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Weihnachten in uns

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D U N K E L   N A C H T  

Das Korn, das in die Erde kommt, wird dem Boden, der Erde mit ihrer Nacht und ihrer Finsternis, überlassen.

Im Korn ist das männliche und das weibliche Prinzip enthalten. Die Blüte mit der weiblichen Samenanlage wird mit dem männlichen Pollen befruchtet. Aus der Vereinigung der beiden entsteht ein neuer Same. Auch er kann in der Erde aufgehen und zum Wachstum einer Pflanze führen …

Zwei Anteile, ein weiblicher Samenanteil in der Vereinigung mit einem männlichen Samenanteil, bringen ein Drittes hervor. So vollzieht sich der Kreislauf der Natur.

Auch der Mensch gehört zur Natur. Doch bei ihm kann noch eine andere Geburt stattfinden. Auch hierfür gibt es eine Vorbereitung, ein Heranwachsen. Die Bibel spricht davon in Bildern. Wir können sie für uns entschlüsseln. Sie enthalten Botschaften aus einer Weltensphäre, die „oberhalb” unserer Natur liegt und in uns hinein wirken möchte.

Das Lukas-Evangelium berichtet von Elisabeth und Zacharias. Sie haben beide ein „hohes Alter”, sie sind zubereitet und deshalb wird ihnen ein besonderes Kind geschenkt. Es ist der Durchbruch eines neuen Bewusstseins, der nach langen Zeiten der Reifung möglich wird. Der Mensch wächst über die äußere, die materialistische Sicht der Welt hinaus. Er merkt, dass er bislang noch weitgehend im Unbewussten lebte. Ein inneres Sensorium erwacht und zeigt ihm, dass ein göttlich-geistiger Same in ihm ruht, der aufgehen will. Diesem Bewusstsein kann man den Namen „Johannes” geben. Es ist der „Wegbereiter”.

Was kann ein solcher Mensch tun? Er kann etwas ermöglichen, was in der Evolution als ein Bewusstseinssprung ansteht und was heute bei mehr und mehr Menschen stattfindet. Er kann dem göttlich-geistigen Samen, der sich in der Tiefe des Herzens – in einer anderen Dimension – befindet, zur Geburt in dieser Welt verhelfen. Er erkennt sich als die „Erde”, die sich zubereitet, damit der göttliche Same Raum und Nährstoffe erhält und die „Sonne” des Geistes ihn befruchten kann.

Sein Herz wird zu „Maria”, dem Geburtenschoß des Göttlichen. Die Prophezeiung in Lukas 1, 35 gilt ab einem bestimmten Moment für ihn:

„Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.” Und auch die Worte in Lukas 1, 31: „Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen.”

Das ist die Geburt aus dem göttlichen Urgrund im Menschen. Sie besteht nicht in einer Vergrößerung des bisherigen Bewusstseins, nicht in einer Selbsterhöhung, sondern es ist die Geburt einer Seele, die im Ewigen verankert ist und die als eine zweite Seele, als ein göttlicher „Zwilling” neben das bisherige Bewusstsein tritt. So wird ein Mensch wahrhaft zweifach, er bekommt mehr und mehr an zwei Welten Anteil. Er führt sein Leben in unserer Welt und wirkt gleichzeitig in der Welt der unsterblichen Seelen. Die Wirkungen, die sein Leben dort hat, wirken segensreich zurück in unsere Welt hinein. Sie tragen dazu bei, uralte Ursachen für Leid und Kummer aufzulösen.

Jesus wird in einer „Krippe” geboren. In der „Herberge” ist kein Platz für ihn. Der „Ewige” in uns findet keine Heimat in der Welt des Vergänglichen. Er wird von „Herodes” verfolgt und später ans Kreuz dieser Natur „genagelt”. Er vereint sich im Verlauf eines menschlichen Lebens, das auf ihn ausgerichtet ist, vollständig mit dem Naturwesen. In diesem entfaltet sich dadurch eine für die alten Augen nicht sichtbare seelische Gestalt. In ihr drückt sich das Göttliche vollständig aus. Durch die Verschmelzung der göttlichen Seele mit unserer alten Natur wird die Auferstehung möglich. Die göttliche Seele tritt mit der neu errungenen Gestalt in die Welt der unsterblichen Seelen ein.

Das ist ein Weg durch viele Nächte. Aber der innere Stern wirkt als ein Licht der Intuition, das uns leitet, so dass wir zur „Geburtsgrotte”, zum „Stall” gelangen können, zu dem Heiligen, das aus unserer Tiefe hervorbrechen will als eine zweite Seele.

Die beiden werden sich vereinen. Johannes trifft auf Jesus. Dieser taucht ein in das Naturwesen, das sich für ihn zubereitet hat. Er lässt sich taufen „im Jordan”. Und der Geist senkt sich auf Jesus herab. Jesus wird zum Christus: der universelle schöpferische Geist Gottes vereint sich mit der unsterblichen Seele und geht mit ihr einen Weg.

Immer sind es zwei, die zusammenwirken, damit das Dritte entstehen kann. Da ist der Mensch, der wir von Natur aus sind; da ist der Mensch, in dem das Bewusstsein des Johannes erwacht; dann derjenige, in dem die unsterbliche Seele („Jesus”) geboren wird, und schließlich derjenige, bei dem – auf einer anderen Ebene des Seins – sich die Seelengestalt bildet, die den göttlichen Geist abbildet und austrägt („Jesus Christus”).

„Folget mir nach” – das ist ein Impuls, der sich an das menschliche Potenzial, an den göttlich-geistigen Samen, richtet, der hinter unserer Existenz steht. In einer „geweihten Nacht” kann er aufbrechen, wenn der Blick, wenn das ganze Bewusstsein in Erwartung verharrt, als ein Geburtenschoß.

Gemälde: "Taufe am Jordan" Uffizien Florenz
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