Vortrag

Die Verborgene Magie der Monade

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Vortrag von Frans Spakman

Wir befinden uns hier in der Tradition des Symposions, das heißt, ausgehend von Platos Dialog über die Liebe, Spinozas Amor Dei und Ficinos De Amore stehen wir heute vor dem feurigen Bruno, der Ficino nicht nur öfters zu Rate gezogen hat, sondern der wie Ficino die Liebe als eine kosmische Kraft und in gewissem Sinne als überlegen im Hinblick auf intellektuelle Kenntnis ansieht. Bruno macht Gebrauch von der Dynamik der Liebe, indem er diese auf das Unendliche richtet.1

Das bedeutet kein Symposion innerhalb der formellen Rahmen, die sich besonders im letzten Jahrhundert als wissenschaftliche Kongresse entwickelt haben. Wir beabsichtigen deshalb etwas anderes als eine nähere wissenschaftlich-philosophische Erforschung von Brunos Werk, eine Untersuchung, die, wie in der niederländischen Dissertation über Bruno von Leen Spruit zu Recht erwähnt wird, eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt.2 Für wissenschaftliche Neuheiten gibt sich dieses Symposion vielleicht weniger her, und doch hoffen wir, einige Verbindungen aufzeigen zu können zwischen Monadologie, Pythagoras, der Mathematik des 20. Jahrhunderts von Kurt Gödel und den Ansichten von u.a. Gary Zukav, – das alles in der Hoffnung, dass sich dieses neue Jahrhundert der bis heute zu Unrecht als beladen angesehenen Magie der Monade entringen wird.

Bruno hat über die Monade ein schönes Büchlein geschrieben, das leider nicht in das Niederländische übersetzt worden ist: De Monade, Numero et Figura, publiziert 1591 in Frankfurt. Es handelt von der Monade, der Zahl und geometrischen Figuren in ihrem wechselseitigen Zusammenhang und geht aus von 10 Prinzipien oder Zahlen, genau wie Pythagoras. Über die unteilbare Monade sagt Bruno darin: „Das Eine ist das Zentrum im Mikrokosmos, das Herz. Davon gehen die Lebensgeister aus und verbreiten sich durch das ganze Wesen. Daran ist der universelle Lebensbaum befestigt und verwurzelt, und durch seine beschirmenden und instandhaltenden Kräfte kehren die Geister zurück. Dies ist das eine Zentrum in jeder willkürlichen Figur und in jeglicher Eigenschaft. Wir können die Monade in jedem zusammengesetzten Ganzen wiedererkennen und wiederfinden. Die gesamte Kraft in der Einheit ist dennoch ewig und unendlich; durch ihre Einfachheit stabil und ewig dauernd. Sie wird durch Einswerdung vermehrt und durch Zerstreuung vermindert. So stehen alle zusammengesetzten und koordinierten Dinge mit dem Kreis in Zusammenhang, dem unteilbaren Zentrum und seinen Vermögen, der unteilbaren Monade.”3

Danach beschreibt Bruno bei der Zahl Fünf die Seelenmagie der Monade, das magische Handeln. Aus dem eingekreisten Pentagramm zieht diese Magie eine neue Spur, indem sie das Denken mit einer feurigen Kraft beseelt.

Es wäre zu einfach, auf die letzten sieben unglücklichen Jahre von Bruno hinzuweisen, um zu suggerieren, dass seine Magie verboten war. Das sind die Jahre, in denen er bedrängt ist durch physische Gefangenschaft. Worum es geht, ist u.a. das metaphysische Verbot aus humanistischen, wissenschaftlichen und theologischen Erwägungen heraus. Auch Francis Yates hat in ihrem Buch Bruno and the Hermetic tradition bereits angegeben, dass es damals sehr große Bedenken gab, so dass von einem Verbot der Magie von Brunos Metaphysik gesprochen werden kann.4 Das praktische Verbot fand da wieder regulär und abhängig von dem Maß der Unterdrückung seinen Ausfluss.

Übrigens ist in diesem Vortrag mit Magie nicht der sehr populäre Zweig der Mnemotechnik (Gedächtnisforschung) gemeint, die Bruno kannte und praktizierte und der momentan in Verbindung mit Vorstellungen von Computer-Vorstadien im Mittelpunkt des Interesses steht. Ein Buch darüber, ebenfalls von Yates verfasst, ist mittlerweile, wie Sie vielleicht wissen, ins Niederländische übersetzt worden.5

Die Magie der Monade, die in der werdenden Merkurkraft in der Seele zum Ausdruck kommt, entlehnte Bruno sehr wahrscheinlich u.a. von Hermes Trismegistos. Hermes wird manchmal selber auch Mercurius genannt. Merkur wird mit der Zahl Fünf in Verbindung gebracht, mit der Figur des Pentagramms. Francis Yates erwähnt es in ihrem Buch über die hermetische Gnosis als die gnostische Magie der unsterblichen Seele.6 Frau Yates stellt fest, dass Bruno vor allem auf die hermetische Tradition baute, und dieser Gedanke wurde kürzlich erneut untermauert in dem Werk von Frau Susanna Akerman mit ihrer Studie Rose Cross over the Baltic, erschienen 1998.7 Sie erwähnt darin den Schreiber Abraham von Franckenbergh, der 1644 bereits aufzeigte, dass das Bild des Universums, das Bruno zeichnet und worauf Herr Kaniok in diesem Büchlein noch tiefer eingeht, original hermetisch-pythagoräisch ist und sogar in Hermes Trismegistos‘ Gebrauch der Monade8 zum Ausdruck kommt.

Um Brunos Gottesbild besser verstehen zu können, ist das achte Buch von Hermes und besonders der Lobgesang ein guter Ausgangspunkt.9

Wer soll Dich zu hoch oder nach Deiner Würde loben können?
Wohin soll mein Auge sich richten für Dein Lob?
Nach oben, nach unten, nach innen oder nach außen?
Es gibt keinen Weg, keine Stelle, kein einziges Geschöpf,
die außerhalb Deiner gelegen sind; alles ist in Dir, alles ist aus Dir.
Du gibst alles, und Du nimmst nichts, denn Du besitzest alles,
und es gibt nichts, was Dir nicht gehört.

Wann soll ich Dein Lob singen?
Denn es ist unmöglich, Deine Stunde und Deine Zeit zu erfassen.

Und warum soll ich Dein Lob singen?
Um dessentwegen, was Du geschaffen oder nicht geschaffen hast?
Um dessentwegen, was Du offenbart hast, oder um das,
was Du verborgen gehalten hast?

Und womit soll ich Dein Lob singen?
Als ob irgend etwas mir gehörte, ich etwas Eigenes besäße
Oder etwas anderes wäre als Du!

Denn Du bist alles, was ich nur sein kann;
Du bist alles, was ich nur tun kann;
Du bist alles, was ich nur sagen kann;
Denn Du bist alles, es gibt nichts als Dich.

Selbst das, was nicht besteht, bist Du.
Du bist alles, was geworden ist und alles, was nicht geworden ist:
Geist, wenn Du von der Geistseele angeschaut wirst,
Vater, wenn Du dem Weltall Gestalt gibst,
Gott, wenn Du Dich als aktive, universelle Kraft offenbarst,
der Gute, weil Du alle Dinge erschaffst.

Das Feinste der Materie ist Luft.
Das Feinste der Luft ist die Seele.
Das Feinste der Seele ist der Geist.
Das Feinste des Geistes ist Gott.

In diesem Lobgesang finden wir nicht nur eine doppelte Unendlichkeit (innen und außen und oben und unten), sondern überdies eine Idee von Gott als feinster Substanz, einer Substanz, die alles durchdringt.

Die Gnostikerin Frau Catharose de Petri sagt über dieses Gottesbild von Hermes in Das Lebende Wort10: „Wenn wir uns auf die Basis dieser Wirklichkeit stellen, wird deutlich, dass sie, die zu den gnostischen Mysterien durchdringen, sich auf eine vollkommen andere Weise auf die Gottheit besinnen, in Anbetung, Lobpreis und Dankbarkeit.”

Wiewohl Brunos Philosophie mittlerweile deutlich ernst genommen wird, scheinen seine Ideen, seine Inspirationen, sein Erkenntnisweg und seine Monadologie wissenschaftlich doch noch immer einigermaßen diskriminiert zu werden, z.B. bei Bertrand Russell in seiner Geschichte der westlichen Philosophie. Selbst Professor Oskar Kristeller, der große Wiederentdecker der Renaissance-Philosophen nach dem 2. Weltkrieg, zieht Brunos Erkenntnismethode einigermaßen in Zweifel. Kristeller gibt Bruno einerseits die Ehre, dass seine Kosmologie die Konzeption der modernen Physik und Astronomie vorwegnimmt, und wohl auch noch, dass er damit den Unterschied zwischen Himmlischem und Irdischem in einer hierarchischen und religiösen Idee als Erster durchbricht. Kristeller weist darauf hin, dass Bruno sich dieser Neuheit bewusst ist. Aber Kristeller hält Bruno andererseits nicht für den Entdecker der modernen Wissenschaft und Philosophie.11 Warum nicht? Er meint, dass Bruno das nicht wissen kann oder nicht gewusst haben kann, so wie wir im 20. Jahrhundert Erkenntnis betrachten; denn er hatte keine Geräte, um über wissenschaftliche Methoden zu erkennen, was er behauptete, zu erkennen.

Wir kommen hier zu dem Punkt der Intuition der Seele, der Geistseele, wohlverstanden. Sowohl Bruno als auch Spinoza gründeten den Effekt des Gebrauchsfähigwerdens des höheren Teils der Seele auf Gott, auf die Ursubstanz (bei Bruno: die Monade). Spinoza sprach über die intuitio dei. Diese dritte Art der Erkenntnis von Spinoza liegt so dicht am Geist, dass die Frage entsteht, ob es göttliche Inspiration oder Geistseelen-Intuition ist. Beide sind in jedem Fall im 20. Jahrhundert wissenschaftlich nicht existent, und die Wirksamkeit der Monade wird dann auch als Tabu oder unwissenschaftlich angesehen.

Was wir lernen können, ist, dass nicht nur Vieles von Brunos Werk noch geprüft werden muss, sondern auch, dass der Widerstand und die Vorurteile einer begrenzten Haltung der Wissenschaft noch immer mitspielen. Auch jetzt ist für Viele die Magie der Monade noch immer tabu, nicht wissenschaftlich und manchmal sogar verboten. Bruno selbst hat für seine Ansichten im höchsten Maße Kopf und Kragen riskiert. Er zeigte sich letztendlich bereit zu einer letzten Anstrengung, die Sicht der Kirche auf der Basis seiner hermetischen Ansichten und naturwissenschaftlichen Standpunkte zu reformieren. Er konnte das auch tun auf Grund der Vorarbeit durch Ficino, der Hermes Trismegistos bereits übersetzt hatte und selbst auch in das kirchliche Milieu einführte, und vor allem auf der Basis der Vorarbeit von Cusanus, dem Kardinal, der noch früher den Unendlichkeitsgedanken des Universums vorbrachte, nota bene während er manchmal als Stellvertreter des Papstes auftrat.

Dessen ungeachtet war die Kirche alles andere als geneigt, ihre Ansichten durch Brunos Ideen reformieren zu lassen. Wir gefährlich sind Brunos Ideen denn, dass sie verboten werden? Wenn wir uns auf materielle Sicherheiten und die Persönlichkeit stützen, sehr gefährlich; denn die Liebe zur Unendlichkeit und Ewigkeit kann uns auch wahnsinnig machen, wenn wir am Niederen festhalten wollen. Diese Sicherheiten sind letztendlich Scheinsicherheiten, und wir enttäuschen uns in Wahrheit selbst damit. Es handelt sich um eine selbstgewählte Begrenzung in Raum und Zeit, die wohl sicherer scheint und mehr Halt bieten kann, aber sie hindert uns mittlerweile daran, über uns selbst hinauszusteigen, oder anders gesagt, uns selbst zu überwinden. Bruno sprach in diesem Zusammenhang über Transformation in Verbindung mit Monade und Form.12

Die Selbstbegrenzung ist übrigens nicht nur selbstgewählt: die jüdisch-christliche Kultur hat das „Ihr seid Götter” zu allen Zeiten als fast ketzerisch verworfen und ist dem entgegen getreten. Selbst der Hinweis auf die Möglichkeit eines verborgenen Umgangs mit Gott, wie Spinoza das als Amor Dei erwähnte, war bereits verdächtig in einem 17. Jahrhundert, das noch stärker durch Religionskriege heimgesucht wurde als Brunos 16. Jahrhundert. Nach Dr. de Graaf in seinem Buch Spinoza und die Krisis der westlichen Kultur wies Spinoza auf die verborgene jüdische Lehre der Kabbala13 hin und setzte die Verborgenheit mit den Sephiroth, die, wie auch bei Pythagoras üblich, aus zehn Einheiten bestehen, gleich.

Bruno gibt der Kabbala eine Funktion als mystische Erkennbarkeit der Genesis-Geschichte, und er teilt u.a. die Idee der ewigen Unendlichkeit Gottes (dem jüdischen En-Soph, das unfassbar ist) mit Spinoza und den Kabbalisten. Bruno bezieht sich auf die Dekade, als Qualität der Zahl 10 auch explizit auf die zehn Sephiroth.14

Warum hat – ungeachtet dieser verborgenen jüdischen Weisheit – die jüdisch-christliche Kultur (außer den Gnostikern) nahezu immer das „Ihr seid Götter” als ketzerisch verworfen? Der Autor Kimberley Cornish gibt in seinem Buch Ein jüdischer Junge15 an, dass dies daher kommt, weil für das Christentum wie auch für Judentum und Islam der Abstand zwischen Geschöpf und Schöpfer absolut ist. Er zeigt auf, dass im brahmanischen und buddhistischen Erleben dieser Abstand auf diese Art nicht besteht.

Die östliche Idee der Monade zeigt ein innereigenes göttliches Potential. Das ist über Pythagoras, der anscheinend aus der Gegend des Himalaya inspiriert worden ist, in Brunos Denken hineingekommen. Es ist dann auch nicht verwunderlich, dass Bruno Luthers Auffassung eines unüberbrückbaren Abstandes zwischen Gott, Mensch und Natur verwirft.16 Nach Bruno sehen wir u.a. bei Schopenhauer das deutliche Signal der göttlichen Potenz in uns selbst postuliert. Schopenhauer nennt diese Potenz das „bessere Ich”, welches an Raum gewinnt, wenn wir unserem Willen entsagen. Schopenhauer war dabei sehr inspiriert durch die mystische Magie von Tauler und Eckehart17 und zugleich – wie bekannt – durch Buddha.

Die mystische Magie kann als ein wichtiger Teil der Magie der Monade angesehen werden, kaum toleriert im Mittelalter, aber Gottseidank nicht verboten. Danach ist diese Magie als exaltiert herabgesetzt und noch im 20. Jahrhundert durch den großen Historiker Huizinga in seiner Herbstzeit des Mittelalters lächerlich gemacht worden.18

Die hinter uns liegende Kulturperiode hat deshalb den bekannten Aufruf: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz seine Kraft verliert, womit soll man salzen…. Ihr seid das Licht der Welt…”19 nicht als das einsatzfähig Werden und Sein unserer göttlichen Herkunft auffassen können und dürfen, sondern im Gegenteil diese Magie der Monade – wie sich diese zu manifestieren begann in Bruno, Paracelsus, Böhme, Spinoza und in vielen anderen autonomen Geistern – verdächtig gemacht, in den Bann getan, verfolgt und dagegen gewirkt. Später, sagen wir, nach sicherem Zeitabstand nach ihrem stofflichen Tod – und der sichere Abstand war bei Spinoza groß und bei Bruno sehr groß! – wurde oft von Wissenschaftlern wieder auf sie verwiesen. Vor allem Böhme war ein großer Inspirator für Natur- und andere Wissenschaftler. Ungeachtet dieses Gegenwirkens hat man durch die Jahrhunderte hin ständig den gleichen Tenor gehört: Die Wahrheit oder die Gottheit ist eins und unteilbar, ungeboren, unveränderlich und unvergänglich: (Brahman.)20

Warum sollte die Entwicklung der göttlichen Potenz in uns, nach Brunos Ewigkeitsbegriff, eigentlich ein magischer und revolutionärer Prozess sein; warum muss eigentlich gesprochen werden von der Magie der Monade und nicht viel eher von der Evolution der Monade? Gibt doch auch der Lobgesang von Hermes dieselbe göttliche Substanz in verschiedenen Feinheitsgraden wieder: „Das Feinste der Seele ist der Geist, und das Feinste des Geistes ist Gott.” Im Einen, in der Einheit, die bei Gott und in Gott ist, dem mystisch-magischen Bewusstsein, lässt sich gut verweilen. Im Frieden ruhend, der allen Verstand übersteigt, würden wir uns in ein dolce far niente, in ein seliges nirwanisches Nichtstun und in ein ultimatives Wu-Wei einkuscheln mit der Sicherheit eines Fortganges von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.

Hat die Welt nicht Recht, wenn sie Himmelsstürmer und verdächtige okkulte Experimente abweist und zum Tabu erklärt? Der oben genannte Kimberley Cornish versucht in seinem Buch aufzuzeigen, dass sowohl der Faschismus von Hitler als auch die Heilsstaaten des Kommunismus die gesellschaftlichen Folgen von dergleichen Experimenten sind, also der magischen Handhabung eines dämonischen Selbstes.21 Für den Faschismus war diesem Autor zufolge der Judenhass das magische Agens, aus welchem sich die Dynamik bildete.22

Die Schlussfolgerung dieser falschen Magie kann sein, dass die Magie des Menschen das Wort beweist „Je größer der Geist, desto größer das Biest”. Gibt es denn eigentlich so etwas wie bonafide Magie? Können wir uns dem Stadium des Zauberlehrlings entreißen, bei dem alles schief geht und der einen Trümmerhaufen fabriziert?23 Und wenn wir dem entsteigen, werden wir dann ein neuer Lehrling werden zur vollkommenen Offenbarung der Monade? Läuft sich eine Entwicklung ohne die feurige Kraftwirkung und Transformation, die Bruno beabsichtigt, wirklich tot? Besteht nicht normalerweise eine allmähliche menschliche Entwicklung, für welche ein mächtiger Veränderungsprozess nicht wirklich nötig ist? Wie sagt Bruno es selbst? Im Dritten Italienischen Dialog, der Vertreibung der triumphierenden Bestie, bemerken wir erstmals, dass Bruno die Welt auch nicht als „die beste aller Welten” ansah, wie es sein Nachfolger in der Monadologie, Leibnitz, formulierte. Im Gegenteil, er plädierte für eine „renovatio mundi”, Wiederherstellung der Naturordnung, wodurch Gerechtigkeit und Wahrheit zurückkehren könnten.24 Wir nehmen dann auch an, dass, was Bruno Sofia sagen lässt, auch seine eigene Stimme ist.

Über Magie sagt Bruno Folgendes: „Darum haben wir … die Weisheit und das Urteil nötig, die Kunst, den Fleiß und den Gebrauch des sinnlich nicht wahrnehmbaren Lichtes, welche durch die ebenfalls nicht wahrnehmbare Sonne … der Welt enthüllt werden. Diese Praxis wird Magie genannt: und insoweit sie übernatürliche Prinzipien zum Gegenstand hat, ist sie göttlich, und angesichts dessen, dass sie die Kontemplation der Natur und das Durchgründen ihrer Geheimnisse zum Gegenstand hat, ist sie natürlich; und sie wird Zwischenglied und mathematisch genannt, wenn sie aus den Urprinzipien und den Wirkungen der Seele besteht…”25

Dieses Dazwischenliegende und Mathematische und das Bestehen aus den Urprinzipien und den Wirkungen der Seele finden wir wieder bei der „Fünfheit aus der Monade”, wovon Bruno selbst als einzige der 10 Figuren und Zahlen diese Fünfheit direkt als sich auf den Magier beziehend bezeichnet: „Die geometrische Figur der Fünfheit zeigt die Abbildung des Magiers.”26 Die Abbildung ist natürlich das Pentagramm, die Seelenkonfiguration der Monade. Bruno beschreibt das Pentagramm innerhalb des Kreises der Ewigkeit. Zentral steht bei Bruno außerdem in der Fünfheit die Hand, die Tat – ein Signal mehr, dass es ihm um praktische Seelenmagie geht.

Inwiefern stehen wir in diesem Stadium noch auf der Basis der urindischen Auffassung von Brahman? Gehen wir davon aus, dass Bruno die Monade nicht allein von Hermes entlehnt, sondern über Pythagoras aus der indischen und brahmanischen Tradition übernommen hat, dann sehen wir doch einen großen Unterschied:

„Brahman, unaussprechlich und wortlos:
Wer Gott will finden, wird durch Sein‘ Glut erblinden.
Wer Brahman schaut, ihm stirbt das irdisch Sehen.
Alles, was Unterscheidung kennt und Farbe und Geruch, ist Maya,
ein Schleier der Täuschung.”27

Wort und Zahl zugleich

Bruno hat einen viel dynamischeren Begriff hiervon; einerseits ist die Wahrheit zwar „über und an allen Dingen”; aber doch vor allem mit und in allen Dingen und besonders als Substanz davon.28 Überdies ist Brunos Monade überhaupt nicht wortlos, sie ist ursprüngliches Wort und Zahl, und das gleichzeitig. Die Zahl ist hier eins mit dem Wort. Wie offenbart die Monade sich denn als Wort und Zahl in einem? Dadurch, dass das Wort erzählt wird, er-zählt.29 Das ist nicht so sehr ein Wortspiel in Niederländisch, sondern auch im Deutschen (Zahl und erzählen) und es ist vielleicht noch stärker im Englischen, wo „to tell” schon wieder weiter weg von zählen steht. Man könnte sagen, dass die Engländer und Amerikaner besser auf ihr Zählen achten müssen…

Wir kommen hier zum Höhepunkt von Brunos Monadologie, der Einheit, die einfach ist und in unserem Herzen wohnt, in der mathematischen Mitte unseres Mikrokosmos, die die Ewigkeit erschließt und Unsterblichkeit impliziert. Neben der Quelle, auf die im indischen Denken die Monade zurückzuführen ist, hat Bruno sich sicherlich auch auf Euklid gestützt, der dem griechischen Wort für Einheit, nämlich „Monas”, mathematisch und philosophisch Inhalt gab als dem Essentiellen, Unteilbaren, das die Basis von allem ist.30 In einer unversehrten Naturordnung würde es absolut zufriedenstellend sein, sich als Mensch mit dieser wunderbaren Tatsache zu identifizieren. Wenn wir in unserer Armut Brunos dritten Dialog über die Vertreibung der triumphierenden Bestie beurteilen – einer Armut, die Gerechtigkeit und Wahrheit entbehrt -, ist eine Magie der Monade unvermeidlich.

Bruno wird niemals müde, aufzuzeigen, dass der Geist, der nach dem Höheren strebt, sich abstimmt auf diese erste, wesentlichste und einzige Intelligenz, z.B. in dem Dialog über die heroischen Verzückungen, worin er Maricondo sagen lässt, das es sich um einen innerlichen Prozess handelt:”… er muss in das tiefste Innere von sich selbst durchdringen und sich dessen bewusst sein, dass Gott nahe ist, mit ihm, ja in ihm ist, mehr als er selbst sein kann, denn Gott ist die Seele der Seelen, das Leben der Leben, die Essenz der Essenzen”31
Die Magie der Monade ist hier Mystik, aber Bruno geleitet uns weiter zu den folgenden Zahlen, Symbolen, von welchen ich nicht alle Revue passieren lassen will, sondern nur diejenigen, die für die Magie der Monade essentiell sind. Dies zeigt sich auch aus Brunos Ausgangspunkt, dass es im Wesen nur eine absolute Monade gibt, das heißt, Gott, und dass die menschlichen Monaden alle Stadien, alle Zahlen durchlaufen müssen, bevor sie Unendlichkeit und Ewigkeit werden. Dies stimmt überein mit der östlichen Weisheit, dass die menschliche Monade infolge eines Entwicklungsweges zu ihrem Urquell zurückkehren muss, der absoluten Gottheit32.

Auf der Abbildung von Brunos Monade ist ein Dreieck sichtbar, und die Drei-Einheit der Monade ist eigentlich vorausgesetzt. Ebenso wie die Zweiheit, die Bruno mit der Monade verbindet dadurch, dass als Ausgangspunkt gerade die Einheit der Gegensätze in Gott positioniert wird. Dies ist sehr wichtig, denn versuchen wir, dieses Zusammenfallen der Gegensätze (coincidentia oppositorum) von Kunst oder Wissenschaft aus zu positionieren, dann entsteht meist nur Verwirrung, Nichtbegreifen und höchstens Respekt für das Genie. Denken Sie hierbei z.B. an James Joyce’s Finnegans Wake, wovon unlängst eine niederländische Übersetzung erschienen ist.33 Ein Rezensent dieser Übersetzung sah in Joyces Produkt einen Zusammenfall von Gegensätzen, entkam aber nicht der Schlussfolgerung von „verworrenem Zeug, Spielsprache und unnatürlicher Explosion von Kreativität in Sprache und Symbol”.34

Die Einheit der Gegensätze – ein erprobtes Lehrstück, das Bruno von Cusanus entlehnte35 – ist völlig in Übereinstimmung mit der mystischen Magie, aber auch mit Hermes‘ berühmtem Ausspruch „Wie oben, so unten”. So kann man also von einer doppelten Einheit der Gegensätze sprechen. Dies bildet wohl den Übergang zu der anderen, der philosophischen oder Seelenmagie. Nur die Seele, der Magier von und aus der Fünfheit als monadische Emanation, als verwirklichtes Pentagramm überwindet die Dialektik, die Gegensätze von und in der Welt, weil allein die Seele diese Gegensätze ins Gleichgewicht bringen kann.36

Nach der Einheit stehen wir vor allem still bei der Fünfheit, die Bruno explizit als magisch benennt. In der jüdischen Tradition mit dem Tarot verbunden, wird Aleph bereits als 1 magisch genannt und die Fünfheit die Zahl des Priesterkönigs oder Hierophanten. Das Leid der Dualität und der Gegensätze ist ausgestanden durch eine positive mystische Magie im Bewusstsein, dass Sie selbst das Zentrum des Ganzen sind, und dass Sie ohne sich selbst zu begreifen niemals die Wirklichkeit begreifen können. Die negative mystische Magie wie z.B. der Solipsismus37 schließt Gott aus und verursacht in der folgenden Phase der Magie das Unglück, bei Bruno das Gottesbild Veiovis. Der Solipsismus ist ein Egotraum, worin man sich nicht nur bewusst ist, selbst das Zentrum des Ganzen zu sein, sondern vor allem sich selbst als einzige Wirklichkeit erfährt, das heißt, man ist in ein Schauspiel gestellt, worin man selbst der Einzige ist, der besteht, die Hauptrolle spielt und die Geschichte bestimmt. Andere Spieler bestehen nur in der Geschichte und tragen nicht wirklich etwas bei. Es ist Mut und echte Liebe nötig, um aus dieser Geschichte aussteigen zu können, denn wenn etwas das Ego streichelt, ist es dieses Schauspiel oder dieser Film. Mittlerweile gibt es auch wirklich eine Filmversion davon, die Truman Show. Diese negative Vorgehensweise bildet auch ein Pentagramm, aber die Seele, das Bild Veiovis von Bruno, ist nicht dem Licht zugekehrt, sondern wendet sich davon ab. Worum es geht, ist die Figur des Diovis als Bild des Glücks, der Mensch im Pentagramm, das Gesicht dem Licht zugekehrt.38

Die positive Magie beginnt bei dem Einen, vor allem der Fülle des Einen, worin die Einheit der Gegensätze und die Drei-Einheit – Bruno zeichnet die Monade als Kreis mit einem Dreieck darin – enthalten sind. Die mystische Magie findet ihre Fortsetzung in der Seelenkonfiguration der Monade, dem Pentagramm mit dem Menschen in der Mitte, auf das Licht gerichtet. Zu Recht weist Bruno auf Mercurius hin, den erleuchteten Verstand, die philosophische Magie in Kombination mit dem Handeln. Er geht sogar so weit, diesen Magier als wirksame Kraft in Verbindung mit Handauflegung zu bringen, einer magischen Praxis, die von vielen Gnostikern ausgeübt wurde.

Bevor wir jedoch auf die Merkurwirksamkeit und das verbindende Feuer Amor bei Bruno eingehen, muss angemerkt werden, dass das Bild, das wir Ihnen heute vorstellen, eine Auswahl der Zahlen und Figuren bildet, speziell die Zahlen 1, 5 und 10, die Monade, der Kreis und das Pentagramm.

Die Zahl 10, die vollkommene Zahl bei Pythagoras und Bruno, stimmt überein mit Malchuth, über Kreis, Pentakel und Tempel verbunden mit Tiphereth aus den Sephiroth. Tiphereth steht im Hebräischen für die Herrlichkeit des reinen Ebenmaßes.39 Tiphereth ist die sonnige Mitte, oft auch in Verbindung mit dem Rosenkreuz gebracht40. Bruno empfiehlt, göttergleich zu werden. Dafür steht die Zahl 10, das vollkommene Ebenmaß des Königreiches. Der Auftrag vollkommen zu werden – das „Werdet vollkommen!” aus der Bibel – stellt den Menschen vor eine magische Handlung. Wie können wir vollkommen werden? Durch die Magie der Monade, der Zahl 5, die wir in die Wirksamkeit des Pentagramms stellen. Dann ist die Monade Gegenstück und Quintessenz zugleich!

Bruno zitiert in „De Monade” im Pentagramm, worin die Seele steht, Virgilius Maro, der sagt: „Im Minimalen liegt eine Bemühung und keine geringe Ehre, wenn die unheilbringenden Dämonen vom Kandidaten ablassen und der angerufene Apollo anwesend sein wird.”41 Für Bruno gilt als Ausgangspunkt in De Monade die Pentagramm-Einteilung von Plato: Gott zuoberst, links die Seele, rechts die Intelligenz, links unten die Materie, rechts unten die körperliche Form. Die Materie und die Form werden „geteilt”, erklärt Bruno diese platonische Tendenz, aber die Seele und die Intelligenz nicht, und Gott ist die Einheit und Fülle selbst.42

Die natürliche Magie der Seele „insoweit diese sich auf der Grenze befindet einerseits des Körperlichen und des Geistigen und dem Geistigen und Intellektuellen andererseits”43 nennt Bruno zwischenliegend und mathematisch, innerhalb der 1 und der 10. Als Christian Rosenkreuz für das Fest von Seele und Geist eingeladen wird, empfängt er ein Siegel, die sogenannte Monas-Hieroglyphe, eine Ganzheit von Zeichen in der Form von Mercurius, dem Gottmenschen. 1 und 5 kommen hier miteinander verbunden zum Ausdruck.44

Im 16. und 17. Jahrhundert ziehen Zahlen ihre Spur durch das Weltall nachdrücklicher, manchmal simpel und einfach, dann wieder komplex. Wenn wir an Bruno, Kepler und Leibnitz denken, aber auch an ein Buch wie die Alchymische Hochzeit von Christian Rosenkreuz, sieht es so aus, als ob nicht nur Zahlen-Symbolik, sondern auch Zahlenmagie zentral steht. Alles scheint durchzogen von der Zahl und zählen. Zu dieser Zeit ist die Zahl mächtiger als das Wort45.

Aber auch zur Zeit von Pythagoras hatte die ganze Zahl eine sehr große Bedeutung. In der Musik, wo sich die Schwingungsverhältnisse von pythagoräischen Entdeckungen herleiten, spielen die Zahlen 1, 5 und 10 eine ziemlich große Rolle. Ausgehend von der 1 ist die Quinte die erzeugende Verbindung, der zentrale Intervall. In der 5, der Zahl der Quinte, geht es einerseits um eine neutrale Seelenkonfiguration, aber andererseits unmissverständlich um die menschliche positive Magie, und dann in Relation zu Erkenntnis-Weisheit. Denn die Mercurius-Entwicklung schreitet keineswegs ungefährdet voran, so dass positive Magie notwendig ist.

Bruno unterscheidet eine Art Zweiteilung der Seele, die uns an Goethe denken lässt mit seinen „zwei Seelen in der Brust”.46 Es geht darum, sich nicht von den niederen Funktionen und Aufgaben der Seele irreführen zu lassen.47 Das Ruder der Vernunft ist dabei notwendig. Der Weg der Seele nach oben ist keineswegs harmonisch. Bruno weist hierbei auf eine Weisheits-/Liebeskraft hin, die für das Vollkommenwerden der Seele nötig ist und die auch Gefahren mit sich bringen kann. Die Liebe kann nicht nur eine heilsame Wirkung ausüben auf das intellektuelle Vermögen der Seele, sondern sie kann auch blind machen.48 Bruno meint eine höhere Art der Liebe, die heroische Liebe. Die Seele muss sich dabei lösen von der Art der Liebe, wie sie in verkörperter Form üblich ist. Nur die höhere Art der Liebe kann die Seele zur „transformatio duplex” aus dem Schatten führen.49 Denn die Liebe kann als ein verzehrendes Feuer wirken und sowohl zu Weisheit als auch zu Geisteskrankheit führen. Brunos Liebe nimmt den Intellekt mit hinauf und lässt ihn nicht zurück an einem bestimmten Punkt. Das gemeinschaftliche Hinaufsteigen muss darum eine entscheidende Transformation des Intellektes als Funktion zur Folge haben.50 Die Liebe übersteigt auf eine bestimmte Art die Erkenntnis, nämlich in Dynamik und Effektivität.51 Wir können dazu eine Parallele finden in der bereits erwähnten Alchymischen Hochzeit von Christian Rosenkreuz, worin ebenfalls die Transformation der Seele mit dem Geist auf chemischem Wege einen Aufgang zur Folge hat.52

Die verbotene Magie der Monade ist die gnostische Magie von Hermes. Es ist die Seelenmagie, die die Merkurwirksamkeit aufruft, von Hermes der Gottesdienst des Denkens genannt. Diese wurzelt in der magischen Kraft des Pentagramms im Zirkel. Es ist dieselbe Seelenmagie, die die Katharer, dem Licht zugewandt im Pentakel stehend, zu Vollkommenen transformierte. Dieses große Geschehen fand statt in Südfrankreich in der Grotte von Bethlehem. Das aus der Felswand ausgehauene Symbol des Pentagramms war druidischen Ursprungs. Der Kandidat musste in diesem ausgehauenen Fünfeck stehen. Mit aufgerichtetem Haupt und ausgebreiteten Armen und Beinen bildete er so einen fünfzackigen Stern. Der Patriarch der Katharer, Antoine Gadal, schrieb darüber: „Nichts würde im Stande sein, den Menschen, der in Bethlehem (so heißt die Grotte mit dem ausgehauenen Fünfeck) neu geboren worden war, vor Angst erbeben oder vom guten Wege abweichen zu lassen. Niemand in der Welt war im Stande, die mysteriöse Kraft, die er vergegenwärtigte, zu überwinden.”53 Wie wir hörten, deutet Bruno dies mit Apollo an.

Der Weg der Parfaits, der Weg der vollkommenen Katharer, wird auch der Weg der Sterne genannt, was nicht ganz dasselbe zu sein scheint als was Bruno mit dem Gang der Monade und besonders der magischen Wirkung im Pentagramm andeutet. Jedoch kannten die Katharer das ihrer höchsten Einweihung vorausgehende Endura, die Selbstersterbung der niederen Seelenkräfte, während Bruno die Magie der Monade in einen feurigen Prozess der Entwicklung der höheren Seelenvermögen stellt. Der Akzent liegt bei ihm auf dem Einen, das alles ist, und nicht so sehr auf dem Einen, das durch das Absterben des Niederen entstehen kann. Doch sehen wir bei Bruno auch eine deutliche Variante, die bei der Magie im Pentagramm von dem Niederen ausgeht. Zugleich spielt Transformation in beiden Prozessen eine Hauptrolle. Und auch Bruno spricht in Zusammenhang mit diesem Prozess vom Weg der Sterne.

Bei dem Verbot der Magie der Monade geht es nicht so sehr darum, zur Veranschaulichung auf die brutalen Mordpraktiken der römisch-katholischen Kirche bezüglich der oben genannten Katharer hinzuweisen; denn dem liegen vor allem weltliche Machtverhältnisse und -belange zu Grunde und nicht bewusste Gegnerschaft hinsichtlich der gnostischen Magie. Es geht vielmehr um die heutige Zeit, worin wir die Notwendigkeit der Magie der Monade einsehen und dann gleichzeitig bemerken können, wie das Konzept von Bruno, die Intention, die feurige amor, in dieser Zeit noch immer kaum ernst genommen, verdächtig gemacht und als nicht sachlich zur Seite geschoben wird. Wenn wir z.B. unseren Blick auf Gary Zukav richten, der mit seinem Buch Die tanzenden Wu-Li-Meister54 in den 70er-Jahren einen Weltbestseller schrieb. Als er aber später in seinem Buch Der Sitz der Seele55 sehen ließ, was es für die Seele bedeutet, die universelle Lebenshaltung anzuwenden auf der Basis einer wirklichen Seeleneinsicht in monadischer Perspektive, da wurde er von denselben Rezensenten negiert, die ihn vorher in den Himmel gehoben hatten. Es ist natürlich kein Zufall, dass Zukav im Sitz der Seele die Auffassung von Bruno über die Materie, Energie und Metaphysik im Verhältnis zum Universum teilt. Zukav fragt im Kapitel „Vertrauen”: „Wie reagiert Ihr Herz auf den Gedanken, dass das Universum lebt, voller Erbarmen ist, und dass Sie zusammen mit diesem Universum und mit anderen starken und erleuchteten Seelen Erkenntnis sammeln, um in einem Prozess der Zusammenarbeit die Wirklichkeit, die Sie erfahren, zu erschaffen?
Bedenken Sie, was die Zukunft, die auf der Energie der Persönlichkeit aufgebaut ist, für unsere Welt wahrscheinlich bereit hält, und was die Zukunft, die auf der Energie der Seele aufbaut, der Welt bringen könnte. Wofür entscheiden Sie sich?”56

Es gibt etwas zu entscheiden – die Entwicklung der Monaden inmitten des Universums ist kein automatischer Prozess! Die Magie der Monade ist notwendig, und mit der feurigen Liebe, die Bruno befürwortet, kann schließlich der Geist der vollkommenen Zahl erreicht werden. In dieser Welt haben Gerechtigkeit und Wahrheit keine Chance, sofern die Monaden nicht dem Prozess der Gottwerdung folgen, indem sie die gnostische Magie der Entsterblichung der Seele anwenden.

Der belgische Gelehrte und Nobelpreisträger Prigogine hat einmal gesagt, dass das Gesetz der Entropie das ganze Theater des Lebens in das fahle Licht der großen Vergeblichkeit untertauchen lässt. Das Gesetz der Entropie beinhaltet, dass im All Energieteilchen in einen Zustand geraten, der nicht mehr umgesetzt, transformiert werden kann. Systeme mit hoher Entropie verlieren die Energie, die sie für ihre Selbsterhaltung brauchen: ihre strukturbildenden Kräfte gehen verloren, und sie fallen auseinander, wenn sie nicht von außen her Energie zugeführt bekommen; je stärker isoliert, desto größer die Zunahme von Entropie. Nun gibt es kein System, so erklärt Prigogine, das besser „isoliert” ist als das Universum in seiner Ganzheit, und somit wird letztendlich Entropie triumphieren. Das Gesetz der Zunahme von Entropie ist gnadenlos. Im Universum wirkt sozusagen eine Art thermodynamische Todessehnsucht. Der Mensch kehrt somit zum Staub zurück, und das Universum verwandelt sich in seiner eigenen Abwärme.57

Da haben wir eine ganz andere Vision als Brunos Metaphysik der doppelten Unendlichkeit und der Magie der Monade! Es ist natürlich dieselbe Natur und dasselbe Universum, aber aus einer anderen, d e r anderen Sicht gesehen, aus der Sicht der Erhaltung der Energie. Das Gesetz der Entropie ist nämlich eine Modifikation des Gesetzes der Energieerhaltung. Bruno war dagegen hermetisch und metaphysisch orientiert: „Alles empfangen, alles preisgeben und dadurch alles erneuern” ist nach Jan van Rijckenborgh der Sinn von Vers 15 aus dem 11. Buch von Hermes über den Verstand und die Sinneswerkzeuge.58 Darin spricht ein unverhohlener Holismus. Allein durch das Preisgeben von allem, was durch den Mittelpunkt unserer Monade von Gott empfangen wurde, werden wir transformieren, erneuern wir – reibungslos – unsere Existenz und treiben – magisch – einen Keil in die eigene Abwärme. Indem wir in uns selbst beginnen, heben wir das isolierte Universum auf. Es ist das Verdienst von Prigogine, dass er die Aussichtslosigkeit eines isolierten Alls auf eine sehr moderne Art für uns transparent und damit die absolute Notwendigkeit der Magie der Monade im Licht der Ewigkeit akzeptierbar gemacht hat.

Ein anderer aktueller wissenschaftlicher Standpunkt verbirgt sich in der durch die Aufklärung verursachten rationellen Annäherung von Zahlen und Entwicklungsprozessen. Entwicklungsprozesse kommen stochastisch zustande, das heißt, über trial and error, und da herrschen Zufall und unerklärbarer Fortschritt vor, resp. Degeneration. Zahlen sind quantitativ und alle gleichwertig, auch sind sie numerisch unterschiedlich. Zahlenmagie würde dagegen mittelalterlich oder, wenn Sie wollen, höchst romantisch sein. Damit würden Zahlen nicht archetypisch magisch und nach Pythagoras wirkend sein können. Bruno gebraucht selbst bereits das Wort „Archetypus”.59

Auch hier bietet die moderne Wissenschaft einen neuen Ausweg, Und jetzt denken Sie vielleicht, dass ich damit den berühmten Ausspruch von Einstein meine, dass Gott nicht mit Würfeln spielt. Was den Zufall betrifft, würden Sie damit eine hohe Augenzahl werfen. Dennoch geht es mir auch um die Zahlenmagie, die als Aberglaube ein paar Jahrhunderte in die Ecke gestellt worden ist. Natürlich nicht im Sport oder im Börsenhandel! Da wurde und wird immer nachdrücklicher jede ganze Zahl „magisch” genannt: wie oft doch in der Börsen- und der Sportwelt magische Grenzen durchbrochen werden, ist nicht mehr zu zählen, in ganzen Zahlen natürlich!

Bereits 1931 hat der deutsche Mathematiker Kurt Gödel in einem berühmten Artikel über ganze Zahlen aufgezeigt, dass in der Praxis die Komplexität von 1,2,3 usw. durch kein einziges feststehendes System wiedergegeben werden kann.60 Das kann auch als ein deutlicher Hinweis darauf interpretiert werden, dass ganze Zahlen „magisch” sind, kopflastig von Komplexität. Eine ganze Zahl ist nicht nur so eine Quantität, sondern es spricht auch eine innerliche Qualität daraus, die einzigartig ist und nicht wiedergegeben werden kann durch welches System auch immer. Eins wie das andere bedeutet, dass Pythagoras, die Sephiroth und die Kaballah und auch die Monadologie von Bruno nach der Ordnung der ganzen Zahl 1, mündend in die vollkommene Zahl 10, aktuell sind und nicht so sehr mit Aberglauben zu tun haben, eher mit Musik. Auch das hat Einstein einen berühmten Ausspruch entlockt, worin er seine Ehrfurcht und sein Erstaunen gegenüber der mystischen Größe der Zahl 1 zum Ausdruck brachte. Die modernen Ansichten bedeuten u.a., dass die Magie der Monade nicht länger verboten und wahrscheinlich sogar erwünscht ist für das ganze Weltfeld.

„Die ganze Schöpfung schaut mit sehnsuchtsvollem Verlangen aus nach der Offenbarwerdung der Kinder Gottes.”

In dieser Zeit ist die gnostische Seelenmagie das Mittel, um die eigene Seele zu einem Kriterium zu führen, zu einer Seelenentwicklung, die die Ewigkeit anziehen kann, von der Zahl 1 über die Zahl 5 zur Vollkommenheit der Zahl 10.

Werdet Ewigkeit, erhebt euch über alle Zeit, sagt Bruno.
Öffnen Sie aus Ihrer magischen Mitte heraus die Pforte zu dieser Ewigkeit.
Verlangen Sie mit aller Liebe, die Sie haben, nach dieser Ewigkeit und Unendlichkeit.
Richten Sie Ihre Liebe auf die Gesamtheit des unendlichen Universums.

Giordano Bruno hat für uns den hermetischen Gottesdienst des Denkens erschlossen und die Monade als geistiges Prinzip in einen dynamischen Prozess gestellt. Dieser dynamische Prozess ist wie ein Brand.

„Seelenglut schafft neues Denken, füllt mein Herz mit heil’gem Brand”61, ist ein Zeugnis aus der hermetischen Gnosis. Bruno hatte dieses Seelenfeuer aus dem Herzen.

Vortrag: Frans Spakman

1. Het probleem van de kennis bij Giordano Bruno, Leen Spruit, Amsterdam 1987, S. 213
2. item, S. 1
3. De Monade, Numero et Figuro, Giordano Bruno, 1591 Frankfurt/M., S. 347, 348
4. Giordano Bruno and the Hermetic Tradition, Francis Yates, 1964, Kap. IX
5. De geheugenkunst, Francis A. Yates, Bert Bakker, 1988
6. Giordano Bruno and the Hermetic Tradition, S. 246
7. Rose Cross over the Baltic, Susane Akerman, Brill, Leiden, 1988, S. 230
8. Oculus Sidereus, Abraham von Franckenberg, Danzig 1644
9. Het Levende Woord, Catharose de Petri, Haarlem, 1989, S. 144, 145
10. item. S. 146
11. Eight Philosophers of the Italian Renaissance, P.O. Kristeller, 1964, S. 138
12. Het probleem van de Kennis bij G.B., Leen Spruit, S. 223
13. Spinoza en de crisis van de Westerse Cultuur, Dr. F. de Graaf, 1977, S. 37 ff.
14. De Monade…, G.B., S. 461-462
15. Een Joodse Jongen, Kimberley Cornish, 1998, Antwerpen, S. 254
16. Italiaanse Dialogen, Giordano Bruno, Amsterdam, 2000, S. 168
17. Arthur Schopenhauer, De Woelige jaren van de filosofie, Rüdiger Safranski, Baarn 1990
18. Herfsttij der Middeleeuwen, J. Huizinga, 1919, Kap. 16: Realisme en het bezwijken der verbeelding in de mystiek
19. Matthäus 5, Verse 13 und 14
20. De mens en zijn schaduw, P.v. Schilfgaarde, Brill Leiden, 1948, S. 208
21. Een Joodse Jongen, Kimberley Cornish
22. item, S. 193
23. Pentagramm, Rozekruis Pers, 2001
24. Italiaanse Dialogen, G.B.: de verdrijving van het triomferende beest
25. item, S 194
26. Über die Monas, die Zahl und die Figur, G.B., übers. Elisabeth v. Samsonow, Hamburg, 1991, S. 83
27. De mens en zijn schaduw, van Schilfgaarde, S. 208
28. Über die Monas, G.B., Kap. II über die erste Figur, die Monade
29. item, Einleitung Elisabeth v. Samsonow, Sprechen und Zählen
30. Pentagramm Nr. 2/2001, Die Monadenlehre und die Einheit
31. Italiaanse Dialogen, Bruno: over de heroische vervoeringen, S. 265
32. Geheimlehre, Blavatsky, 1888, London, Couvrier Den Haag, Teil 1, S. 133
33. Finnegans Wake, James Joyce, Polak V. Gennip, 2002
34. NRC Handelsblad 12.04.2002
35. Coincidentia Oppositorum, Cusanus
36. Das Nyctemeron von Apollonius von Tyana, J. v. Rijckenborgh, Haarlem 1968: Die 5. Stunde
37. Arthur Schopenhauer, de woelige jahren van de filosofie, Rüdiger Safranski, Tirion, Baarn 1990
38. De Monade, Giordano Bruno, S. 417
39. De Kabbala, Dr. Erich Bisschoff, Amsterdam, Schors, S. 73
40. The New Living Qabalah, Will Parfit, 1988, S. 92
41. De Monade, Bruno, S. 417
42. item, S. 407 und 410
43. Italiaanse Dialogen, Bruno, S. 194
44. Die Alchymische Hochzeit entziffert, Munin Nederlander, Rotterdam 1998, S. 171
45. item, S. 25 ff.
46. Italiaanse Dialogen, Bruno, S. 273
47. Het probleem van de kennis bij Bruno, Spruit, S. 220
48. item, S. 223
49. De Gli Eroica, Giordano Bruno, 1007-1008
50. Het probleem van de kennis bij Bruno, Spruit, S. 225
51. item
52. Die Alchymische Hochzeit von Christian Rosenkreuz, Valentin Andreae, 1616, 5. Tag, der Turm von Olympus
53. Auf dem Weg nach dem Heiligen Gral, Antoine Gadal, Rozekruis pers 1960, S. 146
54. De Dansende Woe-Li Meesters, Gary Zukav, 1977
55. De Zetel van de Ziel, Gary Zukav, Kosmos, 1991
56. item S. 198
57. Het kwaad, Rüdiger Safranski, 1998, Amsterdam, S. 267
58. Die Ägyptische Urgnosis, Jan v. Rijckenborgh, Rozekreuis Pers, 1962, Teil III, S. 105
59. De Monade, Bruno Kap. XI, S. 459 ff.
60. Gödel, Escher und Bach, Douglas Hofstädter, 1978, S. 18 ff.
61. Tempellied Lectorium Rosicrucianum

Abbildung: Bruno wikipedia

Übersetzt und erstellt von Ursula Klee

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