Vortrag

Ein anderes Bild des Menschen

Kunst der Ureinwohner der Osterinseln

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Vortrag von Dieter Pommerening

Dieter Pommerening (Jg 1947) hat mehrere waldorfpädagogisch orientierte Einrichtungen mit aufgebaut und war viele Jahre im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland und der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten.

Vortrag in Osnabrück am 30.11.2008

Ein anderes Bild des Menschen

Das „andere Bild” ist kein fertiges, ich kann es Ihnen auch nicht als Photo zeigen, sondern nur einzelne Striche einer Skizzenzeichnung aufzeigen. Das dazugehörige Bild muss dann in Ihnen selbst entstehen. Meine „Striche” entstanden aus meiner individuellen seelischen Beobachtung, die Grundlage dafür ist für mich die Anthroposophie als ein Erkenntnisweg bzw. als Erfahrungswissenschaft.

Lassen Sie mich mit einer biblischen Grundlage beginnen:

„Macht euch die Erde untertan” – so wird bereits im 2.Buch Moses die Aufgabe des Menschen formuliert. Dies ist im modernen Umweltbewusstsein eine fragwürdige Formulierung: Bedeutet dies Herrschaft des Menschen über die Natur? Oder ist das ein Übersetzungsfehler – oder eine an die jeweilige Sprache und Zeit gebundene Ausdrucksform, so dass sie heute einerseits aus dem modernen Demokratieverständnis sowie aus der Frage des Umgangs mit der Natur einer kritischen Betrachtung unterliegt?

Unabhängig von aller theologischen Diskussion gehe ich von folgendem Bild aus: Mensch und Natur sind keine Dualitäten oder eine Frage eines Herrschaftsanspruches, sondern eine Einheit, wobei sich Mensch und Natur gegenseitig bedingen, somit zunächst eine Einheit mit den beiden Seiten der gleichen Medaille darstellen. Dazu gehört aber unerlässlich auch der Dritte, in der Bibel wird er „der Schöpfer” oder „Gott” genannt, vielleicht auch zu bezeichnen als der „Geist, der über allem schwebt und durch alles webt.” Erst diese drei zusammen ergeben etwas Vollständiges. Das uralte Symbol der Lemniskate drückt diese gegenseitige Durchdringung aus, auch wenn jeder der drei Lebens- oder Wesensbereiche eigenen Gesetzlichkeiten unterliegt. Dieses gegenseitige Durchdringen der Sphären bedeutet Dreiheit und Einheit gleichzeitig und bestimmt mein Bild des Menschen.

Die stufenweise Entwicklung des Menschen

Wenn ich auf einer solchen Grundlage nach einem Bild des Menschen suche, steht als Nussschale das Bild des Kindes vor mir, das in seiner Leiblichkeit mit Hilfe seiner Mutter zu uns kommt. Wann dieser Zeitpunkt der Menschwerdung genau ist, hat Theologen, Biologen, Geisteswissenschaftler und Juristen immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen lassen: ob bei der Zeugung, ab einem bestimmten Embryonalzustand bzw. der soundsovielten Schwangerschaftswoche, oder in seinem Wesenskern schon vorher, ohne überhaupt eine irdisch messbare Leiblichkeit zu haben? Mit welchen Sinnen fragen wir?

Nehmen Sie es als offene Frage mit und beschränken wir uns zunächst bei unserer Betrachtung auf das Neugeborene, wenn es bereits unter uns ist. Jeder weiß aus der eigenen Erfahrung – und der „Volksmund” erst recht – dass ein Kind in den ersten drei Lebensjahren in kürzester Zeit ohne kognitive Fähigkeiten so unendlich viel Neues lernt, wie es in seinem späteren Leben als Schüler oder Erwachsener nie wieder lernen wird. Gerade beim ganz kleinen Kind wird ganz offensichtlich erlebt, wie es sich von Woche zu Woche wandelt, und zwar sowohl in der körperlichen Beweglichkeit und Handhabung seiner Glieder als auch im Sprachschatz und im schrittweisen Handhaben der Umwelt. Gleichzeitig bemerken wir aber, dass es sich an genau diese ersten drei Jahre später nicht mehr konkret erinnern kann. Der Zeitpunkt des Erinnerns fällt ungefähr mit dem Zeitpunkt zusammen, wo aus dem kräftigen „Jonas will” ein „Ich will” wird. Mit anderen Worten: Erst jetzt ist dieses Kind wirklich in sich auf der Erde und bei seinen Mitmenschen angekommen. Oder anders ausgedrückt: In den ersten drei Jahren hat das Kind in einem Zustand zwischen Himmel und Erde gelebt – irdisch schon angekommen, aber in seinem Wesen noch ganz verknüpft mit einer weit über das Irdische hinausgehenden Umwelt.

Es folgt das sich mit Anderen verbinden – die typische Kindergartenzeit, in der es zur ersten Sozialität heranwächst. Jetzt „lernt” das Kind durch Nachahmung im sozialen Zusammenhang, immer noch nicht durch abstrakte Erklärung. Aufgabe der Eltern bzw. Erzieher ist es hier, nachahmenswerte Verhältnisse anzubieten, zu erziehen durch Selbsterziehung. Eine große Herausforderung für uns alle!

Allgegenwärtig ist die Gefahr, schon in diesem Alter das kognitive Lernen zu forcieren. Viel zu schnell lassen wir uns von dem Bild leiten, das kleine Kind sei wie ein Erwachsener, nur eben kleiner. Nein – beim menschlichen Lebenslauf ist es nicht anders als im Naturreich bei den Pflanzen: Der Mensch ist ein Werdender und ein Vergehender. Jeder Lebensabschnitt hat dabei seine eigenen Gesetzlichkeiten, dabei baut er auf dem vorherigen auf. Der Mensch ist in Entwicklung. Man kann das durchaus in etwa 7-Jahres-Schritten sehen, wobei es natürlich individuell auch Verfrühungen und Verspätungen gibt.

Die ersten sieben Jahren sind Kindheit – und als solche auch liebens- und schützenswert. Erst mit dem Abschluss der Kindheit, welcher sich bis ins Leibliche hinein z. B. durch den Zahnwechsel oder die Proportionen der Glieder und der Möglichkeit zu deren Handhabung ausdrückt (z. B. über den Kopf ans Ohr greifen oder auf einem Bein hüpfen), beginnt die Schulreife. Hier wandelt sich dann bis in die Phase der Pubertät hinein das Lernprinzip „Nachahmung” in das Lernprinzip „von der geliebten Autorität lernen” – bis dann die Pubertät bzw. Geschlechtsreife den nächsten Wechsel ankündigt: Jetzt wird der Lehrer oder Ausbilder als partnerschaftliche Instanz benötigt, nicht als Zuchtmeister. Notwendige Korrekturen können jetzt von der Sache selbst erfahren werden. Und so geht es weiter, Sie kennen die folgenden Stufen, die man dann zunächst als Wanderjahre in der Phase des praktischen Anwendens des Erlernten bezeichnete. Später folgen weitere Phasen, welche sich dann z. B. auch als Midlife-Crisis und noch später dann als innere Reife oder Altersweisheit ausdrücken. Es wird deutlich geworden sein, dass die Entwicklung in Stufen verläuft und jede dieser Entwicklungsstufen ihre eigenen Gesetze bzw. Herausforderungen und Chancen hat.

Der Mensch – Teil der Erde und des Kosmos

Was hat das aber mit dem Thema: „Ein anderes Bild des Menschen” zu tun? Zuvor habe ich versucht aufzuzeigen, wie jeder Mensch, wenn auch individuell unterschiedlich, stets ein Lernender und sich stets Wandelnder ist und in Beziehungen zu seinen Mitmenschen steht. Der Mensch steht aber nicht nur in Beziehung zu seinen Mitmenschen und den vermeintlichen Herausforderungen der jeweiligen Zeit, obwohl diese ihn natürlich auch prägen. Heute sind die ökonomischen Herausforderungen in einer sich stets stärker globalisierenden Welt so stark, dass sie unbemerkt immer mehr zu einem Leitbild werden. Immer mehr stellt sich heraus, dass wir uns von diesen Herausforderungen leiten lassen, z. B. in der Ausbildung: Ist das marktgerecht, ökonomisch sinnvoll, ist das objektiv vergleichbar? Ist das genug Spezialwissen? Darunter leiden die humanistische Allgemeinbildung und das Lernen des lebenslangen Lernens und der Bereitschaft zur Verwandlung.

Der Mensch ist nicht nur ein Mensch zwischen Menschen. Er lebt auf dieser Erde – er ist dadurch auch ein Teil dieser Erde. Für ein vollständigeres Bild des Menschen muss daher auch der Bezug zur Erde oder zur Natur beachtet werden. So müssen wir dann zusätzlich in Betracht ziehen, dass die Erde ein Teil des ganzen Kosmos ist. Das bedeutet auch, dass die Erde in ihrem ganzen Wesen von Sonne und Mond beeinflusst ist und dass diese wiederum den Menschen beeinflussen. Ohne den Einfluss von Tag und Nacht und der Zyklen des Mondes und der Sonne – sicherlich auch der übrigen zahllosen Gestirne – könnte die Erde als Organismus mit Menschen nicht existieren. Das Licht und die Wärme der Sonne können durch das elektrische Licht nur sehr eingeschränkt ersetzt werden. Wir müssen also, wenn wir über den Menschen sprechen, diese „wie von außen” zukommenden Faktoren berücksichtigen.

Die Erde unterliegt aber nicht nur diesen Einflüssen, sondern in erster Linie auch ihrer eigenen Substanz. Wesentlich sind hierbei nicht nur die Elemente mit ihrer jeweiligen chemischen Zusammensetzung, sondern die Elemente „Erde, Feuer, Wasser und Luft,” welche alle jeweils unterschiedliche Wesenheiten bedeuten – wobei jedes Element seine eigenen Qualitäten hat. Oder aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: Die Vielfalt unserer Erde setzt sich zusammen aus mineralischen, pflanzlichen, wässrigen und luftförmigen Gebilden oder aus Gesteinen, Wasserflächen, Pflanzen, Tieren und Menschen. Was ist dann unter „Natur” oder „Elementen” zu verstehen?

Die Elemente

Lassen Sie mich ein einfaches Beispiel nennen: Gerade diesen Sommer fiel es mir als Segler auf, dass fast den ganzen Sommer über der Wind kräftiger geweht hat als sonst. Wind ist bewegte Luft und entsteht physikalisch gesehen aus den unterschiedlichen Luftdruckverhältnissen. Als Segler könnte ich sagen: endlich mal ein Sommer, wo man nicht immer über die Mittagsflaute schimpfen musste. Spannend wird die Frage, wenn ich nicht nur die Zunahme der lokalen Winde betrachte, sondern z. B. die heftigen Hurrikane in Amerika mit ihren vernichtenden Folgen. Was hat das aber mit dem Menschen, den Abgasen unserer Heizungen oder Autos – oder auch den natürlichen Verdauungsgasen der Kühe zu tun? Die Erde und die Verhältnisse auf ihr bestehen aus Zusammenhängen. Der Mensch hat einen Einfluss darauf, wie das Klima ist. Wir brauchen mehr Bewusstsein für diese Zusammenhänge und den Einfluss des Menschen auf den stetigen Klimawandel – dies ist heute unstrittig und dringend.

Wie notwendig dies ist, zeigen z.B. die Dürreregionen, die durch das Abholzen ganzer Landstriche entstanden sind oder die Möglichkeit, dass durch das Abholzen der Regenwälder das menschliche Leben auf der Erde unmöglich werden kann. (1)

Ohne den Einzelnen ist die Gemeinschaft nichts – und umgekehrt
Wenn Sie die Zeitung aufschlagen, wird deutlich, dass Wellness ein immer größer werdender Wirtschaftsfaktor ist. Täglich werden wir aufgefordert, doch mehr für unser persönliches Wohlbefinden zu tun, damit es uns besser geht. Ursprünglich
hauptsächlich auf das körperliche Wohlbefinden ausgerichtet, geht es heute immer mehr auch um das seelische – aber immer darauf bezogen, dass es mir besser geht als vorher. Positiv daran ist sicher, dass es wieder allgemein anerkannt wird, dass der Mensch nicht nur aus immer mehr verfettendem Fleisch und Blut besteht, sondern auch seelische und geistige Bedürfnisse zu befriedigen sind. Andererseits richtet sich der Blick immer mehr auf den Einzelnen, unberücksichtigt bleibt, was die Erde und die menschliche Gemeinschaft zu ihrem Fortschritt brauchen. Was wäre „Wellness für die Menschheit”?

Rudolf Steiner hat das für mich in seinem „Motto zur Sozialethik” treffend formuliert:

„Heilsam ist nur,
wenn im Spiegel der Menschenseele sich bildet
die ganze Gemeinschaft,
und in der Gemeinschaft lebet
der Einzelseele Kraft.”

Kurz: Ohne den Einzelnen ist die Gemeinschaft nichts – und umgekehrt.

Der Wesenskern des Menschen
Am Beispiel der Wellness-Werbung wird deutlich, dass wir in einer Zeit stehen, in der sich der Einzelne gerne auf seine Individualität besinnt.

Was ist aber der Wesenskern des Menschen? Natürlich ist die äußere unverwechselbare Erscheinung ein typischer Ausdruck der Individualität, allerdings ist das nur äußerlich und kann vollkommen in die Irre führen. Nehmen Sie nur das Beispiel der Jeans oder Parker-Jacken. Zunächst als Ausdruck von Individualität gedacht, waren schließlich alle gleich angezogen.

Die Individualität macht sich nicht (nur) an der Bekleidung und dem Äußeren bis hin zur Gestalt fest. Im Gegenteil: In der Zusammensetzung der Gene sind wir Menschen alle nahezu gleich. Hier zeichnet sich die Individualität fast nur durch die unterschiedliche Verkettungsfolge aus. Da unterscheiden wir uns sogar nur im einstelligen Prozentbereich von den Affen!

Der Kern der Individualität liegt sicherlich nicht im Bereich dieser einzeln auffindbaren Gene bzw. der DNA-Analyse, wenngleich das eine rein stofflich-materielle Sichtweise durchaus nahe legt. So bringt das Kind bereits seine Individualität als Wesenskern mit, auch wenn diese außerhalb des materiell bzw. leiblich Messbaren liegt. Gehört dazu nicht auch z. B. sein eigener Schutzengel, den wir als Eltern allabendlich mit ihm anrufen? War dieser individuelle Wesenskern nicht schon da, bevor das Kind den Erdenplan betrat? Und lebt dieser Kern nicht weiter, selbst wenn der äußerlich sichtbare Mensch gestorben ist bzw. seinen Leib abgelegt hat? Was bedeutet es, wenn wir auch nach dem Tod noch einen Menschen lieben? Lieben wir dann nur unsere eigene Erinnerung – oder erhalten wir doch nicht auch immer wieder Erwiderungen? Und erleben wir nicht immer wieder, dass wir voller Überzeugung sagen können, dass an bestimmten Orten ein Wesen mit all seinen Intentionen weiterlebt?

Solche Fragen werden in unterschiedlichen Kulturkreisen oder Religionsgemeinschaften gestellt, ohne dass es naturwissenschaftlich nachweisbare Antworten gibt. Sind diese aber wirklich nötig? Ist es nicht das tatsächliche Erleben – dass mein Innerstes zwar einen Zusammenhang mit meinem Körper hat, davon aber auch unabhängig ist – das mir die Sicherheit gibt, mich und andere als Individualität zu erleben und zu respektieren? Wir erleben Leib, Seele und Geist in uns selbst als Einheit, auch wenn diese oft kompliziert ist. Wenn ich mir das ins Bewusstsein hebe, verändert sich meine Anschauung der Welt – und dann ergeben sich daraus auch Konsequenzen für mich selbst, meine Taten (und mein Unterlassen) und mein Verhältnis zur Welt, zum Mitmenschen und zur Natur.

Eine solche Anschauung hilft, die Andersartigkeit des Mitmenschen nicht nur zu ertragen, sondern aktiv zu akzeptieren. Darüber hinaus erlaubt mir eine solche Anschauung, mich auch mit anderen Sinnen der Natur und dem Geistigen zu öffnen. Ich bin dann Teil der Natur, nicht ein Gegenüber oder gar ihr Feind. Ich versuche zu verstehen, was die Natur aus ihrem Wesen für sich benötigt und schaue weniger mit schmalem Blick auf sie, wie sie nur mir und hier bestmöglich nützt. Aus dem Suchen und Finden des eigenen Wesenskerns entsteht eine innere Selbstverpflichtung gegenüber den anderen, ich kann mich plötzlich für ihren Wesenskern und ihre Anliegen interessieren. Aus der Sicherheit meiner Einmaligkeit entwickelt sich ein neuer Sinn für die Nöte der Zeit und der Welt, als deren äußerster Zipfel und Mittelpunkt ich mich zugleich empfinden kann. Der Mensch erkennt sich selbst als geistige Individualität und Teil der Natur zugleich.

Über die Weisheit der Natur

Ein solcher Blick mit einem Auge, das über die Physis hinaus schaut, ermöglicht nicht nur einen neuen, erweiterten Blick auf die Mitmenschen, sondern auch auf die Belange der Erde als lebendiger und mit dem Menschsein verbundener Organismus. Dieser Blick lässt auch in mir selbst Neues entstehen – nicht nur ein Bild, sondern die Ehrfurcht vor dem Geschauten. Ein derartiger Blick kann – und sollte – sich nicht nur auf Menschen richten, sondern auch auf die uns umgebende Natur. Man wird schnell erleben, dass sich die Natur nicht nur als schön und weisheitsvoll gestaltet erweist, sondern man kann sie auch als Quelle für einen neuen forschenden Blick erleben. Was wir Menschen uns mühsam denkerisch erarbeiten müssen – die Natur hat längst aus sich heraus Lösungen für Probleme gefunden, die wir uns als vermeintliche zivilisatorische Fortschritte erst mühsam erringen mussten. Über die in den verschiedenen Naturreichen herrschende Weisheit, vor allem in der Biologie, kann der Mensch nur staunen und die „Erfindungen der Natur” ehrfürchtig bewundern.

Mussten wir nicht das Fliegen dadurch lernen, dass wir den Flug der Vögel studierten oder, um stabile Brücken zu entwerfen, den Bau von Grashalmen in ihrer Struktur
nachahmten? Wie muss die Oberfläche eines Schwimmanzuges beschaffen sein, damit dieser den geringsten Widerstand hat? Wie muss die Bewegungsart sein, um mit möglichst geringer Energiezufuhr die größtmögliche Antriebsbewegung zu erzeugen? In allen Naturreichen gibt es zahllose Lösungen, so dass es wirklich verwunderlich ist, dass das Lehrfach „Bionik” ein derartiges Schattendasein führt.

Der Blick hinter die Dinge

Gehen wir aber zurück zum Ausgangspunkt, zu den kleinen Kindern. Sie stehen ja noch ganz in der Natur und erleben, wenn ihre Sinne nicht durch vermeintliche zivilisatorische Errungenschaften verschüttet sind, die Natur noch weitergehender als wir Erwachsenen. Viele erleben oder ahnen zumindest, dass auch die Natur lebendig ist. Da ihnen die fertigen Begriffe der Erwachsenen noch fehlen, können sie sich nur der Bildersprache bedienen. Sie berichten (wie übrigens auch mancher Erwachsene) dann von menschenähnlichen Wesen, welche die Naturreiche bevölkern, durchweben und beleben. Das aus der Bildersprache der Märchen Gehörte verwebt sich mit eigenem Erleben. Bei den Erwachsenen beschränkt sich das dann gerne auf die Wahrnehmung, dass es Naturbereiche, z.B. Gärten gibt, in denen „etwas lebt” und andere, die wesensleer zu sein scheinen. Empfindsame
Menschen berichten sogar, dass sie auch Wesenhaftes z. B. an Maschinen erleben, dort aber niemals mit belebendem Charakter, im Gegenteil.

Kann es sein, dass jedes „Ding” auch sein ihm angemessenes Wesen hat, das nicht aus Materie besteht und daher unserem physischen Alltagsauge zwar verborgen bleibt, aber dennoch existent ist? Lernen wir, mehr mit dem inneren Auge zu schauen!

Ob der Mensch den in Rhythmen sich gestaltenden Lebenslauf wahrnimmt oder einen erweiterten Blick auf die Natur und die dort innewohnenden Wesen hat: das liegt ganz in der Freiheit des Individuums. Er kann Geistiges schauen und dadurch im Innersten berührt werden – muss es aber nicht.

Einen auf Lebenssicherheit beruhenden Schritt in die Zukunft kann nur derjenige machen, der sich seines Untergrundes und seines Zusammenhanges mit den Elementen der Natur und den geistigen Wesenheiten sicher ist. Für mich gehört dazu, dass der Mensch erkennen kann, dass er selbst ein Teil der Natur ist und gleichzeitig eine einzigartige Individualität mit einem die Zeit überdauernden Wesenskern. In diesem Kern verbirgt sich wesenhaft der ganze Mensch, ähnlich dem Samenkorn, in dem schon die ganze Pflanze veranlagt ist. Diesem Kern die bestmögliche Entwicklungschance zu geben, ist eine der Aufgaben des Menschen. Er bezieht dann fast wie von selbst die ganze Menschheit einschließlich der Erde ein, eben als Teil eines Ganzen.

Aus einem suchenden Blick nach dem eigenen Wesenskern entsteht eine eigenständige Spiritualität, welche sowohl das Geistige wie auch das Zwischenmenschliche und alle praktischen Seiten des Lebens einbezieht. Ein solches Streben bedeutet dann auch zugleich ein Kultivieren aller Sinne – und bringt ein Verständnis für die Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Welt bzw. deren Zusammenhang. Mir erscheint es mehr denn je erforderlich, nicht nur die natürlichen bzw. materiellen Erscheinungen anzuschauen, sondern auch „hinter die Dinge” zu schauen. Der kleinste Alltagsgegenstand, meditativ betrachtet, eröffnet dahinter Welten. Im sich Öffnen und Hingeben für diese dem Alltagsauge verborgenen Welten liegt das Geheimnis des inneren Erlebens der geistigen Wesenheiten. Erst jetzt wird unser Bild vollständig.

Klimawandel beginnt in uns selbst

Besitzt ein Mensch dieses Bild des Menschen, dann fragt er nicht mehr, was „man” z.B. für den Klimaschutz tun kann. Er fragt: Was kann ich durch mein Tun und meine Verbundenheit mit den geistigen Wesenheiten zur Gesundung beitragen? Bevor wir einen äußerlichen Klimawandel erzeugen können, müssen wir in uns die Voraussetzungen dafür schaffen. Dass dies immer weniger ein Weg der äußerlich sichtbaren schnellen Erfolge ist, sondern vielmehr ein mühsamer Weg des dauernden Strebens, wird einleuchten. Unsere Zukunft wird davon abhängen, welches erweiterte Bild wir vom Menschen haben und anstreben. Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt – oder: Ein Klimawandel beginnt in uns selbst.

In diesem Sinne liegt es mir am Herzen, hinter den Titel „Ein anderes Bild des Menschen” zumindest „ist nötig” zu setzen; oder ihn umzubenennen in „Wir brauchen heute ein über den materiellen Blick hinaus erweitertes Bild des Menschen, das die Natur und seinen spirituellen Bezug zur Welt als Ganzes einbezieht.” Da das aber als Titel zu lang wäre, mein Fazit:

Der Mensch ist viel mehr, als wir gewöhnlich sehen.

Haben Sie Mut zu einem erweiterten Blick.

(1) Ich engagiere mich deshalb zum Beispiel für ein Projekt in Leer; es handelt sich um eine ehemalige Gärtnerei, welche nun ökologisch weiterentwickelt und zu einem „Garten für Jeden” werden soll. Der ehemalige Eigentümer und „Staudenpapst” Ernst Pagels, ein Schüler Karl Försters, vermachte seine Gärtnerei der Stiftung mercurial, damit dort ein Gelände entstehen kann, in welchem Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, wieder an und von der Natur lernen können. Ihm war es ein Anliegen, dass der Mensch nicht nur Respekt vor den Wundern der Natur sich selbst erarbeitet, sondern auch den Zusammenhang zwischen Mensch und Natur an sich selbst erfährt – und durch die Natur mit dem ganzen Kosmos dahinter zu sich selbst finden und daran wachsen kann.

Foto: Hermann Achenbach
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