Vortrag

Bachs Musik – Widerklang von Rose und Kreuz

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Vortrag von Frans Spakman


Beethoven war verblüfft über den Ideenreichtum in Bachs Musik. Man sollte ihn eigentlich nicht „Bach” nennen, sagte er, sondern „Meer”. Denn sein Reichtum gleiche einem grenzenlosen Meer. Man könnte es auch kosmisch ausdrücken: Bachs Musik ist ein Universum. Beethoven nannte ihn den Urvater der Harmonie.

Man sagt von großer Architektur, zum Beispiel ägyptischen und griechischen Tempeln, aber auch gotischen Kathedralen, sie seien zu Stein geronnene Musik.

Anders herum formuliert: Musik ist flüssige Architektur. In diesem Sinn beschrieb Albert Schweitzer, ein großer Kenner von Bachs Orgelmusik, das Mehrdimensionale im Genie Bachs: er sei Dichter einer musikalischen Poesie, Maler mit Farben des Klanges, Architekt musikalischer Bauwerke.

Wie kein anderer verstand es Bach, verschiedene selbstständige Linien auf wunderbare Weise zu einer Einheit zusammen zu führen, so wie sich die Pfeiler einer Kathedrale in den Kreuzrippengewölben hoch über unseren Köpfen vereinigen. Es ist das für die Gotik so typische sich auffächernde und wieder zusammenfügende Spiel der Linien. Für Albert Schweitzer findet das Emporstrebende der Gotik in Bachs Musik seine musikalische Vollendung.

Bach bleibt auch heute noch ein Mysterium. Was ist das Besondere an seiner Musik? Sie bildet ein kosmisches Ganzes. Gibt es einen Quell, aus dem er schöpfte? Wie sah er selbst seine Kunst? Wie sah er sein Künstlertum?

Musik war für ihn „die Sprache Gottes”. Als Kirchenmusiker sah er seine Werke tief in der jüdisch-christlichen Religion verankert. Hierzu verwies er auf das alttestamentarische Buch der Chroniken, in dem es heißt, dass der Dienst im Tempel, im Haus Gottes, mit Gesang und Harfenspiel, mit Zither und Zimbel unterstützt werden muss.

Die Bücher seines Nachlasses geben einen gewissen Hinweis darauf, womit er sich befasste und was ihn eventuell prägte. Neben Luthers Werken und anderen theologischen Büchern besaß er ein Werk des deutschen Mystikers Tauler sowie Das wahre Christentum von Johannes Arndt.

Arndt gehörte zu einer Gruppe um Johann Valentin Andreae, der die sogenannten Rosenkreuzer-Manifeste verfasst hat. Bachs Universum zeigt Querverbindungen zum Kosmos der Rosenkreuzer. Darauf kommen wir noch zurück. Johannes Arndt war Mitglied der von Johann Valentin Andreae gegründeten Societas Christiana. Es heißt, dass auch der Astronom Johannes Kepler zu diesem Kreis gehörte. Arndt wies auf die Bedeutung des Christus im Menschen hin, während die Lutheraner und besonders die Calvinisten auf die Bedeutung des Christus für den Menschen Wert legten. Arndt war genau wie Tauler mystisch orientiert und gilt als Begründer des deutschen Pietismus. Die mystischen Bücher in Bachs Bibliothek passen gut zu seiner Vorliebe für Texte, aus denen ein verinnerlichter Glaube spricht.

In vielen Gesangsstücken Bachs verlangt eine schuldbewusste, in der Finsternis gefangene Seele nach Befreiung durch den Christus-Geist. Hier klingt tiefe christliche Mystik an.

Was die Form betrifft, orientierte sich Bach an der klassischen Rhetorik. Wie ein Redner entwickelt er einen von der Bibel inspirierten Text. Er beginnt damit, das Publikum für das zu behandelnde Thema, die zentrale Idee, die Inventio, zu interessieren. Dann gibt er in der Dispositio und der Elaboratio dem Thema mit einem Standardsatz musikalisch-rhetorischer Formeln (unter denen sich auch Zahlensymbolik befindet) weiter Form. Bachs Ziel ist es, den Zuhörer in einer von innerem Feuer durchdrungenen Ausführung zu der Überzeugung zu bringen, dass die Inventio, die Idee, nicht nur wahr, sondern auch rein und gut ist.

Auch seine Instrumentalmusik gleicht einer sprachlichen Darlegung. Es ist bekannt, dass seine Schüler nur komponieren durften, wenn sie wirklich eine „Geschichte” zu erzählen hatten.

Die „Inventionen” (2- und 3-stimmig) weisen explizit auf die Rhetorik hin.
Es scheint in jedem dieser Stücke ein musikalischer Einfall besprochen zu werden, der dann von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet wird.
Manchmal sind die Stimmen sich einig. Manchmal sind sie sich uneinig und bauen eine Spannung auf, die zu einer Dissonanz tendiert.

Der Zuhörer, der vielleicht unwillkürlich auf seinem Stuhl hin und her rückt, wird ergriffen von der Art, wie knapp Bach den musikalischen Knoten zu lösen weiß.

Auch Goethe erkannte das rhetorische Element in Bachs Musik. Er erfuhr es als „unendliche Harmonie im Dialog mit sich selbst”.

Der zeitgenössische Wissenschaftsphilosoph Hofstadter (Autor von Gödel, Escher, Bach) stellt fest, dass die Harmonie bei Bach einerseits kosmisch ist im Sinne eines geordneten Universums und sich Bach andererseits in einem Dialog mit Gott befindet im Sinne des hermetischen Weges. Für Hofstadter ist das das Kennzeichen eines großen Künstlers. Jeder Künstler sollte letztlich auf sich selbst, seine eigene Identität und sein Spannungsfeld hinweisen.

Der Einfluss der christlichen Tradition auf Bachs Musik ist unverkennbar. Aber bedeutet das, dass nur der gläubige Kirchgänger die tiefere Dimension dieser Musik erkennen und erfahren kann? Sind nicht viele Menschen heute ohne Kirche aufgewachsen, Menschen mit großem Tiefgang, die von Bachs Musik ergriffen werden? Die christliche Tradition allein kann nicht die Einzigartigkeit dieser Musik erklären. Die Musik Bachs hat einen universellen Charakter, der die Formen der Tradition übersteigt. Bach selbst war übrigens am glücklichsten in der Zeit, in der er keine kirchliche Musik geschrieben hat, nämlich in Köthen, wo er unter anderem die Brandenburgischen Konzerte komponiert hat.

Wir stellen also fest, dass die Frage, warum Bachs Musik uns so tief bewegt, sich aus dem begrenzten biographischen Material nicht beantworten lässt.
Der Musiker Bach steht im Vordergrund; die Person, der Mensch Bach, tritt dahinter zurück.

Das Mysterium von Bachs Musik hat im Lauf der Zeit nichts von seiner Wirkung verloren. Es gab eine Periode, in der er uns scheinbar weniger zu sagen hatte. Doch im letzten Jahrhundert wurden Osteuropäer, Asiaten und andere Völker stets mehr von der Aussagekraft seiner Musik ergriffen. Die globale Ausbreitung bestätigt ihren universellen Charakter.

Für Inayat Khan, den großen Weisen der Sufis aus dem vorigen Jahrhundert,
war Musik die Brücke zwischen der Welt des Geformten und der Welt des Ungeformten.

Unser Kunstbegriff beschränkt sich häufig auf die Beziehung zu unserer jetzigen Lebenswirklichkeit. Kunst ist dann nur eine Imitation, ein Surrogat, ein Spiegel dieser Wirklichkeit.

Das Merkmal großer Kunst besteht jedoch darin, dass sie eine Brücke bildet, die von der Scheinwelt in die erhabene Welt einer neuen Synthese führt. Sie entspringt der wahren Religio und wirkt transformierend für Bewusstsein und Gemüt, auch wenn das nur zeitweise geschehen mag und mitunter flüchtig ist wie ein Blitz.

Der belgische Autor Hugo Claus beschreibt Bachs Musik als eine „noble Emotion”, als Bewegung über die Brücke hin zum Noblen, zum Edlen. Ein solches Erleben erfüllt das Bewusstsein in kurzen Momenten und verklingt dann wieder.

Große Kunst hat ihren Ursprung in der Empfänglichkeit des Künstlers für die geistigen Kräfte, welche die menschliche Lebenswelle auf ihrer Bahn durch die kosmische Unendlichkeit weiterdrängen. Diese Empfänglichkeit kann sich aktiv als Intuition und passiv als Inspiration äußern. In beiden Fällen beginnt der Künstler mit dem inneren Sehen oder Hören einer geistigen Wirksamkeit, deren erhabene Schwingungen sich als Zahl – Verhältnis – Farbe – Form – und Klang kundtun.

Die Periode von 1600 bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gilt als Beginn der modernen Zeit. Sie wird gekennzeichnet durch Mathematik und ihre vielfältige Anwendung, durch klare und deutliche Strukturen, durch den Übergang von der Alchemie zur Chemie, von der Astrologie zur Astronomie, durch den Rückgang von Aberglauben, der mit der Religion verbunden war. Nüchternheit und Aufklärung, insbesondere auf wissenschaftlichem Gebiet, traten an die Stelle. Lehrmeister wurden die Natur und das Universum.

In dieser Zeit standen Zahl – Verhältnis – Form im Zentrum des Erlebens und daneben auch Klang und Farbe. Bach schöpfte seine Intuition und Inspiration sowohl aus dem Zeitgeist, als auch aus den verborgenen universellen Harmonien. Ergebnis ist das kosmische Universum seiner Musik. Hierin liegt keine Übertreibung. Seine Musik lebt in einer mathematischen Zeiträumlichkeit der Ordnung und berührt den Zuhörer zugleich mit ihrer pulsierenden Lebendigkeit. Sie hat ein Regelmaß, aber sie hat keine Rhythmusbox nötig; sie besitzt ihren eigenen Rhythmus und braucht keine Schlagzeugunterstützung. Damals hatte in großem Umfang das Cembalo die Schlagzeugfunktion. Viele Jazz-Musiker, bei denen Bach oft populär ist, begrenzen die Artikulation denn auch auf eine minimale Schlagzeug-Akzentuierung.

Bachs Universum war zu seiner Zeit kulturell neu, das heißt: Er hat die wohltemperierte Stimmung benutzt, um neue, kreisende Modulationen zu ermöglichen. Ein Beispiel ist „Das musikalische Opfer” und der dreistimmige Kanon „per tonos”.

Hofstadter beschreibt Bach dabei als einen Tonkünstler, einen Tongaukler oder -zauberer, wenn er sagt: „Auf die eine oder andere Weise ist es Bach gelungen, mitten im wachen Zuhören die Tonart zu verändern.”

Bach ließ es nicht dabei bewenden, sondern hatte Freude daran, diesen Prozess möglichst bis ins Unendliche weiterzuführen. Das bezeugt seine Randbemerkung zu der Komposition „Das Musikalische Opfer”: „Mit der aufsteigenden Modulation steige der Ruhm des Königs.” Ein eigenartiger Ausspruch, und zugleich ein Aspekt, der deutlich macht, wie sehr Bachs Universum in der modernen westlichen Kultur verankert ist. Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Fülle, die Vollständigkeit der Stimmen. Sie klingen zusammen und bewegen sich wie Sonnen und Planeten in einem Milchstraßensystem. Es ist ein nach westlichen Maßstäben geordnetes Ganzes, ein Kosmos, beinahe ein System, aber eines, das in sich selbst vital bleibt. Sein Klang ertönt auch heute noch.

Im 17. Jahrhundert, in dem Bach geboren wurde, war auch die Manifestation, das Hervortreten der Rosenkreuzer, etwas Neues. Es war eine Manifestation, die mit drei „Manifesten” verbunden war. Sie enthielten den Aufruf, im westlich-christlichen Sinn in eine neue Zeit einzutreten. Es war ein Appell zur Erneuerung, zur Transformation, nachdem Reformation und Gegenreformation in den Jahrhunderten davor zu schrecklichen Kriegen und Unmenschlichkeiten geführt hatten.

In die Reihe der Reform- und Erneuerungs-Bewegungen am Beginn des 17. Jahrhunderts fügte sich – scheinbar aus dem Nichts kommend – die geheimnisvolle Bruderschaft des Rosenkreuzes mit einer revolutionären Botschaft ein. Sie besagte:

* Eine neue Zeit ist angebrochen.
* Die Welt, die aus einem betäubenden Becher getrunken hat, wird aus ihrem
Rausch wachgerüttelt werden.
* Der im göttlichen Geist wiedergeborene Mensch wird die gewundenen Pfade
und Labyrinthe hinter sich lassen und so leben, als hätte er seit Bestehen
der Welt gelebt.

Diesem Ruf zur Erneuerung, diesem inneren Lichtimpuls, entsprach – wie eines der drei Manifeste, die Confessio Fraternitatis – Das Bekenntnis der Rosenkreuzer-Bruderschaft, sagt – auch ein äußerer Lichtimpuls, und zwar eine Supernova im Sternbild Serpentarius und Cygnus (Schlange und Schwan).

Diese Supernova wurde von Johannes Kepler im Jahr 1604 entdeckt.
Das Manifest Fama Fraternitatis – Der Ruf der Rosenkreuzer-Bruderschaft, enthält in Bezug auf die Erscheinung der Supernova etwas Bemerkenswertes. Es wird eine Inschrift zitiert, die auf der Tür zum Grabtempel des Christian Rosenkreuz steht: „Nach 120 Jahren werde ich aufgehen.” Betrachten wir einmal diese Zeitangabe etwas näher.

Christian Rosenkreuz lebte von 1378 bis 1484. Die Tür öffnete sich 120 Jahre später, also im Jahre 1604, dem Jahr, in dem Kepler die Supernova im Sternbild Schlange und Schwan entdeckte. Kepler gehörte zum Kreis um Johannes Arndt, dem Autor des Buches Das wahre Christentum, wie bereits erwähnt.

In der Supernova im Sternzeichen Schlange und Schwan sahen die Rosenkreuzer des 17. Jahrhunderts eine Botschaft Gottes, einen Rat Gottes, einen erneuernden Impuls, ein erneuerndes Feuer für die neu anbrechende Zeitepoche.

In einem übertragenen, esoterischen Sinn könnte man sagen: Darin liegt der Impuls für ein neues Schlangenfeuer – so nennt man die energetischen Ströme entlang der Wirbelsäule, in denen sich das Bewusstsein spiegelt. Der Impuls zur Bewusstseinserneuerung gehört zur universellen Lehre, zum Universum der Rosenkreuzer.

Ich möchte die Supernova – da sie im Sternzeichen Schlange und Schwan auftrat – auch mit dem Gedanken des Schwanengesangs verbinden. Ein Schwan singt am schönsten, wenn er zu sterben beginnt. Bachs Musik hat in diesem Sinne Elemente eines Schwanengesangs. Darauf kommen wir später beim Thema Erkenntnis und Selbstübergabe der modernen Rosenkreuzer zurück.

Die Zahl 120 ist in der Astrologie die Zahl des letzten Hauses, des Sterbens, des Schwanengesangs, aber auch des wirklichen Christus-Erlebens, der universellen Weisheit. Und das ist vielleicht in unserer Zeit noch aktueller als zu Beginn des 17. Jahrhunderts.

Die Manifeste der Rosenkreuzer des 17. Jahrhunderts weisen ebenfalls auf ein Universum hin, und zwar auf die Einheit von Kosmos, Mensch und Gott. Der Mensch wird Mikrokosmos genannt, da er ein kleines Universum in sich trägt. Damit wurde in Erinnerung gebracht, was die Künstler der Renaissance, Michelangelo, Raphael und Corregio, bereits angenommen hatten, dass nämlich der wahre Mensch eine reine Widerspiegelung des Kosmos ist.

Der Mensch trägt eine Kraft Gottes in sich, die er kennen lernen muss. Er muss lernen, mit einem freien Gemüt, mit hoher Vernunft und in Selbstübergabe an den inneren Christus mit dieser göttlichen Kraft zu arbeiten.

Das geschieht auf einem Weg, der zur Erleuchtung führt und sieben Phasen besitzt mit fortwährender Transformation. Im wichtigsten Manifest der Rosenkreuzer, der Chymischen Hochzeit Christiani Rosencreutz vom Jahre 1616, wird dargestellt, wie sich die innere Hochzeit bei Christian Rosenkreuz in sieben Tagen, in sieben Etappen vollzieht.

Basis und Quell der Rosenkreuzer ist die uralte Weisheit des Hermes Trismegistus, des legendären ägyptischen Weisheitslehrers. Er hatte in der Renaissance bereits Marsilio Ficino und später Giordano Bruno zu einer fundamentalen Erneuerung inspiriert. Die universelle Lehre dieser beiden Philosophen ist bis auf den heutigen Tag aktuell.

Das Universum der Weisheit der Rosenkreuzer ist nicht im engen Sinn an eine bestimmte Kultur gebunden. Es ist eine Weisheit mit kosmischen Bezügen, die weit über die damals gängigen Ideen und Auffassungen hinaus ging. Daraus machten die Rosenkreuzer in ihren Manifesten auch kein Hehl. Sie propagierten nichts weniger als eine allgemeine Erneuerung der europäischen Kultur mit ihrer Wissenschaft, Kunst und Religion, eine allumfassende Reformation, deren Zentrum die Rose und das Kreuz bilden sollten.

Die Rose symbolisiert die erblühende göttliche Kraft im Menschen und ein damit einher gehendes Bewusstseinsprinzip, das ein Christentum ganz neuer Art, oder besser gesagt: der ursprünglichen Art ermöglicht.

Das Kreuz steht für eine mehrdimensionale, mutige Lebenshaltung, für eine Selbstübergabe an das ganz Andere, das aus dem Innersten des Menschen wie ein Feuervogel aufsteigt und ein neues Schlangenfeuer erzeugt.

Die Rose und das Kreuz bilden eine alchimische Formel, die eine chemische Synthese oder Hochzeit herbei führt. Sie wird in der Chymischen Hochzeit Christiani Rosencreutz näher beschrieben.

Wenn wir uns an die Gegebenheiten Zahl – Maß – Verhältnis – Form und Klang erinnern, erscheint uns dieses Manifest als eine seltsame, komplexe Komposition mit einer inneren Harmonie und vielen Dialogen und Interaktionen, auch dramatischen.
Bach hat ebenfalls zahlreiche komplexe Kompositionen geschaffen mit einer eigenartigen, anderswo nur selten vorkommenden ausgeglichenen Mehrstimmigkeit und einer auflösenden Kraft. Einer der Analytiker der alchimischen Hochzeit aus unserer Zeit erklärt, dass seiner Meinung nach sieben Weltgeheimnisse in diesem Werk verborgen seien. Eines von ihnen sei das Geheimnis der Zahl, das auch das Geheimnis von Maß und Gewicht sowie des Lebens und allen Wachstums darstelle.

Bei der Rose, die sich in Bachs Universum entfaltet, also dem Prinzip des neuen Bewusstseins, liegt ebenso wie bei der siebentägigen Reise des Christian Rosenkreuz das Hauptaugenmerk auf Zahl, Maß, Verhältnis, Form und Klang.
Bach war damit noch kein Rosenkreuzer, aber wir erkennen doch, dass das Kreuz bei Bach sowohl im Text als auch in der Musik stark übereinstimmt mit der Selbstübergabe, Demut und Gelassenheit der Welt gegenüber, die Christian Rosenkreuz auf seiner Reise bewies.

Der Einweihungsweg – der Pfad der Rose und des Kreuzes – wurde der Menschheit im 17. Jahrhundert von der Rosenkreuzer-Bruderschaft nahe gebracht. Und das geschah trotz des schrecklichen Dreißigjährigen Krieges, der bis 1648 in Europa wütete. Die Idee der Einweihung wurde in die Sphäre der abstrakten Gedanken eingeprägt. Und sie wurde eingeprägt in jene Energien, die mit der Erneuerung der Kultur in kreativem Sinn unmittelbar verbunden sind, in die Ätherkräfte. Es ist vorstellbar, dass Bach aus den atmosphärischen Ätherkräften des Christian Rosenkreuz wirkte.

In gleicher Weise kann man die Musen der griechischen Kultur und das heilige Mischgefäß der Hermetiker als einen atmosphärischen Quell ansehen, aus dem die Rosenkreuzer schöpften.

Es ist derselbe Quell, aus dem auch zahllose mystische Denker, Künstler und Musiker, die nach Schönheit, Harmonie und Wahrheit suchten, ihre Inspirationen empfingen.

Hermes riet im Corpus Hermeticum: „Taucht hinein in dieses Mischgefäß, ihr Seelen, die ihr es könnt.” In den Werken der inspirierten Künstler werden die abstrakten Impressionen konkret. Sie drücken die Fülle des Universellen symbolhaft aus, so dass es sinnesorganisch wahrnehmbar wird.

Für das gewöhnliche analytische Denken sind Symbole oft unbegreiflich. In Bachs Musik ist zwar ebenfalls eine stark analytische Struktur zu erkennen. Aber um das Geheimnis seiner Musik zu ergründen und als „noble Emotion” zu erleben, müssen wir uns für die Synthese, für die Vibration der Fülle öffnen. Und das ist mit einer Aktivierung der rechten Gehirnhälfte verbunden. Musik aktiviert die rechte Gehirnhälfte.

Wir wollen nun eine Analyse der Musik Bachs wagen. Nach dem bisher Vorgebrachten mag es nachvollziehbar sein, dass in dieser Musik entsprechend einer Aussage im Grabtempel des Christian Rosenkreuz – und vielleicht sogar als Folge dieser Aussage – eine Zusammenfassung des Weltalls mitschwingt.

„Dieses Kompendium des ganzen Alls habe ich mir in meinem Leben zu einem Grabe gemacht”, so heißt es in der Fama Fraternitatis. Wichtig sind dabei die Worte „in meinem Leben”.

Es fällt auf, wie oft das Wort „Grab” bei Bach vorkommt. Die Stimmung seiner Musik zeugt dann von einer nahezu mystischen Auffassung des Todes. Das Todesverlangen selbst wird sogar in freudig anmutenden Kompositionen ausgedrückt. Ein Beispiel ist die erste Arie aus der Kantate 83: „Wie freudig wird zur letzten Stunde die Ruhestatt, das Grab bestellt!” Ein solches mystisches Todesverlangen wird mitunter als unbiblisch bezeichnet. Diese Fröhlichkeit, diese Freude ist mit einem mystischen und kosmischen Erleben verbunden.

„Jesus bleibet meine Freude…”, erklingt es im Schlusschoral aus BWV 147.

Bachs Universum und das der Rosenkreuzer stimmen überein. Die Wirksamkeit der Rose und die Struktur des Kreuzes korrespondieren miteinander, und zwar in Zahl – Maß – Verhältnis – Klang – Form. Aber vor allem stimmen Ordnung und Regelmäßigkeit überein. Musikwissenschaftler sagen: Einer der charakteristischen Aspekte der Werke Bachs ist, dass der Ablauf so geduldig, ruhig, zielsicher, vollkommen ausgewogen und unglaublich intensiv voranschreitet. Und wenn bei ihm dann doch der Vulkan in seinem Innersten ausbricht, strömt die glühende Lava stets ordentlich herab.

Bach besaß, wie gesagt, das Buch Das wahre Christentum. Verfasser war Johannes Arndt, einer der christlich-mystischen Rosenkreuzer des 17. Jahrhunderts. Es ist, als ob der Weckruf des Rosenkreuzes – wie eine unirdische Macht – in Bachs Tonkunst mitvibriert.

Allerdings gibt es keine Beweise, welche die Annahme einer direkten Verbindung zwischen Bach und den Rosenkreuzern rechtfertigen. Das erscheint auch wieder einleuchtend, denn die Rosenkreuzer des 18. Jahrhunderts in Deutschland waren kaum noch auf das mystische, innere Christentum gerichtet, sondern eher auf das Goldmachen mit Retorten und anderen Requisiten.

Ganz anders war es bei dem Kreis um Valentin Andreae, zu dem Arndt gehörte und mit dem Bach wahrscheinlich sympathisierte.

Man kann sagen, dass Bachs Werk die Signatur des Rosenkreuzes des 17. Jahrhunderts trägt. Deren Resümee ist, dass unsere Welt eine gebrochene Realität ist und gleichsam hinausgehen muss („Welt, geh aus”, heißt es in der Matthäus-Passion), der Wirklichkeit des Christus entgegen („Wachet auf, ruft uns die Stimme” BWV 140). Die Signatur der Rosenkreuzer ist die Erkenntnis, dass in jedem Menschen tief verborgen eine göttliche Kraft als Saat schlummert, aus der sich der universelle Mensch entwickeln kann. Es ist ein Werdegang durch Transformationen hindurch, zu denen die chymische oder geistige Hochzeit gehört.

Das heutige Rosenkreuz unterscheidet in diesem Prozess vier Phasen:
– Einsicht,
– Heilbegehren, das ist das reine Verlangen, frei von Eigeninteressen und auf das Vollkommene, die Fülle, die Ewigkeit gerichtet,
– Selbstübergabe und
– neue Lebenshaltung.

Einsicht in dem hier gemeinten Sinne entsteht, wenn ein Gefühl in uns hervorgerufen wird, dass wir in der jetzigen Welt nicht wirklich zu Hause sind. Es ist ein Gefühl Fremdseins in dieser Welt. Bachs Musik schließt sich gleichsam den flüsternden Stimmen an, die aus unserem Innersten aufsteigen, aus dem Geistfunken, der vom Atem Gottes berührt wird. Diese inneren Stimmen sagen, dass die Welt der Einheit und Harmonie größer und qualitativ anders ist als unsere Welt der Vergänglichkeit, die wir täglich erleben. Damit geht ein Glücksgefühl einher. In der Kantate 117 wird das Jauchzen des Gemütes ausgedrückt, die Glut in unserem Innersten, in der die unantastbare Kraft Gottes wirkt. Bildlich gesprochen ist es ein Widerklang der Rose.

Das reine Verlangen drückt sich in der Energie aus, die Bachs Musik besitzt und die den Drang nach Höherem anfacht.

Beim Hören von BWV 80 „Komm in mein Herzenshaus” kann man eine unbekannte Kraft empfinden, die uns zu höheren Sphären treibt. Aber sie kann uns noch nicht über die Grenze unseres natürlichen, sinnesorganischen Zustandes hinweg heben. Die Selbstübergabe, die Demut, die Bereitschaft zum täglichen Sterben ist vielleicht das typischste Merkmal in Bachs Werk.

Es ist eine besondere Gemütsbeschaffenheit, die ihre Reinheit auch verlieren und in Sentimentalität und Selbstmitleid umschlagen kann. Das lässt sich bei manchen anderen Komponisten feststellen.

In Bachs Musik ist hingegen die reine, unirdische Dimension anwesend, die sich nicht herabziehen lässt. Sie lässt sich auch nicht von Gefühlen beeinflussen, die aus einer eindeutigen oder freudianisch sublimierten Erotik stammen. Die höhere Dimension behütet den opferbereiten Menschen davor, im Morast der Melancholie zu versinken. Denken wir hier an die Arie „Ich habe genug”. ( BWV 82) Wir erkennen hier den Widerklang des Kreuzes.

Und schließlich besitzt Bachs Musik auch die Signatur der vierten Phase, nämlich einer neuen Lebensführung. Das erfahren wir, wenn zum Beispiel der ganze Körper mit den mächtigen Vibrationen mitschwingen will, ja, muss, die vom Mittelpunkt, dem Geistfunken in der Mitte unseres Mikrokosmos, ausgehen und unser Herz erfüllen.
Ein solcher heiliger Tanz, der innere Bewegungen offenbart, ist zum Beispiel der Wirbeltanz der Derwische in den Heiligtümern der Sufis. Es heißt, dass Bachs Musik in einer Art schwingt, wie es keine andere tut. Die perfekten Harmonien, der mathematische Zusammenhang zwischen Melodie und Rhythmus laden nicht nur dazu ein, sich innerlich mitzubewegen, sondern fordern auch dazu auf, das, was innerlich erfahren wird, im Äußeren, in einer Lebensführung, zu offenbaren, die von der göttlichen Kraft erfüllt ist.

Dann hat sich die Rose gleichsam voll entfaltet und die Freude ist in einem Maß gewachsen, durch das alles Vergängliche als überwunden erscheint. Bach wusste Freude musikalisch beinahe frei von triumphierenden Stimmungen darzustellen. Wahre Freude entsteht nicht durch Überwindung anderer, sondern dadurch, anderen und dem erhabenen Anderen in uns Freiheit zu ermöglichen.

„Jesu, meine Freude.” Das ist auch die Signatur des Rosenkreuzes.

Wir hoffen, Ihnen hiermit einige Querverbindungen zwischen Bachs universellen Welten und denen der Rosenkreuzer aufgezeigt zu haben.

Aber nun, mit den Worten Bachs: „Ich habe genug”.

Literatur:

1. Douglas R. Hofstadter und Philipp Wolff-Windegg, Gödel, Escher, Bach, Ein Endloses Geflochtenes Band, dtv 1992
2. Douglas R. Hofstadter und Susanne Held, Ich bin eine seltsame Schleife, Klett-Cotta 2008
3. Frans Smit, De roep van het Rozenkruis, Vier eeuwen levende traditie, Rozekruispers Haarlem, Koninklijke bibliotheek Den Haag, 1998.
4. Maarten ’t Hart, Johann Sebastian Bach, De Arbeiders Pers, 2000.
5. Jan van Rijckenborgh, Der Ruf der Rosenkreuzer Bruderschaft, Rozekruispers, 3. Auflage, Haarlem 2000
6. Jan van Rijckenborgh, Das Bekenntnis der Rosenkreuzer Bruderschaft, Rozekruispers, 3. Auflage, Haarlem 1994.
7. Jan van Rijckenborgh, Die Alchymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz, Teil 1 und 2, Rozekruispers, 3. bzw. 2. Auflage Haarlem 1998 bzw. 1991
8. Munin Nederlander, De Alchemische Bruiloft ontcijferd, een commentaar op het inwijdingsgeschrift der Rozenkruisers, Metamorfose, Rotterdam, 1998.
9. Chris Henstra, Bach en de lichtimpuls van het Rozenkruis, artikel in het kader van het symposion Bach en de Rozenkruisers, Groningen, März 2008.
Fotos: Hermann Achenbach
1 Kommentar
  • Max MüllerBeantworten

    Sehr geehrter Herr Frans Spakman

    ich schreibe gerade eine Arbeit über Bach und seine Wirkung auf andere grosse Komponisten. Ihre Ausführungen haben mir sehr geholfen, Chapeau!

    "Es heißt, dass Bachs Musik in einer Art schwingt, wie es keine andere tut. Die perfekten Harmonien, der mathematische Zusammenhang zwischen Melodie und Rhythmus laden nicht nur dazu ein, sich innerlich mitzubewegen, sondern fordern auch dazu auf, das, was innerlich erfahren wird, im Äußeren, in einer Lebensführung, zu offenbaren, die von der göttlichen Kraft erfüllt ist."

    Das spornt mich sehr an in meinen Bemühungen, danke sehr!

    Herzlich

    Max Müller Zürich

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