Vortrag

Die Entdeckung des unversehrten Körpers von Hermes

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Vortrag von F. Smit

Marsilio Ficino ist für die Renaissance und für die europäische Kultur wegen seiner Übersetzung der hermetischen Schriften, bekannt unter dem Namen Corpus Hermeticum, von eminenter Wichtigkeit gewesen.

Im Jahre 1406 brachte ein Mönch von einer Reise durch Macedonien eine griechische Handschrift mit, die er dem Stifter der „Platonischen Akademie”, Cosimo de‘ Medici, schenkte. Cosimo gab zwei Jahre später, 1462, dem Leiter der Akademie, Ficino, den Auftrag, die Handschrift in Latein zu übersetzen, eine Arbeit, die dieser 1463 vollendete. Anfangs zirkulierten Abschriften der Übersetzungen unter den Mitgliedern der Akademie in Florenz, später, 1471, erschien das Werk im Druck. Diese Ausgabe hatte einen ungeahnten Erfolg und wurde viele Male aufgelegt.

Bis zur Wiederentdeckung der Handschrift waren während des Mittelalters nur Bruchstücke des Corpus Hermeticum bekannt gewesen. Der Einfluss der gedruckten Ausgabe der hermetischen Schriften von 1471 auf die humanistische Renaissance kann schwer eingeschätzt werden. Pico della Mirandola, der 1486 die berühmte Oratio, die Rede über die Menschenwürde, verfasste, nannte Hermes Trismegistos eine der größten Quellen für die Philosophie, wodurch die Offenbarung des Christus bewiesen werde. Giordano Bruno rühmte gleichfalls den legendären Ägypter und verbreitete selber die „ketzerische” Lehre, worin die „gute Religion”, wie er die ägyptische Magie nannte, durch das aufkommende römische Christentum vertrieben worden war. Dank Ficino und Cosimo de‘ Medici sah „das westeuropäische Christentum sich plötzlich mit einer zweiten göttlichen Offenbarung konfrontiert, die noch deutlicher war als die der Bibel”.

Der ägyptische Weise Hermes Trismegistos wurde im griechischen und römischen Altertum als der älteste Menschheitslehrer angesehen, der Plato und Pythagoras beeinflusst haben sollte, ja sogar Moses. In der Renaissance glaubte man mit den hermetischen Schriften den Bronnquell in Händen zu haben, woraus der biblische Glaube und die griechische Philosophie geschöpft hatten – eine Meinung, die durch neuere Untersuchungen, u.a. von Professor Quispel, stark gestützt werden konnte.

Hermes wurde von dem römischen Geschichtsschreiber Herodot mit der ägyptischen Gottheit Thoth gleichgesetzt. Thoth galt als derjenige, der der Menschheit die Schrift, die Basis für alle Wissenschaft und Kultur, gebracht hatte. Auf dem berühmten Stein von Rosette, der zur Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen führte, kommt sein Beiname vor: Trismegistos, der „dreimal Große”, denn er war ein Großer auf dem Gebiet von Gottesdienst, Wissenschaft und Kunst.

Die offene und alles einschließende Religiosität der hermetischen Weisheitslehre, die nach Ficinos Übersetzung und Buchausgabe zur Blüte kam, enthielt eine organische, beseelte Kosmologie, worin Gott, Kosmos und Mensch zusammen ein magisches Dreieck bilden. Die Blütezeit der hermetischen Philosophie dauerte bis zur ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Wir sollten dabei nicht nur an ein mystisch gefärbtes philosophisches Gebilde denken. Es ging den Hermetikern um die Einheit von Wissenschaft und Weisheit, des Wissens in all seinen Facetten. Der Unterschied zwischen esoterischer und exoterischer Kenntnis, den wir heute machen, war damals noch nicht bekannt.

Die Sicht der Hermetiker befasste sich hauptsächlich mit dem Platz des Menschen im Kosmos. Daraus entstanden drei Hauptströme. Der erste davon ist die Magie, das heißt die Kenntnis und die Mittel zur Beschwörung des Göttlichen zu Gunsten des Menschen. Der zweite Strom der Kenntnis ist der der Astrologie: also Kenntnis der Konstellationen und der Bahnen der Himmelskörper und Sterne und ihres Einflusses auf das irdische Leben. Zu dieser Strömung gehörte auch die Kenntnis auf dem Gebiet der Pflanzen- und Heilkunde, kurzum: die Naturphilosophie. Die dritte Strömung ist die der Alchemie, der Kenntnis, die auf innerliche und äußerliche Transformationsprozesse in Natur und Mensch Bezug hat. Es ist vor allem die Alchemie gewesen, die in der Renaissance einen enormen Einfluss ausgeübt hat.

Der Mensch steht also in der hermetischen Philosophie, Magie und Alchemie zentral. Denn der Mensch ist – in den Worten von Asklepios (einer der Hauptfiguren aus dem Corpus Hermeticum) – ein „großes Wunder”. Er ist nämlich ein Wesen von sowohl sterblicher als auch unsterblicher Art. Nach seinem Körper ist er sterblich, nach seinem göttlichen Kern, seinem Innersten, ist er unsterblich. Im Wesentlichen ist der Mensch Gott gleich. Der göttliche Funke im Menschen liegt jedoch durch die Begierden des Körpers in tiefem Schlaf, in tiefer Betäubung. Und es ist der Auftrag an den Menschen, sich seiner göttlichen Herkunft zu erinnern, sich seines göttlichen Wesenskerns bewusst zu werden und den Schwerpunkt in seinem Leben zu verlegen, indem er diesem Kern sein „Ich” übergibt. Dies ist der Sinn seines Bestehens.

Bei diesem Erwachen braucht der Mensch Hilfe, Kraft und Unterweisung. Das Ziel des menschlichen Bestehens ist die Erfahrung des Göttlichen im eigenen Wesen, das Sich- bewusst-werden der göttlichen Wirklichkeit. Der Unterricht ist dabei von sekundärer Wichtigkeit. Die hermetische Lehre kann den Menschen nur begleiten. Die göttliche Erleuchtung kann nicht gelehrt werden. Das erwachende göttliche Urprinzip im Menschen kommt ihm als Kraft zu Hilfe, und diese wird für ihn der neue Quell für Inspiration und Intuition, der neue Lebensbronn.

Der wahre, wesentliche Mensch ist gekennzeichnet durch den Besitz von Geist und Verstand. Der Geist ist die göttliche Offenbarung, die als Intuition Einsicht schenkt und die Einheit mit dem Göttlichen erfahren lässt. Der Verstand lässt den Menschen verstehen, was die Intuition ihm als Gabe beschert. Obwohl alle Menschen Verstand besitzen, doch nur wenige die Gabe der göttlichen Intuition, stellt die hermetische Weisheitslehre Offenbarung und Verstand doch auf gleiche Höhe. Diese Auffassung bedeutete einen Bruch mit der christlich-kirchlichen Lehrmeinung, welche die Offenbarung über den Verstand stellte.

Der Verstand kann als Prüfmittel für dasjenige dienen, was entlang des Weges der Offenbarung oder Intuition – also aus erster Hand – zu uns kommt. Die Erkenntnis, wie sie in den hermetischen Schriften steht, ist davon ein Niederschlag. Zu dieser Erkenntnis gehört die zentrale Auffassung über den Menschen als Mikrokosmos, somit einer Welt, eines Kosmos im kleinen.

Der Mensch besitzt im Herzen einen Berührungspunkt der göttlichen Welt, ein übersinnliches Prinzip. Dieses geistige Urprinzip ist unter verschiedenen Namen bekannt, z.B. als „das Juwel in der Lotosblüte” der östlichen Tradition, „die Rose im Herzen” der westlichen esoterischen Tradition oder „der Geistfunke” der modernen Rosenkreuzer. In den hermetischen Schriften wird vom „Nous” oder „Pneuma” gesprochen. Es ist dieses geistige, latente Prinzip, das den Menschen zu einem göttlichen, unsterblichen Wesen macht und das ihn zurückführen kann zur Einheit mit der ursprünglichen gottmenschlichen Welt. In diesem Urprinzip wird der alte Gegensatz zwischen immanent-transzendent oder auch innerlich-äußerlich aufgehoben. Denn der göttliche Funke ist innerlich, also persönlich, als eingeborenes Prinzip. Es ist übersinnlich in Wirkung und Kraft, erleuchtet den Menschen von innen heraus und lässt ihn über sich selbst hinauswachsen.

Eine klassische Art, diese abstrakten Gedanken zu übertragen, ist, diese in lebendige Bilder und Personifikationen zu fassen, die vermittels Geschichten vorgetragen werden. An Hand dieser Geschichten steht die Idee des mikrokosmischen, göttlichen Menschen als ein lebendiges, inspirierendes Bild vor unseren Augen. Denn darum geht es: dass wir dadurch erweckt und inspiriert werden und so zum Praktizieren der innerlichen Alchemie übergehen!

Wir möchten Ihnen dann zwei Geschichten übertragen, wovon die erste und älteste uns einen Eindruck davon geben kann, was Ficino antrieb und inspirierte. Zugleich wird mit beiden Geschichten die Verbindung zwischen der hermetischen Weisheit und der Weisheit der Rosenkreuzer gezeigt. Aber mindestens genauso wichtig ist, dass die Aktualität dieser Geschichten vor uns aufleuchtet; haben sie doch Bezug zu unseren Leben, hier und jetzt. Diesen zwei Geschichten wollen wir auch noch die Beschreibung einer bestehenden Situation anfügen, einen sichtbaren Beweis, der uns davon überzeugen kann, dass die alten Geschichten – sollte für Sie noch ein kleiner Zweifel bestehen – nicht auf Phantasie beruhen, sondern auf die Wirklichkeit der göttlichen Welt hinweisen.

Die erste Geschichte ist die von der Tabula Smaragdina, der Smaragdenen Tafel von Hermes Trismegistos. Es kursieren davon verschiedene Versionen. In einem der Texte, Apollonius von Tyana zugeschrieben, wird von einem Grabtempel erzählt. Wir zitieren: ” Und siehe, ich kam herzu zu einer unterirdischen Kammer, gefüllt mit Finsternis (…). Wegen der Dunkelheit sah ich keine Möglichkeit, in die Kammer einzudringen, und dem starken Wind hielt auch kein Lichtstrahl stand.”
Dann erschien ein Greis von „genau gleicher Gestalt und Erscheinung wie ich selber; und er sprach zu mir: ‚O Balinus, stehe auf und gehe in die Kammer hinein, damit du Kenntnis in Bezug auf die Geheimnisse der Schöpfung erwirbst und damit zur Darstellung der Natur kommen kannst.‘

Als Balinus – die Ich-Figur der Geschichte – den Greis fragt: „Wer bist du, der mir diese Wohltat erweist?”, antwortet dieser: „Ich bin dein eigenes, vollkommenes, feinsinniges Wesen.” Darauf geht Balinus – erweckt und voll Freude – in die Kammer hinein, welche nun erleuchtet ist, und wird konfrontiert mit dem geistigen Vater Hermes Trismegistos, sitzend auf einem goldenen Thron, in seiner Hand eine Tafel aus grünem Smaragd, auf welcher geschrieben stand:
„Dies ist die Beschreibung der Natur.” Und vor der Figur stand ein Buch mit der Inschrift: „Dies ist das Geheimnis der Schöpfung und die Kenntnis in Bezug auf die Ursachen der Dinge.”

Eine andere Version erzählt von der Auffindung des unversehrten Körpers des „Vaters der Philosophen”, Hermes. In seiner Hand liegt ein Stein oder eine Tafel, die Tabula Smaragdina, in welche das bekannte hermetische Axiom eingraviert ist:

„Es ist wahr! Es ist sicher! Es ist die volle Wahrheit!
Was unten ist, ist gleich dem, was oben ist,
und was oben ist, ist gleich dem, was unten ist,
damit die Wunder des Einen sich vollziehen.”

Außerdem steht da die Urformel der Alchemie:

„Scheide liebevoll und mit großer Einsicht und Weisheit die Erde
vom Feuer, das Feingewobene von dem, was hart, dicht und erstarrt ist.”

Jan van Rijckenborgh sagt hierüber in seinem Kommentar zum Grundtext in dem Buch „Die Ägyptische Urgnosis und ihr Ruf im Ewigen Jetzt” (Teil I): „Und deshalb möchte uns die Tabula Smaragdina bereits im ersten Beginn sagen: Wir sprechen mit Ihnen nicht über eine Wahrheit, die in einem gegebenen Moment für einen bestimmten Menschen von großer Bedeutung war, wie vielleicht die romantische Schilderung eines Lebensgangs, sondern über eine Wahrheit, die erfahren werden muss, keine einzige Spekulation enthält, und die vollkommen ist, das heißt: für die ganze Menschheit bestimmt.”

Dass in dieser Geschichte die Symbolik eines unterirdischen Grabes gewählt wurde, führt uns zu dem Gebrauch der Einweihungsgrotten des Altertums zurück, die zu „der anderen Welt” Zugang gewährten. In diesen Grotten lag allzeit der Schatz verborgen. Bei den Mayas zum Beispiel war dies das lebenspendende Wasser. Die Mysterien der Fruchtbarkeit und Wiedergeburt waren also in den Erdentiefen verborgen. Die großen Urtypen der Menschheit wurden immer in Grotten oder Grabtempeln begraben. Tief in der Erde fand ihre Auferstehung statt. Dass der Körper von Hermes Trismegistos in seinem Grabtempel in unversehrtem Zustand aufgefunden wird, deutet auf seinen Status der Unsterblichkeit hin. Die unantastbare Wahrheit des göttlichen Makrokosmos wurde in seinem eigenen mikrokosmischen System befestigt.

Sehr umfassend wird diese Begebenheit bei der Auffindung des Grabtempels von Christian Rosenkreuz dargestellt, erzählt in dem Manifest „Der Ruf der Rosenkreuzer-Bruderschaft”. Hierin wird von einer Anzahl Brüder der Bruderschaft des Rosenkreuzes gesprochen, die nach dem Grab ihres Vater-Bruders Christian Rosenkreuz – dem Stifter der Bruderschaft – auf die Suche gehen. Dabei finden sie eine Gedenktafel, auf welcher die Namen aller, die zur Bruderschaft gehören, stehen. Wir zitieren: „In dieser Gedenktafel ragte ein großer Nagel etwas stärker hervor, so dass, als dieser mit Kraft herausgezogen wurde und ein ziemlich großes Stück der dünnen Mauer oder des Verputzes, der die verborgene Mauer bedeckte, mitgerissen wurde, die Tür unerwartet freigelegt wurde, worauf wir mit großer Freude und Verlangen die übrige Mauer wegbrachen und die Tür reinigten, auf welcher ganz oben mit großen Buchstaben geschrieben stand: Nach hundertzwanzig Jahren werde ich aufgehen (…).”

„Am Morgen öffneten wir die Tür, hinter der sich ein Gewölbe mit sieben Seiten und sieben Ecken befand (…). Obwohl dieses Gewölbe niemals von der Sonne beschienen wurde, war es doch von einer anderen Sonne hell erleuchtet, die dieses Vermögen von der Sonne gelernt hatte und die sich obenan in der Mitte der Decke befand. In der Mitte befand sich anstelle eines Grabsteins ein runder Altar mit einer Bronzeplatte und darauf die Inschrift: A.C.R.C. Diese Zusammenfassung des ganzen Alls habe ich, in meinem Leben, mir zu einem Grabe gemacht. Um den ersten Kreis herum stand: Jesus mihi omnia (Jesus ist mir alles). In der Mitte befanden sich vier Figuren, die von Kreisen umschlossen waren, um die herum geschrieben stand:

1. Es gibt absolut keinen leeren Raum
2. Das Joch des Gesetzes
3. Die Freiheit des Evangeliums
4. Gottes Herrlichkeit ist unantastbar

Noch hatten wir den toten Körper unseres so sorgsamen und weisen Vaters nicht gesehen. Darum versetzten wir den Altar; dann konnten wir eine schwere bronzene Platte aufheben, unter der sich ein schöner und edler Körper befand, unversehrt und ohne die geringste Auflösungserscheinung (…). In der Hand hielt er ein Buch, mit goldenen Buchstaben auf Pergament geschrieben, T. genannt, das nun, nach der Bibel, unser größter Schatz ist.”

Aus diesem Text geht hervor, dass wir hier vor dem Mysterium von Tod und Auferstehung stehen. Christian Rosenkreuz ist der reinste Repräsentant für dieses Mysterium. Sein Grabtempel ist ein Kompendium der großen, alles durchdringenden, göttlichen Welt, der „einen großen Wirklichkeit”. Die „kleine Welt”, der Mikrokosmos von Christian Rosenkreuz, ist das vollkommene Ebenbild der ewigen, göttlichen Welt. „Was die kleine Welt betrifft”, so steht an anderer Stelle in dem Text der Fama oder des Rufes zu lesen, „diese fanden wir in einem kleinen Altar aufbewahrt; sie war schöner als selbst ein auf diesem Gebiet kundiger Mensch sich vorstellen kann. Wir werden diese jedoch nicht abbilden, ehe man nicht auf diese unsere aufrichtige Fama (Ruf) in Vertrauen geantwortet hat.”

Der Ruf, über den hier gesprochen wird, erklingt innerlich im Menschen als ein Appell zum Erwachen aus der Benebelung der Sinne. Was soll das heißen? Die Welt, die wir mit unseren Sinneswerkzeugen wahrnehmen, gehört zum veränderlichen und vergänglichen Teil des Kosmos. Fixierung auf die Außenseite der Dinge führt zu Benebelung; die Wahrheit liegt verborgen in der Kraft, der Wirkung hinter den Erscheinungen. Wer dem innerlichen Ruf vertraut, der von dem innewohnenden Geistfunken ausgeht, und dann in positiver Lebenshaltung darauf reagiert, also die davon ausgehenden Suggestionen beantwortet, wird ein Bild von seinem eigenen Mikrokosmos wahrnehmen können. Er bekommt, mit anderen Worten, Impressionen aus seinem göttlichen Kernprinzip in der Form von inspirierenden Kräften und Intuitionen, die seinen Mentalkörper erleuchten, sein Gefühlsleben reinigen und zur Ruhe bringen und seinem Lebenskörper neues Gleichgewicht und sprühende Energie verleihen.

Kurzum: mit dem Beantworten des innerlichen Rufes wird mit der Wiederherstellung, der Regeneration des gesamten Mikrokosmos in seinem ursprünglichen Glanz ein Anfang gemacht. Die sterbliche, vierfältige Gestalt wird im Mikros die Funktion eines „Dienstknechts im Hause” erfüllen; gleichzeitig wird im mikrokosmischen System ein neuer Körper von ätherisch-stofflicher Art entstehen. Und das ist der Körper, auf den die unversehrten Körper von Hermes und Christian Rosenkreuz hinweisen.

Ein bekanntes hermetisches Axiom lautet: „Wer sich selbst kennt, kennt das All.” Wer seinen eigenen Ursprung von göttlicher Art kennen lernt, lernt also auch den göttlichen Ursprung der Welt, der ganzen Natur, kennen. Er wird ein „Wissender”; er durchschaut die Welt der Erscheinungen bis in den Kern und dringt bis in das Innerste jedes Wesens und jedes Geschöpfes durch.

Nun wird im Ruf der Rosenkreuzer-Bruderschaft, aber auch in der Alchemischen Hochzeit von Christian Rosenkreuz, die Hauptfigur dargestellt als ein lebender Mensch (ein Deutscher von Herkunft), der sich auf den Weg ins Heilige Land macht, jedoch nach Damcar, die Stadt der arabischen Weisen, verschlagen wird, wo er deren Sprache und Wissenschaften lernt. In Ägypten und Fez lernt er die Magie, die Kabbala und die Geheimnisse der Natur. Durch all die neuen Axiome und Kenntnisse bereichert, kehrt Christian Rosenkreuz über Nordafrika nach Europa zurück, um seine neu erworbene Kenntnis mit den Gelehrten zu teilen. Jedoch, anders als in Arabien, wo er gastfrei und offen empfangen worden war, trifft er in Europa lediglich auf Widerstand und Abweisung, worauf er beschließt, die Bruderschaft des Rosenkreuzes zu gründen.

Wiewohl Christian Rosenkreuz als eine historische Person beschrieben wird, muss er in erster Linie als Prototyp des wiedergeborenen, wahren Menschen gesehen werden. Konkret bedeutet das, dass dieser Prototyp in jedem Menschen verwirklicht werden kann. Darüber, ob wirklich jemals eine Person dieses Namens existiert hat, kann nicht eindeutig Aufschluss gegeben werden. Die Erlebnisse von Christian Rosenkreuz, wie in der Fama beschrieben, lassen wohl einen Menschen vermuten, der in dieser Welt steht, aber nicht von dieser Welt ist. Seine Lebensdomäne ist das Königreich, von dem Christus zeugte, die Welt „seines Vaters”, die zwar nicht aus dieser Welt zu erklären ist, aber sehr wohl in dieser Welt wirksam und drängend ist. Denn – so stellt ein alter hermetischer Text fest – „die Ewigkeit formt die Welt zu einer Ordnung, indem sie die Materie mit Unsterblichkeit und Dauer durchdringt.”

Der Mensch hat bei seinem Involutionsgang in die Materie seine heutige Selbständigkeit und sein Ichbewusstsein erworben. Christian Rosenkreuz zeigt als lebender Prototyp den Weg der Evolution, der Selbstverwirklichung des Menschen in göttlichem Sinn.

Hier kann noch angemerkt werden, dass Hermes Trismegistos von Osten nach Westen geht. Wir meinen hiermit, dass sich durch den Impuls von Ficino dieser Urquell jüdisch-ägyptisch-griechischer Weisheit über Europa ausbreitet. Christian Rosenkreuz geht von West nach Ost, von Europa nach Arabien und Ägypten. So ist der Kreis geschlossen. Der Urtyp von Hermes, Vater der Philosophen, findet in dem Prototyp von Bruder Christian Rosenkreuz seine Nachfolge und seine Vollendung. Mit dieser Begegnung beginnt für die Welt eine neue Renaissance.

Hieran anschließend möchten wir auf die Geschichte einer historisch nachweisbaren Person eingehen, nämlich die des Maya-König-Priesters Pacal Votan aus dem 7. Jahrhundert. Der wirklich existierende Grabtempel von Pacal Votan in Mexiko weist nämlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit den symbolischen Grabtempeln von Hermes Trismegistos und Christian Rosenkreuz auf. Eine der bemerkenswertesten Übereinstimmungen ist, dass der mexikanische Archäologe Alberto Ruz, als er 1949 in Palenque seine Suche nach dem Sarkophag des Maya-Fürsten begann, auf einen besonders großen Stein stieß, in welchen zwei Reihen Löcher gebohrt waren, wovon jedes mit einem steinernen Stöpsel verschlossen war. Dabei denkt man doch sofort an den Nagel in der Geschichte über das Grab von Christian Rosenkreuz.

Nach dem Entfernen der Stöpsel konnte der Stein hochgehoben werden. Darunter befand sich ein mit Schutt gefülltes Treppenhaus. Es kostete das Archäologenteam vier Saisonzeiten, all den Schutt wegzuräumen. Unten an der Treppe entdeckten sie eine Kammer, die auf einer Seite durch einen dreieckigen Stein verschlossen war. Als sie diesen entfernten, konnten sie einen Gang betreten, der zur Tumba des Maya-Fürsten führte. Zu ihrer großen Überraschung schien die Tumba noch vollkommen intakt zu sein. Die Mauern des 9 x 7 Meter großen Raumes waren mit Stuckreliefs verziert. Die Grabstätte selbst war mit einer riesigen rechteckigen Platte bedeckt, reich mit komplexen, außergewöhnlich stilisierten Reliefs versehen.

Wir können hier unmöglich alle Abbildungen auf dieser imposanten Grabplatte aufzählen, aber zwei davon erwecken unmittelbar die Aufmerksamkeit. Zentral auf der Platte ist der Lebensbaum zu sehen, darum herum die fünf Welten oder fünf Paradiese der Mayas. Als zweites nimmt die Abbildung einer Fledermaus und eines Vogels mit einer Kette im Schnabel einen bevorzugten Platz ein.

Unter der Grabplatte befanden sich die stofflichen Überreste von Pacal Votan, der laut den Maya-Inschriften ein erleuchteter Fürst und großer Eingeweihter gewesen sein muss. In seinem Mund lag ein Jadestein – Symbol der Unsterblichkeit. In beiden Händen hielt er ebenfalls Jadesteine, einen Kubus und eine Kugel. Der dreieckige Stein vor der Tumba, das Viereck und der Kreis in den Händen des Priester-Königs: die drei mächtigen Symbole des göttlichen Menschen! Eine Symbolik, die wir auch bei den Rosenkreuzern antreffen: Kreis, Dreieck und Viereck stehen für die wiederhergestellte Einheit von Geist, Seele und Körper im wiedergeborenen Menschen.

Auf der Grabplatte sehen wir Pacal Votans Einweihung in die Mysterien von Tod und Wiedergeburt abgebildet. Die Fledermaus, Symbol des Todes, landet auf dem Mund von Pacal Votan: er stirbt. Darüber fliegt ein Quetzalvogeljunges, symbolisierend die Wiedergeburt von Pacal als der Geist von Quetzalcoatl, des obersten Gottes der Mayas. Um den wiedergeborenen Fürsten stehen die Symbole von Makrokosmos, Lebensbaum und den fünf Paradiesen.

Aus den Schriften der Mayas geht hervor, dass sie glaubten, dass der Mensch als Mikrokosmos ein Teil des großen, göttlichen Makrokosmos ist. Dieser Glaube erstreckte sich bis zum „Selbst”, und damit wurde jeder Mensch in seinem wiedergeborenen Zustand als ein Teil der alles umfassenden Einheit angesehen.

Das heilige Buch der Mayas, das Popol Vuh, sagt über die Wiedergeborenen, die Eingeweihten: „Sie waren gesegnet mit Intelligenz, sie sahen und waren imstande, zugleich in die Ferne zu sehen, sie waren erfolgreich darin, alles zu wissen, das es auf der Welt zu wissen gab. Wenn sie um sich schauten, sahen sie unmittelbar alles, was sich um sie hin befand. Darum sannen sie über den Himmelsbogen und die runde Oberfläche der Erde nach. Sie sahen alle Dinge, ohne dass sie es nötig hatten, sich fortzubewegen; in einem Augenaufschlag sahen sie die Welt…Ihre Weisheit war groß.”

Das Popol Vuh, die „Bibel” des Maya-Volkes, beginnt mit den folgenden Sätzen: „Das heilige Buch kann man sich nicht ansehen. Das Originalbuch, das in einer fernen Vergangenheit geschrieben wurde, hat vor langen Zeiten existiert, aber nun ist es für Sucher und Denker verborgen…”

Auch der Grabtempel von Pacal Votan ist buchstäblich während langer Zeiträume verborgen gewesen. Doch im übertragenen Sinne ist er, genauso wie die Grabtempel von Hermes und Christian Rosenkreuz, noch immer verborgen. Wir können versuchen, mit unserem analytischen Verstand die Codes auf der Grabplatte von Pacal Votan zu entziffern und auf gleiche Art den Inhalt der hermetischen Texte oder den Bericht der Brüder des Rosenkreuzes über das Grab von Christian Rosenkreuz zu enträtseln, aber ein solcher Versuch entfernt uns nur immer weiter von einem wirklichen Erfassen. Man muss über Kenntnis und Unterscheidungsvermögen aus erster Hand verfügen, um zu den Mysterien der Wiedergeburt durchdringen zu können.

Diese Kenntnis liegt als ein Schatz in der „Herzgrube” verborgen, was eine esoterische Andeutung für den Hohlmuskel ist, als welcher das Herz physiologisch angesehen wird. Hiermit wird gemeint, dass das Herz ein eigenes Bewusstsein besitzt, ein Bewusstsein, das negativ geladen ist, also: empfänglich, offen, wiedergebärend.

Das Herz, als Sitz dieses Bewusstseins, wird in der „Stimme der Stille” der „Tempel der Wahrnehmung” genannt. Wenn das Herz still und rein ist, kann das objektive Bewusstsein, das reine Wahrnehmen, sich darin entfalten. Das Herz verbindet sich so mit dem positiven Pol des Bewusstseins, dem Hauptheiligtum; zusammen bilden sie dann eine Einheit, das Gemüt, wie Hermes dieses neue Vermögen nennt. Und in dieses reine Gemüt senkt sich der göttliche Geist, der Pymander, ein.

Als leuchtende Inspiration steht das Bild des alles durchdringenden, alles wissenden Pymanders vor uns: die aktuelle Möglichkeit im Menschen, nach Geist, Seele und Körper Gott gleich zu werden. In der ätherisch-organischen Struktur, in der Verborgenheit der Höhlen von Herz und Hirn, liegt potentiell für den Menschen das Versprechen, wiederum ein Kind Gottes werden zu können. Aber dafür muss die Struktur erst einmal geeignet sein, das heißt, wieder ihrem ursprünglichen Ziel entsprechen: nämlich im Dienst der Transfiguration, der Wiedergeburt zu stehen. Das ist ein sehr besonderer Prozess der Bewusstwerdung.

Nur das Höhere, also das Göttliche, kann das Niedere transformieren; aber das Höhere ist abhängig von der Tauglichkeit, der Offenheit und Hingabe des Niederen, der sterblichen Persönlichkeit. Das ist die Pilgerfahrt, die wir zu unternehmen haben. Dieser Bewusstseinsprozess führt dann zu einem neuen, anderen Lebenszustand, mit ganz neuen gnostisch-magischen Vermögen des Glaubens, der Weisheit oder Imagination, des Verstandes, der Beherrschung der Kräfte und schließlich der Gabe der Heilung. Es sind diese erwachten Vermögen, die auf alle Lebensebenen und auch in die Kultur ausströmen werden, wodurch die Renaissance ihre letztendliche Erfüllung finden wird.

Überlassen wir zum Schluss Ficino selbst das Wort. Über die Frage: „Wie wird der Mensch wieder Gott gleich?”, schrieb er in einem seiner Briefe das Folgende:

„Musst du nicht ab und zu lachen über die Anmaßung der Menschen? Ich lache oft genug darüber, und durch ihre Widerlegung entkomme ich ihr selbst(…). Aber der Mensch, der als Tier an die Erde gebunden ist, maßt sich nur allzu oft an, dass er begreifen kann, wie das Göttliche zusammenhängt, und dass er weiß, was das Ziel Seiner Vorsehung ist (…). Darum schrieb Pythagoras vor, dass darüber geschwiegen werden musste, wenn das göttliche Licht nicht verfügbar war, denn niemand durchschaut die göttliche Welt außer demjenigen, der Gott gleich ist. Darum hat der Apostel Paulus Recht, wenn er sagt: ‚Was zu Gott gehört, kann nur durch den Geist Gottes erkannt werden.‘ Und niemand sagt ärger die Unwahrheit über das Göttliche als der, der alle Einzelheiten darüber begreifen will. Gott lässt Jesaja dann auch sagen: ‚Er fängt die Gelehrten in ihren eigenen Stricken‘ und auch: ‚Gott weiß, dass die Erwägungen der Gelehrten eitel sind‘.

Ein Mensch weiß genug, wenn er weiß, dass diese glänzende Maschinerie die ‚Schöpfung‘ heißt, von dem Einen allweisen Schöpfer abhängt und von ihm gelenkt wird. Aus dem Guten selbst kann einiges Gute entstehen, und was aus dem Guten hervorgeht, muss auch auf gute Art verwaltet werden. Darum müssen wir in allem das Gute sehen. Wer so die göttliche Welt erkennt und sich darauf konzentriert, ist nach seiner Art Gott gleich, und durch seine Lebenskunst ist er ein guter Mensch. Er ist voll guten Mutes, und Glück ist seine Belohnung.

Sei gegrüßt, und bleibe glücklich!”

Vortrag: F. Smit

Übersetzung ins Deutsche: Ursula Klee

Quellenverzeichnis:
Corpus Hermeticum, eingeleitet, übersetzt und erläutert von R. van den Broek und G. Quispel. Amsterdam, 1990
F. van Lamoen: Hermes Trismegistus, Pater Philosophorum. Textgeschichte des Corpus Hermeticum. Amsterdam, 1990
J. van Rijckenborgh: Die Ägyptische Urgnosis und ihr Ruf im ewigen Jetzt (Teil I), Haarlem, 1960
J. van Rijckenborgh: Der Ruf der Rosenkreuzer-Bruderschaft. Haarlem, 1966
A. Gilbert u. M. Cotterell: Die Weissagungen der Mayas entschleiert. Unieboek, 1996
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