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Der springende Brunnen.

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In dem autobiographischen Buch Der springende Brunnen schreibt Martin Walser in der Einführung:

„Wir überleben nicht als die, die wir gestern gewesen sind, sondern als die, die wir geworden sind, nachdem wir waren. Nachdem es vorbei ist. Es ist ja noch, wenn auch vorbei. Ist jetzt im Vorbeisein mehr Vergangenheit oder mehr Gegenwart?”

An einem einfachen Beispiel verdeutlicht er dies:

Während seiner Kindheit waren Fotographien rar und wurden nur zu besonderen Anlässen gemacht, wie zum Beispiel zu einer Hochzeit, einer Taufe oder für ein sonstiges besonderes gesellschaftliches Ereignis.

Er besaß ein Foto, auf dem er mit seinem Freund zu sehen war. Es faszinierte ihn, sich selbst darauf betrachten zu können. Und eines Tages geschah es, dass ein Wanderfotograph in sein Dorf kam und ihn bat, sich mit seinem Fahrrad vor einem Mammutbaum fotografieren zu lassen. Diese Gelegenheit nahm der Heranwachsende gern wahr. Und er stellte fest, dass er nach diesem Ereignis nicht mehr der war, der er vorher gewesen war.

Haben wir es in unserem Leben nicht auch erfahren, dass wir uns nach einem bestimmten Ereignis oder einer besonderen Begegnung nicht mehr als die Person empfanden, die wir vorher waren? Etwas war geschehen, das tief nachklang und unser Lebensgefühl veränderte.

Es gibt Spuren, die über die Gegenwart in die Vergangenheit führen und wieder zurück. Ein gewisses Ereignis aus der Vergangenheit begleitet uns, wirkt mit bei der Gestaltung unserer Gegenwart. Vielleicht ist es ein Wohnungswechsel, ein Arbeitswechsel, besondere Begegnungen mit Menschen. Tief prägen können uns Begegnungen in der Kindheit oder der Jugend.

Mag auch der äußere Lebensweg in bekannten, routinierten Bahnen verlaufen, das innere Leben wird von allem gestaltet, was wir einmal erlebt haben.

Und daraus kann eine neue Lebensqualität entstehen, die wie ein Nachhall wirkt, uns berührt, innerlich aufhorchen lässt und uns eines Tages in einer neuen Richtung suchen lässt.

„Ist jetzt im Vorbeisein mehr Vergangenheit oder mehr Gegenwart?”

Manchmal hat geistiges Licht mitgewirkt, das uns nach einer Reihe von Erfahrungen zu einer neuen Besinnung drängt, einer innerlichen Veränderung, einer Begegnung mit einer neuen geistigen Realität.

Die Frage tritt auf: Was lebst du? Wo liegt dein Schwerpunkt? Welcher Lebensmaxime, welcher Realität folgst du?

Was wollen wir erleben, nacherleben, ergründen? Was drängt uns dazu, uns innerlich neu zu gründen?

Jeder hat die Chance, ein anderer Mensch zu werden, aus seinem Innersten heraus. Er kann sich trennen von dem, was seine Früchte in ihm hinterlassen hat. Er kann frei werden für Neues, kann Raum entstehen lassen für eine neue geistige Einstrahlung.

Sie gründet sich auf das „Nicht mehr sein” dem alten Zustand nach.

Stets wartet eine neue Lebenswoge, ein springender Brunnen, der seine Quelle außerhalb von Zeit und Raum hat und Liebe entstehen lassen will, wie wir sie bislang nicht kannten.

Foto Hermann Achenbach
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