Vortrag

Die vier Säulen der Heilkunde

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Vortrag von Dr. med. Stephan Sigrist, Bern

Symposium: Paracelsus – Vom Sichtbaren zum Unsichtbaren

Paracelsus hat vier Säulen genannt, auf denen ein Arzt, die Arznei und die ganze Heilkunde gründen muss. Ich möchte Sie jedoch einladen zu verstehen, was Paracelsus sagt, nicht allein an Ärzte, sondern an uns alle gerichtet. Ebenso können wir die vier Säulen als Fundament sehen, auf dem jeder Mensch stehen soll und kann.

Über das Sichtbare zum Verborgenen, ist das Motto dieser Vortragsreihe. Wissen wir, was in uns verborgen ist? Wer ist der Mensch? Was ist des Menschen Geheimnis? Woher kommt der Mensch? Was ist des Menschen Bestimmung? Diese Fragen sind heute noch ebenso aktuell wie zu Paracelsus‘ Zeiten oder auch schon viel früher.

„Mensch erkenne Dich selbst!” Dieses bekannte Zitat stammt zwar nicht von Paracelsus. Doch genau dazu fordert auch er uns auf.Wer kann uns darauf die richtigen Antworten geben? Wo muss unsere Suche beginnen? Die Suche muss bei den Fragen beginnen:

„… frage und frage – und schäme dich nicht!”

Interessanterweise fordert Paracelsus aber die Ärzte (und somit auch uns) auf,
im Aussen zu beginnen, in der Natur. Warum? Paracelsus: „… weil nichts im Leibe ist, das dir nicht aussen genügend angezeigt würde, sondern alles wird dir gar mannigfaltig gezeigt.” (I-422)1

In der Natur, im Leben, im All und nicht in Büchern, nicht bei sogenannten Experten ist alles aufgeschrieben. Diese Sprache, diese Zeichen muss der Mensch mit offenem Herzen und Interesse zu verstehen versuchen.

Es spricht das hermetische Gesetz – „wie oben, so unten”, „wie im Grossen so im Kleinen.” Das ganze All (der Makrokosmos) spiegelt sich wider im Kosmos (der Erde) und im Mikrokosmos (dem Menschen). Nach Paracelsus sind die Sprache und Zeichen überdeutlich und klar in der Natur geschrieben. Wie kann er das so sicher behaupten?

Wenn wir heute eine Sprache lernen, gehen wir in eine Schule, haben einen Sprachlehrer und einen Dictionnaire, ein Wörterbuch. Und genau so sollen wir auch die Sprache der Natur, des Alls und letztlich des Menschen lernen. Die Schule ist unser Leben, die Natur, das Gestirn, das All. Der Dictionnaire liegt im Menschen selbst, im Tiefsten seines Herzen verborgen. Und der Sprachlehrer ist der Quell allen Lebens, der Urgrund, aus dem alles entstanden ist.

Paracelsus: „Das Buch, in welchem die Buchstaben der Geheimnisse sichtbar, erkennbar, greifbar und lesbar geschrieben sind, so dass man alles, was man zu wissen begehrt, am besten in eben diesem Buch durch den Finger Gottes eingezeichnet findet und gegenüber welchem, wenn es richtig gelesen wird, alle andern Bücher nur toter Buchstabe bleiben, dieses Buch soll durch kein anderes verstanden und nirgends sonst gesucht werden als allein im Menschen. Der Mensch ist das Buch, in dem alle Geheimnisse geschrieben stehen, ausgelegt aber wird dies Buch durch Gott.” (IV-841)

Alles, was aussen ist, entspricht genau dem, was innen ist. Alles, was in uns lebt, finden wir auch im Aussen. Das gilt sowohl für das Angenehme wie für das Unangenehme, für die Freude und Zuneigung wie für den Streit und den Krieg.

Kommen wir zurück zu unserem Thema, zu den vier Säulen.
Sie heissen:

Philosophie,
Astronomie,
Alchemie
und Tugend.

Vieles, was die Philosophie und die Astronomie betrifft, haben wir schon im zweiten Vortrag gehört. Was meint Paracelsus mit Philosophie?

1 Philosophie

Unter Philosophie versteht er keine Debattierkunst oder theoretische Auseinandersetzung über bestimmte Lebensansichten, sondern, wie das Wort sagt:
Die Liebe zur Weisheit. Diese Liebe zur Weisheit wird im Herzen entfacht, das Leben und ihre Fragen helfen, das nötige Feuer in uns zu entzünden.

Mit diesem Feuer können wir dann erkennen, dass alle sichtbaren Formen nur Erscheinungen, Verkörperung von unsichtbaren Kräften sind, die den gewordenen Strukturen ihre Eigenschaft verleihen. Das Verborgene kann im Sichtbaren wahrgenommen werden. Auch für den Arzt geht Paracelsus aus vom Wesentlichen, dem Leben selbst, das für die groben Sinneswerkzeuge nicht wahrnehmbar ist.
Denn, so Paracelsus: „Unser Verstand, wie ihn die Hirnschale umschließt, ist zu schwach, einen Arzt hervorzubringen.” (I-346)

2 Astronomie

Mit Astronomie ist nicht eine Wissenschaft über die physikalischen Eigenschaften der Sterne und Himmelskörper gemeint. Paracelsus versteht unter Astronomie die Erkenntnis der kosmischen Gesetze, der Urprinzipien des Alls und der dahinter wirkenden Kräfte. Zugleich nennt er die Astronomie die obere Sphäre der Philosophie.

Was hat der Mensch, der Arzt also zu erkennen? Paracelsus: „Die Astronomie umfasst zwei Teile des Menschen, seine Luft und sein Feuer, ebenso wie die Philosophie die Erde und das Wasser in sich begreift.”

Der Arzt muss also die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer, aus denen alles entstanden und aufgebaut ist, erkennen, sowohl in der großen Natur als auch im Menschen.

In der heutigen Zeit kennen wir die 4 Elemente im Menschen unter anderem als den Stoffkörper, den Lebenskörper, den Empfindungs- und Astralkörper und den Denk- oder Mentalkörper. Der Arzt soll die große Natur und den Menschen durchschauen, so wie man durch destillierten Tau hindurch schaut. Wie durch klares, quellendes Wasser, wie durch geschliffenen Kristall muss er die dahinter liegenden Kräfte und Wirkungen sehen und erfassen. So sieht er im Äußeren das Innere. In der Form das dahinter liegende Prinzip.

Es gibt ein Gestirn im Makrokosmos, wie auch ein Gestirn im Mikrokosmos. Die Planeten und Sphärenwirkungen beeinflussen und durchströmen die ganze Welt und all ihre Geschöpfe, die Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen. Das Kräftespiel des großen Gestirns dynamisiert die Astra (die Sterne) im Menschen, die damit in Resonanz treten.

Dringen wir noch etwas tiefer ein und lassen Paracelsus sprechen: „Meine philosophische Meinung geht dahin, dass die Natur die Krankheit selbst ist und darum allein weiß, was die Krankheit ist. Sie allein ist die Arznei, sie weiß der Kranken Gebrechen. Vom Arzt kommt keine Krankheit, von ihm kommt auch keine Arznei. So wenig aber, wie er krank machen kann, vermag er auch die Gesundheit zu geben. Wer ist hier ein berufenerer Lehrmeister als die Natur selbst? Diese besitzt das Wissen von diesen Dingen und gibt uns vom Wesen aller Dinge ein sichtbares Bild.” (I-346)
„Also ist der Mensch ein Bildnis, das durch die vier Elemente in einen Spiegel gesetzt wurde.” (I-348)

„So gibt es eine Melisse im Leibe, wie auf der Erde, und ebenso wie eine Milchstrasse am Himmel, so auch in uns. So sind auch beide Pole in uns. So ist auch ein Zodiacus und anderes mehr im Menschen … Denn der Himmel enthält in seiner Sphäre den halben Leib und die halbe Zahl der Krankheiten. Wer will ein Arzt sein, dem die Behandlung dieser Hälfte aller Krankheiten nicht zusteht?” (I-363/364)
„Sobald er den inneren Himmel (im Menschen) erschaut, ist er ein Arzt und sonst nicht. Denn so er nur den äußeren Himmel erkennt, bleibt er ein Astronomus und Astrologus.” (I-367)

Wie aber kann der Arzt, wie können wir Menschen zu dieser Kenntnis kommen?
„Im Lichte der Natur ist das Unsichtbare sichtbar” (I-221), gibt Paracelsus uns als Antwort. Was ist das Licht der Natur? Dieses Licht liegt nicht in der äußeren Natur und kommt auch nicht aus dem Arzt selber. Es entsteht erst in der Begegnung des Menschen mit der Natur.

Wir können das Licht der Natur verstehen als Strahlungsfeld, das die Natur instand hält und leitet. Wenn wir uns verfügbar machen für das Licht der Natur, wird es auch im Menschen wirksam. Es wird zum höchsten natürlichen Erkenntnisvermögen. Der Paracelsus-Kenner Lucien Braun schreibt darüber:

„Sich verfügbar machen bedeutet in erster Linie, den Eigenwillen zum Schweigen zu bringen und sich dem zu eröffnen, was sich zeigen und aussprechen will; es bedeutet, in sich einen freien Raum zu schaffen, wo die Natur – der wir selbst angehören – zu sich selbst kommen kann, indem sie sich als Licht in uns bekundet.”

In welchem Licht wir wandeln, bestimmt, was wir erkennen und verstehen. Wie wir im Sonnenlicht Farben sehen, welche im Mondlicht nicht wahrgenommen werden, so kann im Licht der Natur das zuvor Verborgene nun klar geschaut werden.

Paracelsus spricht aber auch noch von einem anderen Licht, dem „Licht des Geistes”, dem „ewigen Licht”. Das erste Licht schenkt Kenntnis über die ganze Natur, das zweite aber über die reine Geistwelt, das Ewige.

Paracelsus: „Es ist von zwei Lichtern die Rede, einem ewigen und einem sterblichen. Das ewige vollbringt seinen Wandel in der Seele, das sterbliche im Leibe; das sterbliche Licht wirkt im natürlichen Lichte, das ewige im ewigen.” (IV – 411)

Und auch in der Astronomie unterscheidet Paracelsus „zwei Astronomien, von denen der Mensch zu wissen hat (einer oberen und einer unteren). Und zwar soll er die eine mit all ihren Kräften gebrauchen, denn in ihr liegt die Kraft und die Stärke der ewigen Werke.”

Die andere soll er nicht gebrauchen, jedoch erkennen und verstehen, damit er sich vor ihr zu hüten weiß.

Oder mit anderen Worten, aus der vergänglichen Astronomie können wir unsere Verknüpfungen, Bedingtheiten und Abhängigkeiten klar erkennen. Damit ist nicht nur das gemeint, was heute in der Psychologie und Astrologie bekannt ist. Kennen wir z.B. die Wirkungen des Karmas bei uns selbst? Nicht theoretisch, sondern praktisch. Wie wirkt das Gesetz von Ursache und Wirkung? Und wem gelingt es, sich aus dieser Gebundenheit vollständig zu lösen?

Durch die obere Astronomie, die Bezug hat zum Ewigen im Menschen, kann uns ein Weg gewiesen werden, um die natürlichen Grenzen zu überwinden. Dies ist möglich, weil das Natürliche und das Ewige im Menschen, im Mikrokosmos wirken.

3 Alchemie

Die 3. Säule ist die Alchemie. Wie häufig ist doch die Alchemie falsch verstanden und ausgelegt worden. Wie viele haben ihren Namen für sich in Anspruch genommen, ohne ihr wahres Wesen zu begreifen. Alchemie hat ihrem Wesen nach ganz gewiss nichts zu tun mit dunklen mittelalterlichen Kellergewölben oder Kammern. Sie hat nichts zu tun mit unbedarftem Experimentieren, mit „Hokuspokus”, mit chemischen Anordnungen und Versuchen, mit denen man sich letztlich selber bereichern will.

Was ist also Alchemie?

In der uns bekannten Chemie werden Stoffe getrennt, extrahiert oder es werden mit ihnen andersartige Verbindungen hergestellt. In der Alchemie dagegen wird ein Umwandlungsprozess durchlaufen. Und dieser Prozess muss durch den Menschen gefördert werden. Alchemie ist somit eine Kunst, die Kunst der Umwandlung, wodurch eine neuartige Substanz von ganz neuer Qualität entsteht.

In der Chemie entstehen auch neue Verbindungen, neue Substanzen. Die Chemie berücksichtigt aber nur das Stoffliche. Der Unterschied liegt also in der Dimension.
Die Alchemie veredelt das Stoffliche in dem Sinne, dass es dem Ätherischen, dem Energetischen als Gefäß dient. Gereinigte, dynamisch veränderte Substanzen, die mit der Ausgangssubstanz, energetisch gesehen, nichts mehr gemein haben, sind das Resultat davon.

Paracelsus sagt von der Alchemie: „Wenn der Arzt nicht darin am meisten und besten beflissen und erfahren ist, dann ist seine ganze Kunst umsonst. Denn sie (die Natur) bringt nichts an den Tag, das für sich selbst vollendet wäre, sondern der Mensch muss es vollenden. Diese Vollendung heisst Alchemie.” (I-381) 3

Alchemie ist die Kunst des Prozesses der Veredlung von Unvollkommenem zum Vollkommenen. Dazu braucht es die Kenntnis des inneren Wesens der Dinge und die Kenntnis ihrer inneren Dynamik.

Paracelsus: „Soll der betreffende Organismus seine geheimen Heilwirkungen entfalten, so muss das erste Leben sterben. Denn nichts ist in ihm, was dem Menschen dienlich ist. Im ersten Leben ist die Rose gross und duftet angenehm. Solange sie aber diesen Duft behält, ist sie keine Arznei. Sie muss faulen, damit zugleich sterben und neu geboren werden. Erst nach dieser Behandlung kann man von Heilkräften sprechen.” (I-85) Und: „Alle Dinge müssen durchs Feuer in anderer Form wiedergeboren werden.” (I-395)

Wie bei der Philosophie und der Astronomie sind auch bei der Alchemie zwei Arten, eine untere und eine obere, zu unterscheiden. Der unteren Alchemie begegnen wir z.B. in uns selber. Jeder Mensch, jeder von uns trägt einen Alchemisten in sich und ist täglich alchemistisch tätig.

Paracelsus: „So du eine Arznei eingibst, so muss sie dir der Magen bereiten, und er ist ein Alchimist. Ist es nun dem Magen möglich, es dahin zu bringen, dass die Astra (im Menschen) die Arznei annehmen, so werden sie (in der richtigen Weise) dirigiert. Wo nicht, so bleiben sie im Magen und gehen durch den Stuhl hinaus. Was ist Höheres an einem Arzt, als das Wissen um die Übereinstimmungen der Astra? Denn da liegt der Grund aller Krankheiten. Da ist nun Alchimia der äussere Magen, der da dem Gestirn das Seine bereitet. Nicht wie die sagen, die Alchimia mache Gold und Silber.” (I-384)

Oder wir finden die untere Alchemie bei seiner Arzneimittelherstellung, der Spagyrik, mit welcher Paracelsus so erstaunliche Heilerfolge erzielte. Bei einer Pflanze zum Beispiel muss durch einen Feuerprozess das Unreine vom Reinen geschieden werden, sodass die Kraft, das Wesen, das dynamische Prinzip frei wird und umso wirksamer und heilbringender wirken kann. „Was die Augen am Kraut sehen, ist nicht die Arznei. Sie sehen nur die Schlacke, innen aber, unter der Schlacke, da liegt die Arznei.” (I-511 f.)

Der Arzt steht also vor der Aufgabe, die noch unvollendeten Arzneien, die ihm die Natur anzeigt, durch Alchemie zur Vollendung zu führen. Gelingt dies, so sind die Heilmittel wahre Arcana, d.h. Geheimnisse, Geheimmittel.

Ein Alchimist beschleunigt, katalysiert, ermöglicht diesen Veredelungsprozess. Ein alchemistischer Arzt fördert den heilmachenden Werdeprozess im Menschen, in ganzheitlichstem Sinne, d.h. auf der Geist-, Seelen- und Körperebene. „Alchemie ist, was das Unreine durch das Feuer zum Reinen macht, was das Nutzlose vom Nützlichen entfernt und so zur letzten Materie, zum letzten Wesen führt.” (I-513 f.)

Heilung geht aus einem Bewusstseinswandel hervor. Bewusstseinswandel geht aus einem alchemischen Feuerprozess hervor. Der Arzt kann in dem Sinne Alchemist sein, als er erkennt, was im Patienten ins Feuer muss, was sterben muss – was ausgeleitet, aufgegeben, losgelassen, herausgeschnitten werden muss. Er kann dann diesen Feuerprozess durch Heilmittel begleiten, um sie für den Patienten erträglicher und bewusstseinsfördernder zu machen.

Stellen wir noch einmal die besprochenen drei Säulen vor uns. Sehen oder erahnen wir, wie umfassend, wie tief die Forderungen von Paracelsus sind und reichen? Erfassen wir auch, wie weit dies alles die heute üblichen Grundlagen und Sichtweisen der Medizin und Heilkunde übersteigt?

Und doch erwähnt Paracelsus mehrmals in seinen Schriften, dass dies alles noch nichts ist im Vergleich zur letzten Weisheit, der ewigen Weisheit. „Die siderische (kosmische) Weisheit ist eine Narrheit vor Gott.” (IV-767) Oder auch: „Ein jeder, der da göttliche Weisheit besitzen will, der muss sich aller anderen Weisheit entschlagen haben.” (IV-789)

Dies führt uns zur oberen, der hohen Alchemie, die sich auf den Menschen selber bezieht. Sie findet in ihm, im Mikrokosmos statt. Wie ist diese zu verwirklichen? Und ist dies nur eine Aufgabe für Ärzte? Gewiss nicht!

Sind wir heutigen Menschen zum Reinen, zum letzten Wesen geworden? Auch hier gilt: Erst durch den Umwandlungsprozess, dem „Stirb und Werde” wird die höchstmögliche Bestimmung erreicht, können wir Menschen zur Vollendung finden. Und dieser Prozess ist es letztlich, zu dem uns Paracelsus immer noch drängt und auffordert.

Dazu bedarf es eines Feuerprozesses, des Feuers der Unvergänglichkeit, des ewigen Feuers. Dieses Feuer muss in uns Menschen, im Wahrheitslicht des Herzens entfacht werden. Der Feuerprozess läutert und reinigt dann das Bewusstsein. Dabei fallen behindernde und nicht mehr benötigte Vorstellungen und Gedankenbilder von uns ab.

Bewusste und unbewusste, bis ins Blut verankerte Seelenaspekte lösen sich im Feuer auf. Eine neue Seele kann dann entflammt werden. Und so wird auch die ganze Natur, der Körper vollständig verändert. Das goldene Gewand der ewigen Fülle wird verwirklicht.

Zusammenfassend können wir nach Paracelsus drei Ebenen der Alchemie vor uns sehen:

1. die stoffliche Ebene: Die Heilmittelherstellung (die Spagyrik).
2. die Ebene der Naturseele: Der Arzt unterstützt im Patienten den alchemischen Prozess dadurch, dass er erstens erkennt, was losgelassen werden muss, und zweitens, indem er den Bewusstwerdungsprozesses fördert.
3. die hermetische Ebene, die Ebene, der im Feuer neu gewordenen Seele: Der Priester-Arzt unterstützt den Seelenerneuerungsprozess.

4 Tugend

Die 4. Säule der Heilkunst ist die Tugend. Der vierte Grund, auf dem jeder Arzt stehen soll, der die drei anderen erhält und trägt, ist die Proprietas, die Redlichkeit oder die Tugend. Üblicherweise versteht man darunter, dass der Mensch sich an die festgelegten Gesetze, an einen ungeschriebenen Verhaltenskodex und an eine gewisse soziale und ethisch hochstehende Moral hält.

Dies wäre zweifellos lobenswert, aber völlig ungenügend, um die Tugend zu umschreiben, die Paracelsus fordert. Das tugendhafte Handeln kann nur aus reinem Herzen kommen.

„Du musst einen ehrlichen, redlichen, starken und wahrhaftigen Glauben an Gott haben, mit all deinem Gemüt, Herz, Sinn und Gedanken, mit aller Liebe und allem Vertrauen. Denn bei solchem Glauben und solcher Liebe wird Gott seine Wahrheit nicht von dir abziehen und wird dir seine Werke offenbar machen, glaubwürdig, sichtbar und trostreich.” (I-402), so spricht Paracelsus.

Mit Glauben meint er sicher nicht ein treuherziges „Für-wahr-Halten”, sondern damit wird vielmehr ein innerliches Wissen und eine Ausrichtung auf den Quell des wahren Lichtes, die lebendige Wahrheit gemeint.

Doch wie kann der Arzt, ja, jeder Mensch, der sich in den Dienst der Menschheit stellen will, wie können wir konkret zu dieser Tugend heranreifen? Reicht eine verstandesmäßige Erkenntnis, dass wir als Mikrokosmos Söhne der All-Schöpfung sind? Braucht es ein Studium, ein Üben, bis die Weisheit allmählich zunehmen wird? Ist ein asketisches Leben notwendig, um zur Tugend zu gelangen?

Sicher nicht! All dies ist vollkommen unzureichend, obwohl Paracelsus das praktische Lernen und die Erfahrung als unabdingbar betrachtet. Tugend ist keine Eigenschaft, kein Verhaltensmuster. Tugend erreichen wir nicht durch Anstrengung. Tugend ist vielmehr ein innerer Seinszustand!

Doch wie gelangen wir zur Tugend? Was hier notwendig ist, beschreibt Paracelsus in der „Erklärung der ganzen Astronomie”:

„Durch Hunger und Durst werdet Ihr Euch speisen müssen von der Erde, durch Hunger und Durst müsst Ihr die tierische Weisheit empfangen und durch Hunger und Durst müsst Ihr die ewige Weisheit erlangen. Denn in Hunger und Durst liegt die anziehende Kraft, durch die Ihr Euch speisen müsst. Also haben wir einen dreifachen Hunger und Durst.” (IV – 767)

Es ist dieses reinste Verlangen, das im Herzen geboren wird, dieses Dürsten nach der Wahrheit und Reinheit, die uns dann die Nahrung gibt, die uns dann nährt mit unvergänglicher Kraft.

Viele Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten haben ihre Gültigkeit auf verschiedenen Ebenen und sind z.B. im Stoff, im Feinstofflichen und auf der Geistebene wirksam, jedoch in ganz anderer Qualität. Dies gilt auch für die schon erwähnten Arcana.
Es gibt Arcana als Heilmittel, die auf den Stoffkörper wirken oder die in die feinstofflichen Körper regulierend eingreifen. Doch das führt den Menschen noch nicht zu seiner Bestimmung, zum letzten Wesen. Deshalb verschweigt Paracelsus auch nicht, dass es Arcana gibt, die mehr sind als wir. In der höchsten Ansicht sind Arcana Kraftprinzipien, die den Menschen verwandeln, ihm zu seiner Vollendung verhelfen.

Es gibt Arcana der Natur und Arcana Gottes – d.h. „Arcana in seinem Wesen”:
Paracelsus sagt: „Dass es (Arcanum) einen so trefflichen und richtigen Namen hat, wird nur dadurch verursacht, weil es ein Arcanum ist, das unkörperlich, unsterblich und ewig lebend ist… Arcanum ist jede Tugend, tausendfach verbessert.” ( III – 38 )

Wie gelangt der Mensch also zu Tugend? Paracelsus weist immer wieder darauf hin, dass der Arzt und seine Heilkunde – und dies gilt, wie wir gesehen haben, für alle Menschen – auf Wahrheit, Treue, Erfahrenheit und vor allem auf Liebe zu dem Einen Ursprung allen Seins gründen muss.

„Will sich einer mit Hilfe der Wahrheit ernähren, so gibt ihm Gott Wahrheit genug und gibt ihm in der Wahrheit seine Nahrung.” (I – 405)

Was ist das für eine Nahrung? Was könnte die Nahrung anderes sein als die Arcana Gottes, die vier Arcana, von denen Paracelsus in der „Archidoxis” spricht? „Archidoxis” bedeutet Erzweisheit oder tiefste aller Weisheiten. Darin erwähnt er die vier Arcana:

1. Prima Materia (die Erste Materie)
2. Der Stein der Weisen (Lapis philosophorum)
3. Mercurius des Lebens (Mercurius Vitae)
4. Tinctura (Färbungsmittel)

Ob Paracelsus diese Arcana als stofflich dynamische Heilmittel in seinem Schwertknauf stets bei sich trug, wie oft gesagt wird, und damit unglaubliche Heilerfolge erzielte, kann nicht sicher nachvollzogen werden. Aber dass die Arcana im höchsten Sinne heilende, veränderte Kraftströme sind, die den Menschen als Mikrokosmos in vollständigster Art alchemisch umwandeln, wird durch folgendes Zitat untermauert. „Wir können ohne Furcht sagen, dass das ein Arcanum des Menschen ist, das ist sein Verdienst und seine Tugend, die er ewig behält.” ( III – 38 )

Die vier Arcana, die vier Kraftströme bewirken in dem danach hungernden Menschen, im Menschen, der nach dem Ewigen dürstet, folgendes:

„Die Prima Materia führt eine neue Jugend in den Menschen ein und verzehrt die alte.” (III – 39) „So reinigt der Stein der Weisen den ganzen Körper und säubert ihn von allem Unflat. Er bringt auch neue und junge Kräfte.” (III – 39) „Der Mercurius des Lebens entfernt das Unreine und dann lebt das alte junge Leben wieder in Kraft wie früher.” (III – 46) „Tinctura nimmt das schlechte Wesen, sein Unpassendes und seine Grobheit. Sie wendet dies alles zum Lautersten, Edelsten und Bleibendsten.” (III – 40)

So umgewandelt ist wahre Tugend als ein Seinszustand erst möglich. In der hermetischen Philosophie wird dieser Mensch ein Geist-Seelen-Mensch genannt. Ein Mensch, der ein wahrer Priester-Heiler im Lichte des Ewigen ist. Er ist der Alchemist, der in der Schmiede seines inneren Wesens das göttliche Feuer seine heilige Arbeit vollenden lässt.

Paracelsus schreibt: „Ich lobe mir die spagyrischen Ärzte (Alchemisten), denn sie arbeiten Tag und Nacht in ihrem Laboratorium (im Innern des Mikrokosmos) und lassen das Feuer (die Liebe zu Gott und den Nächsten) nie ausgehen. Sie machen nicht viel Worte und Geschrei, denn sie wissen, dass das Werk den Meister loben soll und nicht der Meister das Werk.” (aus III – 278: De Natura Rerum)

Der Arzt, wenn er alle besprochenen Forderungen vollständig und in Treue und in Wahrheit erfüllt, ist doch nur ein Diener des Allerhöchsten, des Einen Geistes.
Und so möchte ich mit den Worten von Paracelsus schließen:

„Die rechte Seele des Menschen aber, der Atem Gottes, der nicht mit Feuer, Wasser, Erde oder Luft getötet werden kann, sondern keinen Tod erleidet, diese wohnt im Zentrum des Herzens Tag und Nacht.” (IV – 844)

Paracelsus; Sämtliche Werke, Band I-IV, Bernhard Aschner, Anger-Verlag Eick, 1993

Lucien Braun; Paracelsus, Alchemist - Chemiker, Erneuerer der Heilkunde, Silvia-Verlag Zürich 1990 S.56

Bernhard Ascher, a.a.O. Bd. I S. 381
2 Kommentare
  • Pr S. FeyeBeantworten

    DEFENSEURS DU PARACELSISME

    DORN - DUCLO - DUVAL

    Stéphane FEYE (Éd.)






    Le succès de Paracelse – Dorn – Trithème encourage les éditions BEYA à poursuivre la voie annoncée de renouveau des études « paracelsiques »

    Nous offrons ici la traduction française de trois traités apologétiques rédigés en latin, dont les auteurs sont contemporains (décédés à la fin du XVI° siècle) :

    - L’Avertissement à Eraste de Gérard Dorn ;

    - L’Apologie de l’argyropée et de la chrysopée contre Thomas Eraste de Gaston Duclo ;

    - La Vérité et l’ancienneté de l’art chimique de Robert Duval.

    Nous affirmons que, sous leurs formes pourtant très diverses (polémique, juridique, érudite), les trois ouvrages se complètent admirablement et révèlent, de plus, de véritables philosophes.

    Les lecteurs, tant les avertis que les néophytes, se verront préciser les notions fondamentales de l’éternelle science sacerdotale, de la sainte alchimie jusqu’à la transmutation métallique, en passant par les grands poètes et les prophètes de tous les temps.


    EN PRATIQUE :

    TOME 14 de la collection BEYA
    VOLUME : 249 pages
    FORMAT : 163 mm x 230 mm
    COUVERTURE : cartonnée cousue
    ICONOGRAPHIE: illustrations en noir et blanc : 4
    ISBN : 978-2-9600575-9-1
    PRIX : 29,00 € TVA incluse

    DATE DE PARUTION : septembre 2013

    DIFFUSION ET DISTRIBUTION

    - France : ARCHÈ EDIDIT
    - Belgique - Luxembourg: BEYA EDITIONS
    - Autres Pays : nous consulter


    http://www.beyaeditions.com
    info@beyaeditions.com

  • RonBeantworten

    Geheimnisvoll am lichten Tag /läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben / und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag / Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben...

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