Vortrag

Alchemie als innerer Weg

Gemälde: Adolf Hölzel Komposition

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Vortrag von Dr. med. Dagmar Uecker

von Dr. med. Dagmar Uecker

Symposium: Alchemie als innerer Weg

Alchemie ist die Kunst, dasjenige zu vollenden, was die Natur allein ohne die Hilfe des Menschen nicht fertig bringt. So wird aus Getreide ein schmackhaftes Brot, aus der Frucht der Reben reift ein köstlicher Wein und ein guter Lehrer fördert die Seelenanlagen in seinem Schüler.

Die göttliche Urformel des Lebens, so lernen wir in der hermetischen Kunst der Alchemie, ist als Keim jedem Wesen und Ding der Schöpfung eingeboren, um sich im Laufe des Prozesses des ewigen Werdens von Stufe zu Stufe zu entfalten. „Gott schläft im Stein, er atmet in der Pflanze, er träumt im Tier und erwacht im Menschen.” Es ist die Aufgabe des wissenden Menschen, diese göttliche Saat aus der dunklen Umarmung der Materie zu befreien. Paracelsus sagt: „Heilig ist der Geist, welcher anzündet das Licht der Natur.” In „Die Stimme der Stille” von H.P. Blavatsky lesen wir: „Hilf der Natur und arbeite mit ihr zusammen und die Natur wird dich als einen ihrer Schöpfer betrachten und sich dir unterwerfen.” Alexander von Bernus, der Alchemist und Dichter des 20. Jahrhunderts schreibt in bildhaften Worten: „Das Licht ist in das Salz verzaubert und es ist die Aufgabe der Alchemie, das hineinverzauberte Licht wieder zu erlösen.”
Das „senkrechte” Weltbild der Alchemie
Der Kernsatz der Alchemie wurde von Hermes Trismegistos geprägt: „Wie oben, so unten.” Diese Wahrheit begegnet uns allenthalben in den drei Säulen der Kultur der Menschheit: der Religion, der Wissenschaft und der Kunst. Beten wir nicht: „Wie im Himmel, also auch auf Erden”? Paracelsus erinnert uns: „Wie das Gestirn, so der Mensch.” Also wie der Makrokosmos, so der Mikrokosmos. C.G. Jung erkennt: „Wie die Imagination, so das Werk”, die Elementarteilchenphysik kommt zu dem Schluss: „Wie das Elektron, so das Universum” und die Quantenphilosophie weiß: „Wie das Bewusstsein des Beobachters, so das Ergebnis seines Experimentes”. Die Kunst der Alchemie schließlich, die eine allumfassende Geisteswissenschaft ist, beweist, dass diese gleiche Urformel des Lebens auf allen materiellen, seelischen und geistigen Ebenen synchron wirksam ist. So erklären sich für die Kunst der Alchemie alle Phänomene des Lebens, vom höchsten Geist bis zum kleinsten Staubkorn aus diesem „senkrechten Weltbild.”

Nun wissen wir aber alle und erfahren es täglich, dass unsere heutige menschliche Realität das hermetische Axiom Lügen straft. Denn der Mensch handelt nicht mehr in Übereinstimmung mit den himmlischen Gesetzen, seine Welt ist nicht mehr paradiesisch. Er lebt also in einer gebrochenen Wirklichkeit, weil er aus den Vorstellungen seines Ego die Welt gestaltet. Und trotzdem wohnt die göttliche Urformel in ihm und seiner aus der Einheit gefallenen Welt. In der Bhagavadgita lesen wir: „Brahma, über alle Wesen erhaben, wohnt er dennoch in allen. Er ist nicht in die Geschöpfe verteilt und dennoch wirkt er in allen.”

So ist es die Kunst der Alchemie, dieses Gesetz wieder in seine Wirklichkeit zurückzuführen. Deshalb betont Paracelsus: „Die Alchemie ist eine von Gott eingesetzte Kunst und die rechte Kunst der Natur,” damit das Gesetz der Einheit zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos wieder hergestellt werden kann. Sie ist eine Handreichung des Schöpfers für die gefallenen Söhne des Lichtes.
Die drei Prinzipien der Alchemie
Die drei Ebenen Geist, Seele und Körper begegnen uns allenthalben in der hermetischen Kunst und damit auch in ihrer Tochter, der Alchemie. Dort symbolisiert Sulfur die geistige Ebene, er ist als Element feurig und flüchtig. In der hermetischen Sprache heißt es: „Der Geist benutzt das schnellste der Elemente, das Feuer.” Die seelische Ebene wird von Merkur vertreten. Merkur hat als Element zwei Naturen, er ist luftförmig und flüssig. Merkur symbolisiert das Gemüt des Menschen, seine Seele. Sie hat eine niedere Form des Bewusstseins, das Denken, und eine höhere des direkten Erkennens oder der Erleuchtung. Alchemisten sprechen deshalb von dem „doppelten Merkur” und verstehen ihren zentralen Auftrag, darin, den „Mercurio aus dem Mercurio” zu bereiten. Das bedeutet: das Gemüt vom Vergänglichen zum Ewigen zu erheben und die Vernunft für die göttliche Erleuchtung zu öffnen. Deshalb ist der Merkur das zentrale Prinzip im alchemistischen Opus. Die materielle Formebene wird vom Sal verkörpert. Sal symbolisiert die Materie, die Metalle sowie den stofflichen Menschen.

Paracelsus spricht von einer unteren und einer oberen Alchemie. Die untere Alchemie ist das kunstvolle Werk, das in unermüdlicher Hingabe, mit Geduld und Standhaftigkeit im Labor vollbracht wurde. Vor jeder Laborarbeit stand die Invocatio Dei, die Anrufung des Allerhöchsten. Dieses Ora et Labora begleitete das Lebenswerk des wahren Alchemisten und verband die untere mit der oberen Alchemie. So verläuft also die transmutative Arbeit des wahren Alchemisten in seiner Retorte und in seinem Mikrokosmos synchron. Das komplizierte und subtile Werk wird mit den Worten: „Solve et Coagula” umschrieben.

In diesem Prozess wird also etwas aufgelöst, von allen unbrauchbaren Schlacken gereinigt, um es anschließend in eine Neuschöpfung gerinnen zu lassen. Bei der Lösungsarbeit soll die „Quinta Essentia” befreit werden. Dieses fünfte Basiselement ist die „Saat des Lichtes”, die in der Materie eingeschlossen ist. Es ist eine Kraft, die aus allem, was Leben hat, ausgezogen werden kann, frei von aller Unreinheit und gesondert von allen Elementen. Sie ist der Spiritus Vitae, der „Lebensgeist des Dinges”, seine Wesenheit.

Die Materie selbst ist aus den Kräften und Eigenschaften der vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde zusammengesetzt. Dieser Prozess des „Solve et Coagula” wurde so lange wiederholt, bis alles Unedle in seine Vollkommenheit gewandelt und die materielle Schlacke als Caput Mortuum, als schwarzer Rabe oder Totenkopf, abgestoßen war. Das Ziel dieser aufwändigen inneren und äußeren Läuterungsarbeit war die Gewinnung des „Steines der Weisen”, des Elixiers, wodurch alles Unedle zu seiner Vollkommenheit gewandelt und alles Kranke geheilt werden kann. Die Zubereitung dieses Steins, des Lapis philosophorum im Menschen, geschieht durch die Wiedergeburt aus Wasser und Geist, dieser höchsten Wirklichkeit des alchemistischen großen Opus.
Die sieben Planetenmetalle als interkosmische Brücken
Weshalb nun spielen die Metalle eine Schlüsselrolle in dem großen Werk der Alchemie? Die Metalle sind ihrerseits auf dreifache Weise mit dem Werk verbunden. Auf der stofflichen Ebene bilden Metalle beständige Substanzen, deren Lichtkeim nicht abstirbt, wenn man sie aus ihren Erzen herauslöst. Wenn man Pflanzen erntet, sterben sie ab und die Quinta Essentia entweicht schnell. Deshalb sind die Metalle von alters her die Stoffe, die sich für das untere alchemistische Opus am besten eigneten und das ist auch der Grund, dass die Metallurgie schon in sehr frühen Kulturepochen ihre Blüte entwickelte.

Aber die Metalle haben auch eine Schlüsselfunktion für das obere Opus der Alchemie. Sie sind Keime, die die Planeten in die Erde gesät haben, um deren Entwicklung zu begleiten und zu stimulieren. Sie verbinden das Obere der planetaren Welt mit dem Unteren unserer Erde. Sie durchdringen alle Naturreiche und katalysieren als Spurenelemente alle Stoffwechselvorgänge der lebenden Wesenheiten. Aber darüber hinaus haben sie auch die Seelenanlagen des Menschen geprägt und bilden gleichsam seine inneren Antennen, über die die geistigen Wirkungskräfte der Planeten in ihm wirksam werden können. Rudolf Steiner bestätigt dieses Wissen, wenn er sagt: „Der Mensch ist eine siebenfache Metallität.”

Diese innere Verwandtschaft des Menschen mit den Metallen lässt die synchronen transmutativen Prozesse der Metalle im Labor und die der Seelenverwandlung des Adepten leicht begreifen und das Opus im Labor als sichtbares Gleichnis eines spirituellen Prozesses vom Blei der Natur zum Gold des Geistes verstehen. Die „Marter der Metalle” im Labor, von der die Alchemisten sprechen, gleicht den Duldungen des Adepten auf seinem spirituellen Pfad. In Wirklichkeit sind beide Aspekte, die untere und die obere Alchemie, wesenseins, sie bedingen und ermöglichen sich gegenseitig. Deshalb sagt ein alchemistischer Text: „Nur der kann den Stein der Weisen finden, der ihn zuvor in sich selbst verwirklicht hat.”

Das alchemistische Opus Magnum ist auf beiden Ebenen ein Lebenswerk, denn es geht letztendlich um Bewusstwerdung. Alexander von Bernus drückt es in dichterischen Worten aus, wenn er schreibt: „Das ist die Alchemie, die Zeitlose, Uralte, die stufenweise aufwärts führt in die Erkenntnis der kosmischen Welten bis zu ihrem Ursprung und zum Baum des Lebens.”
Die Tabula Smaragdina, der Schlüssel zur Alchemie
Die „heilige Schrift” der Alchemie ist die auf Hermes Trismegistos zurückgehende „Tabula Smaragdina”. Auf der einen Seite der grünen Tafel findet sich ein Bild, das symbolhaft auf das Opus Magnum hinweist, auf der anderen Seite können wir die Botschaft des Hermes finden. Sie ist dreifach verschlüsselt. Man kann durchaus auf der unteren Ebene die Anweisung für zwei nacheinander zu erschließende Prozesse im Labor, die Herstellung von Eisenvitriol und Schwefelsäure, des „grünen Vitriols” herauslesen, wie dies Paul Chevallier getan und im Labor ausgeführt hat. Aber zugleich findet sich in dem bildhaften Text auch das „kleine Werk” der Läuterung der Seele bis zu ihrer Prima Materia, ihrer jungfräulichen Bereitschaft, und das „große Werk”, das den Weg zur Vollendung des auferstandenen vollkommenen Menschen im Mikrokosmos weist. Wir geben den Text der Tabula Smaragdina wieder, damit man ihn auf sich wirken lassen kann:

1. In Wahrheit, gewiss und ohne Zweifel:
Das Untere ist gleich dem Oberen und das Obere gleich dem Unteren,
zu wirken die Wunder eines Dinges.

2. So wie alle Dinge aus Einem und durch die Betrachtung eines Einzigen hervorgegangen sind, so werden auch alle Dinge aus diesem Einen durch Abwandlung geboren.

3. Sein Vater ist die Sonne und seine Mutter ist der Mond,
der Wind trug es in seinem Bauche und seine Amme ist die Erde.

4. Es ist der Vater aller Wunderwerke der ganzen Welt.

5. Seine Kraft ist vollkommen, wenn es in Erde verwandelt wird.

6. Scheide die Erde vom Feuer und das Feine vom Groben, sanft und mit großer Vorsicht.

7. Es steigt von der Erde zum Himmel empor und kehrt von dort zur Erde zurück, auf dass es die Kraft des Oberen und des Unteren empfange.
So wirst du das Licht der ganzen Welt besitzen und alle Finsternis wird von dir weichen.

8. Das ist die Kraft aller Kräfte, denn sie siegt über alles Feine und durchdringt alles Feste.

9. Also wird die kleine Welt nach dem Vorbild der großen Welt erschaffen.

10. Daher und auf diese Weise werden wunderbare Anwendungen bewirkt.

11. Und darum werde ich Hermes Trismegistos genannt, denn ich besitze die drei Teile der Weisheit der ganzen Welt.

12. Vollendet ist, was ich vom Werk der Sonne gesagt habe.

Wir wollen uns nun den sieben Stufen des gesamten alchemistischen Opus zuwenden und werden mit Erstaunen feststellen, dass die einzelnen Seelenläuterungsstufen und die geistige Offenbarung des neuen unsterblichen Geschöpfes in einem innigen Wesenszusammenhang mit dem christlichen Einweihungsmysterium stehen, weshalb wir uns nicht wundern müssen, dass sich gerade die christlichen Mystiker so intensiv mit dem inneren Erlebnisweg der Alchemie identifizierten. Die ersten Stufen des Opus beziehen sich auf die Seelenläuterung, die eine Voraussetzung bildet, damit das große Werk der Vergeistigung geschehen kann. Ziel der inneren Seelenarbeit ist es, die Seele wieder in ihren ursprünglichen reinen Zustand zurückzuführen, mit dem sie ihre Reise in die Stofflichkeit begonnen hat. Ein Kernsatz der Alchemie besagt nämlich: „Körper können nicht anders verwandelt werden als durch Rückführung auf ihre erste Materie” (Edward Kelly). Auch die Metalle müssen, bevor sie verwandelt werden können, auf ihren Urstoff zurückgeführt werden.
Die „Prima Materia”, das Geheimnis der Alchemie
Die Prima Materia ist das Grenzenlose, das Urmeer namenloser Möglichkeiten. Sie ist das Chaos vor dem Wirken des weltschöpferischen Geistes, das kindhaft Unschuldige. Sie ist das Wesen, der Same aller Dinge, die ewige Natur Gottes, die Idee, welche dem Dasein zugrunde liegt. Wenn eine Form stirbt, tritt diese Prima Materia immer wieder in eine neue Gestaltung ein.

Die seelische Entsprechung der Prima Materia ist der unschuldige Seinszustand der Seele, der „Eva-Aspekt”, bevor diese von der Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse kostete und dadurch schuldig wurde. Durch diesen entzweienden Willensentschluss des Paradiesmenschen erwuchs aber zugleich die Möglichkeit, individuelles Bewusstsein zu entwickeln auf dem Weg der Erfahrung in der zweipoligen Welt von Raum und Zeit. Auf diesem Weg nun verstrickte und verband sich die menschliche Seele zunehmend mit der Welt der Stofflichkeit und wurde schließlich vollkommen von ihr gefangen genommen und in einem irdischen Gefäß eingeschlossen, wo sie auf ihre Erlösung wartet. Nun, das Opus der inneren Alchemie vermag diese Erlösung durch die Kraft der Weltseele, des Christusgeistes, vorzubereiten.

In der Alchemie heißt es: „Die Prima Materia muss erzeugt werden aus ihrem saturnischen, bleiernen (materiellen) Endzustand.” Auf der Seelenebene bedeutet das: In diesem Prozess wird die individuell bewusst gewordene Seele des heutigen Stoffmenschen Stufe um Stufe zu dem reinen Seelenzustand geadelt, wie ihn die Jungfrau Maria symbolisiert, die der Schlange der Verführung den Kopf zertritt und sich als reine Magd für den Empfang des heiligen Geistes bereit macht und den Sohn des Lichtes zur Geburt bringt.
Die sieben Stufen des „Opus Magnum”
Schauen wir uns die sieben Stufen an, die die Metalle in der Retorte und der Mensch in seinem Mikrokosmos zu bestehen haben, ehe sie für diese neue Geburt reif geworden sind:
1. Die Calcinatio
Dies ist die Operation des Feuers.

Im Labor erfolgt die Kalzination, indem ein Stoff solange erhitzt wird, bis ein feines weißes Pulver übrig bleibt. Analog zu diesem Geschehen wird die Seele in diesem Feuer der Kalzination von allen irdischen Schlacken der Eigenwilligkeit befreit. Das „Arkanum”, die neue Seele, soll rein von grob materiellen Elementen, unzerstörbar durch Zweifel und nicht imstande sein, vom Feuer der Leidenschaft verbrannt zu werden. Die Calcinatio kann von den Bewegtheiten des Schicksals vollzogen werden oder aber der einsichtig gewordene Mensch unterwirft sich diesem Prozess in Freiwilligkeit. Eine Seele, die nicht bewegt wird, kann auch nicht emporgehoben werden, sie versteinert. Das Fegefeuer der Christen, von dem auch Dante in seiner Göttlichen Komödie berichtet, ist eine ins Jenseits vertagte Kalzination. Das Feuer ist der Schlüssel des ganzen Opus Magnum. Deshalb gilt es, fein zu unterscheiden zwischen den Qualitäten des Feuers und seiner Herkunft. Es gibt auch hier das Prinzip des Oben und des Unten. Für unseren inneren Weg, der oberen Alchemie, ist die Qualität des oberen Feuers ausschlaggebend. Dabei gibt es wiederum drei Aspekte:

Die höchste Feuerkraft ist das göttliche zentrale Urfeuer, das als Funke aus dem Lichtmeer der Gottheit im Herzen unseres Mikrokosmos wohnt. Dieser Lichtfunke ist der Keim des ewigen Lebens, vom irdischen, eitlen Gold der Eigenliebe im Lotos des Herzens verschlossen.

Der zweite Aspekt ist das Lichtfeuer des Christus, das Feuer der Liebe, in deren Kraft die Läuterung der Seele vollzogen werden kann.

Der dritte Feueraspekt schließlich ist das ätherische Lebensfeuer, der Archaeus, wie ihn Paracelsus nennt, der im Ätherkörper zirkuliert und über die sieben Chakras als Kraftquelle für den stofflichen Menschen dient.

Die drei Aspekte des unteren Feuers sind:
–das innere angeborene Naturfeuer, der Natur-Archaeus, der latente Universalsame der Materie,
–das unnatürliche Feuer, das in der Retorte der Alchemisten erzeugt wird und womit die Trennung der Prinzipien Sulfur, Merkur und Sal chemisch zuwege gebracht wird und
–das äußere, elementarische, verzehrende Feuer. Dessen Handhabung bedarf für den Alchemisten großer Erfahrung, Übung und Geduld.

Wir haben die verschiedenen Feuerqualitäten nur deshalb so ausführlich dargestellt, damit Sie begreifen können, dass die wirkliche Calcinatio aus dem oberen Feuer geschieht, der Liebesstrahlung des Christus, die als Rose der Rosen in unserem Herzen wohnt und keine forcierte Willensaktion aus dem Ego sein kann, welche im Gegenteil oft die innere Flamme zum Ersticken bringt.

Sagt nicht Christus zu seinen Jüngern. „Ohne mich könnt ihr nichts tun?” In diesem inneren Feuer wird unsere Seele berührt, vollkommen gereinigt und immer wieder aufgerichtet, um dereinst willkommen geheißen zu werden im Hause des Vaters.

Und im Thomas-Evangelium spricht er: ” Wer mir nahe ist, der ist dem Feuer nahe und wer mir ferne ist, der ist dem Königreich ferne.”

Die Qualitätsunterschiede des oberen Feuers, das läutert, und des unteren Feuers, das verzehrt, treten in der Darstellung der zwei Feuerbäume des Mystikers Jacob Böhme sehr eindrucksvoll zu Tage. Dort heißt es: „Der Baum des Lebens ward angezündet mit dem Feuer des heiligen Geistes und seine Qualität brannte im Feuer in unerforschlichem Licht und Klarheit. Und der Baum der grimmen Qualität, das ist der andere Teil der Natur, ward auch angezündet und brannte im Zorn Gottes.”

Der „strafende”, verzehrende Aspekt des unteren Feuers kommt in den christlichen Symbolen der Hölle und des Jüngsten Gerichtes zum Ausdruck. Dabei müssen wir verstehen, dass das Höllenfeuer ein selbst geschaffenes Feuer ist, dessen Nahrung die eigenen Verfehlungen sind.

Es werden der ungezügelte Wille und der Zorn ausgebrannt. Dies ist ein schmerzhafter Prozess, denn es ist nötig, auch die Wurzel des Übels zu entfernen und das bringt das Herz zum Bluten und die gemarterte Natur zum Aufschreien.

Der geläuterten Seele wird das göttliche Feuer zur Inspiration. In überwältigender Weise sehen wir im Pfingstwunder, wie der Heilige Geist sich in Form von Feuerzungen auf die wartenden Apostel herab senkt. Das Geheimnis, wodurch wir das innere Feuer entfachen können, ist die Flamme der Sehnsucht nach Erlösung.

In einem indischen Feuer-Yantra von Sri Poonja können wir diese anziehende Kraft des „brennenden” Heimwehs mitempfinden: „Wenn du ein brennendes Verlangen nach Freiheit hast, hast du alles, was du brauchst. Das gesamte Universum wird von diesem Wunsch verbrannt, auch dein Ego und deine Identifikation mit dem Körper. Fächele die Flammen deines Verlangens und sollte irgend etwas übrig bleiben, wirf es sofort ins Feuer zurück.”
2. Die Solutio
Dies ist die Operation des Wassers.

Bei der Lösung verschwindet der Stoff und verwandelt sich in eine Flüssigkeit; der differenzierte Stoff kehrt zurück in einen undifferenzierten Ur-Zustand. Über die Analogie zu dem, was im Labor geschieht, werden wir schnell an die innere Bedeutung des Prozesses herangeführt. Heraklit sagt: „Für Naturseelen ist es Tod, Wasser zu werden.” Diese vollständige Auflösung führt in der Retorte zu einer Schwärzung des Gefäßes. Aber wie wir aus dem Traktat „Aureus Hermetis” entnehmen, ist dieser Tod kein wirkliches Ende. Dort heißt es nämlich: „O gesegnete wässrige Brunnenform, die du die Elemente auflöst. Dann ist der Tag der Wiederaufrichtung da, dann fliehen Dunkelheit und Tod von ihnen und die Weisheit schreitet vor.” Es ist der König „Ich”, der ertrinkt, damit ein erneuerter König aus den Fluten der Lebenssee aufsteigen kann.

In der christlichen Taufe haben wir ein Symbol der Solutio. Der Täufling taucht in einer reinigenden, verjüngenden, transzendierenden Energie unter, die ihn wie ein schützendes Gewand umhüllt, ihn aus den individuellen polaren Begrenzungen herauslöst und auf die Ebene der Prima Materia zurückführt. Die Sprache des Paulus ist deutlich, wenn er sagt: „Denn wie viele auf Christus getauft sind, die haben Christus angezogen, hier ist nicht Mann noch Weib, denn ihr seid allzumal einer in Christus.”

Die Sintflut ist eine von Gott geschickte Solutio. Alles Alte wurde aufgelöst und die Welt wurde auf ihre Prima materia zurückgeführt, um sie zu einer Neuwerdung zu wandeln. Die Alchemisten sagen: „Jedes Ding entsteht aus dem, in das es wieder aufgelöst werden wird.” Eine frühe gnostische Gruppe spricht im Zusammenhang mit dem Prozess der Solution vom „roten Meer.” Das Rote Meer hat die Ägypter (die Unwissenden) verschlungen, für die Bewussten hingegen ist es Symbol des Taufwassers zur Wiedergeburt.

So verstehen wir jetzt die ganze Tiefe des alchemistischen Prozesses der Solutio für die Seele: Das wahre Selbst muss in das rote Meer der sich widersprechenden Blutstriebe eintauchen, um erneuert daraus hervorzugehen. Die Solutio bedeutet die freiwillige Auflösung des Ich im Selbst, das Ertrinken des Ego in der Weltseele. Deshalb sagten die mittelalterlichen Rosenkreuzer: „In Jesu morimur„, in Jesus gehen wir unter.

Am Ende dieser Betrachtung über die Solutio möchten wir ein Wort von Johannes zitieren, das uns mit dem Kernwesen der geglückten Solutio unmittelbar verbindet:

„Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich (Jesus) ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben, vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.”
3. Die Coagulatio
Dies ist die Operation der Erde.

Hierbei wird das Obere, das Flüchtige, fix gemacht, das heißt, mit dem Unteren verbunden.

Im Labor bildet sich durch Kühlen oder Verdampfen eine Substanz, so wie in unserer Küche beim Erhitzen das Eiweiß gerinnt. Es wird etwas in eine Form konkretisiert, in „Erde” verwandelt, aber ohne endgültige, totale Verfestigung.

In den Upanishaden wird uns hierzu ein anschauliches Bild vermittelt: „So wie Butter in der Milch verborgen, so wohnt das reine Bewusstsein in jedem Wesen.”

Der Prozess der Koagulation wird durch Handeln (Verwirbeln) gefördert. Den Geist zu erden, bedarf es der Koagulation; eine flüchtige Idee in die Manifestation eines Wortes zu bringen, bedeutet einen Gerinnungsprozess. Die Analogie ist per se eine Koagulation in Begreifbares. Der Inkarnationsprozess ist eine Koagulation; der Geist wird in die Individualität geerdet.

In einem neoplatonischen Text lesen wir dazu: „Da die Seele von jenem höchsten Gipfel und immerwährenden Licht hinabschaut und mit geheimem Begehren die triebhafte Neigung des Körpers erwogen hat, sinkt sie durch das schiere Gewicht ihrer irdischen Gedanken allmählich in die untere Welt hinab. In den einzelnen Sphären wird sie jeweils mit einer ätherischen Hülle umkleidet, damit sie durch diese schrittweise der Gemeinschaft mit der irdischen Bekleidung geneigt gemacht werde. Und so gelangt sie durch ebenso viele Tode, wie sie Sphären durchschreitet, in dieses auf der Erde so genannte Leben.”

Wie schön ist auch das Gleichnis im Perlenlied aus den apokryphen Thomasakten, in dem der Königssohn den himmlischen Palast der Eltern verlässt, sein Strahlenkleid auszieht, nach Ägypten niedersteigt und die Gewänder der dort Lebenden anzieht. Sein Auftrag war, die im Meer verborgene, von einem Drachen bewachte Perle – die gefangene Lichtsaat – zu erringen und sie heimzubringen. Dies gelingt ihm nur mit der helfenden Begleitung der himmlischen Eltern. Nach der Rückkehr wird er bis zum Thron des Königs der Könige geführt, nachdem er sein Strahlenkleid mit dem Emblem des Überwinders empfangen hat. Wir erkennen in dieser alten Legende die innere Verwandtschaft mit der christlichen Parabel des verlorenen Sohnes. Begehren nach Leben im Stoff bewirkt Inkarnation und ist immer mit Schuld verknüpft.

Buddha sagt: „Du wirst erst frei für das Nirwana, wenn dein Hunger nach Leben aufgelöst ist.”

Obwohl die Coagulatio ein mit Schuldigwerden verbundener Vorgang ist, enthält sie ihre eigene Kraft zur Erlösung. Wenn die Drangsal der Gefangenschaft in der Materie sich in Heimweh und Reue verwandelt, ist Erlösung möglich. Ohne das Schuldigwerden durch die Koagulation in das Fleisch können wir kein individuelles Bewusstsein entwickeln und sind nicht erlösungsfähig. Deshalb heißt es in einem alten christlichen Ritual: „O glücklicher Fehltritt Adams, der uns den Erlöser Christus ermöglichte.” Die erlösende Koagulation ist die Fleischwerdung des Wortes, dessen Ziel die Erlösung des Menschengeschlechtes ist.

Das erhabenste Ritual einer Koagulation ist das Abendmahl. Die unsterbliche Kraft der Weltseele Christus koaguliert in das Brot und verbindet den Menschen mit dem himmlischen Leib des Christus. „Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt.”

Die Aufgabe für die menschliche Seele in ihrem Opus Magnum besteht darin, die Geburt des Lichtes im irdischen Gefäß des eigenen Mikrokosmos zu verwirklichen, das ewige Wort im eigenen Selbst Fleisch werden zu lassen.
4. Die Sublimatio
Dies ist die Operation der Luft.

Bei der Sublimation geht ein fester Zustand durch Hitze in einen gasförmigen über. Es ist ein Erhöhungsvorgang. Wir sehen hier die Umkehrung der Coagulatio: Das Untere, das Feste, wird flüchtig gemacht.

Die Sublimatio setzt den im Stoff verborgenen Geist, die Quinta Essentia, frei, sie trennt das Untere vom Oberen, das Feine vom Dichten. Auf der seelischen Ebene bedeutet dies eine bewusste Hinwendung zu der Ebene der reinen Ideen, um die göttlichen Lebensgesetze zu schauen und sie anschließend durch den Ernst innerer Versammlung in der eigenen Persönlichkeit zu verwirklichen.

Wir haben viele mythologische Symbole für die Sublimation:

Herakles steigt von seinem Scheiterhaufen direkt in den Himmel auf.

Elija wird durch Feuer sublimiert. Seine Himmelfahrt war die Frucht seiner religiösen Inbrunst.

Christus fuhr 40 Tage nach seiner Auferstehung zum Himmel auf.

Auch die Himmelsleiter ist ein Symbol der Sublimation. Die Seele erhebt sich und steigt von Stufe zu Stufe in den Himmel auf. In Dantes Göttlicher Komödie finden wir ein wunderschönes Bild dieses Aufstieges.

Die Sublimation bedeutet eine endgültige Entrückung dessen in die Ewigkeit, was die Seele in der Zeit erschaffen hat. Die Sublimation ist eng verbunden mit der Koagulation. In einem alchemistischen Text heißt es: „Sublimiere den Körper und koaguliere den Geist.” Die Aufwärtsbewegung dieser Zirkulation verewigt, während Abwärtsbewegung sich im Bewusstsein personalisiert.

In der Tabula Smaragdina heißt es: „Es steigt von der Erde zum Himmel empor, steigt wieder zur Erde herab und empfängt die Kraft des Oberen und des Unteren. So wirst du die Herrlichkeit der ganzen Welt haben. Dadurch wird dich alle Dunkelheit fliehen.”

Das Augenmerk des wahren Alchemisten ist nicht auf seine eigene Erlösung, sondern auf die Befreiung Gottes aus der Dunkelheit des Stoffes gerichtet.
5. Die Mortificatio oder Putrefactio
Dies ist ein Faulungsvorgang durch Verwesung.

Die Mortificatio folgt der Coagulatio, denn im Tod erfolgt die wahre Auflösung der Körper. Was Fleisch geworden ist, muss sterben. In der Alchemie heißt es: „Der Hervorbringung einer neuen Form geht die Faulung voraus.” Die direkte Anweisung lautet: „Wisset, ihr Söhne der Lehre, dass ihr das Zusammengesetzte 40 Tage lang faulen lassen müsst.” Wieder sind wir mitten in der Analogie zum christlichen Einweihungsmythos. 40 Tage wanderten die Israeliten durch die Wüste, 40 Tage fastete Elija in der Wüste. 4o Tage verweilte Jesus in der Wüste und wurde versucht. 40 Tage liegen zwischen Auferstehung und Himmelfahrt.

Die Mortifikation ist verbunden mit der Furcht. Die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit gebiert Furcht, macht aber zugleich bewusstseinsfähig. „Die Furcht des Herrn” ist der Anfang der Erkenntnis, sagt Paulus. Im Johannes-Evangelium gibt es ein schönes Gleichnis der Mortificatio: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt’s allein, wenn es aber stirbt, so bringt es viel Frucht.” Paulus weist in eindrücklicher Weise auf den alchemistischen Prozess der inneren Wandlung in der Mortificatio hin mit den Worten: „Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich, es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.”

Die Mortificatio wird in der Persönlichkeit als die Tragödie einer Niederlage und des Scheiterns erlebt, wodurch der Angst Raum gegeben wird. In der Passion Jesu erleben wir auch die Angst vor dem Sterben: „Vater, wenn es möglich ist, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen.” „Vater, warum hast Du mich verlassen?” Als Überwinder des Kreuzes der Natur vermittelt er seinen Nachfolgern: „Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.”

Die Mortificatio ist der Prozess des ewigen „Stirb’ und Werde„, der Akzeptanz des täglichen Sterbens am Kreuz der Natur. Das Geheimnis dieses Kreuzes der Natur ist das Geheimnis des Scheiterns. Unsere Ursünden, die uns immer wieder scheitern lassen, sind zugleich die Deformierungen der sieben Metallfunktionen in unserer Wesenheit:

Die Ursünde des saturnhaften Bleis ist der Geiz,
die des jupiterhaften Zinns ist die Gier,
die des marsischen Eisens der Zorn,
die des sonnenhaften Goldes der Hochmut,
die des venushaften Kupfers die Wollust,
die des merkurhaften Quecksilbers der Neid und
die des mondverbundenen Silbers die Trägheit.

Es ist der Christus, der unsere Wurzelsünden zur Geistesfrucht transmutiert und Gott, der in seinem Sohn unsere Niederlagen zu seinem Sieg wandelt. So werden die Metalle in uns schließlich zu Talismanen transmutiert, wie Apollonius von Tyana es erfahren hat und in seinem Buch „Das Nykthemeron” beschreibt.
6. Die Separatio
Sie wird erreicht durch Destillation, Sublimation und Verdunstung.

Es ist die letzte große Prüfung vor der Vollendung. Es geht dabei um die Trennung der zusammengesetzten und zum Teil gegensätzlichen Komponenten in einem Stoff. Innerhalb dieses Prozesses werden, vor allem durch die wiederholte Destillation, auch die drei Prinzipien Sulfur, Merkur und Sal voneinander geschieden. Aus der Wirrnis und Vermischung wird Ordnung geschaffen. Wir befinden uns bei diesem Prozess in der Schöpfungsgeschichte, die im Labor symbolisch wiederholt wird. Gott trennte das Licht von der Finsternis, den Himmel von der Erde, das Meer vom Land. Der Separator war der Logos, der sich selbst als alles durchdringende Matrix in den Teilungsprozess goss und damit die zusammenhaltende Einheit darstellt, die alles Getrennte durchdringt.

Der Raum für ein wachsendes Bewusstsein liegt in der Erfahrung der Gegensätze. Deshalb entschied sich der erste Mensch, vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu essen. Mit dieser Entscheidung bewirkte er aber eine zweite, sehr einschneidende Separatio. Er, der Träger einer unsterblichen Seele, tauchte in die vergängliche Welt der Zeiträumlichkeit ein. So wurde er Bürger zweier Welten. Damit schuf er zugleich seine von der Einheit abgeschlossene Welt und bewirkte den Bruch zwischen dem Oben und Unten. Deshalb muss er diesen seinen Willensentschluss wieder umkehren und mit Hilfe des großen Opus der Transmutation sich selbst, seine in ihm gefallenen Metalle und letztlich die gesamte Welt zum Zustand ihrer Prima Materia zurückführen, damit die Wahrheit des „Oben wie Unten” wieder hergestellt wird.

Meister Eckhart hat diese Erkenntnis in einer mystischen Schau erlebt und sie in folgende Worte gefasst: „Der Seele Lauterkeit hängt davon ab, dass sie geläutert werde von einem Leben, das zerteilt ist und eintrete in ein Leben, das in der Einung ist.”

Der Prozess der im Labor immer wiederholten Separatio durch oft wochenlange Destillationen vollzieht eine klare Trennung aller Vermischungen. Für den Transmutationsprozess der Seele bedeutet dies, dass das Kleinod der Unterscheidung mit großer Sorgfalt und immer wieder erneut entwickelt werden muss. Dazu ist die Erkenntnis des eigenen Selbst und die zunehmende Wahrnehmung der zwei Naturordnungen im eigenen Selbst die erste Voraussetzung. „Scheide die Erde vom Feuer, das Feine vom Dichten, sanft und mit großer Vorsicht.” Die endgültige Rückkehr in die Einheit muss über die Bewusstseinsschärfe des Unterscheidungsvermögens erkauft werden, damit die letzte Trennung des Ich vom Nicht-Ich vollzogen werden kann. Die klare Unterscheidung der göttlichen Welt des Allein-Guten und der zeiträumlichen irdischen Welt, in der die Zwillingskräfte „Gut und Böse” ihr Verwirrspiel treiben, muss vollzogen werden. In „Die Stimme der Stille” von H.P. Blavatsky lesen wir: „Lerne das Falsche vom Wahren, das ständig Fließende vom ewig Dauernden zu unterscheiden, ehe du den ersten Schritt auf deinem Pfad tust.”

Das Jüngste Gericht ist ein Akt der Separatio, aber zugleich der ausgleichenden Gerechtigkeit. Im Johannes-Evangelium heißt es dazu: „Der Menschensohn wird wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheiden, die Vollendeten von den Unvollendeten.”

Die Unvollendeten werden in das Feuer einer weiteren Kalzination geworfen. So gesehen ist die Separatio nicht das Letzte im großen Opus, sondern sie geht – wie auch im alchemistischen Labor – der Conjunctio voraus. „Reinigt den Gatten und die Gattin gesondert, auf dass sie sich um so inniger vereinigen, denn so ihr sie nicht reinigt, können sie sich nicht lieben.”

Die Separatio ist die letzte säubernde Operation, über die Johann Valentin Andreae in seiner „Chymischen Hochzeit Christiani Rosencreutz” einen Reim verfasst hat:

Heut, heut, heut
ist des Königs Hochzeit…
Halt Wacht!
Dich selbst betracht.
Wirst du nicht eifrig baden,
kann dir die Hochzeit schaden.

7. Die Conjunctio
Sie ist die Kulmination des Opus Magnum.

Im Labor haben wir ein eindrückliches Gleichnis: Sulfur und Merkurius, Schwefel und Quecksilber verbinden sich und es entsteht Zinnober, eine neue Substanz mit neuen Eigenschaften. Es gibt eine kleinere Conjunctio, bei der die Reinigung der beiden Ausgangsstoffe noch nicht gründlich geschah; hier muss erneut die Mortificatio folgen.

Ein schönes Gleichnis erzählt: „Aber diese mit dem Ausdruck der Fröhlichkeit begonnene Hochzeit hat die Bitterkeit der Trauer zur Folge.” Diese Bitterkeit entsteht immer, wenn „die Seele die Hochzeit mit dem Leib der Ehe mit dem Geist vorzieht,” wie wir es im Corpus Hermeticum lesen. So ist der Venusaspekt der irdischen Liebe ein edles Gleichnis und der Versuch, die Zwillingskräfte der Natur in der eigenen Seele miteinander in Harmonie zu bringen; es ist eine besondere Tugend, aber nur die Vorstufe für die große Conjunctio. Beim Transmutationsprozess im Labor wird die Veredelung bis zur Stufe des reinen Silbers erreicht.

Bei der großen Conjunctio geht es um die Vorbereitung der chymischen Hochzeit zwischen der geläuterten Seele und dem Geist, dem Pymander. Die Seele, die wieder zum Wasser der Prima Materia geworden ist, zum „Mercurio aus dem Mercurio”, vermählt sich mit dem Geist. Der Zustand des Anfangs, als der Geist über den Wassern schwebte, ist erreicht. Es ist dies die Verwirklichung der „Wiedergeburt aus Wasser und Geist” des christlichen Einweihungsmysteriums. Aus dieser Vereinigung geht – aus der Kraft des heiligen Geistes – ein neues Geschöpf hervor. Die wiedergeborene Seele, die transmutierte menschliche Persönlichkeit und der Geist sind im mikrokosmischen Gefäß zu einer vollkommenen, unsterblichen Einheit geworden. Dieses neue Geschöpf, dieser Sohn der Weisheit, ist selbst zum Stein der Weisen geworden. Er verkörpert das reine Gold des Geistes und so kann er alle lebenden Wesen durch seine Liebeskraft zu ihrer Vollkommenheit anregen und vermag alles Kranke zu heilen, so wie das purifizierte Gold im Labor alle unedlen Metalle zum Gold hin wandelt.

In der Alchemie spricht man dann im allumfassenden Sinn von „Multiplicatio”, der wunderbaren Vermehrung, die alles zur Veredelung speist. Die Alchemie ist die Kunst der Veredelung, so sagten wir eingangs. Auf der höchsten Ebene der Alchemie kann uns die Vision des Paulus zu einer Geistoffenbarung werden, welche dieses innere Gesetz bestätigt:

Er schreibt im 1. Korintherbrief Kap. 15: „Der erste Adam war eine lebende Seele, der letzte Adam wird ein lebendig machender Geist.”

Hier findet die hermetische Kunst ihre höchste Erfüllung. Die reinste Form der Conjunctio ist das Einswerden des Sohnes mit dem göttlichen Vater. Wir erinnern uns der biblischen Worte: „Der Vater und ich sind eins.” Dann kehrt der verlorene Lichtsohn, zum Filius Sapientiae geworden, ins Vaterhaus zurück. So ist denn „in Wahrheit, gewiss und ohne Zweifel das Untere gleich dem Oberen und das Obere gleich dem Unteren, zu wirken die Wunder eines Dinges.”
Die zeitlose Kunst der Alchemie
Die Alchemie ist eine Meisterin am Webstuhl der Zeit, die ohne Unterlass ihre Verwandlungsfähigkeit bereit hält. In der heutigen Zeit, dem Wassermannzeitalter, wo sich eine mechanistische Physik in die höhere Oktave einer Quantenphilosophie, einer „Al-Physik”, gewandelt hat, finden wir eine aktuelle Chance, die uns an die Schwelle der Prima Materia, der ungeoffenbarten Omnipotenz, heranführt.

Diese Tür wird durch die bewusste Wahrnehmung der Gegenwärtigkeit geöffnet, in der das Meer der unbegrenzten Möglichkeiten und die Allgegenwärtigkeit offen vor uns liegt. In diesem Niemandsland zwischen dem verwirkten Gestern und noch nicht geborenen Morgen liegt ein noch unbeschriebenes Blatt in unserem Lebensbuch, ein ewiges Jetzt. Zu diesem Raum der ungeoffenbarten Fülle hat unser zeiträumliches Ich keinen Zugang und wir sind wieder mit unserem inneren schöpferischen Quell, dem göttlichen Funken in der Arche unseres Herzens, verbunden. Unser mit dieser Quelle verbundenes Bewusstsein wird hier zum Schöpfer, der aus der unbestimmten universellen Matrix eine neue Konkretisierung aufruft.

So können wir jetzt und unmittelbar zu wahren Alchemisten werden, die an dem Prozess der Verwandlung zur Vollkommenheit mitwirken.

Literatur:

Andreae, J.V., Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz, Gustav Bosse Verlag, Regensburg 1923
Archarion, Von wahrer Alchemie, Bauer Verlag, Breisgau 1983
Von Bernus, A., Alchymie und Heilkunst, Verlag am Goetheanum, Dornach 1994
Burckhardt, T., Alchemie, Dingfelder Verlag, Andechs 1992
Charon, J.E., Der Geist der Materie, Ullstein Sachbuch, 1988
Edinger, E., Der Weg der Seele, Kösel Verlag 1990
Gebelein, H., Alchemie, Diederichs Verlag 1991
Hartmann, F., Theophrastus Paracelsus, Schatzkammer Verlag, Calw
Hartmann, F., Die Erkenntnislehre der Bhagavadgita, Schatzkammer Verlag, Calw
Latz, G., Alchemie, Komet Verlag, Köln 1869
Löffler,J., Die Offenbarung aus der Quelle der Schöpfung, Schöpferisches Zentrum Oase, Neustatt, Rettin 1997
Paracelsus, Th., Sämtliche Werke, Karl Sudhoff Verlag, München/Berlin 1922–1933
Pelikan, W., Sieben Metalle, Verlag am Goetheanum, Dornach 1981
Van Rijckenborgh, J., Der kommende neue Mensch, Rozekruis Pers, Haarlem 1975
Van Rijckenborgh, J., Die alchimische Hochzeit des Christian Rosenkreuz, Rozekruis Pers, Haarlem 1998
Roob, A., Alchemie und Mystik, Taschenverlag 1996
Selawry, A., Metallfunktionstypen in Psychologie und Medizin, Haug Verlag, Heidelberg 1991
Suhr, D., Die Alchemisten, Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2006
Von Tyana, A., Das Nykthemeron, Rozekruis Pers, Haarlem 1981
Uecker,D., Die Heilkunst mit Metallen, Erasmus Grasser Verlag 2004
Wilber, K., Die Halbzeit der Evolution, Verlag Goldmann 1990
2 Kommentare
  • Plecher ThomasBeantworten

    "steige hinunter ins innere der Erde, bringe die Dinge in die rechte Ordnung, dort findest du den Stein der Weisen, das wahre Allheilmittel." von wem das stammt , kann ich nicht mehr genau sagen.. ich finde den obigen ihren Text sehr schön , gehaltvoll und aufschlußreich, geht er doch ans Eingemachte.Verstehen kann ich das alles heute noch nicht ganz, aber es steigen Ahnungen auf , und das rechte Untzerscheidungsvermögen wird auch angeregt, die Intuition. "Du wirst das feine Vom Dichten trennen, behutsam und mit großer Geschicklichkeit". es ist einfach genial, was Ihr Text aufwirft und aussagt. ich werde mich darum bemühen , öfters auf eure Seiten zu schauen. recht oft. dann werde ich geläutert, an einer wahren Quelle mich laben, u7nd im Bade der Liebe mich erfrischen. Wahres geistiges Gold ? -Brüderlichkeit! Mitgefühl! Freude! sei mit Ihnen. Seid gesegnet. Amen.

  • ZhigoneshiBeantworten

    Gott zum Gruß Ihr lieben ,
    um ein größeres Bewustsein für all die lebendigen zusammenhänge des Seins zu erwecken und auch um Deutschland diesbezüglich zu erleuchten , bitte ich euch Brüder und Geschwister unseren Auftritt zu erleichtern und zu unterstützen mit aller Liebe und eurem Können . schaut euch den 10 minuten Kurzfilm an und gebt uns eure zustimmung durch Likes , das Wir eine Bühne auch in Deutschland bekommen für aller Kinder und Kindeskinder der Zukunft .

    https://www.youtube.com/watch?v=FYpqkOmZLBk#action=share

    Wir sind das Volk der Sierra Nevada de Santa Marta in Kolumbien .

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