Vortrag

Die Grundlagen der Alchemie

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Vortrag von Dr. rer. nat. Dierk Suhr

Dr. rer. nat. Dierk Suhr, Waiblingen

Symposium: Alchemie einst und heute

Die Alchemie ist niemals etwas anderes als die Chemie gewesen;
ihre beständige Verwechslung mit der Goldmacherei
des 16. und 17. Jahrhunderts ist die größte Ungerechtigkeit.

Justus von Liebig, Chemische Briefe, 1865

Alles Leben ist Chemie. Ohne die stete Aufrechterhaltung eines chemischen Ungleichgewichts kommt jedes Leben schnell zu seinem Ende. Dennoch ist die naturwissenschaftliche Chemie, wie wir sie heute kennen und verstehen, eine junge Wissenschaft, ihre Anfänge reichen nur zurück bis ins 18. Jahrhundert. Erst die Erklärung des Verbrennungsvorgangs als Aufnahme von Sauerstoff durch Lavoisier Ende des 18. Jahrhunderts und die Ablösung der Phlogiston-Theorie, nach der bei der Verbrennung ein „Feuerstoff” entweicht, schufen nach heutiger Auffassung die moderne Chemie als exakte Wissenschaft.

Die Alchemie als Vorläufer unserer heutigen Chemie war allerdings wesentlich mehr als nur die Kunst des Goldmachens, auf die sie heute oft geringschätzig oder spöttisch reduziert wird. Das System der Naturerklärung in den Denkweisen der Alchemisten war aber ein völlig anderes als das unserer heutigen Naturwissenschaften. Entstanden im hellenistischen Ägypten nach Christi Geburt aus der Fusion griechischer und ägyptischer Religion, Medizin, Naturphilosophie und Kunst, bot die Alchemie eine ganzheitliche Betrachtung und Erklärung der Welt.

Die Herkunft des Wortes Alchemie liegt im Dunkeln – es wird zurückgeführt auf ägyptisch al-kymia oder griechisch chymeia. Al-kymia oder Al-khemeia entspricht dem Namen, mit dem die Ägypter selbst ihr Land bezeichneten (Khemennu, „Land des Mondes”) und würde dann in diesem Zusammenhang „Kunst der Ägypter” oder „Stoff aus Ägypten” bedeuten. Das griechische chymeia oder chemeia bezeichnet die „Lehre vom Feuchten” nach chymos „Saft” und cheo „ich gieße”, aber auch chyma für „Metallguss”. Vermutlich findet die Alchemie ihre historische Herkunft in der Metallurgie, waren die Schmelzer und Gießer doch die ersten „Wissenden”.

Schrittweise lernte speziell die ägyptische Hochkultur die Läuterung oder Klärung und damit Reinigung von Metallen. Diese Reinigung des Metalls wurde als Verbesserung, als Vervollkommnung wahrgenommen – ein Grundgedanke, der die gesamte Alchemie durchzieht.

Das höchste Ziel der Alchemie war die Verbindung der eigentlich unvereinbaren Elemente Feuer und Wasser, Schwefel und Quecksilber. Die Verschmelzung der Gegensätze im Sinne einer Wandlung vom Niederen zum Höheren, vom Unedlen zum Edlen entsprach der Suche nach tiefster Weisheit – bei Gelingen ist das Ergebnis nicht nur die Erzeugung des „Steins der Weisen” und die Umwandlung von Blei zu Gold, sondern auch die Veredelung des Menschen selbst.
Die Anfänge der Chemie
Vermutlich die erste chemische Reaktion, die dem Steinzeitmenschen einen Evolutionsvorteil gab, war die Nutzung des Feuers. Die ältesten Spuren eines von Frühmenschen gehüteten Feuers fand man in Kenia – etwa 1,4 Millionen Jahre alte, gebrannte Lehmreste. Die ältesten Feuerspuren in Europa sind rund eine Million Jahre alte angekohlte Tierknochen aus einer Höhle in Istrien. In Deutschland fand man 300.000 Jahre alte Feuerstellen in Thüringen.

An die Jungsteinzeit schließt sich in der europäischen Vor- und Frühgeschichte ab ca. 2000 v. Chr. die Periode der Bronzezeit an – die Menschen waren nun in der Lage, aus den Metallen Kupfer und Zinn eine neue Legierung, die Bronze, herzustellen. In Ägypten war die Bronzeherstellung bereits 1.500 Jahre früher bekannt; reines Kupfer wurde dort und in Kleinasien sogar schon seit 6.000 v. Chr. durch Verhüttung von Kupfermineralien wie Malachit mit Holzkohle gewonnen. Für die Herstellung der reinen Metalle ist allerdings „Chemie” nötig. In der Natur kommen nur die so genannten edlen Metalle gediegen, also in reiner Form vor. Die unedlen Metalle müssen aus Erzen gewonnen werden.

Mit dem achten Jahrhundert vor unserer Zeit beginnt in Mitteleuropa die Eisenzeit. Zwar wurde für Kult- und Alltagsgegenstände weiterhin auch Bronze verwendet, für die Herstellung von Werkzeugen und Waffen wurde aber nun Eisen eingesetzt. Zur Eisenherstellung lässt man Eisenerze mit Kohlenmonoxid reagieren, welches durch unvollständige Verbrennung von Koks entsteht.

Da zeitgleich mit der Einführung der Eisenerzverhüttung in vielen Kulturen auch die ersten schriftlichen Dokumente auftauchen, endet mit der Eisenzeit nach gängiger Definition die Vorgeschichte und es beginnt die Frühgeschichte der Menschheit. In die Eisenzeit fallen vermutlich auch die ersten Anfänge der Alchemie: Metallschmelzer und Schmiede gaben ihr Wissen an ihre Schüler weiter und entwickelten so ein erstes Sammelsurium an vermutlich mystisch verbrämtem Geheimwissen. Durch den Vergleich mit heute lebenden archaischen Völkern lässt sich erahnen, wie sich aus den Mythen um die Metalle, die im Schoß der Mutter Erde nachwachsen, ihre Aufbereitung und ihre Reinigung zum „edlen” Metall Analogien zur Schöpfungsgeschichte ziehen ließen – so dass bei den „Wissenden” der Wunsch entstand, das „Große Werk” im Labor nachzuvollziehen.
Philosophische Chemie in der klassischen Antike
In der klassischen Antike machten sich griechische Philosophen von etwa 600 bis 300 v. Chr. erstmals Gedanken über den Aufbau der Materie. Sie erdachten Modelle, mit denen sie die Erscheinungen der Natur erklären wollten. Demokrit behauptete, dass die Welt aus unsichtbaren, kleinsten Teilchen aufgebaut sei, die nicht mehr weiter zu zerlegen seien – den Atomen (aus der Verneinung a und tomós, trennbar). Empedokles schlug vor, dass alle Materie aus vier Elementen, Grundbausteinen, bestünde, nämlich Erde, Feuer, Luft und Wasser. Ebenso wichtig wie diese Zuordnung war seine Annahme, dass diese Elemente in kleinsten „Splittern” vorkommen. Platon stellte sich diese Elemente als die vier geometrischen Grundkörper (Polyeder) vor, und zwar als Würfel, Tetraeder, Oktaeder und Ikosaeder – die Elemente könnten daher durch Veränderung der Form ihrer Atome ineinander übergehen. Aristoteles glaubte nicht an die Existenz von Atomen. Nach seinem Verständnis bestanden die vier Elemente aus einer Ursubstanz, die dann ihre jeweilige Ausformung erfährt. Alle Materie entwickele sich dabei von „unreifen” zu „reifen” Formen – bis ins Mittelalter hielt sich daher auch der aristotelische Glaube, Mineralien und Edelmetalle würden im Innern der Erde nachwachsen.
Die Vier-Elemente-Lehre
Nach der Vier-Elemente-Lehre besteht alles Sein, alle Materie aus den vier Grundelementen Feuer, Wasser, Luft und Erde. Diese Theorie findet sich übrigens in den Überlieferungen verschiedener Völker und Kulturen auf der ganzen Welt. Die ausführlichste und bedeutendste Formulierung der Vier-Elemente-Theorie ist durch den Naturphilosophen Empedokles von Akragas überliefert. Dieser fasste dazu allerdings auch verschiedene ähnliche Theorien zusammen, die zum Teil bereits vor ihm entwickelt worden waren.

Nach Empedokles wurde die Vier-Elemente-Lehre von späteren Philosophen weiterentwickelt. Platon ordnete zum Beispiel jedem der vier Elemente einen regelmäßigen Körper zu, Aristoteles gab den Elementen die Eigenschaften warm, kalt, trocken und feucht. Außerdem fügte er als fünftes Element die so genannte Quintessenz, den Äther hinzu. Die Stoiker führten als Mischung aus Feuer und Luft das Pneuma ein, das den aktiven Part der Elemente verkörperte; Erde und Wasser waren die passiven Elemente. Später wurde die Vier-Elemente-Lehre von der Astrologie übernommen und jedes Tierkreiszeichen einem der vier Elemente zugeordnet.

In der chinesischen Kultur gibt es noch ein verwandtes Modell, die Fünf-Elemente-Lehre, hier sind die Elemente Metall, Holz, Erde, Wasser und Feuer. In der Kunst stößt man auf zahlreiche allegorische Darstellungen der Elemente. Eine neue Deutung liefert der Film „Das Fünfte Element”: Hier wird als Quintessenz die Liebe eingeführt.

In der Medizin wurde die Elementelehre von den Hippokratikern um 400 v. Chr. zur Viersäftelehre oder Humoralpathologie weiterentwickelt und von Galen schließlich ausformuliert. In den Naturwissenschaften wurde die Vier-Elemente-Lehre schon vor langer Zeit abgelegt, lebt aber heute noch weiter.
Platon und die regelmäßigen Körper
Wohl kaum ein Denker hat die gesamte Philosophie so geprägt wie Platon (428–348 v. Chr.) – laut einem geflügelten Wort besteht die gesamte Geschichte der Philosophie lediglich aus Fußnoten zu Platon. Platon war der erste, der die grundlegenden Fragen der Philosophie formulierte: Was ist Philosophie? Worin besteht gelingendes Leben? Oder: Was ist Gerechtigkeit? Neben diesen ethischen Fragen – oder vielleicht besser: durch die konsequente Durchdringung dieser Fragen – beschäftigte er sich auch mit Fragen zur Wirklichkeit und der Stellung des Menschen in ihr. Zu seiner außergewöhnlichen Stellung innerhalb der Geschichte der Naturphilosophie trägt bei, dass sein Werk das erste fast vollständig überlieferte ist.

Platon übernahm die Vierzahl der Elemente von Empedokles. In seiner geometrischen Elementelehre ordnet er den Elementen vier reguläre Polyeder zu: dem Feuer den Tetraeder (geschaffen aus vier gleichseitigen Dreiecken), der Luft den Oktaeder (acht Dreiecke), dem Wasser den Ikosaeder (zwanzig Dreiecke) und der Erde den Würfel (aus vier Quadraten). Feuer, Luft und Wasser sollten ineinander übergehen können, die Erde war unwandelbar. Den Grundbaustein dieser vier Elementarkörper bezeichnet Platon als stoicheion, dem im Lateinischen der Begriff elementum entspricht.

Für Platon war klar, das die Elemente reine, ideale Typen darstellen, die in der Natur je nach Zusammensetzung verschieden auftreten. So gibt es das flüssige Wasser als Wein, Essig oder Öl. Unter Vermischung mit den Feuer-Elementen verwandelt sich Wasser in Luft, durch Hinwegnahme aller Feuer-Elemente in Eis. Eisen wäre dann eine zähflüssige Form von Wasser, in welches Erd-Elemente gemischt sind – die sich als erdbrauner Rost langsam daraus lösen.

Platons Vorstellungen spielten als Platonismus und Neuplatonismus eine große Rolle bei der theoretischen Begründung der Alchemie. Der Demiurg im „Timaios” erschafft die Welt, indem er einer formlosen Materie Form verleiht wie ein Bildhauer, der den Ton glatt streicht, den er modellieren möchte. Die Herstellung dieser Materia prima wurde zu einem der wichtigsten Ziele der Alchemisten. Spätere Schriften aus dem 4. bis 12. nachchristlichen Jahrhundert stellen Platon denn auch als Alchemisten, wenn nicht sogar als Begründer der Alchemie dar.
Aristoteles und die Urmaterie
Das naturphilosophische Gedankengebäude, innerhalb dessen sich die Alchemisten geistig bewegten, stammt außer von Platon zu großen Teilen von dem griechischen Philosophen und Naturforscher Aristoteles (384–322 v. Chr.).

Aristoteles übernahm die Theorie der vier Elemente des Empedokles, allerdings besteht nach seiner Anschauung jedes Element aus der eigenschafts- und formlosen Urmaterie (Prote hyle oder Materia prima) und zwei der vier Qualitäten warm, kalt, feucht und trocken: Feuer ist warm und trocken, Luft warm und feucht, Wasser kalt und feucht und Erde kalt und trocken. Diese Idee von der Materia prima wurde später zur Grundlage aller alchemistischen Vorstellungen von der Transmutation unedler Metalle in Gold. Die Materia prima soll selbst völlig qualitätslos sein und in der Reinform natürlicherweise nicht vorkommen, nur in Form der Elemente mit ihren jeweiligen Qualitäten. Dabei wird dem Urstoff eine Form eingeprägt, die bewirkt, dass die Dinge ihre Eigenschaften erhalten. Oder andersherum: Die Qualitäten eines Stoffes, seine Eigenschaften, müssen auf etwas aufgebracht sein, das selbst nicht Qualität, nicht Eigenschaft ist, sondern lediglich Träger. Dieser Träger ist die Materie schlechthin, die selber eigenschaftslos ist, bei Aristoteles eben die Prote hyle, Erste Materie oder Urmaterie. Die Eigenschaften, die auf dieser qualitätslosen Materie sitzen, nannte er Morphe oder Forma – die Materietheorie des Aristoteles wird deshalb auch als Hylemorphismus bezeichnet.

Die Vorstellung der Alchemie ging nun dahin, dass natürliche Stoffe auf chemischem Wege in den qualitätslosen Zustand der Urmaterie überführt werden könnten, in dem ihnen – wie immer das auch geschehen sollte – die Form weggenommen würde. Dann ließen sich der Urmaterie auf künstlichem Weg – durch „Fermentation” – die gewünschten Eigenschaften, vorzugsweise diejenigen von Edelmetallen, mitteilen und aufprägen. Der Mittler, das „Ferment”, war der gesuchte Stein der Weisen, der gelungene Prozess war die Transmutation.

Nach der griechischen Naturphilosophie konnte kein natürlicher Stoff künstlich hergestellt werden. Die Natur muss also durch Beschwörungen und Gebete veranlasst werden, den Vorgang „natürlich” geschehen zu lassen. Das ist nur unter bestimmten astrologischen Konstellationen der Gestirne möglich, die gleichzeitig eine Läuterung der Seele des Adepten bewirken – Mikro- und Makrokosmos werden beim Gelingen des „Großen Magisteriums” wieder eine mystische Einheit.

Im Mittelpunkt der Lehre des Aristoteles steht die „Erste Philosophie”. Ihr Ziel ist die Erkenntnis des Seienden überhaupt. So entstand die Lehre von den vier Ursachen: Materie, Form, Wirkursache und Zweck. Diese „Erste Philosophie” wurde in den gesammelten Werken hinter den physikalisch-naturwissenschaftlichen Schriften einsortiert und wird deshalb noch heute als „Metaphysik” – griechisch „nach der Physik” – bezeichnet.
Die Quintessenz, das fünfte Element
Aristoteles stellte den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft ein fünftes, himmlisches an die Seite. Dieses Konzept leitete er aus seiner Bewegungslehre ab: Während sich irdische Stoffe linear bewegen, während sie werden und vergehen, bewegen sich die Himmelskörper kreisförmig und beständig. Deren Sphäre musste daher eine grundsätzlich andere, göttliche Beschaffenheit haben. Dieser Stoff, das fünfte Element (lat. quinta essentia), wurde später auch Weltäther, Geist oder Pneuma genannt.

In der alchemistischen Literatur war die Quintessenz der „innerste Wesenskern” aller Stoffe, dem eine konservierende oder heilende Kraft eigen ist. Quintessenzen wurden daher durch Extraktion, das heißt durch Abtrennen aller unwirksamen oder verunreinigten Bestandteile erhalten. Durch Destillation gewann man aus Wein die wertvollste und heilkräftigste Quintessenz, die Quinta essentia vini, Weingeist oder Alkohol. Nach der aristotelischen Elementelehre enthielt er die eigentlich unvereinbaren Elemente Feuer (heiß und trocken) und Wasser (kalt und feucht).

Die Idee der Quintessenz fand ihren besonderen Niederschlag in der Pharmazie. Auch Paracelsus sah in der Quintessenz das für einen bestimmten Stoff charakteristische Element, das durch Extraktion gewonnen und gleichzeitig gereinigt werden kann. Derartige Extrakte als Arznei fanden sich noch lange in den Arzneiverzeichnissen – in der Spagyrik noch heute – und belegten die Vorstellung eines in jedem Stoff vorhandenen isolierbaren Wesenkerns.
Alchemie im alten Ägypten

Zosimos von Panopolis
Plinius der Ältere (23–79 n. Chr.) berichtet in seinen Schriften ausführlich über viele Details der Metallbearbeitung; alchemistische Verfahren oder Grundsätze erwähnt er dagegen in diesen detailreichen Beschreibungen mit keiner Silbe – ein Hinweis, der nahe legt, dass die Alchemie erst anschließend Verbreitung fand. Die ersten Schriften, die sich gesichert mit dem System der Alchemie beschäftigen, stammen von einem gewissen Zosimos aus dem dritten Jahrhundert n. Chr.

Zosimos von Panopolis in Oberägypten werden einige der ältesten alchemistischen Texte zugeschrieben, er ist der erste wirklich historisch fassbare Alchemist. Zosimus wirkte im dritten und frühen vierten Jahrhundert n. Chr. in Alexandria. Er beschrieb den inneren Veredelungsgedanken der Alchemie in einer Vision, in der der Körper, vom Fleisch befreit, zu Geist wird und sich mit der Seele Gottes vereint. Die Allegorien, die in engem Zusammenhang mit der Gnosis stehen und von Leiden und Erlösung des Menschen handeln, werden auf den Prozess der Metallveredelung übertragen.

Beachtenswert ist, dass Zosimos sich gegen den Einsatz von Magie in der Alchemie ausspricht: Die astrologieabhängige Alchemie schaffe nur unbeständige Tinkturen, während ohne Astrologie und Sterneneinfluss beständige natürliche Tinkturen entstünden. Das Schicksal kann lediglich das Körperliche beeinflussen, während die Suche nach dem Selbst nur im Wissen um Gott geschehen kann.
Die Gnosis – Erkenntnis als Reinigung
Entscheidenden Einfluss auf die Weiterentwicklung der Alchemie hatte ihr Zusammentreffen mit den philosophisch-religiösen Strömungen der Gnosis und der Hermetik in Alexandria. Die Gnosis geht von der Annahme aus, dass der Mensch einen göttlichen Kern hat, der durch die stoffliche Hülle, die Materie, gleichsam beschmutzt ist und nach Erlösung trachtet. Der Mensch ist damit ein Gott, der sich selbst erlösen kann. Die höchste Gottheit ist das schlechthin Absolute, welches völlig qualitätslos ist – man beachte die Ähnlichkeit mit der aristotelischen Materia prima. In der „Geheimschrift des Johannes”, einer von zahlreichen im oberägyptischen Nag Hammadi gefundenen koptischen Schriftrollen, wird erläutert, warum man sich das höchste Prinzip als Gott nicht vorstellen kann: Die einzigen Qualitäten, die ihm positiv zuzuordnen sind, seien Geist und Licht. Ansonsten ist das Göttliche nur negativ zu bestimmen: unbegrenzbar, nicht zu beurteilen, unermesslich, unsichtbar, unvergänglich.

Die Gnostiker sehen die materielle Welt als eine böse Schöpfung, erschaffen durch einen unvollkommenen Schöpfer, den Demiurgen. Am Anfang war das Lichtreich, die heile himmlische Welt, genannt Pleroma. Hier schuf eine der Göttinnen, Sophia, die hellenistisch-jüdische Weisheitsgöttin, den Demiurgen – bei Platon noch der Schöpfergott selbst –, doch er gelang ihr nicht perfekt. Dieser unvollkommene Demiurg, was soviel bedeutet wie „Handwerker”, erschuf mit seinen begrenzten Fähigkeiten anschließend unsere Welt, den Kosmos. Offensichtlich konnte die Welt, wie man sie damals kannte und heute kennt, unter diesen Umständen nicht vollkommen sein.

Die materielle Welt und damit auch unser Körper sind also schlecht, der Mensch – zumindest der Gnostiker in seiner Selbsteinschätzung – ist mithin fremd in dieser Welt. Über der materiellen Welt und dem Demiurgen steht ein vollkommen jenseitiger, oberster Gott. Dessen göttliches Element schlummert als „göttlicher Funke” im Menschen. Jedem Menschen steht der Weg der Erkenntnis und der Kontaktaufnahme mit dem göttlichen Kern seiner Existenz offen, ohne Mittler, ohne Institutionen. Ziel des wissenden Menschen muss es sein, diesen verborgenen Funken zu erkennen und damit nicht der materiellen Welt verhaftet zu bleiben. Die Erlösung geschieht dadurch, dass eine Geistkraft – bei den christlichen Gnostikern Jesus Christus – den Mythos kundgibt, der Mensch seine Situation erkennt und diese nun in Kenntnis der kosmischen Urkatastrophe ertragen kann. Denn am Ende, so lautet die erlösende Botschaft, werden alle göttlichen Funken, alles Pneuma, wieder mit der Pleroma vereint, während alles Ungöttliche, der Kosmos wie der menschliche Leib, dem Weltbrand anheimfällt und ausgelöscht wird.

Das wichtigste Anliegen der mittelalterlichen Alchemie – neben der allgegenwärtigen Goldherstellung – war die Umwandlung des Menschen, seine Veredlung. Teile dieser philosophischen Überlegungen sind offenbar gnostischen Ursprungs, die Alchemie eine Art gnostischer Heilsweg: Die Alchemie wird von Menschen betrieben, die danach streben, die Materie und sich selbst zu reinigen und zu erlösen. Durch verschiedene Reinigungsstufen eines Erlösungswerkes wollen sie eine reine Seele erhalten und somit zu Gott gelangen.
Die Smaragdtafel des Hermes Trismegistos
Die so genannte Smaragdtafel (Tabula Smaragdina) des Hermes Trismegistos ist einer der grundlegenden Texte der Alchemie wie der hermetischen Wissenschaft. Eine Person dieses Namens hat allerdings nie gelebt. Wann dieser Text verfasst wurde – ob tatsächlich bereits in der Antike oder erst im Mittelalter –, ist nicht bekannt; erste Hinweise gibt es im achten Jahrhundert unserer Zeit bei den arabischen Alchemisten. Nach verschiedenen Legenden wurde die Smaragdtafel von Sarah, Abrahams Frau, in einer Höhle bei Hebron gefunden oder durch Alexander den Großen im Grab des Hermes oder in der Cheopspyramide.

Der Text beschreibt verschiedenen Deutungen zufolge die Zusammenhänge von Mikrokosmos und Makrokosmos, die magischen Entsprechungen im Sinne der Alchemie – oder auch nur die Destillation mit der Scheidung der Stoffe, der Behandlung der Körper mit Feuer und dem Aufsteigen und Niederfallen verschiedener Teile.
Mikrokosmos und Makrokosmos
Der Makrokosmos (griechisch makrós, groß; kósmos, die Welt) ist die Entsprechung zum Mikrokosmos. Der Makrokosmos beschreibt alles große, das als Ausschnitt der Welt vom Menschen ohne technische oder geistige Hilfsmittel wie der Mathematik nicht direkt wahrgenommen, nicht „begriffen” werden kann. Der Makrokosmos beginnt im Prinzip am Horizont, dessen Krümmung und damit die Gestalt der Erde als Kugel bestenfalls auf hoher See wahrnehmbar ist.

Heute verstehen wir unter Mikrokosmos (griechisch mikrós, klein) die Welt des Kleinen, die vor der Erfindung des Mikroskops rein spekulativ war. Die frühen Naturphilosophen konnten über diesen Bereich lediglich theoretische Überlegungen anstellen. Auch heute gibt dieser Bereich noch viele Rätsel auf: Ist mit der Erfindung des Mikroskops das Reich der Bakterien oder gar der Moleküle noch zu durchdringen, so gelten im Bereich der Atome offensichtlich die Gesetze der klassischen Physik nicht mehr. Hier, im Bereich der Quantenmechanik, haben wir es mehr mit Wahrscheinlichkeiten und weniger mit Wissen zu tun.

In Wahrheit, gewiss und ohne Zweifel: Das Untere ist gleich dem Oberen und das Obere gleich dem Unteren, zu wirken die Wunder eines Dinges. Dieser bekannteste der hermetischen Lehrsätze, der Anfang der Tabula Smaragdina, beschreibt die Einheit der Gegensätze, ob sie nun als Ober- und Unterwelt, Licht und Dunkelheit, Mann und Frau oder Yin und Yang bezeichnet werden. Dieser Satz meint auch, dass die kosmische, geistige Welt im Wesentlichen mit der irdischen, materiellen Welt identisch ist. Er ist damit auch der Schlüssel zur Verbindung von Alchemie und Astrologie.

Alles, was sich am Himmel, also im Makrokosmos abspielt, hat seine Entsprechung und Auswirkung auch auf der Erde, dem Mikrokosmos nach damaligem Verständnis. Bereits in der babylonischen Astrologie wurden die Planeten mit bestimmten Metallen verknüpft, der Mond mit Silber, die Sonne mit Gold. Die Konstellation der Planeten war wichtig für das Gelingen chemischer Reaktionen.

Der Mensch im Kleinen ist der Mikrokosmos, das Universum der Makrokosmos – und alles im Mikrokosmos ist mit dem Makrokosmos verknüpft, es herrschen analoge Prinzipien in beiden Welten. So wie die Planeten um die Sonne kreisen und dadurch das Leben erst ermöglichen, so bewirken die Organe im Körper das menschliche Leben. Organe und Planenten sind analoge Dinge, obwohl sie verschiedene Objekte sind. Die Methode der Analogie ist eine mystische Methode, der Mystiker Jakob Böhme legte daher in seiner Signaturenlehre De Signaturam rerum die Einflüsse der Gestirne auf Pflanzen, Tiere, den Menschen und seine Organe dar.

Jeder der damals sieben Planeten Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond entsprach einem Metall: Blei, Zinn, Eisen, Gold, Kupfer, Quecksilber bzw. Silber. Jedes Planetenzeichen symbolisierte also auch ein Metall. Die Planeten sind ferner den zwölf Tierkreiszeichen zugeordnet. Da sich astrologischer und alchemistischer Sinn der Planetenzeichen mit der tatsächlichen Anordnung der Sonnwendachse vor 4000 Jahren decken, müssen Astrologie und Alchemie gemeinsam in diesem Zeitrahmen entstanden sein. Heutzutage stimmen Geburtsdatum und astrologisches Tierkreiszeichen übrigens nicht mehr überein.

Jedem Tierkreiszeichen ist darüber hinaus eines der vier Elemente zugeordnet, es gibt Erd-, Wasser-, Luft- und Feuerzeichen. Bei dieser vielfältigen Verknüpfung der Himmelskörper mit den Elementen und Metallen war es nötig, alchemistische Experimente mit Horoskopen zu verknüpfen oder diese zu berücksichtigen, sollte das Werk gelingen.
Byzantinische und arabische Alchemie
Etwa vom vierten Jahrhundert unserer Zeit an verlor die griechische Wissenschaft mehr und mehr an Bedeutung. Stattdessen übernahmen die Araber Ideen aus Ägypten und verwoben sie zur Alchemie. Liebig erläutert in seinen „Chemischen Briefen”, warum seiner Meinung nach die Völker des Orients für die Entwicklung der Alchemie prädestiniert waren:

Durch die arabischen Hochschulen wurden chemische Kenntnisse mit der Suche nach dem Stein der Weisen verbunden. Seit dem 10. Jahrhundert wurden die Hochschulen von Córdoba, Sevilla oder Toledo von Wissbegierigen aus allen europäischen Ländern besucht; ähnliche Schulen entstanden in Paris, Salamanca oder Padua. Doch auch im christlichen Europa blieben die dunkle Erklärungsweise der ägyptischen Priester, der mystische, bilderreiche und mit religiösen Ideen gemischte Stil der Alchemie erhalten.

Bereits im 10. Jahrhundert war das Arbeiten mit Schwefel, Quecksilber, Arsen, Ammoniak und Salpetersäure bekannt. Wichtige Entdeckungen waren unter anderem Produkte wie Pottasche oder Kalilauge. Auch dass mit „Scheidewasser” Gold von Silber getrennt werden konnte, wurde erkannt. Man beherrschte chemische Techniken wie Destillation, Sublimation und Kristallisation. Bis heute verraten viele Stoffe ihre arabische Herkunft, so Al-kohol, Al-kali oder Al-aun.

Die meisten der frühen Alchimisten glaubten, alle Metalle wären aus den selben Grundstoffen, der tria prima, zusammengesetzt: Quecksilber (metallisch und flüchtig), Schwefel (brennbar) und Salz (fest und löslich). Eines der Ziele der Alchemisten war stets die Umwandlung von „unreinen” in edle Metalle, besonders in Gold.

Nach Farbe und metallischem Glanz konnte damals zum Beispiel der Bleiglanz nicht von Blei oder der Schwefelkies nicht von Gold unterschieden werden. Aus dem Bleiglanz wie dem Schwefelkies konnte jedoch Schwefel ausgetrieben werden. Aus dem Bleiglanz erhielt man auf diese Weise metallisches Blei – und so glaubte man, dass der Schwefel ein Bestandteil der Metalle sei, der je nach Menge und Mischungsverhältnis die Eigenschaften des Metalls beeinflusst. Durch Austreiben von Schwefel wurde Bleiglanz in Blei verwandelt – war es nicht denkbar, dass durch Entfernung von etwas mehr Schwefel eine noch größere Veredlung des Bleies bewirkt werden kann? Tatsächlich erhielt man aus Blei, wenn man es weiter im Feuer erhitzte, eine gewisse Menge ursprünglich im Blei gelösten Silbers, die zurückblieb. Aus diesem Silber ließen sich wiederum Spuren von darin gelöstem Gold scheiden – für die Alchemisten waren diese Prozesse Elementumwandlungen, die es zu vervollkommnen galt.

Neue Impulse erhielt die Alchemie, die in ihrem praktischen Teil sehr steril geworden war, nach der Eroberung Ägyptens durch die Araber im 8. Jahrhundert. Neben Ägypten umfasste das arabische Reich auch Syrien und Persien. In all diesen Ländern blühte die alchemistische Kunst. In Persien, an der Akademie von Dschondisabur, waren alle wissenschaftlichen Strömungen vertreten. Die arabischen Alchemisten interessierten sich besonders für die praktische Seite der Alchemie und verbesserten die Labortechnik. So entwickelten sie zum Beispiel das Destillationsverfahren durch die Erfindung des Alembik weiter, eines Destillierhelms, der als Vorstufe der heute bekannten Retorte betrachtet werden kann. Diese neue Technik wurde zum Beispiel für die Herstellung von ätherischen Ölen benutzt.
Geber und das Schwefel-Quecksilber-Prinzip
Das theoretische Wissen der Araber über Alchemie ist in einem Schriftenkorpus überliefert, der auf Jabir ibn Hayyan zurückgeht, eine absolute Autorität der Alchemie, der lateinisch als Geber arabicus bekannt war – nicht zu verwechseln mit dem Geber latinus des 13. Jahrhunderts. Geber soll im 8. Jahrhundert gelebt haben, etwa von 720 bis 815, und Angehöriger einer mystischen islamischen Sekte, der Sabier, gewesen sein. Von Geber, der Hofchemiker des Kalifen Harun Al Raschid war, stammt das Schwefel-Quecksilber-Prinzip, das bis ins 17. Jahrhundert seine Gültigkeit behalten sollte; Paracelsus fügte sal, Salz, als dritten Baustein hinzu. Danach wachsen alle Metalle in einem Prozess unter dem Einfluss der Planeten, und zwar durch Vereinigung des hypothetischen hochreinen Schwefels mit dem ebenso hypothetischen hochreinen Quecksilber. Der hypothetische Schwefel, das Prinzip des Brennbaren, ist nach Geber der, der die Grundprinzipien „heiß” und „trocken” und die Elemente Feuer und Luft in reinster Form verkörpert; das hypothetische Quecksilber repräsentiert die Grundprinzipien „kalt” und „feucht”, das Prinzip des Schmelzbaren und die Elemente Wasser und Erde. Die Vereinigung dieses perfekten Schwefels mit dem perfekten Quecksilber ist das Mysterium conjunctionos oder die „Chymische Hochzeit”.

Einen zentralen Platz in der Alchemie nahm die Auffassung ein, dass sich dem Entstehungsprozess der Metalle ein „Reifungsprozess” anschließt, in dem aus unedlen Metallen schließlich edle entstehen. Dieser Reifungsprozess, der mit Jahrtausenden angenommen wurde, könne durch die richtigen Techniken beschleunigt und dann im Labor durchgeführt werden.
Sulphur, mercurius, sal – Die Theorie von Schwefel, Quecksilber und Salz
Die Schwefel-Quecksilber-Theorie geht davon aus, dass die „primären Teilchen” Erde, Wasser, Feuer und Luft die „sekundären Teilchen” Quecksilber und Schwefel (jeweils in reinster Verkörperung der entsprechenden Prinzipien) aufbauen. Diese bilden dann die „tertiären Teilchen” Gold, Silber, Kupfer, Quecksilber (das real existierende Metall), Zinn, Blei und Eisen. Die ungleichen Eigenschaften der Metalle beruhen auf einer ungleichen Verteilung der beiden Komponenten: Gold enthält das feinste „Quecksilber” und wenig roten „Schwefel”, Silber reines weißes Quecksilber und weißen Schwefel und so fort.

Paracelsus fügte zu dieser Theorie später das Prinzip sal, Salz, hinzu. Mit dieser Erweiterung wollte er alle Stoffe, nicht nur die Metalle, über die Sulphur-Mercurius-Theorie herleiten, alle Stoffe bestünden dann aus Schwefel, Quecksilber und Salz. Dabei spielten auch theologische Überlegungen eine Rolle, da der Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist auch eine Dreifaltigkeit des Kosmos entsprechen sollte.
Planeten, Metalle und die Astrologie
Fünf Planeten waren in der Antike bekannt: Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Zusammen mit der Sonne und dem Mond bildeten sie die sieben Wandelsterne. Die Vorstellung von einer Beziehung zwischen den Planeten und den irdischen Vorgängen einschließlich des menschlichen Schicksals entstand bereits in der babylonisch-sumerischen Kultur. Solche Vorstellungen bildeten die Grundlage der Astrologie. Die Alchemie stellte nun auch eine Beziehung zwischen den Wandelsternen und verschiedenen Metallen, Pflanzen, Wochentagen und anderem her – wann diese erstmals verknüpft worden sind, ist nicht mehr genau festzustellen. Proklus (410–480 n. Chr.) glaubte, dass die Strahlen der Sonne das Gold in der Erde entstehen ließen, die Strahlen des Mondes das Silber, die des Mars das Eisen und jene des Saturns das Blei. Andere Quellen ordnen die Metalle anderen Planeten zu, wobei Sonne und Gold sowie Mond und Silber stets miteinander kombiniert blieben. Eine Sonderstellung nimmt das Quecksilber ein, das erst im vierten nachchristlichen Jahrhundert in die Reihe der Metalle aufgenommen wurde.

Eine große Rolle in früheren Schriften spielt zudem das Elektron oder Elektrum, Mischungen oder Legierungen aus verschiedenen Metallen wie zum Beispiel Gold und Silber oder Kupfer, Zink und Nickel. Solche Legierungen waren im östlichen Mittelmeerraum schon im dritten vorchristlichen Jahrtausend bekannt, im Gilgamesch-Epos (um 2000 v. Chr.) werden sie als Weißgold erwähnt, in Ägypten kannte man das Elektrum als Asem. Das „Färben” unedler Metalle mit Elektrum oder das Strecken von Gold, ohne dass es seine Farbe verliert, nahm die Gedanken der alchemistischen Transmutation bereits vorweg.

Seit dem siebten Jahrhundert n. Chr. galt als klassische Zuordnung der Metalle und Planeten:

Sonne[—]Gold
Mond[—]Silber
Merkur[—]Quecksilber
Venus[—]Kupfer
Mars[—]Eisen
Jupiter[—]Zinn
Saturn[—]Blei

Die Zuordnung der Planeten zu den jeweiligen Metallen wurde anhand von Entsprechungen und nach der Sympathienlehre getroffen; so erklärt sich die Beziehung Mars-Eisen wohl durch die rötliche Farbe des Rostes, die an das Licht des „Roten Planeten” erinnert.

Symbole für die Planeten, die seit altägyptischen Zeiten existieren und von den Persern übernommen wurden, übertrug man später auf die Metalle. In der Alchemie mit ihrem Drang zur Verschlüsselung trugen diese Symbole später mit dazu bei, die Geheimwissenschaft für Außenstehende weiterhin unverständlich zu gestalten.
Die Sympathienlehre – Harmonie im Kosmos
Das griechische Wort Sympathie bedeutet „Mitleiden”. Im übertragenen Sinne verstand man darunter die hypothetische Ursache für Fernwirkungen aller Art, etwa so, wie eine Saite bei bestimmten Tönen mitschwingt. Seit Empedokles mit seinen Prinzipien Hass und Liebe, den Stoikern oder den Neuplatonisten spielt die Sympathienlehre eine große Rolle bei der Erklärung irrationaler Zusammenhänge: Die Teile des Weltkörpers stehen durch harmonische Verwandtschaften unauflöslich miteinander in Verbindung. Mit ihr wird die Wirkung vieler pharmazeutisch nicht begründbarer Heilmittel, beispielsweise angeblicher „Heilsteine”, ebenso begründet wie die Wirkung von Analogiezaubern. Plinius erklärt in seiner „Naturgeschichte” mehrfach, sein ganzes Werk sei der Darlegung dieser kosmischen Zusammenhänge gewidmet.

Die antiken und spätantiken Vorstellungen der Sympathienlehre finden wir auch noch bei Agrippa von Nettesheim und Paracelsus. In neuerer Zeit wird der Begriff der Sympathie oft durch den neutraleren Begriff der Entsprechung ersetzt, der auf Parallelitäten, nicht aber zwingend auf Kausalzusammenhänge hinweisen soll. C. G. Jung führte zur Beschreibung noch den Begriff der Synchronizität ein, der die zeitliche Koinzidenz zweier oder mehrerer nicht kausal verknüpfter Zusammenhänge beschreibt – verbunden mit einer „Hypothese akausaler Zusammenhänge”.
Das „Große Werk” und seine sieben Stufen
Das „Große Werk”, das Opus magnum, zu vollbringen war das höchste Ziel aller Alchemisten, der wahren wie der betrügerischen. Das Opus magnum führte dazu, den Stein der Weisen zu erschaffen, den Lapis philosophorum, mit dessen Hilfe die Umwandlung von unedlem zu edlem Metall, die Transmutation, am einfachsten und zuverlässigsten durchgeführt werden könnte.

Die Praxis des Großen Werkes, die zum Gold führen sollte – das Opus minor führte nur bis zum Silber –, war in verschiedene Schritte aufgeteilt, bei denen unterschiedliche Tätigkeiten ausgeführt werden mussten. Die Arbeitsvorschriften waren ebenso variabel wie die Zahl der Schritte, die von sieben bis achtzehn reichte. Begleitet wurde der Fortschritt auf dem Weg zum Lapis aber stets von charakteristischen Farbwechseln. Es begann mit einer Melanosis oder Schwärzung der Metalle, die auf die Urmaterie, Materia prima, hindeutete; die Farbe Schwarz – auch als Nigredo, Rabenhaupt oder caput corvi bezeichnet – steht hier für den Tod der Materie. In einem ersten Schritt erreicht der Adept die Leukosis oder Weißung, auch Albedo genannt; sie zeigt an, dass das Werk auf dem richtigen Weg ist, mit einem Lapis dieser Farbe kann unedles Metall bereits in Silber verwandelt werden. Die sich anschließende Xanthosis oder Citrinitas genannte Gilbung zeigt an, dass die Stufe natürlichen Goldes erreicht ist. Den Abschluss bildet die Iosis, Rubedo oder Rötung des Metalls, die das Erreichen höchster Perfektion anzeigt. Der Lapis philosophorum wird in der Alchemie stets als roter Stoff beschrieben.
Die Arbeitsmethoden der Alchemisten
Viele Verfahren wurden erst durch die Alchemisten entwickelt, manche davon finden noch heute Anwendung. Die Bedeutung mancher Bezeichnung weicht allerdings von der heute gebräuchlichen ab oder war wesentlich weiter gefasst. Oft schloss sie neben der chemisch-materiellen Bedeutung auch einen mystisch-metaphorischen Bezug ein.

Die wichtigste Methode war wohl die Destillation (Destillatio). Heute verstehen wir darunter die Reinigung einer Flüssigkeit durch Verdampfen und die anschließende Kondensation der Dämpfe, wobei eventuelle Verunreinigungen in der Ursprungslösung zurück bleiben. Der alchemistische Begriff der Destillation, der sich von destillare, herabtropfen, ableitet, meinte jede Art von (senkrechter) Bewegung eines Stoffes. Man unterschied die aufsteigende, die absteigende und die filtrierende Destillation: die „aufsteigende Destillation” entspricht am ehesten dem, was wir heute noch unter diesem Begriff verstehen; die „absteigende” meinte das Dekantieren, das Abgießen einer Schmelze von schwerer schmelzbaren Bestandteilen; unter „filtrierender Destillation” schließlich verstand man die Trennung eines Flüssigkeitsgemisches unter Ausnutzung der Kapillarkräfte eines Tuches. Neben der Dekantation und der Filtration gehörten auch die Circulation, also das Erhitzen am kühlenden Rückfluss, und die Sublimation zu den Destillationen.

Bei der Sublimation (Sublimatio) kommt es zu einer Verflüchtigung von festen Körpern durch Verdampfen, ohne das es zu einer Schmelze oder Verflüssigung kommt. Die Substanz kondensiert an kühleren Oberflächen wieder direkt zum Feststoff. Dieses Phänomen ist eine Stoffeigenschaft, die durch die Schmelz- und Verdampfungstemperatur erklärt werden kann. Schwefel oder Zinnober wurden auf diese Weise gereinigt.

Die Cohobation meint eine mehrfache Destillation, wobei die destillierte Flüssigkeit jeweils wieder mit dem festen Rückstand vereinigt wurde. Festkörper und Flüssigkeit sollten dadurch enger verbunden werden, was auch mit dem Bild des Ouroboros dargestellt wurde, der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt.

Die Calcination (Calcinatio, die „Verkalkung”) war meistens eine Oxidation. Sie meinte das Rösten, Glühen und Brennen eines Stoffes über offenem Feuer oder in der Flamme, um ihn in eine pulverisierbare Substanz zu überführen. So werden aus Metallen und Mineralien durch Reaktion mit dem Sauerstoff der Luft pulvrige Oxide. Die Calcinatio konnte auch mittels Säuren oder durch einfaches Vermahlen durchgeführt werden.

Unter Auflösung (Solutio) verstand man nicht nur die Lösung von Salzen oder Metallen in Lösungsmitteln, sondern auch das Schmelzen und sonstige Verflüssigungen. Eine langsame Lösung bei mäßiger Erwärmung bezeichnete man als Digestion; ähnlich war die Putrefaction, eine Verwesung oder ein Verfaulen, die zur Auflösung der Materie in ihre Bestandteile führte – die Putrefaction war daher der erste Schritt des Opus magnum auf dem Weg zum Stein der Weisen.

Die Coagulatio meint das Ausfällen, Gerinnen oder Verklumpen von festem Stoff aus flüssiger Lösung.

Separatio ist die Aufspaltung der Substanz in ihre drei Grundbestandteile Sulphur, Mercurius und Sal. Purificatio ist die Reinigung der getrennten Prinzipien. Cohabatio nennt man das Wiederzusammenfügen der gereinigten Grundprinzipien. Diese drei Arbeitsschritte findet man heute noch in der paracelsischen Spagyrik (von spao, ich trenne, und ageiro, ich verbinde).

Die Extractio war die Gewinnung einer Tinktur aus der im sechsten Schritt des Großen Werkes gewonnenen Substanz, die Lapidificatio schließlich die Gewinnung des Steins der Weisen.

Unter Fermentation verstand man weit mehr als heute. Für die Alchemisten erhielt ein Körper durch die Fermentation neue Kräfte, sie bewirkte neue Aktivitäten bis hin zur Umwandlung von Stoffen. Die Umwandlung unedler Metalle in Gold wurde als Fermentation gesehen, das Ferment war der Stein der Weisen. Da die Umwandlung in Gold mit einer Farbänderung einhergeht, wird sie auch als Tingierung bezeichnet.

Zur Erwärmung und Erhitzung benutzten die Alchemisten je nach gewünschter Temperatur und Reaktionsdauer verschiedene Wärmequellen. Das Mistbad (Venter equinus) gewährleistete eine gleichmäßige, lang andauernde und sanfte Erwärmung durch die natürlichen Zersetzungsprozesse im Pferde- oder Kuhmist. Höhere Temperaturen lieferte das Wasserbad, dessen Erfindung der Alchemistin Maria zugeschrieben wurde – daher der Name Balneum mariae, auch verballhornt zum Meerbad Balneum maris oder durch Gleichsetzung von Maria mit der Muttergottes Balneum virginis, Bad der Jungfrau, genannt. Noch höhere Temperaturen erhielt man in Sand- oder Aschebädern, die größte Hitze schließlich durch die direkte Einwirkung von Flammen auf die Reaktionsgefäße – mit oder ohne Anwendung von Blasebälgen.
Der Stein der Weisen
Unter dem Stein der Weisen verstanden die Alchemisten eine Substanz, mit deren Hilfe die Metallumwandlung am einfachsten, schnellsten und mit der besten Ausbeute durchgeführt werden konnte. Obwohl die Mehrzahl der alchemistischen Schriften von diesem Lapis philosophorum – eigentlich „Stein der Philosophen” – handelt, war seine Bereitung naturgemäß das am besten gehütete Geheimnis.

Die Fähigkeit zu seiner Darstellung wurde allgemein als göttlicher Gnadenakt angesehen – selbst wenn jemand im Besitz einer funktionierenden Vorschrift sein sollte, würde diese ohne göttliche Mitwirkung nutzlos sein. Dessen ungeachtet waren die Alchemisten seit den Anfängen ihrer Wissenschaft durch einen selbst auferlegten Moralkodex verpflichtet, ihr Wissen geheim zu halten oder nur in verschlüsselter Form bekannt zu machen. Trotz der dadurch bedingten Geheimniskrämerei herrschte weitgehend Einigkeit hinsichtlich der physikalischen Eigenschaften des Steins. Er wurde allgemein als roter, fester, schmelzbarer, aber feuerbeständiger, nicht verdampfbarer, kompakter Körper oder als ein ebensolches Pulver von sehr hoher Dichte beschrieben. Eine kleine Portion dieses Pulvers wurde auf eine größere Menge geschmolzenen unedlen Metalls oder siedenden Quecksilbers geworfen und der Schmelztiegel wieder verschlossen. Innerhalb weniger Minuten erfolgte die Umwandlung des Tiegelinhalts in Gold.

In allen Metallen, so glaubte man, ist ein Prinzip enthalten, das „Prinzip der Metallität”. Gewinnt man aus einem Stoff das metallische Prinzip und reinigt dieses zu reinster Form, so erhält man die Quintessenz der Metalle. Bringt man diese Quintessenz auf unreife, unedle Metalle, so entwickeln sie sich schnell zu reifen, edlen Metallen. Die Wirkung stellte man sich wie eine Fermentation dar, so wie die Hefe aus Fruchtsäften den belebenden Alkohol, das Aqua vitae, macht oder der Sauerteig aus Mehl das nährende Brot.

Zur Herstellung des Steins benötigte man „rohe erste Materie”, Materia prima cruda, die zwar überall vorhanden ist, aber nur von Eingeweihten erkannt werden kann. Aus dieser Materie erhält der Eingeweihte, der Adept, schließlich die Quintessenz, den Mercur der Weisen, das philosophische Quecksilber. Zu diesem Quecksilber wird philosophisches Gold gefügt und das Ganze in einem eiförmigen Gefäß, dem Vas hermeticum, über längere Zeit erhitzt – das Ei als Symbol und zugleich Keimzelle der Welt. Zunächst erhält man einen schwarzen Stoff, das Rabenhaupt oder Caput corvi, welches erkennbar die Verwesung oder Putrefaction der Materie zur Materia prima anzeigt. Darauf folgt eine Phase mit vielen verschiedenen Farben, dem „Pfauenschwanz” (Cauda pavonis), und der Übergang zu weiß, dem „Weißen Schwan”, gelb und schließlich rot. Damit ist das „Große Werk” vollbracht.

Erstaunlich ist, dass so viele Wissenschaftler so viele Jahrhunderte an die Existenz des Steins der Weisen geglaubt haben, obwohl ihn keiner besaß und jeder behauptete, ein anderer besäße ihn. Eine schöne Erklärung liefert Liebig im Jahr 1865 in seinen „Chemischen Briefen”, die hier im Original zitiert werden sollen:

Vor der Einführung der Waage und der Entwickelung der chemischen Analyse war kein wissenschaftlicher Grund vorhanden für die Meinung, dass das Eisen in einem rothen, das Kupfer in einem blauen oder grünen Steine [Anm.: Liebig meint die Metallerze] als solche vorhanden und nicht Erzeugnisse des Processes seien, der zu ihrer Gewinnung dient. Waren aber die Metalle erzeugte (Producte) und nicht ausgeschiedene Stoffe (Educte), so waren sie auch verwandelbar; alles hing dann vom Processe ab.

Erst durch die Einführung der Daltonischen Lehre wurde in der Annahme fester, nicht weiter theilbarer Theilchen (Atome) der Begriff von chemisch einfachen Körpern in der Wissenschaft festgestellt; aber die Vorstellung, die man damit verbindet, ist so wenig naturgemäss, dass kein Chemiker der gegenwärtigen Zeit die Metalle für 48 einfache unzerlegbare Körper, für Elemente hält. Aber noch vor einer kleinen Anzahl Jahre glaubte Berzelius fest an die Zusammengesetztheit des Stickstoffs, des Chlors, Broms und Jods, und wir lassen die einfachen Körper nicht deshalb für solche gelten, weil wir wissen, dass sie unzerlegbar sind, sondern weil ihre Zerlegbarkeit wissenschaftlich in diesem Augenblick nicht beweisbar ist. Wir halten es aber nicht für unmöglich, dass dies morgen geschehe. Im Jahre 1807 galten die Alkalien, alkalische Erden und Erden für einfache Körper, von denen wir durch H. Davy wissen, dass sie zusammengesetzt sind.

In dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts glaubten viele der ausgezeichnetsten Naturforscher an die Verwandelbarkeit des Wassers in Erde, und es war diese Meinung so verbreitet, dass es der grösste Chemiker seiner Zeit, Lavoisier, für angemessen hielt, durch eine Reihe schöner Versuche die Gründe, worauf sie sich stützte, einer Untersuchung zu unterwerfen und den Irrthum darzuthun. Die Erzeugung von Kalk während der Bebrütung der Hühnereier, die von Eisen und Metalloxyden in dem thierischen und vegetabilischen Lebensprocess, fand noch in diesem Jahrhundert warme und scharfsinnige Vertheidiger.

Die Unkenntniss der Chemie und ihrer Geschichte ist der Grund der sehr lächerlichen Selbstüberschätzung, mit welcher Viele auf das Zeitalter der Alchemie zurückblicken, wie wenn es möglich oder überhaupt denkbar wäre, dass über tausend Jahre lang die kenntnissreichsten und scharfsinnigsten Männer, ein Baco von Verulam, Spinoza, Leibniz eine Ansicht für wahr hätten halten können, der aller Boden gefehlt und welche keine Wurzel gehabt hätte! Muss nicht im Gegentheil als ganz unzweifelhaft vorausgesetzt werden, dass die Idee der Metallverwandlung mit allen Beobachtungen dieser Zeit in vollkommenster Uebereinstimmung und mit keiner im Widerspruch stand?

In der ersten Stufe der Entwickelung der Wissenschaft konnten die Alchemisten über die Natur der Metalle keine andere Vorstellung haben, als die, welche sie hatten, keine andere Vorstellung war zulässig oder möglich, sie war darum naturgesetzlich nothwendig. Man sagt, dass die Vorstellung des Steins der Weisen ein Irrthum gewesen sei; aber alle unsere Ansichten sind aus Irrthümern hervorgegangen. Was wir heute für wahr halten, ist vielleicht morgen schon ein Irrthum.

Eine jede Ansicht, welche zum Arbeiten antreibt, den Scharfsinn weckt und die Beharrlichkeit erhält, ist für die Wissenschaft ein Gewinn; denn die Arbeit ist es, welche zu Entdeckungen führt. Die drei Kepler’schen Gesetze, welche als die Grundlage der heutigen Astronomie gelten, sind nicht aus richtigen Vorstellungen über die Natur der Kraft, welche die Planeten in ihren Bahnen und ihrer Bewegung erhält, sondern es sind einfache Resultate der Experimentirkunst.

Die lebhafteste Einbildungskraft, der schärfste Verstand ist nicht fähig, einen Gedanken zu ersinnen, welcher vermögend gewesen wäre, mächtiger und nachhaltiger auf den Geist und die Kräfte der Menschen einzuwirken, als wie die Idee des Steins der Weisen. Ohne diese Idee würde die Chemie in ihrer gegenwärtigen Vollendung nicht bestehen und um sie ins Leben zu rufen und in 1500 oder 2000 Jahren auf den Standpunkt zu bringen, auf dem sie sich heute befindet, würde sie auf’s neue geschaffen werden müssen. Es war dieselbe Macht, welche mit und nach Columbus tausende von Abenteurern ihr Vermögen und Leben wagen liess, um eine neue Welt zu entdecken, welche in unsern Tagen Hunderttausende treibt, die Felsengebirge des Westens in Amerika zu übersteigen, um Cultur und Gesittung gleichmässig auf diesem Theil des Erdballs zu verbreiten.

Um zu wissen, dass der Stein der Weisen nicht existirte, musste alles der Untersuchung und Beobachtung Zugängliche, entsprechend den Hülfsmitteln der Zeit, untersucht und beobachtet werden; darin liegt aber der an’s Wunderbare grenzende Einfluss dieser Idee: ihre Macht konnte erst gebrochen werden, wenn die Wissenschaft eine gewisse Stufe ihrer Vollendung erreicht hatte; Jahrhunderte hindurch, wenn Zweifel erwachten, und die Arbeitenden in ihren Bemühungen ermatteten, trat zu rechter Zeit ein räthselhafter Unbekannter auf, der einen hervorragenden glaubwürdigen Mann von der Wirklichkeit des grossen Magisteriums überzeugte.

Ein der Wissenschaft Unkundiger, der sich die Mühe giebt, eine einzige Seite eines Handbuchs der Chemie durchzulesen, muss in Erstaunen versetzt werden von der Masse der einzelnen Thatsachen, welche darauf verzeichnet sind; ein jedes Wort beinahe in einem solchen Werk drückt eine Erfahrung, eine Erscheinung aus. Alle diese Erfahrungen boten sich dem Beobachter nicht von selbst dar, sie mussten mühsam aufgesucht und errungen werden. Auf welchem Standpunkt wäre die heutige Chemie ohne die Schwefelsäure, welche eine über tausend Jahre alte Entdeckung der Alchemisten ist, ohne die Salzsäure, die Salpetersäure, das Ammoniak, ohne die Alkalien, die zahllosen Metallverbindungen, den Weingeist, Aether, den Phosphor, das Berlinerblau! Es ist unmöglich, sich eine richtige Vorstellung von den Schwierigkeiten zu machen, welche die Alchemisten in ihren Arbeiten zu überwinden hatten; sie waren die Erfinder der Werkzeuge und der Processe, welche zur Gewinnung ihrer Präparate dienten, sie waren genöthigt, alles was sie brauchten, mit ihren eigenen Händen darzustellen.

Die Alchemie ist niemals etwas anderes als die Chemie gewesen; ihre beständige Verwechslung mit der Goldmacherei des 16. und 17. Jahrhunderts ist die grösste Ungerechtigkeit. Unter den Alchemisten befand sich stets ein Kern echter Naturforscher, die sich in ihren theoretischen Ansichten häufig selbst täuschten, während die fahrenden Goldköche sich und Andere betrogen. Die Alchemie war die Wissenschaft, sie schloss alle technisch-chemischen Gewerbzweige in sich ein. Was Glauber, Böttger, Kunkel in dieser Richtung leisteten, kann kühn den grössten Entdeckungen unseres Jahrhunderts an die Seite gestellt werden.
Das Allheilmittel Panacea
Die Panacea (deutsch: Panazee) ist ein mythisches Universalheilmittel, der Name kommt von Panakeia (griechisch, „alles heilend”), einer Tochter des Gottes der Heilkunst, Asklepios, in der griechischen Mythologie. Der Begriff taucht oft in Zusammenhang mit dem Lapis philosophorum, dem Stein der Weisen auf, der auch als Leben verlängerndes und verjüngendes Mittel angesehen wurde. Wenn der Stein der Weisen unedle Metalle in edle verwandeln, diese also von ihrer Unvollkommenheit „heilen” kann, muss er auch kranke Menschen gesunden lassen. Mehrere Alchemisten reklamierten für sich denn auch, bereits erfolgreich ein Alter von mehren Hundert Jahren erreicht zu haben.

Im 13. Jahrhundert wurde durch Alchemisten der Alkohol in konzentrierter Form bekannt, dem man bald heilsame Wirkungen zuschrieb – er bekam sogar den Beinamen Aqua vitae, Lebenswasser. Mit dem Verschwinden der Iatrochemie im 18. Jahrhundert wurde die Suche nach dem Lapis als Allheilmittel aufgegeben, man suchte nun nach pharmazeutisch wirksamen Einzelsubstanzen.
Alchemie und Heilkunde
Die griechischen Naturphilosophen, die versuchten, die Welt, die Natur und damit auch den Menschen zu verstehen und zu erklären, hatten einen beträchtlichen Einfluss auf die Entstehung einer rationalen Heilkunde. Für Thales von Milet (624–548 v. Chr.) war Wasser das Urelement, der Grundstoff aller Dinge und natürlich auch alles Lebendigen. Für Anaximenes von Milet (570–525) war die Luft das Element der Elemente, da Atmung Bedingung für Leben ist. Für Heraklit von Ephesos (536–460) war es das Feuer, da es die Umwandlung zwischen verschiedenen Zuständen bewirkt. Und für Pythagoras war die Zahl die Beherrscherin der Dinge. Da die Natur und die Welt dem ordnenden Prinzip der Harmonie unterworfen sind, ist eine Krankheit heilbar allein durch die Wiederherstellung der Harmonie. Ärzte im Umfeld von Pythagoras entwickelten daraus erste Vorschriften für eine vernünftige Lebensweise, die Ernährung, Bewegung und Erholung in einen harmonischen Rahmen einfügte.
Die Säftelehre oder Humoralpathologie
Empedokles von Akragas (490–420 v. Chr.) erweiterte die Theorie der Elemente; er ersetzte das Prinzip des einen fundamentalen Grundelements durch die vier gleichwertigen Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde. Diese Elementelehre besaß über Jahrhunderte Gültigkeit und stellte auch die Grundlage des medizinischen Denkens bis zum Anbruch der naturwissenschaftlich orientierten Neuzeit dar.

Seit den Zeiten des Hippokrates von Kos (um 460–377 v. Chr.) wurden den vier Grundelementen vier Körpersäfte zugeordnet, nämlich Blut (sanguis), Schleim (phlegma), gelbe Galle (cholera) und schwarze Galle (melancholia). Die richtige Mischung, Eukrasia, dieser vier kardinalen Körpersäfte führt zur Erhaltung oder Wiederherstellung von Gesundheit, während Krankheit von einer falschen Mischung der Säfte, Dyskrasia, herrührt. Diese Krankheitslehre von den Körpersäften oder Humoralpathologie findet sich bereits um 400 v. Chr. in der Schrift „Von der Natur des Menschen”, die Polybos, einem Schwiegersohn des Hippokrates, zugeschrieben wird.

Auch andere Griechen leisteten wertvolle Beiträge. Durch den Untergang des Griechischen Reiches nach dem Tod Alexander des Großen 323 v. Chr. waren sie nun allerdings römische Staatsbürger. 250 pflanzliche Heilmittel beschreibt Celsus in den acht Bänden seiner „De re medica”; die „De materia medica” des Dioskurides von 77 n. Chr. enthielt Beschreibungen von rund 600 Heilpflanzen.

Spätestens seit Galen (Galenos von Pergamon, 129–199), dem bedeutendsten Arzt der Spätantike, ist die konkrete Verbindung von Elementelehre und Humoralpathologie bekannt:

Element[—]Qualität[—]Körpersaft[—]Temperament
Luft[—]heiß und feucht[—]Blut (sanguis) [—]Sanguiniker
Feuer[—]heiß und trocken[—]gelbe Galle (cholera)[—]Choleriker
Erde[—]kalt und trocken[—]schwarze Galle (melancholia)[—]Melancholiker
Wasser[—]kalt und feucht[—]Schleim (phlegma)[—]Phlegmatiker

Die Temperamente entstehen bei Schwankungen der Säftemischung im Bereich der Neutralitas, dem Zwischenzustand zwischen vollkommener Gesundheit und Krankheit, also dem alltäglichen Balanceakt des Lebens. Krankheit entsteht, wenn ein Saft das Verhältnis gravierend stört.

Der Krankheitsverlauf wurde in mehrere Stadien eingeteilt. Zunächst kam es zu einer Störung des Säftegemisches. Der Körper reagiert darauf mit Fieber oder Entzündungen. Dadurch sollten die verdorbenen Säfte „gekocht” und unschädlich gemacht werden. Die entstehenden „Schlacken” wurden anschließend ausgeschieden – durch Stuhl, Urin oder Schweiß, aber auch als Eiter, Erbrochenes oder Auswurf. Wurde nicht alles ausgeschieden, führte dies zu Ablagerungen und Rückfällen.

In der alchemistischen Heilkunde wurden nun die Elementelehre des Aristoteles und die Säftelehre des Galen miteinander kombiniert. Nach Aristoteles gibt es vier Grundeigenschaften: feucht und trocken, kalt und warm. Diese vier Eigenschaften ergeben sechs Kombinationen aus je zwei Eigenschaften. Diese Eigenschaften sind jedoch einander teilweise entgegengesetzt: Kälte wird durch Wärme, Feuchte durch Trockenheit aufgehoben, so dass vier Paarungen bestehen bleiben. Diese vier Kombinationen der vier Grundeigenschaften ergeben die vier Elemente, die je eine Eigenschaft gemeinsam haben: Erde ist kalt und trocken, Wasser kalt und feucht, Luft heiß und feucht und Feuer heiß und trocken.

trocken und warm[—]feucht und warm
Feuer[—] Luft

trocken und kalt[—]feucht und kalt
Erde[—]Wasser

Entzieht man dem Wasser die Kälte und ersetzt sie durch Wärme, so verwandelt sich Wasser in Luft. Durch Entzug der Feuchte verwandelt sich Wasser in Erde.

Diese Elementelehre der griechischen Philosophen wurde durch Galen zur Grundlage des ersten theoretischen Systems der Heilkunde. Die verschiedenen Arzneien haben nach Galen ebenfalls verschiedene Elementareigenschaften. Ein Mittel kann warm oder kalt, feucht oder trocken sein oder diese innere Qualität haben. Zur Wiederherstellung der Gesundheit muss die passende Arznei dem Körper nun die fehlende Qualität hinzufügen oder diejenige auslöschen, die im Übermaß vorhanden ist. Die Krankheiten ließen sich nun nach ihren Qualitäten klassifizieren, die entgegengesetzten Arzneimittel ebenso – Krankheit und Heilung konnten auf eine überschaubare Kombination zurückgeführt werden.

Im 16. Jahrhundert wurden die segensreichen Wirkungen von Antimon-, Quecksilber- und anderen Metallpräparaten erkannt. Ein ganz neues Gebiet war durch die Alchemisten erschlossen worden. Im Blut entdeckte man alkalische, basische Eigenschaften, im Magensaft solche von Säuren. Ein neues Gegensatzpaar, entsprechend den Qualitäten des Aristoteles und Galens, war gefunden. Beim Zusammenbringen von Säuren und Basen beobachtete man Wärmeentwicklungen – und schien damit eine Erklärung für die menschliche Temperatur gefunden zu haben. Lebenserscheinungen, Krankheiten und die Wirkung von Arzneien hingen offensichtlich nicht nur von heiß und kalt, trocken und feucht ab, sondern ebenso von den Verhältnissen von Quecksilber und Schwefel – aus denen die Metalle bestanden –, von Salzen, Säuren und Basen. Krankheiten waren Ausdruck einer regelwidrigen chemischen Zusammensetzung des Körpers, durch die chemischen Qualitäten der Arzneien konnte der ordnungsgemäße chemische Zustand des Körpers wieder hergestellt werden. Berücksichtigt werden musste dabei die Beschaffenheit der Galle, des Schweißes, des Speichels und des Harns.

Paracelsus war es, der diesen Ideen ein breiteres Forum gab, und so wie Luther die päpstliche Bulle verbrannte, tat er es mit den Werken Galens auf dem Marktplatz zu Basel. Der wahre Gebrauch der Chemie, so Paracelsus, ist nicht Gold zu machen, sondern Arzneien zu bereiten.
Die Signaturenlehre
Die Signaturenlehre ist die Lehre von den äußeren Zeichen in der Natur („Signaturen”), die auf Ähnlichkeiten, Verwandtschaften und innere Zusammenhänge hinweisen. Sie beruht auf der Grundannahme, das alle Wesen im Kosmos miteinander in Beziehung stehen und miteinander verknüpft sind. Die Signaturenlehre war bereits im Altertum bekannt, schriftlich niedergelegt wurde sie in Europa erstmals durch Paracelsus und den neapolitanischen Arzt und Alchemisten Giambattista delle Porta (1538–1615), der in seinem Buch „Phytognomonica” die Zusammenhänge zwischen Sternen, Pflanzen und Tieren anhand von Signaturen aufzeigte. Die christliche Signaturenlehre deutet die Signaturen darüber hinaus als Zeichen des Schöpfers. Aufgabe des Menschen sei es nun, diese zu erkennen.

Das gedankliche Fundament der Signaturenlehre ist der Satz Similia similibus curantur – „Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt”: Da Melisse und Sauerklee herzförmige Blätter haben, wirken sie als Kräuter gegen Herzkrankheiten; Regenwürmer helfen gegen Gicht, da sie sich krümmen wie gichtige Finger. Noch heute meint der Volksglaube mit ähnlicher Begründung, Walnüsse seien gut für das Gehirn.

Signaturen können Geschmack, Geruch, Farbe, Gestalt und Struktur, bei Pflanzen der Standort oder Wachstumsphasen sein. Diese werden verschiedenen Kategorien wie Elementen oder Planeten zugeordnet, die wiederum weiterführende Eigenschaften besitzen. So hat eine gelb blühende Pflanze eine Verbindung zum Element Feuer, welches wiederum mit der Sonne in Verbindung steht, die ihrerseits Stoffwechselprozesse anregt.

Die Erprobung verschiedener signierter Kräuter führte schließlich zu einer empirisch fundierten Drogenkunde. Die Signaturenlehre hat weiterhin Einfluss auf alte Heilsysteme der Volksmedizin wie die chinesische oder ayurvedische Medizin, aber auch die Homöopathie.
Goldmacherei an Fürstenhöfen
Eine betrügerische Variante der Alchemie fand in der so genannten Verfallsperiode im 16. und 17. Jahrhundert zunehmend Verbreitung und Unterstützung an Fürstenhöfen. Bekannte Fürstenhäuser, die die Alchemie förderten oder selbst praktizierten, waren die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel und die Landgrafen von Hessen-Kassel. Herzog Friedrich I. von Württemberg unterhielt mehrere Laboratorien in Kirchheim/Teck und Stuttgart, Graf Wolfgang II. von Hohenlohe eines auf Schloss Weikersheim. Oft wurde die Goldmacherei als alleiniges Ziel der Alchemie angesehen, die philosophischen Ideen traten dann in den Hintergrund. An den Fürstenhöfen erhoffte man sich durch die vorgeblichen Goldmacher eine Aufbesserung für die oft strapazierten Kassen.

Die praktischen Erfolge dieser Art Experiment waren begrenzt; Teilerfolge – oft unter Verwendung von Goldmünzen aus gewährten Vorschüssen – konnten nicht beliebig oft reproduziert werden, wurden aber als Zwischenstufe für die Erzeugung von Gold erfreut und ungeduldig zur Kenntnis genommen. Durch eine Verschleierung der tatsächlichen Fehlschläge und eine generelle mystische Verbrämung wurde die Alchemie zu einer mythenumrankten Geheimwissenschaft.

Die Täuschungsmethode bestanden darin, echtes Gold unbemerkt in das Reaktionsgefäß zu schmuggeln, in dem das Gold entstehen sollte. Dazu wurde Gold in einem doppelten Tiegelboden, in ausgehöhlten Kohlen oder in einem hohlen Rührstab verborgen. Auch im Ausgangsmaterial Quecksilber ließ sich Gold verstecken, da Quecksilber zehn Prozent Gold gelöst aufnehmen kann, ohne seine Erscheinung zu verändern. Goldsalze wie Goldchlorid konnten dem Tiegel vorab unauffällig beigegeben werden.

Viele der betrügerischen Alchemisten endeten durch den Strick, und zwar an einem eigens für sie reservierten vergoldeten Galgen. Aus dem „Neuen Württembergischen Dienerbuch” ist zu entnehmen, dass von den zehn Hofalchemisten der Regierungszeit Herzog Friedrichs I. immerhin fünf den Tod durch den Scharfrichter fanden.
Johann Friedrich Böttger und das Porzellan
Viele Fürsten des 17. und 18. Jahrhunderts stellten praktisch arbeitende Alchemisten ein, die mit der Transmutation von Blei zu Gold die klammen Staatsfinanzen sanieren sollten. Auch wenn von einer erfolgreichen Goldbereitung nicht sicher berichtet werden konnte, lohnte sich diese Investition für die Fürsten dennoch – zumindest langfristig.

Kurfürst August der Starke von Sachsen zwang den Apothekergehilfen Johann Friedrich Böttger (1682–1719) als Alchemisten an den sächsischen Hof, nachdem dieser 1701 eine Transmutation mittels einer „roten Tinktur” durchgeführt hatte. Die Aufsicht über den „Goldmacher” wurde dem Physiker und Mathematiker Ehrenfried Walter von Tschirnhaus (1651–1708) übertragen, der seit mehreren Jahren zu ergründen versuchte, wie die Chinesen seit dem siebten Jahrhundert Porzellan herstellten – und der Böttger in diese Arbeiten einband. Da für die Herstellung des Steins der Weisen schließlich auch hitzefeste Materialien und Geräte gebraucht wurden, ließ Böttger dies nach längerem Widerstreben wohl geschehen.

Zusammen mit Tschirnhaus und mehreren Berg- und Hüttenleuten entwickelte Böttger 1708 zunächst eine Rezeptur für das braune Feinsteinzeug („Jaspisporzellan”, das später als „Böttgerporzellan” bekannt wurde) und 1709 diejenige für das weiße Porzellan: Kaolin, ein feiner, eisenfreier, weißer Ton („Tonerde”), wird mit Feldspat, einem häufig vorkommenden Silikat-Mineral, und Quarz (Siliziumdioxid; reiner Bergkristall oder Sand) gebrannt, und zwar zunächst in einem „Glühbrand” bei 900, dann in einem „Glattbrand” bei 1400 Grad Celsius. Da Tschirnhaus im Oktober 1708 an der Amöbenruhr verstarb, konnte Böttger die Erfindung des Porzellans für sich reklamieren – ein Behauptung, die so sicherlich nicht haltbar ist, da Tschirnhaus bereits 1694 in Briefen an Gottfried Wilhelm Leibniz über seine Porzellanexperimente berichtet hatte. 1719 starb Böttger in Dresden, wohl an den Folgen seiner Experimente mit teils giftigen Stoffen.

Wie auch immer: Dieses „weißes Gold” genannte Hartporzellan, welches von europäischen Fürstenhöfen seit Anfang des 13. Jahrhunderts zu horrenden Preisen aus China importiert wurde, ließ der sächsische Kurfürst ab 1710 in der „Königlich-Polnischen und Kurfürstlich-Sächsischen Porzellan-Manufaktur” fertigen, was ihm ein Vielfaches von dem einbrachte, was einige Kilogramm Gold an Ertrag gebracht hätten.

Die Porzellanherstellung galt als Staatsgeheimnis, gehütet von Arkanisten (lat. arcanum, Geheimnis), die allein um die Vorgänge bei der Zubereitung der Porzellan-Rohmasse, beim Brennen sowie bei Farbgestaltung und Glasur wussten. Lange Jahre konnte Meißen das Geheimnis der Porzellanherstellung für sich behalten, bis 1719 der geflohene Arkanist Samuel Stölzel das Geheimnis nach Wien brachte – doch es sollte weitere 25 Jahre dauern, bis sich das Wissen schließlich in ganz Europa verbreitete. Die Manufaktur, die seit 1918 als Staatliche Porzellan-Manufaktur Meißen und seit 1991 als GmbH im Besitz des Freistaats Sachsen geführt wird, stellt noch heute ihr weltberühmtes Porzellan mit den gekreuzten Schwertern her – und erzielte 2004 mit etwa 900 Beschäftigten rund 36 Millionen Euro Umsatz.

Auch die Investitionen in die „Infrastruktur” der Alchemisten erwiesen sich langfristig als lohnend: Sie benötigten Laborassistenten, die ihnen zur Hand gingen und dazu in einer Fülle von Techniken ausgebildet wurden, sowie gut ausgebildete Handwerker, die benötigte Gerätschaften für die Alchemie herstellten. In Regionen wie Böhmen, Sachsen oder Württemberg, in denen die Alchemie besonders verbreitet war, entwickelten sich später bezeichnenderweise eine blühende Industrie.

(Auszüge aus: "Die Alchemisten – Goldmacher, Heiler, Philosophen", Thorbecke, 2006)
1 Kommentar
  • Martin LehmannBeantworten

    Vielen Dank für Ihren hochinteressanten Beitrag, an den ich gerne eine Frage anschließen würde. Kennen Sie eine Quelle, in der im Zshg. mir der Vorstellung des Menschen als Mikrokosmos die Knochen als Steine und die Adern als Berge bezeichnet werden?
    herzliche Grüße

    Martin Lehmann

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