Rosenkreuz

Wurde Albrecht Dürer von Christian Rosenkreutz eingeweiht?

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Ludolf von Mackensen

Wurde Albrecht Dürer von Christian Rosenkreutz eingeweiht?

Eine rätselvolle gezeichnete Szene von 1493 neu gedeutet[1]

Eine geheimnisvolle Zeichnung Albrecht Dürers von etwa 1493 ließ sich in Thema und Bestimmung bisher nicht überzeugend deuten. Der folgende Aufsatz nach voran gegangenen Vorträgen, u.a. auch in Kassel und Birnbach, interpretiert sie jetzt als Bildquelle einer sehr wahrscheinlichen christlichen Einweihung Dürers durch einen Meister, der rund 34 Jahre zuvor selbst eine folgenreiche Einweihung erfuhr in der rosenkreuzerischen alchemischen oder auch so bezeichneten Chymischen Hochzeit Christiani Rosencreutz Anno 1459. [2]

Die unter diesem Titel 1616 in Straßburg im Elsass erstmals anonym erschienene Schrift (Abb.1) stammt von Johann Valentin Andreae (Andreä) in deutscher Sprache aus seiner Tübinger Zeit um 1604. Sie wurde offenbar von dem spirituellen Meister Christian Rosenkreutz selbst inspiriert, der auf diese Weise seinen eigenen Einweihungsweg in das Schauen der geistigen Welt veröffentlichte. Auch Goethe las die Chymische Hochzeit und schöpfte aus ihr besondere poetische Eingebungen; und Rudolf Steiner nahm auf Christian Rosenkreutz und dessen Bruderschaft immer wieder Bezug in geistig zu tiefster Verbundenheit.

Albrecht Dürer (1471-1528), ein Genie der Renaissance, hat um 1493 in der Zeit seiner Wanderschaft am Oberrhein zwischen Basel und  Straßburg eine meisterhafte wie denkwürdige Zeichnung gefertigt, an der nichts willkürlich oder zufällig erscheint. Sie wird in der allgemeinen Kunstgeschichte oft als Thronender Greis mit Zepter und kniender Jüngling bezeichnet. In dieser geheimnisvollen Szene mit dem Ausdruck einer besonders innigen geistigen Stimmung hat man  tiefe spirituelle Urbilder bei Dürer vermutet.

„Um die geheime Bedeutung seiner von Allegorien und Symbolen reichen Bildsprache zu verstehen, bedarf es der Kenntnis des geistigen Umkreises, in dessen Mitte Dürer lebte. Es bedarf auch der Fähigkeit, die tieferen Schichten bestimmter Bildinhalte zu entdecken…”[3]

Einer solchen Forschungsaufgabe galt es aus aktuellem Anlass nachzugehen. Ist doch die Chymische  Hochzeit Christiani  Rosencreutz Anno 1459 vor über vier  Jahrhunderten erstmals in Straßburg im Elsass veröffentlicht worden. Sie wurde im Jubiläumsjahr 2016 durch eine Tagung im Anthroposophischen Zentrum in Kassel eingehend behandelt und war 2017 auch anderorts, so in Dornach und Birnbach Thema.

Abb 1.Titelseite der CHYMISCHEN HOCHZEIT Christiani Rosencreutz  1459, Straßburg 1616. Gedruckt und verlegt bei Lazarus Zetzner.

 

Dürer und die Rosenkreuzer

 Die Zeichnung von Abb. 4 gewährt bereits auf den ersten Blick einen stimmungsvollen wie vieldeutigen Einblick in die seelenvolle Aura der Unterweisung oder Einweihung eines jungen Schülers im Profil und Pilgerrock. Er trägt nach Auffassung auch von Kunsthistorikern die Gesichtszüge von Dürer selbst, die sich am klarsten identifizieren lassen, wenn man aus den vielen Selbstbildnissen in Dürers Wanderzeit am Oberrhein dasjenige  farbige Selbstbildnis im Halbprofil von Abb.3 aus dem gleichen Jahr 1493 heranzieht.

An diesem ersten farbigen autonomen Selbstbild in der Geschichte der Malerei[4], lässt sich nämlich nicht nur die gebogene Nase, sondern auch die Haartracht über dem ähnlichen Ohr des jungen Dürer durch Vergleich mit dem Profilbild in der Zeichnung (Abb. 2), sowie der charakteristische Persönlichkeitsausdruck wieder-erkennen.

Abb. 2. Albrecht Dürer: Selbstbild im Profil.

Ausschnitt von Abb. 4. Man vergleiche

Nase, Ohr und Kehlkopf mit  Abb. 3.

Abb. 3. Dürers Selbstbildnis von 1493,

Ausschnitt. Wasserfarben auf  Pergament.

Louvre, Paris.

„Eine Identifizierung des jungen Künstlers mit der Figur des Knienden, deren Grund ohne Deutung der Szene nicht erkannt werden kann, dürfte in der physiognomischen Angleichung ausgedrückt sein,” heißt es bereits im Katalog (S.47)  zur großen Dürer-Jubiläumsausstellung 1971 in Nürnberg.

Abb. 4. Albrecht Dürer: Selbstbildnis als kniender Schüler oder Initiant vor einem weisen Greis und Meister,  wahrscheinlich Christian Rosenkreutz. Aus dem Rundbogenfenster schauen das Ehepaar Willibald Pirckheimer, Dürers inniger lebenslanger Freund, die Szene gleichsam bezeugend zu, welche damit in ihrer Bedeutung für den Künstler als wahrscheinlichen Initianten verstärkt wird. Vermutlich die einzige bekannte Darstellung einer rosenkreuzerischen Einweihungsszene in der frühen Neuzeit. Federzeichnung  25,2 cm x 18,9 cm, um 1493. Ashmolean Museum, Oxford.

Abb. 5. Dürer: Willibald Pirckheimer. Ausschnitt zum Vergleich mit Abb. 4 oben. Kohlezeichnung 1503. Staatliche Museen Berlin.

Wenn Dürer nun wirklich als geistiger Schüler vor dem 34 Jahre zuvor eingeweihten Meister kniete, dann könnte es sich zugleich um die erste und einzig erhaltene Darstellung des Christian Rosenkreutz aus dem 15. Jahrhundert  handeln. Demnach  um ein herausragendes Dokument der Geistesgeschichte, das uns bildlich Christian Rosenkreutz als eine konkrete historische Persönlichkeit ebenso wie Dürer selbst erscheinen lässt.

Dürer pflegte ja zeichnerisch oder malerisch das wiederzugeben, was er innerlich erlebt und sinnlich gesehen hatte, oder umgekehrt „Dürer erlebt, was er gestaltet”.[5] Manfred Krüger hat bereits 2009 diese Zeichnung als Frontispiz zu seinem  Buch über Dürer verwandt. Darin schrieb er bei der zweiten Wiedergabe des Bildes: Dürer: Initiation. Thronender Greis mit Zepter und kniender Jüngling, um 1493.[6]

Und im selben Jahr 2009 hat Hella Krause – Zimmer von der „erhöhten Wahrscheinlichkeit” geschrieben, ”dass Dürer tatsächlich Christian Rosenkreutz als jenen wunderbaren Greis erlebte, den er im Oxforder Blatt gezeichnet hat, und es lässt auch für Rembrandt die Möglichkeit einer Berührung noch außerhalb der Lebenszeit des Christian Rosenkreutz offen.”[7]

Dennoch bleiben Fragen an die Forschung: war es tatsächlich Christian Rosenkreutz selbst und nicht vielleicht ein anderer Rosenkreuzer oder Meister, der Dürer einweihte? Und ist Dürer dadurch Rosenkreuzer geworden, beziehungsweise der christlichen pansophischen Erneuerungsbewegung der Rosenkreuzer zuzuweisen? Beides ist durchaus wahrscheinlich, lässt sich aber nicht weiter aus der Literatur, sondern vor allem aus der intensiven Beschäftigung mit der Zeichnung selbst entdecken und untermauern: aus dem genauen Wahrnehmen, Vergleichen und Deuten aller Elemente der Darstellung und ihrer allegorischen wie sinnbildlichen Bezüge zu den drei ersten gedruckten Rosenkreuzer-Manifesten, also zu dem, was Dürer sicher wissen konnte. Das Bild selbst, und die zu vergleichende Texte werden so zu wichtigen Quellen für die folgende Untersuchung.

Dürer konnte ja in seiner Jugend durchaus noch der  historischen Persönlichkeit des Ureingeweihten Christian Rosenkreutz  (1378-1484), abgekürzt als Bruder C.R. oder C.R.C., begegnet sein, wenn man ihn historisch real nimmt und nicht, wie die akademische Geschichtswissenschaft es vorwiegend tut, zur literarischen Fiktion einer dichterischen Legende erklärt, weil sich keine äußeren Urkunden einer Organisation finden lassen. Diese Tatsache ist jedoch verständlich in einer Zeit, in der jede organisierte Abweichung von kirchlichen Dogmen noch durch die Inquisition mit qualvollem Tode bedroht war.

Die Frage nach der historischen Realität erweist sich aber als eher zweitrangig im Vergleich zu der tatsächlichen europaweiten Bedeutung, die die Flut der hermetischen, kabbalistischen, alchimistischen und rosenkreuzerischen Schriften für die Zeit des Barock und der Frühaufklärung gehabt haben.[8]

Es war eine Zeit fanatisch durchgesetzter Glaubensdogmen der christlichen Konfessionen einerseits und andererseits der Verketzerung und Verfolgung Anders-Denkender. Man erinnere sich daran, dass Giordano Bruno 1600 in Rom von der katholischen Inquisition verbrannt wurde,  u. a. weil er die Unendlichkeit der Welt behauptet hatte.

Gleichzeitig lebte im Verborgenen eine Fülle von geheimem Wissen, entstanden naturphilosophische Erkenntnis-Methoden und zudem Metaphern, die aus der gleichen gnostischen Quelle der christlichen Chymischen Hochzeit stammten, welche ihrerseits mit alchemistischen Prozessen gleichnishaft zusammenhing.

Das rosenkreuzerische Denken in Analogien zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, zwischen Innen und Außen veranlagte mit ihrem „so wie oben, so wie unten” des Hermes Trismegistos zugleich den Weg zu einer ganzheitlichen Naturforschung; siehe weiter unten.

 

                         

Abb. 6. Die Fama Fraternitatis (Geschichte der Bruderschaft) erstmals in Kassel 1614

unter Landgraf Moritz gedruckt.

 

Abb.7. Die Confessio (Bekenntnis der Bruderschaft) in lateinischer Sprache.

Kassel 1615.

Die RosenkreuzerManifeste aus Kassel

Kassel war eine der verborgenen Wiegen des Rosenkreuzertums, wie die Schriften Fama Fraternitatis (Geschichte der Bruderschaft) und Confessio Fraternitatis (Bekenntnis der Bruderschaft) bezeugen, die 1614/15 unter dem Hessischen Landgrafen, Moritz der Gelehrte, als Manifeste erstmals in Kassel im Druck erschienen, und sich sogleich in vielen Auflagen in Deutschland und  Europa wie eine Sensation verbreiteten.

Der Urvater der Rosenkreuzer, eben Bruder Christian Rosenkreutz, wurde gemäß der Confessio, die seine reale Biographie beschreibt, 106 Jahre alt und „hatte dennoch nie Krankheit an seinem Leibe erfahren noch an anderen geduldet”[9],  vermutlich auch nicht an seinen Brüdern.

Lauteten doch die rosenkreuzerischen Gebote: im Verborgenen selbstlos und ohne Aufhebens zu helfen, zu lehren  und zu heilen, sowie den Dämonen Einhalt zu gebieten.

Wegen ihres spirituellen, sog. johanneischen Christentums wurden die Rosenkreuzer auch Johannes-Christen genannt. Sie führten sich offenbar bis auf den Auftrag Christi am Ende des Johannes-Evangeliums (Kap.21,22) zurück. Dort heißt es, dass Johannes (wirkend) bleiben werde „bis zu meiner Wiederkunft”.

Zugleich strebte die mildtätige Bruderschaft sowohl nach christlich vertiefter Frömmigkeit als auch nach einer besonderen Naturforschung, die Materie und Geist nicht dualistisch getrennt, sondern gemeinsam in tätiger Geistesgegenwart erfassen wollte durch das entsprechende Lesen im Buch der Natur, dem Liber mundi. Naturerkenntnis sollte auch Gotteserkenntnis sein und umgekehrt.

Damit wirkten die Rosenkreuzer sowohl in Richtung der aufgeklärten neuzeitlichen Naturwissenschaft als auch der späteren, und heute wieder vermehrt angestrebten Ausformung einer ganzheitlichen phänomengerechten Naturforsch-ung im Sinne Goethes. Mit dessen anschauender Urteilskraft und auf der Suche nach Urphänomenen hat  dieser später u.a. in seiner Morphologie und Farbenlehre Bedeutendes erarbeitet.

Ein weiteres Rosenkreuzergebot war, dass jeder Bruder einen Nachfolger für sich  heranbilden und zu Pfingsten einmal im Jahr zu einer Versammlung aller Brüder kommen sollte. Ihre religionspolitischen Ziele vor dem Dreißigjährigen Religionskrieg gipfelten in der Forderung nach einer Generalreformation des religiösen und sozialen Lebens.

Die ideelle Unterstützung des pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. mit seiner englischen Gattin Elisabeth auf dem böhmischen Königsthron in Prag 1619-20 endete freilich durch die verlorene Schlacht am Weißen Berge von 1620 glücklos und mündete in den Dreißigjährigen Religionskrieg.-

 

Zur Deutung der Dürer Zeichnung

Wie wir schon erfuhren, darf man in Bezug auf Dürer annehmen, dass Christian Rosenkreutz (1378–1484) durchaus  selber als Vorbild  für den thronenden Greis gedient hat, entweder aus der Erinnerung Dürers, der ihm bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr begegnet sein kann. Oder er hat ihn aus einer späteren imaginativen Schau heraus so eindrucksvoll wahrgenommen und gezeichnet, wie uns der Greis als weise, geistesstark und lebensecht in der Zeichnung seines Gesichtes und Blickes heute erscheint.

Dabei deuten fast alle Attribute, Sinnbilder und Anspielungen der Zeichnung bedeutungsvoll auf  einen rosenkreuzerischen Meister, eben vornehmlich auf C. R. oder R.C. selbst hin.

Die dargestellte Szene findet in einem krypta-ähnlichen Raum mit Tonnengewölbe

unter dem Niveau des Erdbodens statt. Durch das romanische Rundfenster im Hintergrund schaut offenbar – worauf Wolfgang Schad den Verfasser hinwies –  das Ehepaar Pirckheimer vor einer städtischen  Kulisse neugierig lauschend, und den Vorgang zugleich bezeugend hinein, während der weise Greis, auf einem erhöhten Podest und einem ausladenden Kissen mit drei sichtbaren Quasten sitzt. Mit seinem rechten Knie berührt er optisch die Ärmel des Adepten, was eine Übertragung andeuten kann.

Über einem riesigen mantelartigen, wohl weißlichen Untergewand  trägt der Greis einen halblangen Umhang auf den Schultern und Oberarmen, der aus einem Vorder- und Rückenteil  mit seitlich  je fünf  Knöpfen zusammen gehaltenen wird und an ein priesterliches Velum erinnert. Bei den christlichen Orden wird ein solcher ärmelloser Überwurf auch Skapulier genannt und als Zeichen der Marienverehrung angesehen oder „manchmal missverstanden als Glücksbringer mit magischen Kräften”.[10]

Aus der Fama von 1614 erfährt man über den unverweslichen Leichnam des Rosenkreutz, das er „mit allem sinnbildlichen Gewand und zugehörigen Beigaben” versehen war und ein Büchlein in der Hand hielt, in dem es über ihn selbst heißt:[11]

Das der Brust Jesu eingepflanzte Samenkorn, Christian Rosenkreutz, stammte aus vornehmer und erleuchteter deutscher Familie. Er war für sein Jahrhundert der Mann, der durch göttliche Offenbarung, durch erhabenste Imagination, durch unermüdliches Bestreben den Zugang fand zu den himmlischen und menschlichen Mysterien und Geheimnissen. Er behütete seinen mehr als königlichen Schatz, den er auf seinen Reisen durch Arabien und Afrika gesammelt hatte, der aber seinem Jahrhundert noch unangemessen war, vor den späteren Generationen, bis er wieder ausgegraben würde, setzte treue und eng verbundene Erben ein über seine Künste und seinen Namen, erbaute eine <Kleine Welt>, die in allen Bewegungen der <Großen> entsprach und schuf schließlich ein Kompendium aller vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Geschehnisse.

Die rechte gebende Hand des Greises  symbolisiert  in der Fingerhaltung mit dem abgespreizten kleinen Finger zweimal die Dreiheit und ist an die weiter vorne befindlichen, betend gefalteten Hände Dürers optisch angeschlossen. Auf diese Weise drückt der Maler aus, dass hier etwas Bedeutendes zum Trinitarisch- Göttlichen Gehörendes übertragen wird, wozu auch der optische Kontakt der Ärmel Dürers zum rechten Knie des Meisters passt.

Abb. 8. Die gleiche Abbildung (Ausschnitt von Abb.4)  mit den vom Verfasser farbig hervorgehoben Attributen und Trennungen der Gewandteile, die einem priesterlichen Ornat ähneln. Man beachte auch die wahrscheinlich rote Rose als angedeutete Blüte in der Verschlingung des Turbans (Turbane werden üblicherweise nicht geknotet!)  unter der geknickten persischen Zipfelmütze, ferner der blau kolorierte zweitteilige, einem Velum ähnelnde Umhang, sowie die zwei zusammengeführten roten Enden der Schnurrollen im Beutel Dürers und die unterschiedlichen Blickrichtungen der einzelnen Augen, sowie die gekippten Füße in den Sandalen des Greises.

Der Blick des greisen Weisen, ist bei diesem Vorgang aufgeteilt: das linke Auge schaut gütig auf den Adepten, während das rechte Auge gleichzeitig schräg nach oben in himmlische Ferne blickt (siehe auch die vergrößerte Abb. 9). Besonders wichtig für die vollständige Deutung der Szene ist die nachfolgende Beobachtung.

 

 Die Neu-Interpretation des sog. Zepters und weitere Details

In seiner linken Hand in einem Handschuh hält der Greis in Wahrheit kein wirkliches Zepter, sondern – wenn man genauer  hinsieht – einen Gehstock mit gebogenem Handgriff, aus dem am unteren Ende ein Büschel Keime hervorsprießt, während oben florale Formen wie Blütenblätter in drei Ebenen kunstvoll herauswachsen.

Das Ganze spielt offensichtlich auf das berühmte „Stabwunder” der Josephslegende an. Die mittelalterliche  Legenda aurea berichtet dazu:

Da ward sie (Maria) Joseph verlobt nach des Herren Willen, da seine Rute grünete, wie in der Geschichte von Mariae Geburt klärlich geschrieben.[12]

Der Träger eines solchen Stabes ist also  kein weltlicher Patriarch oder Herrscher, sondern ein edler  Mensch, der  gleich dem Mann der Maria über besonders starke Bildekräfte des Lebendigen verfügte, die den hölzernen Stock, hier im Bilde gleich der Rute sich begrünen lassen, wie bereits damals in der Legende.

Das obere Stabende trägt zudem drei Ringwulste, die die dreifache geistige Stärke des Besitzers im Sinne des Hermes Trismegistos, des dreifach geistig mächtigen altägyptischen Ureingeweihten Thot symbolisieren können und auf diesen anspielen als einen geistigen Urheber und Vorfahren. In dem zweiten, leicht kolorierten Abdruck der Zeichnung (Abb.8) sind einige bedeutsame Details der Deutlichkeit halber vom Verfasser farbig hervorgehoben.

Die im Turban der Kopfbedeckung schwer zu entdeckende eingesteckte Blüte,  wohl eine rote Rose, deutet ebenfalls auf einen Rosenkreuzer hin, und erinnert uns daran, dass Bruder C. R. in der Beschreibung der Chymischen Hochzeit bereits am ersten Tag vier rote Rosen an seinen Hut steckte.

Hier in der Dürer-Zeichnung trägt er jetzt in Anlehnung an seine in der Fama  berichtete Orientwanderschaft um das Mittelmeer eine persische geknickte Zipfelmütze über einen Turban gestülpt; beide Kopfbedeckungen künden symbolisch von der auf seiner siebenjährigen Reise erlangten orientalischen Weisheit der arabischen Gelehrten, etwa in Damaskus und Damcar in Südarabien und Fes (Fez) in Marokko.

Vor oder in Damaskus fand auch seine, mit plötzlicher Schwäche verbundene, so bedeutsame zweite Christusbegegnung –  ähnlich derjenigen in der Vorinkarnation im 13. Jahrhundert – statt, wie sie einst den Christenverfolger Saulus zum Paulus verwandelt hatte (Apg.9). Die Fama deutet sie nur an; Rudolf Steiner hat sie genau benannt[13]:

Daher wurde er getrieben das Ereignis von Damaskus noch einmal zu erleben. Es ist dies die Individualität des Christian Rosenkreutz. Er war der Dreizehnte im Kreise der Zwölf. Von dieser Inkarnation an wurde er so genannt.

Die Christusbegegnung bewirkte, dass Rosenkreutz in der Tat seinen ursprünglichen Plan zum Heiligen Grab nach Jerusalem zu reisen, ganz aufgab und in Richtung Damcar weiterzog.- Denn wer dem Auferstanden selbst begegnet ist, dem muss es nicht mehr unbedingt nach seinem Grabe verlangen!

Vor diesem biographischen Hintergrund des C. R. passen die symbolischen Bezüge und die stimmungsvolle Aura in der von Dürer gezeichneten Szene erstaunlich treffend auf den Vorgang einer spirituellen Unterweisung oder sogar zu dem Akt der Einweihung selbst. Dürer könnte ja von der Tiefe seines religiösen Geistes her durchaus der Rosenkreuzerbewegung angehört oder nahe gestanden haben. Dafür sprechen noch weitere Details:

Der andächtig und ehrfurchtsvoll  mit gefalteten Händen kniende Jüngling zeigt  mit den deutlichen Gesichtszügen des 21jährigen Dürer (vergleiche Abb. 2 mit 3) einen nach innen gekehrten und zugleich selbstbewussten Blick.  Ferner trägt er an der Gürtelschnur über seinem Pilgerrock ein Futteral wohl für Schreibutensilien oder ein Messer, dazu einen Lederbeutel mit prall gefüllten Schnurrollen, deren zwei Enden heraushängen. Sie markieren, mit Bommeln zusammen geführt, Anfang und Ende.

Soll dies auf das rosenkreuzerische Lösen und Verbinden (solve et coagula) oder vielleicht auch auf den Faden der Ariadne anspielen, der den Rückweg sicher finden lässt? Denn Trennen und Verbinden ist ein fundamentales Erkenntnis- und Lebensprinzip, geradeso auch im Rosenkreuzertum.

Um die Handgelenke des Weisen erkennt man ferner je eine Schnur mit einem kleinen Bommel oder Stein daran, ähnlich den heutigen farbigen Freundschaftsbändern, die bei den Juden oft rot sind. Beachtenswert ist auch die abgehobene Haltung der Füße in den Sandalen; ihre Schrägstellung ähnelt der Fußhaltung des Christus auf einem Abendmahlbild  Martin Schongauers, den der junge Dürer im Elsass zu treffen suchte.

In der sakral anmutenden, mit Vorhängen versehenen Wandnische hinter dem sitzenden Greis sind ein Bündel aufgestellter Briefe  zu erkennen. Auch sie sind offenbar nicht zufällig dort, denn Briefe spielen  in vielen Stellen bei der Übertragung von Aufträgen und Genehmigungen zur Entwicklung des Geheimschülers eine entscheidend wichtige Rolle und dies nicht nur in der Chymischen Hochzeit.

Zum Autor und Inspirator der Chymischen Hochzeit

Rund 123 Jahre nach Dürers Zeichnung, folgte 1616 in Straßburg die eingangs genannte deutschsprachige Veröffentlichung der anonymen christlich-rosenkreuzerischen Einweihungsschrift, „Chymische Hochzeit des Christian Rosencreutz Anno 1459”, zu der sich später der lutherische Theologe Johann Valentin Andreä (1586-1654) in Württemberg vorübergehend bekannte. Der Text dieser esoterischen Schrift, die schon um 1604 entstanden ist, genau in dem Jahr, in dem gemäß der Fama die Bruderschaft die siebenseitige Grabkammer ihres unverweslichen Urhebers und geistigen Lehrers wieder entdeckte, scheint von Christian Rosenkreutz selbst inspiriert zu sein.[14]

In der Darstellung der Chymischen Hochzeit werden Bilder und Prozesse in einem siebentägigen Tagewerk  beschrieben, die in der Alchemie teilweise als das kleine und große Werk der Stoffesveredelung  bezeichnet werden. Vornehmlich aber geht es dabei um einen inner-seelischen Prozess der Läuterung, Wandlung und Einweihung auf dem Rückweg des Menschen zur göttlichen Wirklichkeit.  Das lateinische Motto der Schrift (siehe Abb.1) lautet in deutscher Übersetzung:

                     

                      Enthüllte Geheimnisse werden wohlfeil,

                      entweiht, verlieren sie ihren Wert.

                      Also: Wirf keine Perlen vor die Schweine,

                      und streue dem Esel keine Rosen.

Die Vignette, eine Marke des Druckers Lazarus Zetner, unterhalb des lateinischen Mottos zeigt einen jungen Mann mit blumenumkränzten Helm und einer Schrifttafel vor seiner Brust mit den Worten: SCIENTIA IMMUTABILIS,[15] d.h. Die Wissenschaft ist beständig, unveränderlich. Im Sinne von: der Geist ist ewig.

 

Wirkungen auf Goethe und Rudolf Steiner

Goethe hat die Chymische Hochzeit gelesen und am 28. 6. 1786 an Frau von Stein berichtet: „Christian Rosenkreutz Hochzeit habe ich hinaus gelesen, es gibt ein schön Mährgen zur guten Stunde zu erzählen, wenn es wiedergeboren wird, in seiner alten Haut ist‘s nicht zu genießen”.  Neun Jahre später dichtete Goethe dann sein eigenes rätselvolles Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Sein 42 strophiges Fragment Die Geheimnisse, ein Rosenkreuzer-Gedicht begann er sogar schon 1784.

„Goethes größte dichterische Taten sind genährt aus den Quellen des Rosenkreuzertums”[16] urteilte der erste Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes und Kenner seines Werkes, Rudolf Steiner, bereits am 6. 5. 1909. Für ihn war Christian Rosenkreutz der große Diener des Christus Jesus und einer der  herausragenden Führer der Menschheit.

An „die rechte Rosenkreuzerschule” knüpfte dann Steiner zuletzt 1924 durch die Gründung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft an, was unter Einbezug der Michaelschule ausführlich dargestellt worden ist.[17]

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die meisterhafte Zeichnung Dürers von seiner möglichen und sehr wahrscheinlichen Initiation vermag uns gewiss das Aussehen der Gesichter des 22 jährigen, sich selbst im Profil mitportraitierenden Dürers, und seines innigen Freundes Willibald Pirckheimer als von oben außen zuschauender Zeuge darzustellen. Zugleich führt uns das Bild die reale und mutmaßliche historische Gegenwart mit dem Gesicht des ja 106 Jahre alt gewordenen Christian Rosenkreuz vor Augen.

Und dies im Verbund mit vielen entschlüsselten Sinnbildern und Bezügen eines epochalen Bildes von herausragendem geistesgeschichtlichem und künstlerischem Rang.

 

Abb. 9: Ausschnitt der Dürer-Zeichnung von Abb. 4. Der Kopf des weisen gütigen Greises mit dem grünenden Stock stellt sehr wahrscheinlich das Gesicht der realen Persönlichkeit des Christian Rosenkreutz (1378-1484) dar. Das rechte Auge schaut in die Ferne, während das linke Auge auf den jungen Dürer abwärts blickt.


Autorennotiz

Ludolf Stefan von Mackensen, war Honorar-Professor

für Physik- und Wissenschaftsgeschichte an der Universität Kassel

und Museumsdirektor bei den Staatlichen Museen Kassel (heute MHK),

sowie 20 Jahre 1.Vorsitzender der Goethe-Gesellschaft Kassel.

1]     Teilweise vorgetragen am 4.2.2017 auf dem Symposium Rosenkreuzertum zwischen Naturwissenschaft und       Spiritualität in Birnbach/Ww. Eine erste kürzere Fassung erschien in Anthroposophie 2016, H. 278, S. 299-310.

2    Johann Valentin Andreä. Die Chymische Hochzeit des Christian Rosencreutz. Gedeutet und kommentiert               von       Bastiaan Baan. Stuttgart 2001. Niederländisch: Zeist 1997.

Zur Frage, inwiefern Andreä von Rosenkreutz selbst inspiriert war, siehe auch Anm. 14, Peter Selg, S.78.

3   Herma Bashir-Hecht. Der  Mensch als Pilger, Albrecht Dürer und die Esoterik der Akademien

seiner Zeit. Stuttgart 1985. S. 7. Freundlicher Hinweis von Werner Tetzlaff.

[4] Siehe auch Manfred Krüger. Albrecht Dürer,  Mystik – Selbsterkenntnis – Christussuche. Stuttgart 2009.                                 S. 65.

[5] Ebenda S.52

[6] Ebenda S. 47.

[7] Hella Krause – Zimmer, Christian Rosenkreutz. Die Inkarnationen. Dornach 2009. S. 283.

[8] Frances A. Yates: Aufklärung im Zeichen des Rosenkreuzes. Stuttgart 1975. Kap. II ff.  Englisch: The Rosicrucian  Enlightenment. London und Boston 1972.

Dieselbe: Die okkulte Philosophie im elisabethanischen Zeitalter. Amsterdam 1991. Englisch: The Occult  Philosophy in the Elisabethan Age. London 1979.

[9] Gerhard Wehr (Hrsg.): Rosenkreuzerische Manifeste. (Ins Neuhochdeutsche ansprechend  übertragen  und  erläutert;  Wehr verficht jedoch die Doktrin der literarischen Fiktion anstelle der historischen Realität  des C.R.).             Schaffhausen 1980. S. 54.

Im Verlagsprospekt von frommann-holzboog aus dem Jahr 1993 zur Herausgabe von Andreaes Gesammelten Schriften heißt es u.a., dass dieser „mit seiner Parabel der Chymischen Hochzeit…Urheber der Rosenkreuzer- bewegung ist”.

[10]  Ökumenisches Heiligenlexikon, Wikipedia (4. 12.16).

[11]  In der Übertragung von Johannes W. Gädeke. Siehe Anm. 14. S. 142 f.

[12]  Jacobus de Vogragine. Legenda aurea. Köln, 4. Aufl. 1965. S. 270. Auf Seite 737 heißt es u.a.” Da war ihnen allen offenbar, daß die Jungfrau ihm sollte verlobt sein.”

13  Gesamtausgabe  GA 12. Das esoterische Christentum. Vortrag vom 27. 9. 1911 in Neuchâtel.  S. 64  und 21f.

14]  Peter Selg. Rudolf Steiner und Christian Rosenkreuz. Mit einer Übertragung der Fama   Fraternitatis durch Johannes Wilhelm Gädeke. CH-Arlesheim 2015, S.78 und 7f.

15  In der dankenswerten Entzifferung von Eberhard Knobloch, Berlin.

16 GA 57,  S.440.

17 Rolf  Speckner. Die Michaelschule in der Zeit um 1800,  (und bis in die Moderne). In: Die Drei. Jg. 86.       Heft 2016. S.39-54. Hier S. 41 f.

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