Vortrag

Durch Achtsamkeit zum Verstehen, durch Einsicht zum inneren Wandel

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Vortrag von Dr. Paul Köppler

Dr. Paul Köppler (Jg. 1946) praktiziert und lehrt buddhistische Meditation seit 1975. Er ist in Methoden spiritueller Psychologie ausgebildet, gründete mehrere buddhistische Zentren und war im Vorstand der Deutschen Buddhistischen Union. Er verfasste mehrere buddhistische Ratgeber. Sein neues Buch: „Das Spiel des Lebens verstehen”

Vortrag während eines Symposiums in Bonn am 13.05.2010

Das Thema dieser Tagung drückt die große Sorge aus, die heute zu Recht mehr und mehr Menschen bedrückt: Wir sind dabei, die Lebensgrundlagen auf unserem Planeten zu zerstören. Wie können wir diese unheilvolle Richtung umkehren?

Neben dieser Tatsache scheinen die Initiatoren der Tagung noch eine andere Wahrheit vorauszusetzen. Wenn wir an dieser Entwicklung etwas ändern wollen, dann müssen wir bei uns beginnen, dann müssen wir Geist und Bewusstsein der Menschen verändern, dann müssen wir einen „inneren Klimawandel” vollbringen, so dass entsprechende Handlungen folgen. Aus diesem Ausgangspunkt könnten zwei weitere Fragen entstehen, die ich mit meinem Beitrag aus meiner buddhistischen und psychologischen Sicht beantworten möchte.
Die erste Frage lautet: Was könnte uns zu einem raschen Bewusstseinswandel verhelfen? Und die zweite Frage: Wie sollen wir dabei am besten vorgehen?

Aus meiner Sicht und langjährigen Erfahrung habe ich aus den Anweisungen des Buddha eine Fähigkeit gelernt und praktiziert, die er selbst als „ein Mittel für alles” bezeichnet. Es ist die Achtsamkeit, auch Aufmerksamkeit oder Bewusstheit genannt.

Was ist Achtsamkeit

Achtsamkeit hat im System des Buddha einen herausragenden Platz, denn sie ist mit allen anderen notwendigen Fähigkeiten, die man auf einem Weg der inneren Entwicklung braucht, verbunden, und sie ist jene Kraft, die eine echte innere Veränderung und Einsicht bewirken kann.

Achtsamkeit ist eine Eigenschaft, eine Qualität in uns, die wir alle kennen, ohne die wir uns gar nicht entwickeln, ohne die wir nicht überleben könnten. Wir brauchen sie zum Lernen, um unser Leben zu beschützen, Fähigkeiten einzusetzen, wir brauchen sie bei jeder Tätigkeit. In diesem Sinn bedeutet es zunächst, dass wir uns einer Sache oder einem Menschen zuwenden, dass wir unsere Sinne darauf richten, dass wir aufmerken, dass wir dabei sind und nicht abgelenkt. Achtsamkeit ist mit Interesse verbunden und mit Verstehen. Ähnliche Begriffe wie Achtsamkeit sind Aufmerksamkeit, Präsenz, Zuwendung, Gewahrsein, Besinnung und Bewusstsein.

Achtsamkeit geht meistens automatisch dahin, wo sich für unsere Sinne etwas bietet, wo uns aus verschiedensten Gründen etwas anzieht. Wir können jedoch die Achtsamkeit auch lenken, wenn wir uns zum Beispiel auf eine gewisse Aufgabe konzentrieren. Bleibt Achtsamkeit länger bei einer Sache, dann wird sie zur Konzentration, zur Sammlung.

Zunächst ist Achtsamkeit eine Fähigkeit, die ich als „In der Gegenwart präsent sein” bezeichne. Das kommt im folgenden Gespräch des Buddha mit einem Mann zum Ausdruck. Dieser fragte:

„Deine Anhänger hausen in der Wildnis, leben enthaltsam und essen nur einmal am Tag. Warum sehen sie so heiter und gelassen aus?”

Der Buddha antwortete: „Sie bedauern nicht, was in der Vergangenheit geschehen ist. Sie sehnen sich nicht nach der Zukunft. Sie leben völlig in der Gegenwart. Deswegen sind sie so heiter und gelassen.”

Das klingt so leicht, ist jedoch eine hohe Kunst. Natürlich ist es uns allen möglich, für einige Momente ganz in der Gegenwart zu sein. Wenn wir an dem Ort „Gegenwart” sind, können wir nicht zugleich an einem anderen Ort sein. Unser sonst so nützliches Denken macht uns die größten Probleme, wenn es die Vergangenheit bedauert und sich Vorwürfe macht, oder sich in Sorgen um die Zukunft verliert. In der Gegenwart zu sein bedeutet jedoch, dass solch ungewolltes Denken nicht stattfindet. In diesem Moment ist man frei davon und die Folge ist heitere Gelassenheit. Die Probleme lösen sich auf, wie Nebel unter der Sonne.
Diese Eigenschaft wird gerne mit Passivität verwechselt, mit einer Einladung, naiv im Moment zu leben und sich um nichts zu kümmern. Das ist ganz und gar nicht gemeint. Gemeint ist Folgendes: Wenn wir uns zu sehr in Sorgen und Plänen verlieren, dann haben wir irgendwann keine Kraft mehr. Wenn wir jedoch immer wieder an die Quelle zurückgehen können, werden wir fähig, wieder aufzutanken. Diese ernährende und stärkende Quelle ist der gegenwärtige Moment. Natürlich lernen wir aus der Vergangenheit, wiederholen wir vergangene Ereignisse und natürlich müssen wir planen. Auch das können wir achtsam wahrnehmen. Dann planen wir und wissen, dass wir planen. Und wissen, wann wir damit aufhören, um Tee zu trinken oder einem Vortrag zuzuhören.

Weiters ist Achtsamkeit die Fähigkeit, sich einer Sache, einem Ereignis voll und ganz zuzuwenden. Angenommen, vor meinem Fenster steht ein Baum. Wenn ich in Gedanken bin, dann sehe ich den Baum, aber ich sehe eigentlich nichts, was den Baum betrifft. Die Achtsamkeit als Zuwendung sagt „schau genau hin” und dann sehe ich den Baum wirklich, seine wunderbare Struktur, seine unglaubliche Vielfalt, das Leben in ihm, je länger ich schaue, desto mehr kann ich an ihm entdecken. Ich werde mir bewusst, was für ein Wunder ein Baum ist. In diesem Sinn hat schon diese Zuwendung, die Aufmerksamkeit, eine heilsame und verändernde Wirkung.

Viele Menschen, die zu mir kommen, haben Probleme in Beziehungen, ob nun mit dem Lebenspartner, mit Eltern oder Kindern, mit Freunden oder Kollegen. Ein festsitzendes Grundmuster liegt immer darin, dass wir die Person, mit der wir ein Problem haben, unter einem ganz bestimmten Blickwinkel anschauen. Diese Ansicht wird genau durch das Verhalten der anderen Person, das uns Sorgen macht oder stört, ständig gefüttert und lässt keine andere Sichtweise zu. „Es stimmt doch” sagen sie mir, „meine Frau nörgelt immerzu”, oder: „mein Sohn lässt sich nichts sagen,” usw.

Ich sage nicht, dass die Wahrnehmung falsch ist oder die Sorge nicht berechtigt. Ich empfehle jedoch, bei der nächsten Begegnung die andere Person einmal wirklich genau anzusehen. Wie ist ihre Frisur, ihre Kleidung, wie bewegt sie sich, was sagt ihr Gesichtsausdruck? Dem Anderen mit Interesse zuzuhören, da zu sein. Innerlich sich während der Begegnung zu sagen: „Ich bin da für dich”. Das ist Achtsamkeit. Das ermöglicht Verstehen. Das ist Achtsamkeit als Zuwendung, man kann es auch Liebe nennen.
Das bedeutet allerdings auch, dass wir uns nicht davor scheuen, die dunklen Seiten in uns und in der Welt anzuschauen. Das große Geheimnis, das der Buddha aufgedeckt hat, heißt: Es ist möglich, mit Mitgefühl und Verständnis sich einer Sache zuzuwenden, ohne sie gleich zu bewerten, ohne sofort einzugreifen, ohne ihr zuzustimmen oder sie abzulehnen.
Wenn wir auf diese Weise durch Achtsamkeit etwas Neues entdecken, erfahren wir ihre verwandelnde Kraft. Wir erweitern unsere Sichtweise, indem wir reines Beobachten üben, das nicht von unseren Wünschen oder Abneigungen bestimmt ist.

Diese Qualität der Achtsamkeit kann noch tiefer gehen, wenn der Fokus auf die Wahrnehmung gerichtet wird.

Nehmen wir das Beispiel vom Baum. Während ich den Baum aufmerksam betrachte, kann ich mir auch bewusst werden, dass ich in diesem Moment sehe, dass Sehen stattfindet. Vermutlich hatte ich das vergessen, doch Achtsamkeit kann es mir enthüllen. Ich erinnere mich, was wirklich geschieht, ist „Sehen” – und meine Reaktion darauf. Deshalb wird diese Achtsamkeit auch als „Erinnern” übersetzt. Die Achtsamkeit als Weg zeigt mir nur das, was schon vorhanden ist, aber was ich vielleicht vergessen hatte. Ich nehme etwas wahr und mache mir daraus ein „Bild”. Ich erkenne, was wirklich geschieht.

Gewöhnlich wird jede unserer Wahrnehmungen sofort von verschiedensten Filtern, Bewertungen, Sichtweisen, Ansichten und Färbungen belegt. Das kann uns ohne Achtsamkeit gar nicht bewusst werden. Sie sehen den Baum und automatisch wird diese Sicht von all Ihren vorhergehenden Erfahrungen bestimmt. Wie sehen Sie den Baum, wenn sie ihn selbst gepflanzt haben und auf seine Früchte warten, wie sehen Sie ihn, wenn er Ihnen das Licht wegnimmt oder wenn Sie sein Holz haben möchten? Sie sehen ihn ganz unterschiedlich. Das ist normal, so orientieren wir uns im Leben.

Reines Beobachten ist nun nicht die überirdische Fähigkeit, alles gänzlich ohne irgendeine Färbung zu sehen. Das ist uns nicht möglich. Doch wir können lernen, indem wir den Vorgang der Wahrnehmung selbst bemerken, die Dinge von einem anderen Blickwinkel aus zu betrachten. Sie bemerken Ihre besondere Art, etwas wahrzunehmen und was dabei in Ihnen geschieht. Sie lernen das, was in Ihre Wahrnehmung kommt, mit weniger oder ohne die übliche Bewertung zu sehen. Wenn es Ihnen möglich ist Ihre Urteile wegzulassen, dann können Sie mehr von den Erscheinungen entdecken und schließlich mehr über sich selbst. Diese Qualität der Achtsamkeit zeigt Ihnen, wer oder was Sie wirklich sind. Diese Fähigkeit braucht man, um in sich einen inneren Wandel einzuleiten.

Geistestraining durch Achtsamkeit

Das Wunderbare an der Bewusstheit ist, dass man sie jederzeit üben und ausbauen kann. Es gibt zwei klassische Methoden, die sich gut ergänzen.

Stilles Sitzen

Setzen Sie sich irgendwo ruhig hin, wo Sie möglichst nicht gestört werden und richten Sie die Aufmerksamkeit auf Ihren Körper, und da ganz besonders auf den Atem. Doch Achtung: Das ist keine Atemübung. Das Allerwichtigste dabei ist, dass Sie den Atem betrachten und dabei gar nichts mit dem Atem machen. Lassen Sie ihn einfach so sein, wie er gerade erscheint. Das wird am Anfang, wenn Sie nicht sehr talentiert sind, gar nicht gelingen. Viele Menschen erfahren, dass sie, sobald sie achtsam und konzentriert sind, schon beginnen, den Atem auf grobe oder feine Weise zu beeinflussen. Das ist normal, nehmen Sie es einfach zur Kenntnis, ohne zu sagen, dass Sie es nicht können. Irgendwann sitzen Sie da und bemerken auf einmal: da kommt und geht der Atem, und Sie sind eigentlich gar nicht beteiligt, sie schauen zu, als ob sie auf einen Fluss schauen. Das kann ein wunderbares Gefühl der Freiheit sein: Sie brauchen gar nichts zu tun, das Universum sorgt für Sie, ernährt Sie, es ist alles da, was Sie brauchen.

Denken Sie an ein Glas Wasser, in das Sand geschüttet wurde. Wenn das Wasser aufgewühlt ist, dann ist alles grau. Wie können Sie das beruhigen? Indem Sie nichts tun und warten. Mit der Zeit wird sich der Sand zu Boden setzen und das Wasser wird wieder klar.

Im Alltag

Bringen Sie die Achtsamkeit in das tägliche, gewohnte Leben. Dazu gibt es viele Hilfen, die einfach sind, leicht umzusetzen – nur leider werden Sie sie immer wieder vergessen. Nehmen Sie auch das zur Kenntnis und fangen Sie immer wieder an. Sie können beginnen, bestimmte Tätigkeiten wie Geschirr spülen, Staub wischen, Essen, Gehen usw. zu einem bewussten Akt zu machen. Dazu ist es hilfreich, dieses Tun etwas langsamer oder sehr langsam auszuführen. Nehmen Sie sich dafür jedoch eine begrenzte Zeit, damit diese Handlung als Übung erkennbar ist. Sonst besteht die Gefahr, dass unser permanenter Zeitdruck diese Methode als nicht produktiv schnell wieder zur Seite schiebt.
Deshalb ist vielleicht eine andere Übung leichter umzusetzen: Machen Sie kurze Pausen des Innehaltens. Zum Beispiel jetzt. Hören Sie für drei Atemzüge auf zu lesen. Beachten Sie jetzt nur das Atmen, aber auch, wie Sie eben sitzen, welche Empfindungen da sind. Einen Moment kommen Sie mit sich selbst in Kontakt, kommen in Verbindung mit sich und dem gegenwärtigen Moment. Das kann sehr erfrischend sein und nebenbei können sie auch noch eine Menge lernen, zum Beispiel, wie Sie sich in einer gewissen Haltung verspannen, was Sie gerne denken, usw. Noch leichter wird die Übung, wenn Sie sie mit gewissen Momenten verbinden, in denen Sie ohnehin nichts Sinnvolles tun können, wie zum Beispiel, wenn Sie an der Kreuzung bei rotem Licht warten müssen. Einige Atemzüge nur atmen, statt an den nächsten Termin zu denken, wie beruhigend. Sie können sich solche Inseln der Achtsamkeit auch selbst schaffen, indem Sie alltägliche Dinge dazu ernennen. Zum Beispiel, wenn das Telefon läutet, oder wenn Sie eine Kirchenglocke schlagen hören, sogar der Lärm eines Flugzeuges kann daran erinnern: „Ich höre diesen Ton und er bringt mich in die wundervolle Gegenwart.” Sie können sich auch vornehmen, jedes Mal, wenn Ihre Hand einen kühlen Türgriff berührt, dabei innezuhalten und zu sagen: „Diese Tür öffnet mir den Zugang zum Augenblick.”

Umfassende Achtsamkeit. Tatsächlich können Sie alles, was Ihr Leben betrifft, als Objekt ihrer Achtsamkeit nehmen. Der Buddha nennt uns vier Gebiete, die alles enthalten, was wir sind: Atem, Körper und seine Sinne; die Empfindungen, das Denken und die Geisteszustände; die geistigen Schwierigkeiten; und sogar die Erkenntnis und Einsicht selbst. Alles kann man sich bewusst machen, bewusst erfahren, was da ist, was vor sich geht.

Wenn Sie beginnen, Ihren Atem achtsam wahrzunehmen, werden Sie merken, dass das nur für kurze Zeit möglich ist. Wenn Sie mehrere Atemzüge hintereinander beobachten wollen, werden Sie merken, dass Ihr Geist abschweift. Viele Übende denken dann, dass sie nicht achtsam sind, kein Talent dafür haben. Das ist nicht der Fall. Wenn die Achtsamkeit beständig bei einem Objekt bleibt, tritt eine andere Qualität auf: die Sammlung, die Konzentration. Achtsamkeit ist auch dann vorhanden, wenn man bemerkt, dass der Geist abschweift. Der Buddha sagt: Achtsam ist jemand, der weiß, welcher Geisteszustand gerade da ist, ob Ruhe oder Unruhe, Wachheit oder Schläfrigkeit, Liebe oder Ablehnung – und der sogar weiß, welcher Zustand gerade nicht da ist.

Wenn Sie sich Ihres Körpers oder Ihrer Wahrnehmung bewusst sind, werden Sie feststellen, dass alles mit Empfindungen und Gefühlen verbunden ist. Nehmen wir an, Sie spüren eine bekannte Stelle im Rücken, wovon die Achtsamkeit angezogen wird. Vielleicht ist es eine Art Schmerz und normalerweise geht die Achtsamkeit dahin, um Ihnen zu sagen: „Mach etwas, damit dieser Schmerz verschwindet.”

Versuchen Sie nun, diese Empfindung einfach als ein „unangenehmes” Gefühl zu sehen, nichts weiter. Wandern Sie durch den Körper und wenn Sie ein wohltuendes
Gefühl spüren, dann betrachten sie es als „angenehm”. Diese Übung dient dazu, dass Sie erkennen, dass nicht so sehr das Gefühl, sondern ihre Reaktion darauf das Problem ist.

Ein äußerst wichtiger Bereich ist die achtsame Betrachtung von Emotionen, besonders von solchen, unter denen wir leiden, wie Ärger, Hass, Angst, Wut, Eifersucht, Neid, Minderwertigkeitsgefühl, Sorgen, Unruhe und andere. In der buddhistischen Psychologie nennt man sie Hindernisse, weil sie sowohl die Achtsamkeit als auch jede Sammlung sehr erschweren. Auch in der westlichen Psychologie sind sie die hauptsächlichen Gebiete der Arbeit, besonders dann, wenn sie sich aus bestimmten Gründen so groß gemacht haben, dass sie die „normale” Funktion des Systems Mensch massiv beeinträchtigen.

Die für viele schwierigste, aber am meisten erwünschte Lenkung der Achtsamkeit ist die Arbeit mit dem Denken, mit den Gedanken. Unsere Gedankenfabrik ist ein erstaunlich vielfältiges, hochwertiges und schnelles Instrument. Gedanken sind flüchtig, schwer zu fassen und zu erkennen, schwer zu bändigen. Nicht wenige Menschen meinen, in der guten Meditation wäre man frei von allen Gedanken. Das kann eintreten als ein Ergebnis einer absoluten Sammlung. Das Ziel der Achtsamkeit jedoch ist, sich überhaupt einmal das Spiel der Gedanken bewusst zu machen. Der nächste Schritt besteht darin, bestimmte Gedanken, die unsinnig oder schädlich sind, nicht zuzulassen und stattdessen förderliche und heilsame Gedanken einzuladen und zu bestärken.

Gehen wir nochmals zum äußeren Klimawandel. Wenn wir als bewusste Menschen uns der Tatsache bewusst sind, dass viele große Industrien und Politiker dabei sind, die Erde zu zerstören, dann kann das bei uns Wut und Hass auslösen. Damit bilden wir jedoch negative Kräfte in uns, die wieder nur zu Gegenwehr führen. Außerdem verlagern wir nur die Ursachen nach Außen und sehen dadurch nicht, dass sie in uns selbst liegen. Wenn wir jedoch mit Hilfe der Achtsamkeit solche negativen Emotionen in positive Kräfte verwandeln, dann können wir viel effektiver für unsere guten Ziele eintreten.

Die Wirkung der Achtsamkeit

Ohne Zweifel verändern wir uns ständig. Daher gibt es in uns auch ein großes Bestreben, das, was sich bewährt hat, zu behalten. Anderseits lernt unser System ständig und nimmt erfolgversprechende Änderungen vor, passt sich neuen Situationen an. Das alles geschieht mehr oder minder automatisch, wie ein Programm, das lernfähig ist.

Nur unsere Achtsamkeit hat die Fähigkeit, dieses Wirken, diese Programme zu durchschauen – und ganz bewusst Veränderungen einzuleiten, die zu echten Verbesserungen führen. Achtsamkeit ist das Tor zur Veränderung, die Veränderung selbst bedarf jedoch der Einsicht.

Angenommen, Sie erkennen durch die Übung der Achtsamkeit, dass es auch wirklich nicht das Geringste gibt, das bleibt, das beständig ist. Alles ist in einem ständigen Fluss. Sie denken das nicht, sondern erleben es als Erfahrung. Daraus kann nun die Einsicht kommen, dass es völlig unsinnig ist, irgendetwas festzuhalten. Sie merken, woran sie hängen – und Sie lassen es los. Etwas Neues geschieht, Sie fühlen sich frei. Das ist die Veränderung, die wir brauchen, um einen inneren Wandel in uns herbeizuführen. Achtsamkeit entfaltet ihre volle Wirkung, indem sie mit Einsicht verbunden wird und sich bestimmter Merkmale des Lebens bewusst wird. Das ist die spirituelle Aufgabe der Achtsamkeit. Indem sie uns die Kraft gibt, uns intensiv auf eine Sache zu richten, wird es uns möglich, das Verborgene zu erkennen.

In der buddhistischen Philosophie ist es der illusionäre Charakter der Welt, den wir durchschauen sollen. Wir halten die Erscheinungen für beständig, dauerhaft, erfüllt von Substanz, während sie in „Wirklichkeit” substanzlos und leer sind. Wir glauben, auf einer fest gefügten Erde zu gehen, die in Wirklichkeit ein vorübergehend sich drehendes Staubkörnchen im All ist. Wir identifizieren uns mit Geist und Körper und betrachten sie als „mein Ich”, „meine Seele”, während in Wirklichkeit nirgendwo so ein Ich-Kern zu finden ist.
Es ist wie bei den 3-D-Bildern. Zuerst sehen Sie ein bestimmtes Muster und Sie kommen nicht darauf, dass dieses Bild noch etwas anderes zeigt. Dann sagt Ihnen jemand (ein Lehrer), dass es da mehr zu sehen gibt und Sie schauen hin (Achtsamkeit), längere Zeit (Sammlung) und mit einem bestimmten Blick (reines Beobachten). Sie können es nicht machen, doch wenn Sie ohne Wollen und Denken ruhig dabei bleiben, dann enthüllt sich plötzlich etwas völlig Neues, vielleicht ein Elefant, ein Fisch, was immer, Sie durchschauen die Sache und entdecken, was Sie vorher nicht gesehen haben.

Nun gut, das haben Sie vermutlich alles schon einmal gehört, doch was sollen Sie damit anfangen? Sind das nicht nur philosophische Spekulationen oder kleine Spiele – der eine erklärt sich die Welt so und der andere so – und niemand wird es je genau wissen? Das ist richtig, solange wir versuchen, nur mit dem Verstand die Wirklichkeit zu begreifen. Der Verstand kann höchstens in die Richtung schauen, in der die Wahrheit liegt. Doch tiefer schauen kann eben nur die Achtsamkeit. Dazu brauchen wir sie und genau das ist ihre Qualität.

Einsicht

Nehmen wir nochmals den Klimawandel. Wir sind im Augenblick dabei, unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zu zerstören. Wir wissen, dass wir die nahende Katastrophe selbst verursacht haben, doch es fällt uns unglaublich schwer, die Ursachen zu verändern. Wir kennen das Gesetz des Säens und Erntens, doch offensichtlich haben andere Kräfte, wie unsere Bequemlichkeit, unsere Gewohnheiten, unser Gewinnstreben den Vorrang.

Wenn wir auf tiefe Weise hinschauen, so lernen wir, nicht nur die Bedingungen unseres Lebens für uns selbst und unsere Mitwelt zu verbessern. Wir lernen auch, die Schätze, die wir entdecken, zu pflegen und zu bewahren. Da es jedoch zum Merkmal des Lebensspiels gehört, dass niemand nur gewinnen kann, dass wir immer wieder Verluste und Leiden einstecken müssen, lernen wir besonders mit den schwierigen Seiten des Lebens besser umzugehen.

Wir erkennen nicht nur, dass sich die Welt ständig verändert, wir sehen auch, dass alles mit allem verbunden ist. Wir erleben uns für gewöhnlich als eigenständiges Ich, in einer bestimmten Rolle, als Sprecher und Zuhörer, als Käufer und Verkäufer, als Kinder oder als Eltern, als Volk, als Nation. Wir achten auf unseren Vorteil und grenzen uns von anderen ab. Einsicht durch Achtsamkeit kann uns zeigen, dass auch das nur eine beschränkte Sichtweise ist. Wir atmen die gleiche Luft, unser Leben ist von allen anderen Leben abhängig. Wenn wir diese Einheit erfahren, dann haben wir die Grundlage, anders und besser zu handeln.

Wie können wir anders handeln?

Angenommen, Sie entschließen sich, in Zukunft auf Ihr Auto zu verzichten. Normalerweise würden Sie sagen, dass es zunächst für Sie eher Nachteile hat.
Achtsamkeit kann nun die Frage stellen: Was könnte daran das Positive sein? Ja, für die Umwelt wäre es gut, aber nicht für Sie persönlich. Wenn Sie nicht bemerken, dass eine Handlung für Sie einen Vorteil hat, wird sich Ihr System weigern, das auf die Dauer zu tun. Doch eine veränderte Sichtweise könnte Ihnen Vorteile zeigen.

Was könnte das Positive für Dich sein? Es könnte sein, dass Sie sich nun mehr bewegen müssen, Sie sparen das Geld für das Fitness-Studio und dennoch wird Ihr Rückenleiden erheblich reduziert. Es könnte sein, dass Sie viel sicherer in der Bahn fahren und die Zeit nützen können, um ein Buch zu lesen oder zu schreiben.

Wie können Sie das Positive noch verstärken? Vielleicht, indem Sie sich eine Wohnung suchen, die nahe beim Bahnhof liegt. Oder indem Sie sich ein gutes Fahrrad kaufen.
Sie werden sehen, mit einiger Übung wird Ihnen noch viel mehr Positives dazu einfallen.

Die in der Aufmerksamkeit enthaltene Kraft der Beobachtung führt jedoch nicht zur distanzierten Gleichgültigkeit. Wenn sie die Wahrheit sieht, dann versteht sie, dass die anderen Menschen aus den gleichen Gründen leiden oder glücklich sind wie wir. Der oder die andere ist ebenso den unberechenbaren Umständen des Lebens ausgeliefert, weiß nicht wirklich, warum er oder sie auf dieser Welt ist und wann der Tod kommt. Diese Einsicht wird es Dir unmöglich machen, dem anderen zu schaden.

Dieses Verständnis wird dazu führen, dass Du auf eine ganz natürliche Weise das tun wirst, was das Leiden der anderen Menschen verringert, was sie glücklicher macht. Du bist für andere da, Du sorgst für sie, ohne anzuhaften.

Deine innere Einstellung wird sich mehr und mehr in Handlungen ausdrücken, die zum Wohl anderer Menschen sind und unseres Planeten, der ja auch ein Lebewesen sein soll. Ein anderes Bewusstsein wird nicht nur bessere Bedingungen schaffen, sondern öffnet die Möglichkeit, dass wir uns als Menschen von allen bedrängenden und bedrückenden Kräften im Inneren befreien.

Das ist das höchste Ziel eines achtsamen Lebens.

Du lässt Dich auf deinem Weg von
Achtsamkeit leiten,
Du öffnest die Tür zu einem
veränderten Leben,
wenn Du darauf achtest,
dass Dir Dein Denken, Reden und Handeln
bewusst ist.

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