Vortrag

Die Vollendung der Renaissance im Heute

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Vortrag von Frans Spakman

Ficino und die Entsterblichung der Seele

Wir leben in einer Zeit, in welcher die Bedeutung von Welt und Menschheit immer schwerer vermittels Begriffen festgemacht werden kann: es sieht so aus, als ob Bedeutungen nicht so feststehen und der Halt einer objektiven Außenwelt verschwindet. Dies wird natürlich nicht geschehen dürfen, denn es war doch eine gewaltige Aufgabe für die Wissenschaft, gerade dort mit Hilfe von Definitionen und Axiomen Grenzen zu setzen – durch die Entdeckung der unumstößlichen Naturgesetze, wie es in den abgelaufenen Jahrhunderten geschah.

Was in der Technik und ihrer Anwendung so vortrefflich geglückt ist, geht in anderen Disziplinen ziemlich schief. Beunruhigend daran ist: die Begrenzung und sogar Entgrenzung der Bedeutungen wird stärker, und Sicherheiten werden in Frage gestellt.1 Immer mehr erscheint Bedeutung theoriebeladen, und seitdem die „Struktur der Wissenschaftlichen Revolution” von Kuhns in den Sechziger-Jahren erschienen ist, werden die feststehenden Tatsachen relativ in Paradigmen untergebracht: zeitgebundene Spekulationen über die sogenannte objektive Außenwelt.

Noch neuer ist der Verlust von unumstößlichen und eindeutigen Definitionen: jedes Wörterbuch scheint seine eigenen Definitionen aufzustellen, und wirklich gute Definitionen, die dem Zahn der Zeit widerstehen, sind rarer als man annehmen könnte.2 Und es ist auch schwierig, denn was ist zum Beispiel die Definition von Blau?

Was hat dies nun mit Ficino zu tun? Offenbar nicht so viel; aber ich hoffe, in dieser Erörterung deutlich machen zu können, dass der Begriff „Grenze” und „Grenzbewohner” in der Wirklichkeit, in der wir nun leben, stets mehr zentral zu stehen kommt. Danach möchte ich gerne auf Ficinos Idee von der Unsterblichkeit der Seele3 eingehen, besonders das Wirksammachen der unsterblichen Kraft. Was das betrifft, würde ich gerne über die „Entsterblichung” der Seele als wahre Renaissance, als wirkliche Wiedergeburt, sprechen. Und das hat mit Ficino zu tun, aus einem historischen und kulturellen Kontext heraus.

Die Kombination Grenze und Unsterblichkeit mündet letztendlich im Jetzt, in einem Zeitpunkt, in der Ewigkeit in der Zeit als Verwirklichungsrahmen. Das ist historisch nicht so neu, denn einer der größten Inspiratoren von Ficino, Hermes Trismegistos, erwähnte es bereits. Aber kulturell, sagen wir: europäisch, ist es ziemlich tabu, und wissenschaftlich – das heißt nach den allgemein angenommenen Ausgangspunkten und Vermutungen – ist Unsterblichkeit nicht denkbar und fällt aus jedem Rahmen.

Um mit der Geschichte zu beginnen: Ficino hatte die Idee von der unsterblichen Seele vor allem von Plato, wie gesagt, und hat aus seinem Erleben heraus, worin Kontemplation ein wichtiger Punkt war, versucht, Argumente für das Bestehen dieser unsterblichen Seele zu sammeln. Professor Kristeller4 ist in seiner einzigartigen Studie über Ficinos Leben und Wirken sehr tief auf all die Argumente eingegangen. Daraus geht zum Beispiel deutlich die Gesetzmäßigkeit hervor, dass Gleiches Gleiches anzieht, das Argument der Affinität. Dieses Gesetz steht allerdings dem magnetischen Gesetz gegenüber, dass Gleiches Gleiches gerade abstößt. Aber man kann zum Beispiel im Geschäftsleben beobachten, dass sich Geschäfte der gleichen Branche in der gleichen Gegend ansiedeln, obwohl dies per se nicht aus spirituellen Gründen sein wird.

Überdies ist es die Frage, ob sogenannte Beweise über das Bestehen der unsterblichen Seele wirklich nützlich sind, denn wer hat denn etwas davon? Jedoch besitzt die unsterbliche Seele selbst vollkommene Glaubenskraft, um ein wirklich geistiges Leben zu führen, und die sterbliche Seele kann nur in Verwirrung sein, weil es sich zu weit über die Grenze des Erlebens des irdischen Sterblichen erhebt. Außerdem kann die sterbliche Seele aus dem theoretischen Beweis allein keine Glaubenskraft schöpfen.

Dass beide bestehen, sterbliche und unsterbliche Seele, konnte Ficino aus dem Corpus Hermeticum, 2. Buch, lernen, worin Pymander zu Hermes in Vers 41 spricht: „Wisse, dass jedes lebende Wesen aus Materie und Seele zusammengesetzt ist, sowohl das Unsterbliche als auch das Sterbliche, sowohl das mit Vernunft Begabte als auch das Vernunftlose.” Hier besteht ein Zusammenhang mit dem Symposion vom vorigen Jahr über Spinoza, ein Zusammenhang mit den Begriffen Vernunft und Seele.

Aber es besteht nicht nur mit diesem Symposion ein Zusammenhang. Ficino gibt auch die Rolle der Philosophie bereits sehr im Sinne Spinozas wieder, zum Beispiel in seinem Brief mit dem Titel „Lobrede auf die Philosophie vermittels Beredsamkeit, Moral, Logik und Gotteserkenntnis”5. „Die Philosophie,” so schreibt Ficino, „weist uns haarscharf den Weg zu diesem (geistigen) Leben, einmal aus unmittelbarer Einsicht, dann wieder mit Hilfe der Logik. Nach meiner Meinung führt sie uns in vier Schritten dorthin: gutes Betragen, Kenntnis der Naturgesetze, Mathematik und Metaphysik.”

Es wäre verlockend, hierauf ausführlich und mit Beispielen einzugehen, aber, wie gesagt, die heutige Krisis, welche Bedeutung nun eigentlich noch welcher Sache zuerkannt werden muss, geht so tief, dass wir doch nicht wissenschaftlich auf Begriffe wie Unsterblichkeit eingehen können. Wir werden deshalb von einem lebendigen Angriffspunkt aus diesen Vortrag weiterverfolgen, nämlich von Ficinos Inspiration durch Plato und Hermes.

Das Neue und Einmalige von Ficino liegt meines Erachtens mit in seinen Bemühungen, der Renaissancezeit Inhalt in Form von Lebenshaltung (gutes Betragen) und Lebensausrichtung zu geben, besonders in Kombination mit dem Prozess der Entsterblichung der Seele, wobei sogar kulturell eine neue Spur gezogen wurde, bis in unsere Zeit. Was seine Vorstellung von Freundschaft und Liebe anbetrifft, so versucht er gleichzeitig, – vielleicht von Hermes inspiriert – die Grenze, die von Plato festgelegt wurde, in Richtung Bewusstwerdung und Handlung als Renaissancemensch zu versetzen.

Das Corpus Hermeticum erwähnt vielfach den Prozess der Gottwerdung und die Unsterblichkeit der Seele6, so dass es nicht verwunderlich genannt werden kann, dass Ficino dadurch dazu inspiriert wurde, weiter zu gehen, als Plato es sich als möglich vorstellen konnte. Ficino schreibt in derselben Lobrede auf die Philosophie nämlich das Folgende: „Der göttliche Plato sagt, dass das Himmlische und Unsterbliche im Menschen in gewissem Sinne stirbt, sobald es in einen irdischen und sterblichen Körper eintritt, und wieder zum Leben kommt, wenn es ihn verlässt. Jedoch übersteigt es den Körper auch bei einer fleißigen Übung der Meditation, noch vor dem körperlichen Tod, denn dann reinigt die Philosophie, das Heilmittel für alle menschlichen Übel, den sterbenden Geist mit einem Heilmittel, das die Lebenshaltung verbessert.” Das hört sich direkt an wie eine Empfehlung aus der Ethik von Spinoza!

Durch Ficinos Wirksamkeiten auf dem Gebiet der Übersetzung und weltweiten Bekanntmachung von Plato und anderen Philosophen und der hermetischen Schriften, droht der Akzent auf Ficinos eigene erneuernde Lebenshaltung und Lebensausrichtung etwas aus der Sicht zu geraten, aber in seiner Erneuerung von Plato wollte er auch eine andere Grenze überschreiten, nämlich die der Autorität von Saturn. Plato sagt, dass der höhere Teil des Menschen unter der Herrschaft von Saturn steht und der niedere Teil unter Jupiter; aber Ficino will diese alte Lehre mit Enthusiasmus – wie so oft – durchbrechen.

Ficino sagt in seinem Brief „Die Natur, eine Pflicht des Menschen” selber das Folgende: „Man kann ewige Dinge besser lieben als sie beurteilen, denn sie sind sehr schwer richtig zu beurteilen; aber sie können niemals verkehrt geliebt werden. Sie können nie zu viel geliebt werden.” Das hört sich an wie ein Plädoyer für Kindererziehung des 20. Jahrhunderts.

Beurteilen und ordnen, das sind Saturn-Eigenschaften, und sie können also laut Ficino von der Seele besser durch eine Liebesausrichtung ersetzt werden, wenn sie sich auf die Ewigkeit richtet. Die Philosophie von Ficino und auch seine Lebenshaltung sind durchzogen von einer Ausrichtung auf Freundschaft und Liebe im Licht der Unsterblichkeit. Meines Erachtens war Ficino damit seiner Zeit gerade dadurch reichlich voraus, dass er hier eine Beziehung zur Entsterblichung der Seele herstellte.

In der rosenkreuzerischen Tradition finden wir diesen Ausgangspunkt erst im 20. Jahrhundert konkret und grenzüberschreitend im selben Kontext wieder: Frau A. van Warendorp hat darüber am Beginn dieses Jahrhunderts gesagt: „Liebevoller, selbstaufopfernder Dienst an Anderen ist der kürzeste, sicherste und freudevollste Weg zu Gott.”

Es ist eine logische Anknüpfung an Plato; aber Ficino hat einen Neubeginn gemacht, der weiter reicht. Wahrscheinlich war dies mitverursacht durch seinen eigenen Charakter und seine Inspiration durch den Zeitgeist der Renaissance, durch Hermes‘ Corpus Hermeticum und durch das Christentum. Es ist wirklich eine Tatsache, dass das Christentum mit der Konzeption der unsterblichen, ewigen Liebe sowie der Idee der Demut etwas Neues gebracht hat. Besonders die Bedeutung, die Paulus der Liebe mitgibt als absolutes Vermögen der Unsterblichkeit, der Liebe, die alle Dinge vermag und nicht von dieser Welt ist, wird Ficino Inspiration verliehen haben.

Aber es ist gleichzeitig deutlich, dass diese Liebe als Kulturgegebenheit hoffnungslos problematisch ist. Als Person können wir doch die unsterbliche Liebe weder besitzen noch wegschenken, und es gibt auch Paulus zufolge keine Annahme der Person.

Die Liebe wird demnach vor allem unpersönlich sein müssen, um Anspruch auf die Ewigkeit erheben zu können, und in jedem Fall ohne Ansehen der Person. Doch Ficino hat Pionierarbeit dadurch geleistet, dass er in seiner Lebenshaltung primär Freundschaft und Liebe ausdrückte. Seine Briefe sind ein fortwährendes Zeugnis seiner diesbezüglichen Anstrengungen, zum Beispiel sein Ausgangspunkt, der in dem Brief „Eine Freundschaft, die Gott geschmiedet hat, ist dauerhaft” in Worte gefasst ist.

Wir brauchen auch nicht besorgt zu sein, dass Ficino alle Werte des platonischen Saturn umstürzen wollte, denn Ficino war sicherlich kein Anarchist; er sah Disziplin als essentielle Voraussetzung für Spiritualität an. Wenn etwas gut dazu geeignet ist, die Grenze, die durch Saturn dargestellt wird, durchbrechen zu können, dann ist es wohl die Lebenshaltung, die sich tatsächlich in den Dienst Anderer stellt, die vom Nicht-Ich ausgeht, um das Sein, die unsterbliche Seele, in Selbstverlorenheit „anzuziehen”. Ob Ficino hierbei von dem hermetischen Prinzip „Alles empfangen, alles preisgeben und dadurch alles erneuern” inspiriert war, ist nicht sicher. Sicher ist jedoch, dass durch seine Beseelung essentielle Voraussetzungen erfüllt worden sind, um Bruderschaftlichkeit oder Seelengemeinschaft und wahre Liebe frei zu machen. Sicher ist auch, dass mit diesem hermetischen Prinzip das neutestamentarische Problem bezüglich der Annahme der Person aufgelöst werden kann und konnte.

In Norditalien war die Zeit reif und die Atmosphäre geeignet für eine solche hermetische Erneuerung, welche bahnbrechend und grenzüberschreitend war, besonders in Bezug auf Wissenschaft und Kunst – im Gegensatz zum Rest von Europa, wo die Renaissance erst etwas später zum Durchbruch kam.

Der Komplex von Grenze, Ordnung, Struktur, Hierarchie, Urteil, Zeit, Formgebung, Gesetz, gleichmäßiger Progression wurde in der Renaissance – lange davor, aber auch in den Jahrhunderten danach – mit dem allgemeinen Nenner Saturn angedeutet, der wiederum in Chronos seinen Vorläufer hatte. Dies alles ist vor allem auf Plato zurückzuführen, der Chronos – oder auch der Zeit – kosmisch und kosmologisch die zentrale Rolle gibt, wie sein herrlicher, ziemlich kosmogonischer Dialog Timäus7 wie auch sein Aufruf in den Gesetzen „dass wir mit allen Mitteln der Lebensweise des Zeitalters von Chronos nachstreben” beweist. Aus dem Timäus, der übrigens bereits vor Ficino von Chalcidius übersetzt worden war, geht hervor, dass die Gottheit eine bewegliche Nachbildung der Ewigkeit in den kreisförmigen Bahnen von Sonne, Mond und Planeten gemacht hat, und dass sie durch die Erschaffung dieser Himmelskörper die Zeit hat entstehen lassen.

Die kristallisierende, unerbittliche und harte Ansicht von Chronos wird und wurde auch Tod genannt, womit die bekannte Relation Zeit und Tod aufgezeigt wird. Die Überwindung des Todes durch Erneuerung, der Bewusstseinsprozess, der mit der Entsterblichung der Seele verbunden ist, wird auch der Gang durch die Pforte des Saturn genannt, vergleichbar mit dem paulinischen „Der Tod ist verschlungen in den Sieg”. Ficino hat zwei wichtige Wege durch die Pforte von Saturn angegeben. Hinsichtlich der Relativität der Bedeutungen, womit dieser Vortrag begann, und um schließlich die Suggestion von totaler Seligmachung durch Astrologie zu vermeiden, ist es gut, hier zu einer näheren Ortsbestimmung zu kommen.

Losgelöst von der Horoskopie und hinter den sensationellen psychologischen Möglichkeiten, Dramen und Zukunftsspekulationen der zeitlichen Persönlichkeiten, die wir sind, besteht eine Ebene kosmischer Verhältnisse, worin sich Sterne und Planeten als objektive Entitäten bewegen und Folgen als Strahlungsquellen und/oder Kraftwirkungen hervorrufen. Diese Ebene wurde wohl auch einmal als Weisheit dargestellt, und es gab Gründe, warum die Bezeichnung Astrosophie benutzt wurde (sophia = Weisheit). Ein anderer Grund ist, dass Weisheit Angemessenheit, Objektivität, Ruhe, Gleichgewicht und universelle Geltung repräsentiert. Für Ficino ging es danach um Kenntnis, eine Annäherung, die der Auffassung der Ägypter gerecht wird.

Im Nachfolgenden soll keine Anstrengung unternommen werden, ein Erklärungsmodell zu zeigen, aufgepfropft auf die Astrologie, sondern der Gebrauch sinnvoller Bedeutungsinhalte, die auch mit den Namen von Planeten übereinstimmen, so wie auch zum Beispiel die griechische Mythologie unserer Kultur noch immer brauchbare Erkenntnisse verschafft, ohne dass die vorgeschobene Vorstellung aus der griechischen Mythologie historisch-materialistisch angenommen zu werden braucht. Der Grund, warum Ficinos kulturelle und spirituelle Erneuerung, die zentralen Begriffe Grenze und Saturn in dieser Betrachtung so behandelt werden, ist unter anderem, dass wir dicht bei Ficino bleiben wollen.

In der Erfüllung des Gesetzes bietet das Universum, das All, eine neue spirituelle Dimension, worin eine „Allalternative” besteht in einer „All-Zeit”, sich erhebend über die enge zivilisationsbestimmende Ordnung. In der westlichen Kultur sprechen wir in diesem Zusammenhang über Christus, und was die übernatürliche Ordnung betrifft, über die Ordnung von Melchisedek.

Universum bedeutet: auf einen Punkt gerichtet, vollkommenes konzentrisches Umfassen, allumfassend. Dann wird der Abgrund überbrückt. Chaos bedeutet buchstäblich Abgrund, und das Gegenteil ist Kosmos. Die griechische Mythologie ist in diesem Zusammenhang von wichtiger Deutlichkeit.

Am Anfang der für Europa so reichen griechischen Kulturperiode wird in der Mythologie berichtet über das Verhältnis zwischen Chronos, dem Prinzip der Zeit und der Ordnung, und Uranos, dem Prinzip der Freiheit – aber ohne die zeiträumliche Ordnung, also Vertreter des Chaos. Chronos – bei den Römern Saturnus – entsteht aus Uranos, seinem Vater; aber bekanntermaßen entmannt er seinen Vater8, macht tatsächlich von vornherein jedwede fruchtbare himmlische Freiheit in der zeiträumlichen Ordnung unmöglich und begrenzt damit Zeit und Raum auf eine Art, die Aristoteles später gut versteht: Aristoteles gibt an, dass die Welt begrenzt ist.

In der Begrenzung der Welt ist kein Platz für die Unsterblichkeit von Platos und Ficinos Seelenbegriff. Ficino war sich bereits bewusst, dass die unsterbliche Seele nur ein Faktor sein kann, wenn die Qualität in Begriffen wie Ewigkeit und Unendlichkeit angegeben werden kann. Er versucht das auch seinen Zeitgenossen auf verschiedene Arten nahe zu bringen und deutlich zu machen9. Aber er tut mehr; denn er gibt auch das Werkzeug an, womit ihm zufolge die Begrenzung auf der rein menschlichen Ebene durchbrochen werden kann – wie wir bereits gesehen haben, besonders auf der Ebene von Freundschaft und Liebe.

Die Liebe ist ein Feuer, und der Elan dieses Feuers durchglühte Ficino, erhob jedoch auch Anspruch auf den wahren Geist der Freiheit – Stammvater Uranos. Nun gibt Hermes an, dass in diesem Prozess liebevoll und mit großer Einsicht eine Trennung gemacht werden muss zwischen Feuer und Erde. Wenn wir uns nun den großartigen Text über die Liebe aus 1. Korinther 13 vor das geistige Auge stellen, wird gleich deutlich, wie die Liebe in der Tat für unser sterbliches Bewusstsein als eine stark zu unterscheidende Wirklichkeit auftritt. Die Passage von Vers 4 bis 6 besteht vorzugsweise aus einer siebenfältigen Verneinung, einer Verneinung weltlicher Normen der Selbstbehauptung, und es wird an für uns unmöglich zu erfüllende Aspekte der absoluten Liebe appelliert, darunter an eine absolute Duldsamkeit.

Ficino fand das also nicht unmöglich. Er ging aus von Entgrenzung, von der Möglichkeit, an Saturn vorbei die Ewigkeit doch lieben zu können. In der Tat, es ist ein Weltengesetz, dass, wenn etwas entgrenzt, das wohl die vollkommene Liebe ist. Spinoza erwähnt die Notwendigkeit zur Entgrenzung auch. „Jede Bestimmung”, schreibt er – Epist 50 v. 02. Juni 167410 – „ist eine Einschränkung und insoweit eine Leugnung: determinatio negatio est.” Entgrenzung ist deshalb eine unvermeidliche Forderung der Vernunft.

Zurück zu Ficino. Wir müssen konstatieren, dass Ficino seinen Ideen nicht so viel Leben hat einblasen können, dass er zum Geist der Freiheit, zur Domäne von Stammvater Uranos, durchbrechen konnte. Seine letzte Lebensphase zeugt leider nicht von einem Durchbruch: es war eine schwierige und manchmal einsame Periode, in welcher eine unsterbliche Seelengemeinschaft weiter entfernt schien als je. Saturn bildete für Ficino eine Schwierigkeit. Einerseits sah er, wie bereits bemerkt, die Abhängigkeit des Saturn von Jupiter, die der göttliche Plato festgestellt hatte, eher umgekehrt, andererseits maß er dem Saturn Disziplin und der Melancholie als Saturn-Eigenschaft eine spirituelle Dimension bei11. Am Ende kämpfte er persönlich mit dem Einfluss des Saturn in seinem Leben.

Ficinos Verlangen nach einer Seelengemeinschaft und die Legitimität und der Mut seines Strebens haben viel Eindruck gemacht: die Idee von der Unsterblichkeit der Seele wurde von Ficino maßgeblich auf die Tagesordnung des spirituellen Europa gesetzt. Wiedergeburt ist ein mächtiger und universeller Gedanke, um die unsterbliche Seele wachsen zu lassen, und Ficino hat seine Zeit, die Renaissance, nicht besser illustrieren können als dadurch, dass er in seinem Leben und Wirken diese Idee zum Ausdruck brachte, ein wunderbares Zusammenwirken von Zeit, Ort und Kulturimpuls.

Um wirklich durchzubrechen, um wirklich Entgrenzung und eine neue Entwicklung möglich zu machen, reicht es nicht aus, eine bestehende oder einstmals vorhandene Kultur zu beleben, zu übersetzen und ins Rampenlicht zu stellen. Es ist dafür eine neue Einsicht, ein neues Bewusstsein, ein neues „Licht” nötig. Bewusst sein ist ein „wissend” sein.

Auch dafür ist es nötig, dass Zeit, Ort und Kulturimpuls übereinstimmen, und dieses Signal wurde am Beginn des 17. Jahrhunderts gegeben, als Johannes Kepler buchstäblich und im übertragenen Sinne das neue Licht entdeckte. 1606 erschien von seiner Hand die Schrift „De stella Nova in pede Serpentarii” – es ist ein neuer Stern im Sternbild Schlange erschienen. Das war auch so, und die weitreichende Bedeutung davon ist so groß – auch für die Unsterblichkeit der Seele -, dass man es nur annähernd sagen kann.

1. Das neue Licht war eine Supernova im Sternbild Schlange und Schwan, entdeckt von dem Astronomen, der über die Höhe der griechischen Kultur hinausging: durch Keplers Beschreibung der Zusammenhänge unseres Sonnensystems wurde mit der platonischen Vorschrift gebrochen, Himmelserscheinungen ausschließlich durch gleichförmige Kreisbewegungen zu erklären. Kepler knackt tatsächlich den Zeit- und Raumbegriff von Plato und somit die Basis von Chronos/Saturn.

2. Das neue Licht ist eine Supernova, in Wahrheit also das Ende eines Sterns in der zeiträumlichen Welt im Sternbild Schlange und Schwan; man könnte sagen: der Schwanengesang eines alten Sterns. Für die Wiedergeburt ist es notwendig, dass das Alte sich erneuert durch selbstgewählte Weltersterbung, worin gleichzeitig die Kunst zu ihrer höchsten Ausdruckskraft von Schönheit und Harmonie kommt – zu einem wirklichen Schwanengesang.

Hierzu eine persönliche Analogie in Zusammenhang mit der für mich stets wieder ergreifenden Musik von Johann Sebastian Bach. Manche Musikwissenschaftler sagen, dass Bachs Musik vor allem durchzogen ist von der Bereitschaft, den weltlichen Werten abzusterben. Gleichzeitig wird erkannt, dass seine Musik zeitlos ist, Ewigkeitswerte besitzt. Viele moderne Musiker sagen, dass Bachs Musik wie keine andere „swingt”. Das soll heißen, dass die perfekte Harmonie, die logische und mathematische Konsequenz in Melodie und Rhythmus seiner Musik zu einem vollkommenen Mitbewegen des ganzen Bewusstseins einlädt.

3. Es ist ein neuer Stern im Sternbild Schlange erschienen: es gibt eine Erneuerungsmöglichkeit für den westlichen Menschen; eine unsterbliche Beseelung wird möglich durch den Energiehaushalt der Schlange, eine heilende Lebenskraft im erneuerten Hirnrückenmarksystem, in den Rückenmarksträngen des sympathischen Nervensystems, auch „Schlangenfeuer” genannt. An dem alttestamentarischen „Mache dir eine feurige Schlange12” kann innerlich und physiologisch gearbeitet werden.

Im Griechischen ist Asklepios die Schlange, Symbol der Lebenskraft. Asklepios spielt gleichzeitig eine hervorragende Rolle in den hermetischen Schriften und in der Heilkunde als Heiler, als Genesung bringende Kraft. Plato gibt sogar einen Hinweis auf eine Ortsbestimmung der Seele, und zwar in der Gesamtheit des Rückenmarksystems (Timäus, Anatomie).

In diesem neuen Wissen beißt sich die alte Schlange in den Schwanz. Das neue Wissen wird auch wohl Mercurius genannt. Die alte Schlange ist Saturn. Die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, ist Ourobouros, sowohl unter Merkur als auch unter Saturn wirksam. Der Augenblick, in dem die Schlange sich in den Schwanz beißt, ist ein Moment des Kurzschlusses: sowohl das Wissen, dass man nichts weiß, als auch der Startpunkt des wirklich universellen Menschen. Ein elektrischer Augenblick markiert die Erneuerung des Bewusstseins durch die Uranuskräfte: das Denken, aus dem Herzen genährt, sorgt von innen heraus als ersten Impuls für einen Schock.

4. Es ist ein neuer Stern erschienen: hinter dem letzten Planeten. Saturn ist eine neue Entwicklungsmöglichkeit; vorbei am Beherrscher des Stoffes, vorbei an der ausweglosen Formgebung und Formoffenbarung, vorbei an den zeiträumlichen Verhältnissen wurde ein neuer Lichtimpuls gegeben. Mysteriös, weil das Bewusstsein in der Welt nicht über die Grenze der zeiträumlichen Verhältnisse kommen kann. Die Planeten hinter Saturn werden dann auch Mysterienplaneten genannt: Uranus, Neptun und Pluto.

5. Uranus als erste Mysterienkraft ist – wie soeben bereits genannt – der Repräsentant der urmythischen Freiheit, der übernatürlichen Freiheit; aber auch das Feld des Nicht-Seins der zeiträumlichen Natur nach, das Feld der unpersönlichen Liebe und der Freundschaft der Seelengemeinschaft.

Es bedarf vielleicht keiner weiteren Ausführung, dass die Rosenkreuzer des 17. Jahrhunderts in ihrem Bekenntnis der Rosenkreuzer-Bruderschaft von 1615 diesen Impuls, dieses Erscheinen eines neuen Sterns im Sternbild Schlange und Schwan, als das Zeichen erkannten, um zu einer totalen wissenschaftlichen und religiösen Erneuerung zu kommen, bis zur Höhe der unsterblichen Seele. Sie schreiben darum auch über „die Sterne, erschienen in Serpentarius und Cygnus, als wahrlich große Zeichen von Gottes mächtigem Ratschluss13.”

Und die Grenze, die Saturn gezogen hat, die Grenze dieser unserer Welt, kann durchbrochen werden; das Bewusstsein, das Wissend-Sein, kann in das Reich „nicht von dieser Welt” emporgezogen werden, die unsterbliche Seele kann durch die Pforte des Saturn hinziehen. Kann, denn es ist eine neue Möglichkeit, es ist eine Perspektive und auch eine neue Grundlage für die Freundschaft der Seelengemeinschaft und für die Liebe.

Es gibt Berichte über die ersten zwanzig Jahre des 17. Jahrhunderts, die den Sechziger-Jahren dieses Jahrhunderts verblüffend ähneln, zum Beispiel in Amsterdam. In den Grenzüberschreitungen und dem Freiheitserleben, wie zum Beispiel ein Brederode das beschreibt, waren die Niederlande, besonders während des 12-jährigen Bestehens, eine Art Oase der Entspannung und Aufklärung, die freilich mit Beginn des 80-jährigen Krieges schon wieder ihr Ende fand.

Und doch könnte man sagen, dass der Renaissance-Impuls der Zeit Ficinos sich am Beginn des 17. Jahrhunderts vertieft und intensiviert fortsetzt in Deutschland und den Niederlanden, und dass diese Erneuerung für Europa große Folgen nach sich zieht. So ist der britische Historiker Israels der wissenschaftlich aufsehenerregenden Meinung zugetan, dass die Normen und Werte in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts einen tatsächlichen Beginn der Erleuchtung in Europa bilden, wie er das voriges Jahr während der Van-der-Leeuw-Lesung in Groningen erläutert hat14.

Frans Smit hat in mehreren Publikationen bereits aufgezeigt, wie der frische und erneuernde Impuls in Mitteleuropa durch den schrecklichen 30-jährigen Krieg erstickt wurde. Voriges Jahr wurde noch des endgültigen Westfälischen Friedens, des Friedens von Münster, gedacht.

Wie es in den nächst hinter uns liegenden Jahrhunderten weiter ging, ist mehrfach berichtet worden: während die sogenannten Mysterienplaneten Uranus und Neptun endlich entdeckt wurden – womit man hoffen kann, dass für Ficinos Schwierigkeit auch wissenschaftlich eine Lösung entstehen wird – geschah gerade das Gegenteil: die Unsterblichkeit der Seele wurde immer mehr zum Tabuthema erklärt, weil sie wissenschaftlich die Lachlust weckte und theologisch durch Sinnübertragung bis nach dem stofflichen Tod verbannt wurde.

Obwohl Ficino in diesem Gebiet auch deutlich Platz reservierte, wird in diesem Vortrag betont, dass die Bedeutung von Ficinos Philosophie für Europa doch vor allem in seinen Bestrebungen liegt, die Liebe und die Freundschaft durch direkte Beseelung in der Welt auszudrücken.

Glücklicherweise endet hiermit weder die Geschichte noch dieser Vortrag. Denn im zwanzigsten Jahrhundert kann man von einem Durchbruch reden, der Ficinos Schwierigkeit zuverlässig auflöst und die Renaissance ermöglicht, die Wiedergeburt des wahren Menschen vom Anfang durch eine neue Beseelung, als Krone des Kulturimpulses, der in Norditalien begann.

Eigentlich wird dies in den kommenden Jahren immer mehr sichtbar. Die Pforte von Saturn, die Grenze der äußerlichen Welt als absolute deadline – gegenwärtig meint man sagen zu müssen: drop dead date! – verschwimmt und löst sich auf für die erneuerte Seele. Ungeachtet der Tatsache, dass die unsterbliche Seele eine wissenschaftliche Unmöglichkeit geworden ist, reißt die Atmosphäre auf und sorgt die veränderte Strahlungssituation für einen Wachwechsel mit Uranus.

Die griechische Mythologie kann in umgekehrter Reihenfolge erlebt werden: die Macht der zeiträumlichen Regierung, von Chronos als Herrscher im Weltenfeld, macht Platz für den Einfluss der ursprünglichen Freiheit, aus welcher der Mensch „gefallen” ist. Dies bedeutet eigentlich auch die Bekrönung der westeuropäischen Kulturperiode. Wiedergeburt aus Wasser und Geist – und das ist Renaissance durch die unsterbliche Seele – erhält einen natürlichen Beginn durch den Wasserträger, wie der übernatürliche Raum von Uranus auch genannt wird. Dieser Wasserträger, Aquarius, gießt sein lebendes Wasser über alle Seelen aus, womit die Wiedergeburt im Prinzip bereits die Pforte von Saturn durchschritten hat.

Aber das ist kein automatischer Prozess ohne Weiteres. Es hat keinen Sinn, hierüber zu sprechen, wenn wir nicht auf größtmöglicher Nüchternheit basieren, einer Nüchternheit, bei welcher auch die Namen von Planeten nicht dazu bestimmt sind, um damit zu jonglieren, so dass sie somit weiter außerhalb unserer Betrachtung bleiben können.

Die Niederlande haben einen speziellen Auftrag, wenn es um Nüchternheit geht. Ein Auftrag, der viel tiefer geht als zum Beispiel bei den Engländern, die den Namen haben, nüchtern zu sein, aber oft Geschichte und Tatsachen für absolute Wahrheit ansehen, während für den niederländischen Wissenschaftler die Wahrheit einer objektiven Außenwelt im Voraus verdächtig erscheint. Eine schönes Beispiel ist der obengenannte Professor Israels, der die niederländische Toleranz als Vorbild für das Europa des 21. Jahrhunderts handhabt. Sein niederländischer Korreferent stellte dort in Groningen scheinbar pessimistisch die tragische Unversöhnlichkeit des Bestehens gegenüber, die Einsicht des „es kann ja niemals gut gehen, aber wir werden uns positiv darauf einstellen”, und das ist genau die Nüchternheit für die Welt, die unentbehrlich ist, um mit der Wiedergeburt einen Anfang zu machen.15 Lao Tse sagte diesbezüglich: Die Welt ist eine Wildnis und hat kein Ende.16

Die Nüchternheit in der objektiviertesten Form ist notwendig. In Spinoza finden wir bereits einen meisterhaften Beginn dieser Nüchternheit. Ein niederländischer Professor, der kürzlich international bekannt wurde, nämlich Frits Staal, schrieb „Über Sinn und Unsinn in Philosophie, Religion und Wissenschaft”17, ein sehr lesenswertes Buch und eine Illustration der Nüchternheit der Wissenschaft. Mit dieser Nüchternheit können wir auch der Liebe näherkommen, und wir teilen sie klassisch auf in storgi (Geneigtheit), filia (Freundschaft), eros und agape (Höhere Liebe). Aber es ist ein Endpunkt, freilich die allerreinste Pforte, jedoch ist kein drive mehr da, um hindurch zu ziehen. Es ist ein objektiver Tiefpunkt. Die Nüchternheit der Wissenschaft kann erst durch diese Pforte hindurch, wenn sie die Wissenschaft der Nüchternheit wird, wenn diese Wissenschaft sich ihres Ursprungs erinnert.

Hier kommt uns Ficino wieder zweifach zu Hilfe, hermetisch und alttestamentarisch. Alttestamentarisch durch den Hinweis auf das „Ihr seid Götter” und hermetisch durch das Auflegen der Nüchternheit auf die unsterbliche Seele, den göttlichen Anderen in uns. Denn nach dem Geist sind wir benebelt, betäubt. Ficino nennt den Geist „sterbend”. Nur der nüchterne Gott in uns, den wir nicht auf einen weltlichen Thron setzen können, kann unsere Seele in unsterblichem Sinne nähren. Die Wissenschaft seiner Nüchternheit überbrückt alle Kenntnislücken, strukturiert die Beseelung, löst das Problem des Individualismus auf in rechter Seelengemeinschaft, erfüllt das Gesetz, verleiht der Ewigkeit im Jetzt Inhalt, kurzum: geleitet uns über die Grenze auf die einzig richtige spirituelle Weise.

Unsere Zeit lässt uns stets mehr begreifen, dass sich eine Grenze nähert, aber lässt uns auch die Grenzenlosigkeit verstehen und damit die Gefahr des Chaos. Unterdessen scheint Saturn als Herrscher der Zeit noch nicht ausgespielt zu haben: er stellt seine platonischen Forderungen. Das Prinzip der Unsterblichkeit der Seele kann darin nur gut betreut und in einem hierarchischen System wachsen; der theoretische Begriff der Ewigkeit, das heißt der wirkliche innerliche Besitz der Unsterblichkeit ist ein fortwährend erweitertes Bewusstsein, durch den unaufhörlichen Strom vor allem sinnlicher Eindrücke verhöhnt durch die Nüchternheit dieser Welt: „Welche Seele ist denn nun eigentlich unsterblich?”

Nur ein Feld, ein dynamisches Netzwerk, ein kollektives Überbewusstsein, eine mächtige Gruppe gleichgestimmter Seelen wird diese Nüchternheit ertragen und den Unsterblichkeitsbegriff nähren können bis zu einer lebendigen Wirklichkeit. Ficino hat das bruderschaftliche Feld gesucht und sah die erhabene Liebeskraft als Träger, als Gnade dieses Feldes. Der Auftrag von Hermes lautet nicht: „Behaltet eure kulturell-wissenschaftliche Nüchternheit”, sondern: „Werdet nüchtern nach der unsterblichen Seele”. Er sagt im Corpus Hermeticum im 3. Buch, Vers 2: Haltet ein, werdet nüchtern und schaut wieder mit den Augen eures Herzens! Hermes ist der Quell, das heißt der Ursprung von Weisheit quer durch die immer diffusere Zeiträumlichkeit, sowohl nach der Vergangenheit hin als aus dem Heute heraus.

Wir wollen in diesem Zusammenhang nun die außergewöhnlich wichtige heutige Zeit als dritte und letzte Periode der Grenzüberschreitung nennen, die Ernteperiode der Wiedergeburt nach Wasser und Geist, die entscheidende Renaissance des westlichen Menschheitstypus, den Prozess des Wachstums des göttlichen Anderen in uns, einen Hochzeitsgang zur vierten Dimension, den tatsächlichen Gang durch die Pforte des Saturn. Das Besondere daran ist das auf der ganzen Linie dienstbar Werden dieses selben Saturns als Herrscher über die stoffliche Wirklichkeit: er macht den Hochzeitszug chemisch, sorgt für die richtige Gärung und liefert wirklich die stofflichen Bedingungen für die Entsterblichung der Seele. Der Satanaspekt, den Ficino gelegentlich behauptet, existiert nicht wirklich, genauso wie unsere Nüchternheit uns gelehrt hat, dass ein anthropomorpher Teufel ein überholtes Konzept ist. Entsterblichung ist darum mehr denn je möglich, mystisch und mikrokosmisch, aber auch konkret, kosmisch und sogar historisch.

Das nun erleben wir in unserer Zeit seit dem Ende der Neunziger-Jahre und dem Beginn des 21. Jahrhunderts. Das Bild, das hierfür noch am besten passt, ist die umgekehrte Mythologie betreffend Chronos und Uranos. Diese griechischen mythologischen Kräfte beherrschen dasselbe Feld des Lebens, dasselbe Feld von Entwicklung, nämlich das Feld der menschlichen Lebenswelle.

Nun wird der wahre Mensch dargestellt als Wasserträger, als derjenige, dem es gelingt, das lebende Wasser wegzuschenken und dadurch die Erneuerung und Wiedergeburt möglich zu machen, und zwar laut der bereits genannten mystischen Erfüllung von Hermes: alles empfangen, alles preisgeben und dadurch alles erneuern. Und dieses infolge der wahren Bedeutung von Reichtum: „Reichtum ist, etwas zu besitzen, was allen geschenkt werden kann wie aus einem unerschöpflichen Quell”. Bisher bewachte Chronos oder Saturn den Reichtum, die Ordnung und die Disziplin, die absolut nötig sind, um den Geistordensgesetzen zu genügen.

Wir sehen zum erstenmal, wie sich ein möglicher Durchbruch für die sich entwickelnde Menschheit anbahnt, wenn der Christus-Impuls sich manifestiert. Wo der Geist des Herren ist, da ist Freiheit. Als elektrische Erneuerungskraft „nicht von dieser Welt” wird Christus wohl auch Uranuskraft genannt, eine Kraft, die das Herz erneuert, so dass wir wieder mit den Augen des Herzens sehen und die wahre Nüchternheit besitzen können.18 Diese Kraft ist mit der ursprünglichen Freiheit und Liebe in vollkommenem Sinn verbunden.

Ficino sah Freundschaft und Liebe als wichtige zu erfüllende Tugenden für die Entsterblichung der Seele an und begriff den festlichen Charakter davon zuerst wie kein anderer. Auch damit kollidierte Ficino mit den saturnischen Bedingungen von Genügsamkeit und Strenge. Christus ist außer einer revoltierenden, sehr notwendigen und freiheitlich gesinnten Erneuerungskraft vor allem auch ein Schwert in der eigenen Seele, denn es gibt keine Erneuerung ohne Veränderung, somit kann das Preisgeben eine schmerzhafte Notwendigkeit sein.

Die Freundschaft und Liebe von Ficino berühren uns durch die Aufrichtigkeit seines bruderschaftlichen Strebens. Ficino hatte eine zu schwere Arbeit mit dem alten Chronos – begreiflich auf Grund seines spielerischen, kreativen und feinsinnigen Geistes. Aber heute ist die Grenze von Chronos‘ Macht erreicht, und Chronos ist wohlwollend geworden, etwas, wovon Ficino hoffte, dass es schnell geschehen würde. Jupiter, die von den klassischen Engländern auch noch oft angerufene Kraft, ist laut Ficino der letztendliche Auflöser der durch ihn als überwiegend negativ erfahrenen Saturn/Chronos-Kräfte. In Europa ist nämlich die Grenze in mehrfachem Sinne erreicht, und in den vergangenen Jahren hat Saturn alles an Reichtum aus seinem Vorrat geholt, um ihn anzubieten, und er tut es noch. Aber verstehen Sie es nicht nur materiell: alles ist in Wahrheit leergeschöpft, um es den Erneuerungskräften von Herz und Haupt, Uranus und Neptun, den Mysterienplaneten, anzubieten, die ihre erste Geburtsstunde bereits im 17. Jahrhundert in Schlange und Schwan feiern konnten und die nun ihre mächtige Renaissance festlich begehen. Dadurch, durch diesen Reichtum, sind alle Kräfte für die Wiedergeburt mobilisiert, für die Offenbarung des wahren Menschen, denn die ganze Schöpfung sehnt sich nach dieser Offenbarwerdung. Aber Chronos und die Erneuerer von Herz und Haupt treiben den Menschen weiter, über die Grenze und fungieren dabei als eine Art kosmische Staubsauger: unser Seelenbewusstsein, unser Wissend-Sein wird in ein anderes Energiefeld versetzt, zwar noch in unserer Zeiträumlichkeit, aber materiell davon losgelöst: es ist die Äthersphäre, wo die wirkliche Assimilation der Christuskraft stattfindet.

Für Ficinos Schwierigkeit mit Chronos ist das ohne Weiteres auflösend, denn die wesentlichen Menschenwerte Freundschaft und Liebe laufen in ihren Heimathafen Aquarius, die regenerierende Wellenlänge der wahren Menschheit in Freiheit und Bruderschaft, ein. Für die unvorbereitete Menschheit bedeutet das eine gefährliche Situation, ähnlich dem Verschwinden der mentalen Ozonschicht: man läuft Gefahr, durch die geistige Sonne mental zu verbrennen und in psychischem Chaos unterzugehen, weil man den innerlichen Bezug zur unsterblichen Seele nicht besitzt oder nicht erkennt. Ficino führte bereits an, dass Disziplin eine essentielle Bedingung für Spiritualität ist – das heißt, dass das Funktionieren der innerlichen Ordnung eine absolute Notwendigkeit für die Entsterblichung der Seele ist.

Die Geistesschule des Goldenen Rosenkreuzes ist besonders vorbereitet, um denjenigen, die den innerlichen Bezug zu ihrer unsterblichen Seele kennen lernen wollen, bei ihrem Prozess der Selbstübergabe zu helfen, ohne den autonomen Prozess der Entsterblichung der Seele zu forcieren, so dass eine wahre Seelengemeinschaft das Fest der Heimkunft in Liebe feiern kann.

Der Abgrund ist dann überbrückt. Das Chaos ist durch den guten Dämon vernichtet und harmonisch geworden; der Tod ist verschlungen in den Sieg.

Vortrag: F. Spakman

Übersetzung ins Deutsche: Ursula Klee

Literatur:
1. Where cognitive science went wrong, Jerry A. Fodor, Clarendon Press, Oxford, 1998
2. Lexical competence, Diego Marconi, the MIT press, Camebridge (Mass), London 1997
3. Theologica Platonica (Über die Unsterblichkeit der Seele), Marsilio Ficino, Neuauflage 1975, G.Olms Pubs, USA
4. Marsilio Ficino and his work after fice hundred years, Paul Oskar Kristeller, Leo S. Olschi, New York, 1987
5. Brief von Ficino an Bernardo Bembo, übers. Die Briefe von Marsilio Ficino, Rozekruis Pers, Haarlem 1993 (Brief 119)
6. Corpus Hermeticum, u.a. 1. Buch, Pymander Vers 39,56,69
7. Timaeus, Plato, 37 d 5-8 und 38 a 7-8
8. Nach Hesiods Theogonie, worin er die alte griechische Götterwelt systematisch in Genealogien geordnet hat.
9. U.a. Briefe 95 und 106 aus "Die Briefe von Marsilio Ficino"
10. Spinozas Brief vom 2.Juni 1674 an Jarig Jelles. Aus Spinoza, Briefwechsel, WB, Amsterdam 1977
11. De vita triplica, Traktat von Marsilio Ficino; FICINO M., Opera omnia, Basel 1576
12. Numeri 21,8
13. Confessio Fraternitatis, A.D. 1615, Kassel (Valentin Andreae)
14. The Enlightenment, the Dutch an the Future of History, Jonathan I. Israels, 16. Okt. 1998 (De Volkskrant 1998)
15. Item, Bl. 28 der niederländischen Übersetzung
16. Tao Teh King, 20. Kapitel
17. Über Sinn und Unsinn in Philosophie, Religion und Wissenschaft, Frits Staal, Meulenhof, Amsterdam 1986
18. Das Bekenntnis der Rosenkreuzer-Bruderschaft, J. v. Rijckenborgh, 1966, Rozekruis Pers, Haarlem
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