Vortrag

Mozarts Zauberflöte. Weg der Einweihung

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Vortrag von Ulla Schreiber

Einleitende Bemerkungen

Die Zauberflöte ist die erfolgreichste Oper aller Zeiten. Bereits ein Jahr nach Mozarts Tod war sie hundert Mal aufgeführt worden.

Und doch ist ihre tiefere Aussage nach wie vor ein Geheimnis. Bis kurz vor ihrer Uraufführung im Jahre 1791 hieß die Oper noch Die Egyptischen Geheimnisse.
Goethe nannte sie „ein öffentliches Geheimnis.” Wir wollen uns in diesem Vortrag dem spirituellen Gehalt der Zauberflöte nähern. Dabei sind wir uns dessen bewusst, dass die Handlung ganz unterschiedliche Deutungen zulässt. Persönliche Erfahrungen auf dem „inneren Weg” spielen bei unserer Auslegung eine wichtige Rolle.

Die Zauberflöte hatte einen direkten Vorläufer in der 1996 wiederentdeckten Oper Der Stein der Weisen oder die Zauberinsel, die von mehreren Musikern – darunter auch Mozart – gemeinschaftlich komponiert worden war. Die Charaktere des Steins der Weisen ähneln bereits sehr denen der Zauberflöte.

Verblüffend ist auch die Ähnlichkeit von Personen aus der Zauberflöte mit Figuren aus Shakespeares Der Sturm. Sarastro zeigt eine Nähe zu Prospero, Tamino und Pamina haben eine Entsprechung in Ferdinand und Miranda, Papageno ist Trinculo ähnlich, Monostatos ähnelt Caliban.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert galt Ägypten als Inbegriff der mystischen Vergangenheit der Menschheit. In den Freimaurerlogen in Wien wurde intensiv über die Mysterien der Ägypter referiert.

Der Geologe Ignaz von Born, Meister vom Stuhl der Loge Zur Wahren Eintracht, verehrtes Idol der Wiener Freimaurer und Vorbild für die Sarastro-Gestalt, hatte damit einen Anfang gemacht, als er 1784 unter dem Titel Über die Mysterien der Egypter einen Aufsatz im neuen Journal für Freymaurer veröffentlichte. Er zeigt darin die Ähnlichkeit der Einweihungsriten der ägyptischen Priester mit denen der Freimaurer auf.

Im Kreise der Freimaurerbrüder aus Mozarts Loge entstand nun die in der Operngeschichte einmalige Idee, durch die Verbindung der Märchenoper mit einem ägyptisch eingekleideten Einweihungsritual das Volk an spirituelles Gedankengut heranzuführen.

Vorbilder für ägyptisch verschleierte Freimaurerriten waren Wenzel Müllers Oper Das Sonnenfest der Brahminen sowie Johann Gottlieb Naumanns Osiris, der zehn Jahre vor der Zauberflöte in Dresden uraufgeführt worden war. Die Gunst der Stunde bestand darin, dass der Theaterdirektor Emanuel Schikaneder für sein aufwendig ausgebautes „Freihaustheater auf der Wieden” wieder eine zugkräftige Märchenoper brauchte, um seinem Konkurrenten Marinelli vom „Theater in der Leopoldstadt” Publikum abzuwerben.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Freimaurerei damals nur ein kurzes öffentliches Wirken von etwa zwölf Jahren vergönnt war, nämlich vom Tode der Kaiserin Maria Theresia im Jahre 1780 an, die sie nicht geduldet hatte, bis zur Thronbesteigung Franz II. 1792, der sie wieder verbot. Bereits zwei Jahre nach der Uraufführung der Zauberflöte lösten sich die beiden Wiener Logen wieder auf. So verschwand die Freimaurerei in Österreich bis nach dem 1. Weltkrieg und der freimaurerische Hintergrund der Zauberflöte geriet im 19. Jahrhundert in Vergessenheit.

Schikaneder gilt als Verfasser des Librettos. Allerdings behauptete Giesecke, der später als Mineraloge international Karriere machte und seine Schauspielervergangenheit nicht mehr erwähnte, im intimen Kreis seiner früheren Schauspieler- und Musikerkollegen, er selbst habe das meiste verfasst und Schikaneder lediglich die Papageno-Passagen überlassen. Schikaneder habe indes den Autorenanspruch geltend gemacht. Gieseckes Äußerung könnte zutreffen. Im Gegensatz zu Schikaneder, der zuvor schon aus seiner Regensburger Loge wegen unseriösen Lebenswandels ausgeschlossen worden war und am Wiener Logenleben nicht teilnehmen konnte, war Giesecke aktiver Freimaurer und als solcher viel tiefer in die Symbolik der Freimaurerei eingeführt, einer Symbolik, die sich bis in die Details der Anweisungen zur Bühnenausstattung spiegelt.

Die Zauberflöte verbindet eine Märchenhandlung, die teilweise dem Märchen Lulu oder die Zauberflöte von A. J. Libeskind entnommen wurde, mit der Darstellung eines Einweihungsweges. Dadurch, dass sich die Handlung auf zwei Ebenen abspielt – einer profanen und einer spirituellen -, ist sie für jeden Betrachter sowohl unterhaltsam als auch tiefsinnig. Die für damalige Verhältnisse hochmoderne Bühnentechnik des Freihaustheaters machte es möglich, die Gleichzeitigkeit der beiden Handlungsstränge durch rasche Szenenwechsel (insgesamt sind es 14!) darzustellen.

Das Bemühen, dem Publikum symbolhaft ein Initiationsritual nahe zu bringen, das mit der Lebensaufgabe des Menschen zusammenhängt, ist auch am Titelbild des Textbuches zur Uraufführung abzulesen. Es wurde von einem Freimaurer entworfen.

Man sieht einen Durchgang durch vier Portale. Vorn hängt ein Stern – das Pentagramm -, Symbol des göttlichen Ideals, auf das der Blick des am Boden liegenden Pilgers gerichtet ist. In seiner Mitte ist ein „G” eingeschrieben und eine Flamme geht von ihm aus.
Die alte Maurergilde betrachtete das Pentagramm als Sinnbild der Geometrie, jener Lehre, die es dem schöpferischen Menschen ermöglicht, seine Werke im rechten Ebenmaß zu vollbringen, der Grundbedingung für Schönheit und Harmonie; daher das G und die Flamme, deren mildes Feuer den Adepten begleiten soll. Hinter dem Pilger befinden sich die Öffnung zur Unterwelt und Werkzeuge wie Sanduhr, Spitzhacke und Spaten, mit deren Hilfe er sich emporgearbeitet hat. Man sieht Trümmer des alten Tempels. Links erhebt sich ein Obelisk mit magischen Symbolen, Sinnbildern der Forderungen des Pfades. Über dem Gang zur Unterwelt steht eine verzierte Vase, die heilige Opfervase; sie ist „Grabvase” des alten Menschen und gleichzeitig Gralssymbol für den neuen.

Durch die verschleierte, mythologische Darstellung entging die Zauberflöte der Zensur und überlebte die kurze Blütezeit der Freimaurerei in Österreich.

Zur Ouvertüre

In der Ouvertüre wird das Ziel des Einweihungsweges musikalisch mit drei Akkorden angedeutet. Sie symbolisieren drei seelische Qualitäten, die zu erringen sind: Weisheit, Schönheit und Stärke.

Auch in der jüdischen Lehre der Kabbala, in der der Baum des Lebens eine zentrale Rolle spielt, finden wir diese drei Attribute. Sie gehören dort zu den zehn Kraftströmen, den sogenannten Sefiroth, die von der höchsten Gottheit, dem „En Soph”, ausgehen.

In einer Darstellung des englischen Rosenkreuzers Robert Fludd (1574-1637) bilden die zehn Kraftströme die Äste eines umgekehrten Baumes, der im göttlichen Lebensfeld wurzelt.
Drei der herabfließenden Kräfte tragen die Namen Weisheit (Chokmah), Stärke (Geburah) und Schönheit (Tiferet). Sie nehmen als heilige Geistkräfte im Menschen, der den Weg der Einweihung geht, Gestalt an.

In der Freimaurerei werden die drei Kräfte bzw. Ideale durch einen dreiarmigen Leuchter symbolisiert, der im Meistergrad mit den Worten entzündet wird:

„Weisheit leite unseren Bau!
Stärke führe ihn aus!
Schönheit vollende ihn!”

Diese drei in der Freimaurerei zentralen Kräfte werden auch als drei Säulen dargestellt, zwischen denen eine Leiter nach oben führt.

Nach den drei einleitenden Akkorden folgt eine musikalische Passage, die die schrittweise Annäherung an das Mysterium andeutet. Sie geht über in einen symphonischen Satz, der von einem Klopfmotiv ausgeht, das als Fuge weitergesponnen wird. Man meint die Hammerschläge zu hören beim Behauen des rauen Steins, der beim Tempelbau zum „Kubus” werden muss. Das Thema hat Mozart dem Beginn einer Klaviersonate von Muzio Clementi entnommen, die er bei einem pianistischen Wettstreit mit ihm neun Jahre zuvor gehört hatte.

Das Dreieck göttlicher Kräfte, das wie ein mächtiges Motto in Gestalt der drei Akkorde mehrmals im Verlauf der Oper zu hören ist, wird schließlich am Ende der Oper vom Schlusschor mit den Worten gepriesen:

„Es siegte die Stärke
und krönet zum Lohn
die Schönheit und Weisheit
mit ewiger Kron!”

Die drei Ideale, die der Pilger zunächst als Impulse empfängt, verkörpern sich im Verlauf des Weges in ihm. Sie werden in ihm schließlich zu Fleisch und Blut. Er erneuert sich körperlich, seelisch und geistig.

Der dreifache Prozess

Die Einweihung wird als ein dreifacher Prozess dargestellt.

Es geht

erstens darum, die Tiefen des eigenen Wesens
zu durchleben und dadurch auch die in der Welt
wirkenden Kräfte zu erfahren,

zweitens um eine intensive innere Läuterung
und um Dienst an der Menschheit und

drittens um das Aufgehen in das Reich des Lichtes.

Damit haben wir bereits den spirituellen Kern der Handlung umrissen: die seelische Verwandlung des Menschen. Das Geheimnis der Oper entschleiert sich uns, wenn wir die bildhafte Darstellung als einen inneren Prozess begreifen. Dann enthüllt sich vor uns das Mysterium der wahren Menschwerdung. Wir erkennen die auf der Bühne auftretenden Figuren als Kräfte und Dimensionen, die im eigenen Wesen des suchenden Menschen in Erscheinung treten.

Bereits zu Beginn wird deutlich gemacht, dass eine ganz bestimmte innere Situation vorhanden sein muss, damit der Einweihungsweg gegangen werden kann.

Ein Prinz

Es tritt ein Prinz auf, der Tamino heißt. Sein Name ist vielleicht von dem altgriechischen Wort tamias abgeleitet, was Gebieter heißt. Prinz bedeutet in der Sprache der Mysterien, dass ein Mensch sich über das normale Leben hinaus erhebt und um höhere Erkenntnis ringt.

Tamino kommt aus einem fremden Land im Osten, d. h. aus dem Lande der aufgehenden Sonne, denn er trägt ein prächtiges „javonisches” Jagdkleid. Das verzierte Gewand deutet symbolisch an, dass er über einen großen Erfahrungsschatz und damit über die innere Reife für den Weg verfügt.

Wir verstehen Tamino als Sinnbild für das spirituell ausgerichtete Bewusstsein des suchenden Menschen, eines Menschen, der auf das Erlangen göttlicher Erkenntnis gerichtet ist. Dieses nach Wahrheit und Weisheit strebende Bewusstsein durchlebt allerdings ein Scheitern – es spürt, dass es nicht weiterkommt.

Das zeigt sich daran, dass Tamino zwar einen Bogen, aber keine Pfeile mehr hat. Er ist innerlich in „eine felsige Gegend” gelangt, in eine Krise. Eine große Schlange verfolgt ihn. Sie naht sich ihm und er ruft in höchster Not um Hilfe. Dann fällt er in Ohnmacht.

Warum überkommt ihn eine Ohnmacht? Es ist sein altes Naturwesen, sein altes Bewusstsein, das ihn zu überwältigen droht und dem er noch nicht genug entgegen setzen kann. Seine spirituelle Ausrichtung droht wieder einmal vernichtet zu werden. Dem fühlt er sich wehrlos ausgeliefert.

Die Schlange symbolisiert unsere irdischen Bewusstseinskräfte, die in der Wirbelsäule zirkulieren. Der Schlangenstab des Hermes ist ein Bild hierfür.

Tamino will den alten Kräften entkommen. Er weiß: Es gibt ein höheres Bewusstsein. Er ist davon berührt und jagt danach, es zu erlangen. Aber er hat alle seine Pfeile verschossen, scheinbar ohne Resultat. Und so spürt er, dass er in seinen alten Zustand zurück fällt.

Er ruft um Hilfe. Es ist der Schrei eines suchenden Menschen, der sich an die höhere Welt richtet. „Hilf mir, so kann ich nicht weiter existieren. Ich weiß, es gibt einen höheren Sinn des Lebens, aber ich vermag nicht, zu ihm durchzudringen.” So ähnlich könnte man den Seelenschrei deuten.

In dieser Situation greifen drei verschleierte Damen rettend ein. Sie töten die Schlange mit silbernen Wurfspießen. Durch die innere Verzweiflung und seinen Hilferuf werden in Tamino neue Kräfte aktiviert, die weder dem Bereich des Verstandes noch dem des Gefühls angehören. Sie kommen aus ihm unbekannten Räumen. Durch sie erhält er die Möglichkeit, auf seinem Weg weiter zu gehen. Die Krise und sein Hilfeschrei verhelfen ihm dazu, auf eine höhere Ebene zu gelangen.

Wer sind diese drei Damen? Sie sind Dienerinnen der „sternflammenden Königin”, der Königin der Nacht. Sie symbolisieren die regulierenden Kräfte der Natur. Sie treten verschleiert auf, sind in ihrem Wirken nicht direkt erkennbar. Es gehört zur Aufgabe der Natur, dem Menschen zu helfen, immer wieder in ein Gleichgewicht zu gelangen.

Goethes Faust erfährt dieselben Kräfte zu einem Zeitpunkt, in dem er auf seinem Weg bis in die Grundfesten erschüttert ist. Zu Beginn des zweiten Teils des Faust spricht Ariel – Herr der Naturgeister – die Worte:

„Besänftiget des Herzens grimmen Strauß,
entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile,
sein Innres reinigt von erlebtem Graus.”

Das geschieht vorzugsweise während der Nacht. Man spricht auch von „Mondkräften”, von Kräften der „Königin der Nacht”.

Beim Erwachen erkennt Tamino – das Bewusstsein, das Haupt des suchenden Menschen – etwas von seinem Naturzustand. Bildhaft tritt ihm vor Augen, dass er dieser Natur angehört und nicht ohne weiteres über sie hinaus gelangen kann. Goethe drückt eine gleichartige Erkenntnis des Faust mit den Worten aus:

„Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.”

Und dort – im „Faust” – tritt unmittelbar danach, um den farbigen Abglanz zu dokumentieren, der Narr am kaiserlichen Hofe auf.

Ein bunter Spaßvogel

In der Zauberflöte erscheint Papageno, der Vogelfänger. Man mag als suchender Mensch äußerst ernsthaft sein. Doch nach einigen Krisen auf dem Weg erkennt man den „Papageno” in sich. Jeder Betrachter der Oper freut sich über den Vogelfänger und kann sich mit seinen Späßen und Empfindungen mühelos identifizieren.

Sein Name ist wahrscheinlich von Papagei abgeleitet, denn es lässt sich eine Verbindung der Zauberflöte zu dem französischen Märchen Le roi magicien (Der Zauberkönig) nachweisen, in dem ein Prinz zur Tarnung in einen Papagei verwandelt wird, um eine geraubte Tochter befreien zu können. Erinnert der Papagei, der Worte und sogar Sätze nachsprechen kann, ohne sie zu verstehen, nicht an uns, die wir oft über geistige Dinge sprechen, ohne sie wirklich zu verstehen?

Tamino hat zunächst Schwierigkeiten mit dieser Selbsterkenntnis. Er zweifelt daran, dass Papageno ein Mensch ist. Er will diese Seite in sich noch nicht wahrhaben. Faust drückt gegen Ende seines Lebens seine „Papageno-Seite” mit den Worten aus:

„Ich bin nur durch die Welt gerannt;
ein jed‘ Gelüst ergriff ich bei den Haaren.”

Papageno lebt in einer Strohhütte. Er weiß nichts Tieferes von seiner Existenz, kennt weder Herkunft noch Ort seines Daseins. Sein in den Tag hinein lebendes Gemüt sagt von sich:

„Der Vogelfänger bin ich ja,
stets lustig, heißa! hopsasa!
Ich Vogelfänger bin bekannt
bei Alt und Jung im ganzen Land.
Weiß mit dem Locken umzugehn
und mich aufs Pfeifen zu verstehn.
Drum kann ich froh und lustig sein,
denn alle Vögel sind ja mein.”

Die „Vögel”, denen er nachjagt, sind die vorübergehenden Erscheinungen, Empfindungen und Gedanken, die uns fortwährend beschäftigen. Sie kommen und gehen wie Fata Morganas. In vielen Mythen begegnet uns dieses Motiv des Vogelmenschen.

Nachdem Papageno merkt, dass die Schlange tot ist, behauptet er dreist, er habe sie mit eigenen Händen erdrosselt. Das niedere Ich, das irdische Bewusstsein tendiert dazu, positive Ergebnisse auf dem Pfad als eigene Leistung anzusehen. Die drei Dienerinnen der Königin der Nacht hängen ihm daraufhin ein Schloss vor den Mund.

Das Bildnis der höheren Seele

Nun zeigen die drei Damen Tamino das Bildnis der Tochter der sternflammenden Königin, das Bildnis Paminas. Er hat durch sein Suchen – ohne es zu wissen – einen inneren Spiegel in sich frei gelegt. Etwas Ähnliches geschah Faust mit dem „Zauberspiegel”, in dem er Helena entdeckt.

Der Name Pamina scheint aus dem Griechischen zu stammen und wird mit „immer währende Vollmondnacht” übersetzt.

Das erinnert uns an das Hohelied Salomos, in dem es über Sulamith heißt (6,10):

„Wer ist, die hervorbricht wie die Morgenröte,
schön wie der Mond …?”.

So wie der Vollmond das Licht der Sonne vollständig widerspiegelt, so muss die Seele auf ihrem Weg einmal das Licht des Geistes ohne Schatten widerspiegeln. Tamino ist wie gebannt:

„Dies Bildnis ist bezaubernd schön,
wie noch kein Auge je gesehn.
Ich fühl es, wie dies Götterbild
mein Herz mit neuer Regung füllt.
Dies Etwas kann ich zwar nicht nennen,
doch fühl ich’s hier wie Feuer brennen …”

In diesen Worten drückt sich die tiefgreifende Erfahrung einer ersten, primären „Erleuchtung” aus, die der suchende Mensch im Herzen erfährt. Er erlebt zum ersten Mal etwas vom Wesen der wahren Liebe, die überpersönlich ist. Sein nach innen gerichtetes Schauen in den „Rosenspiegel des Herzens”, seine sehnsuchtsvolle Hinwendung zum Göttlichen hat zur „Liebe” geführt.

So hat sich nun ein großes Szenarium vom Innenraum des Menschen entfaltet. Und es wird sich noch umfassender entwickeln. Vielleicht können wir schon jetzt eine Ahnung davon bekommen, welche Dimensionen in jedem von uns verborgen sind. Sarastro spricht später, als ein Priester erklärt, Tamino sei Prinz, die Worte:

„Noch mehr – er ist Mensch!”

Tamino vermag nun, der Königin der Nacht zu begegnen. Das Licht des neuen Seelenbildes enthüllt ihm das zentrale Prinzip unserer Natur.

Die Herrscherin dieser Natur

Die Königin der Nacht wird als „sternflammende Königin” bezeichnet, was andeutet, dass sie die „Astralsphäre” beherrscht, aus der alle Naturerscheinungen hervorgehen. In der Oper erscheint sie auf der Mondsichel stehend. Damit wird symbolisch ausdrückt, dass sie die Lebensrhythmen unserer irdischen Natur über den Mond lenkt.

Der Mond wird in alten Mythen auch „die wahnsinnige Mutter” genannt, weil unsere Naturordnung durch ihre Abtrennung vom göttlichen Daseinsgebiet nicht mehr von der absoluten Harmonie und Weisheit gelenkt wird. Diese wahnsinnige Mutter, das Kernprinzip der „gefallenen” Astralsphäre, suggeriert Tamino, es sei seine Aufgabe, Pamina dem Tyrannen Sarastro zu entreißen.

Der geistige Kern

Wer ist Sarastro? Sein Name ähnelt dem Namen Zoroaster (Zarathustra).

„Sehr nahe an unseren Bergen lebt er in einem angenehmen und reizenden Tale. –
Seine Burg ist prachtvoll, und sorgsam bewacht,”

so beschreiben die Dienerinnen der Königin der Nacht den Ort Sarastros. Sein Reich wird in der Oper symbolisch als „Tempelbezirk” dargestellt. Wenn es heißt, er lebt „nahe an unseren Bergen”, so wird damit angedeutet, dass das Reich des Geistes uns sehr nahe ist. Es ist in uns selbst beschlossen.

Den Eingeweihten wurde – wie wir später erfahren – der Sonnenkreis anvertraut. Sarastro trägt ihn „auf seiner Brust”. Der Mensch ist dazu berufen, dass die Kräfte der niederen Natur überwunden werden und die dem Bereich des Herzens zugeordnete Seele zur Geist-Seele wird.

Tamino hat sich zu diesem Weg entschlossen.

„Dieser Jüngling will seinen nächtlichen Schleier von sich reißen
und ins Heiligtum des größten Lichtes blicken. –
Diesen Tugendhaften zu bewachen, ihm freundschaftlich die Hand zu bieten,
sei heute eine unsrer wichtigsten Pflichten,”

so spricht Sarastro zu den Priestern.

Die ausstrahlende und rufende Wirksamkeit der bereits befreiten Seelen wird vom suchenden Menschen im Geistelement in der Tiefe seines Herzens empfangen.

Wenn wir also erfahren, dass Pamina von Sarastro „entführt” wurde, so bedeutet dies, dass das Herz, der Seelenbereich, nicht mehr ganz dieser Natur angehört, sondern von der Strahlungskraft des Geistes ergriffen wurde. Das Herz wurde in gewissem Ausmaß dem magnetischen Bannkreis der „Mutter Natur” entrissen. Das ist noch kein endgültiger Zustand. Es findet noch ein Kampf um Pamina statt. Alles kommt darauf an, ob das sich entfaltende höhere Bewusstsein – Tamino – sich unter dem Einfluss des Geistes mit Pamia, der Seelenkraft des Herzens, vereinen kann.

Die Königin der Nacht will Tamino jedoch für ihre eigenen Zwecke benutzen. Sie will sowohl Herz, als auch Haupt – Pamina und Tamino – wieder auf das natürliche Begehren, Denken und Handeln richten.

Jeder suchende Mensch erfährt diese Impulse. „Bleibe doch mit den Beinen auf dem Boden der Tatsachen, des Sichtbaren und Beweisbaren”, so wird ihm gesagt. Und es gehen genügend Einflüsse zu ihm aus, um die natürlichen Wünsche erneut zu stimulieren und das spirituelle Suchen zu ersticken.

Das Leid dieser Natur

Die Bezeichnung „Königin der Nacht” lässt uns an den Prolog des Johannes-Evangeliums denken. Dort wird unser Lebensgebiet als „Finsternis” bezeichnet.

„Das Licht scheint in der Finsternis,
doch die Finsternis hat es nicht begriffen.”

Es wird also auf zwei fundamental verschiedene Lebensfelder und damit auch auf zwei unterschiedliche Bewusstseinszustände hingewiesen.

Der Einweihungsweg führt von der gefallenen Natursphäre in die göttliche Ordnung. Die dort herrschende Naturkraft wird in der Oper „Isis” genannt. Sie ist die Heilige Mutter, das Kernprinzip der göttlichen Natur. Ihr dienen die Eingeweihten.

Sarastro singt in seiner berühmten Arie „In diesen heilgen Hallen” die Worte:

„Dann wandelt er an Freundes Hand
vergnügt und froh ins bessre Land.”

Das Wirken der Lichtkräfte, das Wirken der befreiten Seelen, verursacht für die Königin der Nacht fortwährendes Leid. Immer wieder muss sie Menschen, ihre Kinder, frei geben, sich rauben lassen von den Lichtkräften. Das Tragische ist, dass sie selbst dazu beitragen muss, dass Menschen die innere Reife erlangen und dadurch sie, die Herrscherin dieser Natur, überwinden können, sich von ihr lösen.

Die Königin der Nacht bestimmt Papageno dazu, Tamino auf seinem Weg zu begleiten.

Papageno, unser niederes Selbst, sehnt sich nach sinnlichen Genüssen, nach dem anderen Geschlecht, nach gutem Essen und Trinken. Er fühlt sich keineswegs dazu gedrängt, das Geheimnis seines Bestehens zu ergründen und ist nicht gewillt, mit Tamino zu gehen. Er hat Angst, dass Sarastro ihn rupfen und braten wird und er schließlich in seiner Not von Tamino allein gelassen wird.

„Dass doch der Prinz beim Teufel wäre.
Mein Leben ist mir lieb.
Am Ende schleicht, bei meiner Ehre,
er von mir wie ein Dieb.”

Das irdische Bewusstsein ist an die Sinnesorgane gebunden und kann die spirituelle Wirklichkeit nicht erfassen. Daher wird in den hermetischen Schriften ganz lapidar festgestellt: ” … das, was die Sinne wahrnehmen, schenkt Freude, während dasjenige, was unsichtbar ist, Zweifel und Unglauben weckt.”

Die Späße und Launen Papagenos führen dem Betrachter vor Augen, dass das niedere Begehren mit seinen Fehlern und Schwächen ein notwendiger Begleiter auf dem Pfad ist. Allerdings wird es nach und nach in den Dienst des Weges gestellt und damit dem Machteinfluss der Königin der Nacht entzogen.

Zur Tragik der Königin der Nacht gehört es ferner, dass sie Tamino und Papageno drei Knaben als Führer mitgeben muss, damit die beiden den Weg zu Sarastros Burg finden können. Die drei Knaben gehören nicht dem Reich der Dunkelheit an. Deshalb schweben sie in der Oper auch von oben in einer Gondel in den Bühnenraum hinab.

Es sind Lichtkräfte, die im menschlichen System mit göttlicher Intelligenz wirken. Sie verbinden die beiden Welten, sind eine Brücke zwischen ihnen. Deshalb hat auch die Königin der Nacht Zugang zu ihnen. Sie allein können Tamino die nötigen Tugenden verleihen, mit denen er Sarastro finden kann.

Und schließlich erhält Tamino von den Damen der Königin der Nacht die Zauberflöte. Papageno empfängt von ihnen Silberglöckchen. Was bedeuten diese Instrumente?

Der Klang der Flöte

Von der Zauberflöte wird gesagt, dass sie aus einer tausendjährigen Eiche geschnitten wurde.

Die Zahl 1000 deutet kabbalistisch die Ewigkeit an, die Eiche symbolisiert den Baum des Lebens. Die drei Damen sagen zu Tamino:

„Die Zauberflöte wird dich schützen,
im größten Unglück unterstützen.
Hiermit kannst du allmächtig handeln,
der Menschen Leidenschaft verwandeln,
der Traurige wird freudig sein,
den Hagestolz nimmt Liebe ein.
O so eine Flöte ist mehr als Gold und Kronen wert,
durch sie wird Menschenglück und Zufriedenheit vermehrt.”

Tamino soll also durch Dienstbarkeit Lichtkräfte anwenden, die harmonisierend und stärkend auf ihn selbst und auf die Mitmenschen einwirken. Die Flöte ist vergoldet. Gold ist ein sogenanntes Sonnenmetall.

Welche Idee drückt das Spielen auf der Zauberflöte aus?

In der indischen Mythologie wird Krishna Flöte spielend dargestellt. Krishna, die göttliche Liebe, bemüht sich darum, den Menschen mit einem geistigen Strom zu durchdringen, der wie ein heiliger Atem ist.

Wer sich dem spirituellen Weg weiht, „spielt die Flöte”, wenn in seinem Lebensverhalten die göttliche Liebe wirksam ist, wenn er zum Instrument der göttlichen Liebe wird. Dazu muss er innerlich leer, „hohl” von irdischen Wünschen sein.

Unsere Betrachtung der Oper wäre unvollständig, würden wir nicht die Frage stellen, wer Paminas Vater ist; denn er hat ja die Zauberflöte angefertigt.

Der göttliche Geist und die zwei Naturreiche

Die Oper gibt uns hierzu nur Andeutungen in dem Dialog zwischen Pamina und ihrer Mutter vor der berühmten Rache-Arie. Danach fand eine Trennung statt, ein gewisser „Tod” trat ein.

Paminas Vater sagte ihrer Mutter in einem bestimmten Moment:

„Weib! Meine letzte Stunde ist da – alle Schätze, so ich allein besaß, sind dein und deiner Tochter.”

Dies geschah, weil ein Teil der – höheren – Natur sich aus der Einheit mit den Geistkräften löste. Paminas Vater wurde für diese – niedere – Naturordnung zum verborgenen Gott.

Dadurch erst wurde Paminas Mutter zur Königin der Nacht, also der Finsternis.

Nur den alles verzehrenden Sonnenkreis, dessen Symbol als ein mächtiges Amulett nun auf der Brust Sarastros prangt, übergab Paminas Vater den Eingeweihten.

Das ursprüngliche Mutterfeld der höheren Natur ist Isis. Die Königin der Nacht ist gleichsam ihre gefallene Schwester. In den ägyptischen Mysterien wird sie Nephthys genannt.

Und so wissen wir, dass Paminas Vater Osiris ist, der göttliche Geist, der die Bruderschaft der unsterblichen Seelen inspiriert

Die Königin der Nacht kann ihn niemals vergessen. Denn er war einmal eins mit ihr und seine Mysterien sind nach wie vor in ihr verborgen. Hierzu gehört auch der geheimnisvolle Weg der Erlösung. Er besteht aus abgestuften Lichtvibrationen, deren Beginn in der niederen Natur liegt und die bis in die höhere Natur reichen.

Diese Kräfte der Verwandlung, der Transfiguration – wie es in der Lehre des Rosenkreuzes heißt – werden durch das Spielen auf der Zauberflöte aktiviert. Sie fließen in Herz und Haupt des Menschen und verändern prozessmäßig sein gesamtes Wesen. Die Rückverwandlung der Natur muss also durch den Menschen selbst bewirkt werden. Indem die Königin der Nacht Tamino die Zauberflöte überlässt, wirkt sie – unbewusst – an ihrer eigenen Erlösung mit.

Silberglöckchen

Papageno erhält die Silberglöckchen. Es sind Klänge einer niederen Oktave. Wenn die hohen Schwingungen der Lichtkräfte, die Melodien der Zauberflöte, in den Körperzellen des Pilgers auf die Naturtriebe treffen, werden die Klänge herabgestimmt, gedämpft. Sie werden zu „Silberglöckchen”. Auf diese Weise können sie in die niedere Natur eintreten, deren Niveau anheben und es auf den Weg abstimmen.

Papageno benutzt seine Silberglöckchen später dazu, den Mohren Monostatos und seine Diener davon abzuhalten, Pamina einzukerkern. Die Klänge bezwingen die widersachenden Kräfte und lassen sie tanzen. In ähnlicher Weise lassen die Engel am Ende von Goethes Faust durch ihren Gesang die Teufel tanzen, um sie von Fausts Seele fern zu halten.

Silber ist ein sog. Mond-Metall, es gehört zur Seelensphäre, die der Geistsphäre untergeordnet ist. Der Pilger auf dem Pfad erhält also ein Instrument, um seine Naturkräfte zu harmonisieren, sie dem Geistigen dienstbar zu machen und Gegenkräfte abzuhalten.

Das Dunkle und das Aufgehellte

Nachdem Tamino und Pagageno sich mit ihren Instrumenten auf den Weg gemacht haben, verwandelt sich die Szene in ein ägyptisches Zimmer, Symbol für einen Raum im menschlichen Herzen.

Pamina wird hier durch den Mohren Monostatos bedrängt. Das Wort Mono-Statos bedeutet „der Alleinstehende”. Er verkörpert die Egozentrik, den niederen Ich-Trieb, den niederen Willen und das niedere Begehren, eben das „Dunkle”.

Wir sehen also, dass die erwachende höhere Seele von den niederen Kräften angegriffen und gefesselt wird. Monostatos singt:

„Mein Hass soll dich verderben”.

Pamina sinkt ohnmächtig nieder. Und nun entdeckt Papageno Pamina und wird mit Monostatos konfrontiert.

Viele Kritiker des Zauberflöten-Librettos haben einen Widerspruch darin gesehen, dass Sarastro in seinem Bereich eine Gestalt wie die des Monostatos duldet.

Doch wenn wir den inneren Weg gehen, erleben wir den Monostatos in uns. Eine ganze Reihe von Aspekten unseres Naturwesens kann dem Weg dienstbar gemacht werden. Sie erfahren eine Transmutation, eine Verwandlung. Sie werden in gewisser Weise „aufgehellt”. Das zeigt sich in der Gestalt des Papageno. Doch es gibt auch eine Reihe von Naturkräften, die sich vom Licht nicht verwandeln lassen. Sie werden in der Sphäre des Lichtes zu widersachenden Kräften. In dem ägyptischen Zimmer zeigt sich die Trennung zwischen dem „Dunklen” und dem „Aufgehellten” der irdischen Natur.

Sobald Pamina Sarastros Namen anruft, sind die Kräfte des Monostatos gebannt. Sobald Sarastro auftritt, wird Monostatos handlungsunfähig. Sarastro ist ein Repräsentant der universellen Liebe. Im Innern des Menschen symbolisiert er das Geistelement, im Sonnenkosmos ist er Sinnbild für einen Hierophanten, das heißt jemanden, der Heiligung möglich macht.

Monostatos treibt seinen Verrat so lange, bis sein Einfluss und der der Königin der Nacht, der er dient, am Ende definitiv gebannt sind. Die Auseinandersetzung mit ihm führt zur Stärkung Paminas. Sie ist von Liebe erfüllt und versucht, etwas hiervon auf Pagageno zu übertragen. Sie singen zusammen:

„Mann und Weib und Weib und Mann
reichen an die Gottheit an.”

Papageno wird dadurch zubereitet, dem Weg Taminos und Paminas zu dienen. Bei alledem bleibt er aber ein Natur-Ich, bleibt von irdischen Sehnsüchten erfüllt. Er will keine Einweihung. Das ist nachvollziehbar, denn das Naturhafte kann nicht eingeweiht werden. Am Schluss der Oper hat er immer noch die gleichen Ziele:

„Ein Mädchen oder Weibchen
wünscht Papageno sich!
O so ein sanftes Täubchen
wär Seligkeit für mich!
Dann schmeckte mir Trinken und Essen,
dann könnt ich mit Fürsten mich messen,
des Lebens als Weiser mich freun,
und wie im Elysium sein.”

Die große Aufgabe

Tamino gelangt durch die Führung der drei Knaben in den Tempelbezirk. Dieser wird als ägyptische Tempelanlage dargestellt, die den Durchgang zwischen der Nacht (blauer Hintergrund mit Sternen) und dem Licht bildet.

Der Gesang der drei Knaben stellt Tamino vor eine dreifache Tugend:

„Sei standhaft, duldsam und verschwiegen!”

Da das spirituelle Streben nicht geradlinig verläuft, sondern Phasen der Begeisterung und Erhebung mit Momenten der Ernüchterung und Entmutigung wechseln, sind Standhaftigkeit und Duldsamkeit nötig.

Die Verschwiegenheit soll helfen, die noch zarte Flamme der neuen Ausrichtung vor den Verspottungen Unwissender zu bewahren, die in dieser Phase durchaus noch Schaden anrichten können. Solche Einflüsse kommen nicht nur von außen, sondern auch aus dem eigenen Inneren.

Tamino steht vor drei Tempeln, dem Tempel der Weisheit, dem der Vernunft und dem der Natur. Das bedeutet, dass er vor einer dreifachen Aufgabe steht:

1. vor der Heiligung des Hauptes, also des Denkens (Weisheit),
2. vor der Heiligung des Herzens, das unter anderem der Sitz der
moralischen Erwägung ist (Vernunft) und
3. vor der Heiligung des Beckenzentrums (Natur), dem primären
Sitz des Handlungswesens.

Zunächst will Tamino in den Tempel der Vernunft eintreten. Von Innen ruft jedoch eine Stimme: „Zurück!”. Dann nähert er sich dem Tempel der Natur und erfährt auch von dort eine Abweisung. Schließlich betritt er ungehindert den Tempel der Weisheit.

Auch das ist ein schönes Bild: Der suchende Mensch versucht am Beginn des Pfades spekulativ, also ohne wirkliche Erkenntnis, durch Änderung seiner Gefühlshaltung und seines Handelns spirituelle Resultate zu erreichen. Jedoch die Basis aller „Selbstfreimaurerei” muss Einsicht, Weisheit, sein.

Der nun folgende Dialog mit dem Priester markiert den entscheidenden Wendepunkt, an den jeder, der den Weg geht, einmal gelangt: Alle vorgefertigten Meinungen über den Sinn des Lebens, über erstrebenswerte Lebensziele werden in Frage gestellt und zum Teil als unrichtig entlarvt. Der Blick auf das Leben kehrt sich völlig um. Vor allem erkennt der Mensch nun, mit seinem alten Bewusstsein im Dunkeln zu tappen.

Tamino seufzt:

„O ewge Nacht! Wann wirst du schwinden?
Wann wird das Licht mein Auge finden?”

Ein unsichtbarer Chor antwortet:

„Bald, Jüngling, oder nie!”

Das bedeutet: Entweder man wagt den Weg, oder der Schleier des Mysteriums bleibt für dieses Leben ungelüftet.

Wer den Weg geht, wird die Zauberflöte zu spielen lernen, das heißt, sich geeignet machen, die Schwingungen der Lichtkräfte zu empfangen und auszustrahlen. Sie strömen auch in all seine Bewusstseinszentren und in die Bereiche seines Unbewussten. In der Oper wird dies so dargestellt: Wenn Tamino die Flöte zum ersten Mal spielt, erscheinen wilde Tiere aller Art ganz zahm auf der Bühne. Die Vögel begleiten ihn mit ihrem Gesang.

Diese Szene, die an den uralten Orpheusmythos anknüpft, deutet an, dass durch das Flötenspiel viele unbewusste Kräfte harmonisiert werden.

Die Szene wechselt wieder: Papageno und Pamina wollen fliehen. Doch der Mohr erwischt sie. Mit Hilfe des Glockenspiels bringt Papageno den Mohren zum Tanzen, d.h. die niederen irdischen Kräfte bleiben gebunden. So können sich Tamino und Pamina am Ende des 1. Aufzugs zum ersten Mal begegnen. Es geschieht mit dem Auftreten Sarastros, also in der Kraft des Geistes. Er spricht:

„Führt diese beiden Fremdlinge
in unseren Prüfungstempel ein.”

Das Eintreten in die Stille

Zu Beginn des 2. Aufzugs entscheiden die Priester über die Eignung Taminos und singen ein Gebet.

Danach werden Tamino und Papageno in die Kammer des Schweigens geführt; sie werden geprüft, ob sie den verräterischen Einflüssen, die in Gestalt der drei Damen erscheinen, widerstehen oder ihnen Gehör schenken.

Wenn wir Ernst machen mit dem Gehen des Pfades, wenn wir definitiv die Seite wechseln und uns der Lichtsphäre anvertrauen, dann erfahren wir den Widerstand der alten Natur zunächst einmal in Gestalt innerer Suggestionen, die uns in unserem Entschluss verunsichern wollen.

Die Palette reicht von Zweifeln an der Existenz des Einweihungsweges bis hin zu Drohungen, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben und von der bürgerlichen Gesellschaft geächtet zu werden.

Wir entkommen diesen diffusen Ängsten nicht ohne weiteres durch logisches Denken oder Gegenargumente, sondern nur durch ein inneres Stillwerden, durch Loslassen. Es läuft auf die Erkenntnis hinaus, sich selbst preiszugeben in dem Bewusstsein, dass das Wesentliche einer anderen Ebene angehört und von den Angriffen nicht erreicht werden kann.

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, müssen wir still werden. Unsere Gedanken und Gefühle müssen zur Ruhe kommen.

Das ist eine Voraussetzung dafür, dass göttliche Kräfte in uns eintreten können. In der inneren Stille kann das Göttliche in uns „sprechen”. In seiner Kraftzirkulation werden Herz und Haupt – Pamina und Tamino – auf ihrem Weg letztendlich vereint.

Die Versuchung

In einer Zwischenszene sehen wir Pamina schlafend in einer Rosenlaube im Garten. Der Mond scheint. Monostatos versucht, Pamina zu küssen.

Hatte er im 1. Aufzug beim Anblick Paminas geflüstert: „Mein Hass soll dich vernichten”, so fühlt er sich nun von ihr angezogen:

„Weiß ist schön – ich muss sie küssen.
Mond! Verstecke dich dazu!
Sollt es dich zu sehr verdrießen,
o so mach die Augen zu.”

Wenn die Seele nicht wachsam ist, versuchen die niederen Kräfte aus dem Beckenzentrum, sich Raum zu verschaffen, Einfluss zu nehmen. Warum wünscht Monostatos sich, dass der Mond, mit dem er doch so eng verbunden ist, bei seinem verbotenen Kuss wegschaut?

Der Naturzustand des Pilgers wurde durch den Weg inzwischen auf eine Ebene gehoben, auf der sich die niederen Triebkräfte nicht mehr ungehindert ausleben können. Monostatos spürt das. Und unmittelbar tritt denn auch die Königin der Nacht hervor und schleudert ihm ein „Zurück” entgegen.

Es kommt nun zu einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen der Königin der Nacht und Pamina. Pamina soll Sarastro töten, das Geistprinzip in sich zur Unwirksamkeit verdammen.

Was beabsichtigt die Königin der Nacht damit? Sie will Pamina und Tamino auf der Ebene der irdischen Natur vereinen. Dies wäre ihre eigene Glorifizierung, die höchste Veredelung des irdischen Wesens. Jeder Pilger auf dem Pfad erfährt diese Versuchung. Es ist der Impuls, sich selbst, das irdische Ich, mit hohen Werten zu schmücken.

Doch Pamina, die vom göttlichen Geist berührt worden ist, folgt dem Impuls nicht.

Daraufhin offenbart die Königin der Nacht ihr wahres Wesen. Sie wird zornig, denn sie will nicht, ja, sie kann nicht zulassen, dass ihr Geschöpf sich Tamino und der Bruderschaft anschließt. Es ist ein Kampf, der im Innern des Pilgers stattfindet. Wenn er beharrlich auf seinem Weg bleibt, kann die Anfechtung wie ein Spuk sein, ein Schattenboxen, das sich selbst totläuft. Daher ist es in der Oper auch die letzte Begegnung Paminas mit ihrer Mutter.

Jeder strebende Mensch erfährt in einem fortgeschrittenen Stadium, dass die irdische Natur selbst ihn zu verstoßen droht. Das will die Seele eigentlich nicht, aber sie will auch den geistigen Weg in sich nicht töten und weiß daher nicht mehr weiter. In dieser Situation spricht der Geist, Sarastro, zur Seele. Er besingt die Eigenschaften der wahren, selbstlos dienenden Liebe.

„In diesen heilgen Hallen
kennt man die Rache nicht!
Und ist ein Mensch gefallen,
führt Liebe ihn zur Pflicht.”

Die Läuterung

Die drei Knaben fahren vom Himmel herab und geben Tamino und Papageno ihre Zauberinstrumente zurück, die ihnen vor der Prüfung abgenommen worden waren. Tamino spielt die Flöte, Pamina hört dies und eilt zu ihm, aber Tamino spricht nicht mir ihr. Pamina verzweifelt daran und wünscht sich den Tod.

Während die Seele mit ihrer Verzweiflung kämpft – sie ist sich der Prüfungssituation noch nicht bewusst geworden -, geht Tamino erfolgreich aus der Schweigeprobe hervor. Der Priesterchor besingt seine Freude über die Fortschritte des jungen Kandidaten.

Tamino wird von Pamina getrennt, sie singen sich gegenseitig ein letztes Lebewohl zu. Für einen Moment scheint es so, als würde das erstrebte Ziel auf dem Einweihungsweg, das Geist-Seelen-Bewusstsein, nicht erreicht. Zwangsläufig tritt deshalb der Naturaspekt des Pilgers erneut hervor.

Papageno tritt auf und besingt seine Sehnsucht nach einem Weibchen. Er begegnet zum ersten Mal Papagena in Gestalt einer alten hässlichen Frau, die sich später als jung und hübsch herausstellt. Das Trügerische der Naturerscheinungen wird deutlich.

Tamino wird in ein „Gewölbe von Pyramiden” geführt, die den aufwärts führenden Weg versinnbildlichen. Sarastro erklärt ihm, er habe „noch zwei gefährliche Wege zu wandern”. Dazu muss er sich ganz dem Geist zuwenden, muss sich ihm hingeben.

„Der Götter Wille mag geschehen,
ihr Wink soll mir Gesetze sein.”

Damit scheint er von Pamina endgültig getrennt zu werden. Eine kritische Etappe auf dem Einweihungsweg ist gekommen. Pamina ist „von Sinnen. Sie quält verschmähter Liebe Leiden” und will sich mit einem Dolch umbringen, den sie von ihrer Mutter, der Königin der Nacht, erhalten hat. Wenigstens im Tod will sie mit Tamino vermählt sein.

Die Demut und Langmut werden hier auf die Probe gestellt und an diesem Punkt straucheln viele spirituell strebende Menschen. Sie meinen, sie hätten auf dem Weg nichts erreicht, brechen ihn ab und kehren zum alten Leben zurück; es sei denn, sie hören im alles entscheidenden Moment auf die drei helfenden Kräfte, die Stimmen der „drei Knaben”.

Wir sprechen hier von Ideationsenergien, die das Denken, Empfinden und Wollen im Sinne des Zieles anfeuernd stimulieren.

In der Oper spitzt sich der Seelenkonflikt in der Dolchszene zu. Die drei Knaben warnen: „Selbstmord strafet Gott an dir” und verhindern den falschen Schritt. Sie führen Pamina zu Tamino. Das höhere Bewusstsein hat die Prüfung der Verschwiegenheit bestanden. Es ist dazu herangereift, sich mit den Seelenkräften des Herzens zu vereinigen.

Das Einswerden von Herz und Haupt

Tamino steht jetzt vor dem Tor der entscheidenden Prüfung, der Feuer- und Wasserprobe.

Pamina beobachtet, wie er von den beiden Wächtern der Unterwelt Einlass fordert. Die beiden Wächter, die diese Pforte des Saturn bewachen, versinnbildlichen das geistige Unterscheidungsvermögen, das erforderlich ist, um auf sichere Weise in die Tiefen des Unterbewussten, des „karmischen Selbst”, einzutreten und sie zu durchleben.

Die Wächter tragen eine Flamme auf ihrem Helm, Symbol für das Feuer, das aus dem Geistfeld über die Zirbeldrüse in den Pilger eintritt. Sie singen einen archaischen Gesang, dessen Text fast wörtlich dem Roman Sethos von Abbé Terrasson entnommen ist. Dieser Roman war seinerzeit berühmt. Er beschreibt die Einweihung des Prinzen Sethos durch ägyptische Priester und löste die Ägyptenbegeisterung des 18. Jahrhunderts aus.

Die Melodie, dem Luther-Choral „Ach Gott, vom Himmel sieh darein” entlehnt und leicht abgewandelt, wird von gleichsam seufzenden Tonfolgen begleitet.

Die Musik macht deutlich, wie die Geistkräfte nun das gesamte Wesen des Pilgers durchströmen. In ihrer Kraftzirkulation können sich Haupt und Herz vereinen.

Tamino vernimmt Paminas Stimme, die „Tür wird aufgemacht”, sie umarmen sich.

Herz und Haupt beginnen, zur Einheit zu verschmelzen. Der Kandidat wird von geistiger Liebe erfüllt. Pamina singt:

„Ich werde aller Orten
an deiner Seite sein. –
Ich selbsten führe dich –
die Liebe leitet mich!
Sie mag den Weg mit Rosen streun,
weil Rosen stets bei Dornen sein.
Spiel du die Zauberflöte an,
sie schütze uns auf unsrer Bahn.”

Seelenintuition und geistige Liebe leiten den Pilger.

So kann er sich den Anforderungen dieser Welt mit all den damit verbundenen Versuchungen stellen. Er durchlebt die Versuchungen, die Jesus in der Wüste durchlebt hat. Die Seelenkräfte singen:

„Wir wandeln durch des Tones Macht
froh durch des Todes düstre Nacht.”

Mozart lässt einen langsamen Marsch erklingen, bei dem die Flöte nur leise von den Blechbläsern und Pauken begleitet wird, während man im Hintergrund das Rauschen des Wassers hört.

Die Feuer- und Wasserprobe

Es gibt viele Spekulationen darüber, was in der Oper wohl mit der Feuer- und Wasserprobe gemeint ist.

Auf dem inneren Weg handelt es sich dabei nicht um ein kurzes Geschehen, um eine Art Mutprobe, wie meistens angenommen wird. Vielmehr muss der Kandidat, der durch die neuen geistig-seelischen Kräfte nicht mehr ganz „von dieser Welt” ist, mitten in dieser Welt, inmitten der Kräfte des Materialismus, sein Leben führen und der Menschheit dienen. Die Gefahr besteht dabei, dass er durch falsches Verhalten seine erworbene Seelenkraft wieder verliert. Die Lebenshaltung, die er anzuwenden hat, wird in der Oper mit dem Begriff „Tugend” ausgedrückt.

Durch den unerschütterlichen Mut, den Weg bis zu Ende zu gehen, trifft auf einen solchen Menschen die Prophezeiung des Jesaja im Alten Testament (Jesaja 43, 2) zu:

„Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein,
dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen;
und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen,
und die Flamme soll dich nicht versengen.”

„Wasser” symbolisiert die Äthersphäre, die mit den zahllosen Vorstellungen, Träumen und Phantasien der Menschheit geladen ist. Die alten Griechen unterschieden bei den Strömen der Unterwelt u. a. den Strom des Hasses, den Styx, den Strom des Leides, Acharon sowie weitere Ströme. Der Kandidat muss auf seinem spirituellen Lebensweg durch das Anwenden der göttlichen Liebe, das heißt das „Spielen der Zauberflöte” und durch die vier reinen Elemente immun werden für all diese irdischen Einflüsse, sonst löscht das unheilige Wasser sein inneres geistiges Feuer.

„Feuer” symbolisiert die Astralsphäre, die elektromagnetische Sphäre, in der das Begehren, die dynamische Willensenergie des Menschen brennt. Diese mächtige Lebenskraft muss der Kontrolle des Bewusstseins unterworfen bleiben, Feuer muss zu Seelenlicht werden, sonst verbrennt es die Zentren der Einsichtsfähigkeit und der moralischen Selbstbeherrschung.

So wandert der Pilger durch die Materie dieser Welt und damit zugleich durch die Materie des eigenen Körpers. Beide werden durch seinen Weg verwandelt.

Die Geist-Seele

Die Zellen werden mehr und mehr von Geist-Seelen-Kräften durchdrungen, bis schließlich der materielle, geläuterte Körper die Seele nicht mehr einkerkern kann. Dann erfährt die Seele ihre Auferstehung und wird eins mit der ursprünglichen Menschheit im Reich des Lichtes.

Durch dieses Geschehen gerät Papageno in Not. Die Naturkraft im Pilger fühlt sich zurückgesetzt, fühlt sich verlassen. Papageno droht damit, sich zu erhängen, wenn sein Verhalten auch nicht so wirkt, als ob er es wirklich ernst meinte.

Die drei Knaben, die auch hier helfend zur Seite stehen, singen:

„So lasse deine Glöckchen klingen,
dies wird dein Weibchen zu dir bringen.”

Die Szene soll zeigen, dass auch das Naturwesen noch gebraucht und auf seiner Ebene zu seiner Erfüllung geführt wird.

Mitten in dieser Versöhnung Papagenos tritt die Gegenkraft auf, das, was einst zu Papageno gehört hatte. Monostatos, die Königin der Nacht und die drei Damen haben sich in den Tempelbezirk eingeschlichen. Die Königin der Nacht hat nunmehr Monostatos ihre Tochter zur Gattin versprochen.

Indem der Pilger in die göttliche Natur – Isis – eintritt, wird die irdische Natur zu seiner Widersacherin.

„Der Isis Weihe ist nun dein!
Kommt! tretet in den Tempel ein!”,

so erklingt der Chorgesang.

Vor der vollkommenen Überwindung ist jedoch eine letzte große Versuchung zu durchleben. Die im Inneren verbliebenen Gegenkräfte haben sich konzentriert und greifen Herz und Haupt noch einmal an. Der Angriff scheitert.

„Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht,
zernichten der Heuchler erschlichene Macht!”,

so singt Sarastro.

Und die Königin der Nacht und ihre Gefährten versinken mit den Worten:

„Zerschmettert, zernichtet ist unsere Macht,
wir alle gestürzet in ewige Nacht”

Die Geist-Seele des Kandidaten hat sich in Vollkommenheit entfaltet. Der Eingeweihte lebt noch in der Welt, aber seine Seele ist frei von der Umklammerung der Materie. Sie gehört dem Sonnenreich an, dem Reich des Lichtes. Er ist wahrhaft Mensch geworden und arbeitet mit an der Befreiung der Menschheit.

2 Kommentare
  • BellaBeantworten

    sehr informativ und gut geschrieben.Weiter so!

  • SimoneBeantworten

    Sehr gut geschrieben/ beschrieben.wenn man selber auf dem Weg ist , wird das lesen dieses Textes zu einem tieferen Verständniss und Schrift wird zur Einweihung.
    Bitte andere Stücke die von Warheit leuchten so gut wie dieses beschreiben.Exelent !!!

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