich ist der Schluss des Werkes. Dort stehen die Worte: „Dies ist das Buch Thomas’ des Wettkämpfers, geschrieben für die Vollkommenen.”

Beleuchten wir einige Details. Es geht um Licht und Finsternis, um das Auf und Ab im Leben und um die Entwicklung der Seele inmitten der Gefangenschaft des irdischen Körpers. Thomas stellt eine tiefe, fast verzweifelte Frage: „Herr, weshalb geht das sichtbare Licht, das wegen der Menschen leuchtet, auf und unter?” Und die Antwort lautet: „Selig bist du, Thomas. Das sichtbare Licht leuchtet euretwegen, damit ihr nicht an dem Ort der Finsternis bleibt, sondern damit ihr aus ihm herauskommt.”

Was soll hier ausgedrückt werden? Die Menschheit ist in eine Atmosphäre des fortwährenden Wechsels von natürlichem Licht und Finsternis eingebettet. Seelisch betrachtet empfinden die Menschen Freude als lichtvoll, als Sonnenstunden. Leid jedoch bedeutet ihnen Betrübnis und Finsternis. Das gehört zur Schule des Lebens. Die aufgehende Sonne will die Erinnerung an das ursprüngliche Licht im Menschen wecken. Dass die Sonne aber jeden Tag wieder untergeht, kann bewusst machen, dass das menschliche Dasein immer wieder der Finsternis ausgesetzt ist.

Die Gnostiker gehen davon aus, dass viele einschneidende Erfahrungen durch die Wechselfälle des Lebens erlitten werden müssen, bis der Mensch nach dem geistigen Licht sucht. Er muss die Finsternis im Verstand durchbrechen. Erst dann kann er das geistige Licht als Gnosis erfahren. Wie aber sollen die „Wettkämpfer” vom Schlag eines Thomas in der Welt stehen? In der Schrift heißt es: „Selig der kluge Mensch, der die Ruhe suchte. Als er sie fand, ruhte er auf ewig in ihr und fürchtete sich nicht vor denen, die ihn beunruhigen wollten. Thomas antwortete und sprach: ‚Heilsam ist es für uns, dort Ruhe zu finden, wohin wir gehören.’”

Auf dieser Grundlage kommen wir nun zum Thomasevangelium. Es ist eine Sammlung von 114 Aussprüchen Jesu, sogenannten Logien. Es sind „geheime” Worte. Möglicherweise ging man davon aus, dass Jesus sie nach seiner Auferstehung zu den Jüngern gesprochen hat. Viele der Aussprüche finden sich auch in den Evangelien der Bibel. Im Thomasevangelium können dieselben Worte unter Umständen tiefer ausgeschöpft werden durch die Gedanken, mit denen sie im Zusammenhang stehen.

Was will das Thomasevangelium insgesamt lehren? Im Buchstabenglauben kann niemals das Heil gefunden werden, so könnte man es formulieren. Die Thomas-Christen waren keineswegs ungläubig im herkömmlichen Sinne. Doch ihr Glaube bezog sich auf den Weg der Mysterien; in diesem Sinne bemühten sie sich, Jesus nachzufolgen. Das Geheimnis jeder Mysterienreligion liegt in der Verwandelbarkeit des Menschenwesens, der Umlenkung der Seele, wie Plato es nannte. Das Thomasevangelium hatte zum Beispiel für die Manichäer, die im 3. Jh. n. Chr. einen starken Einfluss auf die frühchristlichen Strömungen nahmen, eine große Bedeutung.

In den ersten Jahrhunderten gab es kein fest umrissenes Christentum, sondern es existierten viele Strömungen mit unterschiedlicher Vertiefung. Es gibt Hinweise, dass es nahezu 30 Evangelien gegeben haben muss. Auch die Manichäer waren Gnostiker, Wissende um einen göttlichen Funken, den der Mensch in sich trägt. Den Körper sahen sie als eine Art Gefängnis an, in das der Funke eingeschlossen ist und aus dem er durch ein aktives Leben nach dem Vorbild Jesu befreit werden muss. Die altpersische Lehre des Zarathustra vom absoluten unvergänglichen Licht und der Finsternis der Materie lebte bei ihnen unter christlichen Vorzeichen wieder auf.

Die allmählich zur Macht gekommenen Kirchenväter bekämpften die Lehre vom Lichtfunken. Sie bekannten sich zu festen Dogmen. Im Thomasevangelium ist davon jedoch nichts zu spüren. Wie schön, schlicht und aufrüttelnd ermutigend in Bezug auf die Eigenverantwortlichkeit des Menschen wirkt der Vers 2 aus den Logien: „Wer sucht, der höre nicht auf zu suchen, bis er findet. Wenn er findet, wird er erschüttert sein. Ist er erschüttert, wird er staunen. Und dann wird er über das All herrschen.”

Hier wird ein Weg des Menschen angedeutet.

Vortrag zum Thema A

Vortrag zum Thema B

1) Hennecke-Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen, Band II, Die Taten des Apostels Thomas, 1. Buch, S. 311, Verlag J.C.B. Mohr, Tübingen 1971

Die Zitate aus dem Thomasevangelium und dem Buch Thomas’ des Wettkämpfers sind entnommen aus: Konrad Dietzfelbinger, Apokryphe Evangelien aus Nag Hammadi, Dingfelder Verlag, Andechs 1988, S. 227 bis 240)
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