Vortrag

Bruno als Vorläufer seiner Zeit

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Vortrag von F. Smit

Am 17. Februar des Jahres 1600 wird in Rom auf dem Campo di Fiori ein Scheiterhaufen errichtet. Das vorgesehene Opfer der öffentlichen Lebendverbrennung wird wie üblich ausgekleidet an einem Pfahl auf dem Scheiterhaufen festgebunden. Das Feuer wird angezündet. Ein Augenzeuge erzählt: „Als dem Sterbenden das Bild des heiligen Kreuzes vorgehalten wurde, wandte er mit Verachtung auf seinem Gesicht den Kopf weg…”

Der Mann, der hier dieser barbarischen Strafe unterworfen wird, hat den Namen, der „Fürst der Ketzer” zu sein. Er heißt: Giordano Bruno. Sieben Jahre lang war er wegen „verfluchter Ketzerei” auf der Engelsburg in Rom gefangen gehalten, vernommen und gefoltert worden. Ein grässlicheres und tragischeres Ende des Lebens dieses Zweiundfünfzigjährigen kann man sich nicht vorstellen.

Giordano Bruno führte ein tragisches und heroisches Leben. Er sterbe, so sagte er, für die Wahrheit, und bereue seine ketzerischen Ideen nicht. Im Gegenteil: den bei seiner Verurteilung durch die Inquisition anwesenden Kardinälen rief er zu: „Mit größerer Angst verkündet ihr vielleicht mein Urteil, als ich es in Empfang nehme!” Diese Worte sind typisch für ihn: ein heldenhafter Verteidiger der Wahrheit, der kein Blatt vor den Mund nahm. Seine Tragik war, dass er – wie es im Deutschen heißt – in seiner Kritik rücksichtslos war, die übrigens niemals persönlich war, und dass er sich wehrte gegen die herrschende wissenschaftliche und religiöse Praxis seiner Zeit. Umherschweifend in Europa blieb er in den akademischen Kreisen ein Außenseiter, nirgends wurde er als Philosoph und Schreiber – wie er sich selber nannte – anerkannt oder akzeptiert. Er richtete sich nicht allein an die Gelehrten, sondern auch an die Fürsten von Europa: der französische König, die Königin von England und der Kaiser des Habsburger Reiches, mit denen er Kontakt unterhielt, haben ihn nicht schützen wollen.

Jeder hat wohl von dem großen Konflikt zwischen der aufkommenden Naturwissenschaft der Renaissance und der römischen Kirche gehört. Und jeder wird auch von Galilei gehört haben, dem Exponenten des neuen wissenschaftlichen Denkens, der mit der etablierten Kirche kollidierte und gezwungen wurde, seine Auffassungen zu widerrufen. Bruno wird nur in einigen Fällen in einem Atem mit Galilei genannt. Dabei wird wirklich übersehen, dass Brunos Auffassungen denen seiner Gelehrtenkollegen diametral gegenüber stehen.

Seit Aristoteles lebte man in der Vorstellung, dass die Sonne und alle anderen Himmelskörper sich um die Erde drehen. Die Planeten und die Sonne, aber auch die sogenannten Fixsterne saßen fest in durchsichtigen Schalen, wie die Schalen einer Zwiebel. An jener Seite der äußersten Sphäre oder Schale dachte man sich Gottes Thron und den Verbleib der Auserkorenen. Der polnische Astronom Kopernikus brach mit diesem Weltbild: er entwarf ein Modell des Universums, wobei nicht die Erde, sondern die Sonne den Mittelpunkt der Planetenbahnen bildet. Die Entdeckungen von Galileo Galilei versetzten der geozentrischen Illusion den Todesstoß. Die Schockwelle, die seine Ideen zuwege brachten, können wir uns heute kaum mehr vorstellen. Für uns ist es logisch, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.

Und doch, genauer besehen, denkt die offizielle naturwissenschaftliche Welt bis auf den heutigen Tag noch immer „geo-zentrisch”. Dies kommt durch das Folgende: während der Renaissance wurde angenommen, dass der Mensch das Maß aller Dinge ist. Dies wurde der Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen Entwicklung. Dank Galilei und Newton und philosophisch untermauert von Descartes, wurde die abstrakte Struktur der Mathematik erhoben zum Wesen der Natur, zum „objektiven Geist”. Obwohl die mathematische Sprache am dichtesten an der Sprache Gottes steht, kommt sie doch nicht über das Menschliche hinaus. Man kann sich vermittels der Mathematik von der Erde zu den höchsten Abstraktionen erheben, die Methode bleibt irdisch. Außerdem wird jegliches Bestreben außerhalb dieser Methodik als „subjektiv” (lies: unzuverlässig) abgetan. Die geometrische Methode führte zu und versandete letztendlich in Dogmatik – dem Los jeglicher irdischen Methode. Dazu kommt noch, dass das Qualitative allmählich und zum Schluss vollständig durch das Quantitative ersetzt wurde. Die bestürzende Schlussfolgerung muss lauten, dass die Naturwissenschaft seit Galilei die höchste Qualität, die wir kennen, das Leben selbst – aus ihrem Bereich ausgebannt hat.

Natürlich, es gibt viele, wenn nicht zahllose Theorien und Hypothesen über das Leben, aber sie sind und bleiben stets menschliche Produkte, die sich auf ein faktisch geozentrisches Weltbild stützen. Noch immer nehmen wir mit Descartes an, dass die Natur geronnene Geometrie ist. In dem kausal-mechanischen Weltbild, dem man auf den Universitäten anhängt und das in den Schulen noch immer unterwiesen wird, ist das Leben oder die Natur zu einer mathematisch zu messenden und zu beschreibenden Bewegung stofflicher Teilchen reduziert. Mit den Gesetzen der Mechanik werden die Fundamente der Natur erklärt.

Für Bruno jedoch war die Natur kein Mechanismus, sondern ein lebender Organismus. Bruno dachte – im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen – weder geo- noch heliozentrisch. Wir könnten sagen: er dachte mittelpunktfliehend, oder einfach ausgedrückt: grenzenlos. Ihm zufolge kann das Leben mit Hilfe der Mathematik niemals völlig erklärt und beschrieben werden. Der Begriff der mathematischen Gesetzmäßigkeit ist unvereinbar mit Brunos Idee der lebenden Einheit und Totalität der Natur. „Darum,” so schreibt er, „ist es unnötig, sich auf mathematische Fantasien einzulassen.”

Was Bruno vor Augen hatte und dem er sein ganzes Leben nachstrebte, war demnach eine qualitative Naturwissenschaft. Die moderne Naturwissenschaft hat die Mythe ins Leben gerufen, dass im geozentrischen Weltbild von Ptolemäus und Aristoteles keine exakte Voraussage über die Bewegungen der Sonne und der Planeten gemacht werden konnte. Nichts ist weniger wahr. Beide Systeme, das geozentrische und das heliozentrische, sind in diesem Punkt verlässlich. Es beruht auf Illusion, ja, ist eine Form des Selbstbetrugs, alle Beweiskraft auf die mathematische Methode zu legen und diese anderen Systemen abzusprechen. „Ohne die herrliche Kenntnis von Kopernikus,” schreibt Bruno, „wäre die Kunst des Rechnens, Messens, Zeichnens und Entwerfens nichts anderes als ein Zeitvertreib für erfinderische Narren.”

In der Tat, Bruno führte eine scharfe Feder! Damit stieß er viele ab und hat selbst mit zu seiner Tragik beigetragen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass er Recht bekommen hat. An den Früchten erkennt man den Baum, oder, wie es Lewis Mumford in der Mythe von der Maschine 1977 sagte: „Durch seine ausschließliche Konzentration auf Quantität hat Galilei in letzter Instanz als Resultat die wirkliche Welt der Erfahrung disqualifiziert, und er hat auf diese Weise den Menschen aus der lebendigen Natur in eine kosmische Wüste vertrieben.”

Ohne Übertreibung könnte man sagen, dass Bruno seiner Zeit 400 Jahre voraus war. Und dann denke ich nicht unmittelbar an das, was gegenwärtig holistische Wissenschaft genannt wird und vornehmlich dadurch die Aufmerksamkeit auf sich zieht, dass sie auf den Wogen von immer wieder neuen Modeerscheinungen mittreibt. Nein, es geht um aufstrebende Wissenschaftler renommierter Institute wie Princeton und Stanford, die vermittels der zero-point-field-Theorie zu der vorläufigen Schlussfolgerung gekommen sind, dass es so etwas wie einen leeren Raum nicht gibt. Dem Universum liegt eine Substruktur elektromagnetischer Felder zu Grunde. Dieses Feld ist imstande, alles – somit auch auf dem Bewusstseinsplan – festzulegen und mit einander kommunizieren zu lassen – faktisch ein großes Resonanzfeld. Der Schreiber eines Artikels hierüber, der unlängst in der Zeitschrift „Ode” erschien, fasst die Erkenntnisse wie folgt zusammen: „Die Idee der Individualität macht Platz für eine der unendlichen Verbundenheit.” Damit wird bestätigt, was die uralten theosophischen Systeme aus Indien bereits seit vielen Jahrhunderten wussten: die menschliche Individualität ist im tiefsten Wesen vollkommen eins mit dem Ganzen, mit dem All-Sein, und jegliche Abgeschiedenheit beruht auf Wahn.

Das Wunderbare und vollkommen Neue dabei ist, dass diese kürzlichen Entdeckungen auf unerwarteten Umwegen geschehen sind. Was von Spinoza rein philosophisch beschrieben und von Schelling und Goethe auf naturphilosophischem Plan untersucht wurde, wird nun auf dem Wege des sinnlich wahrnehmbaren Versuchs und Experiments gefunden. Werden wir es noch miterleben, dass wissenschaftlich bewiesen wird, dass das Bewusstsein den ganzen sichtbaren und unsichtbaren Kosmos erfüllt und nicht – wie jetzt noch angenommen wird – ein Produkt der Gehirnaktivität ist?

Es erfüllt uns mit Ehrfurcht, zu wissen, dass Bruno diese Dinge vor uns gedacht hat. Bis auf den heutigen Tag wird Bruno in wissenschaftlichen Kreisen vollkommen negiert – der Philosoph Russell widmet ihm in seinem Standardwerk über die Europäische Philosophie keinen Buchstaben. Andere tun ihn geringschätzig ab als fantasiereichen oder dichterischen Verkünder eines spekulativen Weltbildes. Aber es muss bei ihnen doch mindestens Erstaunen erwecken, dass dieser gleiche Bruno feststellte, dass die sogenannten Fixsterne Sonnen sind und nicht, wie Kopernikus annahm, die äußerste Begrenzung des Alls. Beachten Sie: dies stellte er ohne Teleskop fest – dieses musste erst noch erfunden werden! Auch entdeckte er als Erster, dass die Erde an den Polen abgeplattet ist. Und er wies darauf hin, dass es hinter Saturn noch andere Planeten geben müsse – zweihundert Jahre vor der Entdeckung von Uranus 1781! Neptun und Pluto wurden erst 1846 und 1930 entdeckt.

Der berühmte Galilei nennt Bruno in seinen Werken nirgends, obwohl sie Zeitgenossen waren. Schlimmer noch: Galilei hat Texte von Bruno dazu benutzt, um seinen eigenen Thesen Gewicht zu geben, ohne sich ordentlich auf ihn zu beziehen. Auch für diese in wissenschaftlichen Kreisen bekannte Erscheinung – der Eine streicht durch die Ehre des Anderen Gewinn ein – gilt: es gibt nichts Neues unter der Sonne. Die Würdigung von Bruno als viel modernerer und radikalerer Wissenschaftler als Galilei lässt noch immer auf sich warten. Dieses Symposion möge dazu einen Beitrag liefern.

Die Universalität seines Geistes kann in einer Einleitung kaum zusammengefasst werden. Es sei hier allein noch darauf hingewiesen, dass Bruno die Begrenzungen der naturwissenschaftlichen Disziplin in hohem Maße überstieg. Er war auch und vor allem ein Forscher der Welt von Geist und Seele. So betonte er die Einheit der Einzelseele mit der Weltseele und beschrieb eine Form der Psychologie, die sich in nichts von der viel älteren Reinkarnationslehre aus dem antiken Griechenland oder Indien unterschied. Sein Menschenbild steigt noch darüber hinaus. Das Wesen des Menschen, so Bruno, macht die Monade aus, der unteilbare Seelenkern. Diese Monade ist ein lebendiger Teil des kosmischen Werdens, eine mitschöpfende Kraft. Wenn dieser Seelenkern sich wieder in harmonischer Übereinstimmung mit dem Urgrund des Universums, dem Absoluten, befindet – Resonanz -, verlässt die Seele den Kreislauf der Wiedergeburt und erreicht ihre Bestimmung: ein schöpferisches Werkzeug der Gottheit zu sein.

Der berichterstattende Augenzeuge von Brunos Ende auf dem römischen Scheiterhaufen schrieb: „Er, Bruno, sagte, dass er als Märtyrer sterbe, und dass seine Seele aus den Flammen zum Paradies aufsteigen werde. Aber nun wird er ja erfahren, ob er die Wahrheit gesagt hat.” Zweiundzwanzig Jahre vorher, als Bruno gerade definitiv mit der römischen Kirche und dem Orden der Dominikaner gebrochen hatte, hatte er eine Erfahrung von direkter Erleuchtung, die ihn als Intuition wie ein Blitz traf. Die Türen zur Wirklichkeit wurden für ihn einen zeitlosen Augenblick lang geöffnet, zu einer Wirklichkeit, die nicht zu beschreiben, ein Einheitserleben, das kaum in Worte zu fassen ist. Nur annähernd konnte Bruno dieses darüber sagen: „Denn wenn derjenige, der das Eine nicht begreift, nichts begreift, so begreift derjenige alles, der in Wahrheit das Eine begreift; und wer immer mehr zur Kenntnis des Einen durchdringt, nähert sich auch der Kenntnis von allem.”

Vortrag: F. Smit

De verbeelding van het denken. Red.: Jan Bor & Errit Petersma. Amsterdam-Antwerpen, 1995

Lynne McTaggart: The field, the quest for the secret force of the universe. Harper Collins.

Jochen Kirchhoff, Giordano Bruno. Rowohlt, Reinbek 1980

Übersetzt und erstellt von Ursula Klee
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