Vom Zimzum in der Kabbala

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Der große Kabbalist Isaak Luria (1534-1572) fragte sich: Wie kann, da doch Gott „alles in allem” ist, an dieser konkreten Stelle etwas anderes, was nicht Gott ist, existieren? Wie kann Gott aus dem Nichts erschaffen, wenn es doch gar kein Nichts geben kann, da sein Wesen alles durchdringt?

Er gelangte zu einem Ergebnis, das viele Denker im Abendland beeinflussen sollte. Es von seinem wichtigsten Schüler Chajim Vital in seinem Werk Ez Chajim niedergelegt. Hier einige Sätze daraus:
„Wisse, dass es, bevor die Emanationen emaniert wurden und die geschaffenen Dinge geschaffen wurden, ein einfaches höchstes Licht gab, das alles Vorfindliche erfüllte. Es gab keinen freien Platz, etwa im Sinn von leerer Luft oder Raum. Vielmehr war alles von jenem einfachen Licht des Unendlichen [Ejn Sof] gefüllt. Und es gab nicht so etwas wie Anfang und Ende, sondern alles war ein einziges, einfaches, sich selbst gleiches Licht. Dieses wird das Licht des Unendlichen [Or Ejn Sof] genannt.”
Im Willen des Unendlichen stieg es auf, die Welten zu schaffen, „um ans Licht zu bringen die Vollkommenheit seiner Werke, seiner Namen und Attribute” …. „Und siehe, da zog das Unendliche sich selbst zurück in den Mittelpunkt in sich, wirklich in die Mitte seines Lichtes. Dann zog es jenes Licht zusammen und entfernte sich auf die Seiten rund um den Mittelpunkt herum, so dass nun von diesem Mittelpunkt ein unbesetzter Ort übrigblieb.”
Luria (bzw. Vital) beschreibt dann, dass auf diese Weise „leere und freie Luft inmitten des Lichts des Unendlichen” entstand, also ein „Ort, in dem die Emanationen und die Geschöpfe, die Geformten und die Gemachten existieren konnten”. (s. dazu weiter Christoph Schulte, Zimzum. Gott und Weltursprung, Berlin 2014, S. 58 ff.)

Der erste aller Akte ist nach dieser Sicht also kein Akt der Offenbarung, sondern ein solcher der Verhüllung, der Einschränkung. Die Gottheit bewegt sich in sich selbst hinein. Luria nennt diese erste Bewegung Zimzum. Erst in einem zweiten Akt tritt die Gottheit mit einem Strahl ihrer Wesenheit aus sich heraus und beginnt mit der Schöpfung in jenen Urraum hinein, den sie in sich entstehen ließ. Die Schöpfung wird also gleichsam auf nichts und ins Nichts gestellt. Und doch ist dieses Nichts ein „Raum” innerhalb der Gottheit.

Vor jedem weiteren Akt der Emanation und Manifestation Gottes findet ein neuer Akt der Konzentration und Verhüllung, ein neuer Zimzum statt. Der Weltprozess kennt nach Luria also zwei Grundbewegungen: Jede Stufe des fortwährend stattfindenden Schöpfungsprozesses enthält in sich eine Spannung zwischen dem in Gott selbst zurückflutenden Licht und dem aus ihm hervorbrechenden.
Es gibt eine ständige Wechselwirkung zwischen dem sich ausbreitenden und dem sich zurückziehenden Prinzip, ein zentrifugales Hervortreten und ein zentripetales Zurücktreten. Die beiden reagieren fortwährend aufeinander. Es ist ein Ein- und Ausatmen göttlichen Lebens.
In jedem Ding der Schöpfung wirkt nach Luria ein Rest des göttlichen Lichtes fort, aber auf Grund des Zimzum besitzt das Geschöpf auch etwas Eigenes, gehört also nicht nur zu einem göttlichen „Alles in allem”. Der Zimzum erzeugt den immer wiederkehrenden Moment, in dem das Geschöpf allein gelassen ist. So erlangt es Individualität und empfängt die Freiheit der Entscheidung.

Gershom Scholem weist auf die Nähe zur Gnosis hin: Auch der Gnostiker Basilides kennt einen uranfänglich „gesegneten Raum, der weder vorgestellt noch durch irgendein Wort charakterisiert werden kann”. Er gelangt zu ähnlichen Ergebnissen wie Luria.

Wo ist der Bezug zu unserem Leben? Unzählige Menschen haben die Erfahrung gemacht, in einen „Abgrund” zu fallen, wenn ihnen das genommen wurde, worauf sie ihr Leben gestützt hatten. Luria sagt: Alles Erschaffene ist auf dem Abgrund errichtet, auf dem „Nichts” in Gott. Und die lebendige Wirklichkeit, wo ist sie zu finden? Sie liegt in dem göttlichen Atemvorgang. Er vollzieht sich in jedem Moment. In jedem Moment kann ein Mensch eintauchen in das schöpferische Wirken, in die eine „Wirklichkeit”. Der Antrieb hierzu wird stark, wenn das göttliche Licht im Innern des Menschen erwacht.

Ein folgender Beitrag handelt vom „Bruch der Gefäße”, dem Weltenbruch in der Schöpfung, der sich auf hoher Ebene ereignete und sich bis in jedes Ding unserer Welt fortsetzt.

Quellen: Gershom Scholem, Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen (1. Auflage 1957), Christoph Schulte, Zimzum – Gott und Weltursprung (2014)

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