Vortrag

Dr. med. Dagmar Uecker: Alchemie als innerer Weg

Gemälde: Adolf Hölzel.jpeg

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Vortrag von Dr. Dagmar Uecker

 

Symposium: Alchemie einst und heute

Die drei Ebenen Geist, Seele und Körper begegnen uns allenthalben in der hermetischen Kunst und damit auch in ihrer Tochter, der Alchemie. Dort symbolisiert Sulfur die geistige Ebene, er ist als Element feurig und flüchtig. In der hermetischen Sprache heißt es: „Der Geist benutzt das schnellste der Elemente, das Feuer.”

Die seelische Ebene wird von Merkur vertreten. Merkur hat als Element zwei Naturen, er ist luftförmig und flüssig. Merkur symbolisiert das Gemüt des Menschen, seine Seele. Sie hat eine niedere Form des Bewusstseins, das Denken, und eine höhere des direkten Erkennens oder der Erleuchtung. Alchemisten sprechen deshalb von dem „doppelten Merkur” und verstehen ihren zentralen Auftrag, darin, den „Mercurio aus dem Mercurio” zu bereiten. Das bedeutet: das Gemüt vom Vergänglichen zum Ewigen zu erheben und die Vernunft für die göttliche Erleuchtung zu öffnen. Deshalb ist der Merkur das zentrale Prinzip im alchemistischen Opus. Die materielle Formebene wird vom Sal verkörpert. Sal symbolisiert die Materie, die Metalle sowie den stofflichen Menschen.

Paracelsus spricht von einer unteren und einer oberen Alchemie. Die untere Alchemie ist das kunstvolle Werk, das in unermüdlicher Hingabe, mit Geduld und Standhaftigkeit im Labor vollbracht wurde. Vor jeder Laborarbeit stand die Invocatio Dei, die Anrufung des Allerhöchsten. Dieses Ora et Labora begleitete das Lebenswerk des wahren Alchemisten und verband die untere mit der oberen Alchemie. So verläuft also die transmutative Arbeit des wahren Alchemisten in seiner Retorte und in seinem Mikrokosmos synchron. Das komplizierte und subtile Werk wird mit den Worten: „Solve et Coagula” umschrieben.

In diesem Prozess wird also etwas aufgelöst, von allen unbrauchbaren Schlacken gereinigt, um es anschließend in eine Neuschöpfung gerinnen zu lassen. Bei der Lösungsarbeit soll die Quinta Essentia befreit werden. Dieses fünfte Basiselement ist die „Saat des Lichtes”, die in der Materie eingeschlossen ist. Es ist eine Kraft, die aus allem, was Leben hat, ausgezogen werden kann, frei von aller Unreinheit und gesondert von allen Elementen. Sie ist der Spiritus Vitae, der „Lebensgeist des Dinges”, seine Wesenheit. […]

Wir wollen uns nun den sieben Stufen des gesamten alchemistischen Opus zuwenden und werden mit Erstaunen feststellen, dass die einzelnen Seelenläuterungsstufen und die geistige Offenbarung des neuen unsterblichen Geschöpfes in einem innigen Wesenszusammenhang mit dem christlichen Einweihungsmysterium stehen, weshalb wir uns nicht wundern müssen, dass sich gerade die christlichen Mystiker so intensiv mit dem inneren Erlebnisweg der Alchemie identifizierten. Die ersten Stufen des Opus beziehen sich auf die Seelenläuterung, die eine Voraussetzung bildet, damit das große Werk der Vergeistigung geschehen kann. Ziel der inneren Seelenarbeit ist es, die Seele wieder in ihren ursprünglichen reinen Zustand zurückzuführen, mit dem sie ihre Reise in die Stofflichkeit begonnen hat. Ein Kernsatz der Alchemie besagt nämlich: „Körper können nicht anders verwandelt werden als durch Rückführung auf ihre erste Materie” (Edward Kelly). Auch die Metalle müssen, bevor sie verwandelt werden können, auf ihren Urstoff zurückgeführt werden.


Die Mortificatio ist der Prozess des ewigen „Stirb und Werde”, der Akzeptanz des täglichen Sterbens am Kreuz der Natur. Das Geheimnis dieses Kreuzes der Natur ist das Geheimnis des Scheiterns. Unsere Ursünden, die uns immer wieder scheitern lassen, sind zugleich die Deformierungen der sieben Metallfunktionen in unserer Wesenheit:

Die Ursünde des saturnhaften Bleis ist der Geiz,
die des jupiterhaften Zinns ist die Gier,
die des marsischen Eisens der Zorn,
die des sonnenhaften Goldes der Hochmut,
die des venushaften Kupfers die Wollust,
die des merkurhaften Quecksilbers der Neid und
die des mondverbundenen Silbers die Trägheit.

Es ist der Christus, der unsere Wurzelsünden zur Geistesfrucht transmutiert und Gott, der in seinem Sohn unsere Niederlagen zu seinem Sieg wandelt. So werden die Metalle in uns schließlich zu Talismanen transmutiert, wie Apollonius von Tyana es erfahren hat und in seinem Buch „Das Nykthemeron” beschreibt.

Gemälde Adolf Hölzel

2 Kommentare
  • Maha KernBeantworten

    Ein sehr interessanter Text. Es gibt in der westlichen Mystik zwei Wege der Alchemie; einerseits die Labor-Alchemie und andererseits die Geist-Alchemie. Letztere ist der wahre Christusweg zurück in unsere Urheimat und ist eine universelle Lehre. Dies ist der esoterische Weg der christlichen Lehre.

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