Vortrag

Die befreiende Botschaft im Märchen Vom Geheimnis der erwachenden Wunderblume

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Vortrag von Christa Siegert

Märchen entfalten Ihre Botschaft immer wieder neu. Was haben sie uns in unserer Zeit zu sagen? Man hat ihre Bedeutung in Bezug auf die Entwicklung des heranwachsenden Menschen, seinen Reifungsprozess, deutlich erkannt. Heute möchte ich Ihnen eine andere Sichtweise vortragen, die über die rein psychologische Deutung hinausgeht. In unserer Zeit tritt uns die befreiende Botschaft im Märchen klarer als je zuvor vor Augen.

Es gibt viele Bilder und Symbole in den Märchen. Wenn wir über eine befreiende Botschaft sprechen, bietet sich vor allem das Bild der Wunderblume an. Ich will versuchen, Ihnen einen Hauch vom Geheimnis dieser Wunderblume zu übermitteln.

Warum erschließt sich ihr Geheimnis gerade in der heutigen Zeit? Es geschieht, weil wir in eine neue Phase der Menschheitsentwicklung eintreten. Das Bewusstsein vieler Menschen steht davor, aus dem Rausch der tausend Unbewusstheiten, der Ohnmacht eines globalen Wahn-Sinnes, der Gefangenschaft patriarchalischer Denkmechanismen auszubrechen.

Sinnbild hierfür ist im Märchen Dornröschen die Dornenhecke, die den königlichen Hofstaat einschließt, abkapselt. Doch zu einem bestimmten Zeitpunkt beginnt sie ihre beherrschende, isolierende Kraft zu verlieren. Und dann bekommt die schlafende Rose – Dornröschen – die Möglichkeit, zu erwachen. Eine atmosphärische Kraft wirkt dabei entscheidend mit. In der Sprache des Märchens wird sie der Königssohn genannt. Er durchdringt dieDornenhecke des überkommenen Weltbildes und weckt unser Innerstes, unser wahres Selbst, gleichsam mit einem Kuss auf.

Dornröschen erwacht. Das ist ein Geschehen, das uns zu einer lebendigen Wirklichkeit werden kann. Ein fühlbares Zusammenspiel von Kräften kann uns über die Grenzen des bisherigen Bewusstseins hinausführen.

Die Wunderblume wird an anderer Stelle auch als ein Blütenkelch mit einer leuchtenden Perle dargestellt. Diese Bilder deuten auf ein bestimmtes Seelenprinzip hin. Wenn wir es nicht besäßen, würden wir in eine ausweglose Sackgasse laufen. Doch mit diesem Seelenaspekt besitzen wir wahrhaftig einen Schatz, ein geistiges Erbe, das lange in Latenz verharren musste. Eine Reihe von Märchen weist uns hierauf hin. Friedrich Schiller spricht in diesem Zusammenhang vom Götterfunken.

Dieser göttliche Funke enthält die Möglichkeit eines neuen Bewusstseins, das uns in innerer Freiheit und Liebe mit allen Menschen verbindet. Dazu gibt die Wunderblume, von einem höheren Willen gedrängt, ihr Geheimnis preis.

Ich will versuchen, Ihnen das am Beispiel von vier Märchen, die ich in Kurzform wiedergebe, nahe zu bringen.

Dornröschen

Kommen wir wieder zurück auf das Märchen Dornröschen. Erinnern Sie sich?:

Es waren einmal ein König und eine Königin, deren sehnlichster Wunsch nach einem Kind in Erfüllung ging. Als das Königskind in der Wiege lag, umstanden es zwölf weise Feen und jede sprach ihre guten Segenswünsche aus. Als nun gerade die zwölfte Fee ihren guten Wunsch bekunden wollte, brauste ungerufen eine dreizehnte, unheilvolle Fee herein und wünschte dem Königskind in seinem fünfzehnten Lebensjahr den Tod durch die Spindel. Welch ein Schrecken am Königshof! Die zwölfte gute Fee tat nun ihren Segenswunsch in der Weise, dass sie den Todesfluch der bösen Fee in einen hundertjährigen Schlaf umwandelte; ein König sollte dann nach hundert Jahren kommen und das Königskind wieder erwecken. Gott sei Dank hat die gute Fee das getan! Sonst könnte die Seele der Menschheit, die mit dem Königskind gemeint ist, nie und nimmer aus ihrer Ohnmacht erlöst werden …

Der König im Märchen lässt vorsorglich alle Spinnräder im Land verbrennen und das Königskind wächst zum Wohlgefallen aller heran. Bald vergisst man die böse Verheißung. Als nun das Königskind zweimal sieben Jahre hinter sich hat, steigt es einmal voll Neugier die alte Wendeltreppe im Schloss hinauf und findet zuoberst in einem Turmkämmerlein eine uralte Frau am Spinnrad spinnen. „O was ist das? Darf ich auch einmal?” Das Königskind nimmt die Spindel neugierig in die Hand, sticht sich und fällt wie tot zu Boden! Jetzt ist das kosmische Drama mit der experimentierfreudigen Seele der jungen Menschheit also doch eingetreten. Das Königskind fällt in einen tiefen, tiefen Schlaf. Alles umher schläft ein. Das ganze Schloss mit allem Drum und Dran schläft ein. Und eine wilde Dornenhecke beginnt das Schloss zu überwuchern und unter sich zu begraben.

Wie lange das dauert? Hundert Jahre? Tausend Jahre? Hunderttausend Jahre? Im Märchen kommt nach vielen vergeblichen Versuchen fremder Ritter, die sich alle im Dornendickicht verheddern und umkommen, endlich zum bestimmten Augenblick, nach hundert Jahren, der lang ersehnte, einzigartige Königsohn, der die Dornenhecke nur mit seinem Schwert berührt – und sie öffnet sich wie von selbst! Er dringt ein bis zum Gemach, in dem Dornröschen schlafend liegt und gibt ihm einen zarten Kuss. Davon erwacht Dornröschen aus seinem Todesschlaf und es erkennt seinen Erlöser und Bräutigam. Alles im Schloss erwacht nach und nach und die Vorbereitungen für die Hochzeit der beiden können getroffen werden.

Es hat sich in den vergangenen Jahren weithin herumgesprochen, dass Märchen nicht nur Spiegel psychologischer Entwicklungsvorgänge, sondern darüber hinaus auch Mittler geistiger Botschaften, geistiger Gesetzmäßigkeiten sind, die als fließendes Kräftespiel von Licht und Dunkel den Weg des Märchenhelden/der Märchenheldin erhellen oder auch verdunkeln und blockieren. Die geheime Botschaft vom Dornröschen, das jetzt aus seinem Todesschlaf wach geküsst und erlöst werden kann, betrifft meines Erachtens unsere tiefste Wesensbestimmung: Unser wahres Selbst, das unter dem Dornendickicht der Kultur des Ego vielleicht schon seit Jahrtausenden geschlafen hat, regt sich. Die hohe Zeit kommt (die Hoch-Zeit und höchste Zeit), in der sich das Dickicht unter dem Einfluss göttlich-geistiger Wirkenskräfte öffnet und der Todesschlaf unseres ursprünglichen Seelenwesens sich umwandelt in ein geistiges Erwachen. Das geschieht, wenn wir die Stimme des Königssohns vernehmen, des geistigen Impulses, der aus der Stille zu uns dringt.

Ich will noch ein wenig auf die anderen Bilder aus Dornröschen eingehen. Da sind zum Beispiel die Segenswünsche der zwölf weisen Feen. Sie symbolisieren nichts anderes als die zwölf reinen Eigenschaften und Tugenden, mit denen unsere ursprüngliche Seele ausgerüstet war und latent immer noch ist. Und wer ist die unheilvolle dreizehnte Fee, die sich mit ihrem Todeswunsch anstelle der zwölften einmischt, so dass die zwölfte Fee mit ihrem guten Wunsch zur erlösenden dreizehnten wird? Die Unheil-Fee verkörpert wohl das verräterische Judasprinzip bzw. das luziferische Prinzip experimenteller Eigenmächtigkeit in uns. Es ist ein Prinzip, das auf kosmischer Ebene den Sündenfall der Menschheitsseele durch das sogenannte Essen vom Baum des Guten und Bösen ausgelöst hat. Es hat sich in der Entwicklung unseres Ego bis zu den äußersten Möglichkeiten fortentwickelt.

Das Königskind – die Menschenseele – hatte von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, sich in ihrem Erkenntnis- und Experimentierdrang zu entfalten, sich gleichsam an der Spindel des kosmischen Schicksals-Spinnrades zu stechen und damit den Tod zu erfahren. An die Stelle der ursprünglichen Seele trat die Dornenhecke – das wuchernde Ego des Menschen. Es hat zum undurchdringlichen Wust der Widersprüche unseres Daseins geführt, die das wahrhaft Lebendige ersticken. Der sogenannte Sündenfall hat ein großes Erfahrungsspektrum an Gut und Böse zur Folge gehabt, eine Fülle an Einsichten, aber er hat uns auch vor den Abgrund geführt. Das mag notwendig gewesen sein, um Licht und Dunkel, Sein und Schein, Wahrheit und Lüge voneinander unterscheiden zu können.

Doch jetzt ist die Zeitperiode gekommen, in der der Segenswunsch der weisen Fee im Herzen der Menschheit rufend und weckend wirksam wird. Wir stehen wiederum vor einer freien Wahl: Werden wir mit unserem Seelenkern auf diesen Ruf aus der Stille lauschen und positiv darauf reagieren mit einer vollkommenen Bewusstseinserneuerung? Oder lassen wir uns im Dornendickicht der Kultur des Ego noch weiter hineinziehen in den Sog der Degeneration?

Die Wunderblume ist ein konkretes, geistiges Vermächtnis der Mutter der Lebenden. Sie wurde im alten Ägypten Isis genannt und oft mit einer Rose auf der Brust abgebildet. Im Urchristentum, bei den Gnostikern und Manichäern hieß sie Sophia, heilige Weisheit des Herzens. Viele dichterische Namen im Orient und Okzident sind mit ihr verbunden. Auch der Name Jesus – als das wahre göttliche Selbst, das Gotteskind im Menschen, die mystische Rose der Rosen – steht damit in Beziehung.

Der schlesische Mystiker Angelus Silesius schrieb:

„Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.”

Das ist eine große einfache Wahrheit. Ich will versuchen, sie später am Beispiel des nächsten Märchens noch weiter verständlich zu machen.

Zuvor möchte ich ein paar allgemeine Hinweise zu den Seelenbotschaften der Märchen geben. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, erwähnte einmal, dass viele alte Märchen des Abendlandes aus den christlichen Mysterienschulen der ersten tausend Jahre herausgeflossen seien ins Bewusstsein der Mysterienschüler, die damals die geistigen Botschaften über die Bildersprache der Märchen intuitiv gut verstehen und weiter vermitteln konnten. Die Mysterienschulen und Minnekirchen im Mittelalter waren als Stätten des Beisammenseins und der Begegnung ein geeigneter Nährboden für Mysterienmärchen und Gralslegenden.

Diese Seelenbotschaften wurden wie Juwelen unter die Sprachen der Völker gestreut, damit die Menschen ihr ursprüngliches Königtum, ihren göttlichen Ursprung nicht vergessen sollten. Darüber hinaus sollten diese Märchen in den Herzen einen geheimen Schöpfungsplan bewahren, der sich vor dem Auge des sich nach innen Wendenden entfalten würde in dem Maß, wie er zu wachsender Selbsterkenntnis voranschreitet.
Die Märchen sollten mit ihrer Symbolsprache geistige Gesetze, geistige Urinformationen wie in einem Geheimcode bewahren, die sich in der Zeit des Erwachens als konkrete Informationen erweisen würden. Eine solche vorhersehende Weisheit kann nur der Mutter allen Lebens – der „Mère Universelle” – entsprungen sein.

Was ist das für ein Schöpfungsplan, der in manchen Mysterienmärchen verborgen liegt? Es ist der Plan zur wahren Menschwerdung. Er ist im göttlichen Samenkorn unseres Herzens eincodiert, ähnlich wie der Plan eines Baumes in seinem Samen einprogrammiert ist.

Man könnte es so formulieren: Wenn in einem Menschen die Wunderblume zu erwachen beginnt, ist dies mit einer Umwendung des Bewusstseins verbunden. Der Betreffende wendet sich nach innen, lauscht auf die geistigen Impulse seines Herzens und reagiert auf sie. Er beginnt das Dornendickicht der Welt und sein bisheriges Bewusstsein als eine Art Gefängnis für die Seele zu durchschauen. Er ahnt, dass in seinem tiefsten Wesen die Bestimmung seiner Existenz wie in einer Gruft eingeschlossen liegt. Und so – mit dieser Einsicht und mit brennendem Verlangen, den geistigen Entwicklungsplan zu erfüllen – begibt er sich auf die Suche.

In Märchen und Legenden wird dieser Weg auch als Suche nach dem heiligen Gral bezeichnet. Das Geheimnis des Grals, das so vielfach missverstanden und in die Außenwelt projiziert wurde, liegt wie in einer Gruft im Menschen verborgen. Es will sich dem, der mit dem Herzen lauscht und den Weg nach innen geht, zu erkennen geben. Doch es wird wie von einer mächtigen Zaubermacht gefangen gehalten. Um den Schöpfungsplan zu erfüllen und das Gralsgeheimnis zu entschleiern, muss der Pilger auf seinem Weg verschiedene Prüfungen bestehen, die der Selbsterkenntnis und Selbsteinweihung dienen.

Peronnik

Hierzu will ich Ihnen nun das bretonische Märchen Peronnik erzählen, von jenem einfältigen Jüngling, der sich auf den Weg machte, um die goldene Schale und die diamantene Lanze – also den geheimnisvollen Gralsschatz – aus dem Bann des mächtigsten aller Zauberer zu befreien:

Da gab es einmal in der Bretagne einen Jüngling namens Peronnik, der als recht einfältig, ja als Narr galt. Er war arm, aber fröhlich, sanftmütig und reinen Herzens. Als er einmal am Rande der tiefen Wälder zu einem Bauernhof kam, gab ihm die Bäuerin eine Schüssel Hirsebrei und auch noch ein Stück derbes Brot dazu. Und Peronnik bedankte sich dafür im Namen des wahren Gottes.

Da kam just ein Ritter mit seinem Pferd vorbei, der die Bäuerin nach dem Weg zum Schloss Kerglas fragte. „Was will er denn bei dem mächtigen Zauberer?” fragte die Bäuerin. „Da ist doch noch keiner lebend zurückgekommen!” Aber der stolze Ritter hielt nichts von den Einwänden der Bäuerin. Er erzählte stattdessen freimütig von einer goldenen Schale und einer diamantenen Lanze, die von unübertrefflichem Wert seien. Aus der goldenen Schale könne man die Unsterblichkeit essen und trinken, und die diamantene Lanze, das sei eine unschlagbare Waffe, die alles niederstrecken, aber auch wieder lebendig machen könne. Aber dieser Schatz, von dem ihm ein Einsiedler erzählt habe, sei im unrechtmäßigen Besitz jenes mächtigen Zauberers auf Schloss Kerglas, zu dem er sich auf den Weg begeben habe, um sieben Prüfungen zu bestehen und danach den kostbaren Schatz zu erringen.

Der Ritter hörte kaum hin, als die Bäuerin von der Gefahr der Wälder sprach. Schon jagte er auf seinem stolzen Pferd davon. Peronnik war von der Erzählung zutiefst berührt. Sein Herz flatterte vor Aufregung, wenn er an diegoldene Schale dachte. Als der Bauer abends müde nach Hause kam und sich einen Viehhirten für seine Herde wünschte, bot sich Peronnik an und der Bauer nahm ihn in seine Dienste, wenngleich er ihm nicht allzu viel zutraute.

So hütete Peronnik also die Herde, doch dabei dachte er immer wieder an die Worte des Ritters. Nichts anderes beschäftigte sein Herz, auch wenn sein Kopf auf der Weide die Kühe zählte. Einmal in der Woche – immer am gleichen Tag – sah Peronnik am Waldesrand einen riesenhaften Reiter auf einer Stute vorüberjagen, dem ein Fohlen von dreizehn Monaten hinterher trabte. Der Reiter hatte eine goldene Schale um den Hals hängen und hielt in der Hand eine flammende Lanze. Peronnik traute seinen Augen kaum. Das konnte doch nur der Zauberer selbst sein. Voll Sehnsucht schaute er dem kleinen Fohlen nach, das stets hinterher lief. Und er machte sich einen Plan. Eines Tages war es so weit. Er legte sich für die sieben Prüfungen einige Sachen zurecht und zerbröckelte sein Vesperbrot auf dem Weg, auf dem die Stute mit dem Fohlen vorbeikommen musste. Und wirklich, als der Reiter vorüber ritt, schnupperte das Fohlen an dem Brot, blieb zurück und kaute es ganz gemächlich. Da kam Peronnik behutsam heran, warf ihm das Halfter über, sprang auf seinen Rücken und ließ sich von dem Füllen tragen, wie es ihm gefiel. Es würde ja den Weg zum Schloss auch allein finden.

Doch nun kommen die sieben Prüfungen. Zuerst ritt das Fohlen im Wald durch einen ungeheuren Abgrund, der wie ein Flammenmeer zu brennen schien. „Keine Angst! Keine Angst!” dachte Peronnik und zog sich einfach die Mütze übers Gesicht. So kamen sie ungeschoren aus dem Höllenabgrund heraus auf eine öde Ebene, die mit den bleichen Gebeinen vieler Ritter und Pferden angefüllt war.

Bald erreichten sie eine Anhöhe, auf der ein Apfelbaum voll roter Früchte stand, bewacht von einem finsteren Zwerg mit einem feurigen Stachel in der Hand. Peronnik beschloss, von diesem Baum einen Apfel für den Zauberer mitzunehmen. Aber wie sollte er den gefährlichen Zwerg überwinden? „Ich bin auf dem Weg zum Schloss Kerglas, weil der Meister mich dort als Vogelfänger einstellt. Seht hier, meine Vogelfalle!” sagte Peronnik und zog die Fallenschnüre hervor. Der Zwerg wurde neugierig. „Vogelfalle? Zeig mal, wie das geht! Ich brauche auch so etwas.” Peronnik schlingt das eine Ende der Fallenschnur um den Baumstamm und bittet den Zwerg, das andere Ende fest zu halten, bis er die Leimruten gerichtet hätte. Als der Zwerg das Ende fest hält, zieht Peronnik die Schleife zu. Jetzt saß der Zwerg selbst wie ein Vogel in der Falle und schrie vor Wut. Peronnik aber pflückte den Apfel, bestieg sein Fohlen und setzte es in Trab.

Bald darauf kamen sie durch einen Garten, der von einem brüllenden Löwen mit Schlangenmähne bewacht wurde. Mitten im Garten ragte geheimnisvoll über alle anderen Pflanzen die kostbarste der Blumen – die lachende Wunderblume – empor. Sie galt es zu befreien und mitzunehmen. Aber wie? Peronnik verbeugte sich vor dem Löwen, mit der Mütze in der Hand, und wünschte ihm Wohlergehen. „Bin ich hier auf dem rechten Weg nach Schloss Kerglas?” „Was hast du denn dort verloren?” „Nun, ich muss dem Meister von seiner Freundin ein leckeres Geschenk überbringen, ein paar Lerchen zu einer Pastete.” „Lerchen? Lass mal sehen!” fragte der Löwe lüstern. „Gern”, sagte Peronnik, „aber sei vorsichtig; wenn ich meinen Sack öffne, fliegen die Vögel weg.” „Gut, gut.” Peronnik öffnete seinen Leinensack voll verleimter Lerchenfedern, ahmte leise Lerchengetriller nach und ließ den Löwen seinen Kopf immer tiefer in den Sack stecken. Jetzt – schnell den Sack über den Kopf gezogen und mit der Schnur festgezurrt! Dreimal einen Knoten, damit er sich nimmer löse! So! Darauf pflückte Peronnik die lachende Wunderblume, schwang sich auf das Fohlen und sie eilten weiter auf ihrem Weg.

Gar bald kamen sie zum Drachenteich, durch den sie schwimmen mussten.
Da kamen von allen Seiten Ungeheuer herbei, rissen ihren Schlund auf und schnaubten voller Zorn. Peronnik blickte gelassen in ihre dunklen Rachen und warf lachend die Perlen seines Rosenkranzes wie schwarzes Entenkorn ins Wasser. Die Untiere stürzten sich gierig darauf und verschlangen die Perlen. Jedes starb daran und hauchte seine giftböse Seele aus; ein Drache nach dem anderen trieb mit seinem gezahnten Rücken leblos im Teich. Peronnik erreichte froh mit seinem Fohlen das andere Ufer und sie trabten weiter.

Bald gelangten sie ins Tal des sechsäugigen, schwarzen Riesen, der mit seinem Fuß an einen Felsen geschmiedet war und ein eisernes Kugelgeschoss in der Hand hielt, um es auf seine Opfer zu schleudern. Peronnik musste sich etwas einfallen lassen, damit der Riese seine sechs Auge schlösse und einschliefe, so dass er an ihm unbemerkt vorbeiziehen könne. Aber was? Er begann, die Litanei als einen Singsang monoton herunterzuleiern wie ein schläfriger Pfaff, so lange, bis sich die sechs Augen des schwarzen Riesen nacheinander schlossen und er zu schnarchen begann. Und jetzt vorsichtig, das Fohlen am Zügel, an diesem Wächter, diesem Hüter der Schwelle vorbeigezogen! So ritten sie weiter und gelangten bald ins Paradies der Verführung.

Nun kam die schwerste Prüfung; denn das jenseitige Paradies war voller Versuchungen. So unvorstellbar schön war es dort! Es gab dort alles, was
man sich nur wünschen konnte: köstlichste Speisen und Getränke, allerlieblichste Düfte, himmlischste Engelchöre und vor allem die schönsten Jungfrauen. Sie tanzten und sangen und lockten voller Liebreiz und Anmut. Peronnik verschlug es den Atem. Er hob sich aus dem Sattel, um ihrem lockenden Tanz besser folgen zu können. Doch was war das? Das Fohlen blieb wie angewurzelt stehen und setzte keinen Fuß mehr voran. „Was ist los? Heh!” Aber das Fohlen tat keinen Schritt. O weh! Zum Glück blitzte aber die Erinnerung in Peronniks Herzen auf, die Erinnerung an die goldene Schale und die diamantene Lanze, die Erinnerung an den Gral. „Alles nur eitler Plunder hier”, dachte Peronnik, zog seine Holunderflöte hervor und blies darauf, so dass alle Engelchöre übertönt wurden. Danach kaute er sein derbes, altes Brot und vergaß so den Duft der verlockenden Speisen. Vor allem aber heftete er seinen Blick fest auf die Ohren des Füllens, so dass die Schmeicheltänze der Mädchen sich auflösten wie Zauberspuk und das Fohlen plötzlich wieder fröhlich von dannen trabte.

So durchquerten sie das verführerische Paradies und gelangten an einen Fluss, auf dessen anderer Seite endlich das Schloss des Zauberers lag. Das Füllen kannte zum Glück die einzige Furt, um hinüber zu gelangen. Am Ufer erwartete sie eine geheimnisvolle, in schwarze Schleier gehüllte Dame, die mit über den Fluss gebracht werden wollte. Peronnik ließ sie höflich hinter sich aufsitzen. Als das Fohlen den Fluss schon halb durchquert hatte, fragte die schwarze Dame: „Weißt du eigentlich, wer ich bin?” „Ihr seid eine edle Dame aus dem Maurenland, nehm‘ ich an”, erwiderte Peronnik. „Ich heiße die Pest … Da machte Peronnik einen Satz, als wollte er sich vor Schreck in den Fluss stürzen.

Aber die verhüllte Dame beruhigte ihn: „Du hast nichts mehr vom Tod zu befürchten, du Unschuldslamm. Ich werde dir eher nützen.” „Und wie wollt Ihr das anstellen, wo ich doch etwas ganz Bestimmtes dem Zauberer entwenden will?” „Ich weiß, was du willst. Aber vorher muss der Zauberer nochmals vom Sündenapfel, vom Apfelbaum des Sündenfalls, essen, und ich werde ihn dann anhauchen, verstehst du mich?” „Ach so geht das”, flüsterte Peronnik und er verstand. „Und wenn ich ihn angehaucht habe”, fuhr die Dame fort, „dann eile mit der lachenden Wunderblume durchs ganze Schloss bis zur Gruft und öffne das Gewölbe mit der Blume. Sie öffnet dir jede Tür und erhellt alles Dunkle. Kein anderer Schlüssel taugt.” Peronnik bedankte sich bei ihr von Herzen, und da waren sie auch schon am anderen Ufer angelangt.

Unterm Tor des Palastes saß der mächtige Zauberer, der Meister aller Meister, und schmauchte Wolken aus seiner Goldpfeife. Als er das Fohlen mit Peronnik und der verhüllten Dame herankommen sah, brüllte er: „Beim Teufel, das ist mein dreizehnmonatiges Fohlen, worauf dieser Tölpel reitet. Wie hat er das gefangen und was will er hier?” „Ihr Zwillingsbruder schickt mich her, Meister aller Meister. Ich soll Euch von ihm zwei seltene Kostbarkeiten aus dem Maurenland überbringen: zum einen diesen köstlichen Apfel der Freude und zum anderen die verhüllte Sklavin, die euch all eure Wünsche erfüllt, so dass euch kein Wunsch mehr in der Welt übrig bleibt.” „Dann nur her mit dem Apfel und herunter mit der Frau!” befahl der Zauberer. O, wie flink Peronnik den Befehl ausführte! Ein Biss des Zauberers in den gepriesenen Apfel und ein Anhauch der schwarzen Dame genügten – und wie vom Blitz getroffen stürzte der Zaubermeister tot zu Boden.

Peronnik eilte mit der lachenden Wunderblume durch den ganzen Palast.
Endlich stand er vor der Gruft mit dem eisernen Tor. Als er es mit der Blume anrührte, tat es sich von selbst auf. Ein klares, stilles Licht ging von der Blume aus und erhellte das dunkle Gewölbe. Peronnik fand darin die goldene Schale und die diamantene Lanze, den ersehnten Schatz. Doch kaum hatte er beide in die Hand genommen, da bebte die Erde unter ihm und mit einem ungeheuren Donner stürzte der Palast ein und versank.

Peronnik stand allein mitten auf einer Waldwiese. Hatte er das alles nur geträumt? Nein. Die goldene Schale und die diamantene Lanze lagen wirklich vor ihm. Was nun? Peronnik sah ein, dass er den kostbaren Schatz nicht für sich selbst errungen hatte, sondern dass ihm jetzt eine neue Aufgabe auferlegt war. Daher machte er sich mit der Schale und der Lanze auf den Weg in die Stadt, um allen Menschen, die in Not waren, zu helfen. Doch das ist eine andere Geschichte …

In diesem Märchen verbirgt sich unter der teilweise ironischen Bildersprache der Einweihungsweg, der Prüfungsweg mit sieben Selbsterkenntnisstufen. Peronnik symbolisiert den Menschen, in dem die Seele nach ihrer wahren und höchsten Bestimmung verlangt. Darum gilt er in der Welt als Narr. Er sehnt sich von ganzem Herzen danach, den Gralsschatz aus dem Bann der Weltmacht, des großen Zauberers, zu befreien. Das bringt einen Prozess der Selbsterkenntnis mit sich. Der Zauberer, das höchste Machtprinzip unseres Daseins, reitet durch unser Blut und Wesen und sitzt als Ego im Schloss unseres Gehirns.

Peronniks erstes Bemühen gilt dem dreizehnmonatigen Füllen. Er muss es an sich binden, wenn er das Schloss des Zauberers finden will. Was bedeutet dieses dreizehnmonatige Füllen? Es drückt sich darin der Wille des Geistes aus, genauer der Christuswille, der in der Welt des Zauberers im Hintergrund wohl präsent ist, aber nur einen suchenden Menschen wie Peronnik zu tragen und zu führen bereit ist. Nur vom dreizehnmonatigen Füllen, vom Christuswillen getragen und geführt, kann es dem Gralssucher gelingen, die Prüfungen zu bestehen. Christus wird oft auch als der „Dreizehnte” bezeichnet, die entscheidende geistige Kraft hinter den zwölf Jüngern.

Die erste Prüfung – der Ritt durch den Wald mit seinem Höllenspuk, bei dem Peronnik seine Mütze übers Gesicht zieht – verlangt Gleichmut und Gelassenheit. Der teuflische Spuk im eigenen Unterbewusstsein muss unbeachtet bleiben. Wer sich mit dem Willen des Geistes verbunden hat, kann auf sein Ziel gerichtet bleiben. Die Skelette gestrauchelter Abenteurer beweisen, dass sie nicht von diesem Willen getragen waren und ihnen deshalb der Gleichmut fehlte.

Die zweite Prüfung, bei der Peronnik den finsteren Zwerg unter dem Apfelbaum einfängt, zielt auf die Überwindung des niederen Ego-Prinzips in uns, das durch niederes Begehren den Sündenfall und den Tod in die Welt gebracht hat. Peronnik überwindet den Zwerg, der dieses Begehren (im Beckenbereich) symbolisiert, in der Schlinge seiner Vogelfalle. Der Zwerg begibt sich in seiner Gier selbst dort hinein.

Die dritte Prüfung, bei der Peronnik die lachende Wunderblume vom schrecklichen Löwen befreit, ist entscheidend: Denn das reine Seelenwesen im Herzen, diese edelste aller Blumen, muss von der Machtgier, vom Hochmut und von der Habgier des Ego – dargestellt durch den schlangenmähnigen Löwen – befreit werden. Das geschieht, indem Peronnik diese Kraft (im Herzbereich) über ihre eigene Schwäche, die Lüsternheit, straucheln lässt. Er zieht dem Löwen den Sack mit Lerchenfedern über den Kopf und zurrt ihn fest. Die Wunderblume erstrahlt über den Sieg und begleitet Peronnik auf seinem Weg. Er wird sich der Bedeutung der Blume und ihrer unschätzbaren Hilfe fortan immer mehr bewusst.

Die vierte Prüfung, in der Peronnik mit dem Füllen durch einen Drachenteich schwimmt, betrifft die Notwendigkeit, unter allen Umständen in der Welt der Bosheiten, Intrigen, Gehässigkeiten und Attacken streitlos und neutral zu bleiben und Ruhe zu bewahren. Die Drachen gehen durch die in den Teich gestreuten Rosenkranzperlen ein: das Unheilvolle geht an sich selbst zu Grunde, wenn man ihm nicht auf derselben Ebene begegnet.

Die fünfte Prüfung, in der Peronnik den schwarzen, sechsäugigen Riesen einschläfert, zielt auf die Notwendigkeit, den alten Egowillen mit seiner Selbstbehauptung unwirksam zu machen. Dies gelingt, indem Peronnik – und das ist sicher eine ironische Anspielung – durch den monotonen, einschläfernden Singsang der Kirchenlitanei die sechs lauernden Augen des alten Willens zum Einschlafen bringt. Erst dann kann er vorsichtig an ihm vorbeiziehen. Die wiederholten Anspielungen auf den Klerus lassen vermuten, dass das Märchen zur Zeit der Inquisition und Bekämpfung der Katharer in Südfrankreich entstanden ist.

Die sechste Prüfung, bei der Peronnik durch das jenseitige Paradies der Verführung reist und sein Ritt durch die verlockenden Jungfrauen ins Stocken gerät, zielt auf die erforderliche unerschütterliche Ausrichtung auf das eine Ziel. Erst als Peronnik sich wieder an den Gral erinnert, auf der Holunderflöte seines Gott ergebenen Gemütes bläst, das einfache, harte Brot seiner freiwilligen Armut isst und den Blick fest auf die Ohren des dreizehnmonatigen Füllens, also den Willen des Geistes, richtet, verschwinden alle Versuchungen. Es gibt eine Ähnlichkeit zu den Versuchungen Jesu in der Wüste. Das Füllen – die Christuskraft – trägt den Seelenhelden nun wieder kraftvoll voran.

Die siebente Prüfung ist mit der Bereitschaft verbunden, beim Durchqueren des Weltenstroms den Tod anzunehmen. Peronnik nimmt die schwarze Dame mit auf sein Pferd. Sie kann ihm, wie sie ihn wissen lässt, nicht mehr schaden. Er ist ein Unschuldslamm geworden, das den Tod bereits durch den Erwerb der unsterblichen Wunderblume überwunden hat.

Jetzt geht es nur noch um einen anderen Tod, nämlich den der Macht des Ego und seiner Selbstbehauptung, symbolisiert durch den Zauberer. Diese Macht in uns zu überwinden, erfordert tiefe Einsicht. Der Zauberer lässt sich durch seine eigene Begierdennatur (diesmal im Haupt) täuschen. Er fällt sich selbst zum Opfer, indem er gierig den Apfel vom Sündenbaum isst und dadurch endgültig vom Tod ergriffen werden kann.

Die sieben Prüfungen erfordern also Gleichmut, Begierdelosigkeit, das Befreien und Bewahren der Rose des Herzens, ein streitloses Leben, das Auslöschen des alten Willens, eine unerschütterliche Hingabe an das eine Ziel sowie tiefe Selbsterkenntnis und konsequente Eliminierung der Selbstbehauptung.

Für Peronnik wird so der Weg frei zum Schlossgewölbe, wo er mit der siegreichen Wunderblume, die alles durchleuchtet und alles öffnet, den Gralsschatz heben kann. Was bedeutet die goldene Schale? Sie ist ein uraltes Bild für das vom Tod auferstandene, unsterblich gewordene Seelengefäß, das Herz. Es wird von der Christussonne golden durchstrahlt. Und was bedeutet die diamantene Lanze? Sie symbolisiert eine neue, unsterbliche Lebensachse im Menschen, die das Haupt mit einem neuen, schöpferischen Bewusstsein krönt, das mit Gott vereint ist.

Beide zusammen, die mütterliche Schale und die väterliche Lanze, bilden den Gralsschatz, das Vermächtnis des nach Geist und Seele unsterblich gewordenen Menschen. Mit diesem Erbe hat der Seelenheld seine höchste Bestimmung – sein wahres Selbst – gefunden. Die Manichäer sprachen vom Christus-Selbst. Die Macht der Selbstbehauptung – der Palast des Zauberers – stürzt ein. Peronnik steht mit seinem Gralsschatz auf einer Waldwiese. Jetzt erkennt er seine neue Aufgabe: Er wird, als Diener des Grals, in die Welt zurückkehren, um die nach dem Geist Hungernden aus der Schale zu laben und den Verirrten mit der Lanze den Weg frei zu kämpfen.

Über die eine Kraft, die dem Menschen einen solchen Weg ermöglicht, die Kraft der Liebe, möchte ich Ihnen nun noch ein Märchen aus China erzählen.

Wer von uns möchte nicht das Geheimnis der wahren Liebe enträtseln?
Das Maß unseres Begreifens ist unser Bewusstsein. In unserer Welt mit ihren tausend Arten des Liebesverlangens, der Sympathien, Scheinbeziehungen und auch der edlen, humanistischen Bemühungen machen wir Erfahrungen, die letztlich unsere Erwartung von der wahren Liebe immer wieder enttäuschen. Wir sind wankelmütige Wesen und unsere Gefühle und Wunschvorstellungen sind dem Wechsel unterworfen. Unsere weltliche Liebe hält der Feuerprobe nicht stand. Und doch ahnen wir, dass es eine unermessliche göttliche Liebe gibt, die uns in unserem innersten Wesenskern berühren kann. Sie kann eine unerschöpfliche Kraftquelle für uns werden.

Der Schlangenprinz

Es ist ein manichäisches Märchen, das ich Ihnen erzählen möchte; es heißt Der Schlangenprinz:

Es war einmal im fernen Gebirge Chinas eine reine Jungfrau, die sammelte für ihre Stiefmutter und Stiefschwester Reisigholz in den Bergwäldern. Einmal entdeckte sie hoch oben unter einem Felsen eine noch nie gesehene wunderschöne, glühend rote Blume mit einem lichten Kelchgrund. Lange stand sie bewundernd davor und sah, wie goldene Bienen die Blume umschwärmten. Sehnsüchtig brach sie sich eine Knospe vom Blütenstand, steckte sie sich ins Haar und ging nach Hause. Dort wurde sie mit Neid von der Alten und ihrer hässlichen Tochter empfangen, die unbedingt auch eine solch schöne Blume haben wollten. Sie schickten das Mädchen aus, für die Tochter ebenfalls eine Blume zu holen.

Das Mädchen stieg betrübt nochmals in die hohen Berge. Doch als es endlich die rote Blume wieder fand und zögernd eine Knospe für ihre Stiefschwester brechen wollte, hörte es plötzlich eine Stimme: „Darfst du das?” Es war der König der Berge, der alle Bergblumen wie seine Kinder hütete. Erschrocken fiel die Jungfrau weinend vor ihm auf die Knie und erzählte ihm alles. Da hob der Bergkönig sie voll Mitleid auf und sprach: „Willst du meine Gemahlin werden?” So geschah es, dass die Jungfrau nicht mehr zu der Alten und ihrer Tochter zurückkehrte, sondern mit dem König der Berge in sein Grottenreich wanderte und mit ihm in Reinheit zusammenlebte, ihm bei der Arbeit half und ihm jeden Tag ihre schönsten Lieder vorsang.

Soweit ist alles gut gegangen. Doch jetzt beginnt das Drama im Märchen, das kosmische Schicksal der menschlichen Seele: Der Bergkönig und die Jungfrau leben harmonisch zusammen im hohen Gebirge, im Reich der Grotten, in einer unberührten Sphäre der Harmonie, Schönheit und Liebe, während drunten in den Tälern Unruhe, Angst, Habgier, Neid, Stolz, Macht- und Ruhmsucht gären. Die Alte und ihre Tochter – sie verkörpern als Stiefmutter und Stiefschwester ein geistfeindliches Prinzip – wollen nach einem Jahr, als das Mädchen immer noch nicht heimgekehrt ist, auf jene schöne Blume nicht verzichten. Die Alte macht sich im Frühling auf den Weg in die Berge. Aber sie kann die Blume nirgends finden.

Eines Tages begegnet ihr eine Natter am Weg und erzählt ihr, dass der König der Berge glücklich mit der Jungfrau im Grottenreich lebe. Jetzt stacheln Neid und Eifersucht die Alte an, das Mädchen zu suchen. Nach langem Bemühen gelingt es ihr, der jungen Braut hoch oben in den Bergen zu begegnen. Sie geht schmeichelnd auf sie zu und sagt: „Ach, wie fein, dich wieder zu sehen! Zeig mir doch dein neues Reich, du schönes Kind, damit ich sehe, ob es dir hier gut geht.” In ihrer Unschuld zeigt die Braut des Bergkönigs der Alten die herrlichen Kristallgrotten mit Wänden aus Jaspis, Saphir, Smaragd und Amethyst.

Doch die Alte will auch den Grottenbrunnen voll lebendigen Wassers sehen, der keinem Sterblichen gezeigt werden darf. Die Braut zögert; sie ahnt, dass sie das nicht tun darf. Aber sie will sich der Alten gefällig erweisen und führt sie zu dem Brunnen. Die Alte sagt: „Schau doch mal in den Brunnen hinab, damit du siehst, wie schön du bist.” Wieder zögert die Braut. Aber dann beugt sie sich doch über den Brunnen und blickt in die tiefen Wasser hinab. Da gibt ihr die Alte von hinten einen Stoß, so dass sie in den Brunnen stürzt. Als nun der König von der Alten erfährt, dass seine Braut aus Unachtsamkeit in den Brunnen gefallen sei, ist er vor Schmerz untröstlich. Er setzt sich an den Brunnenrand und seine Tränen fallen in die Tiefe. Da steigt aus dem Brunnen ein weißes Vöglein, setzt sich auf seine Hand und singt ihm ein Lied, wie er es oft von seiner Braut gehört hat. Überglücklich trägt er das Vöglein in sein Schlafgemach, wo es ihn fortan mit den Melodien seiner Braut tröstet.

Darüber ist die Alte sehr erbost. Sie neidet dem König auch diese zarte Liebe; denn sie will ihm ihre eigene Tochter zur Frau bringen. Eines Tages kommt der König in sein Schlafgemach. Da findet er das Vöglein tot auf dem Bett! Vor Schmerz ist er untröstlich. Er begräbt das Vöglein vor dem Fenster und tränkt die Erde mit seinen Tränen. Nicht lange währt es, da wächst aus der Erde ein blühender Pfirsichbaum, der bald sieben herrliche Früchte trägt. Der König legt die sieben Früchte in eine Schale und genießt ihre Schönheit, ihren Duft und Geschmack, die ihn an seine Braut erinnern, und er hegt und pflegt den Pfirsichbaum als sein Liebstes.

Als die Alte das merkt, steigern sich ihr Neid und ihre Eifersucht. Eines Tages kommt der König nach Hause, da liegt das Pfirsichbäumchen gefällt und verwelkt vor seinem Fenster. Ein unsägliches Weh erfasst ihn. Er kniet lange weinend davor; endlich schneidet er aus dem Holz des Baumes geeignete Teile und baut sich daraus eine Laute. Es wird eine ganz besondere Laute, die wundersam erklingt, wenn er darauf die Lieder seiner Braut spielt. Es ist, als würde sie im Geheimen mitsingen. So wird die Laute seine beste Freundin. Doch die Alte gibt keine Ruhe. Aus Neid wird sie so grimmig, dass sie eines Tages in Abwesenheit des Königs die Laute packt und ins Feuer wirft, so dass sie verbrennt.

Als der König nach Hause kommt und seine Laute sucht, entdeckt er in der Feuerstelle das letzte Gluthäuflein von ihr. Bestürzt hebt er es in eine goldene Schale, die er neben sein Bett stellt. Fortan kann ihn nichts mehr von der Schale mit der Glut trennen. Er sitzt davor und grübelt, wie er das Flämmchen vor dem Erlöschen bewahren kann. Da vernimmt er eines Nachts im Traum die Stimme seiner Braut: „Du kannst mich wieder auferwecken zum Leben, wenn du hundert Tage lang aus dem Grottenbrunnen Krüge lebendigen Wassers holst und das Flämmchen damit begießt.”

Da macht sich der König am anderen Tag freudig an die Arbeit. Jeden Tag schleppt er aus dem Grottenreich sieben Krüge mit lebendem Wasser herbei und begießt damit das Flämmchen in der Schale. Am hundertsten Tag ist der König vor Anstrengung so erschöpft, dass er sich zum Sterben niederlegt. Doch in diesem Augenblick, o Wunder, erhebt sich aus der goldenen Schale seine geliebte Gemahlin, schön wie die Morgensonne, und berührt den sterbenden König. Da steht er auf und sie nehmen sich glückselig in die Arme. Jetzt ist ihre Verbindung unzertrennlich vollzogen. Die lauernde Alte stürzt sich beim Anblick des unbegreiflichen Wunders der Liebe in eine Schlucht.

Dieses Märchen deutet auf ein geheimnisvolles Gesetz im All, auf die unzerstörbare Liebe zwischen Geist und Seele, zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung. Selbst wenn die Menschenseele von geistfeindlichen Mächten bedroht, verfolgt, gequält, gekreuzigt, erstickt, verbrannt oder auch nur mundtot gemacht wird, so bleibt sie doch unter verschiedenen Gewändern als unzerstörbares Seelenprinzip mit dem Geist ewig verbunden. Diese immerwährende Verbindung beruht auf der Kraft der wahren Liebe. Die Wunderblume, die mystische Rose der Rosen ist das Siegel für diese Liebe.

In dem chinesischen Märchen bildet die rote Blume die Basis für die Verbindung von Seele und Geist. Wenn dann die feindliche Macht – die „Stief-Macht” – mit Neid, Habgier und Eifersucht tödlich dazwischen tritt, zeigt das kosmische Gesetz der Liebe und Treue, der wahren Verbundenheit und Einheit, auf allen Ebenen der Verwandlung seine Kraft:
Im Bild des weißen, singenden Vögleins bleibt die Braut für den trauernden König auf der Ebene der reinen Empfindungen lebendig. Durch den Tod des Vögleins und die Verwandlung zum Pfirsichbäumchen mit den sieben herrlichen Früchten zeigt sich die Liebe auf der Ebene des pflanzlichen Geschehens in der Natur. Durch das Fällen des Baumes und den Übergang in das Holz der klingenden Laute, in die Musik, bleibt die Verbindung von Seele und Geist auf der Ebene der Intuition und Inspiration lebendig.
Und durch das Verbrennen der Laute und das daraus entstehende Flämmchen der Glut in der goldenen Schale wird die Liebe zum Urbild der göttlichen Flamme im Herzen.

Jetzt bedarf die reine Seelenflamme des lebendigen Wassers, damit sich die Hochzeit von Geist, Seele und Körper vollständig und dauerhaft vollziehen kann. Im Johannes-Evangelium heißt es dazu: „Wenn ihr nicht wiedergeboren werdet aus Wasser und Geist”, d. h. aus lebendigem Wasser und göttlichem Feuer, „könnt ihr nicht in das Reich Gottes eingehen!” In unserem Märchen widerspiegelt sich am Höhepunkt der Wandlungen diese Synthese von Wasser und Feuer auf höchster Ebene.

Warum trägt das Märchen den Namen Der Schlangenprinz? Es ist ein Mysterienname, wie er in den alten Einweihungsschulen Ägyptens, Chinas und Indiens für den nach Geist und Seele neu geborenen Menschen gebräuchlich war. Er wurde König der Schlangen der Sohn der Schlangen genannt. Die Schlange war ein heiliges Symbol für die feurige Geistkraft, die in einem solchen Menschen zirkuliert.

Abschließend will ich Ihnen noch ein Gralsmärchen erzählen, das viele von Ihnen kennen werden und in dem die befreiende und erlösende Kraft auch in einer geheimnisvollen roten Blume gelegen ist.

Bevor ich damit beginne, bitte ich Sie, einen Blick in unsere heutige Welt zu tun, die man als eine Ära der Medien bezeichnen könnte. In ihr werden Männer, Frauen und Kinder – ähnlich wie Hänsel und Gretel von der Hexe mit Lebkuchen – mit einer Überfülle an Information und Faszination gemästet. Und sie laufen Gefahr, dass Herz und Haupt, Empfinden und Denken immer mehr auseinander klaffen und jedes für sich gleichsam verzaubert und gebannt wird. So veröden und verarmen sie innerlich.

Jorinde und Joringel

Das ist eine Weltsituation, wie sie im Märchen Jorinde und Joringel im Bild der Verzauberung durch die Erzzauberin dargestellt wird. Jorinde und Joringel verkörpern – wie Hänsel und Gretel – die weibliche und männliche Seelennatur in uns. Jorinde entspricht mehr der weiblichen Intuition des Herzens und Joringel mehr dem Vernunftaspekt im Haupt.

Doch jetzt das Märchen:
Jorinde und Joringel sind in den Brauttagen. Sie wandern im Frühling Hand in Hand durch einen schönen Wald und merken nicht, wie sich die Dämmerung naht. Plötzlich hören sie ein Käuzchen schreien und hinter den Bäumen wird ein uraltes Schloss sichtbar. Zu Tode erschrocken merken sie, dass sie dem Schloss der Erzzauberin zu nahe gekommen sind. Da tritt sie auch schon aus dem Gebüsch hervor, die kichernde Alte, tut einen unheimlichen Zauberspruch und verzaubert die schöne, junge Jorinde in eine Nachtigall.

Die Nachtigall singt „leide, leide, leide …” und wird von der Zauberin vor den Augen des Joringel in einem Korb fort getragen, fort ins Schloss, auf Nimmerwiedersehen. Joringel steht wie gebannt vor Schmerz und kann sich lange nicht rühren. Endlich erwacht er aus seiner Ohnmacht und wird sich seiner Lage bewusst. Wie kann er Jorinde erlösen? Er sucht zuerst den Weg in die Fremde. Sieben Jahre lang hütet er die Schafe. Da hat er eines Tages einen wundersamen Traum. Ihm träumt von einer roten Blume mit einer Perle darin. Die muss er finden, wenn er seine Jorinde erlösen will, so sagt der Traum.

Als Joringel erwacht und sich die Augen reibt, ist er unerschütterlich davon überzeugt, dass sein Traum wahr ist. Und er macht sich auf den Weg, um jene wundersame rote Blume mit der Perle darin zu suchen. Neun Jahre lang forscht er vergeblich danach. Doch dann geschieht es eines Tages, ganz unvermittelt, dass ihm auf einer Waldlichtung unter einem blühenden Weißdornstrauch ein rotes Blümchen entgegenleuchtet, wie er es noch nie gesehen hat. Er beugt sich zu ihm hinab und entdeckt in seinem glühendroten Kelchgrund eine strahlende Perle.

Überglücklich pflückt Joringel die Blume, drückt sie ans Herz und macht sich eilends auf den Weg zu jenem Schloss in den tiefen Wäldern, in dem seine Jorinde verzaubert liegt. Als er es endlich findet, berührt er mit der roten Blume das dreifach verriegelte Eisentor und es springt wie von selbst auf. Er eilt durch die vielen Gemächer des alten Schlosses, bis er in einen Saal gelangt, in dem siebentausend Körbe hängen und in jedem Korb ein Vöglein schluchzt und klagt. Wie soll er da seine Jorinde herausfinden?

Da merkt er, wie die Erzzauberin heimlich herbei schleicht und einen Korb mit einer Nachtigall wegtragen will. Flugs springt Joringel hinzu und berührt mit seiner roten Blume die Nachtigall im Korb. Und siehe da! Seine Braut Jorinde steht schön wie das Morgenlicht vor ihm. Die alte Erzzauberin aber sinkt kraftlos zusammen. Überglücklich nehmen sich Joringel und Jorinde an der Hand. Und dann gehen sie gemeinsam hin und berühren mit der roten Blume die siebentausend Körbe mit den verzauberten Vögeln. Und es werden siebentausend Jungfrauen aus ihrer Verzauberung erlöst.

Wir empfinden intuitiv, welch eine Kraft durch die geheimnisvolle rote Wunderblume wirksam werden kann. Diese erlösende Kraft, die, wie der Gral, mit ihrem Licht und ihrer Liebe alles erhellt, auflöst heil macht und eint, finden wir weder mit unserem forschenden, spekulativen Intellekt, noch mit unserer träumerischen Emotion.

Um die Wunderblume zu finden, müssen wir symbolisch sieben Jahre lang die Schafe hüten – auf unsere Gedanken und Gefühle achten und sie reinigen – und dann auf die Stimme aus der Stille lauschen, die uns den Weg zum innereigenen Gral zeigen will. Und wenn wir im unerschütterlichen Glauben an unsere höchste Bestimmung ausharren und nach weiteren Erfahrungsperioden reif geworden sind, werden wir eines Tages, völlig unvermittelt, die Wunderblume mit der Perle in uns selbst entdecken. Wir stoßen auf die Kraft der Liebe, die unsere Konflikte, Gespaltenheiten und zwischenmenschlichen Probleme, unsere Verhärtungen, Dunkelheiten und Ängste aufzulösen vermag.

Der chinesische Weise Lao Tse sagt uns in seinem Tao Te King:
„Das Zarteste besiegt am Ende das Harte und Grobe.”

Text: Christa Siegert
Gemälde: Dornröschen, Wikipedia
1 Kommentar
  • Uwe BelmsBeantworten

    Wunderschön, danke. Ich habe über Dornröschen einmal ein kleines Gedicht gemacht, das ich Ihnen hiermit widmen möchte.

    Der Stich der Spindel schmerzte
    das Leben verlor
    seine Farbigkeit und seinen Glanz.
    Der Kindheitstraum versank.
    Ist es Schlaf der mich umgibt?
    Ich denke also bin ich.....??
    Eine Kette logischer Zahlenkombinationen?
    Ein Netzwerk in sich schlüssiger Fakten und Konzepte?
    Gespickt mit spitzfindigen Worten
    und flachem Geschwätz?
    Finsternisgestrüppe um meinen Turm
    in denen sich Prinzen verirren und umkommen.
    Dornröschen wartet noch
    auf den alles erlösenden Kuss.

    Herzlicher Gruss,
    Uwe Belms

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