Vortrag

Böhmes befreiender Weg

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Vortrag von P. G. Olsthoorn

Um einigermaßen Einblick in das Denken Böhmes zu erhalten, erscheint es uns gut, mit einer Fragestellung zu beginnen, die für jeden von uns erkennbar sein wird, und die, so können wir uns das vorstellen, Ausgangspunkt im Denken und Suchen von Jakob Böhme gewesen sein muss.

Jeder Mensch kennt Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Licht und Finsternis: in seiner Welt sind sie vermischt und unlöslich mit einander verwoben. Wo und was ist nun das absolut Gute, was ist Wahrheit? Und was ist es im Menschen, das ihn danach fragen, suchen und verlangen lässt?

Es ist eine Fragestellung, die logisch ist, jedoch nicht in jedem Menschen lebt. Die Gegensätze (z.B. Gut und Böse) sind auf Grund ihres relativen Charakters ein weites Feld für Spekulationen. Es können spekulative Systeme und Pläne entworfen werden, die Gut und Böse für eine gewisse Gruppe Menschen auf einen annehmbaren Platz verweisen, einen Platz, mit dem man sich einig erklären, identifizieren kann, und der die verschiedenen Facetten des Lebens in ein sehr bestimmtes Verhältnis und in einen bestimmten und festen Rahmen setzt. So wird eine Struktur gebildet, in welcher man sich entfalten kann, man sich sicher fühlt und die eine gewisse Gemütsruhe gewährleistet, vorausgesetzt, dass man sich mit der Dogmatik des betreffenden Systems oder Plans konform erklärt.

Die Menschheitsgeschichte hat viele solcher Systeme und Pläne gekannt, Systeme, die einen mehr oder weniger spekulativen und dogmatischen Charakter zeigten. Denken wir z.B. an den Konfuzianismus, an das Weltbild von Aristoteles, an die Mythologie der Klassiker, an das Christentum, an viele größere und kleinere religiöse oder esoterische, aber auch politische oder ideologische Systeme. Obwohl wir es vielleicht nicht direkt bestätigen möchten, müssen wir bei näherer Betrachtung erkennen, dass auch wir Teil eines spekulativen Systems sind – ungeachtet der starken Individualisierung, die für den westlichen Menschen typisch ist -, eines Systems, das eine Polarisation hat, mit welcher wir uns konform erklären können und wollen, ja, womit wir uns auch identifizieren. Dieses System können wir als eine Art Kosmos sehen, in welchem wir leben.

Es wird deutlich sein, dass dieser „Raum” Begrenzungen hat. Ohne diese Begrenzungen, Rahmen oder Konturen, die die soziale, kulturelle, moralische und politische Atmosphäre bestimmen, würde man in eine akute Identitätskrise geraten. Begrenzung ist jedoch auch eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit; Leben innerhalb eines Rahmens bedeutet, in seiner Lebensentfaltung eingeschränkt zu sein. Wir sehen das Paradoxon: ein System bietet Möglichkeiten, ist ein Lebensraum, in welchem Geborgenheit, Identität und eine gewisse Entfaltung möglich ist, andererseits ist man darin gefangen, manchmal bis zum Extremen (totalitäre Systeme). Wir sehen dann auch, dass innerhalb eines Systems gezogen und gezerrt wird, um Rahmen zu verlegen oder richtig zu konsolidieren. Aktions- und Pressionsgruppen, aber auch Repression in verschiedenen Färbungen sorgen für interne Bewegung. Der Widerstand gegen die Struktur eines Organismus kann sehr heftig werden (multikulturelles Zusammenleben). So kommen oder bleiben Systeme in Bewegung; sie sind mit lebenden Organismen zu vergleichen, die auf der Basis ihrer Polarität anziehen und abstoßen, abbauen und sich ausdehnen.

Wir finden in diesem allem den Grund, warum nicht jeder Mensch nach der Wahrheit fragt und sie auch nicht herbeisehnt. Das System, von welchem wir ein Teil sind, hält uns in Bewegung, und andererseits bauen wir es auf und ernähren es. Der Austausch von Energie, dieses Fluktuieren von Kraft und Gegenkraft lässt wenig oder gar keinen Raum für die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt eines Systems, das man selbst vergegenwärtigt und somit … nach unserer persönlichen Identität! Die Frage „Wer bin ich und was bin ich?” verschwindet sehr schnell als irrelevant in den Hintergrund und wird weggespült im Mahlstrom eines absorbierenden Systems, wie es unsere Kultur ist.

Wenn wir uns vertiefen, ja untertauchen wollen in das Licht der tiefsinnigen Erkenntnis, von welcher Böhme mit jedem Federstrich zeugte, dann ist es gut, uns von der rein erkenntnistheoretischen Seite seines Werkes zu lösen.

Wenn man die Schriften Böhmes zur Hand nimmt, dann wird man konfrontiert mit einer Terminologie, einer Sprache, einer Symbolik, einer Komplexität an Begriffen, die, wiewohl eine gewisse Schönheit aufweisend, freiweg unzugänglich sind. Man muss sie gleichsam aufbrechen. Was dann gefunden wird, ist ein unerschöpflicher Schatz von derart geistigem Umfang und einer Tiefe, dass deutlich wird, dass dies nicht mit einem durch Gegensätze geprägten Bewusstsein zu erfassen ist.

Nun kann man auf verschiedene Arten reagieren:

* Wir lassen es sein, was es ist,
* wir ergreifen es mit unserem Intellekt und suchen nach dem Schlüssel, dem „Geheimnis” seines „Systems”,
* wir beginnen mit Selbsterforschung.

Das letztere ist es, was Böhme uns anrät, er dringt auf Selbsterforschung, Selbsterkenntnis, Einkehr in das Selbst, wobei er zugleich angibt, was die Basis von reiner Selbsterkenntnis sein muss. „Denn das Buch, worin alle Geheimnisse liegen, ist der Mensch selbst (…). Das große Arkanum liegt in ihm, nur die Offenbarung geschieht durch den Geist Gottes.”

(Sendbrief 20)

„Die Vernunft soll nicht bei der Außenwelt (der äußerlichen Welt) stehen bleiben, sonst findet sie nichts als dass sie erkennt, dass eine verborgene Kraft und Macht existieren muss, die unergründlich und nicht zu durchforschen ist, welche alle Dinge so geschaffen hat.

Dabei lässt sie es bewenden und läuft im Geschöpf hin und her, wie ein Vogel in der Luft fliegt, und sieht es an wie die Kuh die neue Stalltür; und beschaut sich selber niemals, was sie selbst ist; und sie kommt selten so weit, dass sie erkennt, dass der Mensch ein Bild aus all diesen Wesen ist.

Sie will ihren Schöpfer nicht kennen lernen, und wenn es geschieht, dass ein Mensch dazu kommt, dass er Ihn kennen lernt, dann nennt sie ihn närrisch und verbietet ihm das edle Begreifen von Gott, rechnet es ihm wohl noch als Sünde an und verspottet ihn damit.”

In der großen Tiefe und Weite seines geistigen Schauens sucht Böhme stets den Übergang von der Natur zum Menschen; vom Menschen als individueller Erscheinung zu seinem allgemeinen Grund: dem Geist, dem Bild Gottes; vom Bild Gottes zu Gott selbst. So betrachtet Böhme alles als einen dynamischen Prozess von Geburt und Offenbarung des Göttlichen. Stets kehrt er zum Menschen zurück, so wie dieser jetzt ist, und seine Frage lautet: gibt es eine echte Bereitschaft, ein Bedürfnis, das Verlangen nach Erkenntnis, die weiter, tiefer reicht als die äußerlichen Dinge? Und wenn da ein Erkennen ist, dann sagt er: Wenn Sie Teilhaber sein wollen, wenn Sie wirklich zu dieser Erkenntnis durchdringen wollen – und das können Sie – verlassen Sie dann, was Sie haben und sind. Er sagt es so: „Wenn Ihr einen Augenblick in dem sein könnt, wo kein Geschöpf wohnt, hört Ihr, was Gott spricht.” Eine einfache Aufgabe, nicht wahr?

Was ist dem bei Böhme vorausgegangen, dass er dies so sagt? „In unserer Verdorbenheit haben wir keine tiefere Einsicht in das, was uns offenbart ist; diese Welt mit ihrem Beginn und ihrem Ende gibt uns nur eine begrenzte Einsicht. Ich hätte auch gerne in diesem meinem engen Bestehen über tieferen Einblick verfügt, damit mein kranker Körper gelabt werden könnte, aber ich durchsuchte die ganze Welt und konnte nichts entdecken; alles ist krank, lahm, verwundet, blind, taub und stumm. Ich habe viele Schriften großer Meister gelesen, in der Hoffnung, den Ursprung und die Tiefe der Dinge darin zu entdecken, aber ich habe nichts finden können als einen halbtoten Geist, der ängstlich bemüht war, gesund zu werden, und ich konnte wegen seiner großen Schwäche nicht zur vollkommenen Kraft kommen.”

„Schließlich verfiel ich in eine tiefe Melancholie und Traurigkeit, als ich die große Tiefe dieser Welt, der Sonne, der Sterne und der Wolken, auch Regen und Schnee ansah und in meinem Geist die ganze Schöpfung dieser Welt überschaute. Darin nun fand ich in allen Dingen Gut und Böse, Liebe und Zorn, sowohl in den vernunftlosen Geschöpfen als auch in Holz, Steinen, Erde und den Elementen, so wie in Menschen und Tieren. Darüber hinaus beschaute ich den kleinen Funken Mensch, wie er wohl, verglichen mit diesem großen Werk von Himmel und Erde, von Gott geachtet sein möchte.

Weil ich jedoch fand, dass in allen Dingen Böse und Gut ist, sowohl in den Elementen als in den Geschöpfen, und es in der Welt dem Gottlosen genauso gut geht als dem Frommen, auch dass die barbarischen Völker die besten Länder besitzen und dass ihnen das Glück bei weitem näher ist als den Frommen, wurde ich schwermütig und betrübt, und keine Schrift, die mir doch immerhin wohlbekannt war, konnte mich trösten. (…) Als sich jedoch in dieser Betrübnis mein Geist – wovon ich wenig oder nichts verstehe – inbrünstig in Gott erhob wie mit einem großen Sturmlauf, und mein gesamtes Herz und Gemüt mit allen anderen Gedanken und Begierden sich darein ergab, ohne innezuhalten mit der Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu kämpfen, bis dass Er mich segnete, d.h. bis Er mich mit Seinem hl. Geist erleuchten würde, damit ich Seinen Willen verstehen und meiner Traurigkeit quitt sein möchte, da brach der Geist durch. (…) Welch ein Triumphieren in diesem Geist dies jedoch gewesen ist, kann ich nicht beschreiben noch aussprechen; es lässt sich auch mit nichts vergleichen als nur mit der Geburt des Lebens mitten im Tod, mit der Auferstehung von den Toten.”

Die Erfahrung, dass Liebe und Hass, Böse und Gut, Sympathie und Antipathie miteinander verflochten, wesentlich miteinander verbunden sind, kann jemanden sehr traurig machen; es kann ihm den vernünftigen Sinn des Lebens nehmen. Es sagt ihm, dass nichts in unserem Universum existiert, das wirklich IST; was ist denn der Maßstab für Liebe, Güte, für Leben und Nicht-Leben anderes als nur ein sehr subjektiver? Er erkennt also auch, dass Identität eine Fiktion, ein an äußerliche, somit sehr veränderliche Bedingungen gekoppelter Wert ist. Und die Frage: Wer bin ich eigentlich? bleibt im leeren Raum hängen. Das Ich maßt sich selbst eine Identität an, mit Piercings, mit einem bestimmten Verhalten, einem bestimmten lifestyle, worin Status, Codices usw. eine wichtige Rolle spielen. Das Ich ist der „homo ludens”, es spielt wohl, aber ist nichts.

Die beschriebene Entdeckung kann aber auch zu einem gewissen Maß der Freiheit des Forschens führen; das Individuum ist nicht länger durch alte Begrenzungen gebunden, welche die Identität bestimmten. Sehen Sie den Zusammenhang? Ein Böhme, der um seinen wahren Namen (das Kennen seiner wahren Identität) kämpfte, „bis Er mich mit Seinem heiligen Geist erleuchten würde, damit ich Seinen Willen verstehen und meiner Traurigkeit quitt sein möchte.”

Die Verse in Genesis 32, die von dem Kampf Jakobs mit einem Engel erzählen (von Rembrandt auf solch mysteriöse Weise gemalt), sind repräsentativ für die innere Ausrichtung und den Seelenzustand von Böhme und werden von ihm auch beschrieben und erklärt: „In der Nacht stand Jakob auf, nahm seine zwei Weiber und die zwei Mägde und seine elf Kinder und zog an die Furt Jabbok (Stoff), nahm sie und führte sie über das Wasser, dass hinüber kam, was er hatte; und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und da dieser sah, dass er ihn nicht übermochte, rührte er das Gelenk seiner Hüfte an; und das Hüftgelenk ward über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber er antwortete Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Darauf sagt er zu ihm: Wie ist dein Name? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast überwunden. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heissest du? Er aber sprach: Warum fragst du nach meinem Namen? Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob hieß die Stätte Pniel, denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen. Und die Sonne ging ihm auf; und er hinkte an seiner Hüfte.”

Böhme schreibt als Kommentar zu diesem besonderen Teil aus der Genesis: „Als Gott Jakob gesegnet hatte, nannte Jakob diesen Platz Pniel, das ist „ein Erkennen Gottes in der Seele”.

Wo Gott in der Seele offenbar wird, da spricht die Seele: „Ich habe Gott in mir von Angesicht zu Angesicht gesehen und meine Seele in diesem Erkennen geheilt.” Und als er an Pniel vorbeikam, da ging ihm die Sonne auf, das ist: wenn Gottes Sonne, als Seine Kraft, in der Seele offenbar wird, so empfängt die Seelenessenz dieselbe Kraft in sich, so geht die göttliche Sonne in der Seelenessenz auf, denn da hat nun der Vater Seinen Sohn in der Seele aufgeweckt, der die Sonne der Gerechtigkeit sowohl als die Göttliche Liebe und Freude ist.

Dann hinkt die eigene Natur, denn das Hüftgelenk des natürlichen Willens wird durch sie berührt, so dass der eigene Wille in seinem Vermögen machtlos wird wie Jakob hier.”

Von Böhme eine Studie zu machen ist eigentlich ein Widerspruch: es ist, als wollte man ein Erdbeben beschreiben, während man komfortabel in seinem Büro sitzt und seinen Nachmittagstee genießt; oder wie die Beschreibung des frischen Duftes der Jasminblüte; es ist eine Anklage gegen das Werk von Böhme, sein Werk macht sich daraus frei, mit großer Heftigkeit fällt es stets den toten Buchstaben an, die „Mauerkirche”, die „gemauerte Kirche”, das geschnitzte Bild, die Gemütsruhe der Autoritätsgläubigen, die Eitelkeit der Hirngelehrtheit, die Maul- und Namenchristen:
„Schaut, ihr blinden Heiden, Schriftverdreher und Schriftverbreiter, tut eure Augen weit auf, schämt euch nicht vor dieser Einfachheit. Denn Gott liegt im Zentrum verborgen und ist noch viel einfacher. Aber ihr seht ihn nicht!”

Böhme greift in seinem Werk nach der lebendigen Essenz des menschlichen Lebens, des Menschen selbst; er kämpft mit „dem Mann Gottes” und lässt nicht eher ab, bis er gesegnet wird. Er sucht die Verbindung zwischen „dem Bild”, dem Äußerlichen, der materiellen Seite und dem Innerlichen, dem „Bildlosen”, dem Geist. Und jeder, der sich mit Böhmes Werk befasst, wird in diesen Streit mit einbezogen. Es wird ihm gehen, als wirbele er hinweg und würde hinuntergezogen in ein noch dunkleres Chaos und läse in einem Buch, worin alle bestehenden Begriffe und Bilder eine andere, vorher nicht gekannte Bedeutung erhalten und haben, weil er in einem lebendigen Buch liest. Wer sagt, dass er versteht, lügt. Böhme zwingt den Menschen zu einer eingreifenden Selbstuntersuchung, er rüttelt an den Fundamenten unserer Erkenntnis und prüft ihre Echtheit.

„Flüchten geht nicht mehr”, war der Refrain aus einem Musical von Annie M.G. Schmidt; „Nachsprechen, zitieren geht nicht mehr”, jedem Zitat muss man gerecht werden in dem Geist, aus welchem Böhme sprach, arbeitete und schrieb. Böhme und Unverbindlichkeit ist ein äußerster Kontrast, sein Werk ist wie geistiges Dynamit; die Explosion, die es verursacht, wirkt in Schockwellen weiter. Und wenn gedacht wird, dass diese geistige Explosion ausvibriert hat und jetzt nur noch erstorben und unwirksam in vergilbten Büchern verschlossen ist, die lediglich einen historischen oder antiquarischen Wert haben, dann muss das ein ernster Irrtum genannt werden.

Wenn wir uns einen Augenblick auf den Zusammenhang und die Momente geistiger Impulse in der westlichen Welt besinnen und begreifen, dass darin kein Platz für Zufälligkeiten ist, dann kann das Auftreten Böhmes als ein Kulminationspunkt und Umschlagplatz der geistigen Entwicklung Europas gesehen werden – auch als ein Brennpunkt, worin alle vorhergehenden Weisheitsströmungen und -systeme, Gnosis, Christentum und Hermetismus wie in einer Synthese zusammengedrängt und auf eine erneuerte Weise mit dem westlichen Menschen verbunden werden. Man kann Böhme nicht einfach als einen großen Mystiker ansehen; sein Einfluss auf die Entwicklung des westlichen Denkens und als Folge davon auch auf die Entwicklung der westlichen Kultur ist sehr eingreifend.

Der Begriff Mystik bedeutet „sich abschließen”, die Sinne verschließen vor der äußerlichen Welt, um nicht länger davon berührt zu werden. Ein Mystiker ist ein Mensch, in welchem die Verbindung mit dem Innerlichen, dem Unteilbaren, wiederhergestellt ist. Darin, in dieser Verbindung, lebt nicht länger das Verlangen, sich mit der Bezauberung des äußeren Bildes zu verbinden, welches identisch ist mit Verschiedenheit, Vielheit, Entwicklung und Vermehrung, identisch mit Gegensätzen und allen ihren Folgen.

„Wenn Ihr Euch losmacht von all dem Geschaffenen, und für alle Natur und Geschöpfe ein Nichts werdet; dann seid Ihr im ewig Einen, das ist Gott selber, und werdet der höchsten Tugend der Liebe gewahr.”

Die geistige Größe Böhmes zeigt sich da, wo er die Verbindung herstellt, die Brücke schlägt zwischen dem innerlichen Grund des Alls, dem „Ungrund”, dem Ain Soph, und dem Äußerlichen, dem sinnlich wahrnehmbaren Universum. Darin ist er nicht allein der Mystiker, sondern auch der „Philosophus Teutonicus”, und darin liegt auch die Faszination der großen Denker für Böhme. Die Bedingungen und die Verfassung, um die Verbindung zwischen Innen und Außen herzustellen, werden von Böhme u.a. in dem Büchlein „Von dem übersinnlichen Leben” beschrieben. Es ist frei von vager, gefühlsmäßiger, auf Autoritätsglauben beruhender Hingabe des Menschen an eine höhere Macht. Im Gegenteil, es mobilisiert das Tiefste, das Intimste, das Eigenste im Menschen, das, worin keine Getrenntheit ist und keine Uneinigkeit herrscht.
„Wenn die Sinne und der Wille Eurer Persönlichkeit schweigen, wird in Euch das ewige Hören, Sehen und Sprechen offenbar, und hört und sieht Gott durch Euch”,
„wenn Ihr still seid, seid Ihr das, was Gott für Natur und Geschöpf war, und woraus Er Euch als natürliches Geschöpf erschuf; dann hört und seht Ihr mit dem, womit Gott in Euch sah und hörte, bevor Euer eigener Wille, Sehen und Hören wirksam waren.”

Darin wurzelt das Werk Böhmes: nicht einfach in Überlieferung, sondern in Offenbarung aus dem Urgrund, aus dem Un-Grund, worin Getrenntheit und die negativen Ausflüsse davon nicht sein können. Böhme ist nicht reine Mystik, sondern er greift auch ein, erklärt das Wesen der Erscheinungen und verbindet es mit dem innerlichen Grund. Er unterscheidet und verdeutlicht, wo diese Verbindung zerbrochen ist und spricht dann über das luziferische Feuer, das in Wahnsinn, Verblendung und Hochmut des Lebens brennt, das sich lediglich im Äußerlichen behauptet. Dieses Leben kann sich nur, ja muss sich vermehren, aussäen, modifizieren, sich vergrößern und aufblasen in ungezügelter Wut und Triebhaftigkeit, bleibt aber dem verzehrenden Feuer unterworfen, das von Böhme das Zornfeuer Gottes (das erste Prinzip) genannt wird. Wenn dies zu abstrakt sein sollte, brauchen wir nur unseren Blick auf das zu richten, was sich in der Welt abzeichnet. Dem (luziferischen) Leben fehlt struktureller Zusammenhang, fehlt Integrität. Es lebt, parasitiert innerhalb eines zusammenhängenden Organismus (wovon wir uns sehr wohl bewusst sind, dass er besteht, ihn aber doch nicht kennen), ohne Teil davon sein zu können. Es verdirbt den Organismus als bösartige Wucherung und feuriger Brand und will und kann nicht anders!

Dieses Leben wuchert auch im Menschen und hindert ihn daran, gerade durch die Möglichkeit der Wahl und Unterscheidung, des einigenden Lichtes Christi teilhaftig zu werden, das Böhme andeutet als das zweite Prinzip (und das potenziell ebenfalls im Menschen vorhanden ist). Das luziferische Feuer verblendet ihn durch die suggestive Kraft der Einbildung und den Willen, selbst bestimmen zu können, was richtig und nicht richtig, wahr und nicht wahr ist und das Mysterium des Lebens durchgründen zu können als Herr und Meister.

„O Adam, wärst du nicht auf das stolze Tier der Begierde gestiegen! Wärst du doch im Paradies geblieben! Was hast du nun davon, dass du in einer fremden Welt über Gott hinfährst – solltest du nicht besser in Gott sein?”

Das luziferische Feuer verhöhnt (und kann auch nicht anders) das sanftmütige Licht, dem sich der verloren wissende Mensch (in Gelassenheit) anvertraut. Dadurch bleibt der Mensch an die äußerliche Geburt gebunden, die, vom Kreuz des Christus zerbrochen, im Feuer des ersten Prinzips brennt, der Zornwelt, dem Reich der Finsternis, das brennende „Rad”, das in Härte, Schärfe, Kälte, Bitterkeit und Angst existiert, worin die Gegensätze ewig mit einander im Streit und in Angst zusammengebunden sind. Hoffart, Gier, Neid und Zorn nennt Böhme die vier Elemente oder Tugenden des Feuers, mit welchen der eigenwillige Mensch bis in seinen Kern infiziert ist. Das Sich-Erheben im Stolz bedeutet: alles zerbrechen wollen, in und über alles herrschen wollen, alles zu verzehren und allein zu sein. Lüge ist dann die einzige Wahrheit, der eigene Wille leugnet die Wahrheit und richtet sich damit gegen sich selbst, in Selbstzerstörung. („Darum sagt Christus, dass der Teufel ein Vater der Lüge ist, denn sein Fundament ist lauter Nein, ein der Wahrheit, dem Ja, Widersprechen.”)

Es ist wichtig, zu verstehen, dass, obwohl Böhme in seiner Vision ein System, eine Kosmologie beschreibt, eine Entwicklung, eine Schöpfung, die sich aus dem ewigen Nichts offenbart, dem Ungrund, als einen dynamisch sich ewig vollziehenden Prozess, er dies vollkommen geistig sieht und auch so meint. Das Verstandesdenken kann dies nicht fassen, weil es in Gegensätzen gefangen ist und auch nicht anders kann. Der geformte Begriff ist äußerlich und entbehrt des Zusammenhangs, mit anderen Worten: ist nicht-hermetisch, entbehrt der Gnosis; Böhme dachte hermetisch, nicht durch Übung oder etwas Derartiges, sondern aus Gnade.

„Jedoch hat Gott außerhalb der Natur und Kreatur keinen Namen, sondern heißt allein das Ewig Gute als auch das Ewig Eine, der Ungrund und Grund aller Wesen.
Er hat keinen Ort. Darum kann Ihn auch kein Geschöpf nennen, denn alle Namen stehen im geformten Wort der Kräfte.

Gott aber ist Selbst die Wurzel aller Kräfte ohne Anfang und Name. Darum sagt Er zu Jakob: „Warum fragst du, wie ich heiße?” und segnete ihn.
So wie die Geschöpfe, auch alle Gewächse der Erde, nicht wissen können, wie die Kraft der Sonne heißt, aber stillstehen vor der Sonne und diese ihnen Kraft und Wärme gibt und sie segnet, damit sie wachsen und Frucht bringen, so ist es auch hier von Jakob und von allen Menschen zu verstehen.
Als Jakob das Morgenrot Gottes in seiner Seele sah und fühlte, da segnete ihn die göttliche Sonne im Namen Jesu (…). Hierbei ist zu beachten, wie es Jakob und allen Kindern Gottes in diesem Sonnenschein ergangen ist und noch ergeht. Wenn die Gnadensonne mit ihrer wirkenden Kraft in der Seele aufgeht, dann erfreut sich die Seele und will Gottes Angesicht gerne stets auf kreatürliche Weise sehen, wie auch Moses dies verlangte… Sie denkt, dass Gott etwas Formenhaftes ist, dass sie Gott nicht gut sehen würde und will Gott deshalb im Bild kennen! So nahe liegt uns das kreatürliche „Bildermachen” in dem abgewichenen Eigenwillen im Gemüt, dass wir nie verstehen können, was Gott ist, außer dass Er der Abgrund aller Natur und Geschöpfe selbst ist als das ewig Eine, Das in nichts als nur in Sich Selbst wohnt und keine Form noch etwas hat. Und es wäre gut und recht, dass wir nicht durch die Meister der Buchstaben so in äußerliche Formen geführt werden, wenn man über den einzigen Gott lehrt und spricht, wie es bis heute geschieht, dass man uns ganz mit Bildern (Lehrsätzen, Formeln, Meinungen und Überzeugungen) auf einen Irrweg gebracht hat, als wollte der einzige Gott dies oder das, wo Er doch selber der einzige Wille in Bezug auf Geschöpf und Natur ist, und die gesamte Schöpfung rein und allein in der Erschaffung Seines ausgeatmeten Wortes und Willens begriffen liegt, und die Trennbarkeit des einzigen Willens in das Aussprechen und mit der Zusammenfassung der Natur verstanden wird.

Wenn der Hochmut Luzifers denselben Meistern aus Herz und Augen gerückt werden würde, so würde man unmittelbar Gottes Angesicht sehen. Aber der Turm von Babel, worin man mit Treppen und Meinungen zu Gott aufsteigen will in einen besonderen Himmel, worin Gott vergittert sitzt, hält die wahre Erkenntnis und den Verstand auf, so dass wir stets fragen: „Wie heißt Gott? Wo ist Gott? Was will Gott? Und auch: „Er will Gut und Böse”, woraus sie einen Berg von Dekreten göttlicher Absichten aufhäufen, so wie ein Fürst in seinem Land Gesetze macht, während sie genau soviel Verstand von Gott und Seinem Willen haben wie der Topf von seinem Töpfer begreift.

Es ist beklagenswert, dass man uns so in Blindheit führt und die Wahrheit in Bildern zurückhält. Denn wenn die göttliche Kraft im innerlichen Grund der Seele mit ihrem Glanz offenbar und wirksam wird, so dass der Mensch danach verlangt, den gottlosen Weg zu verlassen und sich Gott hinzugeben, dann ist der ganze Drei-einige Gott im Leben und dem Willen der Seele gegenwärtig, und ist der Himmel dort erschlossen, wo Gott der Seele innewohnt, und ist der Ort dort in der Seele, wo der Vater seinen Sohn gebiert und wo der Heilige Geist von dem Vater und dem Sohn ausgeht. Denn Gott hat keinen messbaren Raum nötig.

Er wohnt auch im Abgrund der gottlosen Seele, jedoch für diese nicht begreiflich nach Seiner Liebe, sondern wird nach Seinem Zorn in der gottlosen Seele offenbar und tritt an den Tag. Denn das ewig sprechende Wort (als Zusammenfassung von Natur und Kreatur) wird nach dem Seelenwillen (der innerlichen Ausrichtung und der Lebenshaltung) sichtbar, wovon die Schrift sagt: „Bei den Heiligen bist Du heilig und bei den Verkehrten bist Du verkehrt”. (…) Und dennoch ist Er nur ein einziger Gott und nicht zwei”. (…) Darum ist es alles nutzloses Gefasel und Äußerlichkeit, wenn man fragt: „Wie heißt Gott?” und auch dass man sagt: „Er will dies und das, Böse und Gut”, ohne dass man etwas vom Grund zu sagen weiß; wie Er Böse und Gut will; wie man die Aussagen der Heiligen Sprache zu verstehen hat.”

Das Mysterium der Wiedergeburt steht im gesamten Denken Böhmes zentral. Ohne Wiedergeburt ist das Denken und Tun ohnmächtig. Es bewegt sich in und formt nur „Schnitzbilder”. Kein einziger Denkprozess kann den Menschen über die Grenze des menschlichen Unvermögens hinüber führen. Alle Zitate aller Weisheit geben nicht mehr als einen schwachen Trost und Tünche im traurigen und dunklen Bestehen. Worauf wartet der Mensch?

„Wir haben das Licht vom Herzen Gottes verloren, denn in Adams Fall sind wir vom ewigen Licht weg nach dem Licht dieser Welt gegangen, und die Seele hat nichts anderes zu erwarten als dass das Licht dieser Welt für sie vergehen wird, falls sie nicht wiederum eingeht zum göttlichen Licht. Denn, wie wir Menschen Gott mit den Augen dieser Welt nicht sehen können, der doch allezeit um und bei uns ist, so müssen wir erst andere Augen bekommen, damit wir Gott fühlen und ergreifen können. Dann werden wir Ihn auch schauen.”

Das sichtbare Universum ist ein einziges großes System, worin alles, was erscheint, unbeständig und der Vergänglichkeit unterworfen ist. Man kann mit Mühe aufrechterhalten, dass tot lebendig oder Licht Finsternis ist, aber sie sind nicht konstant, die Gegensätze wechseln einander ab. Deshalb spricht Böhme über „das Haus des Todes”; nichts kann zu wahrem Leben kommen oder es wird abgebrochen in seiner Geburt, seinem Werden und seiner Blüte. Der Mensch kann nichts anderes erwarten, so sagt Böhme, als dass das Licht, das er kennt, stets für ihn vergehen wird, und so kennt er nur Finsternis, worin jeder Lichtimpuls durch das luziferische Feuer verschlungen wird.

Zu wem dringt dies durch? Wer ist sich bewusst, dass das sichtbare Universum nur ein „äußerliches Bild” für ein verborgenes, unvergängliches Leben ist? Der äußerliche Mensch kann diesem verborgenen Leben nicht nahen, mit nichts. Studieren, Devotion, Magie oder was auch immer bringt ihn auf einen anderen Platz in der äußerlichen Geburt; es verändert ihn nicht, das luziferische Feuer brennt nirgendwo weniger in der Uneinigkeit des äußerlichen Bestehens. Uneinigkeit ist das flammende Feuer, in welchem Welt und Mensch brennen.

Wie und wodurch kann der Mensch diesem Feuer entkommen? Böhme sprach über die „edle Perle”, die rein und unversehrt im Inneren des Menschen ruht. „Luzifer wütet gegen die Kinderchen, ja, er wird alles tun, um das Perlchen zu besudeln. Die reine, klare Seele ist der Mensch, in welchem Erkenntnis dämmert und der dem Weg der Erkenntnis folgt, heraus aus den Schrecken im Haus des Todes. Ja, viele Male wird dieser Mensch Angriffe ertragen müssen, doch wenn er ausharrt auf dem rechten Weg der Erkenntnis, wird ihm das kostbare Perlchen geschenkt werden.” (Es ist bereits in ihm). Aus diesem Lichtprinzip muss er aufs neue geboren werden, wiedergeboren aus Wasser und Geist. „Darum besinnt Euch, Kinder, und geht ein in die rechte Tür! Es kommt nicht nur auf das Vergeben an, sondern auf das Geborenwerden. Dann ist es auch vergeben, das ist, die Sünde ist wie eine Hülse: der neue Mensch wächst heraus und lässt die Hülse hinter sich. Das ist Gottes Vergebung. Gott ver-gibt das Böse von dem neuen Menschen weg, Er gibt es von ihm weg. Es wird nicht aus dem Körper weggeführt, sondern die Sünde wird im Zentrum vergeben, nämlich als das Feuerholz und muss auf diese Weise eine Ursache des Feuerprinzips sein, aus welchem das Licht scheint. Es muss dem heiligen Menschen zum Guten dienen, so wie Paulus sagt: „Denjenigen, die Gott lieb haben, kehren sich alle Dinge zum Guten, auch die Sünde.” Was sagen wir dann: „Müssen wir sündigen, damit unser Heil geboren wird? Wie könnte ich wieder eingehen wollen in dasjenige, dem ich abgestorben bin? Würde ich aus dem Licht wieder in die Finsternis gehen?” Was dem Sünder ein Stachel zum Tode ist, ist dem Heiligen eine Macht zum Leben.”

Wie wird nun der Mensch wiedergeboren? Was der Stachel ist für den Menschen, der außerhalb des Lichtes steht, ist das verborgene Manna für denjenigen, der im Licht steht. Der Mensch wird wiedergeboren durch (freiwilliges) Herausgehen aus dem alten Salniter, indem er den neuen Salniter zur Wirksamkeit bringt. Um dies zu illustrieren, zitieren wir aus Offenbarung 2: „Wer überwindet, dem werde Ich geben von dem verborgenen Manna, und Ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf den Stein einen neuen Namen schreiben, welchen niemand weiß als der ihn empfängt.” Niemand durchgründet dieses Myserium besser als Böhme in seinem Buch „Von den drei Prinzipien”: „Dass das göttliche Morgenrot in mir aufgeht.

Auf mich stürmt ein die Gerechtigkeit Gottes. Aber in den wirklichen Kämpfern spricht die Seele zu Gottes Gerechtigkeit: „Ich lasse Dich nicht gehen, Du segnest mich denn: das ist: Du gibst mir erst die Sicherheit, dass ich meinen Heiland Christo ansehe; dass Er ich und ich Er bin.

So spricht dann Gottes Gerechtigkeit wie zu Jakob: Wie heißt du?

So nennt sich dann die arme Seele nach ihrem selbstgeschaffenen Namen, wie es Jakob tat, als er sich hier Jakob nannte: aber wie auch der Herr zu Jakob sprach: Du sollst nun nicht länger Jakob heißen, sondern Israel; das ist: ein Baum des Lebens.
So auch sprach Gott zur Seele: Du sollst keinen eigenen Namen in Mir haben, sondern du sollst ein Christ in Christus heißen: ein Zweig im Baum Israels, eine Ranke am Weinstock Christi; denn du hast mit Gott und den Menschen gestritten und hast überwunden: du hast Gottes Gerechtigkeit in der Grimmigkeit des Zorns in deinem Streit im Geist Christi gewonnen und bist nun ein essentieller Christ und nicht mehr ein Namens- und Maulchrist.

Als Jakob in seinem Glaubenseifer in seinem Kampf das Morgenrot Gottes im Geist Christi ergriff und Christus von ferne ohne menschliche Gestalt sah, sprach er: Wie ist Euer Name? Aber Christus sprach: Warum fragst du wie ich heiße? Das ist: Ich bin kein Fremder, sondern bin Israel in dir: Ich habe keinen anderen Namen, sondern Dein Name und Mein Name sollen eins sein.

Denn Gott hat außerhalb der Natur und des Geschaffenen keinen Namen, sondern heißt allein: das ewig Gute und das ewig Eine: das unergründlich Tiefe und der Grund alles Seienden: Er wird an keinem Ort gefunden, darum kann keine einzige Kreatur ihn recht nennen: denn alle Namen stehen im geformten Wort der Kraft: Gott ist selbst die Wurzel aller Kraft ohne Anfang und Name.”

Und wie außergewöhnlich ist es dann, wenn wir als Bekräftigung des geistigen Erbgutes von Böhme in unserer Zeit im Buch „Walpurgisnacht” von Gustav Meyrink lesen: „Ein Missetäter ist er, der das Lied seiner Seele nicht hört, ein Missetäter gegen das Leben, gegen Andere und gegen sich selbst. Mein Lied ist eine ewige Melodie der Freude; wer diese Melodie nicht kennt, die klare, unergründliche frohe Sicherheit, das Ursachlose: Ich bin der Ich bin, der Ich war und immer sein werde, der ist ein Sünder gegen den heiligen Geist. Vor dem Glanz der Freude, der in der Brust strahlt wie eine Sonne am innerlichen Himmel, weichen die Spukgestalten der Finsternis, die den Menschen als die Schemen vergessener Verbrechen begleiten, begangen in einem früheren Bestehen, und die die Fäden seines Schicksals weben. Wer dieses Lied der Freude hört und singt, der vernichtet die Folgen jeglicher Schuld und lädt niemals mehr Schuld auf sich. Wer sich nicht mehr erfreuen kann, in dem ist die Sonne gestorben. Wie soll so jemand Licht ausstrahlen können? (…) „Das wahre „Ich” ist nur wiederzuerkennen an der Wirkung. Es hat keine Ausdehnung; und doch, weil es keine hat, ist es – überall. Verstehe es gut: über-all. Es steht über dem All, ist all-gegenwärtig. Das „Ich” strömt durch den Menschen hin; von da her ist eine Umpolung im Denken notwendig, um sich selbst im eigenen „Ich” wiederzufinden.”

Sehr geehrte Anwesende, gerne möchten wir diesen Vortrag mit einem von Böhmes letzten Aussprüchen beschließen: „Ihr werdet noch wunderliche Dinge hören, denn die Zeit ist geboren, von welcher mir durch ein Gesicht gesagt wurde, nämlich die Reformation. Das Ende befehle ich Gott; denn ich weiß es noch nicht.”

Vortrag: P. G. Olsthoorn

Übersetzung ins Deutsche: Ursula Klee

Gemälde: Rembrandt

Gemälde v. Jakob Böhme: wikipedia

Literaturhinweise:
I.de Hartog-Meijes De Roede des Drijvers verbroken.. Auswahl aus Vierzig Fragen von der Seele von Jakob Böhme. Haarlem, Rozekruis Pers, 2000
Prof. Dr. A.H. de Hartog: Levend in de Eenvoud van Christus. Haarlem, Rozekruis Pers, Haarlem 1999
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