Vortrag

Die Natur – das sind wir

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Vortrag von Firos Holterman ten Hove

Firos Holterman ten Hove (Jg. 1949) ist Repräsentant des Sufi-Ordens des Westens, der 1910 von Hazrat Inayat Khan gegründet wurde. Er war Gartenbauingenieur für biologische Methoden; nach einem Studium Geschichte und Psychologie arbeitet er als Managementberater. Zu seinen Veröffentlichungen zählt: „Das heilige Buch der Natur”

Vortrag während eines Symposiums in Bonn am 13.05.2010

Die Einladung, zu dieser Veranstaltung eine Sichtweise aus dem Sufismus beitragen zu dürfen, hat mich sehr gefreut. Ich fühle mich doppelt geehrt, zum einen, weil der Sufismus als ernst zu nehmende spirituelle Größe Anerkennung findet, zum anderen, weil meine Person als Vertreter dieser Richtung ausgewählt wurde.

Das Thema „Mensch und Erde – Wege zu einem inneren Klimawandel” hat zwei Teile. Auf der einen Seite benötigen wir ein neues Verständnis, wie Mensch und Erde zueinander in Beziehung stehen. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie wir mit den Veränderungen auf der Erde umzugehen haben. Verstehen und Handeln sind die zwei Pole, zwischen welchen sich unser Leben abspielt.

Mein persönlicher Zugang

Es gibt keine feststehende Antwort auf der Frage, wie Sufis die Beziehung zwischen Mensch und Erde sehen. Seit 2006 bin ich dabei, aus den gesammelten Werken des Sufi-Meisters Hazrat Inayat Khan die Ansätze zu diesem Thema zu sammeln. Ein Buch über das Wesen der Natur und eines über die Seele der Steine sind bislang daraus entstanden. Das nächste Buch wird vom Wesen der Pflanzen handeln. Ich gebe darin mein persönliches Verstehen wieder, keine offizielle Lehrmeinung. Eine solche wäre in der vielfältigen Welt der Sufis ohnehin nicht zu erwarten. Geistige Freiheit sehen wir als höchstes Gut.

Eine Antwort, wie Sufis mit den heutigen globalen Veränderungen umgehen, ist noch schwieriger zu geben. Von mir selbst kann ich sagen, dass die globale Wirtschaftskrise mich beruflich sehr getroffen hat. Zunächst brachen meine Aufträge als Managementtrainer weg. Dann musste mein Arbeitgeber die Niederlassung schließen, in der ich eine Führungsaufgabe übernommen hatte. Wahrscheinlich ist es einigen von Ihnen in den letzten Jahren nicht viel anders ergangen. Wir sind heftigen Umbrüchen ausgesetzt, die unser Leben durcheinander wirbeln.

Bei mir haben diese Ereignisse Konsequenzen gehabt, wie zum Beispiel:
* Ich wurde gezwungen, mich beruflich neu zu orientieren und dabei genau zu
erforschen, was meine Stärken sind und wo ich etwas leisten kann.

* In meiner Familie müssen wir sorgfältiger haushalten. Dadurch entstehen neue Freiräume.

* Ich habe die Aufgabe übernommen, eine artenreiche Feuchtwiese zu pflegen, die
für die Bauern nicht länger wirtschaftlich war und deshalb verfilzte.

* Ich habe begonnen, mich eingehend mit Kräutern zu befassen.
* Ich habe mich noch intensiver in meine spirituellen Wurzeln vertieft.

Im Alter von 19 Jahren hatte ich auf dem Flohmarkt ein Heft gekauft wegen des Fotos des Autors, das mich zutiefst beeindruckte. Der Text war allerdings unverständlich für mich und so wanderte das Heftchen ins Regal.

Als ich 25 Jahre alt war, begegnete ich dem Sufi-Meister Pir Vilayat Inayat Khan in einem Retreat-Camp hoch oben in den französischen Alpen. Ich möchte sagen, er war Mann voller Licht. Einige Jahre später ließ ich mich von ihm einweihen. Es stellte sich heraus, dass das genannte Foto eine Ablichtung seines Vaters war.

Hazrat Inayat Khan

Wer war der Sufi-Meister Hazrat Inayat Khan?

Geboren 1882 in Baroda in einer Familie berühmter indischer Musiker, kam er nach einer gefeierten Laufbahn als Vina-Spieler und Sänger 1910 in den Westen und gründete in London den Internationalen Sufi-Orden.

Aus welchem Grund tat er dies?

Sein Murshid (Sufi-Lehrer) hatte ihm die Aufgabe erteilt, Ost und West mit seiner Musik zu vereinen.

Bis zu seinem Ableben 1927 führte er ein kometenhaftes Dasein, das von Reisen, Konzerten und Vorträgen in Europa und den USA erfüllt war.

In seiner Lehre, die er „die Botschaft” nannte, setzte er sich mit der geistigen Suche der Menschheit unserer Zeit auseinander. Einige seiner Kerngedanken sind:

* „Es gibt nur einen Gott: der/die Ewige, einzig Seiende.”

In dem von Hazrat Inayat Khan initiierten universellen Gottesdienst werden Kerzen für alle Weltreligionen entzündet und es wird aus allen heiligen Schriften vorgelesen.

Jeder Mensch hat die Aufgabe, sein höchstes Ideal, Gott, selbst zu definieren und in seinem Leben zu verwirklichen.

Die Religion eines anderen, sei es der persönliche Glaube eines Freundes, sei es die Religion eines Nachbarlandes oder eines Erdteils, ist genauso heilig wie die eigene.
* „Es gibt nur ein heiliges Buch: das heilige Buch der Natur.”

In der heutigen Zeit sollen wir keine äußeren spirituellen Autoritäten mehr suchen, die uns sagen, was gut und was schlecht ist. Jeder Mensch ist dazu aufgefordert, in seiner eigenen und der ihn umgebenden Natur selbst nach Wahrheit zu forschen und aus eigener Kraft seine Natürlichkeit und Religiosität wieder herzustellen.

* „Es gibt nur ein Gesetz: das Gesetz der Wechselseitigkeit.”

Wir würden dieses Prinzip heute Ökologie nennen.

Geben und Nehmen zwischen Mensch und Umwelt müssen in Harmonie sein. Behandle dein Gegenüber so, wie du selbst behandelt werden möchtest.

* „Es gibt nur eine Moral: die Liebe, die aus Altruismus entspringt und in guten
Taten blüht.” Die Sufis gehen davon aus, dass die sogenannte Selbstverleugnung
eine Haltung ist, die in der menschlichen Entwicklung zwangsläufig kommen wird,
weil sie uns anzieht und uns gut tut: „Liebe, süße Verrücktheit! Du heilst alle
unseren Wunden”. (Rumi)

* „Es gibt nur ein Objekt der Verherrlichung: die Schönheit.”

Im Hadith (Sammlung der Traditionen, die auf den Propheten zurückgehen) heißt es:
„Gott ist schön und Er/Sie liebt Schönheit”. Sufis beten die Schönheit an in all
ihren körperlichen und geistigen Aspekten und sehen das Gesicht der Geliebten
in allem.

Mit diesen Punkten stellte Hazrat Inayat Khan ein Programm für unsere Zeit auf und ließ keinen Zweifel daran, dass es zur Verwirklichung gelangen wird.

Ermutigende Signale in unserer Zeit

Wenn ich nun, 100 Jahre später, die Entwicklung der Menschheit betrachte, sehe ich, auch wenn es manchmal nur schwache Signale sind, folgende Entwicklungen:

–> Mehr und mehr Menschen kommen zu der Schlussfolgerung, dass die eigene Religion nicht besser ist als eine andere. Die heutige Veranstaltung, an der ich teilnehmen darf, ist Ausdruck dieser Entwicklung. Wir suchen und finden die Einheit in der Vielfalt. Und wir werden entdecken, dass wir bei einem Kampf zwischen den Kulturen uns selbst vernichten. Wir werden zu einem Punkt kommen, an dem nur noch der Respekt für das Geheiligte des Anderen zählt, weil alles andere weitere Konflikte bedeuten würde, die wir uns nicht mehr leisten können und die unsere Umwelt, „das Heilige Land”, weiter zerstören würden.

–> Mehr und mehr Menschen wenden sich wieder der Natur zu, um dort zu entdecken, was sie in den Büchern nicht mehr finden können. Zu viele sind der Bücher geworden. Zu pervertiert erscheinen die Diskussionen der gängigen Wissenschaft. So wird die Sehnsucht nach ursprünglicher Natürlichkeit weiter wachsen. Ein neues Schauen der Natur wird Basis für das Wissen werden.

–> Mehr und mehr Menschen befinden sich mitten in einem Bewusstwerdungsprozess. Sie erkennen, dass alles, was sie in ihre Umwelt hineinbringen, zu ihnen zurück kommt. Sie entdecken, dass die einzige Haltung, die global eine Chance hat, die der Nachhaltigkeit ist.
–> Zunehmend mehr Menschen sind auf der Ausschau nach dem Außergewöhnlichen. Was überzeugt, ist Liebe. Was beeindruckt, sind Menschen, die über ihren Schatten springen und sich selbst überwinden, der Zukunft unseres Planeten zuliebe.

–> Und schließlich: Wir Menschen haben ein feines Gespür dafür, was richtig und was falsch ist: Es ist unser Empfinden für Schönheit. Schönheit ist eine Kraft, die uns magisch anzieht und die letztendlich siegen muss, individuelle Schönheit, die aufleuchtet hinter den Formen und Gestalten der Natur und die in einem Menschen ihre Vollendung erreichen kann.

Woher nehme ich zu Anfang des 21. Jahrhunderts, hundert Jahre nach dem Wirken von Hazrat Inayat Khan, die Zuversicht, dass diese Ansätze sich durchsetzen werden?
Weil ein Mensch mich mit seinem Licht zutiefst beeindruckt hat und ich durch diese Begegnung im Stande war, das Licht in mir selbst zu entdecken.

Das Licht sucht sich selbst

Als Kind hatte ich ein Erleuchtungserlebnis. Ich saß im Wald und plötzlich wurden die Sonne, die mich umgebende Natur und ich zu einer leuchtenden Einheit.

Wahrscheinlich haben viele Kinder solche Erlebnisse. Nur haben sie sie vergessen. Das innere sowie das äußere Leuchten sind immer da, aber wir haben die Augen davor verschlossen.

Hazrat Inayat Khan erklärt uns dieses Phänomen des Vergessens mit den Begriffen der Kosmologie der Sufis: Um sich selbst kennen zu lernen, kreierte das ewige Licht Himmel und Erde. Das Licht verliert sich in der Schöpfung, um sich selbst dort zu suchen und zu finden. „Gelobt sei der Sündenfall” sagen deshalb die Sufis. Ohne den Verlust des göttlichen Ursprungs könnte es gar keine Schöpfung geben und keine Entdeckung der Liebe, Harmonie und Schönheit.

Das ursprüngliche Licht, von den Sufis „Nur” genannt, gießt sich aus in die Schöpfung, in der Sehnsucht, sich selbst zu entdecken. Diese Sehnsucht nennen die Sufis „Ishq”. Sie ist die treibende Kraft in allem.

Aus göttlichem Verlangen lösten sich die Planeten aus der Sonne heraus und manifestierten ihre Eigenheit und Qualität.

Aus göttlichem Verlangen materialisierten sich die Mineralien aus einem irdischen Seinszustand von Gas und Glut zu flüssigen und festen Formen.

Aus göttlichem Verlangen keimen, wachsen und blühen die Pflanzen. Sie tragen Früchte und formen Saat, weil Gott sich danach sehnt.

Aus göttlichem Verlangen ist der Fuchs schlau, der Bär mutig und gutmütig, der Hund treu.
Aus göttlichem Verlangen nehmen wir Menschen die Erde in Besitz und sind dazu aufgerufen, uns weiter zu entwickeln.

Die Quelle des Wissens frei legen

Mensch und Erde, so lautet der erste Teil des Symposiumstitels. Wohin geht es mit der Erde und der Menschheit? Was ist der Platz von uns Menschen in der Schöpfung? Was ist unsere Aufgabe?

Dies sind Fragen für Forscher. Wir wollen verstehen. Wir wollen wissen. Die Wissenschaft aber ist als Ganzes weit entfernt davon, Antworten auf diese Fragen zu finden. Wenn wir Profit, Zuwachs von Gütern aus wissenschaftlicher Tätigkeit erwarten, können wir manche Fragen nicht beantworten, weil wir einer bestimmten Sicht der Dinge unterliegen.
Wie aber können wir Antworten finden auf die brennende Frage: Wohin geht es mit uns und der Erde?

Hazrat Inayat Khan definiert die Quelle seines Wissens folgendermaßen:
„Und wie können wir das Ziel des Lebens kennen? Kann es uns jemand enthüllen? Nein. Niemand kann uns das Ziel mitteilen. Weil das Leben nach seiner ureigensten Natur sich selbst enthüllt, und es ist unser eigener Fehler, wenn wir für diese Enthüllung, die das Leben uns bietet, nicht offen sind. Es ist nicht der Fehler des Lebens, denn die wahre Natur des Lebens ist enthüllend. Der Mensch ist aus der Natur hervorgegangen, deswegen ist sein Ziel die Natur.”

Was bedeutet das? Er sagt: Wenn wir uns öffnen, enthüllt sich das Leben.
Sufismus ist eigentlich kein „Ismus” wie Marxismus oder Vegetarismus. Sufismus ist nicht an erster Stelle Wissenschaft. Sufismus ist keine Lehre mit Dogmen. Es gibt nichts, was ein Sufi glauben muss. Ein Sufi ist jemand, der sein Herz öffnet. Sufismus ist eher eine Haltung und eine Methode der inneren Entwicklung.

Wie öffnen wir unsere Herzen?

Grundsätzlich sagen die Sufis, dass die Öffnung des Herzens ein Naturphänomen ist, das nicht willentlich herbei geführt werden kann oder soll.

Was können wir tun? Wir können das, was Hazrat Inayat Khan an mancher Stelle als „Verstopfung” bezeichnet, beseitigen. Wir können aufräumen, putzen, festgefahrene Gewohnheiten ablegen. Die Kernübung der Sufis nennt sich „Zikr”. In Klang, Bewegung und Konzentration widmen sich die Sufis dabei der inneren Reinigung. Wir müssen uns verabschieden von heiligen Kühen und Glaubenssätzen. Wir müssen Meinungen über andere, uns selber und Gott ablegen. Wir müssen alteingeschliffene Verhaltensmuster hinter uns lassen. Je besser wir diese Arbeit verrichten, desto mehr kann die Natur sich in uns entfalten.

Die Bedeutung des Emblems des Sufi-Ordens ist: Ein Herz, das in der Lage ist, das göttliche Licht (Stern) zu empfangen (Mond), ist frei (Flügel).

Vom Weg des Lebens

Wir Menschen kommen aus der Natur und sollten uns der Natur wieder zuwenden.

Es gibt ein Sprichwort bei den Sufis, dass „Gott im Felsen schlief, im Baum träumte, im Tier selbstbewusst wurde, aber dass Er im Menschen Sich selbst suchte und Sich selbst erkannte.”
Ein entsprechender Ausspruch, in einem Gedicht von Jelal-ud-din-Rumi, wurde auf dem Symposium der Stiftung Rosenkreuz in Osnabrück im Herbst 2008 von Herrn Friedrich zitiert. Rumi beschreibt in seinem Gedicht den Prozess, der stattfindet, nachdem wir Mensch geworden sind. Gewisse Bewusstseinszustände sterben in uns, um für andere Platz zu schaffen.
Nachdem wir unsere Tiernatur ausgelebt und sie bis in die Tiefe erkannt haben, werden wir unsere Pflanzennatur durchleben. Rumi nennt das unsere Engelseele. Dann sterben wir in unserer Pflanzennatur, um unser Gesteinswesen kennen zu lernen. Rumi nennt das „Nicht-Sein”. In buddhistischer Terminologie sind wir dann im Bereich der überweltlichen Jhanas angekommen.
Auf diese Art und Weise durchschreiten wir die ganze Natur auf dem Weg zurück zur Quelle von allem, zu dem Einen.
Die verschiedenen Stufen in diesem Prozess findet man im Großen ebenso wie im Kleinen, in der Schöpfung als Ganzer so wie in jedem einzelnen Wesen. Es ist ein Prozess von „Ent-Wicklung” und „Ein-Wicklung”.
In jedem Übergang stirbt eine Lebensform, aber nicht das Leben selber. Das kann nicht sterben.
Um das genauer zu verstehen, rät Hazrat Inayat Khan uns, die Entwicklungsstufen im Pflanzenreich aufmerksam zu betrachten.

Auf diesem Mosaik einer persischen Moschee sehen wir in einem Bild alle Entwicklungsstufen einer Pflanze:

* Samen
* Keim
* Stengel, Blätter
* Blüten
* Früchte
* Samen.

Pflanzen folgen in ihrer Entwicklung den Gesetzmäßigkeiten des Schöpfungsvorgangs.
Hazrat Inayat Khan: „Mit dem Gefühl des Ich-Seins zog sich die innewohnende Kraft des Absoluten sozusagen zusammen, in anderen Worten, konzentrierte sich in einem Punkt; auf diese Art und Weise formte die alles durchdringende Strahlung ihr Zentrum …
Als nächstes teilte dieses zentrale Licht die Existenz in zwei Formen, in Licht und Dunkel … Das Licht und Dunkel formten einen Akasha oder Asmam, eine ‚Mulde’.”

Die beiden Seiten der Pflanzen bedingen sich gegenseitig: ohne Wurzeln keine Blätter, ohne Blätter keine Wurzeln. Erfahrungen, Nährstoffe aus dem Dunkeln tragen zur Blattformung bei; Erfahrungen aus dem Hellen sorgen für Wurzelbildung. In der Mitte ist das Herz, ursprünglich der Keimpunkt. Wenn das Herz zu ist, kann die Polarität nicht funktionieren und ist kein Wachstum möglich.

Der Mensch funktioniert im Prinzip nicht anders als die Pflanze: In der Polarität zwischen Denken und Körper entfaltet sich der Mensch und kehrt er zu seinem Ursprung zurück. Das Zentrum dieses Lebensprozesses ist das Herz.

Lex Bos, der große anthroposophische Personal- und Organisationsentwickler, kam zum gleichen Modell in der dynamischen Urteilsbildung: Denken und Handeln, Kopf und Gliedmaßen bestimmen sich gegenseitig und sind die beide Pole des menschlichen Wesens, mit dem Herz in der Mitte .

Wie bei den Pflanzen die dunkle Seite von den Wurzeln gebildet wird, so wird bei den Menschen die unsichtbare Seite vom Denken gebildet. Die Blätter und Ranken der Pflanzen sind bei den Menschen der Bewegungsapparat.

In diesem Bild werden die beide Pole absichtlich nicht unten und oben, sondern nebeneinander dargestellt. Symbolisch ist das der bedeutsame Hinweis, dass der eine Pol nicht wichtiger ist als der andere. Bei den Sufis heißt die rote Seite „Liebe”, die blaue „Schönheit”. Das Zentrum ist wiederum die fühlende Herzensinstanz, in der Denken und Handeln miteinander in Einklang gebracht werden. Die Sufis nennen sie „Harmonie”. Liebe, Harmonie und Schönheit formen so eine Drei-Einheit.

Das innere Licht zum Vorschein bringen

Hazrat Inayat Khan: „Die Bibel sagt uns: ‚Lasst euer Licht leuchten vor den Menschen.’ Bislang ist es unter einem Scheffel verborgen. Der Scheffel, das Gefäß, ist der manifeste Teil unseres Lebens; er symbolisiert all die Formen, die die innere Intelligenz bedecken, welche in ihrem ursprünglichen Aspekt die Wurzel unseres Wesens ist. Die innere Intelligenz, das Licht, wurde unter der Schöpfung verhüllt, und es ist der Wunsch der Natur, es wieder zum Vorschein zu bringen, damit sie ihr ursprüngliches Wesen wieder schauen kann, wie es sich verhält in all den Veränderungen, die die Form von Tod und Vernichtung annehmen.”

Der Übergang von der Phase der Blattformung zu der der Blütenbildung ist ein Sterbens- und Auferstehungsprozess. Eine unsichtbare Hand drängt die Ausdehnung in Blätter und Äste zurück. Diese Art der Manifestation wird zum Stillstand gebracht. Währenddessen entsteht die Knospe.

Es ist geheimnisvoll, wie in diesem Übergang der innere Drang der Pflanze und die äußeren Bedingungen sich aufeinander einspielen und eine Veränderung in der Atmosphäre schaffen, die die Blüte möglich macht.

So komme ich nun zum Schluss zur zweiten Hälfte des Symposiumstitels: Wege zu einem inneren Klimawandel.

Wann werden wir erwachen?

Fest steht mittlerweile, dass die Menschheit mit ihrem materiellen Wachstumsstreben einen Klimawechsel herbeiführt. Die Zeichen stehen auf Sturm. Erdbeben, Stürme und Überschwemmungen scheinen immer häufiger aufzutreten.

Hierzu eine Aussage von Hazrat Inayat Khan: „Die Kriege, Stürme, Überschwemmungen und vulkanischen Ausbrüche werden sehr oft von Menschen verursacht, durch ihre Handlungen, ihre Grundeinstellung oder durch den Zustand der Menschheit im Allgemeinen.”
Einen Klimawechsel brauchen wir genau so wie die Pflanzen, um unsere bisherigen Bestrebungen ändern und das Ziel unseres Menschseins verwirklichen zu können. Es besteht darin, dass Gott Sich im Menschen sucht und Sich in ihm selbst erkennt.
Niemand wünscht, dass der Wandel viel Leid mit sich bringt. Inayat Khan ist in seinen Aussagen hierzu ambivalent. Er sagt, dass wir Menschen das Recht haben, zu schlafen. Es ist nicht an uns, zu entscheiden, wann der Moment des Erwachens für jemanden kommt. In der Phase, in der wir uns jetzt als Menschheit befinden, verlangen wir nach materieller Sicherheit. Wir ähneln dabei sehr häufig enthemmten Tieren, gehen bis an die Grenzen des Hinnehmbaren und darüber hinaus. Nach diesem notwendigen Aufbau des Egoismus wird jedoch eine Phase kommen, in der das Innere des Menschen aufblüht. Das steht fest.
„Es wird ein Tag des Erwachens, der Entfaltung, kommen; wir erwarten ihn in Stille.”
Die einzige Frage ist: Welche Geburtswehen stehen uns noch bevor?

Je mehr wir an unseren Gewohnheiten festhalten, desto stärker werden die Wehen sein. Das führt uns Hazrat Inayat Khan eindringlich vor Augen. Unsere Aufgabe ist es, das Alte loszulassen, damit das Neue eine Chance hat.

Und wenn dann die Knospe aufgeht, wird sichtbar, was man bei der Heranbildung der Blätter noch nicht erkennen konnte: Die Blüte zeigt eine noch nie da gewesene Schönheit.

Diese Brennnesselblüte formt ein Kreuz. Es hat in sich die horizontale und die vertikale Ebene, bzw. die vier Himmelsrichtungen, vereint.

Es gibt auch Blüten mit drei, fünf, sechs oder acht Richtungen.

Wir können sehen, wie die Dualität, die die Basis die Pflanzenwachstums ist, in einer neuen Qualität auftritt. Man könnte meinen, dass in der Blüte alle Richtungen, die die Pflanze in der früheren Phase der Bildung der Blätter eingeschlagen hatte, in einer einzigen Gestalt zusammen kommen. Was zunächst wild nach außen strebte, wird jetzt wie in einem Mandala vereinigt.

Hazrat Inayat Khan: „Jedes Lebewesen will sich hörbar und erkennbar machen; es will kommunizieren, und dazu versucht es Jahre lang , aus den Mauern seines Gefängnisses auszubrechen.”

In der Blüte gelingt es uns, die Schönheit, die in der Tiefe in uns verborgen ist, zum Vorschein zu bringen.

Die Rose kann entstehen, wenn die Pflanze durch eine „Kreuzigung” ihrer alten Daseinsweise hindurch geht.

Sufis haben durch alle Jahrhunderte hin Rosen geliebt. Hafis, Saadi und auch Hazrat Inayat Khan haben Bücher verfasst mit Titeln wie In einem östlichen Rosengarten.

Von daher möchte ich mich, wenn Sie mir das erlauben, ebenfalls gern als Rosenkreuzer bezeichnen.

Abbildungen und Fotos: Firos Holterman ten Hove
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