Vortrag

Frieden erfordert eine innere Umkehr

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Vortrag von Christiaan Tegel

So zeigt es sich, dass es zwei Wirklichkeiten, zwei Naturen in unserem Leben gibt, eine, die um Wahrheit und Frieden in diesem Leben kämpft und eine, die die Ursache dafür ist, dass dieser Kampf in dieser Welt keine Auflösung finden kann, dass hier nicht gefunden werden kann, wonach unser Herz verlangt.

Es bestehen also zwei Wesenswirklichkeiten, zwei Lebenskerne: der Mensch ist sich durch den Kampf um das Bestehen des einen bewusst. Der andere ist die für ihn noch unbekannte Ursache, die Triebfeder des unablässigen Abtastens und Suchens nach dem Sinn und der Bestimmung, der Wahrheit seines Bestehens.

Es ist ein Mysterium, dass der Mensch durch eine Vielzahl von Erfahrungen, durch die Stürme des selbst behauptenden Lebens treibt, immer wieder mit der Parole der selbst gefundenen Wahrheit, einer der vielen Formen der Wahrheit, die die Einsamkeit des Menschen, das auf sich selbst geworfen Sein, akzentuieren.

In dieser Einsamkeit, in dem sich innerlich verloren Fühlen auf Grund all dieser Erfahrungen, aufgezeichnet während vieler Leben, könnte sich der heutige Mensch fragen: „Was ist das Ziel dieses Mysteriums? Wohin will es mich führen?”

Denn es kann doch nicht sein, dass die Rettung aus kurzen Augenblicken der Ekstase, in mystischer Träumerei, dem Beibehalten von Dogmen, in Drogen, Sex oder im Erreichen okkulter Kenntnis, Besitz, Macht oder Ruhm besteht! Unmöglich, denn genau all dieses gehört zu der Welt des kurzen Lebens, der Illusion, der vielen gewünschten Wahrheiten des Persönlichkeitsmenschen.

Im Menschen liegt ein höheres Ziel verborgen, ein göttliches Mysterium, ein universeller Kern, der der Quell der einen Wahrheit ist. Der Mensch muss darum zur Entdeckung kommen, dass er in sich selbst zweifältig ist. Diese Zweifältigkeit schließt sowohl die Berufung als auch die Wahrheit in sich ein. Darin glimmt fundamentale Freiheit und kann sich ein ewiger Friede entfalten.

Das ist das Mysterium der zwei Naturen im Menschen: einerseits der Ich-Mensch in seiner natürlichen Selbstbehauptung und andererseits das stets anwesende göttliche Kernprinzip in ihm, das sich als Ewigkeitsdrang nach Einheit und Frieden bemerkbar macht.
Leider fehlt dem Menschen die wahre Weisheit bezüglich dieses Mysteriums. Sie kann nicht mit dem analytisch dualistischen Denken, dem Denken von „Gut” und „Nicht gut” gefunden werden. Sie ist einzig in der Stille des umgewandten Herzens zu finden, in einem neuen innerlichen Wissen.

Durch alle Zeiten hin spricht die Universelle Wahrheit über dieses Mysterium. Sie spricht über Gnosis, die Kenntnis, die frei wird durch das Erwachen des göttlichen Kerns im Menschen, das Königreich Gottes in ihm. Dieser Kern wird mit unterschiedlichen Namen bezeichnet, die in anderen Kulturen und Zeiten der Entwicklung entstanden sind, z.B.: Atman, das Juwel in der Lotosblüte, das Samenkorn Jesu, die Rose des Herzens, das Geistfunkenatom, aber gemeint ist stets das selbe ewige Prinzip.

Und zu allen Zeiten erklingt: „Sei still, gehe in dein innerliches Kämmerlein und finde die eine Weisheit, die die eine Wahrheit und Frieden bringen wird.” Hier wird über die Gnosis nicht als Theorie, sondern als eine alles erneuernde Lebenspraxis gesprochen, als Tatkraft auf der Basis eines alles erneuernden Wissens. In dieser erneuernden Tatkraft liegt eine höhere Wahrheit als in tausend Worten über die Wahrheit.

Das ist das Mysterium, das in jedem Menschen verborgen liegt. Der Kraftquell im Herzen jedes Menschen kann nur durch Zuwendung erschlossen werden, nicht in mystischer Träumerei, durch Absonderung oder spekulatives Denken, sondern auf der Basis einer stillen Positivität, in einem bewussten Erkennen, dass mit der naturgeborenen Persönlichkeit in Hinsicht auf die Wahrheit, die Einheit und Frieden bringt, weniger als nichts erreicht werden kann. Dafür muss man das Mysterium der anderen Natur in sich finden und ihm folgen.

Ist das in dieser hektischen, veräußerlichten, spekulativen und unsicheren Zeit, in der wir leben, möglich? Ja, die Möglichkeit besteht immer im Menschen selber, auch im Heute. Eigentlich ist die Wahrheit ein Teil des Menschen und kann in ihm ungeachtet aller Entartung erschlossen werden, weil unsere stoffliche Welt von einer geistigen Essenz durchdrungen ist. Es handelt sich um die Universelle Christuskraft, die unaufhörlich in der Welt wirksam ist.

Unsere Zeit ist eine Zeit von Unsicherheit und Zweifel, von vielen religiösen Gruppen und Kräften, eine Zeit des Suchens. Der Mensch schreit gleichsam nach einer eindeutigen Wahrheit. Dann kann es geschehen, dass sich die Rose entfaltet, dass das Geistfunkenatom im Herzen lebendig wird, wie aus einem Todesschlaf erwacht… Dann geht von uns ein Suchen aus, ein Rufen, eine Strahlungskraft, der Wille, die eine Wahrheit zu finden. Auf die innerliche Stimme so zu reagieren, das ist das wesentliche Ziel, die Berufung jedes Menschen!

Sie möchten wohl gerne ein solcher Mensch sein, vielleicht sind Sie es schon. Dann erkennen Sie vielleicht, und sei es auch als ferne Perspektive, das Wissen über das Bestehen einer vollkommenen Ungeteiltheit, einer alles umfassenden und alles durchdringenden Einheit wieder. Dann kennen Sie vielleicht ein neues Unterscheidungsvermögen, die Erfahrung, innerlich mit einem universellen Prinzip verbunden zu sein. Das ist die Folge der Geistkraft, die von dem Urquell in uns ausgeht.
Gott, der Schöpfer, die Geistkraft und das Geistfunkenatom, der Andere im Menschen, sind eins. Darin besteht keine Geschiedenheit. Es gibt kein Hoch oder Niedrig, weit oder nah, nur Einheit, die Weisheit und das Gleichgewicht des wahren Lebens. Durch diese Geistkraft senkt sich der wahre Frieden ein. Das spekulative Denken des Persönlichkeitsmenschen hat damit nichts mehr zu tun.

Die Geistkraft öffnet prozessmäßig über das still gewordene Herz diese allumfassende universelle Weisheit. Durch diesen Friedenzustand wird eine neue, freie Wahrnehmung im Menschen geboren: Gnosis, die Erkenntnis Gottes, die Wahrheit.

Bringt diese Wahrheit Frieden? Ja und nein. Jesus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben”, aber auch: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert”. Was soll das heißen? Es bedeutet: wer der neuen Einsicht folgen will, muss Entscheidungen treffen. Oft ist ein innerlicher Kampf die Folge.

In jedem Menschen muss eine neue Seele geboren werden, die eins mit dem Göttlichen Schöpfungsplan ist, eins mit dem Vater. Diese neue Seele kann den Geist empfangen, der die Wahrheit erklärt und Frieden bringt. Jedoch kann kein Frieden, geschweige denn Weltfrieden sein, solange alles Leben an das Gesetz von Gut und Böse gebunden ist.
Geht man den Weg der innerlichen Umkehr zum Licht, weiß man sich also hierzu gerufen, dann lernt man stetig strebend das Wesen des wahren Friedens kennen, eines Friedens, der allen Verstand übersteigt.

Hier geht der alte Mensch – wie die Rosenkreuzer aller Zeiten sagen – in Jesus dem Herrn unter. In diesem Mysterium liegt zugleich die Erlösungsmöglichkeit für die ganze Menschheit beschlossen. In dem Augenblick, in dem der Mensch den Anderen in sich in Wahrheit kennen lernt, erwacht in ihm eine neue Tatkraft, die völlig streitlos ist. Dieser Mensch kann dann nicht anders, als alles, was aus der göttlichen Schöpfung, dem Quell der Ebenbürtigkeit, entspringt, lieb zu haben. Daher kommt es, dass der in diesen Befreiungsstrom aufgenommene mikrokosmische Mensch die Menschheit nicht loslassen kann. Er kehrt zurück, um dem noch im Ego gefangenen Menschen seine Hilfe zu bringen.
Denken Sie hierbei an alle die großen Weltlehrer und die vielen für uns Unbekannten, die der Menschheit in dieser Umwendung tatsächlich vorangingen. Ihr ganzes Tatleben brachte einen Ruf, eine Weisheit, eine Möglichkeit zur Wiederherstellung zustande, die sie zum ursprünglichen Ziel des Menschen führte.

Denken Sie hierbei bitte nicht an die veräußerlichten Resultate, die Menschen und Institutionen in ihrem Drang zur Selbstbehauptung daraus gemacht haben. Wenn die Ich-Persönlichkeit des Menschen das Mysterium der Wahrheit nicht begreift, macht sie aus jedem Evangelium eine Karikatur.

Die Lehre wird dann nach der äußerlichen Person verstanden und innerhalb der Ideen von Gut und Böse angesiedelt. Alles, was man nicht verstehen kann, wird dann zu den Wundern gezählt oder auf die Zeit vor oder nach dem Tod projiziert, und zwar als Urteil, Himmel oder Hölle, Gut oder Böse, und damit definitiv hinuntergezogen in die Bilder unseres dualistischen Bestehens, ungeachtet der Tatsache, dass Jesus sagt: „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt”.

Dadurch entsteht eine unbeschreibliche Verwirrung, entstehen Gesetze und Dogmen, denen niemand genügen kann, weil sie aus einer ganz anderen Ordnung stammen. In diesem spekulativen Irrtum entstehen Schuldgefühl, Unterdrückung, Streit und ohnmächtiges Leiden vieler Millionen. Es entsteht geistige Abstumpfung in einer vermeintlichen Abhängigkeit von einem buchstäblich interpretierten, aber im Wesen nicht verstandenen Evangelium.
Die Erlösungslehre kommt aus einer völlig anderen Ordnung! Der tiefe Sinn des Evangeliums, dieser Frohen Botschaft Gottes, ist nichts anderes als das Zeichen der Überwindung aus dem Kreislauf von Leben und Tod durch den Menschen. In der Mysteriensprache der Bibel bedeutet die Geburt Jesu die Geburt des Anderen in uns, das wieder Lebendigwerden des Geistfunkens, somit eine Wiedergeburt, eine neue Beseelung.
Diese neue Beseelung kommt durch die reine Empfänglichkeit des Herzens, Maria, zustande. Die Aufgabe, zu zimmern und aufzubauen übernimmt in Ergebenheit die Vernunft, Josef, zurückgekehrt und aufgenommen in das Atemfeld Bethlehems, was „Brothaus” bedeutet. Das ist das Atemfeld, der Nährboden für den Geistfunken. Denn das Brot für die neue Seele ist nichts anderes als die Welt umfassende und Welt durchdringende Hilfe der universellen Liebe Gottes, der Christuskraft.

Wenn der Mensch sein Kreuz der Veränderung von Bethlehem nach Golgatha auf sich nimmt (Golgatha bedeutet Hauptschädelstätte), erhält er ein neues Seelenbewusstsein und wird mit diesem Kreuz vereinigt, indem er seine Rose daran heftet.

Stellen Sie sich vor, dass in Ihnen wie eine unbeschreibliche Sicherheit ein Wiedererkennen lebt, eine innere Erfahrung, dass dieser Weg in Ihnen auf Sie wartet. Sie erfahren dies dann gleichsam als eine neue Hoffnung. Und ob Sie es wollen oder nicht, Sie werden dann von innen heraus vor die unumgänglichen Konsequenzen gestellt. Worin bestehen denn nun diese Konsequenzen, vor die Sie so unentrinnbar gestellt werden?

Nun, es ist in diesem Moment ein neues Erfahrungswissen, somit ein neues Unterscheidungsvermögen in Ihnen entstanden. Diese Einsicht rührt nicht von dem Intellekt der Ich-Persönlichkeit her. Und nun geht es darum, dieser Einsicht zu folgen. Aber anfangs ist alles noch sehr subtil, meist noch überdeckt von den Bewegtheiten des Persönlichkeitsmenschen. Und doch ist es Teil des menschlichen Bewusstseins geworden und nicht mehr zu leugnen.

Solange jedoch die Persönlichkeit diesen Drang noch zur eigenen Erhebung und Bereicherung anwendet, kann keine Seelen erneuernde Entwicklung in ihm stattfinden. Die reine Empfänglichkeit wird dann überdeckt durch das Streben, Wünschen und Wollen der Persönlichkeit. Dieses Streben nach höherem Gut durch den Persönlichkeitsmenschen ist uns nicht unbekannt. Denken Sie hierbei an die vielen Möglichkeiten, die uns in der Mystik, der New-Age-Bewegung und den vielen okkulten Trainingsmethoden usw. angeboten werden.

Um diesen Verirrungen, die jedem egoistischen Streben zu eigen sind, so viel wie möglich entkommen zu können, erteilt die Geistesschule des Rosenkreuzes ihren Schülern einige Ratschläge. Einer davon erscheint uns in diesem Zusammenhang ausschlaggebend, und wir wollen ihn gerne vor Sie stellen. Es handelt sich nur um eine Regel:

„Lebe in allem nicht länger als stoffgeborener Mensch”.

Stellen Sie sich nicht in den Mittelpunkt Ihres Erlösungsstrebens, sondern werden Sie still, damit der Andere in Ihnen sich entfalten kann. Geboren im Stall all unserer Bewegtheiten, schenkt er uns eine Weisheit, die weit über den menschlichen Verstand hinausgeht, das Wunder einer neuen Offenbarung. In Ihnen wird dann ein wunderbarer Frieden fühlbar, der Friede von Bethlehem. Die universelle Christuskraft hat sich in die dunkle Nacht hernieder gesenkt und das Geistfunkenatom wiedererweckt.

Dann öffnet sich eine fünffältige Gnosis, ein Genesungsprozess, der unser mikrokosmisches System befreit und den Weg zu seiner wahren, ursprünglich göttlichen Art erkennen lässt.
In aller Kürze können wir diesen Prozess wie folgt beschreiben:

Es beginnt mit der Einsicht, die das offene Tor zum neuen Leben ist. Als nächstes entsteht aus der Einsicht das Verlangen nach wirklicher, allumfassender Erneuerung: das Heilbegehren. Drittens entsteht daraus ein Streben, eine Hingabe an diesen Heilsweg. Dass dies nicht immer einfach für die alte Persönlichkeit ist, ist wohl selbstverständlich. Der natürliche Selbstbehauptungstrieb des alten Menschen verlangt sein Recht. Was durch viele, viele Äonen hin aufgebaut worden ist, kann nicht gerade mal so abgerissen werden. Aber in wem das wirkliche innere Verlangen lebt, wird viertens das neue Wissen umsetzen in neue Lebenshaltung. Und daraus entsteht – es kann nicht anders sein – fünftens im Menschen das befreiende innerliche Gleichgewicht zur Dienstbarkeit an Gott und jedem Menschen.

Das ist der Weg, zu dem im Prinzip jeder Mensch gerufen ist. Dieser Weg ist nicht weltfremd, sondern führt gerade mitten durch die Welt. Er macht die hohen Werte für jeden Menschen frei, niemanden ausschließend, und bringt „den Frieden von Bethlehem”. Das ist die innerliche Umkehr, die Frieden bringt.

Übersetzung: Ursula Klee
Foto: Christel Achenbach
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