Vortrag

Die Wirksamkeit des Christus im Weltäther

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Vortrag von Roland van Vliet

Roland van Vliet (Jg. 1960) gründete in Maastricht die manichäische Akademie für soziale Kunst (www.manisola.eu). Er ist von anthroposophischem Gedankengut geprägt und arbeitet als Vortragsreferent. Er veröffentlichte „Der Manichäismus. Geschichte und Zukunft einer frühchristlichen Kirche”, 2007; „Wer, denken die Menschen, bin Ich – Christologie der Liebe”, 2010.

Vortrag während eines Symposiums in Bonn am 13-05.2010

1. Francis Bacon als Verkünder der heutigen Naturwissenschaft

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde nicht nur unsere moderne technokratische Wissenschaft geboren, sondern auch eine Wissenschaft des Geistes. Die eine bedroht unsere heutige Erde, die andere stellt ihre Bewohnbarkeit für uns sicher.
Im Jahr 1626 veröffentlichte Francis Bacon (1561-1626) seine Utopie Nova Atlantis.

Anders als bei Platons Staat wird Nova Atlantis nicht von Philosophen geleitet, sondern von Wissenschaftlern. Im „Haus Salomons’ tun sie einander ihr erworbenes Wissen und ihre Kenntnisse kund. Bacon prophezeit die Entwicklung einer Wissenschaft – und er hat es gut gesehen! -, die es möglich macht, unter anderem Flugzeuge und Unterseeboote zu konstruieren:

„Wir ahmen auch den Vogelflug nach und haben gewissen Stufen und Startplätze, um gleich geflügelten Tieren durch die Luft fliegen zu können. Wir haben Schiffe und Nachen, die unter Wasser fahren und so die Stürme des Meeres leichter aushalten können, ferner Schwimmgürtel und Tauchausrüstungen.”

1609 hatte Gallilei bei seinen Beobachtungen mit dem Fernrohr festgestellt, dass das eine mal drei und das andere Mal vier Monde beim Jupiter erkennbar waren. Daraus schloss er, dass sie um den Jupiter kreisten. Und er leitete ferner aus seinen Beobachtungen ab, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Bacon muss von Galileis Erkenntnissen gewusst haben. Er formulierte in Nova Atlantis die folgende Vision, die selbst in unserer Zeit zum Teil noch ihrer technischen Verwirklichung harrt:

„Weiterhin haben wir Instrumente erfunden, durch die sehr entfernte Gegenstände ganz nahe vor die Augen rücken, wie etwa solche am Himmel und in anderen entfernten Gegenden. Ja, auch die nahen Dinge zeigen wir gleichsam aus der Ferne und die in der Ferne gleichsam nahe, indem wir die scheinbaren Entfernungen beliebig verändern. … Ferner erzeugen wir künstliche Regenbogen, Höfe, Kreise, Schwankungen und Bewegungen des Lichts, schließlich alle Arten der Rückstrahlung, der Brechung und der Verdoppelung der Gegenstände.”

Bacon stehen Erfindungen vor Augen, die unserer Telefonie, automatischen Übersetzungsprogrammen, Radio, Fernsehen und wissenschaftlichen Vorwarnstationen ähneln:

„Wir haben auch viele wunderbare und kunstvolle Schallreflektoren, die ihr Echo nennt und die die Stimme nicht nur vielfältig zurückwerfen, sondern sie einerseits auch verstärken, andererseits aber schwächen, ferner einige, die den artikulierten Laut anders, als er ursprünglich ist, wiedergeben. Wir haben schließlich Mittel, Töne durch Rohre und andere Hohlräume, sogar auf gewundenen Wegen, zu übertragen. …

Schließlich ist es bei uns gebräuchlich, die bedeutendsten Städte des Landes von Zeit zu Zeit zu besuchen; dort veröffentlichen wir, je nach Gelegenheit, die nützlichen Erfindungen nach Gutdünken.

Wir sagen auch – und dies gehört zu den natürlichsten Erleuchtungen! – ansteckende Krankheiten, Seuchen, Schwärme schädlicher Tiere, Hungersnöte, Unwetter und Stürme, Erdbeben, Überschwemmungen, Kometen, die Jahrestemperatur und andere Naturerscheinungen voraus, bevor sie eintreten. Wir geben auch Ratschläge, die diese Ereignisse betreffen: was das Volk am besten tut, um vorzubeugen und gegen das Unheil einzuschreiten.”

Man schreibt Bacon die Aussage zu: „Die Natur ist eine Hure, die auf die Folterbank gelegt werden muss, damit man ihr ihr Geheimnis entreiße.” Hierin drückt sich eine bestimmte Mentalität in dem neuen naturwissenschaftlichen Bestreben aus, die Naturgesetze um jeden Preis – und unter Zurücklassung der Metaphysik – zu erforschen und dem Wohlergehen der Menschen dienstbar zu machen; letztlich: dem Konsumverhalten in einer hochtechnisierten Zivilisation. Bacon hat diesen Ausspruch wohl nicht in dieser Form getan, aber er sagte 1620:

”.. the nature of things betrays itself more readily under the vexations of art than in its natural freedom.” (Die Natur der Dinge offenbart sich eher, wenn man ihr mit der menschlichen Kunst zusetzt, als sie es aus eigener Freiheit täte.”)

(Bacon hatte sich ausdrücklich gegen den Einsatz von Folterbänken gewandt, da man durch Folter die Wahrheit nicht ermitteln könne.)

Er hing der Idee „Kenntnis ist Macht” an (Nam et ipsa scientia potestas est). In seinen Schriften Meditationes Sacræ (1597) und De Hæresibus und auch in Novum Organum, geht es ihm um das Beherrschen der Natur durch die induktive Methode der empirischen Untersuchung und um das Vermeiden von Trugschlüssen (idola). Dieser Ansatz hat bis in unsere Zeit seine Bedeutung. Man könnte den Willen, die Natur zu beherrschen, auch als einen Kreuzzug gegen die Natur bezeichnen.

Manche nennen Francis Bacon einen Rosenkreuzer. Aber kann man das wirklich sagen, wenn man sein Denken mit den Inhalten der Chymischen Hochzeit Christiani Rosencreutz anno 1459 von Johann Valentin Andreae vergleicht, einer Schrift, die in derselben Zeit erschien (1616) wie Bacons Werk?

2. Die Naturwissenschaft des Geistes in der Sicht des Christian Rosenkreuz

Christian Rosenkreuz verwirklicht in sich selbst den „Stein der Weisen”. Im Königssaal des geistigen Schlosses, das in der Chymischen Hochzeit beschrieben wird, werden drei Königspaare enthauptet. Sie symbolisieren das niedere, selbstbestimmte Denken, Fühlen und Wollen in ihren aktiven und passiven Aspekten, also die verstandesmäßige Aktivität und Erinnerung, die Emotionen und Gefühlswahrnehmungen sowie die Ausrichtung des Eigenwillens. Die selbstsüchtigen Erkenntniskräfte werden im Turm von Olympus verwandelt, mit dem Geist verbunden und in neuer Gestalt zur Auferstehung gebracht.

Die Formen der Erkenntnisgewinnung, die die tödlichen Aspekte der materialistischen Weltanschauung in sich tragen, werden im Turm von Olympus durch die geistige Lebenskraft der Liebe in selbstlose geistige Erkenntniskräfte umgewandelt. Die Liebe wirkt im Unbewussten der Natur und beeinflusst dort die Triebkräfte. Christian Rosenkreuz empfängt eine innere Schau der Venus, der Liebeskraft.

Im Menschen kann die Liebe bewusst eine Metamorphose erfahren und zur geistigen Liebe werden. Das wird durch die Wirksamkeit des Christus in den Erkenntniskräften ermöglicht. Diese innere Christuskraft, die das alte Denken, Fühlen und Wollen in geistige Erkenntniskräfte umwandelt, ist der „Stein der Weisen” im Menschen.

Die geistigen Erkenntniskräfte stehen in Beziehung zu den vier Formen des Denkens, die Joseph Beuys in Anlehnung an den Erkenntnisweg Rudolf Steiners formuliert hat.

Wenn man zum Beispiel eine Rose bis in ihren Wesenskern erkennen will, kann man in vier Stadien die vier Formen des Denkens anwenden:

Wahrnehmendes Denken: Das Denken beschreibt, was wahrgenommen wird und benennt das Objekt. Der Formaspekt der Rose steht im Vordergrund.

Denkendes Denken: Das Denken in seinem eigenen Element gibt uns die Möglichkeit, in der Zeit anwesend zu sein und mit Hilfe der Vorstellungskraft die pflanzliche Entwicklung, das Wachsen, Blühen und Verwelken der Rose, zu durchdringen. Es wird eine Vorstellung von den Stadien der Metamorphose erzeugt. Auffallend bei der Rose ist, dass die Stengelbildung sehr lange dauert. Das führt zur Verhärtung und zum Auftreten der Dornen. Es ist die Ebene, auf der die Ätherkräfte wirken.

Fühlendes Denken: Das Denken gestaltet das eigene Subjekt oder die eigene Seele zum Sinnesorgan um und ermöglicht es, sich gefühlsmäßig in die Seelen-Gebärden des Erkenntnisobjektes – in unserem Beispiel der Rose – einzuleben, um es in einem „objektiven” Fühlen kennen zu lernen. Hier ist die Ebene der Seelenkräfte, der Seelenwelt, wirksam, die der Rose die Form verliehen hat. Die innere Botschaft der Rose ist Würde, Autonomie (Stengel) und Bereitschaft zum Sich-Verschenken aus einem Prozess der Verinnerlichung heraus; von innen her werden immer neue Blütenblätter herangebildet.

Wollendes Denken: Hier wird die Liebe zu dem Erkenntnisobjekt so stark, dass man sich mit einem bewusst inhaltlosen Bewusstsein vollkommen mit der Rose identifiziert, so dass man in sich selbst erlebt: „nicht mein Wille, sondern der Wesenswille der Rose in mir”. Das ist die Ebene der geistigen (Ich-)Kräfte, die aus der geistigen Welt heraus das Wesen oder das Ich der Rose bilden. Wenn das eigene Ich sich als Ich der Rose erlebt, spürt man, wie man zur Tugend und zur sozialen Beziehung in der Welt gelangt. Man erlebt, dass die Rose als Tugend eine Opferkraft besitzt, die sich aus einer Haltung der Würde heraus verschenkt.

Anhand der vier Formen des Denkens kann man alles in der Natur und Kultur auf Wesenstugenden zurückführen.

Auf ähnliche Weise suchte Kandinsky nach dem Wesen der Farben. Verfolgen wir das einmal am Beispiel der Farbe Königsblau:

Wahrnehmendes Denken: Die Farbe wird benannt.

Denkendes Denken: Es betrifft ein Sich-Vertiefen in die Metamorphose der Farbe. Man kann sagen, dass sich Blau aus dem Zusammenwirken von Licht und Dunkel entwickelt: Wenn man am Tag vom Licht (das von der Erde zurückgestrahlt wird) hinauf zum Dunkel des Weltraums schaut, entsteht vor dem Hintergrund des Dunkels das Blau.

Fühlendes Denken: Die seelischen Gebärden des Blaus gehen von der Peripherie zum Zentrum hin. Wenn man sie im Tanz in Bewegung umsetzt, wendet man sich zunächst der Umgebung zu, um sie dann durch feierliche, langsame und weite Gebärden in sich zu erfühlen. Von der Umgebung geht man, sich verinnerlichend, zum Zentrum. An dieser Stelle bittet Kandinsky die anderen Sinne, aus ihrer Sicht etwas über das Blau zu sagen (Sinnessymbiose). Wie „hört” sich Blau an, wie „schmeckt” und „riecht” es? Ist Blau warm oder kalt? Was sagt dir dein Gleichgewichtssinn, wenn du dich in der Farbe Blau bewegst?

Wollendes Denken: Man begibt sich völlig unbekümmert in die Farbe Blau hinein, um den Wesenswillen des Blau kennen zu lernen. Kandinsky spricht in diesem Zusammenhang von ehrfürchtiger Aufmerksamkeit.

In Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, das als Sinnbild für inspirierte Rosenkreuzerweisheit steht, wird das denkende Denken vom goldenen König dargestellt, das fühlende Denken vom silbernen König und das wollende Denken vom ehernen König. Schließlich kann der Jüngling die schöne Lilie heiraten und zur geistigen Erkenntnis gelangen. Das denkende Denken kann von der Vorstellung zur Imagination übergehen, das fühlende Denken von der Seelengebärde zu inspirativen Zusammenhängen und Bedeutungen und das wollende Denken kann in intensivem Bewusstsein zu einer wesentlichen Begegnung gelangen.

Diese Art und Weise, die Natur zu begreifen, wie sie sich aus der Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz ergibt, ist eine ganz andere als die, die Francis Bacon formulierte. Es geht um die selbstlose Liebe des Forschenden, die sich im „wollenden Denken” mit dem Zielobjekt in der Natur vereinigen will und nicht um das Beherrschen der Natur durch eine technologische Entwicklung. Christian Rosenkreuz gibt uns die Möglichkeit, zu einer Naturwissenschaft des Geistes zu kommen. Das ist ein notwendiges Gegenstück zu der Wissenschaft unserer Zeit. Die vier Formen des Denkens halten zusammen, was bei Bacon auseinander zu gehen droht: Moralität und Wissenschaft, Liebe zur Natur, verbunden mit der praktischen Anwendung der Naturgesetze.

In der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners wurde auf diese Weise nach einer Erneuerung der Heilkunst, Pädagogik und des biologisch-dynamischen Landbaus gesucht.

3. Die Erlösung der Natur nach der Lehre Manis

Die Fama Fraternitatis Rosae Crucis (1614) berichtet, dass Christian Rosenkreuz (1378-1484) am Ende des 14. Jahrhunderts nach Damcar (Saba) im heutigen Süd-Jemen gelangte. Hier wurde er empfangen durch Weise, die ihn offensichtlich erwartet hatten. Die Fama sagt, dass er bei ihnen Physik und Mathematik erlernte und auch bei ihnen das geheimnisvolle Buch M studierte. Es ist das Buch Mundus; alle seine Buchstaben sind Aspekte der Natur, aber wer kann sie lesen? Das Buch M gibt die Möglichkeit, „den schlafenden Geist der Natur” – um mit Friedrich von Schelling (1775-1854) zu sprechen – zu wecken und kennen zu lernen.

Wenn man der Frage nachgeht, wem Christian Rosenkreuz in Saba begegnet sein könnte, stößt man auf einen bestimmten Zweig des Ismaelismus. Der Kreis der Ikhwan al Safa, der Brüder der Reinheit, hatte schon im 8. Jahrhundert eine Enzyklopädie zusammengestellt, worin die Physik, die Mathematik und die Metaphysik vereint waren. Diese Gruppe der Ismaeliten besaß das geheime Buch Umm al kitab, „die Mutter des Buches”, das Urbild des Buches M.

Bemerkenswert ist, dass ihre Lehre eine manichäische Tendenz hat. Sie beschreibt das Dasein von zwei Welten. Auf der einen Seite befindet sich Ahriman mit seinem „geliehenen” Licht, auf der anderen Seite sind die neun Engelhierarchien und der Geist des Lebens oder Jesus, der im Manichäischen „Jesus der Strahlende” oder „Jesus der Sonnenglanz” genannt wird. Gesprochen wird von dem Fall des Ur-Adam in die materielle Welt und seiner Erlösung durch Salman oder „Jesus den Sonnenglanz”. Das ist in der Tat manichäische Kosmologie. Das Buch M wird von Ismaeliten auch heute noch am Flusslauf des Oxus bewahrt.

Christian Rosenkreuz lernte also durch das Studium eines Buches, das die Kosmologie Manis (216-276) enthält, den schöpferischen Geist in der Natur verstehen. Der Manichäismus wird von manchen Forschern auch als „der zweite Hauptstrom des Christentums” bezeichnet (siehe Der Manichäismus, Geschichte und Zukunft einer frühchristlichen Kirche, Roland van Vliet, Urachhaus, Stuttgart, 2007).

Auf sehr besondere Weise spricht Mani davon, dass Christus unsere Erde verwandeln will, indem er „an einem stillen Sabbattag” die Säule der Herrlichkeit mit „ihren Füßen” in die Tiefe unserer Erde stellt und mit „Schultern und Haupt” in das Neue Jerusalem. Es geht Mani nicht allein um die Transformation und Erlösung des Menschen, sondern auch um die der Natur und der Erde. Sowohl Christian Rosenkreuz als auch Mani verkünden ein esoterisches Christentum, durch das der Geist in der Natur – ohne dass es etwas mit Naturreligion zu tun hätte – verstanden und zur Befreiung geführt werden kann.

Mani sagte, dass Jesus Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung in Liebe das Licht in und um die Erde gebracht und die Säule der Herrlichkeit in den Mittelpunkt der Erde gestellt hat. Sie verbindet als kosmische Lichtsäule die Erde mit dem Lichtschiff des Mondes, dem Lichtschiff der Sonne und mit der Neuen Lichterde oder dem Neuen Jerusalem. Die Säule der Herrlichkeit verbindet also Himmel und Erde. Sie ist die geistige Gestalt des Christus, in die jeder seiner Jünger, der die Lichtseele zur Blüte gebracht hat, nach dem Tod aufgenommen wird. Er erhält darin von „Jesus, dem Großen Richter”, (einer Emanation von „Jesus dem Sonnenglanz”) seine Auferstehungsgestalt als ein Abbild der Auferstehungsgestalt des Jesus Christus. Somit wird die Säule der Herrlichkeit auch Vollkommener Mensch genannt. In ihm wird die gesamte individualisierte und befreite Menschheit einmal die Gestalt des Christus empfangen.

Die Säule der Herrlichkeit erfüllt auch eine wichtige Funktion bei der Befreiung des Jesus Patibilis im natürlichen Kosmos. Außer in den Menschen begegnet man im Firmament, in den Wolken, den Tieren, Bäumen, Pflanzen, im Wasser und Gestein dem Wort Gottes oder der Lichtseele des Urmenschen; sie verleiht ihnen die edlen Eigenschaften.

Daher hatten die Manichäer die größte Ehrfurcht vor der Schöpfung und legten das Gelübde ab („das Siegel der Ruhe der Hände”), die Natur im tiefstem Mitleid mit Jesus Patibilis gewaltlos und sorgfältig zu behandeln. Auch enthielten sie sich des Fleischessens, weil das die Lichtseele des Tieres noch stärker an das Leibliche binden würde. Auf dem sog. Bemafest wurden den Electi (Auserwählten) unter der Zelebrierung von christlichen Hymnen von den Katechumenen oder Auditores (Hörern) Getreide und Früchte angeboten, deren Lichtseele durch den veränderten Stoffwechsel des Electus über seinen Kopf, der wie ein Opferkelch fungierte, in die Säule der Herrlichkeit aufgenommen werden konnte.

Bischof Faustus stellte dieses manichäische Sakrament des Letzten Abendmahles in einen noch größeren Zusammenhang. Bei den Manichäern wurde jede Wahrnehmung und Handlung als eine Form von Sakramentalismus hinsichtlich des leidenden Jesus betrachtet. Man kann das als universalen Sakramentalismus bezeichnen. Die moralische Anteilnahme an Jesus Patibilis bedeutet, gemeinsam mit Christus zu helfen, Jesus Patibilis zu befreien. Die manichäische Naturphilosophie war darauf ausgerichtet, den „Großen Gedanken” in der Natur tief zu verstehen, um auf diese Weise mit geistigen Begriffen die Natur zu erlösen. Faustus erklärte, dass die Kräfte des Heiligen Geistes (die durch die Auferstehung Christi wirksam wurden und die den Ätherumkreis der Erde bilden) Jesus Patibilis in der Natur zum Erwachen bringen. Daraus können wir unter anderem schließen, dass die Erde als der Leib des Christus angesehen wird. Der Manichäismus besitzt somit keine radikal dualistische, Welt-leugnende Weltanschauung, sondern eine christliche.

Wenn man das Wesensmotiv des Manichäismus bestimmen will, muss man sagen, dass es ein ethisches Prinzip ist: Wenn sich das Gute, ohne sein Wesen zu verlieren, mit dem Bösen verbindet oder sich damit vermischt, kann das Böse überwunden und sogar zum Guten umgewandelt werden. Das könnte man als das manichäische Prinzip der Liebe bezeichnen, als ethisches Adagium, das noch immer aktuell ist. Es ist bezeichnend, dass im Manichäismus nicht die Idee der Erlösung im Mittelpunkt steht, wie in dem allgemein verbreiteten Christentum (und zum Beispiel auch in der Pistis Sophia des Valentinus), sondern die Idee der Liebe. Mit dem Ziel, das Böse in Liebe umzuwandeln, wurde unsere Welt erschaffen. Der Manichäismus ist die christliche Strömung der Liebe in reiner Form.

4. Rudolf Steiner und das Schauen des ätherischen Christus

In unserer Zeit hat Rudolf Steiner die Bedeutung des manichäischen Prinzips der Liebe und auch die Wirksamkeit des auferstandenen Christus in der Natur beschrieben. Laut Steiner soll der ätherische Christus im 20. Jahrhundert zu schauen sein. Warum liegt hier der Nachdruck auf dem 20. Jahrhundert? War der Christus nicht stets ätherisch zu schauen, so wie es durch Paulus und in dem keltischen Christentum in der Natur erfahren wurde?

Christus Jesus hat sich durch die Himmelfahrt auf den ätherischen Wolken der hellseherischen Wahrnehmung der Jünger entzogen: „Und eine Wolke entzog ihn ihren Augen.” Er offenbarte sich Paulus noch persönlich im ätherischen Element, auch als ein Zeichen seiner zukünftigen Wiederkehr in der Äthersphäre.

Im keltischen Christentum zeigt er sich als der „König der Elemente”. Dadurch, dass Christus sich im 9. Jahrhundert in der geistigen Atmosphäre über Irland, England und Schottland mit seinem eigenen Lebensgeist verband, den er bei seinem Abstieg zurückgelassen hatte, haben die hellsehenden Christen des keltischen Christentums ihn nicht persönlich, sondern in seiner kosmischen Wirksamkeit schauen können. Vom 9. Jahrhundert an breitet der Lebensgeist sich wie ein Mantel der Liebe über die ganze Erde aus und durchdringt die Natur. Er bildet den Neuen Himmel; die Neue Erde wird durch den Christusimpuls in der Erde geformt. Das Christus-Ich selbst befindet sich oberhalb seiner ätherischen Wirksamkeit in der geistig-göttlichen Sphäre unserer Erde.

5. Das zweite Mysterium von Golgatha

Der Materialismus, durch die Geister der Dunkelheit im Menschen entstanden, ist notwendig für die Menschheitsentwicklung. Durch den Materialismus wird der Mensch frei von der Bestimmung und dem Schutz der geistigen Welt, von der er vollkommen abhängig war. Nunmehr kann er zu sich selbst kommen. Er erlangt die Freiheit, selbst zu wählen, sich freiwillig wieder mit der geistigen Welt zu verbinden oder nicht.

Dadurch daß die Menschheit im 19. Jahrhundert in der Notwendigkeit der Entwicklung den Materialismus, die Säkularisation und den Nihilismus an Wert gewinnen ließ, veränderte sich auch die ätherische Welt. Die materialistische Gesinnung wirkte sich auf die Ätherwelt aus, die sich dadurch verdunkelte. Die menschlichen Seelen, die durch die Pforte des Todes gingen, trugen hierzu wesentlich bei. Wer auf der Erde keine geistige Kenntnis oder höheren Seelen-Gefühle erwirbt, hat nach dem Tod kein Licht, womit er die geistige Welt schauen kann. Er erfährt die geistige Welt dann als Dunkelheit, weil sie zu hell ist, als dass er sie erkennen und ertragen könnte. Ähnliches erlebt man zum Beispiel, wenn man in die Sonne schaut: es wirkt erblindend. Vor allem die menschlichen Seelen, die von materialistischem Denken erfüllt sind und in diesem Sinne gelebt haben, erfahren diese Dunkelheit. Als erdgebundene Seelen erzeugen sie, auch durch die ahrimanische Einwirkung, Dunkelheit in der Ätherwelt.

Nach Steiner ist am Ende des 19. Jahrhunderts Christus durch seine unermessliche Liebe aus höheren Sphären der Erde herabgestiegen zum Ätherleib der Erde, um das Leid der Menschheit, die durch diese Weltentwicklung gehen muss, zu mildern.

In der Äthersphäre begegnete er einem großen Hass, der von den verdunkelten Seelen zu ihm ausging. Steiner beschreibt, daß Christus ein „manichäisches Liebesopfer” vollbrachte und das Böse absorbierte, um es umformen zu können. Die Kräfte des Bösen, oder die Ausdünstungen des Drachens in der Seele der Menschen, erwiesen sich als ungeheuer stark, so dass Christus ein großes Leiden erfuhr. Steiner nennt es das zweite Mysterium von Golgatha. Durch das erste Mysterium von Golgatha wurde durch Christus Jesus der Tod überwunden. Im zweiten Mysterium von Golgotha überwindet er das Böse durch Liebe und gestaltet es um.

Nun können wir auch Steiners Aussage verstehen, dass es in unserer Zeit vor allem für jene, die durch Kräfte des Bösen Leid erfahren, möglich ist, den ätherischen Christus zu schauen. Christus Jesus hat in der ätherischen Welt das Böse durch Liebe verwandelt und hat dadurch auf ganz neue Weise mit großer Intensität die Möglichkeit geschaffen, dass wir mit ihm ebenfalls das Böse überwinden und verwandeln. Wer durch die Macht des Bösen Leid erfährt und nicht mehr weiter weiß, kann plötzlich die Erfahrung machen, dass der ätherische Christus sich ihm offenbart und er ihn schaut. Dadurch vermag er es, das Leid abzulegen und das Böse in seiner Liebe zu überwinden.

Das Schauen des ätherischen Christus ist also die Folge des zweites Mysterium von Golgotha.

6. Das Schauen des ätherischen Christus im 20. Jahrhundert

Steiner sagte, dass in der Zeit von 1933 bis zum Jahr 3000 immer mehr Menschen den ätherischen Christus schauen würden.

Es ist bemerkenswert, dass diese Möglichkeit mit dem Beginn einer Entkirchlichung zusammen fällt. Gerade durch das Schauen von Christus Jesus kann das Christentum seine wahre Bedeutung zurück erhalten. Schelling sagte zu Recht, dass der Inhalt des Christentums keine Lehre sei, sondern Christus selbst. Das Schauen des ätherischen Christus macht es möglich, die Entwicklung zur Individualität zu vollenden, um in Freiheit zu geistiger Einsicht, Nächstenliebe, Gemeinschaftssinn und Opferbereitschaft zu gelangen.

Steiner spricht darüber, dass sich der ätherische Christus in einem bestimmten Schicksalsmoment einem Menschen offenbaren kann. Ferner sei es auf dem Weg einer inneren Entwicklung möglich, den Christus – auf Grund der entfalteten eigenen Aktivität – zu schauen. Beginnen wir mit der ersten Möglichkeit und fragen wir uns: Ist in der abgelaufenen Zeit bekannt geworden, dass Menschen durch Offenbarung – nicht auf Grund bewusster innerer Entwicklung – den ätherischen Christus geschaut haben? Steiner sagte in diesem Zusammenhang auch, dass der Christus in einer aussichtslosen Situation oder im Falle einer gemeinschaftlichen Orientierungslosigkeit auch in einer physischen Gestalt erscheinen und einige Worte sprechen könne, um sich sodann den Blicken wieder zu entziehen.

Ich fand ein paar Beispiele: Simone Weil beschreibt im Prolog Ihres Buches La connaissance surnaturelle, wie ein unbekannter Mann mit ihr spricht, mit ihr Brot isst, sie beten lehrt und plötzlich wieder verschwindet.

Weiter sind mir verschiedene Berichte von Menschen aus der islamischen Kultur bekant geworden, die davon zeugen, dass der Christus ihnen ätherisch begegnet sei. Da ist die Erzählung einer Palästinenserin, die das Alte Testament übersetzt hatte, aber große innere Schwierigkeiten bei der Übersetzung des Neuen Testamentes bekam. Als sie an einer Bushaltestelle wartete, kam auf einmal die Gestalt von Christus Jesus auf sie zu.

Eine Bekannte von mir hat bei der Niederländischen Botschaft in Kairo gearbeitet. Sie erzählte mir, es sei regelmäßig passiert, dass jemand gekommen sei und erzählt habe, er oder sie habe eine Christuserfahrung gehabt.

Das ist auch Nahed passiert, die momentan in Leiden in den Niederlanden wohnt und über ihre Erfahrungen im Fernsehen berichtet hat und diese auch in einer Publikation beschreibt (Fiby Abd El-Mesih Saleb – ehemals: Nahed Mahmoud Metwali, Meine Begegnung mit Christus, Vox Populi Dei, Amsterdam). Sie erzählt, dass sie als Direktorin eines Mädchengymnasiums in Ägypten einen Hass gegen Christen gehegt habe. Er habe sich noch verstärkt, als eine christliche Frau in der Verwaltung zu arbeiten begonnen habe, die außerordentlich freundlich gewesen sei und sich tadellos verhalten habe. Einmal habe sie ihr mit Absicht zuviel Geld für eine Einzahlung auf die Bank mitgegeben, um ihre Ehrlichkeit zu prüfen. Eines nachts sei sie, Nahed, in einem Raum „erwacht”, in dem sich Gestalten in weißen Kleidern befunden hätten. Eine Person habe sich zu einem Thron begeben, um sich dort zu setzen; sie sei von einer großen Traurigkeit erfüllt gewesen. Als diese Person die Augen geöffnet habe, seien davon Sonnenstrahlen von beinah unerträglicher Liebe ausgegangen. Die Person habe gefragt: „Ist es vorbei, Nahed?” Diese Frage habe sie noch zweimal wiederholt.

Nahed hat hierüber mit ihrer christlichen Mitarbeiterin gesprochen, die ihr erklärte, sie habe den Christus gesehen. In ihr sozialen Umgebung konnte sie nicht zum Christentum überwechseln, ohne getötet zu werden. So flüchtete sie in die Niederlande. Hier lebt sie noch heute, teilweise als Untergetauchte. Die Christuserfahrung bewirkte bei ihr eine Umkehr in ihrer geistigen Ausrichtung, Mentalität und in den Seelen-Gefühlen. Sie begann, Treffen mit früheren Glaubensgenossen zu organisieren, um ihnen deutlich zu machen, wer Christus Jesus ist. Dabei erläutert sie ihnen, dass auch Passagen im Koran vorhanden sind, in denen auffallend positiv über Jesus gesprochen wird. So arbeitet sie für eine gegenseitige Toleranz der Religionen.

Sie weist zum Beispiel auf die Sure Al-Nisa, Vers 171 hin, worin steht: „Christus Jesus, der Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er der Maria entboten hat, und Geist von ihm.” Von keinem einzigen anderen Propheten sagt der Koran laut Nahed, dass er das „Wort” Allahs sei.

Diese Aussage des Korans erscheint mir auch deshalb als bemerkenswert, weil sie dem Johannesevangelium entspricht, in dem Christus als der Logos bezeichnet wird.

7. Die ungeteilte Aufmerksamkeit in der Natur

Christus kann einem Menschen persönlich begegnen, aber es ist auch möglich, seine Wirksamkeit, seinen Lebensgeist als einen Mantel der Liebe in der Natur und in der Kultur zu erfahren. Eine Möglichkeit, die Liebe des Christus zu erleben, ist, wie ich es nenne, die ungeteilte Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbstlos, ohne zu denken, den ganzen Raum akustisch auf sich wirken lassen, das ganze Feld des Sichtbaren aufnehmen und den ganzen Empfindungsbereich bewusst fühlen und innerlich das Denken wahrnehmen (Sie selbst bestimmen, ob Sie denken, oder nicht), entsteht ungeteilte Aufmerksamkeit.

Wenn Sie mit dieser großen Offenheit durch die Natur (oder auch durch die Stadt) gehen, können Sie die Wirksamkeit des ätherischen Christus als eine allumfassende Liebe erleben. Die ungeteilte Aufmerksamkeit ist dann eine Gralsschale, in der die Liebeskraft des Christus empfangen werden kann. Laut Mani trösten Sie den leidenden Jesus in der Natur, der das innere Wesen der Natur ist, und daneben auch die Naturwesen, wenn Sie in dieser Aufmerksamkeit die Liebe des Christus durch sich hindurch strömen lassen. Das bedeutet einen ganz neuen Umgang mit der Natur. Wenn wir ihr Dankbarkeit entgegen bringen, dass sie uns trägt, ist das für sie, für ihr inneres Wesen wie eine „Fußwaschung”. Die Natur seufzt nach Erlösung.

Wir können etwas für sie tun.

Foto 1: Hermann Achenbach
Abb. : Roland van Vliet
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