Vortrag

Die Erlösung der Natur durch den Menschen

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Vortrag von Dr. Gunter Friedrich

Dr. Gunter Friedrich (Jg. 1942) war in der Verwaltungsgerichtsbarkeit tätig. Er hat die Stiftung Rosenkreuz mit aufgebaut und gehört ihrem Vorstand an.

Vortrag in Osnabrück am 30.11.2008

Die Erlösung der Natur durch den Menschen

Zugang zum Thema

Eine meiner frühen Kindheitserinnerungen – ich war vielleicht vier Jahre alt – besteht darin, dass ich auf einer kleinen Mauer saß und von einem Gefühl von Einsamkeit und Alleinsein durchdrungen wurde, das mich bis ins Mark erschütterte.

Eine Frage begann sich abzuzeichnen: Wozu bin ich hier?

Im Laufe meiner Jugendzeit traten mir Abgründe ins Bewusstsein, die zu unserem Dasein gehören: Abgründe zwischen den Menschen, zwischen Mensch und Tier und schließlich solche im eigenen Inneren. Meine Frage an das Leben verstärkte sich: Wie kann es sein, dass wir nicht eins sind mit uns und der Schöpfung? Diese Frage begleitete mein Leben.

Jahrzehnte lange Berufsausübung, das Leben in Familie und im Kreis von Freunden, begleitet von dem Bemühen, mich ins Dasein zu integrieren, enthüllten mir etwas von der Kraft, die das Einswerden verhindert. Es ist eine Kraft, die unser Bewusstsein beherrscht und lenkt. Sie erzeugt unsere Mentalität und unseren Selbstbehauptungsdrang.
Sie macht uns zu unserem eigenen Gefängniswärter. Es ist unser heutiges Ich.

Deutlich stand vor mir, dass wir erlösungsbedürftig sind, oder anders gesagt, dass uns eine Entwicklung aufgegeben ist, die wir nicht völlig aus eigener Kraft herbeiführen können.

Zu meinem großen Erstaunen spürte ich eines Tages etwas Entsprechendes auch für das Pflanzen- und Tierreich. Eine eigenartige Beziehung zu manchen Baum- und Blumenarten stellte sich ein. Ich erlebte einen Kräfteaustausch. Ein Lebensfluidum verbindet uns miteinander. Mir wurde deutlich, dass wir eingebettet sind in ein Lebensfeld, eine feinenergetische Sphäre. Es ist unser Naturfeld, die Sphäre von „Mutter Erde.” In ihr sind wir alle, die wir hier existieren, miteinander verbunden.

Manche Bäume scheinen mir mitzuteilen: „Ich existiere.” Bei dieser einfachen „Kommunikation” empfinde ich, dass das Pflanzenreich etwas von uns erwartet, einfach deshalb, weil wir in der Entwicklung weiter fortgeschritten sind. Bei Tieren ist das noch viel deutlicher zu spüren.

Aber was erwarten sie?

Vom naturwissenschaftlichen Denken her kann man eine solche Frage nicht stellen. Doch zum Menschsein gehören noch andere Ebenen.

Das Pflanzen- und Tierreich wartet darauf, dass wir diese anderen Ebenen, die tiefer und höher reichen als der losgelöste Verstand, auf die rechte Weise nutzen. Die Natur wartet darauf, dass wir Urwissen, das in Natur und Menschheit vorhanden ist, erschließen und anwenden.

Bei meiner Bemühung hierum wurden mir Mythologie, Philosophie und religiöse Vertiefung neben dem aktuellen Erleben zu einem wesentlichen Erkenntnismittel.

Vom Gott im Werden

In der Genesis der Bibel steht beim sechsten Schöpfungstag: „Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.” Und er sprach: „Und siehe, es war sehr gut.” Ist das nicht eine merkwürdige Aussage, wenn man uns Menschen anschaut?

Weiter steht in der Genesis, dass Gott am siebten Schöpfungstag ruht.
Könnte das die Stunde des Menschen sein, die Stunde seiner Freiheit?
Dann befänden wir uns auch jetzt in diesem siebten Schöpfungstag.
Die Schöpfung wäre noch nicht abgeschlossen. Gott ruht. Wir haben eine Aufgabe.

Einer der Väter der Philosophie, Platon, äußerte Gedanken, die einen großen Zusammenhang aufleuchten lassen. Er spricht von einem zweifachen Gott, so möchte ich es nennen. Es gibt das absolut Gute, so sagt er. Es ist vollkommen, ruht in sich selbst, ist sich selbst genug. Doch aus seiner Vollkommenheit, aus seiner Ruhe heraus bringt es eine Bewegung hervor. Wozu dient die Bewegung? Alles in ihr soll danach streben, dem absolut Guten ähnlich werden, so heißt es im Dialog Timaios.

Gott bildete „die Vernunft in eine Seele und die Seele in einen Körper ein, und fügte so den Bau des Weltalls zusammen.” Also: Etwas vom Göttlichen, die Vernunft, fließt in eine Seele hinein und von dort in einen Körper. So vermischt sich Licht und Dunkel. So entsteht aus dem Unbegrenzten und Allgegenwärtigen etwas Begrenztes.

Im Werden, in der Bewegung in eine Körperlichkeit hinein, hat sich die Gottheit begrenzt, ist sie unvollendet, erscheint sie unvollkommen. Und von hier aus strebt sie zur Vollkommenheit, zu ihrem eigenen Ursprung, zu ihrem eigenen ewigen Sein. Und wir erleben Stufen dieses Strebens.

Das wurde für mich zu einem Schlüssel zu weiterer Erkenntnis. In unserer Welt gibt es nur das Werden in unendlich vielfältiger Vermengung von Licht und Dunkelheit, von Bewusstem und Unbewusstem.

Die Nachfolger Platons sprachen davon, dass die Fülle des Ewigen „übergeflossen” ist. Dies geschah im allgegenwärtigen Lebensfluidum.
In seiner höchsten Reinheit ist es „das Leben” selbst, die Göttin „Leben ”
Sie umfängt alle Geschöpfe und hat viele Gesichter. Wir erfahren sie als „Mutter Erde.” Hier gehört sie ebenfalls zu den Wesen, die einen höheren Ziele zustreben, dem vollendeten Sein. „Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen, zum höchsten Dasein immerfort zu streben,” so spricht Goethes Faust zur Erde.

Aristoteles teilt die Wesen danach ein, in welchem Ausmaß sie an der Vollkommenheit Anteil haben. Er spricht von einer „scala naturae „, einer großen „Kette der Wesen”, die von den niedersten in hierarchischer Folge durch viele Stufen aufwärts zum „ens perfectissimum”, zum vollkommensten Wesen, reichen. Und alle sind in abgestuften Übergängen miteinander verbunden. Alles trägt in sich das Ziel der Vollkommenheit.

In dieser Kette steht der Mensch. Über uns gibt es Glieder der Kette und unter uns. Es ist eine unbegrenzte Fülle, und sie befindet sich in Bewegung. Homer nannte sie die Goldene Kette, die vom Himmel herabhängt. Aber sie wird nicht automatisch hinaufgezogen.
Vielmehr gibt es Wege der Entwicklung, die gegangen werden müssen.

Zurzeit befinden wir uns in einem Kreislauf von Geburt und Tod. Von einer befreienden Entwicklung, einer Bewegung der Kette nach oben, kann man dabei nicht sprechen. Doch es gibt die Möglichkeit, den Kreislauf zu überwinden, ihm zu entsteigen. Denn in allen Wesen wirkt der Drang nach Vervollkommnung.

Woher kommt er? Jeder mag es selbst erforschen. Eins ist deutlich: Göttliches kann man nicht mit äußeren Sinnesorganen wahrnehmen.
Aber man kann seelischen Zugang zu ihm finden. Dazu gibt es die inneren Wege.

Vom im Menschen versunkenen Gott

Wenn wir uns auf die Suche begeben nach den Urgründen unseres Daseins, stoßen wir an den Schleier, der vor unserem Antlitz hängt.
Er macht uns zu abgetrennten Wesen, inmitten der Fülle des einen Lebens. Er hindert uns auch daran, unsere Verantwortung für die Naturreiche zu erkennen.

Was ist dieser Schleier? Es ist unser irdisches Ich, das auf sich selbst gerichtet ist. Es sieht sich als Mittelpunkt, erfährt sich im Lebenskampf, müht sich um sein eigenes Werden, seine eigene Entwicklung. Die Rede von einem universellen Göttlichen im Hintergrund seines Daseins, erscheint ihm als ein Märchen, als Spekulation, als Versponnenheit.

Doch wir werden mitsamt unserem Ich vor einen Abgrund geführt. Wir werden dem gegenüber gestellt, was wir herbeigeführt haben. Und in plötzlich aufwallender Not kann der Schleier reißen und wir spüren etwas von höheren Dimensionen.

Mein Suchen führte mich zu den hermetischen Schriften. Dort fand ich die Sichtweise vom im Menschen versunkenen Gott auf eindrucksvolle Weise dargestellt.

Das Corpus Hermeticum wurde im 2. Jh. n.Chr. niedergeschrieben. Es enthält uraltes Mysterienwissen. Im 2. Buch heißt es dort: „Erhebe dich über alle Zeit, werde Ewigkeit.” Das wird zu dem ewig Werdenden gesprochen, zu dem Gott in uns, zu dem Element der göttlichen Vernunft, das in die Materie hinein geflossen ist. Die hermetischen Schriften fordern den Gott in uns auf, die vergängliche Hülle hinter sich zu lassen.

Diese Schriften wurden in den Untergrund verbannt. Doch im 15. Jahrhundert traten sie hervor und läuteten die Renaissance ein.

Der Gott im Werden meldete sich. Und was geschah daraufhin? Das alte Bewusstsein ergriff Besitz von ihm. Der irdische Mensch, geknechtet im Inneren und Äußeren, ging daran, sich von den Fesseln zu befreien, religiös, wirtschaftlich, politisch. Der hermetische Impuls wurde zu einem Entwicklungsstoß für das irdische Ich. Das Ergebnis sind wir.

Es gab eine kurze Zeit des Einhaltens, der Besinnung. Es war die Zeit der deutschen Romantik. Große Geister erspürten den göttlichen Ursprung und das göttliche Werden. Die Philosophie Schellings wurde mir zu einer Entdeckung.

Für ihn ist das Leben ein einziger großer Prozess, ein Aufstieg zum göttlichen Geist, ein Aufstieg des Geistes. Er sieht eine Kontinuität, ein Stufensystem von der anorganischen Materie als dem geistniedrigsten Sein über die Welt der Pflanzen und der Tiere bis zur Welt der Menschen. Im Menschen wird der göttliche Geist zum subjektiven Geist, zum Geist „für sich ” Gott ist Leben, Leben in Entwicklung.

Schelling schreibt: „Hat überhaupt die Schöpfung eine Endabsicht, und wenn dies ist, warum wird diese nicht unmittelbar erreicht, warum ist das Vollkommene nicht gleich von Anfang? Es gibt darauf keine Antwort als die schon gegebene: weil Gott ein Leben ist, nicht bloß ein Sein. Alles Leben aber hat ein Schicksal und ist dem Leiden und Werden untertan. Auch diesem also hat sich Gott freiwillig unterworfen…”

Das ist eine besondere Evolutionslehre. „Das Vollkommenere erhebt sich aus seinem eigenen Unvollkommeneren.” „Ich setze Gott als Erstes und Letztes, als A und als O, aber als das A ist er nicht, was er als das O ist.” Das Böse und die Unvollkommenheit sind ein im Entstehen begriffenes Gutes, ein „Ins Gute Verwandelbares”. Die Entwicklung der Welt, die schrittweise Selbstverwirklichung Gottes, ist ein Kampf gegen Widerstände. So die Gedanken Schellings.

In seinem späteren Leben entfaltet er die Schau von einem Fall des ursprünglichen Menschen, einem Herausfallen aus der göttlichen Einheit, durch das die Schöpfung mit hinabgerissen wurde. Das Tun des göttlichen Menschen wurde zu einer Zerstörung des Kosmos.

Die Kreatur wartet

Wir stehen danach in einem großen Weltendrama. Paulus spricht die geheimnisvollen Worte: „Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden; die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit … auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit…”

Abgründe der Trennung sind entstanden. Und nun wartet die Kreatur.
Worauf wartet sie? Darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden, der Gott in uns. Ein Wissen davon lebt in der Natur, dass es möglich ist und ansteht.

Tiere und Pflanzen, einst auch die Mineralien und schließlich die Erde selbst sollen einmal frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit. Jakob Böhme prophezeit die „durchsichtige” Erde.
Derzeit ist der Weg dazu jedoch durch den Menschen blockiert.

Die Inder sagen, die Pflanzen befinden sich in tiefer Meditation, im Samadhi. Sie meditieren die kristallenen Kräfte der Erdentiefe und die Kräfte des Sonnenkosmos. Mit Paulus können wir hinzufügen: Sie warten, warten auf den Klang, der sie erweckt. Der vom Menschen ausgehende Klang hat eine gewisse Macht über die Natur. „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort,” so formuliert es Joseph von Eichendorff.

Darin schien mir eine Wahrheit zu liegen. Aber was ist das „Zauberwort”? Auf welchen Klang warten die Pflanzen, um zu erwachen?
Und in welcher Gestalt werden sie erwachen?

Was haben wir zu tun? Nur das menschliche Urwissen kann uns den Weg weisen. Die heiligen Schriften der Völker stellen es in Bildern dar.

Es ist eine andere Art Wissenschaft, dieses Urwissen zu ergründen. Wir müssen es in uns frei legen, müssen uns gleichsam erinnern. Das Ringen um Bewusstwerdung ist ein Ringen um Erinnerung.

Vom Sturz der Götter

Die Lehren der hermetischen Tradition, der Gnosis, der Theosophie, Anthroposophie und der Rosenkreuzer wurden mir dabei zu Wegweisern. Sie sind aus der Intuition, der inneren Schau entstanden und bedürfen zugleich der Naturbeobachtung.

Sie stellen in unterschiedlicher Akzentuierung dar, dass es ursprüngliche Geistwesen waren, die in das Werden hinein gingen, ein Werden, das letztendlich tief hinabführte, wohl zu tief, zu weit hinweg vom göttlichen Sein. Sie begannen damit, Lebensfluiden zu verdichten, sich mit ihnen zu umhüllen und daraus nach und nach Körperlichkeiten für sich heranzubilden.

Die Göttin „Leben”, das reine Lebensfeld, lässt alles zu. Ziel des Impulses, dem die Geistwesen folgten, war es, ein Selbstbewusstsein zu erringen. Und das ist nur möglich mit Hilfe einer Körperlichkeit. Mythen in allen Kulturen beschreiben das Hinabsteigen des Geistes, des Gottes, in die materielle Umhüllung. Sie sprechen auch vom „Göttersturz” in die Nacht des Unbewussten.

Die Gottwesen verloren durch diesen Schritt ihre Teilhabe am Allbewusstsein – und das Selbstbewusstsein hatten sie noch nicht errungen. So verfielen sie in einen schlafähnlichen Zustand.

Mit Hilfe anderer Geistwesen erschufen sie in für uns unvorstellbar langen Entwicklungszyklen Formen, mit denen sie sich verbanden, in denen sie sich spiegeln konnten. Die Gestalten wurden allmählich differenzierter. Anfänglich glichen sie dem, was wir heute noch als mineralische Strukturen vorfinden. Danach entwickelten sie Formen, die man als Urbilder der heutigen Pflanzen bezeichnen kann. Sie waren viel einfacher, als es die heutigen Pflanzen sind und hatten eine energetische, feinstoffliche Beschaffenheit. Goethe suchte intuitiv nach der Urpflanze. Bei vielen Naturvölkern lebte das Wissen von den Urpflanzen.

In einer weiteren Entwicklungsperiode entwickelten die Geistwesen Grundformen der Tiere. Und schließlich – im jetzigen Zeitalter der Erde – entstand die Grundform des Menschen. Die Evolutionstheorie der heutigen Naturwissenschaft zeigt dieselbe Aufeinanderfolge der Gestalten.

Die Geistwesen entwickelten also Ausdrucksformen, um ein Ebenbild ihrer selbst im Bereich der Natur zu schaffen. So entstand die Gestalt des Menschen. Zu ihr wurde gesprochen: „Und siehe, es war sehr gut.”

Das Wort der Genesis empfängt so eine neue Bedeutung. Das Werkzeug für die göttliche Selbsterkenntnis war vollendet. Es war der irdische Mensch. Die vorangegangenen Schöpfungen, die der Pflanzen- und Tierwelt, waren Zwischenstadien auf dem Weg der Gestaltgebung, dem Weg der Bewusstwerdung.

Vom paradiesischen Zustand

Darauf folgt in der Beschreibung der Genesis der paradiesische Zustand.
Man kann ihn als den Anbruch des siebten Tages bezeichnen. Die Erde war zu jener Zeit noch von feinstofflicher, energetischer Art. Es war ein Frühstadium der jetzigen Erdperiode. Der Mensch wurde zu Beginn diese Periode erneut ins Dasein gerufen. Und er erhielt unter anderem den Auftrag, den Tieren Namen zu geben.

Das war ein wichtiger Vorgang. Denn seine Gestalt war eine Synthese der damaligen Tiergestalten. Die göttlichen Wesen hatten zunächst in fast unbegrenzter Fülle Bilder ihres Inneren aus sich herausgesetzt. Das hatte zu einer Vielzahl tierhafter Formen geführt. In der Gestalt des Menschen waren sie zusammen gefügt worden zu einer darüber stehenden Einheit. In ihr konnte sich das göttliche Selbst umfassender erfahren als in den Tierformen. Mit Hilfe dieser Gestalt konnte sich das Selbstbewusstsein der Geistwesen heranbilden.

In jeder Tierart kann der Mensch einen Teil von sich selbst wieder erkennen. Inzwischen, bis in unsere Zeit hinein, haben sich diese Aspekte in den Tieren weiter entfaltet und es haben zusätzliche Entwicklungen in der Tierwelt stattgefunden.

In seiner Spezialisiertheit ist jedes Tier dem Menschen weit überlegen.
Aber der Mensch kennt die Vielzahl der Aspekte aus sich selbst heraus.
Er kann ihre Eigenart kennzeichnen. Das bedeutet es, den Tieren Namen zu geben.

Damit bekräftigte der Mensch seine Verbundenheit mit dem Tierreich. Als Geschöpf besitzt er das alle Tiere verbindende „Tierselbst”. Nun war es seine Aufgabe, sich mit dem hinter ihm stehenden „Geistselbst” zu vereinen, dem schöpferischen göttlichen Wesen. Mit ihm gemeinsam kann er den Weg gehen, der zur Absolutheit Gottes zurückführt. Das im Werden befindliche Geistwesen kann mit Hilfe des irdischen Menschen das Selbstbewusstsein erringen, sich auf neue Weise entfalten und den Weg ins Allbewusstsein zurück beschreiten. Der irdische Mensch verschmilzt mit ihm in dem Maße, in dem er das Tierselbst überwindet.
So entsteht der ursprüngliche göttliche Mensch schließlich aufs Neue.

Auf diesen Prozess wartet die Tierwelt. Sie befindet sich zurzeit in einer Sackgasse. Eine weitere körperliche Ausdifferenzierung ihrer Eigenschaften erscheint kaum noch möglich. Die Tiere können nur noch auf einer höheren Ebene weiter gehen. Es ist ihnen aufgegeben, aus der Vielheit und Zersplitterung zu einer höheren Einheit zu gelangen. Dort erschließen sich für die Tierwelt neue Gestaltbildungen.

Für ein solches Geschehen können wir als Menschen einen schöpferischen Raum schaffen, ein so genanntes „morphogenetisches Feld”, wie der Naturwissenschaftler Sheldrake sagt. In Goethes Faust finden wir gegen Ende den Satz: „Komm! Hebe dich zu höhern Sphären! / Wenn er dich ahnet, folgt er nach.” Das ist ein Gedanke, der auch in diesem Zusammenhang gilt.

In den Mythen über das Goldene Zeitalter wird von der Vereinigung der Tiere gesprochen, und ebenso in den Mythen über Orpheus. Der persische Mystiker Nizami beschreibt in seinem Werk „Leila und Madschnun”, wie Vertreter aller Tierarten einen Kreis bilden um den,
der den Weg der göttlichen Liebe geht. Das Bild des Kreises ist die Verheißung der Einheit für die Tierwelt, die Verheißung einer neuen körperlichen Struktur. Das Zusammenführen der Tiere in der Arche Noah könnte eine ähnliche Bedeutung haben, ebenso das Wort „Tierkreis”, das uns aus der Astrologie so geläufig ist.

Vom Sturz des Menschen

Doch die einstmals beabsichtigte Vereinigung des Tierreichs kam nicht zustande. Stattdessen riss der Mensch Abgründe auf und setzte eine gegenläufige Entwicklung in Gang. Er, dessen Körpergestalt schon den Weg in die Einheit symbolisierte, entschied sich für die Vielheit und Differenziertheit. Symbolisch wird gesagt, dass er vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen aß. Er verleugnete den inneren Gott, sein geistiges Selbst, das sich zum Absoluten erheben wollte und schlug es gleichsam noch heftiger an das Kreuz der Materie.

Denn er schaute auf sein irdisches Wesen und beschritt den Weg, auf dem sich seine Gestalt weiter ausdifferenzierte und verdichtete und ein eigenes Selbstbewusstsein entstand. Zum göttlichen Selbst war damit ein Abgrund aufgerissen.

Und in allen Lebewesen dieser Natur, die sich insgesamt verdichteten und weiter differenzierten, entfaltete sich ein ungeheurer Selbstbehauptungsdrang. Er geht beim Menschen so weit, dass er als irdisches Ich, das das Selbstbewusstsein für sich geraubt hat, um Aufnahme in die Ewigkeit bittet.

Doch auf unser irdisches Ich wartet nur der Tod. Er eröffnet für das hinter uns stehende Geistwesen eine stets neue Chance.

Der jetzige Entwicklungsgang stößt in unserer heutigen Zeit an eine Grenze. Viele spüren die ungeheure Gefahr eines Weitergehens in derselben Richtung. Die Erde gibt deutlich Alarmzeichen. Das irdische Ich vieler Menschen ist überreif. Es beginnt, zu degenerieren. Psychische Krankheiten breiten sich aus. Die Kreatur seufzt lauter als je zuvor unter unserem Verhalten. Die große Frage steht über unserem Planeten: Begreift die Menschheit nun, wer sie wirklich ist?

Nur noch ein Teil der Kreatur wartet

Im Moment wartet nur noch ein Teil der Kreatur darauf, ob wir vielleicht doch noch unsere Aufgabe verstehen und ausführen. Es gibt ein gewaltiges Artensterben im Tier- und Pflanzenreich. Die einzelnen Tier- oder Pflanzenarten verschwinden plötzlich, jeweils als gesamte Art. Sie ziehen sich zurück. Denn die Tiere und vor allem die Pflanzen sind keine Individualitäten, wie wir es sind. Jede Art existiert in einem inneren Zusammenhang. Hegel spricht von „Multiindividualitäten”. Es sind Geistwesen, die jeweils eine Tier- und Pflanzenart hervorbringen und aufrechterhalten, um mit ihrer Hilfe die Bewusstwerdung zu durchleben.

Diese Geistwesen sind eigentlich die Wartenden, die in ihrer Entwicklung weiter gehen wollen. Doch viele von ihnen haben sich inzwischen von der grobstofflichen Erde zurückgezogen, weil es keine Entwicklungsmöglichkeit mehr für sie gibt. Das ist ein unübersehbares Warnzeichen, denn die Notwendigkeit ihrer Entwicklung besteht ja fort.
Es deutet auf den anstehenden Tod einer Epoche hin, auf eine Umwälzung, die einen neuen Beginn ermöglicht.

Einen anderen Körper erschaffen

Was können wir tun? Wenn wir den Zugang hierzu finden, können wir der göttlichen Evolution dienen. Auf dem Weg des Rosenkreuzes, wie ihn Jan van Rijckenborgh beschreibt, habe ich gelernt, dass dies durch gemeinschaftliche Hingabe an den göttlichen Keim in unserem Innersten möglich ist. Seelische Energien werden auf einem solchen inneren Weg mobilisiert und wirken nach innen und außen. Sie durchdringen die Zellen unseres Körpers und schaffen in ihm energetisch eine neue Basis. Sie erzeugen inmitten unseres Körpers eine neue Struktur, die für die Entwicklung des göttlichen Anderen geeignet ist.

Auf diesem Weg setzen wir uns mit unserem Tierselbst auseinander. Es ist die Substanz, von der wir ausgehen und die wir verwandeln. Wir können den Drang zur Selbsterhaltung, der in allen Naturreichen vorherrscht, in uns verringern. Wir legen ihn umso mehr ab – auch den Drang nach eigener Erlösung – je mehr wir die Möglichkeit erspüren, uns dem göttlichen Wesen anzuvertrauen.

Das hat große Auswirkungen auf unser Lebensverhalten. Denn der Selbstbehauptungsdrang führt zur Ausbeutung der Naturreiche. Das Prinzip des Nehmens steht im Vordergrund. Das ändert sich, wenn wir uns der Quelle des Lebens in uns nähern. Dann tritt das Geben hervor.

Unsere bisherigen Gedanken und Empfindungen ändern sich. Damit verwandelt sich auch das, was wir das Tierselbst nennen. Ansätze des göttlichen Selbst bilden sich heraus. Und das Besondere ist: Sie erschaffen in uns und mit unserer Hilfe eine eigene, neue Struktur. Sie zeigt sich zu Beginn als Zirkulation neuer Kräfte in uns.

So verblasst das körperliche Bild, das unserem jetzigen, aktuellen Dasein zugrunde liegt. In unserem Körper findet eine strukturelle Neugeburt statt. Es ist die Gestalt, die bereits einmal bestand, nämlich in der paradiesischen Sphäre. Sie gilt es, als feinenergetische, feinstoffliche Form erneut hervor zu bringen.

Man kann sie Seelenkörper nennen. In ihm kann sich die Gottheit spiegeln, in ihm kann sie sich entfalten, mit ihm kann sie sich vereinen. Er ist das naturhafte Abbild der Gottheit, von dem gesagt wurde: „Siehe, es ist sehr gut.”

Ein solches Geschehen wird kommuniziert. Die ganze Schöpfung vernimmt davon. Dafür sorgt das Lebensfluidum, die Mutter des Lebens. Wenn ein einziger Mensch diesen Prozess vollzieht, erfährt es die gesamte Kreatur. Und das sind vor allem die der Kreatur zugrunde liegenden Geistwesen. Die Quantenphysik liefert sogar naturwissenschaftliche Erklärungen für die Möglichkeit eines solchen Hineinwirkens in die Allgegenwart. Sie spricht von den alles durchdringenden Informationsfeldern.

Wie viel Zeit bleibt uns noch?

Die Naturreiche müssen uns so lange dienen, solange die Chance besteht, dass genügend Menschen ihren Auftrag begreifen und der göttlichen Evolution dienen. Wenn diese Aussicht nicht mehr besteht, wird eine Erdperiode ihrem Ende zugeführt. Und nach einer Zeit der Ruhe kann ein neuer Anfang stattfinden.

Die Mythen berichten hiervon im Überfluss. Doch es scheint zu der dämonischen Kraft unseres Verstandes zu gehören, sich den mythologischen Aussagen gegenüber zu verschließen. So hat zum Beispiel die Mythe von Noah und der Sintflut eine überzeitliche Bedeutung. Die Erde, in ihrer höheren, geistigen Gestalt, greift ein, um die Evolution sicher zu stellen. Sie benutzt dabei die Kraft der Elemente, mag es Wasser sein oder Feuer.

Die Hopi-Indianer stellen in ihren Mythen dar, wie die Erde schon mehrfach untergegangen ist, weil die Menschen nur auf sich selbst gerichtet waren und die Beziehung zur Gottheit verloren.

Der Schriftsteller Ernst Jünger benutzt die Sprache der nordischen Mythologie, um die heutige Situation zu kennzeichnen. Er sagt: Unser Verstand kann das Ausmaß des Geschehens gar nicht begreifen. Es lässt sich nicht in die gängigen Modelle und Kategorien einordnen.

Was über die Erde, über Midgard, hereinbricht, sind mythologische, archetypische Gewalten. In die Tiefen verbannte titanische Mächte erheben sich, brechen aus, bekriegen und vertreiben die Götter. Der chthonische Drachen, die Midgardschlange, speit Feuer und Giftrauch über das Land. Der alles verschlingende, gierige Fenriswolf, gezeugt von Loki, hat seine Fessel gebrochen.

Hier wird auf den vom Geist gelösten, entfesselten Verstand gedeutet,
der nur sich selbst und seinen Expansionsdrang sieht und – losgelöst von der Geistbindung – den Materialismus erweckt hat.

Die Naturreiche haben uns stets gedient. Sie sind unsere Lebensgrundlage. Nach dem Gesetz des Ausgleichs müssen wir ihnen nun den großen, wesentlichen Dienst erweisen.

Wir müssen ihnen voran gehen. Wir sind zum Weg einer neuen Geburt gerufen, der Geburt aus „Wasser und Geist ” , wie es im Johannesevangelium heißt. Im Buddhismus wird vom Buddha im Menschen gesprochen, im Christentum vom Christus im Menschen.
Die Mission des Christus ging bis in die Materie hinein, bis zur
Verwandlung der menschlichen Gestalt. Der Christusgeist zeigte nach der Auferstehung die neue Gestalt des Jesus.

Diese neue Struktur kann in jedem Menschen Gestalt annehmen.
Jeder kann zumindest eine Grundlage hierzu schaffen. Das geschieht auch auf den inneren Wegen anderer Religionen. Denn die neue Struktur, die auf den Menschen wartet, wurde durch große Menschheitslehrer in der Erdatmosphäre verankert. Sie gleicht einem Gewand, das von jedem angezogen werden kann, der sich hierfür zubereitet.

Wenn viele einen solchen Weg gehen, entsteht ein schöpferischer Raum
für die Geistwesen der Tiere. Diese werden ihn einnehmen und einen schöpferischen Raum für die Geistwesen der Pflanzenwelt hervorrufen. Das jeweils entstehende Vakuum erzeugt gleichsam einen Sog nach oben. Die „goldene Kette” bewegt sich nach oben.

Wir können den Pflanzen und Tiere unsere Aufmerksamkeit widmen und sie hegen und pflegen. Wir können sie wahrnehmen als Mitgeschöpfe, die prinzipiell nichts anderes sind als wir selbst. Wir können und sollten sie auf neue Weise behandeln, sie mit neuen Augen betrachten und unsere tiefe Verwandtschaft mit ihnen erkennen. Unser Innerstes kann sagen: Das war einmal eine Ausprägung von mir.

Doch das Entscheidende für einen längeren Fortbestand unserer Zeitperiode wird sein, dass wir ihnen auf einem geistigen Weg vorangehen. Dann werden sie mit unserer Hilfe neue Wachstumsenergien erhalten, Energien, die ihnen durch die Geistwesen zugeführt werden, die hinter jeder Tier- und Pflanzenart stehen.

Dann wird die Natur wieder von reineren Lebensfluiden erfüllt. Sie wird die Gestalten und Formen hervorbringen, die den Bewusstseinsschritten der schöpferischen Geistwesen entsprechen.

Hierfür im Inneren wie im Äußeren die Voraussetzungen zu schaffen,
dazu sind wir berufen. Alle Maßnahmen im Umweltschutz erscheinen damit in einem neuen Licht. Sie werden im politischen Raum umso leichter möglich, je mehr Menschen einen „inneren Klimawandel” vollziehen.

Zum Abschluss zitiere ich ein Gedicht des islamischen Mystikers Rumi:

Ich starb als Mineral und ward zur Pflanze,
Ich starb als Pflanze und stieg auf zum Tier,
Ich starb als Tier und ward ein Mensch.
Warum soll ich mich fürchten?
Wann ward ich durch Sterben geringer?
Doch, einmal noch, werde ich als Mensch sterben, um zu schweben –
Mit heiligen Engeln, doch selbst aus der Gemeinschaft der Engel
Muss ich scheiden; alles außer Gott vergeht.
Wenn ich meine Engelseele geopfert habe,
Werde ich zu dem werden, was noch nie ein Verstand erfasst.
Ach! Lass mich nicht existieren, denn Nicht-Sein
Verkündet in Orgelklängen,
„Zu ihm werde ich zurückkehren.”

Foto: Hermann Achenbach
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