Aufrüttelnde Texte

Friedrich Nietzsche: Streifzüge eines Unzeitgemässen

Apollon

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Wo Glaube Not  tut. – Nichts ist seltner unter Moralisten und Heiligen als Rechtschaffenheit; vielleicht sagen sie das Gegenteil, vielleicht glauben sie es selbst. Wenn nämlich ein Glaube nützlicher, wirkungsvoller, überzeugender ist, als die bewusste Heuchelei, so wird, aus Instinkt, die Heuchelei alsbald zur Unschuld: erster Satz zum Verständnis großer Heiliger. Auch bei den Philosophen, einer andern Art von Heiligen, bringt es das ganze Handwerk mit sich, dass sie nur gewisse Wahrheiten zulassen: nämlich solche, auf die hin ihr Handwerk die öffentliche Sanktion hat – Kantisch geredet, Wahrheiten der praktischen Vernunft. Sie wissen, was sie beweisen müssen, darin sind sie praktisch – sie erkennen sich untereinander daran, dass sie über die „Wahrheiten” übereinstimmen. – „Du sollst nicht lügen” – auf Deutsch: hüten Sie sich, mein Herr Philosoph, die Wahrheit zu sagen.
 
 Die Schönheit kein Zufall. – Auch die Schönheit einer Rasse oder Familie, ihre Anmut und Güte in allen Gebärden wird erarbeitet: sie ist, gleich dem Genie, das Schlussergebnis der akkumulierten Arbeit von Geschlechtern. Man muss dem guten Geschmacke große Opfer gebracht haben, man muss um seinetwillen vieles getan, vieles gelassen haben – das siebzehnte Jahrhundert Frankreichs ist bewunderungswürdig in beidem – . Geschlechtsbefriedigung gehabt haben, man muss Schönheit dem Vorteil, der Gewohnheit, der Meinung, der Trägheit vorgezogen haben. Oberste Richtschnur: man muss sich auch vor sich selber nicht „gehen lassen”. – Die guten Dinge sind über die Maßen kostspielig: und immer gilt das Gesetz, dass wer sie hat, ein andrer ist, als wer sie erwirbt. Alles Gute ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist unvollkommen, ist Anfang … In Athen waren zur Zeit Ciceros, der darüber sein Überraschung ausdrückt, die Männer und Jünglinge bei weitem den Frauen an Schönheit überlegen: aber welche Arbeit und Anstrengung im Dienste der Schönheit hatte daselbst das männliche Geschlecht seit Jahrhunderten von sich verlangt! – Man soll sich nämlich über die Methodik hier nicht vergreifen: eine bloße Zucht von Gefühlen und Gedanken ist beinahe Null (- hier liegt das große Missverständnis der deutschen Bildung, die ganz illusorisch ist): man muss den Leib zuerst überreden. Die strenge Aufrechterhaltung bedeutender und gewählter Gebärden, eine Verbindlichkeit, nur mit Menschen zu leben, die sich nicht „gehen lassen”, genügt vollkommen, um bedeutend und gewählt zu werden: in zwei, drei Geschlechtern ist bereits alles verinnerlicht. Es ist entscheidend über das Los von Volk und Menschheit, dass man die Kultur an der rechten Stelle beginnt – nicht an der „Seele” (wie es der verhängnisvolle Aberglaube der Priester und Halb-Priester war): die rechte Stelle ist der Leib, die Gebärde, die Diät, die Physiologie, der Rest folgt daraus… die Griechen bleiben deshalb das erste Kultur-Ereignis der Geschichte – sie wussten, sie taten, was not tat; das Christentum, das den Leib verachtete, war bisher das größte Unglück der Menschheit.
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