Kultur

Der Klang der Weltseele II

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Die Stiftung Rosenkreuz veranstaltet am 30. und 31. Mai 2015 im Rahmen einer Sommerakademie in Birnbach/ Ww., Auf der Höhe 6, ein Symposium mit dem Thema „Klang der Weltseele – Spirituelle Wege im 21. Jahrhundert” mit der Sri Aurobindo-Bewegung, dem Sufitum, der Foundation for Higher Learning sowie dem Lectorium Rosicrucianum.
 
Zur Anmeldung geht es hier.
 
Hat je ein Mensch sich zur Weltseele geäußert? Gern wird der Begriff verwendet, als wäre er für jeden selbstverständlich. Die Spur und der Klang der Weltseele reichen weit zurück. Heute versuchen wir in einem kurzen Streifzug das ausgehende Mittelalter, die Renaissance und die beginnende Neuzeit zu beleuchten.
 
Ibn Arabi +1240
 
Ibn Arabi ist einer der größten Philosophen während der „Hochzeit” in Andalusien, in der Judentum, Islam und Christentum Jahrhunderte friedlich in Spanien existierten. Er wurde der größte Meister genannt und gilt als einflussreichster Mystiker des Islam. In Mekka wurde er inspiriert, die sog. „Mekkanischen Eröffnungen” niederzuschreiben. In diesem Werk wird das Verhältnis zwischen Gott, Mensch und Welt deutlich. Hier spricht er von der anfänglichen Urwolke, aus der sich die Schöpfung vollzog und von der Zwischenwelt, der Allseele, der Imagination durch geistige Berührung.
 
Ibn Arabi differenziert die Zwischenwelt in
 
  •  barzah: Das ist der Bereich zwischen 2 Dingen wie Sein und Nichtsein, Geist und Körper, oder Diesseits und Jenseits.
  • al-barzah al-ala: Dies ist etwa gleichbedeutend mit dem Atem des Allbarmherzigen, der Urwolke.
Ibn Arabi spricht auch nicht unmittelbar von der Weltseele, sondern von der Allseele und unterscheidet die Formen in elementare und luminöse Formen, die von Geistwesen verwaltet werden. Der ursprüngliche Geist heißt bei ihm der erste Intellekt. Dieser sowie die Allseele gehören zu den aus dem Licht der Majestät Gottes geschaffenen luminösen Körpern (auch Cherubim genannt).
 
Im Islam wird dieser Schöpfungsprozess in Koranversen als „Schreibrohr und Tafel” umschrieben, wobei das Schreibrohr dem Geistigen entspricht und die Tafel die Allseele ist. Beides sind von Gott geschaffene Mittel zur Hervorbringung des gesamten Universums.
 
Marsilio Ficino 1433 – 1459
 
1200 Jahre nach Plotin greift Ficino die Platonischen Schriften wieder auf und postuliert in „Die Herkunft des Eros”:
„Vor allen Dingen ist Gott da als der Urheber, wir nennen ihn das Gute (Hermes Trismegistos). Gott schafft zuerst den Engelsgeist, darauf die Weltseele und zuletzt den Körper des Weltalls.”
 
Für meine Begriffe wird wieder grundlegend deutlich, dass mit Weltseele nicht die begrenzte Beseelung unseres Erdenkörpers gemeint ist, sondern das All, der Kosmos im Sinne der Allseele.
 
An anderer Stelle formuliert Ficino: „Aufgrund des innewohnenden Liebesdranges wandte sich die Materie dieser Welt der Weltseele zu und bot sich ihr zur Gestaltung dar – man könnte auch sagen zur Formwerdung. Die Materie wurde aus dem sog. Chaos heraus geführt und empfing die Wohlgestalt aller Formen.”
 
In einer Rede, spricht Ficino über 2 verschiedene Liebesgötter (Eroten Mz. von Eros) und dementsprechend auch über zwei Aphroditen. Während die himmlische Aphrodite von Uranos ohne Mutter gezeugt wurde, ist die 2 Aphrodite die Tochter von Zeus und der Titanin Dione. Beide werden von einem Liebesgott (Eros) begleitet. Die Formulierung: „von Zeus” ist gleichbedeutend mit „von der Kraft der Weltseele”. Hier wird also sehr deutlich, dass die Wesenheiten klar zu unterscheiden sind in das Paar, das dem Göttlichen unmittelbar dient, im Prinzip dem Unkennbaren. Und es gibt ein Paar dass die Schöpfungsvorgänge im Geschaffenen weiter in Gang hält. Darum wird dieses Paar mit den Liebesbeziehungen der Menschen unmittelbar in Verbindung gebracht. Eros ist es, der letztendlich die Seelen und damit auch die Weltseele wieder in den Götterhimmel zurückführt, und er teilt die Grade der Seligkeit aus. Er verleiht ewige Wonne. Es ist keine geringe Kraft, die in der Kunst oft als kleiner nackter Engel dargestellt wird. Dies ist ein wohl nicht wirklich angebrachter Verniedlichungseffekt.
 
Johannes Kepler 1571 – 1630
 
Johannes Kepler, der dem Tübinger Kreis nahestand und zu den Rosenkreuzern vor 400 Jahren zu zählen ist, war der Entdecker der Planetenbewegungsgesetze. Er bemühte sich ernsthaft, die Astrologie wieder auf ein sicheres wissenschaftliches Fundament zu stellen. Er untermauerte sie mit philosophischen Erwägungen. Kepler war nicht nur Mathematiker und Astronom sondern auch Philosoph, Mystiker und Harmoniker. Er betrachtete die Erde und die Planeten nicht als rein materielle Weltkörper (wie die heutige Astronomie), sondern als große kosmische Organismen. Die Erde ist ein pulsierendes Lebewesen. Sie besitzt einen Leib, der meteorologischen Einflüssen ausgesetzt ist und eine Seele besitzt, die empfindsam reagiert auf Konstellationen der Planeten, des Mondes und der Sonne. Meteorologie war übrigens im alten Griechenland die Wissenschaft, die überirdische Dinge und Himmelskörper untersuchte.
Erdseele nennt Kepler den Erd-Herrscher, wie vor ihm Paracelsus, der die Weltseele als „Archaeus Terrae” bezeichnete.
Wörtlich formulierte Kepler: Die ganze Schöpfung bildet in der Anordnung der Gedanken, des Geistes und der stofflichen Wesen eine wunderbare Symphonie. Alles wird durch gegenseitige unauflösliche Beziehungen gehalten und verbunden. Alles bildet ein zusammenklingendes Ganzes. In Gott ist dieselbe Harmonie, denn Gott hat uns nach seinem Bilde erschaffen und uns den Gedanken und das Gefühl der Harmonie gegeben. Kepler legte seinen astronomischen  Forschungen die Vorstellung existierender Sphärenharmonien zugrunde. Eine Schrift Keplers heißt „Harmonice mundi”. Alles was besteht, ist belebt und beseelt, weil alles harmonisch miteinander verbunden und verknüpft ist. Deutlich wird hier das pansophistische Denken Keplers.
 
Auf Keplers Grabstein steht:
 
Himmel durchmaß mein Geist
Nun mess ich die Tiefen der Erde
Ward mir vom Himmel der Geist
Ruht hier der irdische Leib.
 
Was ist die richtige Form der Harmonie? Lässt sich das sagen? Über die richtige Form lässt sich sicher streiten. Dennoch gibt es eine harmonische Grundregel, die uns aus Urzeiten überliefert ist und die ganz erstaunlich viele Menschen sagen lässt: Das ist stimmig! Dazu ist es nicht nötig die Grundregel zu kennen. Es ist der sog. „Goldene Schnitt”, der in der Natur, der Architektur, der Mathematik und in der Malerei aber auch in der Musik erkennbar ist. Der goldene Schnitt beinhaltet die richtigen Proportionen. Der griechische Mathematiker Euklid (3. Jh. vor Chr.) fasste den Goldenen Schnitt in Worte: Ich teile eine Strecke so, dass das Verhältnis der ganzen Strecke zum größeren Teilabschnitt dem Verhältnis des größeren Teils zum kleineren Teil entspricht. Dieses Prinzip findet sich u.a. wieder bei gotischen Kathedralen, den ägyptischen Pyramiden, der Konstruktion des Parthenons in Athen, im Pentagramm, der Bundeslade, im Horus-Auge sowie in Schneckenhäusern und Blumen. So sagt Shakepeare angesichts einer aufgeblühten Rose: „Was soll ich dich mit einem Sommertag vergleichen? Du bist lieblicher und maßvoller…”
Diese Formel haben viele Meister der Malerei und Skulptur gekannt und in ihren Werken berücksichtigt oder sie ist ohne ihren Willen realisiert worden: Leonardo da Vinci, Michelangelo, Raffaello Santi, Joseph Beuys und viele andere. Oft scheint es so zu sein, dass das Hinstellen oder Aufhängen eines Objektes auf/ an die „richtige” Stelle entscheidend ist für die ausstrahlende Kraft.
 
Im Reich der Klänge ist hervorzuheben: Johann Sebastian Bach. Er hat viele seiner Kompositionen kommentiert: „Da haben wir mal wieder ein schönes mathematisches Stück verfasst.” Als eines der bekanntesten Musikstücke ist zu nennen: Das Präludium zum „Wohltemperierten Klavier”, die Grundlage für das sog. Ave Maria, das viel später von Charles Gounod in Bachs Präludium hineinkomponiert wurde. Mathematiker haben die Spannung in diesem Stück berechnet und sind dabei über Fibonacci-Struktur auf den goldenen Schnitt gestoßen. Der goldene Schnitt ist ein Symbol für die Zusammenhänge zwischen Geistigem, Seelischem und Stofflichkeit.
 
Thema wird fortgesetzt.
Abb. : Alte Darstellung von Ibn Arabi
 
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