Vortrag

Die Wasser des Nichtseins Ein indischer Mythos

275px-Vishnu_and_Lakshmi_on_Shesha_Naga,_ca_1870.jpeg

Diesen Artikel empfehlen:

Vortrag von Jörn-Uwe Wulf

Kann man eine Offenbarung des Geistes beschreiben, kann man sie erleben? Wie spricht der Geist zu uns?

In einem alten Hindutext aus dem Matsya-Purana heißt es: „Wenn aber nur das erkannt werden kann, was der Gott vorher gezeigt hat, wer will dann ihn selbst erkennen?”

Der Geist ist unkennbar, daher ist es uns nicht möglich, ihn intellektuell und begrifflich zu durchdringen. Die alten hinduistischen Meister wählten darum den Mythos, um den Gläubigen eine Vorstellung vom Geist zu vermitteln. Die Mythen sprengen unser begriffliches Erkenntnisvermögen. Ihre Botschaft wendet sich nicht in erster Linie an den Verstand, sondern an die Intuition. Und wahrhafte Intuition wird gegenwärtig immer wichtiger. In ihr kann etwas von unserem Innersten sprechen. Ein ursprüngliches Verlangen, eine „Erinnerung”, kann im Herzen erklingen.

In den so genannten „Puranas”, hinduistischen Lehrbüchern, finden sich, neben Vorschriften für religiöse Übungen, Mythen über den Ursprung und das Ende der Welt. Puranas werden heute auf eine Stufe mit den Veden, den alten heiligen Schriften Indiens, gestellt und erst in unserer Zeit im Auftrag der UNESCO aus dem Sanskrit ins Englische übersetzt. Erwähnungen von Puranas lassen sich bis in das vierte Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgen.

Einer der wunderbaren Mythen aus dem Matsya-Purana berichtet von dem Weisen Markandeya, der eine Offenbarung des höchsten Geistes erfährt. Wir erzählen diesen Mythos hier gekürzt neu. Dazu schöpfen wir aus Sekundärquellen bedeutender Indologen, denn das Matsya-Purana wurde bisher nur bruchstückhaft aus dem Sanskrit übersetzt.

Der Markandeya-Mythos

Am Ende eines Weltzeitalters, eines Tages Brahmas, „wenn die Gesellschaft in einen Zustand gerät, in dem Reichtum Rang verleiht, Besitz zur einzigen Quelle der Tugend wird, Leidenschaft das einzige Band zwischen Mann und Weib ist, Betrug die Grundlage des Erfolges im Leben, geschlechtliche Liebe der einzige Weg zur Freude und äußere Verwirrungen mit innerem Glauben zusammengeworfen werden, […] dann sind wir im Kali-Yuga angekommen, der Welt von heute.”

„Alte Leute wollen sein wie die Jugend, der Jugend mangelt es an Offenheit, Lehrer, Händler, Diener räkeln sich in Gemeinheit, der Wille zu Höherem ist erloschen, engste Ich-Sucht herrscht.”

Ist die Menschheit von diesem Elend befallen, dann ist jede Rettungsmöglichkeit verschwunden und das All reif für die Auflösung. Vishnu, der höchste Gott, saugt dann den Kosmos in die göttliche Substanz ein. Er verschlingt das unfruchtbare Chaos und nimmt Menschen und Planeten, Tiere und Sonnensysteme, Pflanzen und Galaxien, Götter und Universa wieder in sich auf. Er lässt alle beseelten Wesen, vom Gott bis zum Stein, schmelzen und alles kehrt wieder in das höchste Wesen zurück. Hitze und Feuchte werden sich abwechseln. Was vorher nährte, wird nun zerstören.

Vishnu wird die Sonne und alle Wesen mit Blindheit schlagen – Die Erde trocknet aus, das göttliche und das irdische Wasser verschwinden.
Vishnu wird Wind – und entreißt allen Kreaturen die belebende Luft.
Vishnu wird Feuer – und der Riesenweltenbrand entflammt.
Vishnu wird Wolke – und ein Sturzregen, rein und süß wie Milch, löscht den Brand.
Und die Welten lösen sich im Nirwana auf. Die Erde wird in das Meer des Ursprungs zurückgenommen, die Elemente schmelzen in das Ungeschiedene, Fließende ein. Mond und Sterne lösen sich auf, nur noch ein grenzenloser Ur-Ozean existiert.
Vishnu schläft – Allein und einsam liegt er, eine riesige Gestalt, auf der Substanz des Ur-Ozeans, halb untergetaucht, halb auf den Wogen treibend, schlummernd, ohne Wissen, nur er selbst.

Vishnu träumt – Er träumt das All, wie es sein sollte. Innerhalb der Gottheit liegt der Kosmos wie ein ungeborenes Kind und die Welt läuft in ihren harmonischen Bahnen, so wie es sein soll.

In Vishnus Traum wandert ein heiliger Mann über die ideale Erde, ein Pilger, der voller Freude die ideale, göttliche Welt betrachtet. Viele Jahrtausende ist der Heilige alt. Sein Name ist Markandeya. Er ist groß, kraftvoll und weise. Er besucht die heiligen Orte, Quellen und Stätten. Er sieht den gottgefälligen Menschen bei ihrem Streben zu. Markandeya ist eins mit dieser geträumten Welt im Inneren der Gottheit.

Aber da geschieht etwas Wunderbares: Im ungeheuren Schweigen der kosmischen Nacht schläft der Gott mit offenem Mund. Und der Alte rutscht im Wandern aus dem Mund des träumenden Gottes heraus und stürzt kopfüber ins Meer. Zuerst sieht Markandeya den schlafenden Gott nicht. Er plätschert im nächtlichen Meer und grübelt: „Träume ich? Bilde ich mir das ein? Bin ich wahnsinnig geworden? Wo sind Sonne, Mond, Sterne? Ausgelöscht? Das hat diese Welt nicht verdient. Hier ist kein Wind – die Erde, wo ist sie? Wo bin ich?”

Immer verzweifelter kämpft Markandeya im Ur-Ozean um sein Leben. Da bemerkt er endlich den gewaltigen Leib des schlafenden Gottes. Er ähnelt einer Bergkette, die aus dem Wasser aufsteigt. „Ja, jetzt sehe ich es genauer, dieser Berg glüht von innen her; ein wundervolles Licht!” Näher heran schwimmt der Heilige, will genauer hinsehen – da greift eine riesige Hand nach ihm, führt ihn zum Mund und schluckt ihn hinunter.

Nun steht der Heilige unvermittelt wieder in der vertrauten Landschaft im Traum des Gottes und bleibt verwirrt stehen. „Was war das? Träumte ich? War es eine Vision?” Da Markandeya nichts anderes übrig bleibt, wandert er weiter, schaut den Yogis und Asketen bei ihren heiligen Übungen zu, freut sich über die Weisheit der Brahmanen, bestaunt die Regierungskunst der Könige und wandert dabei immer weiter durch die göttliche Traumwelt. Weitere hundert Jahre geht er durch die Welt, wie sie sein sollte, die der höchste Gott träumt.

Aber dann gleitet er eines Tages abermals aus dem Mund des Gottes und fällt in die pechschwarze See. In dieser furchtbaren, stillen Weite schwimmt er umher und erblickt plötzlich eine Insel. Dort, unter einem Feigenbaum, schläft ein Kind. Und was für ein Kind ist das! Es strahlt von innen her. Vor Staunen vergisst Markandeya zu schwimmen und geht beinahe in den schwarzen Fluten unter. Als er sich wieder gefasst hat und zu der Insel blickt, da spielt das strahlende Kind ganz frei und unbeschwert vor der grauenvollen, endlosen Weite ringsum. Ein überirdischer Glanz geht von dem Kind aus.

Schüchtern tritt der Alte Wasser, um nicht zu versinken, und schaut. „So etwas Ähnliches habe ich doch schon einmal…, doch wo…, vor langer Zeit?” Da wird sich Markandeya der unermesslichen Tiefe des Ozeans bewusst. Panik will ihn ergreifen, doch in demselben Moment hört er die Stimme – wie wenn sanfter Donner tief grollt. „Willkommen Markandeya!” Es ist das Kind, das zu ihm spricht. „Willkommen Markandeya, fürchte dich nicht, mein Kind, komm näher!”

So hat ihn noch niemand angeredet, so lange er lebt. Gleich mit Vornamen angeredet zu werden – wie respektlos! Wieder vergisst Markandeya das Schwimmen. Im Ertrinken noch empört er sich: „Wer redet so respektlos mit mir? Wer meint, mich duzen zu müssen, mich, der ich mehr als tausend Jahre alt bin! Diese Behandlung bin ich nicht gewöhnt. Sogar die höchsten Götter achten mich, sie nennen mich „Langlebiger”. Wer riskiert da sein Leben, indem er mich so anruft, wer wirft sein Leben weg? Wer bittet da zu sterben?”

Der göttliche Knabe bleibt ganz ruhig. „Kind, ich bin dein Vater, Großvater, Urgroßvater, das uranfängliche Wesen, das allem Leben verleiht. Komm her zu mir. Ich kannte deinen Vater gut. In längst vergangenen Zeiten gewährte ich ihm einen Sohn mit unerschöpflicher Lebenskraft. Dein Vater kannte den geheimen Kern des Daseins, und aus diesem Kern stammst du. Darum darfst du mich erblicken, wie ich auf dem uranfänglichen Ozean ruhe und als ein Kind unter diesem Baum spiele.”

Da öffneten sich Markandeyas Augen wie aufgehende Blüten. Es sah so aus, als wollte er sich im Wasser schwimmend verneigen. „Herr des Alls, mit welchem Namen nennt man dich?”

„Ich bin der Anfang, das erste Wesen, der Quell des Alls. Ich bin das heilige Feuer, der Kreislauf des Jahres, der Weltjongleur, der Zauberer, der wundervolle Listen der Täuschung entwickelt. Die Entfaltung des Alls ist meine Schöpfung. Und ich bin das Ende, der zerstörerische Wirbel, der alles wieder einsaugt, das jemals entfaltet wurde. Mein Name ist: Tod des Alls.”

Weiter sprach das Kind: „Ich bin die heilige Ordnung, das Licht des Himmels, der Wind und die Erde, der Raum, der sich in alle Himmelsrichtungen ausdehnt. Ich bin das uranfängliche Wesen und die höchste Zuflucht. Aus mir entsteht, was jemals war, ist und sein wird. Was immer du im All wahrnimmst, ich wohne darin. Ich weise über die Ziele menschlichen Lebens hinaus, die da sind: Befriedigung der Sinne, Bemühen um Wohlstand, Erfüllung heiliger Pflichten, aber ich zeige diese drei als angemessene Ziele irdischen Daseins. Wandere beglückt weiter durch das All in meinem Leib. Die Götter leben dort und die heiligen Seher.”

Mit schneller Bewegung wischte das uranfängliche Wesen den Heiligen zurück in seinen Mund und verschluckte ihn wieder. Dieses Mal war das Herz Markandeyas von solcher Seligkeit überflutet, dass er zu wandern aufhörte und sich einen verborgenen Ort suchte. Dort blieb er in der Stille und lauschte dem Gesang der unsterblichen Wildgans mit ihrer zunächst kaum hörbaren, verborgenen, und doch alles durchdringenden Melodie des ein- und ausgehenden göttlichen Lebensatems. Und Markandeya hörte in dem Atem des Gottes: „Viele Gestalten nehme ich an. … Und … wenn Sonne und Sterne verschwunden sein werden, treibe ich und schwimme in langsamer Bewegung auf der grenzenlosen Ausdehnung der Wasser. … Ich bin der Herr… Ich bringe das All aus mir hervor und wohne im Kreislauf der Zeiten, der es auflöst.”

Vishnu

Vishnu ist in der indischen Tradition der Erhalter des Universums. Er gilt als der Gott, der die Welten mit all ihren Lebewesen auf dem Weg der Emanation ins Dasein gerufen hat und das Leben dann für eine gewisse Zeit erhält, bis sich das Universum auflöst.

Dieser Gott offenbart sich Markandeya auf sehr besondere Art. Zunächst wandelt der Heilige im Traum des Gottes. Er ist im Geist, aber noch in einem schlafähnlichen Zustand, sich seiner selbst noch nicht bewusst. Er geht ganz im Traum des Gottes auf, er ist vertraut mit ihm und geht so seine Pfade auf die rechte Weise. Bei diesem Zustand kann es jedoch nicht bleiben. Der Mund ist das Schöpfungsorgan eines Gottes: Gott spricht und „Es ist”. In der Legende fällt Markandeya aus dem Mund Vishnus in das große Wasser – in das Meer der Ursubstanz.

Der Weg zum Bewusstsein

So wird Markandeya, der jungfräuliche, noch unbewusste Mensch, zum Geschöpf, das sich in der Substanz verkörpern muss, um dort Bewusstsein zu erlangen. Aus dem ursprünglichen Sein im ungeoffenbarten Geist (dem Traum Vishnus) wird er gleichsam in den Ozean der Geistferne, den Ort des geistigen „Nicht-Seins” hinausgespien. Aber diese erste Erfahrung trifft auf ein noch latentes Bewusstsein. Verwirrung und Angst ergreifen den heiligen Mann und er kämpft verzweifelt im schwarzen Wasser. Er fühlt die Trennung von Gott und empfindet das kosmische Meer als Bedrohung. Er nähert sich zwar dem Gott, nimmt ihn aber nur als einen gewaltigen, überwältigenden Berg wahr. Ohne richtiges Erkennen wird er von Vishnu wieder verschlungen, wird wieder zum Traumbild des Gottes. Aber mit dieser ersten Erfahrung im Ozean der Ursubstanz ist der Keim zum späteren Selbstbewusstsein gelegt.

Das strahlende Kind

Als Markandeya nach weiteren langen Zeiträumen erneut aus dem Mund des Gottes fällt, kämpft er nicht mehr, sondern kann jetzt schwimmen. Der Anblick des strahlenden, göttlichen Knaben löst in ihm eine Erinnerung an das Licht des Geistes aus. Erst bei diesem zweiten göttlichen Kontakt kann Markandeya die Situation erfassen. In diesem Moment wird er sich der Tiefe des Ur-Ozeans bewusst. Er wird sich seiner selbst bewusst! Als das strahlende Kind ihn anspricht, wird er zornig, denn er wähnt sich schon sehr erfahren und wird doch von einem Kind als Kind angesprochen! Aber er hört – und plötzlich öffnen sich seine inneren Augen. Markandeya erkennt. Er wird nun direkt vom Geist (Vishnu) angesprochen, der sich ihm in der Gestalt des göttlichen Kindes offenbart. Erst jetzt ist Markandeya reif für „das Wort”, die Geistoffenbarung. Und er verstummt. „Es bewegt sich alle Welt in mir, der sich doch niemals regt. Am Ende eines Weltenlaufs löst sich die Kreatur in meine Urmaterie auf, dann ruht die Natur,” so spricht der Gott.

Eins mit dem Geist

Markandeya geht wieder in die göttliche Welt ein. Im Traum des Gottes, in der Welt, wie sie sein soll, bleibt er – still geworden – an einem verborgenen Ort. Da erst, ganz zum Schluss, offenbart sich ihm der Ruf der Wildgans, der Atem alles Seienden. Jetzt ist Markandeya reif dafür, diesen Ruf fortwährend zu vernehmen. Die Wildgans (oder auch der Schwan) ist das vielen Völkern bekannte Symbol für den Geist, der alle Welten bewohnt. Markandeya hört diesen Ruf, spürt den Atem des Seins und wird sich seiner selbst und des Geistes bewusst. Er geht wahrhaft in Vishnu ein.

„In ihn gehen ein, deren Sünden durch Erkenntnis abgeschüttelt sind; und nachdem sie in ihn eingegangen sind, entstehen sie nicht wieder,” so heißt es im Matsya-Purana.

Literatur
Text: Jörn-Uwe Wulf
A. Hohenberger: Die Indische Flutsage und das Matsyapurana, Leipzig 1930, 
H. Zimmer: Indische Mythen und Symbole, 5. Aufl. München 1993
E. Schleberger: Die Indische Götterwelt, München 1986
Abbildung: Vishnu und Lakshmi 1870
1 Kommentar

Ihr Kommentar