Vortrag

Die Wurzeln der Krise

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Vortrag von Wolfgang Scheid-Franke

Wolfgang Scheid-Franke (Jg.1961 ) ist in der internationalen Leitung des Jugendwerks der Schule des Goldenen Rosenkreuzes, Lectorium Rosicrucianum tätig. Er ist selbständiger Unternehmer.

Vortrag auf einem Symposium in Osnabrück am 30.11.2008

Die Wurzeln der Krise

Man kann sagen, eine Krise tritt ein, wenn ein System nicht genug Flexibilität besitzt, um auf die Anforderungen der Mitwelt oder der Innenwelt entsprechend zu reagieren und in einem nicht mehr angemessenen Zustand verharrt.

Wer krank ist, konsultiert einen Arzt. Wer eine komplexe Apparatur besitzt, die nicht mehr funktioniert, lässt einen Monteur kommen. Man hofft, durch Zufuhr eines Mittels oder Auswechseln eines oder mehrerer Teile den alten Zustand wieder herzustellen. Das kann lange Zeit erfolgreich sein.

Auch am Beispiel der Geldwirtschaft können wir beobachten, dass man sich in dieser Weise bemüht. Krisenbewältigung in diesem Sinne bedeutet, alte Strukturen instand zu halten. Die Krise wird dann nicht zum Anlass genommen, eine tiefer greifende Veränderung einzuleiten.
Um zu den Wurzeln unserer heutigen Krise zu gelangen, wollen wir einen Blick auf unser Leben werfen. In den letzten Jahrhunderten sind gewaltige Erfindungen gemacht worden.

Wir leben in einer zivilisierten Welt. Wissenschaft und Technik sind sichtbarer Ausdruck unserer Intelligenz und schöpferischen Kraft.

Wir schlafen eventuell in einem gewärmten Wasserbett, werden elektrisch geweckt, und, wenn wir das Licht einschalten, hat die Heizung schon eine angenehme Wärme im Haus erzeugt. Die Kaffeemaschine wird angestellt, während wir warm duschen. Der elektrische Trockner hat die Wäsche für uns rechtzeitig getrocknet. Wir benutzen eventuell den Fahrstuhl, der in die Tiefgarage führt und steigen in unser Auto, um zur Arbeit zu fahren. Dort sitzen wir in einem geheizten Großraumbüro oder arbeiten in der Werkstatt an einer computergesteuerten Drehmaschine.

Zwischendurch führen wir natürlich Gespräche mit dem Mobiltelefon. Abends müssen wir nicht im Finsteren nach Hause fahren, denn alle Straßen sind beleuchtet.
Damit wir unser Leben auf diese Weise führen können, sind gigantische Industriekomplexe entstanden.

Die Genialität unserer Forscher und Ingenieure hat dies ermöglicht. Es soll uns gut gehen. Wir wollen uns erfolgreich in diesem Leben behaupten. Wir wollen etwas erreichen, Pläne verwirklichen und eventuell einen noch besseren Platz im Leben bekommen. Und wir wollen die Früchte unserer Schaffenskraft genießen.

Fragen, die uns bewegen, sind: Wie kann ich mehr Geld verdienen? Wie kann ich mehr Einfluss gewinnen? Wie kann ich mehr Urlaub erhalten oder weniger arbeiten? Wie kann ich meine Mitarbeiter zu höherer Leistung veranlassen? Wie kann ich mich von der Masse abheben? Wie kann ich schöner sein, attraktiver? Wie kann ich meinen Marktwert erhöhen?
Es ist ein Labyrinth von Fragen … mit den daraus entstehenden Problemen – von uns selbst erschaffen. Mittelpunkt ist unser eigenes Selbst oder das unserer Gruppe oder Nation.
In diesem Streben werden alle Energien und Ressourcen der Erde genutzt. Heute stellen wir nun fest, dass diese Energien nicht in unbegrenztem Maß für uns zur Verfügung stehen, ja, dass wir der Erde sogar Schaden zufügen.

Wir beuten die Naturreiche aus. Wir sehen sie als eine Art Materie an, die wir gebrauchen und verbrauchen können. Jeder weiß, wie gewaltig die Erdölmengen sind, die wir für die Erzeugung von Energie benötigen.

Und unendlich viele Tiere sterben täglich, um unseren Appetit zu stillen.
Die Natur schenkt sich der Menschheit zunächst kostenlos. Aber wo verbuchen wir jenes Minus, die Entleerung der Erde, ihren Substanzverlust?

Ein Bild, das symbolisch für die Aushöhlung der Erde und der Naturreiche stehen kann, ist die Kupfermine in der Atacama-Wüste in Chile. Sie ist ein gewaltiges, ein Kilometer tiefes Loch in der Erde.

Lange Zeit hat die Natur nicht protestiert. Doch nun tritt eine Wende ein.
Rohstoffkrisen, Hühnerpest und BSE, Überfischung der Meere und vor allem der Klimawandel mit seinen unabsehbaren Folgen beunruhigen uns. Es ist nahezu unmöglich, zur Tagesordnung überzugehen. Es scheint, als habe die Menschheit einen unermesslichen Hunger. Er erscheint unstillbar, maßlos und ständig wachsend.

Wie ein gigantischer Schrei nach Befriedigung steigt er über den Völkern auf und ballt sich zu einer die Natur vernichtenden Kraft zusammen. Er gleicht einem Drachen, der rauchend und zischend Streifen der Vernichtung hinterlässt.

Was liegt all dem zugrunde?

Es ist unsere Bewusstseinshaltung, basierend auf Selbstbehauptung und Selbsterhöhung. Wir können uns zwar mit diesem Bewusstsein auch neue ökologische Techniken ausdenken, um die Erde und die Natur zu schonen. Aber sie sind nicht mehr als eine Selbsttäuschung, solange gleiche Marktprinzipien, gleiche Erfolgsstrategien, gleiche Verkaufsmethoden, gleiche Lebensstrategien fortbestehen.

Denn diese sind gerichtet auf die Selbstbehauptung eines Volkes, einer Gemeinschaft, eines Unternehmens, eines Menschen und damit – das ist das Entscheidende – einer bestimmten Bewusstseinshaltung.

Das auf reine Selbstbehauptung gerichtete Leben führt zur Ausbeutung und zum Verbrauch aller Ressourcen innerhalb unserer Naturordnung und so zur Zerstörung unserer Lebensgrundlage. Ohne einen fundamentalen Wandel erscheint der Untergang unserer Zivilisation als eine zwangsläufige Folge.

Jeder von uns hat durch sein persönliches Streben nach Glück und die Art, wie er sein Streben umsetzt, Anteil an dieser Krise. Mehr und mehr Menschen dämmert es heute, dass wir etwas Tiefgreifendes verändern müssen.

Wir leben so, als befänden wir uns in einem geschlossenen System, in dem man sich fortwährend auf eine prinzipiell gleiche Weise verhalten kann. Doch weder unsere menschliche Natur, noch die der Erde oder die des Kosmos sind in sich geschlossene Systeme. Strahlungen, Energien und Impulse kommen aus Bereichen zu uns, die unserem Bewusstsein und unseren Messgeräten nicht ohne weiteres zugänglich sind.
Allein die Tatsache, dass sich die Menschheit seit jeher nach einem höheren Dasein, nach Gott oder dem Nirwana sehnt, deutet darauf hin, dass es noch andere Seinsdimensionen gibt. Der Mensch und die Natur sind offene Systeme, in die von anderen, übergeordneten Systemen aus hineingewirkt wird. Das bedeutet: Wir sind in ein umfassenderes Ganzes eingebettet und wir müssen lernen, unser Bewusstsein diesem „Größeren” zuzuwenden.
Die Erde hat einen Ort im Universum und periodisch gerät sie unter den Einfluss einer anderen Sternenkonstellation. Gegenwärtig gelangt die Erde unter einen neuen kosmischen Einfluss. Man spricht vom beginnenden Aquarius-Zeitalter. Das führt dazu, dass sich alte Sicherheiten und Bewusstseinsmuster auflösen. Neue Entwicklungen bahnen sich an. Und alles, was mit ihnen nicht übereinstimmt, gelangt in eine Krise.

Große Veränderungen finden in allen Bereichen des Lebens statt. Auch Religion, Wissenschaft und Kunst müssen sich dem stellen. Die größte Herausforderung betrifft vor allem unser Bewusstsein. Entscheidend wird für unsere Zukunft nicht die Entwicklung neuer Technologien sein, sondern das Verständnis unseres Daseins als Mensch auf diesem Planeten im Zusammenleben mit seinen anderen Bewohnern.

Wenn wir uns dem notwendigen Bewusstseinswandel unterziehen, dann sind Ökologie, Humanismus und nachhaltige Technologien eine Selbstverständlichkeit.
Das bisherige Bewusstsein zu ändern, erscheint jedoch als gigantische, fast unlösbare Aufgabe. Sie kann offensichtlich nur durch eine tief greifende Krise gelöst werden, durch ein grandioses Scheitern. Denkbar wäre es allerdings auch, sie durch eine tief greifende Einsicht zu lösen.

Lassen Sie mich dazu ein Bild bringen. Es soll andeuten, dass in uns noch Kräfte wirken können, die wir noch nicht kennen, mit denen ein erneuertes Bewusstsein aber umgehen kann.

Sie kennen das Hebelgesetz. Die Kräfte eines Handwerkers werden vervielfacht, wenn er einen Hebel anwendet.

Einstmals lernte man auf diese Weise, große Steine und schwere Lasten zu transportieren, die man sonst nicht hätte transportieren können. Wer den Hebel am besten zu nutzen wusste, war in der Lage, im Kampf des Lebens den ersten Platz einzunehmen.
Archimedes, der große Mechaniker und Mathematiker der Antike, der unter anderem das Hebelgesetz entdeckte, sagte: „Gebt mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, und ich bewege die Erde.”

Etwas abgewandelt könnte es auch heißen: „Zeigt mir einen Ort, der inmitten aller Bewegtheiten unbewegt ist, und ich werde die Erde aus den Angeln heben.”
Wer sein altes Bewusstsein aus den Angeln heben will, muss außerhalb dieses Bewusstseins stehen. Er muss einen Punkt finden, der unbewegt ist von dem Dasein in dieser Welt. Gibt es einen solchen Punkt?

Gibt es einen unbewegten Ursprung des Lebens, aus dem alle Bewegung hervor gegangen ist? Gibt es ihn in uns? Können wir mit einer solchen Urquelle des Lebens in Kontakt treten? Sie wäre fraglos der Quell für ein neues Bewusstsein und ein neues Menschenbild.
Stünden wir in Beziehung zu dieser Urquelle, könnten uns die Kräfte zuströmen, die uns die Welt und ihre Lebewesen mit neuen Augen sehen lassen. Wir könnten für sie zu einem heilenden und eventuell sogar erlösenden Faktor werden. Erst dann würde auf uns die Bezeichnung „Krone der Schöpfung” zutreffen.

Können innere Wege uns zu einem solchen Ergebnis führen? Lassen wir die nachfolgenden Vorträge auf uns wirken.

Foto P1020443. Hermann Achenbach
Abbildungen im Text: Wolfgang Scheid-Franke
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