Aufrüttelnde Texte

Die Bürgschaft von Schiller – Analyse von Helga Günther

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V o r w o r t

Friedrich v. Schiller schrieb im Jahre 1797 die Ballade ” Die Bürgschaft”.

Juristisch gesehen ist eine Bürgschaft ein Vertrag, durch den sich eine Person, der Bürge, gegenüber dem Gläubiger eines Dritten (Hauptschuldner) verpflichtet, für die Erfüllung der Verbindlichkeit des Dritten einzustehen.

Wenn es um eine Bürgschaft geht, sind also mindestens drei Personen daran beteiligt.
Mancher mag sich an seine Schulzeit erinnern, wenn er „Die Bürgschaft” heute wieder liest.
Auch  hier geht es um einen Schuldner (Damon), einen Gläubiger (Dionys) und einen Bürgen ( Freund).

Im Unterricht diente  „Die Bürgschaft” gewöhnlich als Beispiel und Inbegriff hoher Ethik und Freundestreue; einer Treue, die sogar den Gesinnungs-wandel eines hartherzigen Königs bewirken kann.

Dabei spiegeln die handelnden Personen die beiden geistigen Strömungen am Übergang von der Klassik zur Romantik wider; einerseits ein vom Verstand und andererseits ein vom Gemüt geleitetes Verhalten.

Aber in dieser Betonung ethischer Werte für Unterrichtsziele erschöpft sich der Sinn der Ballade nicht. Ihren tieferen Bedeutungsinhalt in seiner seelisch – geistigen Dimension auszuloten ist das Anliegen dieser Schrift.

E i n l e i t u n g

Das Selbstverständnis des heutigen Menschen beruht gewöhnlich auf der Vorstellung, er bestehe aus Körper, Seele und Geist. Über das, was nach dem unausweichlichen Tode dieses Systems geschehen wird, gibt es unterschiedliche Ansichten und Vorstellungen. Viele glauben, nach dem Tode des Körpers gehen Seele und Geist in Gottes Ewigkeit ein; andere vermuten, Seele und Geist kehren nach einem Aufenthalt im Jenseits von dort zurück, um ein neues Leben zu beginnen. Die nüchterne Wissenschaft sieht im körperlichen Tode das Ende allen Seins. Diese unterschiedlichen Vorstellungen sollen im Sinne der uralten Weisheitslehren der Menschheit im Folgenden etwas näher beleuchtet werden.

Am Anfang der Schöpfung war der Mensch das Ebenbild Gottes; ein Geist -Seelenwesen aus Licht, ein unsterblicher Mikrokosmos, der in der Bewusst-seinseinheit mit Gott lebte. Selbst mit Verstand und freiem Willen begabt, trug dieses ursprünglich androgyne Wesen in sich drei Seelenkerne: ein männliches, ein weibliches und ein neutrales Prinzip. Zusammen bildeten sie eine unsterbliche, mikrokosmische Drei-Einheit, dazu ausersehen, dem göttlichen Willen und der göttlichen Weisheit zu dienen.

Als aber eine große Anzahl dieser ursprünglichen Wesen nicht mehr den Willen Gottes tun, sondern den eigenen Willen ausführen wollte, benutzten sie die göttliche Gabe des Verstandes selbstherrlich für eigene Schöpfungsideen. Dadurch zerbrach die wunderbare Einheit der drei Seelen. Die Mikrokosmen verloren entweder ihren weiblichen oder ihren männlichen Seelenkern, so daß sie zweipolig wurden.

Was aber nicht in Harmonie mit Gott ist, kann in Gott nicht sein: die zerbrochenen Mikrokosmen stürzten hinab in die Ebenen niederer Schwingung der verdichteten materiellen Welt. Hier nun können die geistig orientierungslos gewordenen Mikrokosmen ihr eigenes, ungöttliches Wesen verwirklichen.

Die Mythologie hält für diese gewaltigen Prozesse unserer Menschheits-geschichte eindrucksvolle Bilder bereit:
Christus, der Sohn Gottes, herrschte im Himmel; er war das Licht der Welt.

Luzifer, der strahlende Morgenstern, mit Verstand begabt, sollte Gottes und Christi Herrlichkeit widerspiegeln. Doch irgendwann verweigerte Luzifer den Gehorsam: er wollte selbst Gott sein. Zur Strafe wurde er des Himmels verwiesen. Er stürzte hinab in das tiefste Dunkel und wurde zum” Herrn dieser Welt”, Satan.

Daraus wird deutlich, daß der heute lebende Mensch mit dem einstigen himmlischen drei-einigen Wesen nichts mehr gemein hat. Wir sind heute Persönlichkeiten aus Körper und Seele – aber ohne den lebendig-machenden göttlichen Geist. Stattdessen wirkt der verselbständigte, eigenwillige Verstand in uns, (Luzifer/Satan), der die ihm geschenkte Freiheit benutzt, um fern von Gott nach eigenen Vorstellungen zu herrschen und selbst Lenker seines Schicksals zu sein.

Satan ist bis heute die Personifizierung der Ich-Zentralität, die selbstherrlich ohne die Lichtkraft Gottes auszukommen meint. Er sagt: „Ich bin Gott, es gibt niemanden außer mir”.

Infolge des Verlustes der göttlichen Lichtkraft, die den Mikrokosmos und seine Geistoffenbarung belebt und geleitet hatte, ist unser heutiges Bewusstsein verdunkelt und in großer Unwissenheit befangen. Nie zuvor war das intellektuelle Wissen so verbreitet wie gegenwärtig; zugleich scheint jedoch das innere Wissen um Herkunft, Sinn und Ziel des Lebens geschwunden zu sein. Diese „Absage” an Gott zwingt uns zu einer Existenz in einem Lebensfeld, das von Trennung und Spaltung geprägt ist. In diesem Reich der Vergänglichkeit liegt über allem der Schatten des Todes.

Der Widerstand gegen die göttliche Kraft setzte einen Prozess fortschrei-tender Ich-Bildung in Gang. Theologisch gesehen ist das die „Sünde”, – die Psychologie nennt es „Individuation” oder auch „Selbstverwirklichung,”  was wohl eher die Bezeichnung „Ich-Verwirklichung” verdient hätte.

Das Prinzip der ungebundenen Selbständigkeit der Ich-Zentralität herrscht heute in der irdischen Persönlichkeit vor. Es ist unser Naturgott, der seine Macht über uns ausübt.

Wer heute mit wachen Augen das Leben und Treiben der Menschheit betrachtet, der sieht das erschreckende Ergebnis dieser Entwicklung.Einerseits scheint es kein Entkommen zu geben aus diesem Labyrinth des Todes, andererseits sind wir Menschen immer noch eine großartige Schöpfung! – wenn auch armselig im Vergleich zu dem, was wir einmal waren, denn:

– die Einheit mit Gott zerbrach;
– der Geist, das Feuer des Lebens, hat sich von uns zurückgezogen;
– der herrliche Geist-Leib wurde durch einen materiellen Körper ersetzt;
– in unserem Herzen liegt unsere einst wunderbare unsterbliche Seele, unser wahres, spirituelles Selbst, in Latenz gefangen,
– statt der wahren, unsterblichen Seele sind wir  heute eine natur-geborene, sterbliche Seele, die ganz auf unseren irdischen Körper mit seinen natürlichen Bedürfnissen abgestimmt ist;
– und in unserem Haupt, dem ehemaligen Zentrum des göttlichen Geistes, da herrscht Satan, das Prinzip der Spaltung, das ich-bezogene Denkvermögen. Der verselbständigte Verstand dominiert eigen-mächtig das ganze System.

An diesem Zustand tiefster Gefallenheit würde sich wohl niemals mehr etwas ändern, wäre da nicht das Ewigkeitsprinzip in unserem Herzen, das Unterpfand unserer göttlichen Herkunft. Fortwährend empfängt dieser unsterbliche Geistfunke in uns pulsierendes  Licht aus dem ursprünglichen Lebensfeld als weckenden Ruf. Doch er kann nur zum Leben erwachen, wenn irgendwann in unserem natürlichen Seelenbewusstsein  eine Resonanz stattfindet und die Seele sich des Geistfunkens bewusst wird.

Viele spüren diese aus dem Herzen aufsteigenden Impulse als innere Unruhe, die  sie sich nicht erklären können; als unbestimmte Traurigkeit; als grundlose Unzufriedenheit; als Stimme des Gewissens oder als diffuses Gefühl, etwas Wesentliches zu versäumen und nicht wirklich zu leben; so, als hätten sie noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen.

Tatsächlich besteht eine solche Aufgabe seit die Menschheit denken kann, und sie ist vollkommen eindeutig: die Welt der Dialektik zu überwinden und in die Einheit mit Gott zurückzukehren. Dazu soll die im Stoff des Irdischen versunkene natürliche Seele, die wir sind, auf einem vorgezeigten Reinigungswege ihre Ich-Natur läutern, d.h. alle ichgerichteten Tendenzen auflösen und sich in vollkommener Selbstübergabe dem innereigenen Christus, dem wahren Selbst im Zentrum des mikrokosmischen Herzens weihen.

Wenn eine irdische Persönlichkeit zu einem solchen Wandlungsprozess ihrer selbst bereit ist, dann steht sie am Beginn eines Einweihungsweges. Auf diesem Wege der Selbsterkenntnis opfert sie freiwillig nach und nach ihr fehlgeleitetes Denken, ihre gefühlsmäßigen Vorlieben und Abneigungen und ihr eigensüchtiges Wollen und Handeln, kurz ihre ganze eingebildete Großartigkeit. Von all dem, womit die Persönlichkeit sich identifiziert, wird dann nichts übrig bleiben. Dies ist der einzige Weg, auf dem aus einem Naturmenschen ein Seelenmensch neu geboren  werden kann.

Die vollständige Hingabe der alten Persönlichkeitsorientierungen – nicht deren Kultivierung – ist die Bedingung für die Wiederherstellung des verlorenen dritten Seelenkerns, wodurch der göttliche Geist wieder empfangen und die ursprüngliche Drei-Einheit wieder erreicht  werden kann.

Wenn eine einsichtig gewordene natürliche Seele sich auf den Weg der Erkenntnis macht, um zu einem Ewigkeitswesen zu werden, wird sie unerwartete innere und äußere Widerstände überwinden müssen, bis ihre Aufgabe  vollbracht ist.

Diesen inneren Befreiungsweg der sterblichen Seele, der vom Glauben über die Hoffnung zur Liebe führt, schildert Schiller in der bilderreichen Sprache seiner „Bürgschaft”.

DIE   BÜRGSCHAFT

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
„Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!”
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
„Die Stadt vom Tyrannen befreien!”
„Das sollst du am Kreuze bereuen.”

„Ich bin”, spricht jener, „zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben;
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen –
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.”

Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
„Drei Tage will ich dir schenken.
Doch wisse: wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.”

Und er kommt zum Freunde „Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben;
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit.
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande.”

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen,
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab –
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket –
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
„O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht,
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.”

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet.
Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

„Was wollt ihr?” ruft er für Schrecken bleich,
„Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!”
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
„Um des Freundes willen erbarmet euch!”
Und drei, mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand;
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Kniee:
„O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!”

Und horch! Da sprudelt es silberhell
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüberfliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
„Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.”

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen;
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:

„Zurück! Du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet´ er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.”

„Und ist es zu spät und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blutge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht –
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue.”

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
„Mich, Henker!” ruft er, „erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!”

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär;
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen.

Und blicket sie lange verwundert an;
Drauf spricht er: „Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn –
So nehmet auch mich zum Genossen an.
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte.

Analyse:

Aufbruch

Dionys und Damon

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
„Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!”
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
„Die Stadt vom Tyrannen befreien!”
„Das sollst du am Kreuze bereuen.”

„Zu Dionys dem Tyrannen schlich Damon …” so beginnt die Ballade.

Dionys ist kein bestimmter, historischer König – obwohl es bis heute gewiss viele tyrannische Herrscher gegeben hat, – sondern eine Figur in einer Ballade mit  mythologischem Hintergrund. Die darin handelnden Personen versinnbildlichen innere Aspekte der Persönlichkeit, die in jedem Menschen zu finden sind. Die äußeren Bilder der Handlung spiegeln innere Erfahrungen wider, die auf diese Weise dem Einzelnen bewusst werden können.

Der Name Dionys steht sprachlich im Zusammenhang mit Dionysos, der im antiken Griechenland als Gott zusammen mit Apollo verehrt wurde . Apollo war der Gott des Lichtes, der Einheit , des Friedens und der göttlichen Ordnung.

Doch wer war Dionysos?

Nach heute verbreiteter Vorstellung  war in der Antike Dionysos  der Gott des Weines, des Rausches, der Ekstase und Fruchtbarkeit, sowie der Gegensätze von Leben und Tod, die sich in Dionysos einten.
Darstellungen zeigen ihn meist als weinlaubumkränzten, fülligen kleinen Adonis, Ausdruck für sinnlichen Genuß und Lebensfreude. Damit werden wir aber einem Gott, der Apoll gleichgestellt war, und dem im jährlich wiederkehrenden hohen Fest der „Eleusinischen Mysterien” höchste Ehre zuteil wurde, nicht gerecht.

Der Name Dionysos wird abgeleitet von Dios nous, was bedeutet: „Atem Gottes”.

Dionysos, der aus der Einheit  des Urseins stammende,  ist uns als der „Trigonos”, der dreimal geborene Sohn des Zeus, überliefert. Dies bedeutet, dass er für uns in drei Gestalten, in drei Aspekten, erfahrbar wird. Sie charakterisieren den dreifachen Prozeß, in dem die gefallene Menschheit zurückgeholt werden soll. Der Gott Dionysos kommt in die Welt, damit sich das menschliche Bewusstsein wieder mit dem Göttlichen verbinden kann. Aber  dies bedeutet für Dionysos, sich der Welt zu opfern. Er geht im Menschen unter, um eine überwindende Kraft hervorzubringen, durch die eine Erlösung möglich wird.
Die erste der drei Gestalten ist die aus dem göttlichen Urprinzip heraustretende Kraft: Dionysos- Zagreus. Er ist der in die Vielheit  Zerrissene. Das ehemals geistige Prinzip wird so ent-geistigt und versinkt im Menschen. Hier nun kann die zweite Gestalt wirksam werden: das überwindende, versöhnende Prinzip, der „Andere” in uns.

Schließlich erscheint die dritte Gestalt: Dionysos-Jakchos, der Jubelnde, der wiedergeborene Lichtgott. Er entfaltet sich durch das Aufgeben des ersten Dionysos und durch das Überwinden des zweiten Dionysos. Der dritte Aspekt symbolisiert die wieder gewonnene Drei-Einheit; der „Trigonos” ist auferstanden.
An der Wirksamkeit dieser drei Aspekte können wir den Werdeprozeß  in jedem einzelnen Menschen nachvollziehen. Die in die Welt hinabsteigende  göttliche Kraft, die sich für den Menschen opfert, wird zunächst nicht erkannt, sondern auf jede erdenkliche Weise bekämpft. Die griechische Mythologie berichtet von der Zerstückelung des Gottes; eine alte Erfahrung, nach der das Geistige immer von der Unwissenheit zerstückelt wird. Der irdische Mensch begreift die göttliche Kraft der Wahrheit nicht, weil er seinen verdunkelten Verstand nur für seine ichbezogenen, weltlichen Absichten einsetzt und nicht für das Erkennen und Erreichen seines wahren Lebenszieles.

War Dionysos im Ursprung mit göttlicher Weisheit und göttlichem Verstand begabt, so wurde Dionysos- Zagreus mit seinem verdunkelten Verstand zum Herrn über die Lüste, die Leidenschaften und die Triebkräfte. Als Herr über die Unterwelt war er nun der rasende Gott des Rausches und des Wahns. Er trug den Beinamen der „Erbarmungslose”, womit das  um jeden Preis sich selbst behauptende Prinzip gemeint ist. Dies erinnert an den christlichen Mythos von Luzifer, dem Lichtträger, der das Licht der göttlichen Weisheit widerspiegeln sollte. In seiner Selbstverblendung blind geworden, bildete er sich aber ein, selbst das Licht zu sein. Er stürzte  und wurde zum Satan, zum Herrn der Unterwelt.

Dieser Eigenwille  ist die Kraft des Bösen in uns, von der wir „heim-gesucht” werden. Der missverstandene Gott  wird in uns zum Tyrannen. Ohne die göttliche Weisheit wird das verdunkelte Bewusstsein zum brutalen Herrscher, der sich selbst zum König wählt, um Willkür und Machtgier auszuleben. Aber er ist der falsche König, ein Schein ohne Wirklichkeit. Das sich selbst behauptende Ich der Persönlichkeit hat sich auf den Thron unseres ganzen Systems gesetzt und beherrscht es nach Denken, Fühlen und Wollen. Im Haupt herrscht es als der kalte, ichbezogene Verstand; im Herzen als eigensüchtiges Fühlen, und im Beckenheiligtum lässt es dem Wollen und Wünschen niederer Triebe und Leidenschaften freien Lauf.

Dionysos-Zagreus wurde vom Volk als „Bacchus” verehrt, als Gott der wilden Lebenslust, der weltlichen Freuden, Genüsse und Vergnügungen. Er wurde in ausgelassenen Festen gefeiert. Als  Gott dieser Welt ist er ja auch keineswegs nur „böse”, lässt er doch „Wein, Milch u. Honig” aus der Erde hervorgehen. Er schenkt uns die irdischen Freuden, Schönheit, Reichtum, Wohltätigkeit; Kunst und Wissenschaft stehen unter seiner Schirmherrschaft! Aber als Gott mit zwei Ansichten hält er auch die Schrecken, das Grauen und die Qualen unseres irdisch-korporalen Daseins für uns bereit. Was er gibt, das nimmt er wieder; nichts bleibt uns von all der irdischen Pracht; wir müssen für alles bezahlen! Er ist der rächende, zornige, tyrannische Gott, der unbarmherzig jeden vernichtet, der sich seinem Willen widersetzt. Letztlich befreit er die Menschen von allen Sorgen, denn dieser Gott garantiert uns den Tod.
Der wahre König indes schmachtet in Ketten gebunden im eigenen Herzen, das zur Mördergrube verkommen und vom Chaos eigensüchtigen Denkens, Fühlens und Handelns überwuchert ist wie Dornröschens Märchenschloß.
So trägt der Mensch vom Ursprung her einerseits das ewig Göttliche, das Unsterbliche in sich, ist andererseits jedoch als irdische Erscheinungsform der Welt des Vergänglichen verhaftet und dem Tode geweiht.

In seinem Herzen ist ein Teil vom Wesen des Ursprungs bewahrt, und so berichtet die Sage auch, dass das Herz von Dionysos nicht in den Abgrund des Verderbens mitgerissen wird, sondern immer rein bleibt. Damit wird es zum Unterpfand für die Errettung vom Tode.

Durch den im Herzen verborgenen Kern bleibt jeder Mensch latent mit seinem Ursprung verbunden. Und deshalb gibt es noch den dritten Aspekt, der uns mit Dionysos verbindet: die Möglichkeit der Rückkehr nach Hause, zum Ursprung.

In den Feiern der „Eleusinischen Mysterien” wurde diese Möglichkeit alljährlich wieder in das Bewusstsein  der Menschen gerückt. Dionysos, der durch sein Selbstopfer die Menschen erlöst, wird als Gott der Versöhnung hoch verehrt. Aber erst eine neue Seelenkraft vermag, diesen „Anderen” in uns aus seiner Latenz zu erwecken. Dazu muß der alte Dionysos, das verlorene stolze Ich-Prinzip, sterben; die Weisheit der Seele zieht den Schleier der Unwissenheit vom irdischen Verstand und befreit ihn von der Trunkenheit des irdischen Wahns.Durch diesen Wandlungsprozeß  kann das versöhnende Prinzip in dem Maße sichtbar werden, wie Dionysos- Zagreus, das beherrschende Ich-Prinzip, sich selbst  aufgibt. Der Weg wird bereitet für das überwindende Prinzip. Der Andere in uns, der befähigt ist, die erlösende Lichtkraft aufzunehmen, wird wieder frei. Jakchos, der  lichtbringende Stern, erscheint. Die zerstreuten Aspekte des Dionysos sind dann wieder zusammengeführt und bilden erneut eine Ganzheit; Dionysos, der Trigonos, ist auferstanden.

Alle diese antiken Vorstellungen bringen uns in die Nähe christlicher Mysterienweisheit und sind so aktuell wie diese. Nun können wir verstehen, daß die Ähnlichkeit zwischen den beiden Namen Dionysos und Dionys gewiss nicht zufällig ist. Dionys entspricht der Gestalt des Dionysos-Zagreus/Satan, dem selbstbehauptenden Verstandes-Ich. Er muß wie dieser seinen Wandlungsweg gehen.

Der König Dionys als die Personifizierung des ich-zentralen Verstandesdenkens, verkörpert den rücksichtslosen Willen zur Macht und die kalt berechnende Denkweise eines egozentrischen Charakters. Er ist der irdische Gott im eigenen System, Ausdruck der Weltkonformität ohne Beziehung zur geistigen Welt.

Zu diesem Tyrannen „schlich Damon, den Dolch im Gewande”…

Lange Zeit hat Dionys unangefochten seinen Machttrieb ausgelebt. Das alles beherrschende Verstandesdenken ist auf keinerlei Widerstand gestoßen. Der selbstherrliche, trunkene Gott des Wahns konnte  willkürlich herrschen. Da erscheint Damon mit  Mordab-sichten. Er will die Herrschaft des Tyrannen beenden. Doch wer ist Damon?

Auch der Name „Damon” ist  nicht zufällig gewählt. Er zeigt eine sprachliche Verwandtschaft mit „Daimon” oder „Dämon”. Antike Religionen dachten sich die Welt mit gewaltigen Heeren über-menschlicher Dämonen erfüllt, die für die unterschiedichsten Naturerscheinungen verantwortlich waren und das menschliche Leben beeinflussten. In den Gestalten von Dämonen spiegelte sich die Auseinandersetzung mit der Willkür, der Härte und gefürchteten Macht des Schicksals wider.

In der Geschichte des Christentums wurde unsere ursprüngliche, himmlische Seele als „der gute Dämon” bezeichnet. Sie war Bewusstsein und das Licht der Welt (Christus). Ihre Stimme war die Stimme des Gewissens, die als der gute Dämon die ursprüngliche Persönlichkeit leitete.

Erst nach dem Sündenfall wurden Dämonen zu rächenden Kräften des Schicksals. In der Mythologie sind sie auch als die „Erinnyen” bekannt. Sie verfolgen und  peinigen  den Menschen, jedoch niemals grundlos.
Gewiss hat jeder schon einmal die beunruhigende, quälende Macht eines „schlechten Gewissens” erfahren. Wie ein „böser Dämon” lässt es uns nicht in Ruhe. Doch Dämonen sind uns nur scheinbar feindlich gesonnen. Sie verursachen Störungen im Gedanken-, Gefühls- und Willensleben, bilden aber gerade dadurch das Regulativ, die korrigierende Kraft, die uns unsere Fehler bewusst machen und uns auf den rechten Weg der Einsicht bringen will.

Mancher fragt sich mitunter: „Womit habe ich das verdient?” Er sucht nach einem Schuldigen, und  zweifelt an Gott, der „so etwas zuläßt”. Aber es gibt keinen rächenden Gott, der nach Gutdünken belohnt oder bestraft; alle „Verdienste” sind auf eigenes Tun zurückzuführen, auch dann, wenn wir die Mechanismen dieses Wirkens nicht durchschauen können. Somit sind auch die von uns als böse empfundenen Dämonen eigene Schöpfungen, die immer dann Macht gewinnen können, wenn wir vom Pfad der Tugend des rechten Denkens abgewichen sind. Unser falsches Denken, unsere Leidenschaften und Verirrungen im Labyrinth der Welt sind die Ursache unserer Leiden. Der unberechenbare und zerstörerische Aspekt der Macht des Schicksals scheint nun – verkörpert in Damon – dem König gefährlich zu werden. Damon tritt Dionys feindlich entgegen.
Wenn ein neues Bewusstsein in einer Persönlichkeit zu wirken beginnt, dann richtet sich automatisch der suchende Aspekt der Seele (Damon) gegen den beharrenden Aspekt (Dionys) und umgekehrt; dann sind „zwei Seelen” in unserer Brust. Damon verkörpert die zur Erkenntnis befähigte Seele, die sich gegen ihren Beherrscher, das eigenwillige und herzlose Verstandesdenken wendet. Die zum Bewusstsein erwachende Seele will sich von ihrem tyrannischen Ego befreien, das ihr keinen Raum lässt für eine Freiheit in eigener Verantwortung. Sie will nicht länger Untertan eines verdunkelten Bewusstseins sein und wendet sich gegen die Tyrannei der Selbstsucht und Besitzgier, gegen Dünkel und Anmaßung.

Ein Mensch, der dieses Verlangen seiner Seele in sich spürt, möchte etwas verändern in seinem Leben. Er wird sich auf einmal seiner Verlorenheit in einer vom kalt berechnenden Intellekt geführten Welt bewusst. Ihm wird klar, wie unbefriedigend und belastend das ausschließliche Streben nach äußeren Dingen ist; dass Macht, Reichtum, Kultur und Bildung, so reizvoll sie auch erscheinen mögen,  ihn auf Dauer nicht befriedigen können. Er sucht nach wahrer Erfüllung und ist bereit, dafür alle notwendigen Schritte zu unternehmen. Er möchte sich befreien aus gewohnheitsmäßigen Abhängigkeiten und eine Freiheit wieder finden, von der er spürt, dass sie ihm zusteht.

Wenn ein Mensch den grundsätzlichen Irrtum seines selbstherrlichen Verstandesdenkens erkennt, will er diesen „Tyrannen” im eigenen Wesen töten. Er sieht sich selbst nüchtern als sterbliches Wesen, dem relativ wenig Zeit bleibt, seine bestimmungsgemäße Aufgabe zu erfüllen, die er jetzt klar vor sich sieht. Zugleich wird er sich der neuen Kraft bewusst, die ihn durchströmt und aufweckt.

In ihrer Sehnsucht nach Freiheit brechen sich die neuen Seelenkräfte Bahn und drängen ins Bewusstsein des Verstandes. Doch im Haupt- (oben im Schloss) – sitzt Dionys,  die kalte Ratio; sie will vom Schwert des Geistes der Wahrheit (dem Dolche) unberührt bleiben. Sie will ihr „Blut” – die Naturseelenkraft – nicht vergießen für  unbequeme Gedanken und Impulse, die jenseits ihrer Interessen liegen. Die auf äußere Sinneswahrnehmungen und das eigene Wohl bedachte ich-bezogene Verstandestätigkeit will auf das mahnende Gewissen nicht hören. Sie ist nicht interessiert daran, was die innere Stimme der höheren Vernunft  zu sagen hat, die aus dem Herzen   dringt und  an die eigentliche Aufgabe gemahnen will.

Damon, unser erwachendes Seelenbewusstsein, wird für den Tyrannen in uns zur tödlichen Bedrohung, zum „Dämon”. Und  so hat Dionys, das weltbezogene, von der göttlichen Weisheit abgewandt lebende Verstandesbewusstsein,  allen Grund, seine „Dämonen” zu fürchten und sich vor ihnen zu schützen. Doch solange die Angst vor den Dämonen unser Denken und Handeln bestimmt, werden die neuen Seelenkräfte auf heftige Abwehrreaktionen des unwissenden Verstandes stoßen und in den Fängen der „vernünftigen” Gegenargumente hängen bleiben (Damon wird von den Häschern gefangen genommen). Die nach Befreiung verlangenden Impulse der Seele werden vom Selbstbewusstsein eines Weltmenschen unterdrückt, verworfen und bekämpft. Dadurch entsteht aber zwangsläufig eine Disharmonie im Verhältnis zum „Herrscher”, den allgemein herrschenden Normen und Wertmaßstäben unserer gewohnten Privat-Kultur. Diese innere Spannung findet ihren Höhepunkt im Entschluss, die neuen Ideen zu eliminieren. (Dionys will Damon kreuzigen lassen).

Wer am Beginn eines neuen Weges steht wird erfahren, dass er nichts erzwingen kann. Die eigenwillige Selbstherrlichkeit – der dialektische „König” – ist mit den Mitteln der Dialektik: (List, Feindschaft, Gewalt) nicht zu besiegen. Die Gefahr besteht, genau von jenen Mächten „gefangen genommen” zu werden, die man bekämpfen wollte. Die Idee des Freiheitsgedankens und seiner rücksichtslosen Durchsetzung reicht nicht aus um frei zu werden, denn Freiheit entsteht nicht durch Gewalt und Kampf gegen eine Macht, sondern durch Einsicht und Hingabe an das göttliche Prinzip des Herzens.

Der Mordanschlag misslingt; er muss misslingen, denn die Verstandestätigkeit als solche darf ja nicht getötet werden, sondern nur ihr zur Verselbständigung neigender Aspekt. Obwohl uns die Verstandeskräfte an die Begrenzung dieser Welt binden, werden  sie ebenso wie die Seelenkräfte für den Erkenntnisweg gebraucht. Aber Damon – die Stimme des Gewissens – dringt bis zum König vor und zwingt ihn zur Auseinandersetzung: der kritische Verstand muss die neuen Seelenimpulse zur Kenntnis nehmen. Noch fühlt Dionys sich sicher. Noch triumphiert der Verstand über die rebellierende Seele mit den un-erhörten Wünschen. Noch sind Haupt und Herz weit voneinander getrennt und stehen sich feindlich gegenüber.
Das Verstandesbewusstsein reagiert mit Abwehr und möchte das neue Denken ganz schnell wieder aus dem Bewusstsein vertreiben, d.h. weg-rationalisieren und als Unsinn abtun. Aber eine erste schwache Geistberührung hat stattgefunden, eine erste ahnende Verbindung zwischen Haupt und Herz ist hergestellt; auch, wenn der Verstand die Bedeutung dessen in seiner Selbstverblendung und Unwissenheit zunächst nicht  bemerkt.

Nach dieser Betrachtung der beiden Hauptpersonen lässt sich nun die erste Strophe der Bürgschaft zusammenfassend wie folgt übersetzen: Die aus dem gewohnten Gleichgewicht gestoßene, suchende und fragende Seele wird sich ihrer Unfreiheit und Bevormundung durch das dominante Verstandes- Ich bewusst. Sie versucht, sich gewaltsam davon zu befreien. Aber das nach Macht, Ansehen und Herrlichkeit strebende Ichbewußtsein reagiert abwehrend, denn es fürchtet um seine beherrschende Stellung. Es verschließt sich gegenüber den ins Bewusstsein drängenden Seelenimpulsen, denen es  seine eigenen, weltgerichteten Interessen nicht opfern will. Die als bedrohlich empfundene Stimme der Seele soll nicht gehört werden.

Die Bitte

„Ich bin”, spricht jener, „zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben;
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen –
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.”

So ist denn die Entthronung des „Königs”, der gewohnten Selbstbehauptung, nicht so ohne weiteres zu bewerkstelligen.

Damon akzeptiert die von Dionys verhängte Strafe; sie erscheint ihm gerecht. Doch angesichts des sicheren Todes wird er sich einer wichtigen Aufgabe bewusst. Er bittet den König um drei Tage Zeit für deren Erledigung.

Die  Seele hat lange unter der Herrschaft und mit dem Einverständnis des irdischen Gottes der Ich-Zentralität gelebt. Damit hat sie „gesündigt” und ihr Leben  verwirkt. Unausweichlich unterliegt sie dem Gesetz des Todes, den sie in dieser Situation nur als gerecht akzeptieren kann. Die erwachende Seele aber  beginnt  zu begreifen, dass sie zuvor noch eine Aufgabe zu erledigen hat.

Jeder Mensch ist im irdischen Dasein ein „zum Tode Verurteilter”, der irgendwann diese Welt als Totenhaus erkennen muss.

Wie oft spürt er schon mitten im Leben den Atem des Todes und wird sich der Vergänglichkeit all dessen, was ihm lieb und teuer ist – einschließlich seiner eigenen Person – bewusst. Das mag ihn veranlassen, den Hunger seines Herzens zu stillen und mit einem Erlösungsweg zu beginnen. Schon steht ihm die erste wichtige Aufgabe dieses Weges klar vor Augen: die Verbindung der Gegensätze (die Hochzeit) zustande zu bringen. Ein solcher Mensch erkennt, dass die geschenkte Lebenszeit für die Erfüllung dieser Aufgabe begrenzt ist, und dass er diese Zeit auch nur bekommt, weil ein „Freund” für seine Rückkehr bürgt. Er begreift, dass ein „Anderer” da ist, der ihm als Garant für seine „Heimkehr” dient.
Und ihm wird außerdem bewusst, dass er diesen „Anderen” unweigerlich opfert, wenn er nicht rechtzeitig heimkehrt, Will er sich selbst retten, tut er es unvermeidbar auf Kosten des Anderen, dessen Leben nun in seine Hand gegeben ist. „…Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.”

Drei Tage Zeit

Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
„Drei Tage will ich dir schenken.
Doch wisse: wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.”

Der König gibt sich großzügig; er gewährt Damon die erbetenen drei Tage für die Regelung seiner Angelegenheiten.

Der Herrscher glaubt sich seiner Macht über Damon sicher, hat er doch einen „Bürgen” der gegebenenfalls die Schuld übernehmen und anstelle Damons sterben wird.

Anfänglich genügt es, wenn die intellektuellen Verstandeskräfte dem Wunsch der Seele nach Erfüllung der Aufgabe nicht gänzlich behindernd im Wege stehen; einem Wege, in dessen Verlauf die Verstandeskräfte selbst gereinigt und geläutert werden, wenn sich die alten Selbstbehauptungstendenzen mit wachsender Einsicht auflösen.

Eine vom Geist berührte Seele, die sich nach der Wahrheit sehnt und den Sinn ihres Daseins begreift, bringt immer auch im Verstandesbewusstsein etwas in Bewegung. Vorläufig braucht der misstrauische Verstand allerdings noch „Sicherheiten” und stellt Bedingungen. Er möchte den fremdartigen Seelenkräften lieber nicht vertrauen; er bleibt skeptisch.

Wenn man bedenkt, wie viele unterschiedliche Angebote so genannter „spiritueller Weisheit” in der Welt kursieren, so ist diese Vorsicht durchaus angebracht. Allzu leicht könnte der Verstand auf der Strecke bleiben, wenn er sich von emotionalen u. irrationalen religiösen Wahnvorstellungen verführen und überrollen ließe.

Dionys ist vorsichtig; das Neue ist für ihn schwer einzuschätzen. Noch ahnt er nicht, was die Gewährung der Bitte für ihn bedeuten wird: das Aufgeben all dessen, womit er sich identifiziert. Hätte er geahnt, dass ihn das einmal seine Machtposition kosten wird, er wäre gewiss nicht so großzügig gewesen. Aber noch durchschaut er die Konsequenzen nicht, glaubt er sich doch seiner Verfügungsgewalt über den Bürgen, der nun anstelle Damons ins Verlies geworfen wird, sicher. Dionys, der Weltmensch, ist sich des spirituellen Menschen im eigenen Wesen noch nicht bewusst; das ichbezogene Bewusstsein regiert  vorläufig noch über das ganze System. Das erst keimhaft angelegte Christusbewusstsein,  das wahre Selbst in ihm,  wird erst durch den Weg der Seele  zu neuem Leben erwachen.

Jede menschliche Seele will einmal ihre Aufgabe erkennen und den ihr vorgezeichneten Weg gehen. Das größte Hindernis auf diesem Wege ist unser ichbezogner Verstand, der kalte Intellekt. Zu Beginn eines Seelen-weges  lässt er oft nur deshalb die Seele gewähren, weil er  dadurch etwas für sich selbst erhofft und die  wahre Bedeutung dieses Weges weder erkennen, noch ermessen kann. So kann es geschehen, dass unsere Seele schon längst ansprechbar ist für Einflüsse aus der geistigen Welt, die sie ahnt, spürt und erkennt, während unsere „Vernunft” derartige Gedanken noch als Hirngespinst  verdammt.
Diese anfängliche Ahnungslosigkeit ist sehr nützlich für die Seele, denn durchschaute der ich-gerichtete Verstand immer sofort, was mit den Wünschen der Seele tatsächlich verbunden ist, also welche gravierenden Veränderungen seines gesamten Selbstverständnisses ihm da bevorstehen – er würde das Bemühen der Seele im Keime  zu ersticken versuchen.

So ist verständlich, dass  es für betont verstandes- orientierte Menschen schwieriger ist, einen spirituellen Weg zuzulassen, als für Menschen, die mehr mit dem Herzen denken.

Der König, das stolze Ichbewusstsei, wähnt sich seiner Macht über das wahre Selbst, das gut bewacht im Gefängnis seines Herzens liegt, sehr sicher. Er ist überzeugt, Herrscher zu sein über die in ihm gefangen liegenden geistigen Kräfte. Von der Einsicht, dass ihm gerade diese Kräfte fehlen, ist er noch weit entfernt.

Der von seinem Erfolg und seiner Bedeutung berauschte Mensch glaubt, alles Erstrebenswerte schon zu besitzen bzw. noch erfinden oder kaufen zu können; nichts fehle ihm zum Glück. Doch früher oder später muss jeder erfahren, wie flüchtig dieses Glück ist, ja, dass es in Wirklichkeit in dieser Welt kein dauerhaftes Glück gibt und er bis zur Erkenntnis des Wesentlichen noch nicht durchgedrungen ist.

Was bedeuten „Drei Tage?”

Der durch den  „Fall” zweipolig gewordene Mensch ist im Spannungsfeld der irdischen Dialektik gefangen. In diesem Lebensfeld soll er nun seine Gefangenschaft erkennen, sich daraus befreien und zur ursprünglichen Drei-Einheit zurückfinden.

„Drei” ist die Zahl der Dynamik und der Synthese. Die „Dynamik” bedeutet das Zurücklegen eines Weges; ein Fortschreiten von Erkenntnis zu Erkenntnis. Die „Synthese” ist die Verbindung zweier Gegensätze auf einer höheren Ebene, der Drei-Einheit in der Art, wie aus These und Antithese die Synthese entsteht. Geometrisch veranschaulicht wäre dies ein gleichschenkliges Dreieck, dessen eine Spitze nach oben zeigt.
„Drei Tage Zeit” sind symbolisch zu verstehen als die Frist unseres irdischen Lebens, als die Zeit des Entstehens, Blühens und Vergehens.

Wir müssen diese Lebenszeit nutzen, um unsere Lebensaufgabe zu erfüllen, das heißt, über den Glauben die Hoffnung zu finden,  um schließlich die Liebe zu gewinnen. Dafür sind im Rahmen von drei Schritten der Erkenntnis folgende drei Aufgaben zu lösen:

1. Vereinige die Gegensätze von positiv und negativ.
2. Überwinde die niederen Triebe und die Gefühle der Angst, Sorge und Furcht.
3. Stelle die ursprüngliche Einheit von Körper, Seele und Geist wieder her.

Die Lösung dieser drei Aufgaben entscheidet über Leben und Tod.

Damon ist sich dessen bewusst, als der König ihm listigerweise verspricht, ihm im Falle einer verspäteten Rückkehr die Strafe zu erlassen, d.h. ihm das Leben zu schenken. Diese „Großmut” entspricht exakt dem schlau berechnenden Verstandesdenken. Es ist ein heimtückisches Versprechen, das die ganze Hinterlist eines herzlos kalkulierenden Denkens offenbart. Zwar würde der König sein Versprechen halten, aber um welchen Preis?

Wenn die suchende Seele ihren Pfad beginnt, dann wird ihr mit Sicherheit früher oder später vom Selbsterhaltungstrieb suggeriert, sich mit dem Heimweg ruhig Zeit zu lassen. Sollte sie den Weg in diesem Leben (den zugestandenen drei Tagen) nicht schaffen, so wird zwar das wahre Selbst nicht befreit, aber der suchenden Seele wird dafür das Leben einer neuen Inkarnation geschenkt. Doch welches „Leben” will uns der seelenlose Intellekt denn schenken? Lockt uns dieser hinterhältige König, der Gott dieser Welt, mit seinen großartigen Verheißungen nicht doch nur wieder in ein vergängliches, und damit  fragwürdiges Daseinsglück? Und muss nicht dieses Scheinglück eines erneuten irdischen Lebens abermals bezahlt werden mit dem stets wiederholten Verrat an dem Unsterblichen in uns, dem Einzigen,  um dessentwillen wir in dieses irdische Leben gerufen wurden? Kann es denn der Sinn unseres Lebens sein, die schon  unendlich lange Kette der Inkarnationen aus Unwissenheit nur um ein weiteres Glied zu verlängern?
Genau das aber verspricht Dionys dem Damon!

Dennoch ist der König in seiner Unwissenheit nicht zu verurteilen, kennt er doch nur das Vergängliche, das Relative, das alleine ihm wertvoll erscheint. Die Perspektive des Ewigen, des Absoluten, ist ihm ebenso fremd wie Demut und Bescheidenheit. Trotzdem hat sich der König eingelassen auf die Bitte Damons, auf das für ihn Unwägbare. Und das ist entscheidend: Damit der Weg überhaupt begon-nen werden kann, muss sich die Ratio einlassen auf das scheinbar Irratio-nale, auf die Nüchternheit einer höheren Vernunft; selbst wenn die Logik des menschlichen Verstandes am Anfang noch meint, die geistigen Kräften für eigene Zwecke gebrauchen zu können. Es sind dann Versuche, sich zwar für das „Spirituelle” in jeder Form zu begeistern, dabei aber die neuen Erfahrungen und Kenntnisse zu benutzen, um persönlichen Gewinn daraus zu ziehen. Nicht der Verstand führt zur Wahrheit, sondern die mit dem Geist verbun-dene Seele. Sie ist es, die mit dem Wege zur Wahrheit beginnt, in dessen Verlauf sich die Ich-Tendenzen auflösen können.
Indem der König voll böser Hintergedanken den Weg Damons gönnerhaft billigt, steht  dem Beginn des Weges in  „drei Tagen” nichts mehr entgegen.

Der Freund

Und er kommt zum Freunde „Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben;
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit.
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande.”

Damon bietet dem König den Freund als Bürgen für seine rechtzeitige Rückkehr an, allerdings ohne diesen Freund vorher zu fragen. Er ist sich dessen bedingungsloser Zusage erstaunlich sicher.
Tatsächlich ist der Freund, ohne Wenn und Aber,  ohne Bedenken, wortlos bereit zu diesem Liebesdienst, der ihn unter Umständen das Leben kosten wird.

Wer ist dieser namenlose Freund, auf den Damon so selbstverständlich zählt?

Der Freund ist die dritte Hauptfigur in „Die Bürgschaft”. Er spielt eine sehr unspektakuläre, stille Rolle. Er repräsentiert den „Anderen” in uns, das wahre Selbst.Er ist der aus dem Geistfunkenatom wieder erstehende neue Mensch, das ursprüngliche Geist-Seelenprinzip; die in der menschlichen Seele angelegte geistige Form, die gegen alle Widerstände nach Verwirklichung des ursprünglichen, wahren Menschen drängt. Er verkörpert das keimhaft in uns angelegte Christusbewusstsein, den Keim des wahren Lebens. Als Unterpfand unserer Heimkehr ins Vaterhaus, als „Bürge” für unsere Rückkehr,  liegt er seit  Urzeiten in unserem Mikrokosmos gefangen, geduldig auf seine Erlösung wartend, um einmal das ganze mikrokosmische  System  zu seinem Ursprung zurückzuführen.

Dieses geistige Samenkorn, das in jedem Menschen ruht, ist unpersönlich, (namen-los). Sobald nun die Seele sich dieses Samenkorns bewusst wird und sich vollkommen darauf einstellt, kann dieses Prinzip in uns wachsen und als innerer Christus seine heilende Funktion übernehmen, zu der es berufen ist.
Nun verstehen wir auch, warum der Freund namenlos ist; warum er sich wortlos hingibt und keine Einwände hat. Kann er doch seine Aufgabe der Heilung nur dann erfüllen, wenn die irdische Seele ihrerseits ihre Aufgabe erkennt und bereit ist, sich für ihn – den Freund – hinzugeben.

Der Freund als die mentale Konzeption des Ewigen in uns liefert sich widerstandslos der irdischen Macht aus, still vertrauend auf die ewige Wirksamkeit des Geistes.

In dem Maße, wie ein Mensch sich entschließt, den Weg der Umkehr zu gehen, nimmt das innere Bild des wahren Selbst an Kraft zu. Diese Kraft wird vom selbstherrlichen Verstandesdenken als Bedrohung empfunden und eliminiert, oder zumindest „eingesperrt” in ein dunkles Verlies.

Es ist unser eigenes Herz, aus dem wir ein Gefängnis gemacht haben, in dem alles, was rein, wahrhaftig, frei und selbstlos ist, in Ketten gelegt vor sich hin schmachtet.

Liegt nicht das Unsterbliche, Göttliche, das Christusprinzip in uns gefangen? Zur Unwirksamkeit verdammt, weil der nach außen gerichtete Mensch mit all seinen weltlichen Interessen in seiner Unbewusstheit nur seine eigenen egozentrischen Ziele im Sinn hat? Gerät nicht über all dem Sinnen und Trachten nach äußerer Herrlichkeit dieser Andere in uns völlig in Vergessenheit? Müssen wir nicht auch, wie Damon, erst in ernsthafte Bedrängnis geraten, damit der „Freund” uns bewusst wird und als Retter in der Not wirksam werden kann?

Diesen Freund müssen wir nicht erst fragen; wir wissen in tiefster Seele, dass er uns aus der Not erretten und die Garantie für unsere Rückkehr übernehmen wird; ja schon längst übernommen hat. Die Liebe dieses Freundes ist unermesslich. Sie ist nicht vergleichbar mit jener irdischen, berechnenden und wankelmütigen Liebe, die immer Bedingungen stellt: „Ich liebe dich nur, wenn…”

Wenn die einsichtig werdende Persönlichkeit sich dem innersten Seelenkern, der Rose des Herzens, sehnsüchtig verlangend zuwendet, dann beginnt  bereits der Heilungsprozess der Seele. Einsicht in die tatsächliche Situation des Menschen in dieser irdischen Existenz ist der erste Schritt auf dem Wege der Einweihung.

Den wahrhaft Liebenden, den im Todesschlaf umfangenen göttlichen Liebesfunken, müssen wir im Verlies unseres Herzens aus der Unwirksamkeit erlösen! Diesen Anderen, diesen unverbrüchlich treuen Freund wieder aus der Gefangenschaft zu befreien, das hat Damon fest beschlossen, als er sich auf den Weg macht. Er wird zum Pilger auf dem Kreuzwege. Damon ist sich des Ewigen in sich, des Freundes, bewusst geworden, das nun in ihm wirksam wird: er begibt sich auf den Weg und beginnt mit der geistigen Arbeit. Der neue Bewußtseinszustand erlaubt ihm, eine „Hochzeit” auszurichten, das heißt, die Gegensätze der dialektischen Welt zu vereinen.

Hochzeit  (erste Aufgabe)

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen,
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.

Es ist gewiss kein Zufall, dass Damon auf seinem Wege zuerst eine Hochzeit arrangieren muss. In mythologischen Erzählungen und ebenso in Heiligen Schriften diente die irdische Hochzeit zweier gegengeschlechtlicher Menschen schon immer als Bild für die Vereinigung der Gegensätze im Menschen selbst. Dem mythischen Menschen war bewusst, daß er getrennt von Gott lebte, und daß dieses Abgespaltensein durch eine erneute „Heilige Hochzeit” wieder rückgängig gemacht werden konnte und musste. Eine solche Hochzeit bedeutet also die bewusste Hinwendung der Braut (der Seele) zu ihrem wahren Bräutigam ( dem Geist). Diese Wiederverbindung von Seele (Bewusstsein) und Geist (Erkenntnis) steht am Beginn eines jeden Einweihungsweges. Wenn das Bewusstsein den Geist der Wahrheit erkennt, dann versteht die Seele ihre Aufgabe und findet den Weg zurück zu Gott. Doch, so lehren es die alten Schriften, der Heimweg ins Vaterhaus ist ein Kreuzweg, auf dem Bewährungsproben zu bestehen sind. Entschlossenheit, Standhaftigkeit und unbeirrbare Zuversicht der Seele werden geprüft. Jetzt muß sich zeigen, ob die neuen Seelenkräfte wirklich stark genug sind, um den alten Einflüssen des gewöhnlichen Denkens  zu widerstehen. Ist das alte Ich-Wesen wirklich bereit, sich kreuzigen zu lassen?

Die neuen Seelenkräfte verursachen starke Spannungen in uns. Wir spüren das Anhaften am Alten, Überkommenen und hegen gleichzeitig auch den Wunsch, uns davon zu lösen, um  frei zu werden. Die beharrenden und die erneuernden Kräfte kämpfen miteinander. Wenn jedoch das Heilbegehren der Seele stark genug ist, werden diese Konflikte überwunden, und der Mensch findet sein inneres Gleichgewicht.  Nun  kann der Blick frei werden für eine  Erfahrung ganz anderer Art.  Die widerstreitenden Pole im eigenen Wesen  werden gleich-gewichtig. Statt eines „Entweder–Oder” durch ständige Gegenangriffe, durch Urteilen und Verurteilen, findet er zum ” Sowohl als auch”. Statt zu „teilen,” bzw. „auszuteilen”, fügt er zusammen und neutralisiert damit die feindlichen Pole. Das ständige Werten und Aufteilen in „Gut und Böse” verebbt, wir kommen zur Ruhe; Harmonie und Gelassenheit kehren in unser Herz ein. Wir erfahren wieder die Unbefangenheit und die gleich bleibende Heiterkeit des Gemütes; wir finden zu innerer Unerschütterlichkeit gegenüber den Wechselfällen des Lebens; sind innerlich ausgeglichen und können in Streitlosigkeit und Frieden mit anderen leben, weil wir in uns selbst ruhen. In der Ausgewogenheit eines ruhigen Herzens entfaltet sich der wahre Mensch. Er strahlt nach außen und wirkt zum Segen für alle. Geist und Seele haben zueinander gefunden.

Die Lösung dieser ersten Aufgabe schafft die Voraussetzung für den weiteren Weg.

Am Anfang dieses Weges geht es oft zügig voran; schnell ist das erste Ziel erreicht: die bewusste Verbindung zwischen den Gegensätzen im  eigenen Wesen. Schon glauben wir die Aufgabe erledigt zu haben und  begeben uns eilends auf den „Heimweg”. Doch da müssen wir feststellen, dass die Probleme so einfach nicht zu lösen sind; dass noch einige größere Schwierigkeiten auf uns warten. Der Weg der Erkenntnis, der so mühelos  und schnell zu bewältigen schien, offenbart Schritt für Schritt seine tatsächlichen Bedingungen.

Die vom Geist berührte Seele  steht im Prozess der Reinigung und  wird sich ihrer Aufgabe mehr und mehr bewusst; dabei wird sie vom „Geist” geführt.

So wie seinerzeit Jesus vom Geist in die „Wüste” geschickt wurde, um drei Prüfungen, drei „Versuchungen” zu bestehen, so muss sich jede Seele auf ihrem Wege  einmal der  innereigenen Wüste stellen, wo in trostloser Einsamkeit Chaos, Ängste und Zweifel auf sie warten. Mit der Hochzeit wird sinnbildlich die Basis für den Heilungsprozeß gelegt; er geht  der Transfiguration voraus.

Rückweg  (zweite Aufgabe)

Drei Prüfungen:

1. Wilde Wasser

Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab –
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket –
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
„O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht,
und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.”

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet.
Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

In der  „Wüste” des irdischen Lebens, also in der unfruchtbaren Wüste der steinharten Ich-Zentralität unseres dialektischen Bewusstseins, stellen sich uns Hindernisse entgegen, mit denen wir nicht gerechnet haben, die jedoch im Vertrauen auf die spirituelle Kraft im eigenen Wesen überwunden werden können.
Die „Hindernisse” beziehen sich auf seelische, körperliche und geistige Aspekte unserer Persönlichkeit. Sie müssen auf dem inneren Wege durchlebt und bewältigt werden. Sie sind unerlässlich, um die Standhaftigkeit der werdenden neuen Seelenkräfte zu ergründen und zu beweisen. Der Weg der Erfahrung, Läuterung und Erkenntnis ist notwendig, um die Frucht der Überwindung ernten zu können; er erfordert Ernsthaftigkeit und  Ent-schlossenheit. Der bedingungslose Einsatz der ganzen Persönlichkeit muss sich auf drei Ebenen zeigen:

1. Auf der Gefühlsebene: Durch Überwindung von Angst, Sorge und Furcht, um Gleichmut zu gewinnen.
2. Auf der Triebebene: Durch Überwindung des Daseinstriebes, um     Lebensmut zu gewinnen.
3. Auf der Verstandesebene: Durch Überwindung der Hybris, um Demut zu erlangen.

Kaum hat Damon nach Erfüllung der ersten Aufgabe hoffnungsvoll den Heimweg angetreten, da versperrt ein angeschwollener Strom seinen Weg. Die Brücken sind unter der Gewalt der anstürmenden Wassermassen eingestürzt. Hilfe ist weit und breit nicht in Sicht. Allein und hilflos fühlt er sich der Verzweiflung nahe.

Die zweite Aufgabe, vor die Damon gestellt ist, lautet: überwinde die gefühlsmäßigen Behinderungen, die dich  an die dialektische, natürliche Welt binden.  Die irdische Seele muss durch einen Reinigungs- und Läuterungsprozess gehen, um einmal imstande zu sein, ersatzweise die Aufgabe des verloren gegangenen ursprünglichen Seelenkerns übernehmen zu können. Die gereinigte, vollkommen erneuerte  Seele soll die geistigen Botschaften empfangen und austragen, damit der Geist – Seelenmensch,  das wahre Selbst in uns, wieder zum Leben erwachen und zu seiner vollen Wirksamkeit gelange. (Maria, die reine Seele, muss den „Sohn” – das Geistprinzip – empfangen und austragen).

Auf diesem Läuterungsweg befindet sich Damon. Er ist bereit, ganz seiner inneren Stimme zu folgen und  unter Hingabe des eigenen, ohnehin verwirkten Lebens, denn der Tod beendet das korporale Dasein, sein Versprechen zu halten. Die Gedanken an den Freund geben ihm Mut,  Hoffnung und Kraft für die kommenden drei Prüfungen, denen er sich stellen muss.

Zuerst versperrt ein wilder Strom Damons Heimweg.

Auf einem spirituellen Weg der Selbsterkenntnis bietet sich dem Sucher anfänglich oft eine überwältigende Fülle von Richtungen und Strömungen aus den Gebieten der Religion, der Philosophie und der Esoterik an. Er wird geradezu überschwemmt von einer Flut verlockender Angebote, die ihm alle den gesuchten Weg des Heils versprechen, aber sie verwirren ihn doch eher  und machen ratlos . Kann er sich diesen „entfesselten Strömen” anvertrauen? Wie kann er sich orientieren? Wem soll er glauben?  Zwangsläufig kommt er dadurch auch mit  aufsteigenden Gefühlskräften aus tiefen Schichten seines Unterbewussten in Berührung. Die verschütteten Ströme des Verdrängten springen auf;  tosende Wasser von aufgewühlten Gefühlen wollen ihn verschlingen. Er ertrinkt fast in quälenden, überfließenden Ängsten vor dem Unbekannten, auf das er sich da eingelassen hat. Sorge und Furcht  überschwemmen ihn. Er  droht im Strudel überwältigender Empfindungen von Unsicherheit, Ungewissheit und Zweifeln zu versinken. Innere Widerstände türmen sich gleich riesigen Wogen vor ihm auf.

Damon weiß nicht, wie er diesen Strom überwinden soll.

An diesem Punkt der Ratlosigkeit angekommen mag sich der Pilger fragen, ob es denn wirklich so eilig sei mit diesem Weg; ob nicht anderes erstmal noch wichtiger sei, und ob nicht die Schwierigkeiten und Mühen eines solchen Vorhabens ohnehin viel zu groß seien für seine Verhältnisse.

Die Erfahrung der Verlassenheit macht uns unsicher. Wir fühlen uns durch die aufwühlenden neuen inneren Erlebnisse auf uns selbst zurückgeworfen. Alle gewohnten Sicherheiten (die Brücken) sind weggerissen. Allein sind wir den unberechenbaren Gefühlen, dem „roten Meer” unserer Blutstriebe, ausgeliefert. Wir haben Angst, uns den Unwägbarkeiten dieses Weges anzuvertrauen, der uns keine Garantien gegen die Wechselfälle des Lebens bietet. Da ist weit und breit niemand, der mit Rat und Tat (dem Boot) zu Hilfe eilt und uns sicher über alle Zweifel geleitet. Niemand kommt, der uns tröstet, der die Last abnimmt, der unsere Arbeit tut und für uns sorgt. Ganz auf uns selbst gestellt sind wir den anbrandenden Problemen ausgesetzt.

Schließlich bleibt uns nichts anderes übrig, als alle  kindlichen Erwartens-haltungen aufzugeben. Wir hören auf, andere für unser Schicksal verantwortlich zu machen, sondern erkennen es als zu uns gehörig und beugen uns dem Unabänderlichen. Dann erfahren wir beglückt, dass wir auch ohne die Unterstützung und Billigung anderer in eigener Verantwortlichkeit den eingeschlagenen Weg gehen können. Der Gefühlssturm der Aufregungen legt sich; es wird ruhig im Herzen. Wir ertrinken nicht mehr in unseren eigenen Gefühlen, sondern können voll Vertrauen  „auf dem Wasser gehen”.

Wenn  das Verlangen nach Vollendung der begonnenen Aufgabe stark genug ist, werden alle hinderlichen Bedenken hinweggeschwemmt. Mit zielgerichteter Entschlossenheit wird die schäumende Flut der inneren Zweifel   überwunden. Wir geben uns  ganz dem Unwägbaren hin. Mutig können wir uns nun den „Wassern” einer neuen inneren Gefühlssicherheit  anvertrauen, um zu den Ufern des Neubeginns zu gelangen.

Als Damon sich in völliger Selbstübergabe den wilden Fluten anvertraut,  erreicht  er das rettende Ufer.
In dem Maße, wie die irdische Seele konsequent ihren Weg geht, erhält sie zunehmend Unterstützung aus der geistigen Welt. So werden nach und nach die Tendenzen des Selbstbehauptungswillens in den Kräften des geistigen Wesens, des wahren Selbst, aufgelöst. Auf diese Weise wird das begrenzte Bewusstsein des natürlichen Menschen hinsichtlich seines Denkens, Wollens und Fühlens, ersetzt durch das unbegrenzte Bewusstsein des spirituellen Menschen, dessen Diener der verwandelte natürliche Mensch werden soll.

Wenn Angst, Sorge und Furcht dem wachsenden Vertrauen in die Kräfte des wahren Selbst weichen, kann göttliche Hilfe wirksam werden. Das Glaubensvertrauen führt uns sicher durch die Anfangsschwierigkeiten des Weges und lässt uns Zuversicht gewinnen.

2. Räuber

Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

„Was wollt ihr?” ruft er für Schrecken bleich,
„Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!”
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
„Um des Freundes willen erbarmet euch!”
Und drei, mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.

Den Fluss hat Damon glücklich überwunden und das andere Ufer erreicht. Der Gedanke an die Rettung des Freundes war stärker als die Sorge um den Erhalt des eigenen Lebens.

Wenn eine Menschenseele ihre wahre Aufgabe erkannt hat, wird das Leben des Anderen, des Ewigkeitsmenschen, über das eigene vergängliche Dasein gestellt. Die vielfältigen Weltinteressen reduzieren sich auf das Notwendige. Die irdische Lebenszeit und Lebenskraft wird dem Wesentlichen, dem Werden des wahren Selbst geweiht. Die Naturseele ist mehr und mehr bereit, zugunsten des unsterblichen Geist-Seelen-Wesens, das wachsen muss, selbst weniger zu werden.

Kaum hat Damon die Daseinsängste des natürlichen Menschen überwunden, da muss er sich schon einer neuen Gefahr stellen: „Aus des Waldes nächtlichem Ort” kommen Räuber hervor und bedrohen ihn.

Wer sind die Räuber?

Im Dunkel des Unbewussten – des nächtlichen Ortes – verborgen lauern Naturkräfte: unsere inneren Widersacher, die alles daran setzen, uns vom Wege abzubringen. Niedere Begierden und Leidenschaften können sich als hinderlich und sogar als gefährlich für einen spirituellen Weg erweisen.
Plötzlich sieht sich der Pilger mit inneren und äußeren Widerständen konfrontiert. Alte Selbstbehauptungstendenzen brechen hervor; die Lebensgier gebietet uns, auf nichts zu verzichten, was dieses Leben an Begehrenswerten bereithält: lieb- gewordene Gewohnheiten hinsichtlich bestimmter Genüsse oder Vorlieben; die Kultivierung von Vergnügen, Unterhaltung und Bequemlichkeit. Der Besitztrieb möchte sich ausleben; er zwingt zum Kaufrausch und kettet uns an die tausend Dinge des gewöhnlichen Lebens. Auch der Macht- und Geltungstrieb will dominieren über Menschen und Dinge.

All diese Bindungen rauben uns jedoch die für die spirituelle Arbeit notwendige  Kraft und Konzentration. Unsere eigene Verführbarkeit wird zum Räuber an der geistigen Aufgabe und droht uns den Weg zu versperren.

Damon will sein Leben nicht an die raubgierigen niederen Triebe und Leidenschaften verlieren. Er will sich seinen inneren „Besitz” nicht wieder wegnehmen lassen, den er auf seinem bisherigen Wege in Form von Einsichten und wertvollen Erkenntnissen gewonnen hat. Dieser Besitz ist jetzt sein Leben, das er braucht, denn er hat es einem höheren Ziel geweiht: dem Freund, seinem wahren Selbst.

Damon hat nichts als „sein Leben”, und das muss er dem „Könige” geben!

Die Seele besitzt ein irdisches Leben, und das muss sie dem Gott dieser Welt zurückgeben. Sie hat es von ihm bekommen, er hat einen Anspruch darauf. Denn „die Seele, die sündigt, muss sterben”. Die Seele also, die nicht zur Einheit findet, sondern in der Zweiheit, dem Zustand der „Sünde”, von dunklen Begierdenkräften ausgeraubt wird, denen sie zum Opfer fällt, ist gesetzmäßig dem Tode verfallen.

Doch nicht allein aus dem eigenen Inneren entstammen die feindseligen Kräfte mit ihren räuberischen Ansprüchen. Sie kommen auch von außen auf uns zu in Gestalt  wohlmeinender Mitmenschen, die aufgrund ihrer betonten Ausrichtung auf die Sinnenwelt oder auch ihrer strengen Eingebundenheit in traditionelle Glaubensvorstellungen naturgemäß kein wirkliches Verständnis  für das Verlangen der Seele nach Erkenntnis aufbringen können. Mit „vernünftigen” Argumenten versuchen sie, dem Sucher den „Unsinn” auszureden; möchten ihn durch verlockende Angebote auf „andere Gedanken”  bringen; oder sie witzeln über  ihn und strafen ihn spöttisch mit Nichtachtung, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Von diesen Räubern darf sich der Pilger auf dem Pfad nicht ausrauben lassen.

Damon zeigt gegenüber den Räubern keine Schwäche. Er schlägt sie mit ihren eigenen Waffen, denn die inneren oder äußeren „Räuber” verstehen nur eine sehr deutliche Sprache: die „Keule” einer klaren Entscheidung, die unmissverständlich alle  räuberischen Angriffe zurückweist.
In dieser zweiten Prüfung muss Damon seinen ungebrochenen Lebensmut beweisen.

3. Kraft der Sonne

Und die Sonne versendet glühenden Brand;
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Kniee:
„O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben?”

In der ersten Prüfung hat Damon entschlossen die reißenden Fluten überwunden und in der zweiten mutig  die Räuber besiegt. Erfüllt von neuer Hoffnung setzt er seinen Weg fort. Da erwartet ihn eine weitere Prüfung:

Erschöpft und ausgedörrt von der im Zenit stehenden Sonne fühlt er seine Kräfte schwinden. Erneut sieht er sein Ziel gefährdet. In seiner Not sendet er einen Hilferuf zu Gott. Er kann nicht verstehen, warum er aus „Räuberhand” und aus dem „Strom” gerettet wurde, um offensichtlich jetzt in der Sonnenglut zu verschmachten. Einzig die Sorge um das Leben seines Freundes treibt ihn zu diesem fast schon vorwurfsvollen Gebet, das jedoch Ausdruck eines noch tiefsitzenden Zweifels ist.
Jetzt aber ist das absolute Vertrauen gefordert.

In der dritten Prüfung geht es um die vollständige Überwindung des falschen Denkens der menschlichen Hybris.

Helios, die materielle Welt-Sonne mit ihren heilenden infraroten und zerbrechenden ultravioletten Strahlen wird zum Symbol für die geistige Sonne. Dieses geistige Licht entspricht dem Geistfunkenprinzip im Haupt, dessen   Erkenntnisvermögen  für gewöhnlich  ebenso latent ist wie das Geistfunkenatom im Herzen. Wenn das Geistfunkenprinzip jedoch durch die Impulse aus dem Herzen aus seiner Latenz erwacht, dann beginnt das Licht des Bewusstseins im Haupt zu strahlen. Sobald die Persönlichkeit  zur Erkenntnis der Wahrheit befähigt ist, wird sie vom Geist, dem Licht der Wahrheit, erfüllt. In der Glut des geistigen Feuers der Erkenntnis schmelzen alle Illusionen dahin, die sich der Mensch über  die Welt und über sich selbst gemacht hat. Alle weltgerichteten Ansprüche verdorren; jede Form von Stolz, Hochmut, intellektueller Arroganz, Dünkel und Einbildung verglüht im hellen Licht des Bewusstseins. Der Selbstbehauptungstrieb wird gleichsam eingeschmolzen, geläutert und transformiert. Im Licht der Wahrheit zerbrechen Wahn und Hybris.

Wer in der zerbrechenden und zugleich reinigenden Glut der Selbsterkenntnis seine eigene Ohnmacht fühlt, der kann das Schicksal seines weiteren Weges nur noch vertrauensvoll in die Hände einer höheren Macht legen. Er übergibt seinen eigenen Willen vollkommen der Kraft des inneren Lichtes, das ihn leiten will und dem er jetzt bedingungslos vertrauen muss. Nun kann der heilende Aspekt der göttlichen Sonne wirksam werden.

In diesem Akt der Selbstübergabe an die Kraft des reinigenden Feuers, an die Christuskraft im Inneren, verbrennt der letzte Rest der satanischen  Selbstherrlichkeit. Aus der übrig gebliebenen Asche der Bescheidenheit steigt die Erkenntnis auf, nichts zu wissen, nichts zu vermögen, und nichts zu sein.  Die volle Bedeutung des Christuswortes: „Ohne mich könnt ihr nichts tun” leuchtet auf.

Damon muss erkennen, dass er an diesem Punkt  der Hilflosigkeit allein aus eigener Kraft den begonnenen Weg nicht zu Ende führen kann; seine persönlichen,  menschlichen Möglichkeiten sind erschöpft.

Im Augenblick der Einsicht in die totale Machtlosigkeit und Schwäche der irdischen Persönlichkeit zeigt sich wahre Demut. Wenn in der Selbstübergabe an die höhere Macht  der Eigenwille erlischt,  kann der Wille Gottes wirken und seine Weisheit als belebende Kraft in das dafür geöffnete Bewusstsein  einströmen. Frei zu sein von Selbstbehauptung führt zum Urzustand unseres Seins, den die Seele anstrebt.

Damon hat seine „Feuerprobe”  bestanden und kann der Vollendung seines Weges zustreben.

Die Quelle

Und horch! Da sprudelt es silberhell
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.

Diese wunderbare Quelle ist immer in uns gegenwärtig, aber wir nehmen sie nicht wahr; unsere „Wahrnehmungsorgane” sind alle nach außen auf unsere weltlichen Angelegenheiten ausgerichtet. Wir können die leise Stimme des Leben spendenden Wassers in uns im lauten Getriebe der Welt nicht vernehmen. Darum leugnen wir sie, obwohl es uns längst „dürstet ” nach der Gerechtigkeit Gottes.

Ein Mensch auf seinem Seelenweg  kann in ehrlichem Bemühen, alles gut und richtig zu machen, dennoch vergessen, auf seinen inneren Quell zu lauschen; sich zu erfrischen und zu stärken an dem reinen Wasser, das aus dem aufbrechenden Felsen seines versteinerten Wesens zu strömen beginnt. Dann erhellt das Licht der Erkenntnis seine Unwissenheit; der Quell der Wahrheit beginnt  zu fließen. Er bückt sich nieder, und in dieser demütigen Haltung empfängt er die geistige Stärkung aus der Quelle, die „ganz nahe” ist.

Wer in Selbstbesinnung in sich geht, wird still. Er richtet sich mit seinen inneren Sinnen auf die geistige Welt. Er schweigt, um lauschen zu können auf die Stimme des Anderen in sich.
Er wird sich dieser Quelle bewusst; er „hört” und „sieht” nicht nur das wunderbare, belebende Wasser, er kann sogar unmittelbar selbst aus diesem universellen Quell der Kenntnis und Weisheit schöpfen. Aus dem geistigen Quell strömt das Licht des neuen Bewusstseins, das Mut und Kraft schenkt für die Fortsetzung des Weges. Der Pilger hat den inneren Quell der göttlichen Gerechtigkeit gefunden. Er trinkt vom Wasser des Lebens, das jeder umsonst trinken kann, den es nach der Wahrheit dürstet. Er vernimmt die Stimme des inneren Christus, der von sich sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben”. Das Licht scheint nun in seine Finsternis und er folgt  bewusst diesem Licht, das  die Führung der letzten Wegstrecke seines Erlösungsweges übernimmt.

Damon stärkt sich aus der Quelle und setzt getrost (getröstet) seinen Weg fort. Er ist nun vom Geist durchdrungen und kann aus den Kräften des Geistes leben.

Heimkehr  (dritte Aufgabe)

Fremde Stimmen

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüberfliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
„Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.”

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen;
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:

„Zurück! Du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet´ er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.”

Wenn das Gefängnis unseres Herzens aufgebrochen ist und die Christuskraft die Führung übernimmt, dann beleuchtet das Licht der Wahrheit den Weg; das Ziel ist nahe.

In vielerlei Gestalt hat Satan versucht, Damon vom Weg abzubringen, aber die satanischen Mächte des Ich-Wahns  und der Ich- Zentralität haben ihren Einfluss verloren. Systematisch hatte er es darauf angelegt, Damon zu entmutigen und ihm vorzugaukeln, sein „Glück” läge in diesem  irdischen Leben.
Wie oft war Damon tatsächlich in der Versuchung gewesen aufzugeben und der Stimme der Verführung zu folgen: der Verlockung von Sicherheit und Bequemlichkeit  zu erliegen und damit das große Ziel zu verraten! Wie oft hätte er sich selbst bewahren und retten können, doch er überwand die Angst vor den wilden Wassern und kämpfte mutig gegen die Räuber. Mit letzter Kraft fand er den Quell der Rettung.
Mit dem Gedanken an seinen Freund – den inneren Christus – vermochte er allen Anfechtungen zu widerstehen. Im Vertrauen auf diese Kraft gelangte er sicher durch die innere Wüste der Versuchungen und bestand damit die drei Prüfungen.

Die Sonne sinkt. Der dritte Tag neigt sich. Die Bäume werfen gigantische Schatten; ein Bild für das sich dem Ende zuneigende Leben. Jetzt mag der Pilger zweifeln, ob er das Ziel seines Weges wohl noch erreicht, und er wird seine Anstrengungen verdoppeln. Denn noch ist der Kreuzweg nicht zu Ende gegangen; noch ist der elementare, natürliche Lebenstrieb nicht gekreuzigt; der Becher der Überwindung muss bis zum letzten Tropfen geleert werden.

Satan weiß das. Er tut seine Arbeit gründlich. Einen Trumpf hat er noch, und er wird ihn ausspielen, um vielleicht doch noch zu siegen. Jetzt wird sich zeigen, ob die Hingabe der irdischen Seele an den Anderen, die wahre Seele, vollkommen ist. Das leiseste Zögern kann verhängnisvoll sein und das ganze Werk gefährden. Noch einmal geht es um „alles oder nichts”.

Damon, darf sich durch nichts mehr ablenken lassen. Da hört er im eiligen Lauf die Worte: „Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen!” Die aufsteigenden inneren Gedankenbilder – die inneren „Stimmen” wollen suggerieren: ” Es ist eh zu spät, bemühe dich nicht, lass es genug sein, du schaffst es nicht mehr!”  Wenn Damon, von „Angst beflügelt” und von der „Sorge Qualen” gejagt auf die in der Ferne schon sichtbaren Zinnen von Syrakus zueilt, dann fürchtet er nicht den leiblichen Tod, denn er weiß ja, dass der Tod ihn erwartet, gerade wenn er sich eilt.

Wenn die Seele kurz vor der Vollendung ihres Weges steht, dann wird ihr mit Erschrecken bewusst, wie wenig Zeit ihr noch bleibt. Ihre Angst bezieht sich dann nicht auf den Tod an sich, sondern sie fürchtet den vorzeitigen, den zu frühen Tod, der eintreten könnte, bevor das Werk vollendet ist.

Philostratus, des „Hauses redlicher Hüter”, Sinnbild für häusliche Ordnung, normales Leben und berechtigten Lebensanspruch, den elementarsten Trieb unseres irdischen Daseins, startet einen letzten Versuch, das Gewissen zu beruhigen und das irdische Leben zu retten. ” … so rette das eigene Leben”, ruft er Damon zu.

Doch Damon hört nicht auf Philostratus, den letzten Handlanger Satans. Er will sein Leben nicht retten, sondern „verlieren” um des Anderen willen, um Christi willen, der sagt:  „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um  meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es retten”. (Markus 8,34-35)

Damon, die vom Geist durchdrungene Seele, hat auf seinem Einweihungswege alles abgestreift, was sich als hinderlich für den Weg erwiesen hatte. Durch seine Erfahrungen zu einer neuen Lebenshaltung gereift, erkennt er in aller Nüchternheit den einzig wahren Sinn seines Lebens: es vollständig für den Freund hinzugeben. Damon ist zu diesem letzten großen Opfer bereit; kein einziger selbstsüchtiger Gedanke findet noch Raum in seinem Herzen. Nun lässt sich Damon von nichts mehr irritieren oder aufhalten.

Beweis der Treue

„Und ist es zu spät und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blutge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht –
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue.”

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
„Mich, Henker!” ruft er, „erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!”

Damon hat alles gegeben und muss dennoch fürchten nicht mehr rechtzeitig zu kommen, denn die Sonne geht unter – die Frist läuft ab, das Leben verrinnt. Bis zum letzten Augenblick gibt es für ihn keine Garantie dafür, dass er das Ziel seines Weges auch wirklich erreicht. Es könnte trotz aller Anstrengungen zu spät sein, um den Freund, den Bürgen für seine Schuld, noch zu retten. Der blutige Tyrann könnte in letzter Minute noch triumphieren. Doch Damon ist fest entschlossen: sollte er tatsächlich zu spät kommen, so will er selbst dann noch seine Treue beweisen und dem Freund in den Tod folgen. Und selbst wenn sein Opfertod lediglich dazu diente, den König von der Macht der Liebe und Treue zu überzeugen, so wäre sein Opfer  nicht vergebens.

Trotz ernsthaften Bemühens bleibt der Sieg der Seele über sich selbst bis zuletzt gefährdet. Sie muss damit rechnen, „zu spät zu kommen”, d.h. zu sterben, bevor die dritte Aufgabe, die Synthese, vollendet ist.

Von dieser Unwägbarkeit kann sich die Seele entweder abschrecken lassen und vorzeitig aufgeben, oder aber beschließen, vertrauensvoll die noch verbleibende Lebenszeit einzusetzen, um im Dunkel dieser Welt dennoch dem Licht der Hoffnung zufolgen. Erfüllt vom neuen Seelenbewusstsein möchte sie das Licht der Wahrheit auch im ewig zweifelnden, ungläubigen Verstand  entflammen, damit auch das Ich- Bewusstsein  vom  „Glauben an Liebe und Treue” erfüllt werde.

Die Seele erkennt, dass jeder unerleuchtete Verstand „der Opfer zweie schlachtet”, nämlich die Persönlichkeit und die darin werdende neue Seele. Deshalb weiß sie auch, dass es nur den Weg der Erkenntnis gibt, um die Kette der ewig neuen Inkarnationen in ihrer Vergeblichkeit zu durchbrechen. Sie möchte auch im Bewusstsein des Verstandes diese Einsicht entzünden. Dafür setzt die Seele  ihre irdischen Fähigkeiten und Möglichkeiten ein.

Von Glaube, Hoffnung und Liebe erfüllt führt Damon seinen Weg zu Ende.   Durchdrungen von der übermenschlichen Kraft der Wahrheit liefert er sich dem Henker aus, bereit, der irdischen Gerechtigkeit zu entsprechen.

In rückhaltloser Selbstübergabe hat Damon den vollständigen Sieg über sich selbst errungen und findet nun die Kraft für den letzten Schritt. In aller Öffentlichkeit bekennt er laut: „Da bin ich, für den er gebürget”.

Aber noch fehlt die Synthese!

Vereinigung

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär;
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen.

Und blicket sie lange verwundert an;
Drauf spricht er: „Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn –
So nehmet auch mich zum Genossen an.
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte.

Mit dem restlosen Einsatz seiner selbst gelingt es Damon in letzter Minute, den Freund zu retten und seine Bürgschaft einzulösen. In unermesslicher Freunde sind beide wieder vereinigt; der Freund, der nie gezweifelt hat, und Damon, der alles gegeben hat. Die Bereitschaft, das eigene Leben hinzugeben, es zu „kreuzigen” für absolute Werte wie Liebe und Treue zum Ewigen, sind sehr ungewöhnlich für das „Volk”, womit hier die vordergründigen Interessen und Empfindungen des ausschließlich an der Sinnenwelt  orientierten Menschen gemeint sind.

Emotional aufgewühlt durch solcherart ungewöhnliche Vorgänge reagiert  das Volk mit ungläubigem Staunen, mit Freudentränen der Rührung. Es „versteht” nicht, sondern es fühlt nur, was geschieht, bringt aber diese „Wundermär” an höchste Stelle, zum König, wo selbst Dionys nicht unberührt bleibt. Zutiefst verwundert begreift er langsam die Tragweite des Geschehens.   Überwältigt von soviel Liebe und Treue will er nicht zurückstehen; er begnadigt Damon und bittet um Aufnahme in den Drei-Bund.

Ohne berechnende Absicht hat Damon nicht nur den Freund, sondern zugleich auch sich selbst und den König gerettet, denn auf die Entscheidung des Königs hatte er ja nie unmittelbaren Einfluss; nur indirekt über das „Volk” bewirkt sein Tun eine Wandlung im König, die vorher nicht  kalkuliert war, denn die Seele auf dem Läuterungsweg ist ohne Hintergedanken.

Wenn die Seele den Becher der Hingabe bis zum letzten Tropfen geleert und in rückhaltloser Selbstübergabe den vollständigen Sieg über sich selbst errungen hat, dann ist der wahre Mensch aus dem Gefängnis seiner irdischen Gebundenheit befreit; Stolz und Überheblichkeit sind aufgelöst; es entsteht der Raum, in dem Güte, Verzeihen, Demut und Liebe sich entfalten können. Nur Treue und Hingabe der Seele an die innereigene göttliche Potenz können diese Wandlung bewirken. Deshalb wäre es auch nutzlos, wollten wir versuchen, lediglich unser Verhalten zu kultivieren oder gar forciert zu verändern; das brächte nur Zwänge ohne erlösende Wirkung hervor. Nur wenn die Seele den inneren Weg der Wandlung zulässt, wird auch der weltbezogene Verstand an dieser Wandlung teilhaben.

Lange Zeit mag unser getrübtes Bewusstsein nicht bemerken, was an Konflikten in den tieferen Schichten unserer Seele abläuft; hat sich der Ego-Verstand doch nur um seine vordergründigen Empfindungen und Interessen gekümmert. Der seelenlose Intellekt vermag oft das Gehörte,  das „Un-Erhörte” kaum zu erfassen, und es dauert eine Weile, bis er es realisiert, bis es über das Volk – das Unterbewusstsein – zu ihm „durchdringt”. Doch plötzlich leuchtet das hintergründig Verborgene durch das Vordergründige hindurch, und das Bewusstsein erkennt die überraschende und überwältigende Wahrheit einer ganz anderen Dimension.

Die Kraft des lebenden Herzens als die allumfassende Liebe und die Kraft der Seele als die unverbrüchliche Treue,  sie sind nicht von dieser Welt, sondern stammen aus einer geistigen Dimension; sie allein können in ihrer Absolutheit die Bosheit der Unwissenheit überwinden. Der überzeugenden Kraft des Herzens und der Seele will sich schließlich auch der zögerliche, stets widerstrebende Verstand nicht  länger widersetzen. Wenn er von wahrer Erkenntnis berührt wird, spürt er eine Verbindung zum Herzen, zu seiner wahren Seele, von der er so lange abgeschnitten war. Nicht mit Hass und Gewalt lässt sich der Verstand gewinnen; er bedarf der höheren Einsicht, vor der sich zu beugen er bereit ist.
Darum lässt sich mit dem rein rationalen Verstandesdenken  ein spiritueller Weg nicht gehen. Im Gegenteil, der kalte Verstand steht dem Weg der Seele feindlich gegenüber. Die verlangende Seele geht ihn trotzdem,  auch ohne den Segen des Verstandes. Aber es kommt der Moment, wo die Seelenkräfte die Verstandeskräfte überzeugen und für sich gewinnen müssen, damit das große Werk  gelingen kann.

(Dionys muss überzeugt werden!)

Letztlich muss also der Verstand ein-sichtig werden. Seine selbstherrlichen und selbstbehauptenden Tendenzen müssen auf ein bescheidenes, notwendiges Maß zurückgeführt werden, sodass die Fortsetzung der Lebensprozesse in diesem irdischen Dasein gerade noch gewährleistet ist. Er muß seine eingebildete Großartigkeit aufgeben und sich in Demut den seelisch-geistigen Kräften übergeben. Lautet doch die dritte Aufgabe: besiege deine Hybris; verzichte auf die Anmaßung des Sonderseins! Gib deinen Dominanzanspruch auf und werde Gleicher unter Gleichen. Benutze das Geschenk der Freiheit nicht egozentrisch, sondern gemäß der ursprünglichen Idee Gottes.

Freiwillig muss der eigenwillige Verstand auf die angemaßte Macht verzichten, damit er aus „freiem Willen” in den erlösenden Dreibund aufgenommen werden kann. Nun kann er  sein „Schicksal” annehmen und erkennen, dass er es nicht zu fürchten braucht; die rächenden Dämonen sind wie ein Sturmwind vorübergezogen und das gefürchtete Schicksal offenbart sich als das, wozu es da ist: als „Heim-Suchung” des Menschen zu Gott.

Wenn die Seelenverfassung eines Menschen mit der geistigen Welt übereinstimmt, ist der Eigenwille erloschen. Der Verstand folgt wieder seiner ursprünglichen Bestimmung: Diener des Geistes zu sein und freiwillig den Willen Gottes zu tun.

Der Mythos spricht dann vom Satan, dem „Tier”, das in den Abgrund stürzt, und von Luzifer, dem Lichtträger, der als strahlender Morgenstern wieder seine Bahn zieht und das geistige Licht reflektiert als ein wahrer Diener Gottes. Der Gott Dionysos in seiner Ursprünglichkeit, der „Trigonos” ist wieder auferstanden.

Der Mensch kann nun wieder „verstehen”, was die geistige Welt seinem Bewusstsein mitteilt, und im Einklang damit handeln, denn die neue Persönlichkeit ist am Ende ihres Weges der Selbsterkenntnis zu einem Instrument des Geistes geworden. Die Bestimmung des menschlichen Lebens liegt in der Entfaltung des wahren, geistigen Selbst, das nicht von dieser Welt ist. Indem der Mensch im Prozess eines Einweihungsweges dieser Bestimmung folgt, überwindet er die Dualität des irdischen Lebensfeldes und findet zur ursprünglichen Trinität, der Drei-Einheit des göttlichen Lebensfeldes zurück.

Damon, Sinnbild eines wahren Seelenwesens in einer irdischen Persönlichkeit, fand den Mut und die Kraft zu diesem Kreuzweg der Seele. Er weihte sein Leben dem wahren Selbst und verband sich mit ihm. Er bestand alle Prüfungen  und fügte die Gegensätze in sich zur Einheit zusammen. Er heilte auf diese Weise den gefallenen Mikrokosmos und fand so heim in das Königreich der Seele.

Diese Synthese ist der Sinn des Lebens und das Ende des Weges, dessen Krönung die Wiedergeburt des neuen, unsterblichen Geist-Seelen-Wesens ist. Nur das Ganze, das Geheilte, kann zur Einheit Gottes zurückkehren.  Das bedeutet zugleich die Überwindung des Todes, Auferstehung und ewiges Leben, denn im Reiche des Ewigen existiert kein Tod. In einem nach Körper, Seele und Geist  wiedergeborenen, wahren Menschen wirken Liebe und Weisheit Gottes bis in alle Ewigkeit.

Ausblick

Wer bis hierher den mitunter verschlungenen Gedankengängen gefolgt ist, dem wird der tiefere Sinn dieser Ballade von Schiller deutlich geworden sein.

Er mag sich nun fragen, was das alles mit ihm selbst zu tun hat, und ob in unserer modernen Zeit, die von Angst, Stress und Unsicherheit geprägt ist, Menschen überhaupt einen solchen  Einweihungsweg gehen wollen oder können. Ist nicht unsere Zeit ganz  ungeeignet für einen „inneren” Weg?

Vergegenwärtigen wir uns einmal die Situation der heutigen Menschheit. Sie hat die Gaben der Intelligenz und Schöpferkraft für den Aufbau einer eigenen Welt genutzt. Architektur, Kunst, Wissenschaft, Technik und Medizin – auf allen Gebieten gibt es bewundernswerte Ergebnisse. Mit allen Sinnen sind wir auf die äußere Welt gerichtet, von der wir Frieden, Wohlstand, Liebe und Glück erhoffen.

Doch kaum jemand weiß heute zu sagen, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht. Wir dringen in den Weltraum vor, aber der Raum unseres eigenen inneren Seins bleibt uns fremd. Trotz unseres beachtlichen Wissens sind wir ohne wirkliche geistige Orientierung.

Wer sich dieses Tiefpunktes seiner Unwissenheit bewusst wird, der spürt auch zugleich das Verlangen, in seinem Leben etwas zu ändern. Er beginnt zu fragen und sucht nach dem wahren Lebenssinn; nach einem Sinn, der nicht innerhalb der vergänglichen Welt liegt. r erkennt seine Gottesferne und besinnt sich auf seinen Auftrag: die Einlösung der Schuld gegenüber seinem Bürgen, dem inneren Christus.

Seit es eine denkende Menschheit gibt, steht sie vor der einen großen Aufgabe: ihre Situation der Getrenntheit von Gott zu erkennen und den Weg zurück in die Einheit zu finden. Sie braucht für diesen Weg unerschütterlichen Glauben, Mut, Kraft und bedingungslose Liebe, um die Wiedergeburt der Geist-Seele, des wahren, ursprünglichen Menschen, als das große Ziel zu verwirklichen.

Immer wieder beschrieben und vorgelebt von den Weisen der Welt, enthält auch Schillers „Bürgschaft” die eine, ewig gültige Botschaft des Heils, die seit undenklichen Zeiten in die Finsternis der Unwissenheit strahlt um zu retten, was zu retten ist.

3 Kommentare
  • GreinerBeantworten

    Genial!
    Mehr sage ich nicht!
    Doch: Danke!!!

  • freiaBeantworten

    Eine gelungene Analyse. Danke!

  • BergmannBeantworten

    Der Verfasserin scheint nicht bekannt zu sein, dass die Grundlage dieser Schöpfung Schillers aus einer Sammlung altrömischer "Geschichten" von Hyginus Mystographicus stammt, alias für vermutlich Valerius Maximus.
    Goethe hatte sie ihm geschickt.

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