Vortrag

Das Evangelium der Wahrheit

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Vortrag von Dr. Konrad Dietzfelbinger

von Dr. Konrad Dietzfelbinger

Symposium: Unbekanntes Christentum. Ein Fund in der Wüste.
Sehr geehrte Damen und Herren,
das Evangelium, das Ihnen heute Abend vorgestellt werden soll, ist ein Zeugnis der „Gnosis”. Gnosis ist das griechische Wort für „Erkenntnis”. Es handelt sich um eine Erkenntnis besonderer Art. Unsere Wissenschaftler gewinnen Erkenntnisse mit dem gewöhnlichen Verstand, indem sie Sinnesdaten und Vorstellungen zu Begriffen formen, die sie dann miteinander zu Theorien verbinden. Die Gnosis ist Erkenntnis anderer Art. Um Ihnen einen ersten Eindruck von dieser Art Erkenntnis zu geben, zitiere ich Ihnen eine Passage aus dem „Evangelium nach Philippus”, einer anderen gnostischen Schrift:

„Es ist mit der Wahrheit, (der Erkenntnis), nicht so wie auf der Welt, wo der Mensch die Sonne sieht, ohne selbst Sonne zu sein, wo er den Himmel sieht und die Erde und alles übrige, ohne selbst Himmel, Erde und dergleichen zu sein. Sondern im Reich der Wahrheit siehst du etwas von ihr und wirst selbst zu ihr. Du siehst den Geist und wirst selbst zu Geist. Du siehst Christus: Du wirst Christus. Du siehst den Vater (Gott): Du wirst selbst zum Vater. Hier auf dieser Welt also siehst du alle Dinge, siehst aber dich selbst nicht. In der anderen Welt jedoch siehst du dich selbst. Denn was du dort siehst, das wirst du selbst… Niemand kann etwas Unvergängliches wahrnehmen, außer er wird selbst unvergänglich” (S.107).

Solche Aussagen sind sicher, wenn man sie zum ersten Mal hört, schwer verständlich. Aber vielleicht gelingt es heute Abend, sie zu verdeutlichen.

Als Verstandesmenschen erkennen wir mit unseren Sinnen die Welt. Die Dinge und Menschen werden uns zu Objekten, denen wir als Subjekt gegenüberstehen. Der Gnostiker aber entwickelt ein besonderes Bewusstsein und Sein, ein neues Wahrnehmungsorgan, durch das er eins mit Dingen und Menschen wird. Da fällt die Trennung zwischen ihm und der Welt, zwischen ihm und Gott, weg, und er erkennt die Wesen, oder Gott, das Unvergängliche, in sich, weil er selbst zu diesen Wesen oder dem Unvergänglichen geworden ist. Er verwandelt sich sozusagen in die Dinge und Wesen. Sie werden er selbst. Es gibt keine Objekte mehr für ihn, sondern nur noch ihn als alle Dinge und Wesen umfassendes Subjekt.

Wenn man „Gnosis” so versteht, dann ist klar, dass die Stifter der spirituellen Religionen und Mysterienschulen aller Zeiten Gnostiker waren. Denn sie alle lebten aus dieser Erfahrung der Einheit mit Gott und allen Dingen. Wie sagte zum Beispiel Jesus? „Ich und der Vater – der göttliche Urgrund – sind eins” (Joh.10, 30). Oder Paulus: „Wir sehen jetzt nur mittels eines Spiegels in rätselhafter Gestalt”(das heißt nur mittels unserer Sinne, wodurch uns die Dinge als rätselhafte Objekte erscheinen), „dann aber von Angesicht zu Angesicht” – unmittelbar, eins geworden, Auge in Auge mit den Dingen und Wesen (1.Kor.13, 12) Oder der Buddha: „Was ich in meiner Betrachtung schaue, ist Wahrheit. Was ich mit Hingebung übe, ist Wahrheit, und der Gegenstand meiner Rede ist Wahrheit. Denn siehe, ich selbst bin die Wahrheit geworden” („Evangelium des Buddha”, S.179). Und der Hinduismus behauptet: „Tat twam asi” – Das bist du selbst. Alles, was du rings um dich als Objekt siehst, bist du in Wirklichkeit selbst. Nur kannst du das mit deinem jetzigen Bewusstsein und Sein nicht bemerken.

Neben diesem allgemeinen, umfassenden Begriff von „Gnosis” gibt es auch einen spezielleren. Mit Gnosis im engeren Sinn pflegt man eine Religion oder Philosophie zu bezeichnen, die zeitgleich mit dem Christentum auftrat und in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung ihre Blütezeit erlebte. Große Namen dieser Strömung sind Valentinus, Basilides, oder Mani. Aus dieser historischen Gnosis im engeren Sinn stammen die gnostischen Schriften, die man 1945 in Nag Hammadi in Oberägypten gefunden hat. Zu ihnen gehört auch das „Evangelium der Wahrheit”. Es dürfte so etwa Mitte des 2. Jahrhunderts entstanden sein.

Die frühe Kirche, dogmatisch geworden, hatte die gnostischen Schriften als Häresie und Ketzerei eingestuft und nicht ins Neue Testament mit aufgenommen. Für sie war und ist die historische Gnosis überhaupt eine Häresie. Aber wenn man das ursprüngliche Christentum mit Jesus als seinem Stifter betrachtet, so sieht man, dass es, genau wie die zeitgleiche historische Gnosis, auch selbst Gnosis im allgemeinen Sinn, spirituelle Erfahrung ist. Es gibt keinen wesentlichen inhaltlichen Unterschied zwischen dem spirituellen Christentum und der historischen Gnosis – höchstens einen Unterschied in den Symbolen. Jesus war, so gesehen, ebenso ein Gnostiker wie Valentinus oder Mani, und Valentinus und Mani waren ebensolche spirituellen Christen wie Jesus, Paulus oder Johannes. Die bis heute fortdauernde Feindschaft des traditionellen Christentums sowohl gegen die historische als auch gegen die allgemeine Gnosis entstand erst, als es seine spirituellen, durch Jesus gelegten Grundlagen vergaß und dogmatisch wurde. Doch diese inhaltliche Identität bestätigt sich immer wieder, wenn man die Dokumente des ursprünglichen Christentums mit denen der Gnosis, etwa unserem „Evangelium der Wahrheit”, vergleicht.

Valentinus, einer der bekanntesten Gnostiker und vermutlich Verfasser des „Evangeliums der Wahrheit”, wurde etwa 110 in Ägypten geboren. Ab 150 hielt er sich in Rom auf, wo er fast zum Bischof der römischen Christengemeinde gewählt worden wäre. Man sieht hieraus, dass man damals noch keinen Unterschied zwischen Gnostikern und Christen machte. Man sieht außerdem, dass in den frühen christlichen Gemeinden Freiheit herrschte. Sie wählten ihre Bischöfe selbst, kein Papst setzte sie von oben her ein.

Valentinus, einer der bekanntesten Gnostiker und vermutlich Verfasser des „Evangeliums der Wahrheit”, wurde etwa 110 in Ägypten geboren. Ab 150 hielt er sich in Rom auf, wo er fast zum Bischof der römischen Christengemeinde gewählt worden wäre. Man sieht hieraus, dass man damals noch keinen Unterschied zwischen Gnostikern und Christen machte. Man sieht außerdem, dass in den frühen christlichen Gemeinden Freiheit herrschte. Sie wählten ihre Bischöfe selbst, kein Papst setzte sie von oben her ein.

Valentinus ging dann wieder nach Ägypten, wo er eine eigene philosophisch-religiöse Schule aufbaute und ca. 17o starb. Seine Erkenntnisse über Weltentstehung und Entwicklung der Menschheit sind uns überliefert, überdies einige Fragmente aus seinen Briefen und Ansprachen, und eben, mit großer Wahrscheinlichkeit von ihm stammend, das „Evangelium der Wahrheit”.

Damit Sie ihn etwas näher kennen lernen, zitiere ich die Aussage eines Kirchenvaters über ihn: „Valentinus nämlich behauptet, er habe einen ganz jungen Knaben gesehen. Er fragte ihn, wer er sei. Der aber gab zur Antwort, er sei das ‚Wort’” (Clemens von Alexandrien). Hier zeigt sich wieder die besondere Art der Erkenntnis, welche die Gnostiker auszeichnet. Es sind innere Erfahrungen, mit einem spirituellen Erkenntnisorgan gewonnen. Valentinus sieht in seinem Innern, wie in einer Vision, einen jungen Knaben, ein Kind. Der ganz Andere, der spirituelle Mensch im Gegensatz zum irdischen, das ewige göttliche „Wort”, Licht, Leben, Weisheit, macht sich ihm bemerkbar. Dieses „Wort” ist noch klein wie ein Kind. Das heißt, Valentinus erlebt seine eigene spirituelle Identität, sein wahres Wesen, noch ganz unentfaltet. Aber es ist unkonditioniert und entwicklungsfähig wie ein Kind: ohne Vorurteile, ohne Misstrauen, ohne starre Meinungen.

So versinnbildlicht Valentinus den ersten verheißungsvollen Durchbruch der göttlichen Welt in sein Bewusstein. Das war der Anfang der Erleuchtungen des Valentinus, in deren Verlauf sich die göttliche Welt, der spirituelle Mensch im Innern, immer mehr entfaltete. Seinem Bewusstsein wurden die Strukturen und Kräfte der göttlichen Welt immer umfassender offenbart.

Eine Parallele zu dieser Erfahrung findet sich bei Paulus: „Denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes…So hat auch niemand erkannt, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes, den wir empfangen haben” (1.Kor. 2, 10-12). Und dann fragt Paulus seine Gefährten: „Oder erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist?” (2.Kor.13, 5). Der Gnostiker Paulus erkennt seine eigentliche Identität und die seiner Gefährten: den spirituellen Menschen.

Von solchen Erleuchtungen durch die göttliche Welt berichtet uns Valentinus im „Evangelium der Wahrheit”. Er spricht von der Freude und Ruhe, die ihn erfüllt, seit ihm die spirituelle Wahrheit bewusst geworden ist. Er sagt, er gehöre zu denen, „die nicht mehr in die Reiche der Hölle hinunterzutauchen brauchen”, und „weder Begierde oder Qual oder Tod ist in ihnen.” Eben diese gegenwärtige Welt ist ja die Hölle: Sie kommt nicht erst nach unserem Leben, sondern wir leben jetzt schon darin, in einer Welt der Konflikte und Angst, der Begierden und Qualen und des Todes. Die Menschen, so fährt Valentinus fort, denen die Wahrheit bewusst geworden ist, „ruhen im Ruhenden, werden nicht gequält durch Sehnsucht nach der Wahrheit und sind nicht verwickelt in die Suche nach der Wahrheit. Im Gegenteil: Sie selbst sind die Wahrheit … Sie sind vollkommen und untrennbar von dem wahrhaft Guten und leiden keinen Mangel an irgendetwas, sondern sie leben in der Ruhe und werden stets vom Geist erquickt” (S.62f.).

Und all die anderen, die sich nicht in diesem Zustand der Freude und Ruhe befinden – und das sind wir wohl alle, seine heutigen Leser – „all diese mögen wissen, dass ich von nichts anderem mehr sprechen kann, nachdem ich mich einmal an diesem Ort der Ruhe befunden habe.”

Keinen anderen Zweck verfolgt der Verfasser des „Evangeliums der Wahrheit”, als uns, die von diesen Mängeln gequält werden, den Weg zu zeigen, wie wir von ihnen frei werden könnten.

Der Weg zur Erlösung von den Reichen der Hölle, dem Mangel an Wahrheit und von der quälenden Sehnsucht nach Wahrheit ist Erkenntnis, eben Erkenntnis der Wahrheit. Dieser Weg beginnt damit, dass wir erkennen: Im Augenblick befinden wir uns in Unwissenheit und im Irrtum über die Welt und uns selbst. Wir haben vergessen und verdrängt, was unsere eigentliche Wurzel und die Wurzel der Welt ist: Es ist die göttliche Welt, der „Vater”, wie Valentinus sagt, aus dem wir unserem spirituellen Wesen nach als seine Ebenbilder hervorgegangen sind, von dem wir erhalten und in unserer Entwicklung vorwärtsgedrängt werden.

Wir halten unseren materiellen Körper und die an ihn geknüpften Gedanken und Gefühle für unser eigentliches Wesen. Wir hängen dem Glauben an, die sichtbare tote Materie der Sterne und Planeten im Raum sei die eigentliche, alleinige Wirklichkeit. Und durch diesen vorgefassten Glauben, dieses Vorurteil, unterdrücken wir den Geist, der in uns und in der Welt wirken möchte, so dass wir ihn nicht erkennen können. Wir sind wie Träumende im Schlaf, die ihre Träume für die eigentliche Wirklichkeit halten. Im Vergleich zur Welt des Geistes sind nämlich die Sinneswahrnehmungen eine Wirklichkeit zweiter Ordnung, wie Träume im Vergleich zum Wachzustand. Und weil wir, sagt Valentinus, so unwissend sind über den Vater, da wir ihn, den Geist, weder in uns selbst noch außerhalb von uns selbst wahrnehmen, so ruft das „Schrecken, Bestürzung, Ohnmacht, Zweifel und Spaltungen, allerlei Hirngespinste und Wahnbilder hervor, wie es dem Schläfer in wirren Träumen geschieht” (S.50).

Materie sei die einzige und ausschlaggebende Wirklichkeit, zu erkennen und dadurch „die Unwissenheit von sich abzuschütteln wie den Schlaf”. Solche Menschen „halten nichts mehr vom Schlaf. Auch von den Ausgeburten des Schlafes halten sie nichts mehr, da diese ja keinen Bestand haben, sondern sie lassen sie hinter sich wie Träume der Nacht” (S.51). „Das ist das Höchste für den Menschen: zu sich zu kommen und aufzuwachen” (S.51).

Nun käme es darauf an, diesen Zustand des vorgefassten Glaubens, die

Erster Schritt auf dem Weg zur Erfahrung des eigenen wahren Selbstes und der Wahrheit ist also, zu erkennen, dass wir uns derzeit über uns selbst und die Welt im Irrtum befinden. Dass wir unsere materialistischen Vorstellungen, im Grunde traumartige Wahngebilde, irrtümlich für die eigentliche Wirklichkeit halten. Eine solche gnostische Erkenntnis ist möglich durch Aufgeschlossenheit für ein spirituelles Weltbild: durch einen gnostischen Glauben.

Aber auf welche Weise zeigt sich uns dann die eigentliche Wirklichkeit? Wie wachen wir auf, und wie wird uns die eigentliche Wirklichkeit bewusst? Machen wir uns durch einige Analogien etwas deutlicher, wie sich so ein inneres Aufwachen, so eine gnostische Erkenntnis anfühlt.

Ein triviales Beispiel aus dem Alltagsleben. Wir kennen alle das Erlebnis, dass uns der Name einer Person einfach nicht einfallen will. Wir wissen, dass wir den Namen kennen, wir haben das Gefühl, er wartet irgendwo in einem dunklen Raum unter der Schwelle unseres Bewusstseins – aber er will nicht aus der Dunkelheit ins Helle treten. Ein unangenehmes, quälendes Gefühl. Auch die größte, raffinierteste Anstrengung unseres Denkens holt ihn nicht ins Bewusstsein, ja verhindert das erst recht. Plötzlich aber, wenn wir das Problem losgelassen haben und mit etwas anderem beschäftigt sind, tritt der Name ins Bewusstsein ein. Es wird hell, wir atmen auf, wir sind von einer kleinen Qual befreit.

Oder ein anderes Beispiel: Als Kind hatten wir vielleicht einen Berufswunsch, den wir uns auf Grund von mancherlei Hindernissen nicht erfüllen konnten. Wir haben darauf verzichtet, haben eine andere Laufbahn eingeschlagen, und haben die ganze Sache vielleicht vergessen. Aber ohne zu wissen, woher, überfällt uns manchmal Traurigkeit und Unzufriedenheit. Plötzlich bemerken wir, woher diese Traurigkeit stammt: Wir haben einen Teil unserer selbst nicht verwirklichen können, und dieser Teil liegt seitdem brach. Eine nicht verwirklichte Möglichkeit bricht sich Bahn und macht sich in unserem Bewusstsein bemerkbar. Und vielleicht gelingt es uns jetzt doch noch, etwa durch ein Hobby, diese brach liegende Fähigkeit zu verwirklichen.

Oder ein letztes Beispiel: die sogenannte Lebenslüge. Wir leben in bestimmten gesellschaftlichen und privaten Verhältnissen und haben uns so daran gewöhnt, dass wir nicht mehr merken, wie sehr sie uns eigentlich gegen den Strich gehen. Ja, wir haben sogar aus der Not eine Tugend gemacht und bilden uns ein, diese Verhältnisse seien unserem Wesen ganz angemessen. Aber trotzdem fühlen wir eine dumpfe Spannung und Resignation, die bis zur Verzweiflung gehen kann. Und plötzlich geht uns auf: Wir leben ein Leben, das unserem eigentlichen Wesen nicht entspricht. Wir müssen uns ununterbrochen verbiegen, und aus Angst vor den Folgen, wenn wir etwas ändern würden, lassen wir alles beim Alten.

Diese drei Vorgänge: dass uns plötzlich etwas Vergessenes wieder einfällt, dass sich eine verdrängte Anlage Bahn bricht und dass eine Lebenslüge bewusst wird – sind einer gnostischen Erkenntnis vergleichbar, nur dass die gnostische Erkenntnis noch weit umfassender ist. Der gnostische Mensch erkennt plötzlich, dass er den eigentlichen Sinn seines Lebens vergessen hatte, dass ihn sein ganzes irdisches Leben, sein Streben nach Glück, Reichtum, Erfolg und Einfluss in der materiellen Welt letzten Endes unbefriedigt lässt und seine tiefsten, spirituellen Seelenschichten brach liegen, und dass er sich trotzdem einem Wahn über sein Leben hingibt. Er bildet sich ein, es sei eben nicht anders möglich, als so zu leben, wie er lebt, und das Leben sei trotz allem gut.

Sie sehen: In einer solchen Erkenntnis wirkt schon wieder das bisher Verdrängte und fordert seine Rechte. Wäre es nicht so, könnte die Verdrängung nicht bewusst werden. Es ist der spirituelle Kern in uns, das Ewige, Unvergängliche, das auf diese Weise nach Entfaltung und Bewusstwerdung ruft. Eine neue Aufgeschlossenheit für die spirituelle Wirklichkeit macht sich in uns bemerkbar, ein gnostischer Glaube, eine Offenheit für andere Schichten in uns. Und dieser Glaube, diese Offenheit ermöglicht die Erkenntnis.

Gnostische Erkenntnis, gnostisches Erwachen ist, nach dem gnostischen Glauben, somit nichts anderes als Bewusstwerdung von bisher in uns Vergessenem, Verborgenem, Verdrängtem, Latentem. Indem sich dieser verdrängte spirituelle Kern im Bewusstsein meldet, wird der lange vergessene Lebenssinn bewusst, wird das bisherige Leben als relativ, als Irrtum, als Lebenslüge entlarvt, zumindest als einseitig, und mit größter Erleichterung kommen die lange brach gelegenen spirituellen Schichten ins Bewusstsein und können aktiv werden.

Damit ist klar: Gnostische Erkenntnis ist etwas anderes als bloße Theorie, bloße Vorstellung des Verstandes. Sie ist Bewusstwerdung des eigentlichen Wesens des Erkennenden, wodurch es erst wirksam werden kann. Die meisten modernen theologischen und philosophischen Versuche, die Gnostiker zu verstehen, leiden unter dem Mangel, dass sie glauben, gnostische Erkenntnis sei bloße Spekulation des Denkens über die Situation des Menschen in der Welt.

Wenn die Gnostiker sagen, sie würden durch Erkenntnis erlöst – eben dadurch, dass ihre tiefsten spirituellen Schichten aus der Unbewusstheit ins Bewusstsein gelangen und dadurch wirksam werden – wenn also die Gnostiker sagen, sie würden durch Erkenntnis erlöst, so missverstehen das die Theologen. Sie behaupten, die Gnostiker fühlten sich durch ein besonderes Geheimwissen erlöst. Sie hätten geglaubt, durch bestimmte Vorstellungen und Theorien über das Wesen des Menschen und der Welt erlöst werden zu können. Doch „Erlösung durch Erkenntnis” heißt für die Gnostiker: Das innerste Wesen des Menschen, das jetzt durch Lebenslügen und Illusionen nicht bewusst und wirksam werden kann, wird endlich bewusst und dadurch von seiner Unwirksamkeit erlöst. Das Ewige, Göttliche im Menschen wird bewusst und dadurch erlöst. Wie dem Valentinus wird solchen Menschen das göttliche Wort, die göttliche Welt, die eigene spirituelle Identität, im eigenen Wesen bewusst – zunächst als „Kind”, als verheißungsvoller Anfang, dann immer intensiver und umfassender.

Wenn ein Ruf aus dem Innern an den Menschen ergeht, dass er sich des Ewigen im eigenen Wesen bewusst und dadurch erlöst werde, können immer zwei Reaktionen auftreten: die des Glaubens oder die des Unglaubens. Es kann sein, dass so jemand sofort antworten und diesem Ruf gehorchen will. Das „Evangelium der Wahrheit” sagt von ihm: „Wird er gerufen, so hört er, antwortet, wendet sich dem zu, der ruft, steigt zu ihm empor und gewinnt in diesem Ruf Erkenntnis. Und da er nun weiß, tut er den Willen dessen, der ihn gerufen hat” (S.44). Das wäre die angemessene Reaktion auf einen solchen Ruf aus dem eigenen Innern: Ein Mensch öffnet sich für diesen Ruf und reagiert positiv darauf. Das ist gnostischer Glaube.

Doch in der Regel verhält sich der Gerufene nicht so. Denn all die Lebenslügen, Illusionen und Unbewusstheiten, mit einem Wort, der Irrtum, der sich im Lauf der Jahrhunderte im Menschen und in der Menschheit angesammelt hat, will sich nicht so ohne weiteres auflösen lassen. Die Prägung durch die Außenwelt und die Gewohnheit der Lebenslüge und Illusion sind gewaltig stark. Wir müssten ja unser Leben vollkommen ändern, wenn wir die Wahrheit über uns und unsere Gesellschaft annehmen würden. Wir müssten auf viele liebgewordene Gewohnheiten, scheinbare Annehmlichkeiten und Sicherheiten, vor allem auf die Anerkennung durch unsere Umwelt, verzichten. Wir müssten das schmeichelhafte Bild, das wir von uns haben, ändern. Und das wäre mit Schmerz verbunden, dem Schmerz der Einsicht.

Deshalb sagt das „Evangelium der Wahrheit”: „Der Irrtum geriet in furchtbare Erregung und wusste nicht, was er tun sollte. Er war traurig, klagte, quälte sich, weil er nichts wusste. Wenn sich die Erkenntnis dem Irrtum nähert, ist dies sein Untergang und der all seiner Offenbarungen – er erweist sich als leer und nichtig” (S.48)

Der Irrtum, die gegenwärtige Verfassung des Menschen, wehrt sich also gegen seinen Untergang. Der Mensch reagiert mit Unglauben auf den Ruf aus dem eigenen Innern. Er öffnet sich nicht für die Möglichkeit eines spirituellen Lebens und wehrt sie ab. Warum? Um das alte Leben fortführen zu können, in dem er sich relativ bequem eingerichtet hat. Eine dieser Abwehrmethoden ist die erwähnte theologische Einstellung zu den gnostischen Schriften. Man will sie nicht als einen Ruf verstehen, der zur Selbstbesinnung auffordert. Man analysiert sie lieber philologisch und historisch wie ein Fossil unter dem Mikroskop, als skurrile Erscheinung verirrten Denkens vor fast 2000 Jahren, und schiebt sie so von sich weg.

Valentinus fährt fort, dass niemand angesichts der Macht dieser Gewohnheiten und Bedürfnisse in der Lage wäre, aus eigener Kraft positiv auf den Ruf aus der Ewigkeit zu antworten. Der Irrtum in ihm wäre zu stark, die Sehnsucht, zur Ewigkeit zu gelangen, zu schwach. Deshalb schickt der Vater, die göttliche Welt, seinen Sohn – ein Wesen, in dem der Irrtum völlig ausgelöscht ist und das den Vater rein erkennt. Jesus, der Christus, inkarniert in diese Welt des Irrtums und dringt, als Erkenntnis und göttliche Kraft, in die Herzen all derer ein, die sich nach Befreiung vom Irrtum sehnen, aber aus eigener Kraft nicht fähig wären, zur Erkenntnis zu gelangen.

Damit sind wir beim zentralen Thema des „Evangeliums der Wahrheit”: Es handelt vom göttlichen „Wort, das Erlöser genannt wird”, das kommt „zur Errettung all derer, die den Vater nicht kannten” (S.38). Der Verfasser gibt immer wieder seiner Freude darüber Ausdruck, dass es eine Möglichkeit gibt, der Welt des Irrtums und des Mangels zu entkommen, ja sie ganz aufzulösen und durch eine göttliche Welt der Wahrheit und der Fülle zu ersetzen. Er schreibt: „Das Evangelium der Wahrheit ist höchste Freude für alle”, und der Name des Evangeliums ist: „Offenbarung der Hoffnung” und „Finden der Wahrheit” nach langer Suche (S.38) Welche Erleichterung, in größter Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit im eigenen Innern einen Hauch der Möglichkeit zu verspüren, dass es so nicht bleiben muss und dass Licht an die Stelle der Dunkelheit treten kann!

Durch Jesus, das göttliche Wort, hat der Vater „diejenigen erleuchtet, die wegen des Verlustes der Erkenntnis in Finsternis leben. Er hat sie erleuchtet und ihnen einen Weg geöffnet. Der Weg aber ist die Wahrheit, die der Sohn ihnen gezeigt hat” (S.40). Sie sehen, das gnostische „Evangelium der Wahrheit” entspricht genau den biblischen Evangelien, wo Jesus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben” (Joh.14, 6) oder: „Die Wahrheit wird euch frei machen” (Joh.8, 32).

Die Gnosis, wie sie im „Evangelium der Wahrheit” zum Ausdruck kommt, ist reines, ursprüngliches Christentum, spirituelles Christentum. Jesus, das göttliche „Wort”, ist in der Gnosis wie im ursprünglichen Christentum die göttliche Kraft, die vom Vater ausgeht, um in Herz und Haupt der Menschen das Licht der Erkenntnis zu entzünden, durch das die Finsternis des Irrtums ausgelöscht wird. Darin besteht die Erlösung des Menschen sowohl in der historischen Gnosis als auch im ursprünglichen Christentum: Frei zu werden vom Irrtum und seinen Folgen, und aufzuleben, aufzuerstehen in der göttlichen Wahrheit, die im Innern bewusst und wirksam wird.

Jesus, der Christus, ist die Verkörperung dieser erlösenden göttlichen Kraft, die im Menschen wirkt. Das heutige Christentum hat diese Wahrheit vergessen und ist ebenfalls in den Irrtum geraten. Die Theologen behaupten, der Mensch werde durch den Glauben erlöst, Jesus sei vor 2000 Jahren für ihn, den irdischen Menschen, am Kreuz gestorben und wieder auferstanden, und schenke ihm, dem sterblichen irdischen Menschen, am Jüngsten Tag das ewige Leben. Nur glauben, nur für wahr halten müsste der Christ dieses Dogma von der Erlösung am Jüngsten Tag, um der Erlösung teilhaftig zu werden.

Wie aber kann ein sterbliches Wesen unsterblich auferweckt werden? Und eine solche Auferweckung von den Toten durch Jesus wäre eine Erlösung von außen, wie durch göttlichen Zauberspruch. Da würde der Mensch ohne sein Zutun aus dem Sumpf seines chaotischen Lebens gezogen, und bliebe bei alledem doch unverändert der alte Ich-Mensch. Seine eigene Leistung bestände höchstens darin, dass er eben an dieses theologische Dogma von der Erlösung durch einen äußeren Erlöser am Jüngsten Tag glaubt, mit anderen Worten, dass er es für wahr hält. Aber viele Menschen spüren heute das Ungereimte eines solchen dogmatischen Glaubens und ahnen: Nur spirituelle innere Erfahrungen, nur eine innere Veränderung, die dann auch das ganze äußere Leben erfasst, kann den Menschen erlösen.

Daher muss der Mensch, der wahrlich erlöst werden will, auch dieses theologische Dogma als Irrtum erkennen und durch Erkenntnis auflösen. Und er kann es auflösen. Denn wenn Jesus, das göttliche Wort und die göttliche Kraft, kurz, die Wahrheit, in ihm wirken, erkennt er die Wahrheit, dass nur ein gnostischer Glaube und gnostische Erkenntnis: spirituelle innere Erfahrungen und Veränderungen, ihn erlösen können. So verschwinden allmählich alle Irrtümer, und er wird eins mit der Wahrheit. Er wird mit Hilfe des in ihm selbst wirkenden göttlichen Wortes erlöst, und wird, frei vom Irrtum geworden, ein anderer sein als vorher: ein neuer, spiritueller Mensch, der ewig lebt. Er wird schon in diesem Leben erlöst, ja, auferstehen, wenn er dem an ihn ergehenden Ruf Gehör schenkt.

Das ist wahres Christentum: Das Ewige im Menschen will erlöst werden, ist aber allein zu schwach, sich vom Irrtum und all den Bindungen an die Welt der Erscheinungen zu befreien. Da begibt sich das göttliche Wort in Gestalt Jesu des Christus in die Welt des Irrtums und in die Herzen der vom Irrtum bedrängten Menschen und erweckt und stärkt das Ewige in ihnen. Insofern erlöst sich der Mensch nicht selbst. Doch ist die Erlösung ein Akt der Bewusstwerdung im Menschen, eine Befreiung vom Irrtum. Der Mensch muss mit dem göttlichen Wort mitarbeiten und selbst an seiner Erlösung mitwirken. Insofern erlöst er sich doch selbst.

Deshalb ruft das „Evangelium der Wahrheit” allen zu, die sich in der Kraft des göttlichen Wortes auf den Weg der Wahrheit, auf den Weg zur Wahrheit, begeben: „Lasst uns darauf achten, dass unser Haus rein werde und still für die Einheit!” Lasst uns den alten Menschen, der sich sein Glück von der irdischen Welt oder die Erlösung am Jüngsten Tag im Jenseits erhofft, wie „unbrauchbar gewordene Gefäße zerbrechen” und aus dem göttlichen Wort neue Gefäße aufbauen, die das göttliche Wort in sich aufnehmen können, „rein und fest” (S.47) Das heißt: Lasst uns in der Kraft des göttlichen Wortes unsere ganze alte Organisation des Irrtums: falsches Denken, falsches Empfinden, falsches Wollen und falsches Handeln zerbrechen und eine neue Organisation aufbauen: ein Denken, Empfinden, Wollen und Handeln, die in Übereinstimmung mit dem göttlichen Wort sind, die also „wahr” sind.

Und dies alles ist möglich mit Hilfe der Verkörperung des göttlichen Wortes, das im Menschen wirkt: „Er wurde ein Weg für die Irregeführten, eine Erkenntnis für die Unwissenden, ein Finden für die Sucher, ein fester Halt für die Schwankenden und Reinigung für die Unreinen.” Er, das ist das zeitlose Muster des vollkommenen Menschen, das inkarnierte göttliche Wort, das ununterbrochen, auch in der Gegenwart, in der Menschheit und in den Herzen Einzelner wirkt, sie ruft, und sie zu einem Weg der Erkenntnis befähigt.

Menschen, die diesen Weg gehen, erkennen, dass sie als spirituelle Wesen aus dem Vater, der göttlichen Welt, hervorgegangen sind, dass diese göttliche Welt in ihnen wirkt und sie ruft, damit sie sich ihrer Würde als Ebenbild Gottes wieder bewusst werden und ihren Vater erkennen. Sie gewinnen einen neuen Glauben, die Aufgeschlossenheit für eine neue Lebensmöglichkeit. Dadurch kann sich diese Lebensmöglichkeit, die in uns allen steckt, verwirklichen und als Erkenntnis bewusst werden.

Nicht genug damit, dass das „Evangelium der Wahrheit” den Ruf aus der göttlichen Welt darstellt, den Überbringer dieses Rufes, das inkarnierte göttliche Wort, beschreibt und den Weg schildert, der die richtige Antwort auf diesen Ruf ist. Es beschreibt auch den gesamten Entwicklungsweg der Menschheit und das Ziel dieses Weges.

Warum hat der „Vater der Wahrheit” (S.38) das All und die Menschen hervorgebracht? Weil er wünscht, dass sie „ihn kennen- und lieben lernen”. Am Anfang „ruhte ihre Vollendung noch (als Möglichkeit) in ihm, dem Vater. Er hatte sie dem All noch nicht geschenkt….Er hält aber ihre Vollendung in sich beschlossen und hält sie für sie bereit, wenn sie zu ihm zurückkehren – auch die vollkommene, unteilbare Erkenntnis hält er für sie bereit” (S.41) Wir, und das All, sind also aus dem göttlichen Geist hervorgegangen, wie Gedanken aus dem göttlichen Denken, um selbstständig den göttlichen Geist – und uns selbst als Ausfluss dieses Geistes – zu erkennen, mit anderen Worten: um uns unserer selbst als göttlicher Wesen und um uns unserer Herkunft und Quelle – Gottes – bewusst zu werden. Ja, nicht nur bewusst zu werden, sondern auch, um dann bewusst mit dieser göttlichen Quelle mitwirken zu können. Das ist unsere Bestimmung, das Ziel unseres Daseins als Mensch, der Sinn unseres Lebens, das Ziel auch des ganzen Alls.

Wir, und das All, sind nach der gnostischen Erkennntis aus der göttlichen Welt hervorgegangen, wie Gedanken aus dem Denken das „Vaters”. Stellen wir uns also vor, wir seien unserem spirituellen Wesen nach, modern ausgedrückt, lebendige Kraftlinien, die sich in den das ganze All durchziehenden Kraftlinien des Geistes bewegen und von diesen erhalten werden.

Am Anfang der Zeiten waren wir noch ohne materielle Umhüllung. Um nun aber Bewusstsein unserer selbst und der Welt zu erhalten, bedurften wir einer Form, eines Körpers, der denken, fühlen, wollen und handeln kann. Am Anfang „hatten wir von ihm noch keine Form und keinen Namen erhalten, die der Vater für jeden Einzelnen schafft: die Form, die wir von ihm empfangen, um ihn erkennen zu können. Denn solange wir unbewusst in ihm sind, erkennen wir ihn nicht” (S.47)

Um diese Form und diesen Namen, dieses Bewusstsein von uns selbst, zu erhalten, mussten wir „selbstständig aus ihm heraustreten, da wir (im unbewussten Zustand) nicht imstande waren, den in uns aufzunehmen und zu erkennen, in dem wir waren, als sein Wille noch nicht aus ihm herausgegangen war” (S.44f.).

Nun hätten wir, die ursprünglichen Menschen – wir stellen uns wieder vor, wir seien reine immaterielle Kraftlinien, Gedanken des Denkens Gottes – in Selbstständigkeit Form und Namen, das heißt, Körper und Selbst-Bewusstsein, entwickeln können, ohne jemals die Bindung mit der göttlichen Welt zu verlieren. Doch verhielten wir uns nicht so: Wir übertrieben unsere Selbstständigkeit zu Stolz und Selbstbehauptung, und zerschnitten dadurch die bewusste Bindung mit dem Vater. Wir entwickelten statt eines Selbst-Bewussteins, das stets im Einklang mit dem Vater gewesen wäre, ein Ich-Bewusstsein, das die Einheit mit dem Vater verlor, und entsprechend diesem Ich-Bewusstsein einen Körper von übergroßer Dichte, der ebenfalls Trennung von der göttlichen Welt verursacht. Wir leben daher in Unkenntnis über den Vater. Das ist unser jetziger Zustand, der Zustand der jetzigen Menschheit. Wir haben die göttlichen Kräfte aus unserem Bewusstsein verdrängt, und unser grobmaterieller Körper samt seinen Willensimpulsen, Gefühlen und Gedanken verhindert die direkte Verbindung zur göttlichen Welt.

Valentinus beschreibt die Folgen dieses Zustands. Die „Unkenntnis über den Vater brachte Angst und Furcht hervor. Die Angst aber verdichtete sich wie ein Nebel, so dass niemand mehr etwas sah. Und so gewann der Irrtum an Einfluss. Ohne Vernunft wirkte er auf die Materie ein. Er brachte mit großer Anstrengung eine Schöpfung hervor, in der falsche Schönheit an Stelle der Wahrheit herrscht” (S.38).

Das ist nicht nur ein Vorgang in grauer Vorzeit. Er wiederholt sich ununterbrochen auch heutzutage. Wir verschließen uns in Eigenwilligkeit gegenüber den göttlichen Kräften, die in uns wirken und über die Schwelle unseres Bewusstseins treten wollen. Dadurch verlieren wir die selbstverständliche Einheit mit den geistigen Kräften und Gesetzen, die alles durchdringen und erhalten. Das wiederum erzeugt Angst, die Angst dessen, der keinen tragenden Grund mehr unter sich spürt und sich einsam ins absurde Leben geworfen fühlt. In dieser Angst klammern wir uns nur noch fester an unseren Irrtum der Eigenwilligkeit und schließen uns nur noch mehr von der Einheit mit der göttlichen Welt ab. Ein richtiger Teufelskreis.

Da wir aber trotzdem die schöpferische göttliche Kraft in uns tragen, bringen wir ununterbrochen Werke hervor. Wir wirken auf die Materie ein, aber ohne Vernunft, ohne die Erkenntnis der göttlichen Gesetze. Kein Wunder, dass dadurch Chaos und falsche Schönheit entstehen. Wir bilden uns sogar noch ein, diese von uns geschaffene chaotische Welt sei das Absolute und Ewige. Wir haben die Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gegessen – Sie erinnern sich an die Paradiesmythe – und essen ständig weiter davon. Wir nähren uns aus der Welt der äußeren, materiellen Erscheinungen, in der das relative Gute und Böse einander abwechseln, und richten uns daher selbst zu Grunde.

Deshalb kommt es darauf an, eine andere Frucht zu essen: die Frucht vom Baum des Lebens, der ebenfalls im Paradies steht, und uns aus der Welt des göttlichen Lebens und der Wahrheit zu nähren. Dadurch gelangen wir zur bewussten Einheit mit unserem göttlichen Ursprung. Die Frucht vom Baum des Lebens: Hier zeigt sich besonders schön, wie die Gnostiker ihre Erkenntnisse durch Symbole und Sinnbilder auszudrücken pflegten. In einer kühnen Erkenntnis identifiziert Valentinus die „Frucht vom Baum des Lebens” mit dem göttlichen Wort, mit Jesus, dem Christus, der Wahrheit und Licht und Leben verkörpert. Es ist eine Frucht, „die nicht zu Grunde richtet, wenn man von ihr isst (wie die Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen im Paradies), sondern die denen, die von ihr essen, zu einem herrlichen Fund wird” (S.40).

Wenn wir uns also von den göttlichen Kräften und Einsichten nähren, die in uns auf Bewusstwerdung warten, nicht mehr nur von den Erkenntnissen unserer Wissenschaft, die ausschließlich die Welt der Erscheinungen kennt, und nicht mehr nur von den Gütern und Werten der irdischen Welt, die unserer irdisches Wesen nähren – dann finden wir den Geist, den göttlichen Vater, aus dem wir hervorgegangen sind, wieder in uns. Wir finden den „Christus in uns”, wie Paulus sagt. Wir nähren uns von der Frucht, die nicht zugrunde richtet, vom Christus in uns, den spirituellen Kräften in uns.

Dann erfüllen wir unsere Bestimmung, bewusst aus den göttlichen Kräften zu leben und zu wirken. Dann lösen wir unser von Gott getrenntes Ich-Bewusstsein in einem mit Gott vereinigten, von Gott erfüllten Selbst-Bewusstsein auf. Dann sind Dinge und Wesen nicht mehr Objekte für uns, denen wir als Ich-Subjekte gegenüber stehen. Dann sind sie alle in uns selbst, und wir erkennen sie als Teile von uns. Tat twam asi – Das bist du selbst. Dann haben wir den Mangel rückgängig gemacht, der dadurch entstand, dass wir in Eigenwilligkeit von der Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gegessen haben, und dann leben wir aus der Fülle, indem wir stets von der Frucht vom Baum des Lebens essen: von den spirituellen Substanzen und Kräften, die als unser wahres Selbst, als der Christus, in uns sind.

Das also ist die große Entwicklungslinie der Menschheit: Aus dem Vater hervorgegangen, mit der Bestimmung, ihn zu erkennen und mit ihm mitzuwirken, haben wir uns, vom Irrtum betört, vom Vater getrennt. Wir sind unsere eigenen Wege gegangen und haben eine Welt aufgebaut, die dem Irrtum unterworfen ist, und in der Chaos, Gewalt und falsche Schönheit herrschen. Aber der Vater, der von Anfang an will, dass wir ihn erkennen, lässt uns nicht in dieser Ausweglosigkeit und Einsamkeit. Er sendet sein Wort, sein Herz, seinen Sohn, seine Kraft in unsere Herzen, damit wir uns unseres Irrtums bewusst werden können.

Zuerst pflegen wir in unserem Unglauben sein Wort und seine Kraft in unseren Herzen zu „töten”, so wie die Gegner des Christus ihn immer töten. Doch der Christus in uns kann nicht endgültig getötet werden. Er verschwindet zwar zunächst, verdrängt, aus unserem Bewusstsein. Aber in den unbewussten Tiefen wirkt er weiter, tritt eines Tages als Ahnung und Sehnsucht nach einem wahren, erfüllten Leben in Erscheinung, ruft uns zu einem spirituellen Weg, wenn wir uns glaubend dafür öffnen, und ermöglicht uns, ihn zu gehen.

Auf diesem Weg werden wir uns unseres Irrtums bewusst und wird die Erkenntnis des Vaters, des göttlichen Urgrunds, in uns wirksam. Das bedeutet, der Christus in uns ersteht wieder auf. Dann sind wir am Ziel unserer Entwicklung angelangt. Denn wenn der Vater in uns erkannt ist, wird er in uns wirken, wir werden mit ihm zusammenwirken und ein Leben und eine Welt aufbauen, die in Übereinstimmung mit ihm sind: die „wahr” sind.

Was erkennen wir also, wenn sich der Vater, unser göttlicher Urgrund, in uns offenbart? Wir erkennen den Aufbau und die Wirksamkeit der göttlichen Welt, den Vater, das schöpferische Prinzip im All und in uns. Wir erkennen die Mutter, den heiligen Geist, das Leben, die göttliche Kraft der Verwirklichung. Und wir erkennen den Sohn, das Licht, den vollkommenen spirituellen Menschen, geboren aus Vater und Mutter. Deshalb fasst Valentinus den ganzen Weg des Menschen und der Menschheit durch die Jahrmillionen zusammen: „So geht das Wort des Vaters hinaus ins All und wieder zurück, heraus aus dem All. Es trägt das All, es erwählt die Seinen, es nimmt die Gestalt des Alls – eine sichtbare Erscheinung – an. Und dann reinigt er sie – uns – und bringt sie zurück zum Vater, zur Mutter: er, der Jesus der grenzenlosen Barmherzigkeit” (S.46)

Zu allen Zeiten ist so etwas möglich. Denn unaufhörlich geht das Wort des Vaters hinaus ins All, und geht, zahllose Erlöste mit sich nehmend, wieder heraus aus dem All, um die Erlösten zum Vater zurückzubringen. Immer wieder manifestiert sich das „Wort” in Menschen, um sie mit der befreienden Wahrheit zu erfüllen. Von solchen Menschen geht eine Kraft, die Kraft des „Wortes”, aus. Daher sagt das „Evangelium der Wahrheit”: „Sprecht also aus vollem Herzen, ihr, die ihr der vollkommene Tag seid und in denen das nie verlöschende Licht wohnt. Sprecht von der Wahrheit zu allen, die sie suchen, und von der Erkenntnis zu allen, die in ihrem Irrtum gesündigt haben!” (S.53).

Zu allen Zeiten haben sich Menschen, die den gnostischen Ruf hören und positiv darauf antworten wollen, zu Gemeinschaften zusammengefügt. Auch in unserer Gegenwart gibt es solche Gemeinschaften: im Rahmen des Sufitums, des Buddhismus, der Kabbala im Judentum, und im Rahmen des Christentums.

Wer sich für diesen Ruf der Wahrheit in der Gegenwart öffnet, wird aus eigener Erfahrung erkennen, dass das „Evangelium der Wahrheit” die uralte, zeitlose Wahrheit, die frei macht, bestätigt. Er wird so für seinen eigenen Weg in der Gegenwart diese unverfälschte spirituelle Kraft aus der Vergangenheit nutzen können. „So wie sich Unwissenheit durch Erkenntnis auflöst, wie die Finsternis schwindet, wenn das Licht scheint, so löst sich dann der Mangel in der Vollkommenheit auf. Und von diesem Augenblick an verschwinden auch die äußeren Erscheinungsformen. Sie lösen sich auf in der Einheit … Und durch die Einheit empfängt ein jeder sich selbst. Denn in der Erkenntnis reinigt ein jeder sich aus der Vielheit zur Einheit, indem er wie ein Feuer die Materie in sich verzehrt, die Finsternis durch Licht, den Tod durch Leben auslöscht” (S.46f).

Und alles beginnt damit: „Das ist das Höchste für den Menschen: zu sich zu kommen und aufzuwachen” (S.51).

(Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe "Apokryphe Evangelien aus Nag Hammadi", herausgegeben von Konrad Dietzfelbinger.)

Abbildung: William Turner
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