Vortrag

Märchensymposium

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Vortrag von Dr. Gunter Friedrich

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
sind Schlüssel aller Kreaturen,
wenn die, so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen,
wenn sich die Welt ins freie Leben
und in die Welt wird zurück begeben,
wenn dann sich wieder Licht und Schatten
zu echter Klarheit werden gatten
und man in Märchen und Gedichten
erkennt die wahren Weltgeschichten,
dann fliegt vor einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis

Kommt uns das Leben nicht manchmal wie ein Traum vor? Wo sind die Tage geblieben, wo die Jahre und Jahrzehnte? Gibt es etwas Konstantes in uns? Wie „real” sind wir? Könnte es sein, dass wir uns selbst und die, mit denen wir zu tun haben, jeden Tag erneut zur Realität für uns machen, einer Realität, die uns fortwährend wieder unter den Händen zerfließt?

In wenigen, kostbaren Augenblicken der Stille, wenn wir für einen Moment aus dem Zeitenstrom herausgehoben werden, vermögen wir etwas von dem vorüberflutenden Dasein zu schauen. Wir selbst, unsere Freunde und Bekannten, die äußere Welt tauchen kurz auf und verschwinden wieder, einer Fata Morgana gleich.

Was ist Realität? Was ist Illusion? Die indische Mythologie hat sich tiefgehend mit dieser Frage befasst. Unser Verstand kann keine Antwort darauf geben. Er kann die Mythen und Märchen nicht wirklich begreifen. Er ist ganz und gar damit beschäftigt, sich in der Welt der Materie, im Räderwerk der Zeit einzurichten.

Die Mythologie will uns den Grund des Daseins offenbaren. Sie deutet auf den Urgrund hin. Ihre Bilder sind noch mit ihm verbunden. Sie können nur intuitiv verstanden werden. Sie sind älter als der Verstand. Wir hören von Göttern, göttlichen Wesen, Heroenkämpfen, Unterweltfahrten.

Die Mythen und Märchen stimulieren eine tiefere Bewusstseinsebene. Sie können nicht analytisch entschlüsselt, sondern nur miterlebt werden. Ein inneres Mitschwingen kann zu einer Resonanz führen, in der sich inneres Wissen abzeichnet: Ja, wir sind flüchtige Erscheinungen im Zeitenstrom, aber in der Tiefe lebt noch das Andere, das ganz Andere. Der Mythos weist auf das Göttliche, Ewige in uns hin. Das Rad unserer Vergänglichkeit dreht sich, doch die Nabe bleibt unbewegt. In ihr gibt es keine Zeit und keine Gegensätze, in ihr sind „wir” göttliches Kind. Mythen wollen die Verbindung zu unserer Ganzheit aufrechterhalten. Wenn diese Verbindung in unser Bewusstsein tritt, begeben wir uns „auf den Weg”.

Die Realität des Überzeitlichen gehört zu den Erfahrungen aller Völker. Überall auf der Welt weisen die Mythen auf die im Urgrund beschlossene göttliche Dimension des Menschseins hin.

Wir sind nicht mehr der, der wir waren. Der Mythos kann in uns den Drang wecken, unser jetziges Ego hinter uns zu lassen und aus dem Individuellen zum Allgemein-Menschlichen emporzusteigen, das Unsterbliche erneut zu erwecken, ihm zu begegnen und mit ihm zu verschmelzen.

Märchen sind Kinder der Mythen, „spielerische Abkömmlinge einer uralten intuitiven Schau des Lebens und der Welt” (Gebrüder Grimm). Sie schenken uns das Gefühl, dass wir nicht der bleiben müssen, der wir sind. Wir sind zu einer Verwandlung gerufen. Märchen führen über die äußerlich gesetzten Grenzen hinaus. Sie zeigen, dass diese Grenzen künstlich sind, dass sie das „verkehrte Wesen” des Menschen betreffen, wie Novalis sagt. Die Gänsemagd ist in Wirklichkeit keine Magd, sondern eine Prinzessin, der Gärtnerbursche ist in Wahrheit ein Königssohn, das Aschenputtel wandelt sich zur Prinzessin, der Tölpel wird Gemahl der Königstochter.

Trotz der unterschiedlichen Wege der Verwandlung ist der Grundgedanke immer derselbe: Der Mensch wird vom uneigentlichen zu seinem eigentlichen Dasein geführt. „Wenn die echte Prinzessin sich in die Rolle der Gänsemagd zwingen lässt, während die niedrige Magd sich die führende Stellung anmaßt, so heißt das, dass eine falsche, unedle Seite der Gesamtpersönlichkeit die Herrschaft gewinnt und das eigentlich Königliche unterdrückt”, so sagt der Märchenforscher Max Lüthi. Jeder trägt ein heimliches Königtum in sich. Das „König sein” ist ein Bild für die vollendete Selbstverwirklichung. Christa M. Siegert versteht dies nicht im Sinne einer Kultivierung unseres Ich, sondern im Sinne der Mythologie: Das ursprüngliche Wesen Mensch, das nicht der materiellen Welt angehörte, ist Ziel der Vollendung. Die Begriffe „Gold” und „Königtum” weisen auf das Überirdische hin, auf den göttlichen Ursprung, auf das Unvergängliche.

Im Märchen erklingt das „geheime Wort” und Kinder erspüren es. Es ist das Wort des Anfangs. Kinder stehen ihm noch näher, es klingt in ihnen noch nach. Dieses „Wort” verkörpert sich im Märchenhelden auf seinem Weg. Das, was in seinem Inneren bereits angelegt ist, bildet sich heraus. Der Märchenheld reflektiert nicht, er grübelt nicht über den Weg, sondern intuitiv, fast traumwandlerisch folgt er ihm. Durch sein „bodenloses” Vertrauen kann sich das Grundmuster des Seelischen entfalten. Er verlässt sein altes Zuhause, wandert durch die „Fremde” (durch das in ihm selbst, was er noch nicht kannte), tut in Gefahren intuitiv das Richtige und vollendet, wie von einem unsichtbaren Magneten geführt, seinen Weg.

Tiefstes Wissen der Menschheit äußert sich im Märchen. Diese Broschüre enthält Worte des Erzählers Jörn-Uwe Wulf und der Autorin Christa M. Siegert, die Teil von Vorträgen waren. Das Lebendige, von der Phantasie weiter Ausgesponnene, in freier Rede Vorgetragene mag der Leser selbst in sich wach rufen.

Text: Dr. Gunter Friedrich
Foto: HACH
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